Einen halben Tag zuvor
Es war dunkel in Chalmuns Raumhafencantina auf Tatooine, wo Asajj Ventress auf neue Kopfgeldjägeraufträge wartete. Ein Glas Schnaps in ihrer Hand sollte ihr die Wartezeit versüßen.
„Das ist jetzt schon der vierte, Lady. Heute noch nichts gefangen?", hörte sie von der Seite eine heisere Stimme.
„Halt die Klappe, Greedo, und kümmere dich um deinen eigenen Kram!", blaffte sie zurück.
Der Rodianer hatte ja recht. Sie war frustriert, seitdem sie nicht mehr in Dookus Diensten stand. Damals, nach einem Kampfeinsatz, hatte sie sich höchstens ein Gläschen genehmigt. Count Dooku war kein Freund von ausschweifenden Exzessen und sie hatte alles darangesetzt, seine hohen Erwartungen zu erfüllen. Nicht, dass sie damals derartige Mengen bereits nötig gehabt hätte. Aber die Gesichter, die sie über den Holo-Transmitter flimmern sah, waren alle entweder viel weit entfernt oder aber die auf ihre Köpfe ausgelobte Belohnung war ihr zu gering.
Sie war gerade am Herumdösen, als sie Rako Hardeens Stimme hörte. „Den schnapp ich mir!", erklärte einer der besten Kopfgeldjäger, den Ventress kannte.
Sie schaute auf das Display des Holo-Transmitters. Rako Hardeen war sehr wählerisch und wenn er einen Auftrag annahm, dann ging es um richtig viele Credits. Als sie das gelbe Gesicht mit den dunkelgrauen Tätowierungen mit dem gewaltigen Hörnerkranz darüber sah, ging es ihr nicht so sehr um Credits. Genau deshalb erhob sie sich, schritt durch die Traube der anderen Kopfgeldjäger hindurch, stellte mit einer energischen Geste ihr leeres Schnapsglas ab.
Ihr Blick fixierte Hardeens blaue Augen. „Denk nicht mal dran! Der gehört mir!"
Der andere Kopfgeldjäger machte Platz. Er hatte genug Menschenkenntnis, um zu wissen, dass es bestimmte Aufträge gab, die bestimmte Leute einfach erledigen mussten. Er schaute noch einmal auf den Holobildschirm, wo die horrende Summe von einer Million Credits als Belohnung ausgeschrieben stand, dann wanderte Hardeens Blick vom Bildschirm fort zur Hüfte von Ventress, wo zwei gebogene Griffe prangten, deren Aktivierung hier niemand erleben wollte.
Asajj Ventress schenkte Hardeen ein süßes, triumphierendes Grinsen, dann lud sie sich die Daten zu dem vertrauten Gesicht herunter. Geschafft! Sie hatte Savage jetzt für die nächste Zeit erst einmal für sich reserviert. Keiner ihrer Kopfgeldjägerkollegen würde sich jetzt an diesen Auftrag wagen, ohne Ärger mit ihr zu bekommen. Ventress genoss die ehrfürchtige Bewunderung und den versteckten Neid ihrer Kollegen und der gewöhnlichen Gäste. Dafür liebte sie diese Bar.
Sie hatte in dem Moment, als sie die neuesten Daten über den aktuellen Aufenthaltsort ihres ehemaligen Dienstknechtes und Nachfolgers bei Count Dooku von dem bar-eigenen Holo-Transmitter auf ihr Komlink herunterlud, keinen blassen Schimmer, was sie auf Raydonia erwarten würde. Einerseits hätte sie gerne ein Zeichen von ihm gehabt, dass es vielleicht möglich wäre, an frühere erquicklichere Zeiten anzuknüpfen, aber sie wusste auch, dass Savage sehr nachtragend war und es wohl viel Überzeugungsarbeit ihrerseits brauchen würde, ihn von ihren guten Absichten zu überzeugen. Aber das konnte sie ihren Kopfgeldjägerkollegen unmöglich erzählen. Falls ihr das nicht gelingen würde, hatte es sich Ventress zum Plan B gemacht, sich mit dem von ihr Auserwählten an einem Tag eine Million Credits zu verdienen. Sie wäre also zu ihm geflogen. Falls eine Versöhnung nicht möglich war, dann würde sie irgendwie flüchten und draußen solange warten, bis Savage irgendwann einschlafen würde. Dann würde sie Savage aus dem Hinterhalt eine ordentliche Betäubungsspritze verabreichen, ihn fesseln, mit Hilfe der Macht zu ihrem Raumschiff schleppen und nach Coruscant düsen, einen sicheren Kontakt zu den zuständigen Behörden oder einen Mittelsmann herstellen, auf hälftige Bezahlung im Voraus dringend. Wie das Kopfgeldjäger eben in der Regel so taten.
Diese ganzen Vorabüberlegungen Ventress' erwiesen sich als Makulatur, sobald sie den Raumfrachter betreten hatte, den Savage momentan bewohnte. Dieses unförmige Schiff war verrostet und verwahrlost, als käme es direkt von der Müllkippe Lotho Minor. So tief also war ihr ehemaliger Dienstknecht gesunken.
Die Container, die auf der oberen Ebene des Frachtraumes standen, boten ihr Deckung. Sie scannte den Raum. Savage war nirgends zu sehen. An seiner Statt sah sie dort einen anderen Nachtbruder, der um seine Hüfte einen breiten Stahlgürtel trug, woran im Verhältnis zu seinem Oberkörper überlange droidenartige Stahlbeine befestigt waren. Ventress wunderte sich über diese Beine, denn Droiden mit solchen Beinen wurden schon seit mindestens zwanzig Standardjahren nicht mehr hergestellt, nicht einmal mehr in General Grievous' zweiter Heimat Geonosis. Natürlich – nach Grievous' Vernichtungsfeldzug gegen die Nachtschwestern mussten sich die Nachtbrüder neue Wirkungsstätten und Betätigungsfelder suchen. Ventress wusste, dass Nachtbrüder gelegentlich von ihren Schwestern in die Sklaverei verkauft wurden, genau wie sie und Mutter Talzin es vor einem Monat für Savage ausgeheckt hatten. Sie hatte sich jedoch viel zu wenig mit den Ereignissen auf Naboo von vor zwölf Jahren beschäftigt, als dass sie Darth Maul von den Zeitungsberichten von damals wiedererkannt hätte.
