12.

„Lisa-Mäuschen, was ziehst du denn für ein Gesicht? Willst du noch einen Kaffee?" – „Nein, lieber nicht", lehnte Lisa das Angebot ihrer Mutter ab. Schweigend saß sie schon den ganzen Morgen am Catering. Außer ihr und Helga war kaum jemand in der Firma. „Was ist denn los, Mäuschen? Hast du schlecht geschlafen?" – „Nei-ein", erwiderte Lisa genervt. „Kein Grund, unfreundlich zu werden", erinnerte Helga ihre Tochter. „Ich bin nicht unfreundlich. Du hast ja keine Ahnung, was hier gleich abgehen wird…" – „Ui, kommt da einer in die späte Pubertät?", unkte Inka, die gerade die Firma betreten hatte. „Ich hätte gerne einen Kaffee", wandte sie sich dann an Helga. „Natürlich." – „Ihr beide habt wirklich keinen Schimmer. Hier droht gleich der Untergang der Firma und ihr trinkt Kaffee", grummelte Lisa. „So eine Phase hatte Timo auch – da war er gerade 14 und die Welt war schlecht und ungerecht und niemand hat ihn verstanden", kicherte Inka. „Die Phase hat Lisa tatsächlich ausgelassen", stellte Helga amüsiert fest. „Na dann wird's ja Zeit, dass du sie nachholst. Also, jammere uns vor, wie böse die Welt ist und wie schlimm es um Kerima steht." – „Ihr habt ja keine Ahnung", zischte Lisa. Sie erhob sich von ihrem Barhocker und ging.

„Frau Plenske", rief Rokko, als er Lisa vom Catering in Richtung ihr Büro laufen sah. „Was ist?", fuhr Lisa schlecht gelaunt herum. „Diese Stimmung ist gut, richtig gut. Wie ein Kampfhund, den man vor dem großen Kampf noch mal tritt, damit er sich besonders tief verbeißt. Aber, liebe Frau Plenske, es ist Herr von Brahmberg, in den Sie sich verbeißen müssen." – „Danke für den Hinweis. War's das?" – „An und für sich schon. Ich wollte auch eigentlich nur wissen, wie es Ihnen geht." – „Wie soll es mir schon gehen? Ich mache mir Gedanken über die Zukunft – die der Firma, meine eigene…" – „Also in Bezug auf die Firma lässt sich sagen, dass Herr von Brahmberg ganz sicher schon irgendwelche Pläne hat. Und in Bezug auf Ihre eigene Zukunft: Nun, Sie haben jetzt einen Ruf in der Branche. Sie finden unter Garantie schneller eine neue Stelle, als Sie ‚feindliche Übernahme' sagen können." - „Sehr schön. Jetzt weiß ich wieder, warum ich Sie so schätze", konterte Lisa gereizt, drehte sich um und wollte schon weitergehen, als Rokko sie erneut zurückhielt: „Frau Plenske, eine Frage." – „Ja." – „Ist eine Nacktschnecke ein Exhibitionist oder einfach nur obdachlos?" – „Wie bitte?", hakte Lisa irritiert nach. „Denken Sie mal darüber nach, das lenkt Sie ein bisschen ab."

