Bury my heart

Kapitel 12

Licht und Dunkelheit

Der Beginn des neuen Schuljahres stand unmittelbar bevor und das bedeutete gleichzeitig, dass eine neue Ära eingeleitet wurde.

Hagrid saß am Lehrertisch und heulte wie ein Schlosshund, als er sah, wie Lehrer und Schüler in die festlich geschmückte Halle strömten, um an der großen Feier teilzuhaben, die sie alle hier zusammenführen sollte. Er sah aus, als könnte er noch immer nicht begreifen, dass Dumbledore nie mehr zurückkommen würde, um eine seiner berühmten Reden zu halten.

An Stelle von Snape hatte nun Professor McGonagall die Leitung der Schule übernommen. Abgesehen davon gab es im Kollegium keine allzu großen Änderungen. Slughorn und Snape hatten ihre Unterrichtsfächer getauscht, ganz so, wie Snape es Hermine im Grimmauldplatz gesagt hatte.

Die Eröffnungsfeierlichkeiten von Hogwarts waren beeindruckend und wehmütig zugleich. Professor McGonagall konnte sich als neues Schuloberhaupt mit einer anspruchsvollen Rede einen Platz in den Herzen der Zuhörerschaft erkämpfen. Ihre Worte mahnten zur Vorsicht mit den Mächten der Zauberei und auch dazu, die Opfer der Toten nie zu vergessen.

Zur Krönung des Abends hatten die Hauselfen ein herrliches Festessen zubereitet und schon bald darauf sackten alle Anwesenden satt und müde in ihren Stühlen zusammen.

Hermine machte sich gemeinsam mit Ginny auf den Weg zum Schlafsaal der Gryffindors und war zu erschöpft, um noch länger mit ihr zu plaudern. Doch Ginny sah das offenbar anders und quatschte munter weiter.

„Hast du schon den ausgehängten Stundenplan gesehen?"

Hermine schüttelte den Kopf.

„Ich frage mich, warum du dir das antun willst, Hermine. Du hättest bestimmt auch ohne Abschluss die besten Chancen gehabt, irgendwo unter zu kommen."

Sie gähnte träge. „Schon möglich, Gin. Aber der Hauptgrund, warum ich hier bin, ist der, dass ich einfach nicht wusste, wo ich hin soll. Meine Eltern sind noch immer in Australien und haben keine Ahnung, dass es mich gibt. Vermutlich wird das auch für immer so bleiben. Abgesehen davon kann ich nicht einfach beim Ministerium zu arbeiten anfangen, ohne zu wissen, was ich will."

Ginny nickte nachdenklich mit dem Kopf. „Vielleicht hast du Recht und du brauchst etwas Zeit, um das alles zu verarbeiten. Ich schätze, nicht jeder kann ein Auror werden, oder?" Sie grinste Hermine schelmisch an. „Nebenbei, Ron hat sich nach dir erkundigt."

Hermine spürte einen Stich in ihrem Herzen. „Und?", fragte sie vorsichtig.

Die Tatsache, dass er und Harry Auroren werden wollten und nicht mehr mit ihr zur Schule gingen, zeigte ihr nur zu deutlich, dass sie allesamt die Kindheit hinter sich gelassen hatten.

„Er wollte einfach nur, dass ich mich um dich kümmere. Er sagt, dass es ihm leid tut, dass nichts aus euch geworden ist. Aber es sollte wohl nicht sein."

Sie biss sich auf die Lippe. „Wir haben es versucht, Gin. Aber wir sind einfach zu verschieden. Außerdem ist er neben Harry mein bester Freund und ich kann es mir nicht leisten, ihn zu verlieren."

„Schon gut", stimmte Ginny zu. „Du musst mir nichts erklären. Ich weiß selbst, wie er so drauf ist. Manchmal kann er ein ziemlicher Idiot sein."