Eine Tür öffnete sich geräuschvoll und Savage trat in ihr Sichtfeld, um sich zu dem Rot-Schwarzen zu gesellen. Ventress fand, dass dieser gefallene und offenbar zeugungsunfähige Nachtbruder gut zu ihrem und Dookus gescheitertem Lehrling passte. Auf welcher Müllkippe hatte Savage den wohl aufgegabelt? Der Rote wandte sich zu Savage um, machte einige Schritte. Ventress musste zugeben, dass sich der rot-schwarz tätowierte Nachtbruder trotz seiner Droidenbeine wesentlich eleganter und geschmeidiger bewegte als sein Gefährte. Er glich einer hungrigen Raubkatze, während Savage seit jenem Ritual auf Mutter Talzins Tisch eher hölzern in seinen Bewegungen wirkte. Ventress fiel außerdem die wache, lauernde Intelligenz in den Augen des Anderen auf, deren gelbes Feuer sie ansprühte. Während Savages ebenfalls gelbe Augen zwar auch glühten, aber sein Blick war eher ruhig und nach innen gerichtet, wie er überhaupt ein tiefes Geerdetsein und nach seiner Vergrößerung jetzt auch eine gewisse Trägheit ausstrahlte.
Schlagartig gewann das Raumschiff an Höhe. Sie überlegte, was sie tun sollte. Der Rote senkte seinen Blick auf die untere Ebene des Frachtraumes – genau wie Savage. Ventress folgte ihren Blicken und sah Obi-Wan Kenobi in seiner cremefarbenen Jeditracht am Boden liegen – bewusstlos, hilflos.
Sie wog ihre Chancen ab. Sie selbst war Kenobi bislang im Zweikampf immer unterlegen gewesen. Einmal hatte sie ihn vermittels einer List gefangengenommen – bis Hilfe eintraf und ihn ihr wieder wegnahm. Wenn Savage und der Rote es geschafft hatten, Kenobi derart zuzurichten, was könnte sie dann noch ausrichten? Die Luke zum Raumschiff war fest verschlossen. Es würde eine Weile dauern, bis sie sich ein Loch durch die dicke, feuerfeste Außenwand des Frachters geschnitten haben würde. Blieb nur noch die Rettungskapsel. Aber um zu der zu gelangen, musste sie an Savage vorbei. Allein würde ihr das nicht gelingen. Falls sie es doch versuchen … oder aber noch länger versteckt und tatenlos herumstehen würde, dann wäre nicht nur des Jedis Schicksal besiegelt.
Sie musterte die beiden Zabraks, lotete ihre Chancen aus. Vielleicht könnte sie Savage irgendwie austricksen, nicht jedoch seinen Gefährten. Wie ein ehemaliger Sklave sah der Rot-Schwarze jedenfalls nicht aus. Sein Blick war hart und gnadenlos. Sein ganzes Gebaren deutete darauf hin, dass er es gewohnt war, zu bestimmen. Und Savage schien voll unter seinem Pantoffel zu stehen. Einmal Dienstknecht – immer Dienstknecht. Wie armselig!
Der Frachter sprang in den Hyperraum. Ventress unterdrückte einen Fluch. So hatte sie sich das nicht vorgestellt! Nein, der Rote würde sich nicht so einfach von ihr wegschicken lassen wie damals Savages kleiner Bruder Feral in der Nachtbrudersiedlung, damit sie mit dem gelben Nachtbruder alleine sein und Sachen mit ihm klären würde können, die nur unter vier Augen besprochen gehörten. Überhaupt … Feral - wie einfach das doch damals vor einem Monat gewesen war ...
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… Der orangefarbene Nachtbruder mit den braunen Tätowierungen suchte verzweifelt mit seinen warmen, ebenfalls orangefarbenen Augen nach seinem Bruder. Savage hatte ihn bisher nicht im Stich gelassen. Er würde ihn wieder retten. Wie auch schon das eine Mal, wo diese Sichel an einer überlangen Kette durch die Nacht gesaust war. Keiner der anderen für die Tests ausgewählten Nachtbrüder hatte sie kommen sehen. Aber Savage hatte die riesige Sichel irgendwie gespürt, hatte seinen Bruder Feral umschlungen und ihn aus der Gefahrenschneise gezogen, die der unheimlichen Waffe vorausging. Nur den Bruchteil einer Sekunde später hatte Feral gespürt, wie das kalte Metall an ihnen vorbeizischte, weitere Leichen hinterlassend, genau wie in dem Test davor.
„Zeigt Euch!", hatte Savage empört in die Nacht hineingerufen, aber nur ein fieses, spöttisches Lachen irgendwo hoch oben, verborgen im dunklen Nichts, geerntet. Jetzt waren nur noch er und Savage übrig. Aber nur einer konnte überleben. Würde er beim nächsten Test draufgehen? Gäbe es womöglich einen Zweikampf? Würde Savage ihn dann wirklich letztendlich töten wie verlangt? Savage war stärker als sein kleiner Bruder. Und er hielt sich an die vorgegebenen Regeln. Aber sein geliebter Bruder würde ihn niemals töten. Davon war Feral felsenfest überzeugt. Nein, Savage würde eine andere Lösung finden – wie immer.