„Das sind also meine Pläne für die Firma", schloss Richard einige Zeit später seinen Vortag. „Na toll", unkte David. „Du verkaufst hier Mode und keine Schrauben. Du brauchst etwas mehr als nur die kaufmännische Seite. Du kannst nicht einfach einsparen, indem du Mitarbeiter entlässt." – „Wir haben ja gesehen, wohin das unter Frau Plenskes und deiner Führung geführt hat", konterte Richard ruhig. Betreten sah Lisa auf ihre Hände. Er hätte ja Recht, sie hatte immer den Menschen hinter dem Mitarbeiter gesehen. Darum hatte sie auf Entlassungen verzichtet und lieber an anderen Ecken und Enden eingespart. „So, nun lasst mich doch lieber präsentieren, wie ich mir das Team um mich herum vorstelle", fuhr Richard gewohnt professionell fort. „Hugo bleibt, keine Frage. Was wäre Kerima ohne seinen kreativen Kopf? Max als Personalchef bleibt auch. Sekretärinnen und Assistentinnen werden ab sofort aus dem hauseigenen Pool genommen, sprich Inka, Sabrina und wie sie alle heißen, werden in einen Topf geworfen und müssen auf Abruf für den arbeiten, der sie gerade braucht. Das ist effizient und spart Kosten." – „Ja, wir haben es kapiert. Richard, komm zur Sache", forderte David seinen Rivalen auf. „Die Sache", wiederholte Richard. „Die Geschäftsführer-Sache etwa?" – „Zum Beispiel." – „Das spannendste immer zum Schluss. Kommen wir erstmal zur PR-Abteilung. Hier ist jeder einer zu viel. Outsourcing ist hier das Stichwort. Ich werde für PR-Belange eine Werbeagentur beauftragen, die uns zuarbeitet. Damit muss sich Kerima kein eigenes Personal halten." – „Das ist nicht dein Ernst!?", warf Mariella ein. „Du willst Herrn Kowalski UND mich entlassen?" – „Du hast es erfasst, Schwesterherz. Kerima braucht weder dich noch ihn und noch viel weniger euch beide." – „Das… das… Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was du mit seinem Erbe machst", warf Mariella ihrem Bruder erbost vor. „Schon vergessen, Friedrich lebt noch." – „Aber…", wollte Mariella kontern, erinnerte sich aber, dass Claus von Brahmberg keine biologische Verbindung zu Richard hatte. „Nichts für ungut, Schwesterherz", winkte Richard ab. „Jetzt bleibt noch die Geschäftsführer-Frage. Ich bräuchte ja eigentlich keinen. Ich kann das alles alleine und das habe ich ja zur Genüge gezeigt", lobte Richard sich selbst, wobei er Lisa immer wieder prüfend ansah. „Aber ich will ja nicht leben um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben. Also brauche ich einen Geschäftsführer oder eine Geschäftsführerin, der oder die mich entlastet." – „Richard, spuck es endlich aus", drängte David seinen verhassten Halbbruder erneut. „Und der neue Geschäftsführer ist… Trommelwirbel bitte…", zog Richard die Bekanntgabe gekonnt in die Länge. „Elisabeth Plenske." Lisa sah auf. „Wie bitte?" – „Sie sind Kerimas neue Geschäftsführerin", erklärte Richard Lisa. „Warum?", fragte diese. „Wenn Sie nicht wollen, dann müssen Sie nur ‚nein' sagen." – „Natürlich will sie", ergriff David das Wort. „Ähm… ja… sieht so aus, als würde ich wollen", wandte Lisa sich immer noch verwirrt an Richard. „Schön, dann wäre ja alles klar. Übrigens…", drehte Richard sich zu David um. „… die Agentur für Arbeit ist nur…" – „Halt's Maul", stand David kurz davor auszurasten. „Ich habe Anteile und somit ein Recht auf einen Job – genauso wie Mariella." – „Jup, und ich bin der neue Mehrheitseigner. Trommel den Vorstand zusammen und wir stimmen demokratisch darüber ab." Richard stapelte seine Unterlagen fein säuberlich übereinander und wollte sich erheben, als Lisa noch eine Frage hatte: „Ab wann… also… ich meine, wann ist mein offizieller Arbeitsbeginn?", wollte sie von ihm wissen. „Ab Montag würde ich mal sagen. Tja, dann machen Sie sich mal ein schönes verlängertes Wochenende – nächste Woche geht's hier in die Vollen."

„Herr Kowalski", hechtete Mariella ihrem ehemaligen Kollegen hinterher. „David und ich wollten essen gehen." – „Das freut mich", erwiderte Rokko. „Wollen Sie nicht mitkommen? Ich würde auch Frau Plenske dazu bitten. Dann könnten wir gemeinsam überlegen, wie es jetzt weitergeht." – „Und ausgerechnet ich soll dabei sein?" – „Hören Sie, ich weiß ja, dass wir… fachliche Differenzen hatten, aber Kerima braucht jetzt jede helfende Hand. Wenn Ihnen das Unternehmen egal ist, dann ist das okay… Allerdings… dann würde mich mein Eindruck doch sehr täuschen, oder?" – „Wohin geht's denn? Das Restaurant, meine ich? In welches gehen Sie?" – „Nicht in Wolfhardts. Da ist Richard zu oft. David hat mal von dem Italiener erzählt, bei dem er mit Frau Plenske und Herrn Decker war. Wir könnten dahin gehen." – „Gut. Ähm… darf ich Frau Plenske bitten mituzgehen?" – „Wenn Sie das für eine gute Idee halten, bitte."

