Kakteen und Besen
Am nächsten Morgen wurde Harry von den für den ersten Schultag üblichen Morgenritualen in ihrem Schlafsaal geweckt: Deans alter Muggelwecker plärrte laut los, weil er wieder mal vergessen hatte, ihn auszustellen. Wegen des Weckers fiel Neville aus seinem Bett und kollidierte mit einem dumpfen Geräusch mit Seamus' Koffer, dessen Besitzer Dean wutentbrannt über die frühe Störung ein Kissen hinüberwarf, während Rons Schnarchen abrupt abbrach und er sich aufsetzte.
''Tschuldigung, Leute'', sagte Dean verlegen, stellte den Wecker aus und verstaute ihn tief in seinem Koffer.
''Kein Ding'', brummte Neville und rappelte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf, bevor er ins Bad schlurfte. Harry setzte sich gähnend auf und blickte aus dem Fenster.
''Herrlich'', murmelte er Ron zu, denn es regnete wie aus Gießkannen.
''Hmm'', brummte Ron. ''Wetten, dass wir heute noch dadurch zu Kräuterkunde laufen müssen?''
Als sie etwas später immer noch gähnend, aber frisch geduscht herunter in den Gemeinschaftsraum kamen, warteten Hermine und Ginny schon ungeduldig auf sie.
''Ehrlich, Jungs'', sagte Hermine resigniert. ''Wie kann es sein, dass ihr immer die Letzten seid, die hier eintrudeln?''
- ''Ihr seid ja auch nur drei in eurem Schlafsaal'', grummelte Ron.
''Parvati und Lavender brauchen doch etwas länger für ihre Morgentoilette als Neville, Seamus und Dean, denke ich'', sagte sie.
''Kommt jetzt'', gähnte Harry müde. ''Wir haben Hunger.''
- ''Den haben wir auch'', maulte Ginny, während sie ihm hinüber zum Porträtloch folgte. ''Trotzdem haben wir auf euch gewartet...''
- ''Wir wissen euer Opfer zu schätzen'', sagte Ron gelangweilt.
Beim Frühstück am Gryffindor-Tisch lief alles wie immer ab: Ron stürzte sich mit Feuereifer ins Gefecht und auch Harry fokussierte sich voll darauf, den Schultag mit vollem Magen angehen zu können, aber Hermine warf der Morgenausgabe des Tagespropheten nur einen kurzen Blick zu und legte ihn dann wieder weg. Ron hielt inne, den Mund voll mit Rührei, und starrte sie ungläubig an.
''Uaschnloohs?''
- ''Wie bitte?'', fragte sie in einer Mischung aus Höflichkeit und Resignation, während Ginny ihm einen angewiderten Blick zuwarf. Ron würgte das Rührei herunter.
''Ähm, alles in Ordnung?''
- ''Hermine will früh genug sehen, wer die Stundenpläne verteilt'', sagte Harry ruhig. ''Stimmt's?''
Sie nickte überrascht. ''Ja.''
Ron sah verwirrt zwischen ihnen hin und her. ''Entschuldigung, verehrte Damen und Herren, könnte mich jemand in dieses Gespräch mit einbeziehen?''
- ''McGonagall hat gestern nicht gesagt, wer unser neuer Hauslehrer wird'', sagte Hermine und nippte an ihrem Tee. ''Aber die Hauslehrer bringen immer die Stundenpläne an die Tische, also...''
- ''Wissen wir gleich, wer es ist'', sagte Ginny langsam.
''Genau.''
- ''Was meint ihr, wer es ist?'', fragte Seamus neugierig (Dean frühstückte mit Luna am Ravenclaw-Tisch). ''Hagrid? Das wäre cool.''
Parvati stieß ein wenig damenhaftes Schnauben aus. ''Ehrlich, Seamus? Bei aller Liebe, aber das wäre...nein.''
- ''Hast du 'ne bessere Idee?'', fragte Seamus.
''Dawlish'', sagte Parvati und nahm einen Schluck Kürbissaft.
''Dawlish'', sagte Seamus verwirrt. ''Und was in deinem hübschen Oberstübchen lässt dich das glauben?''
Früher waren sie nicht so eingespielt gewesen, dachte Harry etwas verwirrt, aber dann fiel ihm auf, dass sie alle das letzte Jahr gemeinsam hier ausgehalten und durchgehalten hatten. Das schweißte zusammen.