Feral hatte nicht mehr die Kraft, die sich auf und ab bewegenden Würfel zu besteigen, auf sie hinaufzuspringen, um drohende Gefahren von oben zu erkennen und abzuwehren. Er hörte, wie seines Bruders Stiefel erneut auf einem der großen Würfel, welche das Portrait eines roten Zabraks mit schwarzen Tätowierungen trugen, landeten. Er war jetzt hier unten ganz allein. Vorsichtig schlich sich Feral um eine Ecke des Würfels. Um der rotgewandeten Nachtschwester direkt in die bleichen Arme zu laufen. Die großgewachsene, kahlköpfige Frau erhob ihre Hand, krümmte die Finger. Sie, die bereits sechs seiner Freunde und Bekannte auf dem Gewissen hatte, grinste bösartig dabei. Etwa acht Meter trennten ihn von ihr … und doch war sie nahe genug, um ihn mit ihrer gekrümmten Hand auf rätselhafte Weise vom Boden emporzuheben. Ferals Kehle verengte sich, er bekam keine Luft mehr, begann zu würgen, während die Nachtschwester vor ihm den Griff ihrer leeren Hand mal verengte, mal verdrehte. Das strengte sie sichtlich an nach all den Tests. Trotzdem würde sie obsiegen. Er hatte schon viele Gruselgeschichten über die Schwestern der Nacht gehört, aber das? …
Feral spürte, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, nicht mehr viel Leben in ihm war. Aber wo, hinter all diesen riesigen, beweglichen Würfeln, blieb nur Savage? Würde er kommen? Oder war er etwa bereits tot, getötet von der grausigen Nachtschwester, so wie die Anderen?
Asajj Ventress grinste immer noch zufrieden. Endlich würde der Schwächling sterben. Er hatte sich bereits die ganze Zeit über während der Tests hinter seinem Bruder versteckt bzw. sich von diesem helfen lassen. Damit war jetzt, wo nur noch diese Beiden übrig waren, endgültig Schluss! Es würde nur eine Frage von Sekunden sein, bis der orangene Nachtbruder endlich sein Leben ausgehaucht hatte. Das einzige, was noch zwischen ihr und ihrem Lieblingskandidaten stand, war dieser selbst. Besser gesagt Savages Abwesenheit, die Ventress beunruhigte. Bislang war er immer bei seinem Bruder gewesen, aber die ganze Zeit, während sie Feral würgte, war von Savage Opress weder etwas zu sehen noch zu hören. Eigentlich hatte Ventress vorgehabt, Savage diesen Akt zu überlassen – dabei zuzusehen, wie es ihm widerstrebte, seinen eigenen Bruder zu töten, ihn durch diese grausame Tat für immer an sich zu binden, damit er tun würde, was immer sie von ihm verlangen würde. Aber jetzt, wo er verschwunden war, würde es Ventress genießen, Savages Überraschung und seine Verzweiflung auszukosten, wenn er wieder auftauchen würde, nur um seinen Bruder von ihrer Hand getötet vorzufinden.
Ferals Kopf sackte zur Seite, als der Nachtbruder ohnmächtig wurde. Ventress lächelte ein Lächeln der Genugtuung. Endlich war es soweit! Sie sah sich nach ihrem Preis um, aber noch immer war von dem Gelben nichts zu sehen. Jetzt wurde es langsam spannend!
Bislang waren die Tests für Ventress eher eine lästige Pflichtübung gewesen. Sie hatte am Vortag, als sie in der Siedlung der Nachbrüder aufgetaucht war, dem obersten Nachtbruder Viscus, gesagt, was sie mit dem Gewinner vorhatte. Hätte sie Savage lediglich zur Paarung requiriert, hätte ein einfacher Zweikampf ausgereicht, den sie gewinnen musste. Doch einen Sith-Attentäter auszuwählen, erforderte genau jene Kampfspiele, die die Nachtbrüder auf ihren Wunsch hin organisiert hatten, damit sie eine Wahl treffen konnte.
Selbst die von ihr für die Tests ausgewählten Nachtbrüder hatten bei weitem nicht den Standard gehabt, den Ventress vom Kampf her gewohnt war. Um wie viel aufregender waren doch früher die Schaukämpfe auf Rattatak, dem Planeten ihrer Kindheit, gewesen. Da waren große, wilde Tiere in der Kampfarena gewesen, gegen die man bestehen musste. Zwischen den Kämpfen hatte es bunte, zuweilen lustige Show-Einlagen gegeben. Aber die musste sie hier selbst geben – in Form von abfälligen Bemerkungen, höhnischem Spott und, indem sie selbst Hand anlegte, um den verdutzten Männern mal so richtig zu zeigen, was sie alles draufhatte – und die Männer nicht.
„Aussehen allein reicht nicht!", hatte sie amüsiert zu dem großgewachsenen, orangen Nachtbruder mit den strahlend blauen Augen gesagt, bevor sie ihn würgte, so dass er zu Boden ging.
Wie lustig das doch ausgesehen hatte. Allerdings hatte sie als einzige über diesen Gag gelacht.
Ein Faustschlag gegen den Kopf eines gelben Zabraks ließ jenen ebenfalls zusammensacken und liegenbleiben. „Zu klein!"
Ein anderer gelber Zabrak bekam einen Fausthieb in die Magengegend verpasst. „Zu schwach!"
Der Mann fiel auf die rote Erde wie ein umgefallener Spielkegel.