„Ich kapiere einfach nicht, warum Richard ausgerechnet dich in seinem Team haben will", dachte David laut nach. „Vielleicht schätzt er meine fachlichen Fähigkeiten", stichelte Lisa genervt zurück. „Ja, was auch sonst?", lachte David auf. „Aber wieso hat er dich vorher medial kaputt gemacht? Das ist doch schizophren!" – „Du kannst deinem Feind besser auf die Finger gucken, wenn du ihn in der Nähe hast", meldete Rokko sich nun zu Wort. „Häh? Das ist doch ausgemachter Blödsinn", wies David sein Gegenüber zurecht. „Das finde ich gar nicht", widersprach Mariella. „Ich finde schon, dass das irgendwie Sinn macht. Okay, es war jetzt nicht gerade die feine englische Art, Frau Plenskes Geschichte so auszuschlachten, aber anders wären die Aktien ja nicht gesunken und Richard hätte die Mehrheit nicht erwerben können. Aber darauf haben wir ja jetzt eh keinen Einfluss mehr. Viel wichtiger ist ja, wie wir jetzt weitermachen. Frau Plenske ist ja immer noch im Unternehmen. Wir beide…", deutete sie erst auf sich und dann auf David. „… werden den Vorstand mal bemühen. Eventuell geht da ja noch etwas." – „Wenn Richard alle seine Pläne so umsetzt…", gab Lisa in ihren Nudeln herumstochernd zu bedenken. „… dann steigen die Aktien wieder. Dann ist ein Rückkauf unmöglich." – „Das hast du doch aber schon mal geschafft", wurde David euphorisch. „Weißt du nicht mehr, damals mit B-Style." – „Da kamen mehrere glückliche Faktoren zusammen. Glaubst du, Richard wirft die Mehrheit unangekündigt auf den Markt – so wie Karski das gemacht hat? Wohl kaum. Außerdem ist der Hype um B-Style gerade am Abkühlen." – „Das lässt sich ändern", stieg Mariella in Davids Euphorie mit ein. „Herr Kowalski hat doch so viele, frische, junge, neue Ideen – er ist perfekt für B-Style." – „Was ist B-Style?", wollte Rokko wissen. „Nicht so wichtig", winkte Lisa ab. „Doch, sehr wichtig", widersprach Rokko. „Wenn ich helfen soll, dann muss ich wissen wie."

„Am besten, wir halten uns gegenseitig auf dem Laufenden", stellte David einige Zeit später fest. „Wir könnten uns ein oder zwei Mal die Woche treffen und uns gegenseitig berichten, wie wir im Projekt ‚Kerima zurückerobern' vorwärts kommen." – „Klingt gut", stimmte Rokko zu. „Dann würde ich sagen, wir treffen uns gleich Dienstag bei uns in der Villa – direkt nach Lisas Feierabend natürlich." – „Die Villa finde ich zu auffällig", gestand diese. „Richard merkt doch, wenn ich zwei Mal die Woche zu euch gehe – seine Wohnung liegt immerhin auf dem Weg. Da sieht er mich doch." – „Du könntest ihm sagen, dass du in der Nähe ins Fitness-Studio gehst, wenn er fragen sollte. Ach nee, das ist doof, er merkt ja, wenn du nicht dünner wirst. Bibelkreis? Handarbeit?" – „David, lass deine blöden Kommentare einfach stecken, ja?", wies Lisa ihr Gegenüber zurecht. „Ihr könntet auch zu mir kommen. Ihr habt ja jetzt Zeit – so arbeitslos", giftete sie ihn dann an. „Das ist mir zu weit", stichelte David zurück. „Außerdem haben wir bei dir keine Ruhe – da sind ja deine Eltern." – „Bei dir doch auch." – „Wo Frau Plenske Recht hat", unterstützte Mariella Lisa plötzlich. „Friedrich wird es nicht gefallen, wenn wir in seinen vier Wänden den Putsch planen. Aber Göberitz ist wirklich zu weit", wandte sie sich dann an Lisa. „Dann machen wir es bei mir", grinste Rokko. „Meine Wohnung ist recht zentral, Richard wird sich nicht wundern, weil Sie ohnehin die S-Bahn zu mir nehmen müssen und außer meiner Katze hört niemand mit."