Parvati lächelte dünn und betrachtete ihr Spiegelbild in ihrem Löffel.
''Er sitzt auf Flitwicks altem Platz neben Slughorn'', sagte sie betont beiläufig. ''Die Hauslehrer sitzen immer um den Direktor herum, oder nicht?''
- ''Stimmt'', sagte Hermine verblüfft.
''Oh, guckt mich nicht so überrascht an, ihr Idioten'', sagte Parvati und winkte ab. ''Immerhin habe ich das letzte Jahr damit verbracht, beim Frühstück auf die Carrows zu achten.''
- ''Was soll das heißen?'', fragte Harry leise.
Neville zuckte mit den Schultern. ''Wir wussten nie, was uns beim Essen erwartet, wisst ihr. Also haben wir uns damit abgewechselt, den Lehrertisch im Auge zu behalten, damit wir wenigstens halbwegs...vorbereitet waren, wenn sie vor uns standen.''
Parvati beendete die drückende Stille, die auf diese Aussage folgte, indem sie knapp zum Lehrertisch hinaufnickte. ''Siehst du, Seamus?''
Sie drehten sich herum und stellten fest, dass sie Recht behalten hatte: die Professoren Sprout, Slughorn, Flitwick und Dawlish hatten sich erhoben, Papierstapel in den Händen.
''Meine Damen und Herren, ich präsentiere den neuen Hauslehrer des Hauses Gryffindor: Mr. John Dawlish'', murmelte Ginny leise. ''Ob das gut geht?''
Harry sah nachdenklich auf seinen Teller herab. Dass Dawlish überhaupt hier Lehrer geworden war, hatte ihn schon ziemlich überrascht, aber diese rasche Beförderung war noch etwas ganz anderes.
''Vermutlich wollte den Posten keiner'', sagte Ron trocken. ''Gryffindors sind nicht dafür bekannt, pflegeleicht zu sein.''
- ''Ich denke eher, er wollte den Quidditch-Cup auf seinem Schreibtisch haben'', sagte Harry. ''Warten wir mal ab.''
Dawlish ging herum und verteilte die Stundenpläne. Bei den jüngeren Schülern ging das schnell vonstatten, nur bei den älteren war das ganze etwas komplizierter, weil alle verschiedene Fächer hatten. Ginny stellte fest, dass sie mit einer Doppelstunde Pflege magischer Geschöpfe beginnen würde und daher spät dran war, also stopfte sie sich ihr Sandwich hastig in den Mund und verabschiedete sich von Harry mit einem kurzen Klaps auf den Kopf, der den halben Gryffindor-Tisch grinsen ließ.
Hermine stiefelte, den Tagespropheten unter dem Arm, herüber zu Alte Runen, gefolgt von Parvati und Lavender (Wahrsagen, zu ihrer Begeisterung bei Firenze) Seamus und Neville (Geschichte der Zauberei, wozu sie von ihrer Mutter, beziehungsweise Großmutter überredet worden waren) und Dean, der zurück zum Ravenclaw-Tisch ging.
''So, Mr. Potter und Mr. Weasley...Verteidigung gegen die dunklen Künste, Zauberkunst, Verwandlung, Kräuterkunde, Zaubertränke...korrekt?''
Die beiden nickten.
''Bitte'', sagte Dawlish, gab ihnen ihre Stundenpläne und ging zurück zum Lehrertisch.
''Perfekt'', sagte Ron begeistert. ''Direkt eine Freistunde, und dann- Kräuterkunde, war ja klar, ähm, Zaubertränke heute nachmittag..doch nicht perfekt.''
- ''Was hast du erwartet?'', schmunzelte Harry. ''Du hast das Fach schließlich gewählt.''
- ''Wir sind einfach saublöd, weißt du?'', sagte Ron nachdenklich. ''Wir hätten es einfach weglassen sollen, wir werden doch auch so Auroren.''
- ''Zaubertränke ist nützlich'', sagte Harry. ''Oder hast du deinen letzten Aufenthalt im Krankenflügel schon vergessen?''
- ''Zaubertränke sind verantwortlich für meinen letzten Aufenthalt im Krankenflügel, Harry'', sagte Ron und leerte endlich seinen Teller. ''Und dieser Bezoar, ich bitte dich, das haben wir im ersten Jahr gelernt. Außerdem kann Hermine doch alles für uns zusammenbrauen, was wir wollen.''
