Whiskey Lullaby

(Story von Satia)

Die weißen Flocken waren dicker und dicker geworden, während das Paar vor den beiden Erinnerungssteinen stand unter der größten Weide die der alte Friedhof aufwies zu finden waren.

„Wie lange ist es nun her?", fragte die Frau, die sich in tiefer Vertrautheit in den Arm des Mannes neben sich geschmiegt hatte, während dieser den Arm zärtlich um sie gelegt hielt.

„Das fragst du jedes Jahr, Liebste.", antwortete er sanft „in diesem Dezember sind es fünfzehn Jahre, seit er sich das Leben genommen hat."

Eine ganze Weile schwiegen sie, dann durchbrach sie die Stille mit ihrer leisen Stimme.

„Er war so arrogant, stets so griesgrämig, aber er schien auch so stark... ich habe mir damals nicht einmal Gedanken gemacht, als er immer mehr getrunken hat. Es schien so gut zu ihm zu passen... es war so... slytherin..."

Er zog sie etwas näher an sich heran.

„Wir alle haben es erst gemerkt, als es schon zu spät war. Hör auf, dich für alles verantwortlich zu fühlen. Du konntest es nicht verhindern. Er ging davon aus, dass er bei ihr niemals eine Chance hätte. Und trotz aller Stärke hat er es nie gewagt, es ihr zu sagen. Vielleicht wollte er sich selbst auch nicht gestehen, dass er eine Gryffindor liebte, die obendrein so viel jünger war als er..."

„Das Bild... du vergisst das Bild, das wir bei ihm gefunden haben. Ihr Bild... Nein, er hatte es sich gestanden und das hat ihn zerstört. Es hat nicht in sein Leben gepasst, also hat er versucht, so viel zu trinken, bis er sie vergessen kann, bis sein Schmerz betäubt ist..." Ihre Stimme stockte und er fuhr für sie fort.

„... bis er in dieser einen Nacht erkannte, dass es ihm nicht gelingen würde. Also hat er es beendet... verrückt, dass ausgerechnet Harry ihn gefunden hat... das Gesicht im Kissen vergraben, ihr Bild in der Hand und mit einer Ruhe in den blassen Gesichtszügen, als sei ihm in seinem letzten Whiskey-Rausch noch ein Schlaflied gesungen worden und in seiner Hand dieser hingekrakelte Zettel, dass er sie lieben würde bis in den Tod..."

Sie löste sich von ihm und ging die zwei Schritte auf den Erinnerungsstein zu auf dem sein Name stand und legte die Blumen auf dem Grab ab.

„Am Ende hat er Erinnerung doch weggetrunken", flüsterte sie und man hörte, wie der Gedanke sie schmerzte, dass Liebe so weh tun konnte, dass man sie mit Gewalt verdrängen wollte...

Aber er schüttelte den Kopf, als sie zu ihm zurückging und sich wieder in seinen Arm schmiegte, als solle er sie vor dieser traurigen Geschichte beschützen. „Nein... er hat die Erinnerung nicht weggetrunken – er hat sie nur an sie weitergegeben..."

Sie nickte und blickte zu dem zweiten Erinnerungsstein.

„Du hast recht... Harry hätte ihr niemals von dem Bild und schon gar nicht von dem Zettel erzählen dürfen. Sie hat sich vom ersten Moment an schuldig gefühlt und ist diese Last nie wieder los geworden. Ist es nicht schrecklich, dass sie ihn auch geliebt hat, und dass sie nur aus falschem Gryffindor-Stolz und weil er sie stets so schlecht behandelt hatte, niemals auch nur eines seiner liebevollen Worte akzeptiert hat? Als er tot war hat sie Stück für Stück jeden seiner Annäherungsversuche verstanden und ist dabei wahnsinnig geworden..."

„...und hat genauso zu trinken begonnen wie er." Erinnerte er sich „Ich hätte etwas sagen müssen, als ihr Atem immer häufiger nach Whiskey gerochen hat. Aber sie war immer so grenzenlos vernünftig gewesen, dass ich gedacht habe, sie würde es alleine schaffen. Es sei nur eine Phase..."

Sie sah zu ihm hoch.

„Das haben wir alle geglaubt und haben gleichzeitig dabei zugesehen, wie die Schuld, die gar nicht ihre war, sie zerfressen hat und wie sie versucht hat, die Erinnerung an ihn ebenfalls im Alkohol zu ertränken."

Sie schwiegen wieder beide lange, bevor er erneut sprach. Leise.. kaum hörbar...

„Niemals hätte ich gedacht, dass diese lebenslustige, junge, talentierte Gryffindor sich für ihn umbringen könnte. Ihre Eltern waren am Boden zerstört... sie hatte den Krieg überlebt, um dann so nutzlos ihr Leben zu geben, wie es nur möglich war, weil sie glaubte... nein... weil sie wusste, dass sie der Grund für seinen Tod war."

Nun trat er vor und legte Blumen auf das Grab der Gryffindor.

„Warum? Warum hast du das getan? Warum bist du nicht zu uns gekommen? Warum musstest du dir dasselbe Schlaflied singen lassen? Warum musstest auch du mit dem Bild deiner großen Liebe in der Hand tot auf deinem Bett aufgefunden werden? Ein letzter Fluch im letzten Rausch. Du hättest noch so viel erleben können, wenn du nur bereit gewesen wärst, dir helfen zu lassen..."

Sie kam zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Sie hatte keine Kraft mehr. Du konntest nicht alle retten. Den Krieg konnte man bekämpfen – aber gegen Liebe gibt es kein Mittel, keine Waffe, keine Medizin."

Er stand auf, drehte sich zu ihr und zog sie mit aller Kraft in seine Arme, vergrub sein Gesicht an ihrem Hals.

„Ich bin so dankbar, für deine Liebe." Hauchte er ihr ins Haar.

„Und ich für die deine", antwortete sie mit einem Kratzen in der Stimme, das verriet, dass ihr Tränen in den Augen standen. „Und wer weiß... vielleicht war der Tod dieser beiden das letzte Zeichen, das wir beide brauchten, um uns endlich zueinander zu bekennen, um nicht den selben Fehler zu begehen."

Er nickte an ihrem Hals.

„Was der Grund dafür ist, dass wir ihnen jedes Jahr Blumen bringen... ich weiß..."

Sie nahm sein Gesicht und küsste ihn sanft.

„Lass uns zurückgehen, Severus. Die anderen warten bereits mit Punsch und Weihnachtsliedern auf uns. Und du hast versprochen, dass du dieses Jahr dabeibleiben wirst."

Der Zaubertrankmeister lächelte Hermine, seine geliebte Frau Hermine an und nickte „Wenn du mich lieben würdest, würdest du mich nicht auf dieses Versprechen festnageln.", neckte er sie und sie lächelte verschmitzt zurück – die Augen immer noch ein wenig feucht „Weil ich dich liebe, habe ich dich in den vergangenen fünf Jahren aus diesem Versprechen an jedem Weihnachtsfest entlassen – aber nicht in diesem Jahr. Nicht in diesem..."

Er wandte sich zum Gehen, nickte schmunzelnd und zog sie an sich, so dass sie Arm in Arm den Friedhof verließen.

Hinter ihnen setzten sich immer mehr der dicken weißen Schneeflocken, die es unter den Schutz der alten Weide hindurch auf die Grabsteine schafften, auf den beiden grauen, Felsen ab, die die Namen Draco Malfoy und Ginevra Weasley trugen...

ENDE

Inspiriert wurde diese Geschichte durch den Song „Whiskey Lullaby, von Brad Paisley, den man sich bei Youtube ansehen kann.