Sie rollte übertrieben mit den Augen, um die Wirkung ihrer Worte noch zu verstärken. Doch Hermine wusste, dass sie es nicht ganz so hart meinte, wie sie tat. Freds Tod hatte die ganze Familie noch enger zusammengeschweißt.

„Jedenfalls bist du fast wie eine Schwester für mich, genauso wie für ihn. Er liebt dich. Nur eben anders."

Hermine nickte nachdenklich, sagte aber nichts dazu, um das Thema nicht noch weiter zu vertiefen. Sie wollte ihren ersten Abend in Hogwarts genießen und von vorne anfangen. Da war es nicht gerade förderlich, jetzt über Ron zu reden.

„Ich bin sicher, wir werden das schon hin bekommen."

„Das hoffe ich wirklich, Gin. Ron zu verlieren, würde mir schwer zu schaffen machen."

„Keine Sorge. Soweit wird es nicht kommen."

Hermine hoffte inständig, dass sie Recht hatte. Nach all den Ereignissen in den vergangenen Monaten war sie nicht sicher, ob sie weitere schlechte Nachrichten verkraften könnte.

xxx

Die erste Nacht im Schloss weckte in Hermine Erinnerungen an ihre Schulzeit, eine Zeit, in der sie sich hier wohlgefühlt und sicher gefühlt hatte. Sie war glücklich gewesen und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es bald wieder so sein würde.

Seufzend wälzte sie sich von einer Seite auf die andere, bis sie endlich erschöpft einschlief.

Schon am nächsten Tag musste sie feststellen, dass es gewisse Dinge gab, die sich wohl nie ändern würden.

Das Frühstück in Hogwarts war fantastisch und die Stimmung am Tisch der Gryffindors gut. Auch der Unterricht in Zaubertränke mit Snape verlief noch genauso wie damals.

Energisch betrat er das Klassenzimmer und fing an, seine Schüler zu belehren. Er wirkte auf alle, als hätten die letzten zwei Jahre mit den unzähligen, einschneidenden Ereignissen nie stattgefunden.

Selbst für Hermine, die die Gelegenheit bekommen hatte, ganz andere Seiten an ihm kennen zu lernen, hatte es den Eindruck, als wäre sein altes Ich zurück und sie wusste einen Moment lang nicht, ob sie mit den Augen rollen oder ihn dafür bewundern sollte.

„Hättest du gedacht, jemals neben mir in Snapes Unterricht zu sitzen?", fragte Ginny leise, als er mit dem Rücken zu ihnen gewandt vor der Tafel stand und drauf los kritzelte.

Hermine schüttelte den Kopf.

„Etwas Gutes hat das ganze Drumherum ja", flüsterte Ginny hinter vorgehaltener Hand weiter. „Snape wird immer der bleiben, der er ist. Selbst dann, wenn die ganze Welt in Schutt und Asche liegt."

Sie konnte sich ihr Gekicher kaum verkneifen. Hermine aber biss sich auf die Zunge. Sie wusste, dass das nicht wahr war, konnte es jedoch nicht riskieren, etwas über die Details zu verraten, die sie im Haus der Malfoys erlebt hatte. Sie wollte nicht, dass jemand davon erfuhr. Es war schon schwer genug gewesen, den Jungs klar zu machen, dass während ihrer Gefangennahme nichts Außergewöhnliches geschehen war, abgesehen von der unerfreulichen Begegnung mit Bellatrix Lestrange. Eine Begegnung mit Snape aber hätte bestimmt zahlreiche Fragen nach sich gezogen, die sie nach Möglichkeit nicht beantworten wollte.

„Würden Sie uns bitte darüber aufklären, was so komisch ist, Miss Granger?"

Hermine fuhr alarmiert herum und wurde augenblicklich knallrot im Gesicht, als sie Snape vor ihrem Tisch stehen sah. Sie war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie ihn gar nicht kommen gehört hatte.

„Es ist nichts, Professor", sagte sie kleinlaut.

Er hob eine seiner Brauen an. „Tatsächlich?"