Abgesehen von der mangelnden Wehrfähigkeit der Nachtbrüder vermisste Ventress auch eine gewisse Vielfalt an Spezies, die die Schaukämpfe auf Rattatak so interessant machten. Aber natürlich würde Mutter Talzin nicht zulassen, dass die von ihr so geschätzte Zabrak-Spezies in der Nachtbrudersiedlung derart aufgeweicht und verunreinigt werden würde. Mutter Talzin würde in all ihrer Provinzialität auch nicht dulden, dass Technik oder andere verzärtelnde Errungenschaften der Zivilisation Einzug in das Leben der Nachtbrüder hielten – um ihre Kampffähigkeiten, die Qualität ihrer Gene und ihres Samens zu schützen, wenn die Nachtschwestern derlei bedurften. Ventress war sich sicher, dass die meisten Nachtbrüder schon lange auf und davon wären, wenn sie denn andere Teile der Galaxis kennenlernen dürften. So jedoch lief alles seit Jahrhunderten seinen von den Nachtschwestern bestimmten Weg. Wie langweilig!
Wäre da nicht dieser eine gelbhäutige Nachtbruder mit den markanten, dunkelgrauen Tätowierungen gewesen, der, außer dass er ziemlich ansehnlich war, auch über ziemlich schnelle Reflexe und ein gehöriges Maß an Kraft verfügte. Ventress konnte die Macht in ihm förmlich riechen. Der hatte bestimmt Jedi- oder Sith-Potential, wenn er denn das richtige Training bekäme. Wäre er nicht derart überbesorgt um seinen kleinen Bruder gewesen. Eine störende emotionale Bindung, die ihrem Ziel entgegenstand. Selbst Jedi würden so etwas nicht tolerieren!
Ein entschlossener Fausthieb traf Ventress hart in die Seite. Ihre Suche war beendet. Sie spürte, wie sie den Boden unter den Füßen verlor und einige Meter weit durch die Luft flog. Dann fand sie sich an der Kante eines der großen, beweglichen Würfel wieder – in den Sand geworfen wie eine Puppe. Verwirrt blinzelte Ventress nach oben, um nun Savage Opress' imposanter Gestalt gewahr zu werden. Er musste von dem Würfel, vor dem sie gerade eben noch gestanden hatte, herabgesprungen sein, um sie derart zu überraschen und zu überwältigen. Jetzt war ihre Konzentration erst einmal dahin und damit die Macht ihres Distanz-Würgegriffes gebrochen. Sie sah, wie ihr voriges Opfer wieder das Bewusstsein erlangte und sich langsam aus dem roten Staub ihrer aller dathomirischen Heimat erhob.
Asajj Ventress stand ebenfalls wieder auf, tauschte mit ihrem neuen Gegner ein paar Hiebe aus. Es war das erste Mal, dass sie direkt mit dem Gelben kämpfte. Ein Fausthieb traf sie in die Magengrube. Sie krümmte sich, um den Hieb besser wegstecken zu können, während ihre Fäuste vorschnellten, um ihn an der Brust zu treffen. Das war knapp gewesen!
Sie ließ ihre Hände sinken, um die Lage neu zu klären. Der Gelbe tat es ihr gleich. Aber er ballte die Fäuste und musterte sie mit grimmigem Blick.
„Solange ich lebe, werdet Ihr ihm kein Horn krümmen!", hörte Ventress Savages wütende, zu allem entschlossene Stimme, die sich in den darauffolgenden Worten etwas mäßigte. „Verschont ihn. Nehmt mich!"
Asajj Ventress war überaus beeindruckt. So viel Courage hätte sie diesem grau-gelben Nachtbruder gar nicht zugetraut. Sie ertappte sich auf einmal bei dem Wunsch, an Ferals Stelle zu sein, genauso einen noblen Beschützer zu haben, der sich derart vehement für sie in die Bresche werfen würde, falls Gefahr drohte. Nein! Sie war Asajj Ventress! Sie hatte so etwas nicht nötig! Sie war sich selbst genug und brauchte niemanden! Da fiel ihr siedend heiß ein, dass genau dies der Grund ihres Hierseins war. Sie war von Count Dooku, dem sie bedingungslos vertraut, den sie grenzenlos verehrt hatte, bitter und schnöde verraten worden. Und Dooku war nicht irgendein Gegner. Deshalb brauchte sie jetzt dringend Hilfe, um sich an diesem treulosen und gefährlichen Sith-Lord für dessen Verrat an ihr zu rächen. Und dieser Savage Opress würde ihr dabei helfen. Genauso wie Mutter Talzin.
Mehr noch: Sie, Asajj Ventress, würde schon bald den Platz bei Savage einnehmen, den jetzt noch sein geliebter Bruder Feral innehatte. Und irgendwann später, lange, nachdem sie ihre Rache an Dooku gehabt hatte, dann würde ihr Savage noch weitere Wünsche erfüllen, viel profanere und animalischere Wünsche, die sie schon seit langem hegte, aber niemandem anzuvertrauen wagte.
Jetzt jedoch, wo sich Savage entgegen aller Regeln derart schützend vor seinen Bruder stellte, wurde es zum ersten Mal seit Beginn der Tests richtig dramatisch.
„Lass uns allein!", zischte sie Feral zu, was dieser eilig tat.
Asajj Ventress stürzte sich erneut auf ihren Kandidaten, der es bis hierher geschafft hatte. Ein Wurf und Savage flog auf den nächstgelegenen, gerade im Sinken begriffenen Würfel. Sie sprang ihm hinterher. Der Würfel hob sich mit ihnen beiden in die Höhe. Sie begann, ihr neuestes, bereits wieder auf seinen Füßen stehendes Opfer zu umkreisen. So wie dieses sie. Ohne Waffen. Nur mit ihren beiden Körpern. Noch einmal ließ Savage sie zu Boden gehen. Sie erhob sich erneut, während ihre Angriffe schneller, wilder wurden. Sie intensivierte ihre Schlagkraft, ihr Tempo auf. Ventress' Wut auf den unerwartet und doch erwünscht starken Nachtbruder gab ihr die Kraft. Sie hieb, prügelte, trat auf Savage in. Der wich ihr aus, landete Gegentreffer.
