XI. „Ich verspreche es"

Als Sasuke erwachte, war ihm eiskalt. Er lag an einen Baum gelehnt auf den Boden und das erste, was er sah, war Pain, der sich über ihn beugte.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit", sagte der Leader. „Du musst die Mission nicht beenden und du kannst hierbleiben, nachdem du dich einem speziellen Jutsu zum Schutz der Organisation unterzogen hast. Aber denk dran – du kannst nicht beides haben. Entweder Konoha und deine Freunde, oder Itachi… falls er noch lebt."
Sasuke zuckte zusammen. Jetzt verlange also auch Pain die gleiche Entscheidung… Er stöhnte und ließ den Kopf auf die Brust fallen. Er war noch viel zu schummrig, um richtig denken zu können und nur langsam drangen die Worte in sein Bewusstsein vor.
„Itachi", flüsterte er und begann zu zittern.

Pain verstand ihn richtig.
„Ruhig bleiben", murmelte er und kauerte sich neben ihm nieder. „Wir finden ihn. Und wir sorgen dafür, dass du zu ihm kannst. Aber… so geht das nicht weiter. Du musst wissen, was du willst, Sasuke. Und zwar bald."

Sasuke wimmerte und sank Sekunden später wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als er das nächste Mal zu sich kam, befand sich Sasuke im Krankenflügel von Konoha. Naruto und Sakura saßen rechts und links neben seinem Bett und während der Blonde schlief, musterte sie ihn besorgt.
„Hallo, Sasuke", flüsterte Sakura. „Wie geht es dir?"

Er griff sich an den Kopf. Der brummte noch etwas, aber er konnte wieder sehen und klar denken, also nickte er.
„Fast gut", sagte er. „Was ist denn passiert? Wie lange war ich bewusstlos?"

„Zwei Tage", antwortete sie leise. „Danzo hat Konoha von innen angegriffen, was genau passiert ist, weiß ich auch nicht. Aber Tsunade-sama ist tot und sie haben Kakashi fürs Erste zum Hokagen gemacht."
Sasuke nickte zustimmend. Eine gute Wahl – wenn sie nicht auf Dauer blieb, denn dazu fehlten Kakashi die nötigen Eigenschaften.
„Konoha ist zum Teil stark zerstört. Es gibt zum Glück nur wenige Tote, um die meisten haben wir uns rechtzeitig kümmern können und Danzo sitzt jetzt in einer Hochsicherheitszelle und wartet auf seinen Prozess. Außerdem wird die Ne der Anbu endgültig abgeschafft." Sakura schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich frage mich, wie das passieren konnte. Dass Konoha angegriffen wird, schön und gut, wir sind Ninja und dies ist ein großartiges Dorf, aber von innen heraus? Warum hat das niemand bemerkt?"
Tränen sammelten sich in ihren Augen, aber sie wischte sie entschlossen weg.
„Irgendjemand hat noch was von Akatsuki gesagt, aber es gab später keine Hinweise auf die Organisation. Du warst fast zwei Tage bewusstlos und lagst einige Stunden in einer mehr oder weniger geschützten Ecke, ich denke, wenn sie wirklich da gewesen wären, hätten sie dich gefunden und mitgenommen und – hey!"
Erschrocken sah sie ihm zu, wie er plötzlich hochschrak und aus dem Fenster starrte.
„Sasuke! Du brauchst Ruhe, leg dich wieder hin!"

Er ignorierte sie, stand auf und trat zum Fenster. Draußen, auf einem Baum, den man vom Bett aus gut sehen konnte, saß ein Rabe und schaute ihn eindringlich an. Sasuke starrte zurück und zuckte zusammen, als ihm Sakura von hinten behutsam die Hand auf die Schulter legte.
„Ich muss gehen", sagte er abrupt und wich zurück, sodass sie die Hand zurückziehen musste.

„Was?"
Verwirrt sah sie ihn an.

Während er überlegt, wie er das erklären sollte, regte sich Naruto. Er schmatzte, streckte sich und öffnete dann langsam die Augen.
„Sasuke?", fragte er verschlafen. „He, du bist ja auch wach. Wie geht's dir? Du hast uns ganz schön Sorgen gemacht!"

