Titel: Never change a running System (Teil 12)

Fandom: Sherlock (BBC)

Autor: lorelei_lee1968 (Lorelei Lee)

Pairing: John/Sherlock (oder auch „Johnlock" – wie ich es schon häufig gesehen habe)

Rating: ab 18

Inhalt: Sherlock entdeckt seine Sexualität – mit weitreichende Folgen für John.

Kategorie: Fluff, Romantic, Slash, Graphic Sex, Humor und Drama. (Das Übliche… bei mir kommt immer dieser Misch-Masch bei raus, wenn ich was schreibe.)

Anmerkung: Diese Story ist zeitlich irgendwo nach der 1. Staffel angesiedelt. Aber ich nehme hier durchaus Bezug auf eine Äußerung aus der 2. Staffel, die ich bereits im Original gesehen habe. Also – leicht AU…

Disclaimer: Mir gehört gar nichts. Ich verdiene nichts daran und mache das nur zum Spaß. Sherlock Holmes gehört Sir Arthur Conan Doyle. Sherlock-BBC gehört der BBC und Moffat und Gatiss.

Never change a running System

(Teil 12)


oooOOOoooOOOoooOOOooo

Sherlock hatte oft sagen hören, dass für die Opfer von Amors Pfeilen himmlische Geigen erklängen. Er selbst hatte das immer für den Gipfel des sentimentalen Kitsches gehalten.

Doch jetzt hielt er verwundert inne, lauschte, horchte in sich hinein.

Etwas in ihm erwachte… vibrierte… etwas von dem er nicht geglaubt hatte, dass er es besäße oder doch zumindest verschollen wäre. Unauffindbar. Verloren für alle Zeiten. Dennoch bestand kein Zweifel, dass da etwas war… in seiner Brust, in seinem Kopf, in seiner Magengrube.

Er wollte es auf den minderwertigen Wein schieben, doch er hatte an seinem Glas nur genippt. Diese Menge war sicher nicht ausreichend um irgendeine körperliche Reaktion zu verursachen. Ganz zu schweigen von auditiven Halluzinationen.

Immer noch verwundert stellte Sherlock fest, dass sich dieses dumpfe Vibrieren in der Nähe seines Zwerchfells manifestierte und seinen eigenen Herzschlag übertönte. Ein dunkler, geheimnisvoller Rhythmus, der ihn an heidnische Rituale gemahnte und ihn seltsam ruhelos werden ließ.

Über all dem lag aber die überraschende Erkenntnis, dass John ihn wollte.

oooOOOoooOOOoooOOOooo

Eine Idee keimte in Sherlocks Gehirn, doch zuerst musste er diese Annahme bestätigt wissen. Einmal konnte Zufall sein. Für eine schlüssige Beweisführung brauchte er mehr Daten, mehr Fakten, mehr Indizien.

Den restlichen Abend wartete er daher geduldig darauf, dass John erneut unter einem Mistelzweig attackiert würde. Das war nicht weiter schwierig, denn in jedem Zimmer hingen mindestens zwei Mistelzweige mehr oder weniger strategisch geschickt platziert von der Decke.

Es dauerte nicht lange, bis eine weitere Frau kichernd auf John zuging.

Sherlock stellte fest, dass John entweder durch andere Dinge abgelenkt war oder dass er es darauf anlegte unter einem Mistelzweig abgepasst zu werden. Auch wenn John seiner Umgebung generell nicht so viel Aufmerksamkeit widmete, wie er es eigentlich sollte, so war er normalerweise doch aufmerksamer und ein Fehler würde ihm garantiert kein zweites Mal passieren.

Absicht?

Einige Tage kein Date mehr gehabt.

Sentimental, weil Weihnachten.

Keine neuen Pornos aus dem Internet auf seinem Laptop geladen.

Alte Porno-Dateien lange nicht mehr geöffnet.

Drei Gläser Wein und einen Whisky konsumiert.

Hier hielt Sherlock inne.

Nein. Alkohol passte besser zur Frage:

Gedankenlosigkeit?

Oft leerer Blick.