Sie nahmen ihre Taschen und gingen zurück zum Gryffindor-Turm.
''Apropos Zaubertränke'', sagte Ron. ''Willst du Slughorn die Wahrheit sagen?''
- ''Über Snapes Zaubertrankbuch?'', fragte Harry. ''Bist du irre? Ich schätze, ich muss einfach, ähm, mehr lernen, damit ich klarkomme.''
- ''Hermine wird sich freuen'', grinste Ron.
Harry schnaubte nur.
Zurück im Gemeinschaftsraum ließen sie sich wie üblich in die besten Sessel direkt am Kamin fallen und malten sich glücklich aus, was die anderen wohl gerade im Unterricht so trieben. Sie hatten den Raum fast für sich allein, abgesehen von ein paar Sechstklässlern, die ihnen hin und wieder ehrfürchtige Blicke zuwarfen.
''Jetzt weiß ich, wie's dir immer gegangen ist'', murmelte Ron, als eine Sechstklässlerin ihr Buch fallen ließ, weil er zu ihr herübergeblickt hatte.
Harry nickte grinsend. ''Das wird nie mehr aufhören, Ron.''
Als sich ihre Freistunde langsam dem Ende neigte, gingen sie entspannt hinüber zu Kräuterkunde, mussten aber beim Schlossportal feststellen, dass der strömende Regen vom frühen Morgen jetzt einem Wasserfall glich.
''Hermine wüsste, wie wir trocken da durch kommen'', murmelte Ron.
''Ein Regenschirm wär nicht schlecht'', sagte Harry. ''Protego.''
Der Schildzauber, den er über sie geworfen hatte, stellte sich nach zwei Metern als vollkommen nutzlos heraus, sodass sie sich die Kapuzen ihrer Umhänge überwarfen und den Weg zu Gewächshaus drei im Vollsprint zurücklegten. Dort wurden sie bereits von Neville, Ernie Macmillan und anderen ebenfalls tropfnassen Mitschülern erwartet.
''Hey Neville'', grummelte Ron, während er einen seiner Ärmel auswrang. ''Wie war's bei Binns?''
- ''Wie immer'', sagte Neville. ''Was hattet ihr?''
- ''Freistunde'', sagte Ron zufrieden. ''War auch wie immer- siehst du, Harry?'', fügte er resigniert an, ''wir hätten einfach auf sie warten sollen.''
Hermine kam den Weg entlang auf sie zu, in der einen Hand ein Schulbuch, in der anderen einen Regenschirm.
''Du hast einen Regenschirm mit?'', fragte Harry überrascht.
''Red keinen Stuss, ich hab einfach einen Besen verwandelt, der in der Eingangshalle rumgestanden hat'', sagte sie gelassen. ''Ehrlich? Keiner von euch ist auf die Idee gekommen, etwas zu verwandeln? Wir können lebende Tiere in Möbel und zurück verwandeln, aber keiner von euch hat daran gedacht-''
- ''Lass gut sein, Hermine'', sagte Harry, der sich genauso dumm vorkam wie der Rest seiner durchnässten Klassenkameraden.
''Du hast Filchs Besen rumstehen sehen und ihn einfach mitgenommen?'', fragte Ron in einer Mischung aus Unglaube und Bewunderung.
Hermine errötete leicht. ''Ich habe ihn mir nur geliehen, und technisch gesehen ist es jetzt ja nicht mehr, ähm, sein Besen...''
Ron schüttelte den Kopf. ''Schülersprechin...''
- ''Ach, hör auf'', sagte Hermine grinsend.
''Haltet die Klappe, da kommt Sprout'', sagte Neville leise.
''Ich glaube nicht, dass sie sich für Filchs Besen interessiert'', sagte Ron. ''Es kam mir nie so vor, als wären die beiden gut befreundet.''
- ''Immer hereinmarschiert, Freunde'', sagte Professor Sprout gut gelaunt und öffnete die Tür zu Gewächshaus drei. ''Vier Leute pro Tisch, bitte!''
Wie zu erwarten fand Harry sich an einem Tisch mit Ron, Hermine und Neville wieder, auf dem vier kleine Töpfe mit etwas standen, das wie ein ockerfarbener Kaktus aussah.
