Alle Charaktere und sämtliche Rechte an ‚Arrow' gehören CW Network, Berlanti Productions, DC Entertainment und Warner Bros. Television. Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern wurde nur zum Vergnügen geschrieben. Eine Verletzung des Copyrights ist nicht beabsichtigt. Alle weiteren Personen gehören der Autorin.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen. Über Rückmeldungen von Euch freue ich mich.

Kapitel 12

„Guten Morgen, Miss Schmidt."

„Mr. Anderson."

Julia lächelte dem Kopfgeldjäger freundlich zu.

„Miller hat mich angerufen, er hat einen neuen Kautionsflüchtling."

„Ja, Chuck Scarlotti. Mr. Miller musste zum Gericht, er hat mir die Unterlagen übergeben. Hier, bitte, die Akte."

„Danke, Miss Schmidt."

Anderson nahm die Papiere und setzte sich, um sie durchzusehen. Julia arbeitete währenddessen weiter an ihrem Computer.

„Können Sie mit einer Waffe umgehen, Miss Schmidt?"

„Wie bitte?"

„Hin und wieder unterstützt mich Miller, wenn es um einen Flüchtling geht, bei dem man besser zu zweit ist. Dies ist einer von diesen Fällen. Da Miller nicht hier ist, müssen Sie einspringen. Also, können Sie mit einer Waffe umgehen?"

„Wieso glauben Sie, dass ich Sie begleiten werde, Mr. Anderson? Ich wurde von Mr. Miller als Bürokraft angestellt, nicht aus Kautionsagentin. Sie sollten warten, bis er zurück ist."

„So lange kann ich nicht warten. Als Miller mir sagte, wen ich suchen soll, habe ich mich sofort umgehört. Zufälligerweise ist Scarlotti einem meiner Informanten über den Weg gelaufen. Deswegen weiß ich, wo er gerade ist. Allerdings weiß ich nicht, wie lange er noch dort ist. Miss Schmidt, auf Grund der…ähm…Nummer, die Sie neulich mit mir abgezogen haben, gehe ich davon aus, dass Sie nicht nur ‚Bürokraft' sind."

Julia sah den Mann scharf an. Aber nichts deutete darauf hin, dass er sie auf den Arm nehmen wollte. Kurzentschlossen schaltete sie ihren Computer aus und ging in Millers Büro. Als sie wieder heraus kam, trug sie eine Weste und einen voll ausgestatteten Waffengürtel.

„Wohin fahren wir?"

Als hätte sie nie etwas anderes gemacht, ging Julia mit Anderson auf Verbrecherjagd. Am Anfang beobachtete Anderson sie sehr genau, aber schnell wurde ihm klar, dass Julia wusste, was sie tat.

„Ich gehe rein und verstelle ihm den Ausgang. Scarlotti wird versuchen, über den Hinterausgang zu entkommen. Dort werden Sie ihn stellen."

„Ich habe die Akte gelesen, Mr. Anderson. Er wird nicht kampflos flüchten, sondern versuchen, Sie auszuschalten. Daher werde ich nicht draußen warten. Sie werden da drinnen meine Unterstützung brauchen."

Anderson zögerte. Mit Miller hätte er genau das getan, aber Julias Fähigkeiten waren ihm unbekannt. Allerdings hatte sie bisher nichts als Professionalität gezeigt. Und da sie sogar ihn überrascht hatte, standen die Chancen gut, dass Julia dies auch bei Scarlotti schaffen würde. Also nickte er.

„In Ordnung. Sie kommen von hinten rein und sorgen für das Überraschungsmoment."

„Dann los."

Oliver starrte auf die Unterlagen, ohne wirklich etwas zu sehen. Er konnte nicht aufhören, an das Gespräch mit Julia zu denken. Er wollte sie auf keinen Fall aus seinem Leben verlieren. So viele Freunde hatte er nicht, dass er auf einen verzichten konnte und wollte. Besonders, da dieser Freund sein Geheimnis kannte. Und genau das hatte dazu geführt, dass Julia ihm helfen wollte. Sie in Gefahr zu bringen, war das Letzte, was er wollte. Die Zeit auf Lian Yu war gefährlich genug gewesen. Eigentlich sollte Julia zur Ruhe kommen. Stattdessen begab sie sich wieder in Gefahr und suchte das Abenteuer. Oliver sah noch keinen Weg aus seinem Dilemma. Er seufzte und wandte sich wieder seinen Lieferantenunterlagen zu. Der Club musste schließlich weiterlaufen.