Lacht leicht zeitverzögert, wenn Witze erzählt werden.

Musste von drei Personen mehrmals angesprochen werden, bevor er reagierte.

Unter normalen Umständen war John für Sherlock wie ein offenes Buch und bot keine besondere Herausforderung. Doch heute war etwas an ihm… irgendetwas war anders. Sherlock wusste es einfach. Er konnte es nur noch nicht benennen und dieses Rätsel ließ sein Herz schneller klopfen.

Natürlich war dieses ungelöste Rätsel der Grund dafür. Was sollte es sonst sein? Er hatte schon lange keine Nikotin-Pflaster mehr überdosiert und er war weder gerannt, noch hatte er zu viel gegessen. Von einem neuen Serienkiller ganz zu schweigen.

Sherlock lauschte gespannt in sich hinein.

Ja, sein Herzschlag war leicht beschleunigt – ähnlich wie bei dem Auffinden des zweiten Opfers eines Serienkillers… wenn noch nicht ganz klar war, ob tatsächlich eine Serie vorlag oder nicht.

Am Rande seines Gesichtsfeldes registrierte er Bewegung und beendete daher die Untersuchung seines Herzschlags. Ja – die Frau hing mittlerweile an Johns Hals.

Es war für Sherlock ein leichtes, auch diesen Kuss zu beobachten, ohne dass John – oder jemand anders - es bemerkte. Ein verächtliches Lächeln kräuselte seine Lippen. Als ob jemals jemand im Yard irgendetwas bemerkt hätte, wenn es nicht direkt vor deren Nase auf- und abgesprungen wäre.

Sherlock musterte den Vorgang des Kusses mit Interesse und er kam wieder zu dem gleichen Schluss, wie bei seiner ersten Beobachtung. Anstatt sich auf die Frau zu konzentrieren sah John zu ihm herüber.

Sherlocks Zähne gruben sich nachdenklich in seine Unterlippe.

Zwei von zwei.

Waren diese Daten ausreichend für eine präzise Schlussfolgerung?

Er entschied, dass eine weitere Versuchsanordnung den Ausschlag geben sollte. Doch da der Abend schon etwas fortgeschritten war, war Eile geboten.

Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er John, bis dieser bereits nach wenigen Minuten erneut in die Nähe eines Mistelzweiges geriet.

Sherlock schüttelte verhalten den Kopf.

Es musste Gedankenlosigkeit sein, denn John hatte bei dem Kuss nicht wirklich erfreut gewirkt. Er hatte zwar gelächelt und war höflich gewesen… dennoch war es für Sherlock einfach gewesen, diese Fassade zu durchschauen.

Er hatte Johns gezwungenes Höflichkeitslächeln oft genug gesehen um es von seinem echten, ehrlichen Lächeln – das auch seine Augen erhellte - unterscheiden zu können.

John war mit seinen Gedanken heute wirklich nicht bei der Sache. Aber Sherlock wollte sich nicht beschweren. Es erleichterte sein Experiment ungemein.

Sherlock gesellte sich daher zu einem Grüppchen angeheiterter Sekretärinnen, welches er schon vor einer halben Stunde lokalisiert hatte und dem er bislang geschickt ausgewichen war.

Zwei, drei kurze Sätze, ein breites Lächeln, ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl und die Betrunkenste unter Ihnen nahm Kurs auf John.

Natürlich gelang es Sherlock auch dieses Mal, unentdeckt zu beobachten.

Drei von drei.

Das konnte kein Zufall mehr sein. Wenn es aber kein Zufall war, dann war es ein Muster, eine Methode, ein System… und die Wahrheit.

John wollte ihn.

Da war es wieder.

Dieses Vibrieren in seiner Magengrube. Irritiert legte Sherlock die Hand dorthin. Er tastete unauffällig seinen Bauch ab. Nichts. Das Vibrieren blieb davon unbeeindruckt. Es war nicht wirklich unangenehm, dennoch…

Sherlock schüttelte den Kopf, wie um eine lästige Fliege zu vertreiben.