''Also dann'', sagte Professor Sprout, nachdem sie die Anwesenheit überprüft hatte, und klatschte laut in die Hände. ''Wer kann mir sagen, um was es sich bei diesen Schönheiten handelt- Miss Granger?''
Neville hatte sich ebenfalls gemeldet, aber Hermines geübte Hand war wie gewöhnlich schneller oben.
''Das sind Krampuskakteen, Professor'', sagte Hermine.
''Exakt. Nehmen Sie zehn Punkte für Gryffindor'', sagte Professor Sprout. ''Nun, wer kann mir sagen, welche nützlichen Effekte- Mr. Longbottom?''
Diesmal war es Neville gelungen, Hermine zuvorzukommen, indem er das Ende der Frage gar nicht erst abgewartet hatte.
''Ähm, ihr Sekret ist ein wichtiger Bestandteil vieler Heiltränke, und außerdem haben sie nützliche Verteidigungsmechanismen.''
- ''Sehr richtig, weitere zehn Punkte für Gryffindor. Mr. Longbottom hat Recht, aufgrund ihres sehr speziellen Verteidigungssystems werden Krampuskakteen vor allem von afrikanischen Zauberern gerne gezüchtet, um die Sicherheit ihres Hauses zu erhöhen. Da es bei unserem heimischen Klima sehr schwer ist, sie zu züchten, kommen sie in Großbritannien eher selten vor. Hier ist vor allem ihr Sekret sehr beliebt, das in Heiltränken wie Trubinskys Tinktur Verwendung findet.''
Sprout klatschte nochmal in die Hände. ''Nun, das Verteidigungssystem dieser Setzlinge ist noch nicht besonders ausgereift, aber lassen Sie trotzdem Vorsicht walten. Gehen Sie sehr behutsam mit den Setzlingen um. Fürs erste werden wir sie heute nur umtopfen- also los!''
Rings um sie herum fingen ihre Mitschüler an, ihre Kakteen aus den Töpfen zu ziehen, aber Ron warf Hermine und Neville stattdessen einen alarmierten Blick zu. ''Also, dieses, ähm, Verteidigungssystem...was genau...?''
Er kam nicht dazu, seine Frage zu beenden, denn Ernie Macmillan war es als erstem gelungen, seinen Kaktus unsanft aus dem Topf zu zerren, wovon der allerdings wenig begeistert war: überall warfen sich Leute hastig zu Boden, um den Stacheln auszuweichen, die wie Pfeile zielgenau umherschossen und sich in Ernie Macmillans Gesicht, in Terry Boots Rücken und in Goyles Hintern bohrten, bevor der jetzt stachellose Kaktus japsend zur Ruhe kam. Harry hatte geistesgegenwärtig einen Schildzauber beschworen, der ihn und Ron vor dem Gröbsten bewahrt hatte und war dann mit ihm sicherheitshalber trotzdem unter dem Tisch abgetaucht, während Hermine und Neville völlig gelassen stehen geblieben waren.
''Sie reagieren auf Bewegungen'', sagte Hermine trocken.
Professor Sprout seufzte vernehmlich auf.
''Okay, alle zurück an die Arbeit, und gehen Sie bitte etwas behutsamer vor als Mr. Macmillan. Macmillan, Boot, Goyle, kommen Sie her, lassen Sie mich das ansehen...''
- ''Erklärt mir eins'', sagte Ron, während er vorsichtig damit begann, seinen Kaktus auszugraben. ''Wenn das Sekret von diesen kleinen Monstern für Heiltränke benutzt wird, warum müssen die drei dann behandelt werden?''
- ''Weil diese Stacheln ziemlich piksen, würde ich vermuten'', sagte Harry.
''Das Sekret muss zuerst gekocht werden'', sagte Neville, der seinen Kaktus bereits in der Hand hielt. ''Vorher ist es giftig- wenn man sich nicht schnell darum kümmert, verpasst man die nächsten paar Stunden.''
- ''Deswegen entscheiden sich viele Leute gegen einen von ihnen'', sagte Hermine. ''Vor allem Familien mit Kleinkindern.''
- ''Komisch, warum nur?'', fragte Ron und sah grinsend zu, wie Professor Sprout einen besonders langen Stachel aus Goyles Pobacke zog.