Zügig betrat Julia die Bar durch den Hintereingang. Sie konnte laute Stimmen hören und erkannte darunter die von Anderson. Während Julia sich Richtung Gastraum bewegte, stellte sie sicher, dass sich sowohl in den Toiletten als auch im Lagerraum niemand befand, der ihnen in den Rücken fallen konnte. Dann betrat Julia den Gastraum. Sofort erfasste sie die Lage. Anderson hatte seine Waffe auf Scarlotti gerichtet, der sich jedoch nicht im Mindesten eingeschüchtert fühlte. Kein Wunder, denn einige der anderen Gäste hatten sich um Anderson gruppiert. Sie waren mit Baseballschlägern, Messern und Queues bewaffnet. Lediglich der Wirt hielt eine Schusswaffe in der Hand, ein Pumpgun.

„Mach keinen Ärger, Scarlotti. Du wusstest genau, was passiert, wenn du abhaust. Lass dich von mir festnehmen und niemand wird verletzt."

Das brachte die Anwesenden zum Lachen. Julia nutzte die Gelegenheit und schlich sich hinter den Wirt. Sie klopfte ihm auf die Schulter und lächelte den verblüfften Mann bezirzend an, bevor sie ihm einen Schlag verpasste, der ihn zu Boden schickte. Julia griff nach der Pumpgun und entdeckte auch noch zusätzliche Munition in einer Schachtel.

„Mr. Scarlotti, Sie haben Mr. Anderson gehört. Es liegt ein gültiger Haftbefehl gegen Sie vor und Ihr Kautionsbürge Mr. Miller hat Mr. Anderson mit Ihrer Rückführung beauftragt. Wenn Sie sich widerstandslos festnehmen lassen, wird niemand verletzt werden. Einschließlich Ihrer Person."

Ihr kühles, gelassenes Auftreten verblüffte sogar Anderson, der sich aber nichts anmerken ließ. Erwartungsgemäß tat Scarlotti nicht, wozu er aufgefordert worden war. Stattdessen gab er den Leuten um ihn herum ein Zeichen. Sofort stürzten sich mehrere auf Anderson. Julia feuerte einen Schuss knapp über deren Köpfe hinweg, ein zweiter endete direkt vor Scarlotti im Fußboden. Der hatte versucht, in dem entstandenen Durcheinander zu entkommen.

„Scarlotti, runter auf die Knie. Füße überkreuzen und Hände hinter den Kopf." Anderson nutze die Situation sofort. Durch einen Stellungswechsel war jetzt niemand mehr hinter ihm und dafür Scarlotti direkt in seiner Schusslinie. Doch der Mann war nicht zu bremsen.

„Ihr blöden Arschlöcher kriegt mich nicht! Ich geh nicht mehr ins Gefängnis!"

Scarlotti war fast zwei Meter groß, gebaut wie ein Kleiderschrank und hatte affenartig lange Arme. Mit diesen Armen griff er einen der Gäste und schleuderte ihn auf Anderson zu. Dann drehte er sich um, und versuchte erneut, wegzulaufen. Leider hatte er nicht mit Andersons Reflexen und Julias Schnelligkeit gerechnet. Der Kopfgeldjäger wich dem ‚Wurfgeschoss' aus und stürzte sich auf Scarlotti. Julia sprang auf die Bar und dann mit einem weiten Satz auf Scarlotti. Ihr Aufprall warf den Mann einfach um, während Julia sich abrollte, aufsprang und sofort ein paar der Gäste, die Scarlotti zur Hilfe eilen wollten, mit der Pumpgun in Schach hielt.

„Zurück! Die nächsten Schüsse gehen weder in die Decke noch in den Boden!"

Julia sicherte Anderson, der dem Flüchtling Handschellen anlegte. Trotz seines Gewichtes schaffte er es irgendwie, Scarlotti auf die Füße zu zerren und ihn zum Hinterausgang zu drängen. Die Menge weiter in Schach haltend, folgte Julia ihm.

Im Freien angekommen, wehrte Scarlotti sich vehement. Er ging keinen Schritt vorwärts, stemmte stattdessen seine Füße in den Boden.

„Es reicht! Dafür habe ich keine Zeit, im Büro wartet noch genug Arbeit auf mich!"

Julia drückte Anderson die Pumpgun in die Hand, umschlang Scarlotti von hinten und schickte ihn mit einem Würgegriff schlafen.

