11. Dezember
Nach Ken-yu und Buffy haben wir heute die Ehre, mit Tweet Lupin eine dritte Rudel-Premiere zu lesen. Die Stichwörter Kerker, Finsternis und Streusalz haben sie zu einem wundervollen kleinen
Lehrstück für Severus Snape inspiriert, was Weihnachten und Hartnäckigkeit für schöne Auswirkungen auch auf ein düsteres Tränkemeister-Gemüt haben können.
Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk
„Weihnachtsgeschenke nicht vergessen.", hatte als winzige Randnotiz auf Hermione Grangers Pergamentbogen gestanden, den sie ihm am Ende der Stunde abgegeben hatte. Severus Snape wusste nicht, was an Weihnachtsgeschenken so toll sein sollte. Kinder quakten, Eltern mussten sich für teures Geld bemühen, ihre Rotzbengel zufriedenzustellen und zu allem Überfluss wurde das Ganze auch noch als Heilig abgetan.
Er hasste diese Zeit, in der alle Menschen glücklich und fröhlich waren und Hagrid Tannenbäume in der Gegend rumtrug, als wären sie Leichtgewichte. Jeder verlangte von ihm, glücklich zu sein. Und dann auch noch dieses übertrieben freundliche und menschliche Getue. Papperlapapp.
Severus Snape konnte die Menschen, die ihm in seinem Leben beschenkt hatten, an einer Hand abzählen. Albus, Poppy und Minerva. Die Tendenz blieb also so gut wie gleich null. Und ehrlich gesagt war er froh darüber. Er hatte keine Lust, mit seinen Schülern und Kollegen ein fröhliches Fest zu feiern, sich mit ungesunden zuckerhaltigen Süßigkeiten vollzustopfen und so zu tun, als wäre er vollkommen ausgeglichen und glücklich. Denn ein Severus Snape war und wollte nicht glücklich sein! Er war nun einmal der murrige und missgelaunte Tränkemeister aus dem finsteren Kerker und wollte daran auch nichts ändern. Sollte Albus sich mit seiner Weihnachtslaune woanders hin scheren.
Knurrig schrieb er ein A unter den Aufsatz von Granger, der wohl in anderen Händen und zu anderen Zeiten ein O wert gewesen wär. Mit einem wölfisch-missgelaunten Zähnefletschen legte er ihn beiseite und widmete sich Potters Aufsatz. Ohne einen Blick drauf zu werfen dokumentierte er ihn mit einem S. Diesmal war es ein echtes Grinsen, was sich über sein Gesicht zog.
Als er in seinem Ohrensessel über den Aufsätzen einnickte, klopfte es an seine Tür. Severus schreckte hoch und suchte sich verärgert im Halbdunkeln den Weg zur Tür. Er drohte innerlich dem, der es jetzt schon wieder wagte, ihn zu stören. Als er die Tür öffnete, musste er den Kopf senken, um das junge Mädchen vor seiner Tür zu erkennen.
Hermione Granger wich erschrocken piepsend zurück, als er sie mit einem bedrohlichen Blick bedachte. Er konnte es ihr nicht verübeln. Ein missgelaunter und müder Severus Snape war kein besonders schöner Anblick.
„Miss Granger. Es ist bereits kurz vor der Speerstunde. Wenn sie mir nicht augenblicklich erklären, was eine Drittklässlerin wie sie noch hier vor meiner Tür treiben, wird Gryffindor ihretwegen massig Hauspunkte verlieren.", sagte er mit schneidender Stimme.
„Sir…ich dachte nur, es ist bald Weihnachten und, naja…"
„Kommen sie zur Sache, Mrs. Granger."
Ich dachte, weil Sie sonst immer so missgestimmt wirken, würden Sie sich freuen, wenn ich Ihnen ein Geschenk mitbringen würde."
Für einen Moment war Severus sprachlos, als die Kleine Granger tatsächlich ein Päckchen hervorzog, welches in silbernem Geschenkpapier eingepackt war. Wortlos knallte er ihr die Tür vor der Nase zu und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen.
Die Hand in den Haaren vergruben starrte er auf das fackelnde Feuer im Kamin. Granger schenkte ihm Weihnachtsgeschenke. Granger!
Als Severus am nächsten Morgen zum Frühstück in die große Halle kam, war seine Laune nicht unbedingt auf Höhenstieg. Er sah Hagrid missmutig zu, wie dieser Weihnachtsbäume durch die große Halle trug. Filius dekorierte einige Fensterscheiben mit Schneeflocken.
Severus ließ den Blick über die Schülermassen wandern und erblickte zu seinem persönlichen Entsetzen Granger an der Seite von Potter und Weasley. Er wandte den Kopf ab und ließ sich von Poppy in ein Gespräch über wassertränkende Heilpflanzen verwickeln. Und die ganze Zeit spürte er Grangers Blick im Rücken.
Der Unterricht gestaltete sich nicht besser.
„Zehn Punkte Abzug für Gryffindor, Mister Longbottom, für ihren miserablen Trank! Ein Jammer, dass Sie sich damit noch nicht selbst in die Luft gejagt haben. Und ihr anderen, warum arbeitet ihr nicht weiter?"
Die Lippen bösartig kräuselnd drehte Severus sich um und seine Roben bauschten sich wie üblich auf, bevor er die Stunde beendete.
Über das Mittagessen wurde er immer beschäftiger und schließlich vergaß Severus das Päckchen, das Granger ihm gebracht hatte. Gegen Abend, als er müde und mit einem Stapel Hausaufgaben beladen vor seine Tür trat, stolperte er fast über das Päckchen. Fluchend und ungläubig schauend hob er es auf und betrachtete es. Es war kantig, mittelgroß und relativ schwer. Granger schenkte ihm ein Buch? War ja klar gewesen.