Er hatte keine Zeit, um sich mit der Idiotie seines Körpers zu beschäftigen. Er war hier mit einer Beweiskette beschäftigt. Alles was er noch brauchte war das Letzte Glied in dieser Kette. Ein Geständnis.

Eine leichte Aufregung ergriff von Sherlock Besitz. Was für ein aufschlussreicher und kurzweiliger Abend! Und da er hatte befürchtet, er würde sich langweilen.

Unbemerkt stahl er sich in den Flur, wo er eine Kurzwahltaste seines Handys drückte. Als die Verbindung hergestellt war, sprach er schnell und leise: „Mrs Hudson. Reden Sie nicht, hören Sie nur zu." Ein Redeschwall am anderen Ende machte es Sherlock unmöglich, weiter zu sprechen. Ergeben hielte er inne und antwortete entsprechend ihren Fragen. „Ja, es geht uns gut. Nein, es ist nichts passiert. Mrs Hudson! Zuhören. Nicht reden. Haben Sie Mistelzweige im Haus? Falls nicht, besorgen Sie welche. Sofort."

„Ja, natürlich habe ich Mistelzweige da", antwortete Mrs Hudson vorwurfsvoll. „Was Ihr Glück ist, Sherlock, denn ich hätte nicht gewusst, woher ich um diese Uhrzeit welche hätte bekommen sollen."

Sherlock verdrehte ungeduldig die Augen.

„Unwichtig", sagte er barsch. „Hören Sie gut zu, Mrs Hudson. Hängen Sie die Zweige vor den Eingang unserer Tür."

„Ihrer Tür? Meinen Sie ihre Wohnungstür? Oder die Haustür?", fragte Mrs Hudson nach.

„Natürlich die Wohnungstür! Was sollte ich mit dem Mistelzweig wohl über der Haustür!", erwiderte Sherlock ungehalten. „John ist schüchtern." Das war zwar nicht ganz korrekt, war aber als Quintessenz von Johns widersprüchlichem Verhalten der letzten Wochen durchaus zulässig. Der ganze andere Rest ging Mrs Hudson sowieso nichts an. Wahrscheinlich hätte sie auch nicht alles verstanden.

Ein Aufkreischen am anderen Ende der Leitung ließ Sherlock entsetzt das Handy von seinem Ohr reißen.

„Oh, Sie wollen ihn küssen, Sie unartiger Junge, Sie", schalt Mrs Hudson begeistert. „Natürlich hänge ich die Mistelzweige gleich auf. Ich hoffe nur, meine Hüfte…"

„Unwichtig", knurrte Scherlock.

„Na, da möchte ich Sie mal sehen", nörgelte Mrs Hudson. „Ich habe nur noch eine Frage… brauchen Sie dann das zweite Schlafzimmer überhaupt noch und wird es dann zukünftig jede Nacht so laut sein?"

„Das waren zwei Fragen, Mrs Hudson", stellte Sherlock richtig. Er verspürte keinerlei Bedürfnis, ihre Fragen zu beantworten. „Und jetzt hängen Sie endlich den verdammten Mistelzweig auf. Und wehe, Sie lassen sich blicken, wenn wir nach Hause kommen."

Mrs Hudson lachte.

„Junge Liebe… immer so ungestüm!"

Liebe? Gott… was nicht noch alles! Liebe! Fast hätte Sherlock verächtlich gelacht.

Er wollte hier nur eine Beweiskette schließen.

„Es ist für ein Experiment, Mrs Hudson."

„Was? Aber, Sherlock…"

Sherlock legte auf. Er schätzte Mrs Hudson wirklich sehr, doch manchmal konnte sie einem den letzten Nerv rauben. Eine leichte Nervosität breitete sich in Sherlock aus.

War es der Gedanke, dass John ihn küssen würde?

Oder war es Mrs Hudsons Schuld - mit ihrem Gerede von Liebe?

Liebe war Sherlocks Meinung nach der am meisten überschätzte Mythos der Menschheit. Bestenfalls war es noch ein Trick der Evolution damit der Homo sapiens nicht seine eigenen Kinder als bequeme Nahrungsquelle heranzog.