''Ich weiß jedenfalls, warum ich mich für einen Mimbulus Mimbeltonia und nicht für einen von denenentschieden habe'', sagte Neville und betrachtete zufrieden seinen umgetopften Kaktus. ''Stinksaft ist hiermit verglichen ziemlich harmlos.''
''Was ist denn mit Ernie passiert?'', fragte Ginny, als sie zum Mittagessen kamen und sich zu ihr setzten.
''Kräuterkunde'', sagte Harry grinsend. Ernies Gesicht war stachelfrei, aber feuerrot, als hätte er einen schlimmen Sonnenbrand, offenbar ein Nebeneffekt von Professor Sprouts Salbe.
''Was genau in Kräuterkunde?'', hakte sie nach.
Neville winkte ab. ''Das wirst du nächstes Jahr schon merken, Ginny.''
Ginny verengte die Augen. ''Sag's mir, Longbottom. Dieses rot würde sich schrecklich mit meinen Haaren beißen.''
Neville prustete in seinen Kürbissaft. ''Eben deswegen...''
Ginny schüttelte lachend den Kopf. ''Ehrlich, Neville, ich bin enttäuscht. Kaum sind die drei wieder hier, wechselst du das Team.''
- ''Was soll das denn heißen?'', fragte Harry in gespielter Entrüstung.
''Wirklich, Neville'', sagte Parvati, die sich neben ihn fallen ließ. ''Das war's also mit dem Silbernen Trio?''
- ''Silbernes Trio?'', fragte Ron verwirrt und sah von seinem gut gefüllten Teller Spaghetti auf.
''So haben wir sie letztes Jahr genannt'', sagte Parvati, während sie sich Reis auf den Teller schaufelte. ''Ihn, Ginny und Luna. Ihr wisst schon, nach euch. Hm, welche Sauce nehme ich denn jetzt...?''
- ''Nach uns?'', fragte Harry verdutzt. ''Was soll das heißen?''
- ''Ach Harry'', seufzte Ginny. ''Ich vergesse immer wieder, wie ahnungslos du durchs Leben läufst. Das Goldene Trio? Nie gehört? So nennen sie euch hier schon seit ihr diesen Troll ausgeknockt habt-''
Ron hüstelte leise. ''Also, eigentlich habe ich ja diesen Troll erledigt-''
- ''Deine größte Stunde'', sagte Hermine trocken.
''Entschuldige mal, soweit ich weiß, hast du dich hinter diesem Klo versteckt-''
- ''Ist auch egal, das Silberne Trio ist eh schon gesprengt'', seufzte Seamus und sah hinüber zu Dean und Luna am Ravenclaw-Tisch.
''Du kommst schon irgendwann über ihn hinweg'', sagte Harry.
Nach dem Mittagessen gingen sie die Treppe zu den Kerkern herunter, um ihre erste Doppelstunde Zaubertränke hinter sich zu bringen.
''Nervös, Harry?'', feixte Ron.
''Ich wüsste nicht, warum'', sagte er gelassen.
''Ich mein ja nur'', sagte Ron. ''So ganz ohne ein gewisses Buch...''
- ''Ron, lass ihn in Ruhe'', sagte Hermine, die ihr Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene bereits in der Hand hielt und darin las (Seite 39, Willoughbys Wandlungsabsud).
''Du hast gut reden'', maulte Ron. ''Wer hat sich denn ein ganzes Schuljahr über dieses Buch aufgeregt...''
Harry war sich sicher, dass Hermine kurz grinste, bevor sie abfällig schnaubte. Als sie den Kerker erreichten, war die Tür bereits offen.
''Wir sind nicht zu spät, oder?'', fragte Hermine nervös und hastete herein, nur um festzustellen, dass der Unterricht noch nicht begonnen hat.
''Miss Granger!'', dröhnte Slughorn und wabbelte um seinen Schreibtisch herum, um ihr die Hand zu schütteln. ''Harry, mein Junge- und Mr. Weasley, was für eine Freude, Sie wieder hier begrüßen zu können!''
- ''Danke, Professor'', sagte Ron verblüfft und schüttelte Slughorns Hand, während Malfoy und Nott hinter Slughorns Rücken so taten, als müssten sie sich in ihre Kessel übergeben.
''Tja, willkommen im Club, Ron'', sagte Harry, nachdem sie sich gesetzt hatten.
Rons Antwort ging im nervösen Prusten eines Großteils des Kurses unter, als Ernie Macmillan in den Kerker kam. Ernie wurde noch eine Spur röter und setzte sich zu ihnen.