„Gut", murmelte der Uchiha und spürte leise, wie sich sein schlechtes Gewissen meldete.

„Er will weggehen", sagte Sakura bitter zu dem Blonden, was wie ein Eimer voll kaltem Wasser wirkte – Naruto war hellwach.

„Was?", stieß er aus und starrte seinen Freund an.

„Beruhigt euch!", bat Sasuke. „Ich… verstehst das bitte nicht falsch. Ich habe gestern Itachi gesehen… und es ging ihm gar nicht gut. Dann ist er nicht zum ausgemachten Zeitpunkt bei Akatsuki erschienen und ich mache mir Sorgen um ihn. Ich will nur nachschauen, ob es ihm gut geht."
Bitte, flehte er im Stillen, versteht mich doch… bitte!

Eine Weile sahen sie ihn schweigend an, dann ergriff Sakura das Wort.
„Dann… hast du dich also entschieden, ja?"

„Nein!", fuhr Sasuke sie an, sich wundernd, woher diese plötzliche Energie kam. Aber er hatte es vermutet, als er ihre gekränkten Blicke gesehen hatte und wollte das nicht so stehen lassen. „Ich habe gesagt, ich brauche Zeit. Aber wenn ich nicht nach Itachi schaue, nützt mir alle Zeit der Welt nichts, dann ist er nämlich tot!"
Der Vogel vor dem Fenster krähte zustimmend und Naruto warf ihm einen vernichtenden Blick zu, bevor er sich Sakura zuwandte. Diese sah aus, als würde sie überlegen, wie sie Sasuke am besten fesseln und knebeln könnte. Und auch Naruto wirkte von dieser Offenbarung seltsam schadenfroh.
„Ihr versteht das nicht", sagte Sasuke leise. „Ich will doch nur nachsehen, wie es ihm geht. Er bedeutet mir so viel… und er ist alles, was mir von meiner Familie geblieben ist. Bitte. Ich will nur schnell nachschauen…"

Naruto zögerte, dann vergewisserte er sich: „Du kommst zurück?"

Sasuke nickte und verbot sich der Hoffnung, die in ihm aufstieg.
„So schnell ich kann."
Er würde einen Weg finden, mit Itachi in Kontakt zu bleiben. Es würde nicht leicht werden, aber er wollte hier bleiben. In seiner Wohnung – vielleicht auch im Uchiha-Anwesen – bei seinen Freunden und mit einem geordneten Tagesablauf. Er würde sich für all das, was er in Akatsukis Namen verbrochen hatte, verantworten müssen, aber er wusste, dass Sakura und Naruto ihm beistehen würden. Sie waren doch Freunde!
„Wir sind doch Freunde!", wiederholte er laut.

Naruto grinste, aber Sakura sah immer noch unsicher aus.
„Versprochen?", fragte sie leise.

Sasuke lächelte.
„Ich verspreche es. Ich komme zurück."

Dann verließ er das Zimmer und kurz darauf das Dorf, um dem Raben zu folgen, der ihn hoffentlich zu seinem Bruder brachte.

In Amegakure regnete es. Sasuke war bis auf die Haut durchnässt, als er etwa in der Mitte des Dorfes vor einem riesigen Turm ankam. Die Bewohner nannten ihn „Turm Gottes", was Sasuke gut verstehen konnte, auch wenn er die Bezeichnung mit einem abfälligen Schnauben abtat.
Konan hieß ihn willkommen und reichte ihm eine Schale heißer Suppe, die er begierig schlürfte, weil sie ihn wunderbar von innen aufwärmte.
„Wo ist er?", wollte er wissen, während sie Treppen stiegen.

Konan hielt vor einer Tür an und nahm die leere Schüssel wieder an sich.
„Pass auf dich auf", war alles, was sie sagte.

Sasuke öffnete vorsichtig die Tür.

Itachi Uchiha stand am Fenster und sah dem Regen zu.
„Ich habe dich gesehen", sagte er leise. „Wie du hierhergekommen bist."