Seufzend betrat er seine Gemächer und legte das Paket beiseite. Dann nahm er sich die Hausaufgaben heran und schrieb ohne einen Blick darauf ein weiteres S unter Potters Pergament. Regnisiert starrte er ins Feuer und wieder wanderten seine Gedanken zu Grangers Geschenk.
Sollte er tatsächlich…? Einen Versuch war es wert. Severus stand auf und holte das Päckchen wieder hervor. Mit einem Zauberstabwink ließ er das Papier verschwinden und seine Lippen kräuselten sich, als er das Buch vor sich liegen sah. Etwas zögerlich schlug er es auf und begann, zu lesen. Erst überfliegend, dann immer gefesselter.
Die Geschichte, die das Buch erzählte, handelte von einem griesgrämigen alten Esel, der eine winzige Eule traf, die ihm vom Weihnachtsfest und dessen Entstehung erzählte. In einem Kapitel, welches ihn besonders fesselte, brachte die Eule dem Esel Streusalz und half ihm, über den Schnee zu laufen. Und zwischen jedem Teil der Geschichte war das Bild einer kleinen Kerze abgebildet. Immer wieder lauschte er gedanklich den Erzählungen der Eule und fühlte sich immer mehr mit dem Esel verbunden, bis er schließlich merkte, dass er bis tief in die Nacht hinein gelesen hatte.
Verärgert klappte er das Buch zu, merkte aber, dass noch etwas im Karton lag. Er zog es hervor. Es war eine kleine Kerze, der Docht noch ungebrannt und das Wachs weiß. Er trat mit der Kerze an den Kamin heran, verdünnte das Feuer darin zu einem schmalen Licht und zündete die Kerze an. Dann breitete er das Feuer wieder im Kamin aus, nicht, ohne die Kerze vorher neben seinem Schlafgemach aufzustellen. Und ganz unbewusst schlich sich ein kleines Lächeln auf dem Gesicht, bevor er sich niederlegte und einschlief.
Am nächsten Morgen wurde Severus von einer Eule geweckt, die ihm ein zusammengerolltes Päckchen brachte. Er erkannte den jährlichen „Punschmeister", ein Heft, dass Albus ihm immer zu Weihnachten schenkte. In einem schmalen Paket neben seinem Bett lag eine Schale mit einem Gubrian-Feuer, zweifellos von Minerva. Das letzte, grüngestreifte, Päckchen enthielt ein Fläschchen verdünntem Berian-Wachs von Poppy.
Und trotzdem war das einzige, was ein Lächeln auf Severus Gesicht zaubern konnte, die Kerze, die immer noch an der Wand leuchtete. Er zog sich, schlüpfte in Roben und Umhang und verließ mit unglaublich guter Laune seine Räume.
Auf dem Weg grüßte er Albus und nickte Filius zu. Dann warf er einen Blick auf den Stundenplan des Weihnachtsmorgens. Eine Doppelstunde mit den Drittklässlern von Gryffindor und Slytherin.
Ein erneutes Lächeln stahl sich auf eine Lippen, bevor er um die Ecke bog und Potter, Weasley und Malfoy, die gerade dabei waren, sich zu rangeln, mit dem üblichen Gesichtsausdruck bedachte.
Normalerweise hätte er jetzt mindestens eine Strafpredigt mit Punktabzug für Gryffindor über ihnen herabgewittern lassen, aber Severus lief einfach an den dreien vorbei, Malfoys ungläubigen Blick noch im Nacken.
„Brauen sie einen blutbildenden Trank. Die Zutaten finden sie im Schrank, das Rezept auf Seite 121.", schnarrte er in gewohnter Manier und besah sich mit sich selbst zufrieden die Schüler an. Dieser Trank würde die meisten von ihnen – sprich die Gryffindor-Idioten – vollkommen überfordern. Longbottoms, Weasleys und Potters Gesicht hatte einen leicht panischen Ausdruck angenommen, Millicent Bulstrode hatte sich bereits mit einem kampfbereiten Grinsen auf ihren Trank gestürzt und Draco Malfoy schlenderte gelangweilt zum Zutatenschrank.
Doch sein Blick hatte sich vollkommen auf Granger fokussiert. Und seine Mundwinkel zuckten, als er erkannte, wie weit voraus sie ihren Mitschülern schon war. Während andere verzweifelten, hatte Granger schon die Blutblasenschoten ausgequetscht und sah vollkommen konzentriert auf ihren Trank. Sogar das Streusalz kippte sie perfekt dosiert in den Kessel. Severus konnte sich ein amüsiertes Lächeln – natürlich hinter dem Rücken von Potter und Weasley – nicht verkneifen, als er an die Geschichte denken musste, die er gelesen hatte. Die Eule gab dem Esel Streusalz, damit er laufen konnte. Sie musste die Geschichte selbst gelesen haben, sonst hätte sie diesen kleinen Wink nicht verstanden.
Gegen Ende der Stunde sammelte er die Tränke ein und bewertete sie. Grangers Trank hatte die vorgeschriebene blasslila Färbung angenommen. Unter den ungläubigen Blicken der Slytherins ließ er sich zu einer Premiere hinab.
„Eine ausgezeichnete Leistung, Miss Granger. Sogar das Streusalz haben sie richtig benutzt. Ich denke, das ist ein Ohnegleichen wert. Zehn Punkte für Gryffindor." Er beugte sich ein wenig zu ihrem Ohr hinab und lächelte. „Für ein perfektes Weihnachtsgeschenk."