„Sollen wir Sie nach Hause fahren?", bot Mariella Lisa an. „Nein, das machen die Verkehrsbetriebe", lehnte diese ab. „Herr Kowalski, wollen Sie mitfahren?", wandte die adrette Werbefachfrau dann an ihren ehemaligen Kollegen. „Nein, nein. Ich laufe heute mal. Sie wissen ja, Männer und ihre verfetteten Herzkranzgefäße – Bewegung tut mir sicher gut." – „Ich glaube zwar kaum, dass Sie jetzt schon Gefahr laufen, einen Infarkt zu kriegen, aber immer laufen Sie", lachte Mariella. „Bis Dienstag dann", verabschiedete sie sich.

„Wieso warst du denn so eklig zu Frau Plenske?", rügte Mariella ihren Lebensgefährten. „Es kotzt mich einfach an, dass sie so unprofessionell ist. Posaunt ihr Privatleben einfach so in der Gegend herum." – „Sie hat es nicht herumposaunt. Sie hat sich Herrn Kowalski anvertraut. Das ist etwas ganz Anderes. Versetz dich doch mal in ihre Lage – sie hat mit ihrem Halbbruder geschlafen. Da würdest du auch mit jemanden reden wollen." – „Glücklicherweise ist mir das nie mit Richard passiert", konterte David. „Du weißt genau, was ich meine. Das ist bestimmt keine leichte Situation für sie und dann ist auch noch Herr Decker nicht da." – „Er ist für eine Woche weg, Liebes, nicht für sein ganzes Leben."

„Haben Sie nicht gerade gesagt, dass Sie in die andere Richtung müssten?", wunderte Lisa sich, als sie Rokko neben sich entdeckte. „Ja, aber wissen Sie, so eine Straße ist etwas Tolles – man kann sie auf und ab gehen, verstehen Sie?" – „Ja, das tue ich." – „Sagen Sie, wie geht es Ihnen denn nun wirklich? Mit der Übernahme und dem ganzen Drum und Dran?" – „Meine Welt liegt in Scherben", seufzte Lisa verzweifelt. „Und ich verfluche mich innerlich dafür. Es ist doch albern, dass ich dieser Firma so hinterher trauere – alle leben noch und sind gesund. Kein Grund zu trauern. Das kommt Ihnen sicherlich schrecklich oberflächlich vor." – „Nicht im geringsten", entgegnete Rokko. „Sie haben um die Firma gekämpft. Sie haben hart dafür gearbeitet." – „Ja. Und das bricht mir jetzt das Genick, denn ohne diese Firma bin ich gar nichts." – „Natürlich sind Sie immer noch jemand. Sie sind Lisa Plenske." – „Was soll denn das jetzt heißen?", fragte Lisa verwirrt. „Was es eben heißt: Sie sind Lisa Plenske und das kann Ihnen niemand nehmen." – „Ich wäre jetzt lieber alleine. Wenn das okay ist." – „Ist es. Ich entdecke dann mal, wie es ist, diese Straße hinunter zu gehen", grinste Rokko. „Wir sehen uns Dienstag." – „Ja, bis Dienstag." Rokko drehte sich um und ging davon. „Herr Kowalski?" – „Ja", fuhr der Werbefachmann herum. „Ich glaube, dass Nacktschnecken obdachlos sind." – „Ich auch", strahlte Rokko. „Übrigens: Ihr Handy hat heute Mittag bestimmt 40 Mal gepiept. Sie sollten mal nach Ihren SMS sehen."

Es waren nur 20 SMS. Rokko hatte völlig übertrieben. Keine Mitleidsbekundungen für den Verlust von Kerima. Nein, 20 SMS von Bruno. Er würde etwas mit Bernd unternehmen und wollte wissen, ob sie mitkäme. Er ließ sie wissen, dass er immer für sie da war, dass er sie liebte. Das war doch irre!, schimpfte Lisa innerlich. Sie warf ihr Handy zurück in ihre Tasche. Sie würde einfach nicht antworten. Bruno würde dann schon merken, dass es keinen Sinn hatte, sie so zu bombardieren.