„Ich hab mir Sorgen gemacht", erwiderte Sasuke, „darum wollte ich nachschauen, ob es dir gut geht."
Etwas verunsichert stand er im Türrahmen und beobachtete seinen Bruder.

Itachi seufzte und drehte sich um. Er sah besser aus – sehr müde, aber das Blut war verschwunden und er konnte normal stehen.
„Was hast du ihnen erzählt? Naruto und Sakura?"

Das Thema überraschte Sasuke, aber er ging dennoch darauf ein.
„Sie haben gesagt, ich müsste mich entscheiden. Zwischen ihnen und… dir. Ich habe geantwortet, dass ich Zeit brauche."
Er wandte den Kopf ab. „Ich hab versprochen, zurück zu kommen, wenn ich bei dir war."

„Und?" Itachi fixierte ihn. „Hast du dich schon entschieden?"
Sasuke zuckte zusammen. Was sollte das? Wollte Itachi ihn jetzt vor die gleiche, unmögliche Wahl stellen? Stumm schüttelte er den Kopf und machte ein paar vorsichtige Schritte auf ihn zu.
„Sasuke… du fühlst dich dort wohl", wiederholte Itachi, was er vor ein paar Tagen schon bemerkt hatte, doch diesmal ohne vorwurfsvollen Unterton. „Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte dich damals in Konoha gelassen."

Was?!"
Fassungslos sah Sasuke seinen Bruder an. Ihn… in Konoha gelassen? Damals?
„Nein", murmelte er. „Neinneinneinneinnein, das ist nicht dein Ernst! Itachi!"

Itachi atmete tief aus.
„Sei ehrlich, Sasuke", sagte er leise. „Mit all den heutigen Hintergründen – wärest du noch einmal gern mit mir gekommen?"

Sasuke schluckte und schaute ihm in die ernsten, schwarzen Augen. Noch immer waren sie von einem weißen Schleier getrübt, aber dahinter erkannte er den Schmerz. Die Trauer und die Angst. Itachis Maske bröckelte und Sasuke spürte, dass er sich vor der Antwort fürchtete. Das Blatt hatte sich gewendet: Im Gegensatz zu früher war er nun alles für den Älteren und nur er hatte somit die Möglichkeit, ihm alles zu nehmen. Ein Wort. Ein Wort würde reichen, um ihn vollkommen zu zerstören.
Sasuke zuckte zusammen, erschrocken über seine eigenen Gedanken, aber allein schon die Tatsache, dass er so dachte, machte ihm irgendwie Angst.
„Ich hätte dir nie verziehen, wenn du mich verlassen hättest", nuschelte er anstelle einer Antwort. Er konnte keine geben. Es war verrückt, aber er konnte ihm keine Antwort geben. Egal, was er sagen würde, es wäre nur die halbe Wahrheit.

„Seltsam", meinte Itachi und lächelte freudlos. „Eigentlich bist du es, der mich jetzt verlässt. Aber keine Sorge, Sasuke – ich verzeihe dir. Versprochen."

Was?
Verwirrt sah Sasuke den Älteren an.
„Was meinst –"

Itachi unterbrach ihm, indem er die Arme um ihn schlang und ihm einen Kuss auf die Stirn hauchte, wie im Gefängnis. Dann trat er einen Schritt zurück, hob das Kinn seines Bruders mit seiner Hand an und betrachtete ihn nachdenklich.
„Es war nicht einfach", sagte er langsam. „Und ich dachte eigentlich, ich würde länger durchhalten… Aber ich habe mich wohl überschätzt."

„Itachi, was ist los?", fragte Sasuke und langsam bekam er Panik. Wie in der Nacht von Danzos Angriff begann sein Kopf, wieder schmerzhaft zu pochen und die Umgebung verschwamm.
Er hörte sein eigenes Blut in seinen Ohren rauschen und glitt langsam ins Schwarze, während Itachis Stimme gedämpft zu ihm durchdrang:

„Die Zeit ist abgelaufen, Sasuke. Du musst jetzt wieder aufwachen."