12. Amors Erben – Weihnachten naht, die Zeit der Engel
November
Lisa richtet
noch einige Dekorationen in der riesigen Aula des Verlagshauses,
griff dann ihre Arbeitsmappe und ging in die Kantine. Dort musste das
Catering noch überprüft werden.
Am Abend, dem letzten
November-Freitag, sollte die jährliche Weihnachtsfeier für
die Belegschaft stattfinden und Olga hatte ihr die gesamte Planung
übertragen.
Als sie auch die letzten Punkte auf ihrer Prüfliste abgehakt hatte, sah Lisa auf die Uhr. Viertel nach sechs. Es war Zeit, kurz nach Hause zu fahren um sich umzuziehen. Sie legte noch kurz die Arbeitsmappe in ihrem Büro ab, dann verließ sie das Gebäude und fuhr heim.
Eine gute Stunde später
ging sie geduscht und in ein pfefferminzgrünes Abendkleid
gehüllt zu Olgas Haus hinüber.
Um sich vor der Kälte
zu schützen trug sie einen dicken Wintermantel über dem
Kleid und Moonboots an den Füßen. Ihre Abendsandalen hielt
sie zusammen mit der Tasche in der Hand.
Olga erwartete sie
bereits im Wohnzimmer. Sie hatte noch einmal kurz die Notizen für
ihre Rede durchgesehen. Als Lisa den Raum betrat stand sie auf und
ging auf sie zu.
Wie so oft bemerkte sie die Melancholie in Lisas Blick, die diese durch ein strahlendes Lächeln zu überdecken suchte.
Beim Anblick von Olgas festlich
geschmückter Stube waren Lisas Gedanke wieder zu Rokko
gewandert.
Sie würden diese herrliche Zeit gemeinsam
erleben, hätte sie nicht damals diesen fürchterlichen
Fehler begangen.
Vielleicht könnten sie bereits ihr erstes
Baby in den Armen halten.
Aber es war mühselig, darüber
nachzudenken. Lisa konnte die Vergangenheit nicht mehr ändern!
Sie wischte den Gedanken an das, was hätte sein können, zur
Seite.
„Na, na, meine Liebe! Trübe Gedanken an diesem
schönen Abend?"
„Nein, ich habe nur, ich meine..."
„Du hast an Deinen Rokko gedacht, nicht wahr? Leugne nicht! Ich
sehe es an Deiner Nasenspitze!" Lisa wurde rot.
„Na, wer
weiß, „, lachte Olga, zog ihren Mantel an und nahm ihre
Assistentin großmütterlich an der Hand, „Weihnachten ist
bekanntlich die Zeit der Engel – vielleicht ist dieses Jahr auch
der eine oder andere Liebesengel unterwegs!"
Und ohne auf Lisas
verwundertes Innehalten einzugehen, zog sie sie aus dem Haus in
Richtung Auto.
Die Aula war bereits voller Menschen, als die beiden eintrafen. Von allen Seiten wurden sie begrüßt und die mussten Unmengen von Händen schütteln.
Nach
einem kurzen Umtrunk standen zunächst einige Reden auf dem
Programm, bevor man sich dem gemütlicheren Teil des Abends
zuwenden würde. Als letzte ging Olga ans Pult. Sie hatte Lisa
gebeten, im Hintergrund des Podiums neben ihr Platz zu nehmen.
Olga
sprach zunächst von den Erfolgen, die das Unternehmen im
vergangenen Jahr zu verzeichnen hatte. Dann kam sie auf das neue
große Projekt des Verlages, die Neuauflage der „Anna"-Bücher,
zu sprechen und ihr Tonfall wurde familiärer:
„Wie einige
von Ihnen vielleicht noch wissen, war die letzte Auflage dieser
Bücher die erste Entscheidung, die ich traf, als ich vor vielen
Jahren diesen Verlag von meinem Vater übernahm." , sie machte
eine kleine Pause.
Aufmunternde Zurufe kamen aus dem Publikum.
Olga lächelte dankbar.
„Und so halte ich es für das
rechte Zeichen, diese Bücher zum jetzigen Zeitpunkt erneut auf
den Markt zu bringen. Auch ich werde nicht jünger und so habe
ich mich entschlossen, die Geschäftsführung in den
kommenden Monaten langsam an die nächste Generation
weiterzugeben und mich allmählich aus dem Tagesgeschäft
zurückzuziehen."