Die Wut kochte in ihr hoch. Ventress stieß einen Zornesschrei aus. Ein Faustschlag und er taumelte nach hinten – fiel auf den Boden. Sie brauchte nur noch ihren hochhackigen Schuh an seine Kehle zu setzen, der jetzt als ihre erlegte Beute vor ihr lag.
Seine grünen Augen blickten zu ihr auf. „Mein Leben gehört Euch."
Ventress lächelte. „In der Tat!"
Jetzt endlich gehörte der Gelbe ihr. Und er akzeptierte es. Genau, wie die Regeln es verlangten. Ventress grinste zufrieden.
Savage Opress saß neben Asajj Ventress in dem ubrikkanischen Speeder, der die Nachtschwester hergebracht hatte.
„Wie ist dein Name?", fragte die Nachtschwester.
„Savage Opress."
„Ich hoffe, du machst deinem Namen alle Ehre."
„Wie heißt Ihr?", erkühnte sich der Nachtbruder zu fragen.
„Ich bin Asajj Ventress. Vielleicht hast du bereits von mir gehört."
Savage schüttelte verneinend den Kopf. Ventress volle Lippen schmollten. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass es womöglich besser so war.
Sie griff in die Macht hinein, stöberte in ihres Beifahrers Gedanken. Savage Opress dachte doch wahrhaftig an … Wie könnte sie das auch nicht verstehen. Sicherlich würde ihr Auserwählter frustriert sein, wenn sie sich nach der Wahl nicht mit ihm in Liebe vereinigen würde. Vor allem, wenn sie an den Blick seiner grau-grünen Augen dachte, nachdem sie ihn im finalen Zweikampf besiegt hatte. Dieser Blick, in welchem sich Verzweiflung, Zurückhaltung, nur mühsam unterdrückter Hass und Scham, Irritation und Erwartung gegenseitig gejagt hatten. Sie hatte ihn besiegt - in jeder Hinsicht. Und sicherlich hatte er gemerkt, dass sie ihn attraktiv fand. Er wartete jetzt ganz bestimmt darauf, dass sie ihn zu irgendeiner gemütlich eingerichteten Lagerstatt führte, um dort den Beischlaf mit ihm zu vollziehen. Wie dumm und naiv dieser Savage Opress doch war!
Ventress hatte nach ihrer langen Abwesenheit von Dathomir, die sie als Kleinkind erst auf den Planeten Rattatak, dann zu einem Jedimeister als dessen Padawan und schließlich zu Dooku als dessen Schülerin geführt hatte, mit den Partnerfindungsritualen ihres Heimatplaneten extrem gefremdelt. War das wirklich so einfach, dass man sich sah, aneinander Gefallen fand und noch am selben Tag so ein Kampfritual veranstaltete, um dann sofort miteinander zu schlafen? Vielleicht würde das irgendeiner gewöhnlichen Nachtschwester reichen, die noch nie ihren Planeten verlassen hatte. Aber sie, Asajj Ventress, hatte als Fast-Jedi und Beinahe-Sith-Lady etwas Besseres verdient!
Sie vermisste die Lichtschwerttrainingsstunden mit ihrem Jedi-Meister, mit Dooku. Und dort gab es keine albernen Paarungsrituale, sondern Keuschheit und Enthaltsamkeit, um diese unterdrückten Triebe in höhere, edlere Bahnen zu lenken, um der Galaxis als Friedenshüter zu dienen. Sicher, für die meisten Wesen gab es Partnerschaften. Aber die entwickelten sich, wie Ventress das wahrgenommen hatte, langsam und über einen längeren Zeitraum hinweg. Sicherlich, um den Partner zu prüfen, ob er dieser Belastung, eine geheime Beziehung zu führen, auch stark und würdig genug war. Sie wusste, dass der fünf Jahre ältere Obi-Wan Kenobi mit der Herzogin Satine von Mandalore befreundet war. Einige Leute munkelten, dass das früher mehr als eine bloße Freundschaft zumindest gewesen war. Satine Kryze war zwar Herrscherin über einen Planeten, aber reichte das aus, um ein Fundament für eine spannende und langwährende Partnerschaft zu sein? Offenbar nicht, denn Kenobi war immer noch ein Jedi-Ritter und Satine weit weg.
Ihres Jedi-Meisters durch Weequay-Gangster beraubt, hatte sie es genossen, als Dookus neue Schülerin nicht mehr nur eine von vielen Jedi zu sein, sondern eine auserlesene, von ihrem neuen Meister geschätzte Attentäterin, die immer die schicksten, schnellsten und teuersten Raumschiffe fliegen durfte. Dooku hatte eine galaxisweit bekannte Schneiderin einfliegen lassen, die ihr drei tolle Outfits geschneidert hatte, davon eines mit einem langen, nach unten hin weiter werdenden Rock, welcher ihre schlanke Taille noch besser zur Geltung brachte. Dooku hatte sich immer gefragt, wie sie in dieser eher abendrobenartigen Unform kämpfen konnte, aber sie hatte dabei nie Probleme gehabt.