„Und jetzt? Der Kerl wiegt, was, 150 Kilo?"

„Stellen Sie sich nicht so an, Mr. Anderson. Zu zweit bekommen wir ihn auf die Ladefläche Ihres Trucks. Dort binden wir ihn fest, damit er nicht abhauen oder runterfallen kann. Anschließend bringen wir Scarlotti zum nächsten Polizeirevier. Wenn es Sie beruhigt, fahre ich auch gerne auf der Ladefläche mit."

Anderson schüttelte den Kopf, packte aber schließlich Scarlotti unter den Schultern, während Julia seine Beine ergriff. Gemeinsam wuchteten sie den Mann auf die Ladefläche des GMC Sierras und verstauten ihn dort sicher.

Julia betrat ihr Motelzimmer. Der Papierkram bei der Polizei hatte eine Ewigkeit gedauert. Als sie endlich zurück im Büro ankam, war Allen Miller immer noch nicht vom Gericht zurück. Stattdessen blinkte der Anrufbeantworter wie irre. Dank ihres ‚Ausflug' mit Anderson war Julia erst sehr spät mit ihrer Arbeit fertig geworden. Da sie vor lauter Arbeit nicht zum Essen gekommen war, trug sie jetzt eine Pizza bei sich.

Julia machte den Fernseher an, legte sich mit ihrer Pizza und einer Flasche Wasser aufs Bett. Erst jetzt verschwand das Adrenalin aus ihrem Kreislauf und hinterließ bleierne Müdigkeit. Julia war erst zur Hälfte mit ihrer Pizza fertig, als sie einschlief.

„Guten Morgen, Miss Schmidt. Wie ich hörte, hatten Sie gestern einen aufregenden Tag."

„Nicht aufregender als sonst. Körperlich ein wenig anstrengender vielleicht. Normalerweise muss ich nur Akten tragen, keine Kolosse."

Allen Miller schmunzelte. Jeffrey Anderson hatte ihn am Abend noch über die Festnahme und Julias Unterstützung dabei in Kenntnis gesetzt. Er hatte aus seine Verblüffung über Julias Fähigkeiten keinen Hehl gemacht. Mehr noch aber hatte ihn Anderson überrascht. Er kannte den Mann schon einige Jahre, aber noch nie hatte Anderson jemanden so überschwänglich gelobt wie Julia. Das war schon bemerkenswert genug, aber die Tatsache, dass dieses Lob einer Frau galt, war geradezu außergewöhnlich. Üblicherweise behandelte Anderson Frauen eher respektlos und sah in ihnen lediglich eine Quelle für sein Vergnügen.

„Nachdem, was mir Anderson erzählt hat, haben Sie mehr getan, als nur beim Tragen zu helfen. Ich habe den Eindruck bekommen, dass Sie im Büro fehlbesetzt sind."

„Ich bin genau dort, wo ich sein will, Mr. Miller. Ich hege auch nicht die Absicht, öfter oder gar regelmäßig im…ähm...‚Außendienst' tätig zu werden."

Jetzt lachte Miller lauthals.

„Miss Schmidt, wenn sich herumspricht, wie Sie Scarlotti erst zu Boden geworfen und dann ins Land der Träume geschickt haben, werden Sie sich vor Angeboten nicht mehr retten können. Jeder Kautionsbürge in der Stadt wird Sie auf seiner Lohnliste haben wollen."

„Der Mann war doch keine Bedrohung. Er setzt seine Größe und sein Gewicht ein, aber das kann man auch gegen ihn verwenden. Alles eine Frage der Technik."

Miller wurde plötzlich ernst.

„Nein, das sehen Sie falsch, Miss Schmidt. Sie kennen doch Scarlottis Akte. Anderson und Sie hatten Glück, dass er nicht bewaffnet war. Der Mann kennt keine Skrupel."

„Trotzdem haben Sie für ihn gebürgt, Mr. Miller. Und nicht zum ersten Mal."

Julia sah ihren Chef abwartend ab, aber der wurde ganz verschlossen. Die ausdruckslose Miene kannte sie von Oliver nur zu gut. Da war irgendetwas, worüber Allen Miller nicht sprechen wollte.

„Nun, wie auch immer. Auf Ihrem Tisch liegt eine volle Aktenmappe, die auf Ihre Unterschriften wartet. Außerdem eine Liste mit Leuten, die um Ihren Rückruf gebeten haben."