In diesem Moment hätte man eine
Stecknadel auf den Boden fallen hören, so still war es im Saal
geworden. Atemlos lauschten die Mitarbeiter der Generalin und harrten
der Dinge, die da kommen sollten.
„Ich freue mich, Ihnen
mitteilen zu können, dass ich nach langem Suchen endlich eine
Nachfolgerin für mich gefunden habe und ich möchte Sie alle
bitten, Ihr dieselbe Unterstützung zukommen zu lassen, die Sie
auch mir immer gewährt haben!
Ich möchte Ihnen
vorstellen, die neue Geschäftsführerin von Johansons: Frau
Elisabeth Maria Plenske!"
Der Scheinwerfer richtete sich nun auf Lisa, die schockiert auf ihrem Stuhl saß. Wie in Trance stand sie auf und ging zu Olga nach vorn.
„Warum hast Du nichts gesagt?", wisperte sie ihr leise zu. „Damit Du es mir wieder ausredest?", Olga lachte leise, „Nein, Du wirst Deine Sache gut machen, das weiß ich!"
Erst jetzt bemerkte Lisa den Applaus, der ihr entgegen brannte und die vielen Hände, die ihre schütteln wollten. Sie schien geradezu einzutauchen in ein Meer von freundlichen Gesichtern und herzlichen Worten.
Es
dauerte eine ganze Weile, bis Lisa alle Hände geschüttelt
und alle Glückwünsche entgegengenommen hatte.
Langsam
wich die aufgeregte Stimmung im Saal und machte einer ausgelassenen
Feierlaune Platz. Die dumpfe Frage der Belegschaft, was nach Olgas
Rücktritt passieren würde, war geklärt.
Lisa war
sowohl fachlich als auch menschlich beliebt. Auch wenn sie erst kurz
in dem Unternehmen tätig war, sie hatte Olga bereits so manches
Mal bei wichtigen Besprechungen vertreten und sich dabei einen guten
Ruf innerhalb und außerhalb des Unternehmens erworben. Sie
würde eine gute Geschäftsführerin abgeben!
Viel
später am Abend saß Lisa bei Olga am Tisch und sah den
Tanzenden zu. Sie hing wieder mal ihren Gedanken nach – sie dachte
an Rokko.
Wie sehr hätte er sich an diesem Abend mit ihr
gefreut und wie stolz wäre er auf sie gewesen! Aus den Boxen kam
jetzt eine sanfte Melodie, die die Paare auf der Tanzfläche
enger zusammenrücken ließ. Lisa lauschte der zarten Stimme
der Sängerin und folgte der traurigen Geschichte, die sie
erzählte:
"Here I stand alone
With this weight
upon my heart
And it will not go away
In my head I keep on
looking back
Right back to the start
Wondering what it was
that made you change…"
"Denkst Du heute so über mich, Rokko? Oder hasst Du mich einfach nur?", sprach Lisa in Gedanken mit ihrem unsichtbaren Gegenüber.
"Many roads
to take
Some to joy
Some to heartache
Anyone can lose
their way
And if I said that we could turn it back
Right back
to the start
Would you take the chance and make the change.
Do
you think how it would have been sometimes
Do you pray that I'd
never left your side…"
"Ja, Rokko, ich würde meine Entscheidung von damals so gerne ändern! Nie würde ich Dich wieder gehen lassen!", langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen.
"What if I had never walked away
'Cos I
still love you more than I could say
If I'd stayed
If you'd
tried
If we could only turn back time
But I guess we'll never
know"
Als die Melodie verklungen war kullerten dicke Tränen
über Lisas Wangen, aber kein Ton kam aus ihrem Mund. Sie weinte
still und regungslos um ihre verlorene Liebe.
Nur Olga, die neben
ihr im Halbdunkel des Saals saß, sah ihre Tränen. Auch sie
hatte der Musik gelauscht und wusste, was in der jungen Frau vorging.
Ja, es war an der Zeit, dass Lisa und Rokko sich wiedersahen.
Vielleicht würden sie dann auch den letzten falschen Stolz
und die überflüssige Angst ablegen und sich aussprechen!
Über ihre Gefühle füreinander waren sich beide im
klaren, das wusste Olga.
Sie brauchte nur noch ein paar Tage, um Lisa nach Hamburg in ein ganz bestimmtes Büro zu locken, dann lag es an den beiden jungen Menschen, wieder zusammenzufinden.
Sie reichte Lisa ein Taschentuch und diese bedankte sich mit einem leisen Lächeln.