Außerdem hatte Dooku sie einen Tanzkurs besuchen lassen und war schließlich mit ihr, in der betreffenden Robe gewandet, während er sein bestes Cape angelegt hatte, zu einem bekannten Maskenball nach Coruscant ausgegangen, wo sie inkognito sein konnten. Irgendwann im Verlaufe des Abends machte Dooku sie dann auf Kanzler Palpatine aufmerksam, den er trotz Maske erkannt hatte. Sie wurde prompt von diesem zum Tanz aufgefordert – eine große Ehre, wie sie meinte, war der Kanzler doch bisher während der gesamten Veranstaltung in seiner Loge sitzengeblieben. Sie hatte gemerkt, dass der Kanzler ein ausgesprochen guter Tänzer war, der hervorragend führen konnte. Allerdings hatte sie irritiert, dass er seine eigenen führenden Handbewegungen, die sie in bestimmte Drehungen bringen sollten, mit seinen Füßen sabotierte, so dass sie zweimal der Länge nach auf der Tanzfläche hinfiel, ohne das vorher abfangen und ausgleichen zu können, wie das eine routiniertere Tänzerin zweifellos getan hätte. Nach ihrem zweiten Hinfaller hatte sich der Kanzler höflich mitten im gespielten Stück bei ihr bedankt und die verstörte Ventress allein auf der Tanzfläche zurückgelassen. Dooku hatte sie aus diesem Abend gerettet und war mit seiner Attentäterin wieder nach Serenno zurückgeflogen. Danach hatte Dooku sie nie wieder zu solch einer Veranstaltung mitgenommen.
Ansonsten hatte Ventress die stille, hochherrschaftliche Atmosphäre auf Schloss Serenno genossen, wenn sie mit Dooku Lichtschwertkampftechniken übte oder bestimmte Sith-Holocrone studierte - geheimnisvoll aussehende Pyramiden, die wichtige Informationen über das Leben und Denken der früheren Sith enthielten. Sith-Holocrone zu studieren war im Jedi-Tempel selbst für normale Jedi-Meister streng verboten gewesen, obwohl Ventress von Ky Narec wusste, dass es auch im Jeditempel welche gab. Bei den Sith gab es solche Beschränkungen nicht. Außer der, einen Partner zu haben – genau wie bei den Jedi. Und an dieses Prinzip hielt sich der Count strikt. Und Ventress verehrte ihn dafür umso mehr und sie sah keinen Grund oder keine Gelegenheit, es ihm nicht gleichzutun. Sie fühlte, dass sie ihrem Dienstherrn als Frau und Gesellschafterin gefiel, auch wenn er ihr das nie sagen würde und sie fand diesen Zustand wunderbar.
Und die Sith faselten nicht wie die Jedi davon, wie großartig es sei, in Erfüllung der Mission Eins mit der Macht zu werden. Die Sith hingen an ihrem Leben, so wie sie an dem Ihrigen. Hier auf Schloss Serenno hatte sie sich zu Hause gefühlt - angenommen und geschätzt. Bis zu der verhängnisvollen Schlacht von Sullust, wo ihr Dooku eröffnete, dass sie sterben würde.
Asajj Ventress hatte das nie verstanden. Gut, sie hatte in ihren vielen Kämpfen ein paar Raumschiffe über das zulässige Maß hinaus verschrottet und ihrem Dienstherrn und dessen Meister damit übermäßig Kosten verursacht. Ja, sie hatte auch ein paar Mal mit Dooku über die Möglichkeit eines Sturzes von Darth Sidious geredet – rein abstrakt und theoretisch natürlich. Aber woher konnte der alte Holo-Geist schon letzteres wissen? Sie würde Count Dooku diesen Verrat jedenfalls nie verzeihen. Sie hatte doch eigentlich alles getan, was von ihr verlangt wurde, war dafür gelobt und bewundert worden, hatte also im Großen und Ganzen alles richtig gemacht. Und jetzt vermisste Ventress die ruhige Weitläufigkeit von Schoß Serenno. Selbst der Jedi-Tempel, den man zugegebenermaßen mit vielen Wesen teilen musste, wäre noch ein angemessenerer und interessanterer Wohnort als diese einfache Behausung, die sie nach ihrem Rausschmiss, den ihr Dooku bereitet hatte, wieder als einfache Nachtschwester bewohnen musste, um sich vor ihrem früheren Dienstherrn zu verstecken, der sie tot glaubte. Welch ein Abstieg!
So hatte sie jedenfalls gleich nach ihrer Ankunft auf Dathomir gefühlt. Nach und nach hatte sie gelernt, mit wenig zufrieden zu sein, die Kameradschaft und Freundschaft der anderen Schwestern zu schätzen. Und nicht zuletzt ihr Verweilen auf dem Tisch von Mutter Talzin, wo sie noch einmal all das durchlebte, was sie durchgemacht hatte. Wie sie zunächst der Nachtschwesternsiedlung entrissen wurde, wie sich der Rattataki namens Hal'sted um sie gekümmert, sie für die Schaukämpfe auf seinem Planeten ausgebildet hatte. Wie jener starb, bevor sie von Jedi-Meister Ky Narec gefunden und dessen Padawan wurde – mit einem blauen Lichtschwert! Dann die Weequay-Gangster, die den Jedi erschossen hatten. Dann war Count Dooku aufgetaucht, der ihren Hass, ihre Rachegedanken erfühlt hatte. Aber das war jetzt Vergangenheit. Nach dem Ritual auf dem steinernen Tisch hatte sie sich wie neugeboren gefühlt. Bereit, ihre Rache an Count Dooku in Angriff zu nehmen.
Aber dieser zugegebenermaßen ziemlich gut aussehende Nachtbruder konnte ihr, Asajj Ventress, noch lange nicht das Wasser reichen. Er sollte jetzt erst einmal die Chance nutzen, die sich ihm jetzt bot, nämlich, bei ihrem früheren Dienstherrn eine angemessene Ausbildung zu erhalten. Sie war dankbar, dass Mutter Talzin sie in ihren Rachebestrebungen derart vorbehaltlos unterstützte und dafür ihre Zauberkünste einsetzte. Talzin würde nicht dulden, dass jemand einen der Ihren für seine Dienste rekrutierte und dann achtlos fortwarf wie einen alten Lappen.
Der ubrikkanische Speeder bremste vor der Ansammlung von kleineren Hütten ab – Dort hinten war bereits der kegelförmige Alkoven zu sehen. Ventress hatte mit ihrer Eroberung die Siedlung der Nachtschwestern erreicht.
