Lisa schlug die Augen auf. Sonnenstrahlen fielen auf ihre Bettdecke und die Wand. Sie sah zur Decke hinauf und wieder einmal sah sie Rokko vor sich. Sie lächelte. Langsam drehte sie sich um, schaut jetzt aus dem Fenster und sah ein Stück Himmel. Und eine Wolke. Ihr Traum war schön gewesen, aber auch merkwürdig. Was hatten die Zahlen zu bedeuten? 2555…356…730… Und die Tür, die sie nicht hatte öffnen wollen. Was verbarg sich hinter ihr? Wieder einmal hatte Rokko ihr, wenn auch nur im Traum, versprochen, ihr alle Zeit der Welt zu lassen.
Lange sah sie aus dem Fenster und dachte über den Traum nach, doch auf keine ihrer Fragen fand sie eine Antwort. 2555… 356… Einfach so teilte sie 2555 durch 365. 7. Dazu die Fotos… Kurz nach der Zahl 730 war ein Foto von ihr und Katharina in ihrer neuen Wohnung aufgetaucht. 730 durch 365…2. Nach zwei Jahren Ehe war sie aus der Villa ausgezogen, zwei Jahre nachdem sie David geheiratet und Rokko so verletzt hatte. Und nach sieben Jahren war er wieder aufgetaucht.
Mit einem großen Seufzer setzte sie sich auf und sagte: „Lisa Plenske, hör auf, so zumzuspinnen!"

Nachdem Lisa sich angezogen und gefrühstückt hatte, machte sie sich auf den Weg zu Kerima. Sie hoffte, Hugo dort anzutreffen und mit ihm zu besprechen, wie man die Halle für die Präsentation dekorieren sollte. Außerdem hoffte sie, dass Lucie nicht da sein würde, sonst würde sich eine einfache Besprechung im Atelier zu einer Schlacht im Minenfeld entwickeln.
In der U-Bahn lehnte sie ihren Kopf an die kalte Fensterscheibe. Einzelne Bilder des Traums kreisten in ihrem Kopf. Die Tür, die Treppe, sieben Jahre, Rokko. Ihr Herz schlug schneller. Rokko. Er wollte sie anrufen, nächstes Wochenende, wenn Sasha wieder bei ihm sein sollte. Dann könnten sie sich auf dem Spielplatz treffen. Wie sehr sie sich jetzt schon freute!

„Herr Haas?" Lisa stand vor Hugos Atelier.
„Oui?" Hugo kam hinter einem Vorhang hervor und begrüßte sie. „Guten Morgen, Frau Plenske. Was führt sie heute zu mir?"
„Ich würde gerne ein paar Sachen für die Präsentation besprechen." Das Lächeln verschwand aus Hugos Gesicht. Er lehnte sich an den Tisch und meinte traurig:
„Das wird wohl nichts werden. Lucie ist für ein paar tage nach Paris gefahren. Sie hat mir nur einen Zettel hingelegt." Lisa schluckte. Sie hoffte, dass Lucie nicht für längere Zeit weg blieb. Sie hoffte es für Hugo und für Kerima.
„Mmh… halten Sie an Ihrer Ansicht für die Ausstattung fest?"
„Mon amour war immer dagegen…" Gedankenverloren starrte er eine Stelle in der Luft an.
„Sollen wir das Montag besprechen?" Er nickte nur. Lisa machte sich auf den weg in ihr Büro. Der Traum beherrschte immer noch ihre Gedanken, vor allem die Stellen, an denen sie Rokko gesehen hatte. Was hatte das alles zu bedeuten? Das war doch nur ein Traum. Vielleicht sollte ich mich einfach wieder beruhigen… Ja, es war wirklich nur ein Traum, und Träume sind Schäume, das hatte sie gelernt.