''Tut's noch weh, Ernie?'', fragte Hermine etwas schüchtern.
Er schüttelte den Kopf. ''Nein, alles gut. Nur, ähm, die, äh...Farbe.''
- ''Wie lange bleibst du, du weißt schon, so?'', fragte Ron, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
''Sprout meint, in zwei bis drei Tagen sollte es sich wieder normalisiert haben'', seufzte Ernie. ''Bis dahin sehe ich aus wie ein wandelndes Gryffindor-Banner.''
- ''Hey, Macmillan'', zischte Nott herüber. ''Wie war der Urlaub?''
Bevor Ernie etwas entgegnen konnte, schloss Slughorn die Kerkertür und räusperte sich vernehmlich.
''Nun, es freut mich, dass Sie alle zurück sind- im letzten Jahr war es doch eine sehr kleine Runde. Natürlich sind viele von Ihnen etwas aus der Übung-''
- Hermine biss sich nervös auf die Unterlippe und Harry und Ron tauschten ein kurzes Grinsen- ''-also müssen wir zusehen, dass wir Sie schnell wieder in Form bringen. Heute fangen wir daher mit etwas Neuem an, das sie fordern wird, was aber gleichzeitig vielen Tränken ähnelt, die Sie bei mir schon gebraut haben- dem Rauchwandtrank. Wer kann mir sagen- unsere Miss Granger kann es, natürlich!''
- ''Der-Rauchwandtrank-ist-einer-der-gebräuchlichsten-Tränke-gegen-alle-Arten-von-Infekten'', ratterte Hermine herunter.
''Wie immer völlig richtig'', dröhnte Slughorn und Hermine errötete leicht. ''Zehn Punkte für Gryffindor!''
Slughorn schlenderte herüber zur Tafel und schlug seinen Zauberstab dagegen, sodass die benötigten Zutaten und Schritte erschienen.
''Für alle von Ihnen, die noch kein neues Buch haben'', sagte Slughorn. ''Alle anderen finden das Rezept auf Seite 325. Nun, worauf warten Sie noch? Frisch ans Werk!''
Harry schlug die geforderte Seite auf und starrte auf das Rezept in seinem neuen, nicht vollgekritzelten Zaubertrankbuch.
''Irgendwelche Tipps?'', fragte Ron unschuldig.
''Ja'', sagte Harry. ''Halt die Klappe.''
Ron grinste und schlug sein eigenes Buch auf.
Es läuft gar nicht so schlecht, dachte Harry wenige Minuten später, nachdem er die ersten Zutaten in den Kessel gegeben hatte, wo sie munter vor sich hin kochten. Tatsächlich sah er, was Slughorn gemeint hatte: der Rauchwandtrank war neu, aber viele der Schritte kamen ihm bekannt vor, obwohl er sich nicht sicher, war, welcher Trank das genau gewesen war.
''Zwickharts Destillat'', murmelte Hermine irgendwann, als ihr Harrys Blick auffiel. Er nickte erleichtert. Zwickharts Destillat, das sagte ihm tatsächlich etwas. Zu seiner Erleichterung bekam er plötzlich einen in diesem Kerker äußerst seltenen Geistesblitz, als er sich an die an den Seitenrand gequetschten Notizen erinnerte, die Snape zu diesem Trank aufgeschrieben hatte: Blaulammsamen nicht mit Stößel verkleinern, sondern so dazugeben.
''Harry? Alles okay?'', fragte Hermine beunruhigt und ihm wurde klar, dass er sie fast eine volle Minute lang angestarrt hatte.
''Äh, ja'', sagte er und schüttelte den Kopf. ''Sorry.''
Er gab die Samen unter ihrem entsetzten Blick so dazu, woraufhin der Trank das geforderte blassrosa annahm.
''Wie...?'', ächzte sie ungläubig.
Harry pfiff vernügt leise vor sich hin.
''Ganz hervorragend, Harry!'', rief Slughorn, als er am Ende der Stunde ihre Gebräue kontrollierte. ''Exzellent! Zwanzig Punkte für Gryffindor, hochverdient! Sie scheinen nichts verlernt zu haben!''