Oliver hatte sich bei Julia nicht mehr gemeldet, er hatte anscheinend seine Entscheidung getroffen. Ein Gefühl von Taubheit hatte sich in ihr breit gemacht. Julia ging zur Arbeit und ließ sich dort nichts anmerken. Aber abends alleine in ihrem Motelzimmer lag sie zusammengerollt auf ihrem Bett. Sie spürte die Tränen hinter ihren Augen, drängte sie aber erfolgreich zurück. Julia wollte nicht mehr weinen, es hatte schon zu viele Tränen in ihrem Leben gegeben.

Oliver zuckte zusammen, als er von Diggle getroffen wurde.

„Was ist heute los mit dir? Du bist unkonzentriert. Wo sind deine Gedanken?"

Diggle beendete den Trainingskampf. So hatte das ganze keinen Sinn. Die Antwort auf seine Frage kam von Felicity.

„Die Antwort heißt ‚Julia'. Oliver, du musst mit ihr sprechen."

„Und was soll ich ihr sagen? Julia hat sich sehr deutlich geäußert, was sie von mir erwartet." Oliver schüttelte den Kopf. „Aber keine der beiden Alternativen ist eine Möglichkeit für mich."

„Dann versuch, eine dritte zu finden. Oder bring Julia davon ab, auf eine Entscheidung von dir zu beharren."

Felicity war sehr eindringlich, aber in ihrer Stimme schwang noch etwas anderes mit. Oliver jedoch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um dies zu bemerken. Diggle dagegen hörte es. Nachdenklich sah er die IT-Spezialistin an. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, ging der Alarm los. Sofort wandte sich Felicity wieder ihrem Computer zu.

„Ein Einbruch bei Unidac Industries. Die Polizei ist schon vor Ort."

Unruhig saß Julia im Büro. Irgendetwas lag in der Luft, aber sie konnte ihren Finger nicht darauf legen. Um nicht über Oliver sprechen zu müssen, hatte Julia es vermieden, Felicity oder John anzurufen. Etwas, das sie nicht ewig vor sich herschieben konnte. Es sei denn, sie wollte mehr als einen Freund verlieren. Außerdem fehlte Julia das Training. Sie versuchte, den Bewegungsdrang durch Laufen zu kompensieren, aber das war nicht genug. Und dieses ungute Gefühl wurde von Tag zu Tag stärker. Von ihrer inneren Unruhe getrieben, stand Julia auf und starrte aus dem Fenster. Auf der Straße sah alles aus wie immer. Sie schüttelte den Kopf und machte sich wieder an ihre Arbeit, doch die Unruhe wich nicht.

Wie immer in den letzten Tagen, lief Julia. Sie fuhr nach der Arbeit nach Hause, zog sich um und rannte los in die Glades. Oliver hätte sicher ärgerlich reagiert, es war schließlich der gefährlichste Stadtteil in Starling City. Aber das war Julia im Moment egal. Oder vielleicht auch nicht und sie hatte sich deswegen für diese Routen entschieden.

Julia sperrte ihre Umwelt weitestgehend aus, indem sie sie während des Laufens ihrem MP3-Player lauschte. Rhythmisch schlugen ihre Füße auf den Asphalt. Für den Augenblick des Laufens vergaß Julia ihre Sorgen und entspannte sich. Daher traf der schwankende Boden sie vollkommen unvorbereitet und Julia stürzte. Verwirrt sah sie sich um. Mit Entsetzen beobachtete Julia, wie die Gebäude um sie herum eines nach dem anderen wie Kartenhäuser einstürzten und im Boden versanken. Gasleitungen explodierten, aus geborstenen Rohren schoss Wasser in die Höhe. Menschen rannten schreiend durcheinander. Autos fuhren ineinander. Um Julia herum war das totale Chaos ausgebrochen.

Nach einem Moment des Schocks, riss Julia sich zusammen. Sie sprang auf und begann, zu helfen. Julia zog Menschen aus ihren Fahrzeugen, befreite sie von Trümmern, sprach ihnen Mut zu.

Plötzlich stürzte eine kreolisch aussehende Frau auf Julia zu und griff nach ihrem Arm.

„Aidez-moi! Se il vous plaît, Madame, aidez-moi!" (französisch = „Helfen Sie mir! Bitte, Madame, helfen Sie mir!")

„Qu'est-ce qui s'est passé?" (französisch = „Was ist passiert?")

„Les enfants! Les enfants sont là-dedans! Je ne peux pas atteindre les enfants!" (französisch = „Die Kinder! Die Kinder sind da unten! Ich kann die Kinder nicht erreichen!")