„Da ist Sasha!", rief Katharina von der Schaukel aus. Lisa, die auf der Bank saß, schaut zum Weg. Dort kam Sasha angelaufen, ein wenig hinter ihm ging Marie. Lisa lächelte. Sie war froh, dass Marie heute gekommen war. Sie hoffte, dass sie heute besser gelaunt war als bei ihrem letzten Treffen.
Katharina lief auf Sasha zu. Lisa blieb auf der Bank sitzen.
„Hallo Sasha."
"Hallo Lisa!", rief er, während er mit Katharina bis zum Klettergerüst rannte. Auch Marie betrat den Spielplatz durch das kleine Holztörchen und kam auf sie zu.
„Hi Marie."
„Hi Lisa." Sie setzte sich neben sie. „Und?"
„Was?"
„Doch hast mir doch bestimmt was zu sagen, wenn du mich hier her bestellst." Irritiert sah Lisa Marie an. Was war denn mit ihr los? Der Unterton in ihrer Stimme war Lisa nicht entgangen.
„Ich hab dich nicht herbestellt. Ich wollte mit dir und den Kindern auf den Spielplatz gehen, so wie ich das mit Rokko gemacht hab." War das so schwer zu erkennen? Marie antwortete nicht. Sie sag zum Klettergerüst, zu Katharina und Sasha. Auch Lisa sah ihnen beim Spielen zu.
„Entschuldige, Lisa", sagte Marie nach einer Weile. Lisa sah sie an.
„Ok." Sie seufzte.
„Ich glaub, ich habs immer noch nicht so ganz verkraftet, dass er einfach so Schluss gemacht hat. Wenn er jetzt wieder ne Freundin hätte…"
„Du musste versuchen, ihn endlich aus deinem Kopf zu kriegen. Vier Jahre!"
„Ich weiß." Wieder seufzte sie. „Hat eben verdammt weh getan." Lisa nickte. Sie ahnt, wie sehr das wehtun musste. Ob Rokko wusste, wie sehr er Marie wehgetan hatte?
Sie hörte Marie lachen und schaut auf.
„Schau mal!" Lisa schaute zu Sasha und Katharina, die um den Sandkasten herumtanzten und sangen. Sie hüpften, drehten sich und lachten. Später kamen die beiden zur Bank gelaufen. Sie lachten noch immer.
„Wollen die Indianer ein Bonbon haben?" Sie nickten und nahmen die Bonbons aus Lisas Hand. Dann liefen sie wieder zum Sandkasten und tanzten.

„Sasha erinnert mich immer so an ihn. Das Aussehen und auch der Charakter sind Rokko so ähnlich." Lisa nickte. „Das macht dich Sache nicht leichter. Außerdem seh ich Rokko immer, wenn er Sasha abholt oder ihn nach hause bringt."
„Bist du nur traurig oder…"
„Lässt sich das immer so genau sagen? Aber, nein, ich bin nur noch traurig." Kann man Verliebtsein so leicht definieren? Lisa dachte eine Weile nach. Heißt das dann, dass ich in Rokko verliebt bin? Mich wieder in ihn verliebt hab… oder ihn immer noch liebe? Er sah gut aus, er war richtig lieb, witzig, hilfsbereit… Er war einfach toll, das war er schon immer, so lang sie ihn kannte, gewesen. Doch musste sie deshalb in ihn verliebt sein?
„Hey, Lisa?"
„Was?"
„Träumst du?" Sie lächelte.
„Nein… nein." Sie schüttelte den Kopf.
„Sollen wir nochmal mit den beiden auf den Spielplatz? Ich finds schön, den beiden beim Spielen zuzuschauen."
„Ok."
Bald darauf verabschiedeten sich Lisa und Katharina. Lucie war noch nicht aus Paris zurück, dabei war es schon Mittwoch. Sie würde heute noch einmal zu Kerima fahren müssen.

„Hey Lucie, hier ist Lisa." Lucies stimme klang merkwürdig leise und müde.

„Wann kommst du zurück?"

„Wie, du weiß nicht?" Lisa war beunruhigt. Lucie musste so schnell wie möglich zurückkommen! In vier Wochen war die Präsentation!

„Was…" Sie hörte Lucie schluchzen.

„Wegen Hugo? Das schafft ihr, Lucie!" Sie durfte sie nicht einfach hängen lassen, schon gar nicht wegen einem Streit mit Hugo.

„Bitte Lucie, ich brauch dich hier!"

„Gut, danke. Bis dann." Lisa legte auf. Übermorgen, am Freitag, wollte Lucie sich melden und ihre sagen, wann sie wiederkommen wollte. Hoffentlich bald, sonst ist die Präsentation in großer Gefahr!

In dieser Nacht beherrschte zum ersten mal seit einiger Zeit nicht Rokko, sondern Kerima, Lisas Träume.