Mutter Talzin, mit einigen Schwestern der Nacht im Schlepptau, kam näher - begutachtete Ventress' Fang – und lächelte zufrieden, als sie seine Muskeln befühlte. „Der Bursche ist stark!"
„Ist er nicht ein fantastisches Geschenk der Galaxis, Mutter?", gab Ventress stolz zurück.
Savage legte sich auf Talzins Anweisung auf deren Zaubertisch. Die Schwestern begannen ihre Zaubergesänge; grüner Neben stieg auf – Savage Opress erhob sich vom Tisch, um für eine Weile in der Luft zu schweben. Er ächzte, als sein Körper infolge der Verwandlung aus allen Nähten platzte, als seine Hörner größer und dicker wurden. Ventress schaute auf ihre Schwestern, die dieses Ritual für sie vollzogen. Einige waren weggetreten; so sehr beanspruchte sie die Prozedur.
Savage war auf den Tisch zurückgefallen. Er war von seiner ohnehin stattlichen Größe von 1,89 auf 2,13 Meter angewachsen. Seine Muskeln schienen sich mindestens verdoppelt zu haben. Das Graugrün seiner Augen war einem schimmernden Gelb mit einem blutig-roten Kranz um die Iris gewichen. Seine eigentlich zierlichen Hörner rund um seinen Kopf waren auf einmal zu einer mächtigen Krone ausgefahren, die in der Zabrak-Welt ihresgleichen suchte. Seine Kräfte waren laut Mutter Talzin jetzt verzehnfacht worden. Ventress – aufgrund ihrer langen Abwesenheit von Dathomir dieser ganzen Rituale unkundig, hatte die ganze Zeit passiv neben dem Zaubertisch und ihren Schwestern gestanden, aber sie hatte neugierig ihren langen Hals gereckt, um zu sehen, was die Schwestern taten – was mit Savage passierte.
Talzin nickte Ventress zu – das Zeichen, dass die wiedergeborene Nachtschwester erneut die Kontrolle des Ganzen übernehmen sollte.
Savage setzte sich auf dem Zaubertisch auf – verließ diesen und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Ventress sah zu ihrem frischgebackenen Dienstknecht hoch, der sie nun um zwei Haupteslängen überragte. Es bedurfte einer Ohrfeige für den transformierten Zabrak, damit dieser auch noch den letzten, finalen Test bestand.
Dann war es vollbracht. Savage Opress hatte sich endgültig qualifiziert.
Ventress schaute kurz zufrieden auf Savage, dann genoss sie das dunkle Raunen ihrer Schwestern. So etwas hatten diese wohl noch nie erlebt. Sie war sich sicher, dass dieser neue, verbesserte Savage Opress jetzt seinem Namen alle Ehre machen, ein würdiges Gefäß für die Dunkle Seite der Macht abgeben und später auch keine Scheu haben würde, in Ventress' Namen den üblen Verräter Count Dooku zu töten. Bald würde Mutter Talzin ihn zu Dooku mitnehmen, so wie es terminlich vereinbart war. Und sie würde sich jetzt ausruhen und ein schönes warmes Bad nehmen. Sie ganz allein mit sich.
„Haben wir da nicht noch was vergessen?", fragte Talzin Ventress, die schon im Begriff war, zu verschwinden, während die anderen Nachtschwestern noch den neuen Savage beschauten und beglückwünschten.
Ventress drehte sich abrupt zurück zu ihren Schwestern um. „Was meint Ihr, Mutter?"
„Nun, wir wollen den armen Savage doch nicht einfach so fortschicken, ohne dass du ihn vorher moralisch etwas anspornst, indem du ihm gibst, was jetzt jeder erwartet, oder?"
Ventress' blaue Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Wovon redet Ihr?", fragte sie, wohl wissend, wie dumm ihre Frage war - einfach nur, um Zeit zu gewinnen.
„Nun, haben dir Karis und Naa'leth das nicht schon gesagt? Ich dachte, ihr wärt bereits so gut befreundet, dass du als wiedergeborene Nachtschwester bereits wüsstest, was nach so einer Wahl unmittelbar folgt. Aber gut. Ich habe da drüben eine Hütte vorbereitet. Und dorthin wirst du dich jetzt mit Savage zurückziehen, bevor ich ihn Dooku überstelle. Ihr habt vier Stunden Zeit. Muss ich noch mehr erklären?", fragte Talzin mit einem schelmischen Lächeln.
Ventress trat der Schweiß auf die Stirn. „Aber … ddddas geht nicht. Ich … kkkann jetzt nicht."
„Wieso nicht?"
„Ich habe gerade meine Menstruation", erklärte Ventress bestimmt.
„So eine dumme Ausrede habe ich ja noch nie gehört. Jede Frau hier weiß, was man in solchen Fällen macht. Außerdem kann das nicht sein", bürstete Talzin sie ab.
„Aus euren Abfällen im letzten Monat geht hervor, dass du genau vor zwei Wochen deine Regel hattest und jetzt bist du also in der fruchtbarsten Phase für diesen Monat überhaupt. Das haben Karis und Naa'leth mir bestätigt."
Ventress klappte der Unterkiefer herunter. Man hatte also ihren Abfall durchstöbert, um den geeigneten Termin für die Auswahl und die Prüfungen festzulegen – und den Termin, den von ihr Auserkorenen Dooku zu überstellen – und davor noch ihre Empfängnis einzuschieben, um der Schwesternschaft guten Nachwuchs zu bescheren. Und ihre sogenannten Freundinnen hatten ihrer Oberhexe dabei auch noch geholfen. Oder mussten sie es? Hätten sie sie nicht selbst fragen können? Nicht, wenn Mutter Talzin ihre Pläne ohne weitere Verzögerungen durchführen wollte, natürlich nur zu ihrem, Ventress' Besten, das verstand sich.