Dennoch war es unbestreitbar, dass er aufgeregt war. Nicht ganz so aufgeregt wie kurz vor der Lösung eines Falls, aber doch ähnlich genug.

Etwas gedankenverloren fiel sein Blick auf seine rechte Hand in der er immer noch sein Weinglas hielt. Entschlossen setzte er das Glas an seine Lippen und trank es in einem Zug leer. Gleich darauf bereute er es.

Pfefferminz.

Er brauchte unbedingt Pfefferminz-Dragees.

Schließlich wollte er sein Vorhaben nicht durch schlechten Atem gefährden.

oooOOOoooOOOoooOOOooo

Eine Stunde später standen John und Sherlock vor ihrer Wohnungstür.

Mit einem raschen Blick hatte sich Sherlock versichert, dass Mrs Hudson seine Anweisungen ausgeführt hatte und er stellte sich so, dass er sich genau unter dem Mistelzweig befand.

John hatte in der Zwischenzeit die Tür aufgeschlossen und hielt sie für ihn auf.

„Sherlock, warum stehst du noch da? Die Tür ist offen", sagte John mit einem verständnislosen Blick. „Du hattest es doch so eilig nach Hause zu kommen."

Es verwunderte Sherlock, dass ihm darauf keine Erwiderung einfiel. Er stand einfach nur da und bemühte sich, einen intelligenten und überlegenen Gesichtsausdruck zu wahren.

Suchend blickte John umher, wahrscheinlich um eine Erklärung für Sherlocks Verhalten zu finden. John… immer so praktisch veranlagt. Immer auf der Suche nach den äußeren Einflüssen. Endlich hatte er den Mistelzweig entdeckt.

„Du stehst unter einem Mistelzweig", bemerkte John überflüssigerweise.

Sherlock konnte nicht anders. Er verdrehte die Augen.

„Glaubst du wirklich, ich wüsste das nicht?", äußerte er ungeduldig.

John musterte ihn misstrauisch.

„Du stehst also mit Absicht darunter." Er legte seine Stirn in Falten. „Warum?", fragte er dann.

„Es ist ein Experiment", erwiderte Sherlock. Es war das Erste, was ihm in den Sinn gekommen war und es war nicht mal gelogen. Es war ein Experiment. Er wollte die Bestätigung für seine Vermutung. Er musste einfach wissen, ob er richtig gelegen hatte.

„Ein Experiment", wiederholte John tonlos.

„Ja", sagte Sherlock und wartete gespannt. Er bemerkte, dass sich ohne sein Zutun seine Lippen von selbst ein klein wenig öffneten. Interessant. Er durfte nachher nicht vergessen, Johns Puls zu messen.

Sein Blick glitt über John.

Klarer, fokussierter Blick.

Vergrößerte Pupillen.

Beschleunigte Atmung.

Oh – sogar der kleine rote Fleck auf der linken Wange, der nur auftauchte, wenn John aufgeregt war.

Jetzt musste es passieren.

Sherlock spürte, dass sich auch seine Atemfrequenz erhöht hatte.

Sicher nur, weil ich gleich die Bestätigung für die Richtigkeit meiner Schlussfolgerung erhalte", dachte er.

Tatsächlich machte John nun einen kleinen Schritt auf ihn zu und öffnete ebenfalls seinen Mund. Doch dann blieb er abrupt stehen, drehte sich um und ging wortlos in die Wohnung.

Sherlock sah ihm verwirrt nach.

Was sollte das nun wieder?

Es war alles da gewesen… Alle Anzeichen von Erregung waren da gewesen.

Sogar dieser Ausdruck in seinen Augen – der auf diese kurze Entfernung mehr als deutlich zu sehen gewesen war. Ein Ausdruck, als ob… er etwas sehr Verlockendes sehen würde.

Warum also hatte er es nicht getan?

Sherlock folgte ihm in die Wohnung. Er fühlte sich ruhelos und etwas gereizt. Er brauchte Antworten. John stand noch im Flur und hängte gerade seine Jacke auf.

„Warum…", fing Sherlock an, kam aber nicht weiter.

„Du weißt doch sonst immer alles!", unterbrach John ihn wütend.