Verlegen schüttelte sie den Kopf und starrte ihn mit offenem Mund an.

Seine düsteren Augen blitzten für einen winzigen Augenblick auf und glitten zu Ginny hinüber. „Miss Weasley. Wären Sie so freundlich, uns allen mitzuteilen, was Sie Miss Granger zu sagen hatten?"

Ginny erstarrte und senkte den Kopf, ohne auch nur ein Wort zu erwidern und Hermine wünschte sich insgeheim, sie hätte schon eher so gehandelt.

„Hmmm, sehr schade", bemerkte Snape wie beiläufig.

Ein sardonisches Grinsen erschien auf seinem Gesicht und Hermine senkte beschämt den Blick. Sie wusste, was jetzt kommen würde.

„Jeweils fünf Punkte Abzug für Gryffindor für unachtsames Verhalten im Unterricht."

Ein Raunen ging durch die Klasse und Hermine hielt gebannt die Luft an. Wie konnte er das nur immer einfach so tun? Es war unfair, keine Frage, schließlich war es Ginny gewesen, die sie abgelenkt hatte. Außerdem war es nicht gerade ein guter Start ins neue Schuljahr, gleich in der ersten Woche Hauspunkte zu verlieren.

„Hat sonst noch jemand etwas dazu beizutragen?", fragte Snape scharf. Seine Augenbrauen waren bis zum Anschlag nach oben gesaust und seine rabenschwarzen Augen scannten aufmerksam die Klasse. „Gut. Dann sollten Sie jetzt endlich Ihre Bücher aufschlagen. Alle!"

Lautlos schwebte er zur Tafel zurück und fuhr mit dem Unterricht fort.

xxx

Am Ende der Stunde hatten sie es alle eilig, die Kerker so schnell wie möglich zu verlassen. Hermine vielleicht noch mehr, als der Rest von ihnen. Sie schämte sich dafür, die Hauspunkte verloren zu haben, obwohl es eigentlich nicht ihre Schuld gewesen war. Aber die Enttäuschung der anderen Schüler war nicht zu überhören und führte unweigerlich dazu, dass sie sich schlecht fühlte.

Sie ließen sich lautstark über Snape aus und Hermine überkam plötzlich ein eigenartiges Gefühl. Die Dinge, die Ginny zu ihr gesagt hatte, waren nicht richtig gewesen. Doch weder sie, noch sonst einer ihrer Klassenkameraden konnte es erahnen, denn schließlich waren sie nicht dabei gewesen, als Snape in der heulenden Hütte mit dem Tod gekämpft hatte. Auch dann nicht, als er einige andere Dinge durchgemacht hatte, die sie am liebsten für immer und ewig aus ihrem Gedächtnis verbannt hätte.

Wie es aussah wusste nur Hermine, dass Snape etwas Besseres verdient hatte, als das Gemurmel der Schüler, die sich hinter seinem Rücken das Maul über ihn zerrissen. Die Erinnerungen an die Erlebnisse in der Zelle weckten ein schlechtes Gewissen in ihr und sie blieb stehen.

Noch immer hatte sie nicht die erhoffte Gelegenheit bekommen, mit Snape über die Dinge zu reden, die in Malfoy Manor geschehen waren, doch sie wusste nur zu gut, dass sie nicht einfach so tun konnte, als wäre nie etwas passiert.

„Was ist?", fragte Ginny verwundert, nachdem sie keine Anstalten machte, sich weiter zu bewegen.

Hermine schüttelte den Kopf. „Geht ihr schon mal vor. Ich glaube, ich habe eines meiner Bücher unter der Bank vergessen."

Ohne auf eine Antwort zu warten, machte sie kehrt und rannte den Gang entlang, zurück zu Snapes Klassenzimmer. Warum sie es tat, wusste sie selbst nicht. Sie hatte einfach das Gefühl, dass es sein musste. Außerdem konnte sie das Gespräch nicht ewig hinauszögern. Selbst er würde das früher oder später einsehen müssen.