„Où sont les enfants exactement?" (französisch = „Wo genau sind die Kinder?")

„Les enfants dormaient, au fond. La chambre donne sur l'arrière-cour." (französisch = Die Kinder haben geschlafen, ganz unten. Das Zimmer geht zum Hinterhof hinaus.")

Julia sah auf den Trümmerhaufen vor sich und versuchte, sich ihr Entsetzen nicht anmerken zu lassen.

„Combien d'enfants sont là et quel âge ont-ils?" (französisch = „Wienviele Kinder sind dort und wie alt sind sie?")

„Sept, entre neuf mois et cinq ans." (französisch = „Sieben, zwischen neun Monaten und zehn Jahren.")

„Brauchst Du Hilfe?"

Julia hatte auf die Trümmer gestarrt und gerätselt, wie sie die Kinder erreichen sollte. Jetzt wirbelte sie herum und sah in das ernste Gesicht von Jeffrey Anderson.

„Die Frau sagt, dass irgendwo dort unten sieben Kinder sind."

„Ja, das habe ich verstanden." Anderson wandte sich an die Frau. „Êtes-vous la nounou?" (französisch = „Sind sie das Kindermädchen?")

„Oui, oui! Les parents doivent travailler et je me soucie pendant que leurs enfants. S'il vous plaît, aider les enfants, s'il vous plaît!" (französisch = „Ja, ja! Die Eltern müssen arbeiten und ich kümmere mich in der Zwischenzeit um ihre Kinder. Bitte, helfen Sie den Kindern, bitte!")

„Ich habe eine Kletterausrüstung im Wagen. Damit könnten wir hinunter. Allerdings, ich weiß nicht…"

Anderson mochte den Satz nicht aussprechen.

„Ja, schon klar. Ich will es trotzdem versuchen. Ich gehe runter und du sicherst mich. Die Kinder können nicht alleine rausklettern, dafür sind sie zu klein. Du kannst mich hochziehen, während ich sie trage."

Julia hatte das persönliche ‚du' übernommen. In einer Situation wie dieser waren Höflichkeiten und Konventionen fehl am Platz. Anderson war schon an seinem Wagen und holte die benötigte Ausrüstung.

„Hier."

Julia legte das Gurtzeug an, während Anderson das Seil von seiner Seilwinde abrollte.

„Fertig?"

„Ja."

Julia wollte schon losklettern, drehte sich dann aber noch einmal um.

„Wenn etwas schief geht oder die Erde noch einmal bebt, Jeff, dann kümmere dich um die Kinder. Ich passe auf mich selbst auf. Verstanden?"

Anderson zögerte kurz, bevor er nickte.

„Verstanden."

Julia kletterte langsam in die Trümmer. Sie musste sehr vorsichtig sein, überall waren scharfkantige Steine und spitze Stahlteile. Außerdem war alles wackelig und instabil.

„Enfants! Où êtes-vous?" (französisch = Kinder! Wo seid ihr?")

Immer wieder rief Julia nach den Kindern. Schließlich hörte sie Schluchzen und Weinen. Die Lücke in den Trümmern, aus der die Geräusche kamen, war sehr eng. Julia war sich nicht sicher, ob zu eng. Sie sah nach oben und konnte Anderson am Rande des Einsturzes sehen. Zu rufen war sinnlos, der Lärm war zu laut. Also griff sie nach ihrem Handy. Sie hatte alle Nummern der Kautionsagenten gespeichert.

„Anderson."

„Ich glaube, ich habe die Kinder gefunden. Das Ganze ist ziemlich instabil und vor allen Dingen sehr eng. Ich gehe trotzdem rein."

„Verstanden. Ich lasse dir mit dem Seil nur minimalen Spielraum, damit du nirgendwo hängen bleibst. Sei vorsichtig."

„Verstanden."

Sehr, sehr vorsichtig stieg Julia in das schmale Loch. Sie kam dem Weinen näher, obwohl die Trümmer wie ein Labyrinth waren.

„Enfants! Où êtes-vous?" (französisch = Kinder! Wo seid ihr?")

„Rosa? Rosa, nous sommes ici!" (französisch = „Rosa? Rosa, wir sind hier!")

Julia folgte den Stimmen und entdeckte schließlich die Kinder in einem Hohlraum.

„Rosa me envoie. Je vais vous aider." (französisch = „Rosa schickt mich. Ich werde euch helfen.")