Was für einen Grund hatte John, wütend zu sein? Er selbst hätte vielleicht ein Recht darauf, nachdem seine ganze mühsame Versuchsanordnung für nichts und wieder nichts gewesen war.

Johns Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst, seine Arme waren abwehrend vor der Brust verschränkt.

„Natürlich weiß ich immer alles! Genau deshalb…", sagte Sherlock, doch wieder wurde er unterbrochen.

„Du bist also mit Absicht unter dem Mistelzweig stehen geblieben, weil du mich so dazu bringen wolltest, dich zu küssen. Richtig?", fragte John mit einem Tonfall, der einer erbosten Anklage glich.

„Ich…" Erneut war es Sherlock unmöglich auszureden. Das irritierte ihn zusehends. Für gewöhnlich hing John förmlich an seinen Lippen. Dass er ihn jetzt ständig unterbrach, ließ darauf schließen, dass er wirklich sehr aufgebracht war. Aber weshalb nur?

John wollte ihn küssen. John hatte aber auch – völlig unsinnige - moralische Skrupel. Sherlock hatte ihm mit dem Mistelzweig eine perfekte Ausrede geliefert. Was war also schief gelaufen? Es hätte funktionieren müssen!

„Wie kommst du auf die Idee, dass ich dich überhaupt küssen will?", schleuderte ihm John entgegen.

„Du hast mich im Yard dabei angesehen", erwiderte Sherlock perplex. Wollte John nun allen Ernstes leugnen?

John musterte ihn fassungslos.

„Natürlich habe ich dich dort angesehen! Was…"

Dieses Mal war es an Sherlock ihn zu unterbrechen.

„Während du von den Frauen unter dem Mistelzweig dort geküsst wurdest, hattest du die Augen offen und hast mich angesehen, anstatt dich auf die Frauen zu konzentrieren", erläuterte er sachlich. Endlich kamen die Fakten auf den Tisch. John konnte gar nicht anders, als sich nun der Logik zu beugen.

„Woher…", fing John an, unterbrach sich dann jedoch und fuhr mit deutlich roten Wangen fort: „Das konntest du gar nicht sehen! Du hast mir den Rücken zugedreht!"

Sherlock hob eine Augenbraue in die Höhe. War John heute wirklich so schwer von Begriff? Er seufzte leise. Gut, dann würde er ihn eben erhellen müssen.

„John… in diesem Raum waren genügend spiegelnde Oberflächen vorhanden. Ich weiß, was ich gesehen habe."

Sherlock beobachtete interessiert, wie sich Johns Brustkorb hob und senkte. Er atmete nun deutlich angestrengter. Immer noch Wut? Oder schon das ohnmächtige Erkennen der unausweichlichen Kapitulation?

„Und das hat dich zu der brillanten Schlussfolgerung veranlasst, ich würde dich gerne küssen?", schrie John ihn mit unverminderter Wut an. „Ausgerechnet dich?"

Sherlock blinzelte überrascht. Was war heute Abend nur in John gefahren?

„Es ist die einzig logische…"

„Ich bin kein Experiment!", schrie John so laut, dass Sherlock ein leises Klingeln in seinem Gehörgang verspürte. Bevor Sherlock noch reagieren konnte, war John schon auf dem Weg zu seinem Schlafzimmer.

Sherlock gelang es nicht mehr, ihn einzuholen und musste es daher hinnehmen, dass ihm die Tür mit einem lauten Knall direkt vor der Nase zugeschlagen wurde.

Johns Verhalten war für Sherlock ein Rätsel. Anstatt von ihm geküsst zu werden, stand er nun wie ein abgewiesener Liebhaber in einem drittklassigen Theaterstück vor verschlossener Tür. Gut, immerhin hatte John die Tür nicht abgeschlossen, das hätte er gehört. Aber was tat man in so einem Fall?

Sherlock hatte sich noch nie in einer ähnlichen Situation befunden, aber er wusste, dass John gerne redete. Er würde also mit ihm reden müssen.

Er hob seine Hand und klopfte mit seinen Fingerknöcheln leicht gegen die Tür.