Die Tür am Ende des Gangs war nicht verschlossen, sondern nur angelehnt, also sah Hermine keinen Grund, um zu klopfen. Vorsichtig öffnete sie sie und lugte um die Ecke. Beinahe erschrak sie bei dem Anblick, der sich ihr bot.

Snape war mit lang ausgestreckten Beinen auf seinem Stuhl hinter dem Pult zusammen gesunken und hatte den Kopf tief in seinen Händen vergraben. Seine Haare waren ein einziges Durcheinander und verdeckten die blassen, eleganten Finger, sodass er nichts weiter von sich offenbarte, als eine schwarze Trauerfigur.

Hermine blieb verunsichert stehen. Allem Anschein nach war er so tief in sich gekehrt, dass er ihre Anwesenheit noch gar nicht bemerkt hatte. Ihr Herz pochte wild. Sie hatte nicht damit gerechnet, ausgerechnet Snape unbeobachtet zu überraschen. Da war es keine Frage, dass er wütend sein würde, wenn er sie hier sehen würde und vermutlich sollte sie besser wieder gehen...

Sie war schon halb wieder zur Tür raus, als sie einen tiefen Seufzer aus seiner Richtung hörte, der ihre Nackenhaare senkrecht nach oben schießen ließ. Wie gebannt hielt sie inne und beobachtete ihn.

Snape sah verloren und einsam aus und sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn schon einmal in solch einem Zustand gesehen zu haben. Sogar damals in der Zelle in Malfoy Manor hatte er sich einen Teil seiner berüchtigten Kälte und Selbstbeherrschung bewahrt. Nicht aber in diesem Moment. Er wirkte schwach und zerbrechlich. Zum ersten Mal sah er so aus, als würde er nicht in dieses Klassenzimmer gehören, obwohl er der Inbegriff des Zaubertanklehrers schlechthin war.

Hermine schauderte, als sie begriff, was in ihm vorgehen musste. In Wahrheit aber konnte sie es nur erahnen.

Er hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt, um die Welt der Zauberer vor dem Untergang zu bewahren. Er hatte den Krieg überlebt, obwohl er dem Tode geweiht war. Doch jetzt, nachdem alles vorbei war und er niemanden mehr hatte, der ihm sagte, was er tun sollte, fühlte er sich unnütz und verloren.

Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden und starrte ihn voller Bewunderung an. Und so kam es, dass sie etwas Neues an ihm sah: Unsicherheit.

Snape war ein harter, unerbittlicher Lehrer gewesen. Im Kampf gegen Voldemort war er stark und unbeugsam gewesen und hatte sie alle getäuscht. Doch diese Unsicherheit war es nun, die ihr Empfinden für ihn vollkommen auf den Kopf stellte. Es zeigte ihr, dass noch mehr in ihm steckte, als es den Anschein hatte. Er bestand aus anderen Dingen, als nur seiner Arroganz und dieser starren, kalten Fassade, hinter der er sich zu seinem eigenen Schutz verbarg.

Sie fröstelte. Hatte sie denn überhaupt jemals etwas über ihn gewusst? Es erschien ihr paradox zu sein, denn selbst jetzt, nachdem sie von Harry von all seinen Opfern erfahren hatte, die er erbracht hatte, um die magische Welt zu retten, war er ein einziges Mysterium.

Noch immer wusste sie nicht, was sie tun sollte. Konnte sie es wagen, ihn anzusprechen und seine Ruhe stören?

„Professor?", fragte sie vorsichtig.

Sein Kopf schoss wie elektrisiert in die Höhe und sofort hatte er sie mit seinen schwarzen Augen fixiert. Strähnen hingen ihm ins Gesicht, doch sein wütender Blick zeigte ihr nur zu deutlich, dass sie gut daran getan hätte, den Mund zu halten.