Julia versuchte, die Kinder zu beruhigen. Langsam erklärte sie den drei ältesten Kindern, was sie tun mussten. Trotz ihrer Angst hatten sich diese drei um die vier deutlich jüngeren Kinder gekümmert. Daher war Julia optimistisch, dass sie es alle bis zu Straße schaffen würden. Zum Glück konnten bis auf das jüngste Kind alle laufen. Daher ließ sie immer ein älteres mit einem jüngeren zusammen gehen. Das Kleinkind nahm sie auf den Arm und folgte ihnen. Als sie in den engen Teil kam, musste Julia das Kleinkind vor sich herschieben. Trotzdem weinte das kleine Mädchen nicht, sondern sah Julia nur mit großen, runden, braunen Augen an. Jetzt kam der schwierigste Teil. Der älteste Junge sollte an dem Einstieg warten und ihr die Kleine abnehmen. Als Julia nach oben sah, stieß sie einen erleichterten Seufzer aus. Der Junge nahm ihr das Mädchen ab und ging zur Seite. Vorsichtig schob sich Julia nach draußen.

„Bien joué. Là-haut, il est Rosa. Là je vous ramener maintenant." (französisch = „Gut gemacht. Dort oben dort ist Rosa. Dort bringe ich euch jetzt hin.")

Es ging alles nur sehr langsam voran, da Julia die Kinder immer wieder einzeln hoch oder über

Trümmer hinwegheben musste. Aber sie näherten sich langsam dem Rand. Auf dem letzten Stück kam ihnen Anderson entgegen. Er reichte dem Kindermädchen ein Kind nach dem anderen an, dann half er der verdreckten und erschöpften Julia nach oben.

„Merci, merci!" (französisch = „Danke, danke!")

Unter Tränen nahm die Frau die Kinder in die Arme und drückte sie immer wieder abwechselnd. Bei diesem Anblick lächelten Julia und Anderson.

„Alles klar mit dir?"

„Ja, danke. Du bist gerade rechtzeitig vorbeigekommen."

„Was hast du jetzt vor?"

Julia sah sich um. Nach und nach waren Einsatzkräfte eingetroffen. Die Feuerwehr versucht, ein Übergreifen der Brände auf die unbeschädigten Gebäude zu verhindern und Menschen aus den Trümmern zu retten. Die Polizei versuchte, die Feuerwehr zu unterstützen und gleichzeitig gegen Plünderer vorzugehen. Einige Bürger zeigten Zivilcourage. Sie beschützen und kümmerten sich um die ihren. Es würde noch Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis in den Glades wieder Ordnung herrschte. Julia hatte getan, was in ihren Möglichkeiten lag. Jetzt waren andere dran.

„Kann ich dich irgendwo hinbringen?"

„Zu meinem Motel. Ich brauche eine Dusche und dann muss ich nach ein paar Freunden sehen."

„Na, dann los."

„Halt an! Sofort anhalten!"

Anderson zuckte zusammen und trat auf die Bremse. Der Wagen stand noch nicht, als Julia schon die Tür aufriss und raussprang. Sie hatte das CNRI erkannt und wusste, dass Laurel dort arbeitete. Das Gebäude lag in Trümmern.

„Laurel? Laurel Lance? Hat jemand Laurel gesehen?"

Hastig lief Julia durch die Menschenmenge. Zu ihrer Erleichterung entdeckte sie die Anwältin. Ihr Vater war bei ihr und hielt sie fest. Auch ihre Kollegin und Freundin Joanna war bei ihnen.

„Laurel, geht es Ihnen gut?"

„Tommy...Tommy ist tot!"

Entsetzt sah Julia sie an. Olivers bester Freund sollte tot sein? Hilflos sah sie Detective Lance und Joanna an.

„Er hat Laurel gerettet und ist nicht mehr rausgekommen."

„Nein…"

Erschüttert ging Julia zu Andersons Wagen zurück.

„Was ist passiert, Julia?"

„Jemand ist gestorben…"

„Das tut mir leid. Gibt es etwas, dass ich tun kann?"

„Nur mich zum Motel fahren…"

„Danke, Jeff."

„Bist du sicher, dass ich nichts tun kann?"

„Nein, aber danke, dass du fragst. Was machst du jetzt?"

„Ich fahre nach Hause, dusche, schlafe mich aus. Und dann geht das Leben irgendwie weiter."

„Ja, das tut es wohl…Pass auf dich auf, okay?"

„Du auch."