''Wie im Namen von Merlins schlabbrigster Einhornsocke hast du das hingekriegt?'', fragte Ron entsetzt, als sie nach dem Ende Stunde zum Abendessen gingen (Rons eigener Zaubertrank hatte als neongrünes, pulsierendes Sirup auf dem Boden seines Kessels geendet).
''Was hast du dir dabei gedacht, die Samen nicht zu verkleinern?'', fragte Hermine nicht weniger entsetzt.
''Tja'', sagte Harry würdevoll, ''das ist der unabhängige Geist, den ein großer Braumeister braucht.''
Ron sah ihn regelrecht angewidert an.
''Schon gut, mir fiel ein, was Snape zu Zwickharts Destillat aufgeschrieben hatte'', sagte er hastig.
Zu seiner Überraschung kam von Hermine weder ein angewidertes Schnauben, noch eine spitze Bemerkung dazu, dass das nicht seine Arbeit gewesen war. Stattdessen nickte sie überrascht.
''Was?'', fragte Harry verwirrt. ''Keine Standpauke? Keine moralische Entrüstung?''
- ''Naja, du hast Gelerntes angewandt, und das war, was Slughorn wollte'', sagte sie achselzuckend.
''Außerdem kann sie sich heute keine moralische Entrüstung leisten'', sagte Ron. ''Nachdem du diesen Besen geklaut hast, du weißt schon.''
- ''Das hab ich total vergessen'', stöhnte Hermine und starrte auf den als Schirm getarnten Besen in ihrer rechten Hand.
''Du vielleicht'', sagte Ron grinsend und deutete in die Eingangshalle, die sie gerade erreicht hatten. ''Aber er sicher nicht.''
Sie folgten seiner Geste und sahen Argus Filch, den Hausmeister, der neben dem Eingangsportal stand und sich in einer Mischung aus Verwirrung und Wut umsah.
''Oh nein'', murmelte Hermine entsetzt. ''Ich hab völlig vergessen, ihn zurück zu stellen.''
- ''Verwandle ihn zurück'', murmelte Harry.
''Mitten in der Eingangshalle?'', fragte Hermine. ''Noch offensichtlicher?''
- ''Keiner wird etwas merken'', zischte Harry. ''Guck ihn dir doch an.''
- ''WO IST MEIN BESEN?!'', keifte Filch zwei Drittklässlerinnen an, die gerade von draußen hereinkamen und beim Anblick des zornigen Hausmeisters und seiner fauchenden Katze wie angewurzelt stehen blieben.
''Den ganzen Sommer habe ich geputzt und gefegt- wisst ihr, wie es hier ausgesehen hat?! Und jetzt kommt ihr und klaut meinen Besen-''
- ''Mach schon, Hermine'', murmelte Ron. ''Bevor er sie umbringt.''
- ''Metamorphum'', zischte Hermine und als Harry sich zu ihr umdrehte, hielt sie nicht mehr den Schirm, sondern Filchs alten Besen in der Hand.
''Was jetzt?'', fragte sie nervös.
''Gib her'', sagte Ron, nahm den Besen und marschierte hinüber zu Filch, der die Drittklässlerinnen mittlerweile mit einer ansehnlichen Masse Spucke bedeckt hatte.
''- DER WAR REDUZIERT, SO EIN GUTES ANGEBOT, SO EINEN BESEN BEKOMME ICH NIRGENDWO SONST-''
- ''Mr. Filch?'', fragte Ron ruhig und der Hausmeister wirbelte herum und starrte ihn an. ''Ist das zufällig ihr Besen? Er stand dort hinten, bei den Stundengläsern.''
Filch starrte Ron und den Besen eine geschlagene Minute lang an, dann schnaubte er, riss sein Werkzeug an sich und stürmte davon, gefolgt von Mrs. Norris, die Hermine einen kurzen Blick zuwarf, bevor sie ihm hinterlief.
''Nette Show, Ron'', sagte Harry grinsend. ''Du hast zwei neue Fans, glaube ich.''
Die beiden Drittklässlerinnen tuschelten aufgeregt miteinander und starrten Ron begeistert an.
''Kommt jetzt'', seufzte Hermine und zerrte sie hinüber zur Großen Halle.
''Ich sterbe vor Hunger.''
- ''Etwas mehr Dankbarkeit hatte ich mir schon erhofft'', grinste Ron.
''Mein Ritter in schimmernder Rüstung'', murmelte sie und verdrehte die Augen.