Hermine fühlte sich dennoch auf eine eigenartige Weise zu ihm hingezogen. Vielleicht waren die Dinge, die damals im Kerker von Malfoy Manor geschehen waren, so eindrucksvoll gewesen, dass sie jetzt ihre ganze Gefühlswelt durcheinander bringen konnten. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein Fünkchen Mitleid, das sie mit der armseligen Kreatur empfand, die hinter dem Pult saß und offenbar weder ein, noch aus wusste.

Snape war am Leben. Und sie war es ebenfalls. Es war wie ein Wunder, dass sie beide die Torturen des Krieges überstanden hatten, da musste es unweigerlich eine Verbindung zwischen ihnen geben. Etwas, das sie gemeinsam durchgemacht hatten. Und selbst dann, wenn er sich vielleicht niemals ändern würde, war es für Hermine an der Zeit, die Dinge auf ihre Art zu regeln.

„Granger!", dröhnte seine eisige Stimme durch das Klassenzimmer.

Hermine schauderte. „Professor … Ich – ich kam, um mit Ihnen zu sprechen", stammelte sie unbeholfen. „Ich musste es tun."

Der Blick, den er ihr zuwarf, besagte ihr, besser vorsichtig zu sein. Doch Hermine konnte nicht einfach wieder gehen. Nicht, bevor sie das mit ihm geklärt hatte.

„Bitte, hören Sie mich an, Professor", sagte sie weiter. Er schnaubte unbeeindruckt, doch bevor er etwas erwidern konnte, fuhr sie fort. „Es ist so viel passiert in den letzten Monaten. Und noch immer gibt es so viel, das ich nicht verstehe. Ich kann nicht einfach so tun, als wären die Dinge in Malfoy Manor nie geschehen ..."

Sie verstummte plötzlich, als er Anstalten machte, sich zu erheben. Doch es geschah so langsam und unkoordiniert, als wäre er betrunken.

Hermine schluckte. Nur langsam begriff sie, dass er am Ende war. Seine sonst so beherrschte Art war verschwunden. Er wirkte abgeschlagen und bedrückt und das war etwas, was sie nicht von ihm erwartet hätte.

„Es tut mir leid", flüsterte sie sanft. „Was Sie durchstehen mussten war grausam. Die Einsamkeit, die Sie gefühlt haben mussten, als Ihnen der Rest der Welt den Rücken zugekehrt hat ... Es war nicht richtig von Dumbledore, das von Ihnen zu verlangen, Professor." Sie seufzte. „Ich weiß, das ist kaum ein Trost für Ihre Entbehrungen, aber wenn es Sie beruhigt … ich habe mich auch oft einsam gefühlt."

Endlich schaffte er es, aufzustehen. Sein ganzer Körper schien zu beben und seine Bewegungen waren außergewöhnlich langsam, fast so, als wäre er nicht länger Herr über sich selbst.

Mühevoll stützte er sich mit den Händen auf dem Tisch ab, dann umrundete er ihn Schritt für Schritt, ohne ihn loszulassen, bis er unmittelbar vor ihr stand.

Hermines Herz klopfte panisch, als sie zu ihm aufblickte, denn obwohl er den Oberkörper gekrümmt hatte, wirkte er enorm groß.

Dann stand er über sie gebeugt und begann zu sprechen. „Wagen Sie es nicht, mir etwas über Einsamkeit zu erzählen, Granger." Es klang wie eine Warnung. Seine Hände, die immer noch auf dem Tisch ruhten, zitterten unübersehbar.

Hermine schüttelte abwehrend den Kopf. „Das würde ich nie tun, Professor. Ich – ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich froh bin, dass Sie es waren, der mit mir in der Zelle war. Ich bin mir nicht sicher, ob jemand anders die Kraft besessen hätte, mir die Situation so erträglich wie möglich zu machen."