Sie schämte sich, Talzin die Wahrheit zu sagen. Sie würde sich gnadenlos lächerlich machen. Sie schämte sich, zuzugeben, dass ihr Savage in diesen Moment auf einmal etwas zu groß geraten, zu wuchtig, zu kräftig erschien, die Hörnerkrone einen Tick zu mächtig, als dass sie irgendwelches Verlangen danach gehabt hätte, sich mit ihm zu paaren. Er würde sie mit ihrer extremen Schlankheit und ihrer Wespentaille bestimmt vor lauter Kraft zerquetschen. Und wer würde schon wissen, was er in ihr für Zerstörungen anrichten würde. Sie hätte ihm jetzt auch keinen Widerstand mehr entgegensetzen können, wenn es ihr zu viel werden würde - so ganz allein, ohne jede Hilfe.
Talzins Blick wurde ungeduldig. „Mein Kind, habe ich dir nicht beigebracht, wie man Männer kontrolliert?"
Ventress suchte nach den richtigen Worten. Schon der Zweikampf mit dem normalen, und bereits mehr als gut ausgestatteten Savage hatte ihr alles abverlangt. Ob sie ihn auch noch kontrollieren würde können, wenn er sich in ihr in Extase gestoßen hatte? Kurzum, sie wollte einfach nicht.
„Ja, schon, Mutter. Aber in diesem Zustand … also ich weiß nicht so recht."
„Kindchen, sagt dir der Name Orn Free Taa etwas?", hörte sie Talzin fragen.
„Dieser fette Twi'lek-Senator von Ryloth, der beinahe die gesamte Repulsorplattform für seinen Planeten im Senat alleine ausfüllt?", murmelte Ventress angewidert.
Talzin zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Er ist mindestens viermal so dick, wie Savage jetzt ist. Und er hat eine kleine zierliche Frau. Und bislang lebt sie noch."
„Aber Orn Free Taa hat wenigstens keine Superkräfte. Nun, vielleicht könnte er Dooku mit einer langweiligen Senatsrede einschläfern und ich könnte ihn dann töten", versetzte Ventress.
„Bei der geflügelten Göttin! Ist Savage Opress denn wirklich so hässlich, dass du jetzt ernsthaft über solchen Quatsch nachdenkst?", zischte Talzin herablassend.
„Wieso ich? Ihr habt mit diesem Fettwanst angefangen!", blaffte Ventress entrüstet zurück.
„Jetzt hab dich nicht so!", drängte Talzin. „Du hast Savage ausgewählt und jetzt musst du es zu Ende bringen! Ich kann nicht zulassen, dass so ein Prachtkerl ohne Nachkommen bleibt, falls ihm etwas zustoßen sollte!"
Da kam Ventress eine Idee: „Mutter, die Entsagung, die ich Savage jetzt bereiten will, wird dazu führen, dass sein Hass angespornt wird, schneller in seiner Ausbildung fortzuschreiten. Als Sith weiß ich das. Ich werde ihn in zwei Wochen besuchen, Ehrenwort!", sagte Ventress fast flehend.
„Aber Kindchen, dann hast du doch deine Regel", wunderte sich Talzin.
„Äh, ich meine, in acht Tagen."
„Nein, du wirst bereits übermorgen zu Savage gehen!", bestimmte Talzin. "Denn solange dauert deine fruchtbare Phase noch. Dann wird ihn Dooku auf eine Testmission schicken, so, wie er es auch bei dir getan hat, als du bei ihm angefangen hattest. Savage wird allein sein und du wirst die volle Kontrolle über alles haben. Keine Angst, ich werde dir einen Trank bereiten, auf dass es etwas leichter für dich werden wird."
„Danke, Mutter", hatte eine erleichterte Ventress gemurmelt.
Zwei Tage plus Zaubertrank würden vielleicht reichen, sich mental vorzubereiten. Aber jetzt wollte sie erst einmal nicht mehr daran denken, wartete doch ein paar Parsec weiter bereits Savages neuer Dienstherr Dooku, begierig darauf, seinen neuen Attentäter-Schüler auszubilden, den ihm Mutter Talzin versprochen hatte. Sollte sich Savage doch in den vier Stunden bis zu seiner Abreise anderweitig vergnügen! Asajj Ventress brauchte also vorerst keine Angst zu haben, jetzt sofort ein Versprechen einzulösen, welches sie eigentlich gar nie hatte geben wollen. Jetzt war es erst einmal Zeit für ein warmes Bad zur Entspannung. Nur für sie allein.
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Asajj Ventress kehrte aus der Welt ihrer Gedanken an Früher zurück – erwachte aus ihrer unschlüssigen Lethargie. Unter ihr auf dem Boden der unteren Ebene des Müllfrachters lag immer noch bewusstlos der rothaarige Jedi. Ohne sein Lichtschwert, wie ihr erst jetzt auffiel. Ihr Blick schweifte nach oben zu den beiden Zabraks auf dem schmalen Gang auf der anderen Seite des Müllfrachters. Da, am Stahlgürtel des Roten sah sie den ihr bestens bekannten Griff des Lichtschwerts von Obi-Wan Kenobi. Wenn sie jetzt nicht handelte, dann würde der Jedi in Bälde nicht nur bewusstlos sein.
Note der Autorin: In diesem Kapitel geht es hauptsächlich um Ereignisse, die sich in den The Clone Wars-Folgen aus Staffel 3 „Monster" sowie Staffel 4 „Rache" abspielen.
Mehr zu den Auswahltests in der Nachtbrudersiedlung kann man im „Buch der Sith" von Daniel Wallace aus dem Jahre 2012 lesen.