„John?", rief er leise und wie er hoffte, versöhnlich.

„Nein!", kam es von drinnen.

Sherlock musterte die Tür verdrossen.

Wieso lief heute nichts so, wie er es vorhergesagt hatte? John war heute wirklich in einer äußerst schwierigen Stimmung. Vielleicht sollte er es morgen noch einmal versuchen. Andererseits… mit dieser Ungewissheit würde er heute Nacht sicher keine Ruhe finden. Es war fast wie mit diesen Giftpillen des Taxifahrers. Noch heute grübelte er über dieses ungelöste Rätsel nach. Hatte er damals die gute oder die schlechte Pille gewählt? Durch Johns Schuss waren beide Pillen auf dem Boden gelandet und es war nicht mehr zu erkennen gewesen, für welche von ihnen sich Sherlock entschieden gehabt hatte.

John.

Ach ja.

Mit einem Ruck kam Sherlock zurück in die Realität.

Seine Gedanken waren für den Moment wohl abgeschweift.

Sherlock entschied sich dafür, diese Sache noch heute zu klären. Ein weiteres ungelöstes Rätsel wie das der Giftpillen mit sich herumzutragen war indiskutabel.

Er klopfte erneut an die Tür. Dieses Mal etwas nachdrücklicher.

„John, ich…"

„Nein!"

Sherlock zuckte mit den Schultern und zog aus seiner Hosentasche eine Kreditkarte. Wenn sich John derart unsinnig verhielt, dann blieb ihm nichts anderes übrig als das Schloss zu knacken.

Doch kaum hatte er sich gebückt, schallte es von innen: „Und denk nicht mal daran, diese Tür aufzubrechen!" Gleichzeitig riss John die Tür auf, sah mit wutsprühenden Augen auf ihn hinab und entriss die Kreditkarte seinen plötzlich tauben Fingern.

Erneut wurde Sherlock die Tür vor der Nase zugeschlagen und dieses Mal auch abgesperrt. Er richtete sich wieder auf und lauschte. Innen wurde eine Schublade aufgezogen und mit unnötig viel Kraftaufwand wieder geschlossen. Ein metallisches Schleifen ertönte.

Schublade.

Die mit dem Verbandszeug.

Metall?

Schere!

„John!", schrie nun Scherlock und hämmerte mit der flachen Hand gegen die Tür. „Bevor du diese Kreditkarte zerschneidest… das ist nicht meine! Sie gehört Mycroft!"

Sherlock verharrte mehrere Sekunden lang und spürte leider so etwas wie Panik in sich aufsteigen. Es war nicht einfach gewesen, Mycroft die Kreditkarte zu entwenden und er hatte sie noch nicht einmal benutzen können. Hoffentlich…

Die Tür ging auf und John stand mit merkwürdig erschöpftem Gesichtsausdruck vor ihm. Er hielt ihm die Kreditkarte hin. Ein kleiner Schnitt am Rand war bereits vorhanden, aber ein wirklicher Schaden war noch nicht angerichtet worden.

Sherlock nahm die Karte wieder an sich.

„Du willst es. Du weißt, dass du es willst", sagte Sherlock.

John sah ihn nur wortlos an. Sein Gesichtsausdruck war für Sherlock dieses eine Mal nicht zu deuten, was ihn maßlos ärgerte und auch ein ganz klein wenig verunsicherte.

„Gut, wie du willst", sagte Sherlock verschnupft. „Aber ich werde meinen Beweis bekommen."

John schüttelte langsam den Kopf

„Nein, das wirst du nicht", sagte er mit seltener Entschiedenheit und mit – so kurz nach seinem Wutausbruch – überraschender Ruhe. „Ich weigere mich, Teil dieses Experiments zu sein."

Aufgrund dieser Entschlossenheit geriet Sherlocks Siegessicherheit ein wenig ins Wanken. Doch er schwor sich, dass er nichts unversucht lassen würde. Er hob sein Kinn ein wenig höher.

„Wir werden sehen", sagte er.

oooOOOoooOOOoooOOOooo

Fortsetzung folgt...