Sprachlos starrte er sie an. Sein Mund stand offen, als wollte er etwas sagen. Hermine aber sah, dass er es nicht konnte. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und legte ihre Hände auf seine. Es war eine unschuldige, tröstende Berührung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Er fühlte sich sichtlich überrascht und zuckte zusammen, als sich ihre Hände berührten. Seine Lippen bewegten sich, doch nichts kam heraus.

Nur langsam dämmerte ihr, dass diese kleine Geste für ihn weitaus mehr sein musste, als er in all den vergangenen Jahren erhalten hatte. Sie biss sich auf die Lippe. Der Gedanke war grausam.

„Es war nicht nur Fred, der vor meinen Augen starb, Professor", sagte sie dann und drückte dabei seine Hände. „Sie waren es ebenso. Ich war dabei, als Sie gegen Naginis Gift gekämpft haben. Und als Harry mir später das mit Ihren Erinnerungen klar gemacht hat, habe ich mir geschworen, alles anders zu machen. Selbst dann, wenn ich nicht weiß, wie ich es tun soll, möchte ich es versuchen. Ich weiß, dass Sie getan haben, was Sie konnten, Professor", sagte sie weiter. „Dafür möchte ich Ihnen danken. Ich bin froh, dass Sie es waren, der bei mir war. Und ich weiß, dass ich in Ihrer Schuld stehe. Ich weiß, was Sie für uns alle getan haben."

Snape schluckte hart. „Sie, Miss Granger, haben kein Recht, so etwas zu sagen."

„Aber es ist wahr! Es geht aufwärts. Der Krieg ist vorbei und wo Schatten war, ist jetzt Licht, Professor ..."

Er hob die Hand und sie verstummte augenblicklich wieder. „Denken Sie nicht, ich habe genug?", fragte er bitter. Dann senkte er den Kopf, sodass sein Gesicht von Strähnen verdeckt wurde und sie seinen Ausdruck nicht länger sehen konnte. „All die mitleidigen Blicke, die mir folgen, seit die Welt weiß, was ich getan habe? Schüler, die hinter meinem Rücken über mich redeten, gab es in meinem Leben genug. Ich bin es leid, zu einem Objekt gemacht zu werden, über den man spricht, Miss Granger. Ich habe Sie und Miss Weasley beobachtet. Die ganze Welt lacht über mich, also tun Sie nicht so, als würde es Sie interessieren, was in mir vorgeht."

Hermine blinzelte ihn verlegen an. „Das wollte ich nicht, Professor. Wirklich nicht. Sie müssen mir glauben ..."

Er fuhr herum und sie bemerkte einen seltsam verzerrten Ausdruck auf seinem Gesicht. Langsam kam er ihr näher, bis er sie fast mit der Nase berührte.

„Nein? Was wollten Sie dann?"

Seine Stimme war eindringlich bis ins Mark und dennoch leise. Er war ihr jetzt so nahe, dass sie seinen Atem spüren konnte, der auf ihre Haut prallte. Sie konnte den Geruch von Tee, Kräutern und Pergament riechen, der ihn umgab. Und noch immer konnte sie die Wut in seinen Augen erkennen und seinen bebenden Brustkorb vor sich spüren, der sich bei jedem Atemzug angespannt hob und senkte.

„Wo sind all die Lichter hin, Miss Granger?", fragte er bitter.

Hermine war so benommen, dass sie es nicht wagte, sich zu rühren.

„Der Krieg ist vorbei und dennoch stehe ich im Schatten, umgeben von Dunkelheit. Denken Sie, Ihre schönen Worte werden das ändern?"

Kaum merklich schüttelte sie den Kopf.

Ein tiefes Schnauben entfuhr ihm. „Gehen Sie. Gehen Sie zu Ihren Freunden und reden Sie weiter über das Licht. Oder über mich. Es ist mir gleich. Aber gehen Sie endlich."

Hermine sah ihm noch einmal in seine glühenden, schwarzen Augen, dann drehte sie sich um und rannte mit wild klopfendem Herzen davon.