--°''°--  Kapitel XII --°''°--

Harry rannte. Er jagte panisch durch die dunklen Flure, verfolgt von Monstern, die er nicht sehen konnte. Der Flur schien sich endlos hinzuziehen. Das Mondlicht fiel gespenstisch durch die Fenster, was den Flur silbern leuchten ließ. Aus dem Augenwinkel sah er, wie die Wände neben ihm in diesem silbernen Nebel verschwanden, sich einfach aufzulösen schienen. Und diese... Wesen, waren immer noch hinter ihm. Panisch rief er, rief einen Namen, den er nicht hörte. Dort hinten, dort, am Ende des Flurs, würde sie auf ihn warten. Wenn er doch nur das Ende erreichen könnte... Dann würden die Monster verschwinden. Bei diesem Gedanken schien er, weit vor ihm, das Ende erkennen zu können. Er sah eine leuchtende Gestalt, die still wartend dastand. Wieder rief er den Namen. Die Gestalt breitete die Arme aus, um ihn willkommen zu heißen. Doch bevor er sie erreichen konnte, verschwamm sie und an ihrer Stelle erschien jemand anders. Jemand, den Harry augenblicklich erkannte. Es war Cho, und sie lächelte ihn kalt an. Jetzt schienen die Monster von hinten näher zu kommen. Sie hatten ihn fast erreicht. Sie brauchten nur ihre Klauen auszustrecken, um ihn... Cho lächelte ihn weiter kalt an...

„Nein!" Mit einem Aufschrei fuhr Harry aus seinem Bett hoch. Schon wieder dieser Albtraum. Mit zittrigen Fingern strich er sich die schwarzen Strähnen aus seinen Augen. Ohne Brille konnte er nur verschwommene Umrisse erkennen, doch er sah, dass die anderen Jungs im Schlafsaal ruhig in ihren Betten lagen. Nach einer Weile ließ sich Harry seufzend zurücksinken. Es war nicht die erste Nacht, in der er keuchend aufwachte und das Gefühl hatte, die Monster aus seinem Traum säßen ihm immer noch dicht im Nacken.

Als Hermine und Draco sich am nächsten Tag auf dem Flur begegneten, schienen beide nicht so recht zu wissen was sie sagen sollten. Hermine schossen die wildesten Gedanken durch den Kopf. ‚Was, wenn er es bereut, mich geküsst zu haben? Was, wenn er es sich anders überlegt hat?'. Doch als er ihr ein kleines Lächeln schenkte, verschwanden diese Gedanken ganz schnell wieder. Draco blickte sich nach allen Seiten um, dann trat er dicht an sie heran und strich ihr mit seinen Fingern über die Wange. „Hi", flüsterte er und sah ihr tief in die Augen. „Hi", erwiderte sie genau so leise. ‚Sehr einfallsreich, Hermine', schalt sie sich innerlich. Doch Draco schien es nicht zu stören. Er lächelte sie nur weiter an. Dann stellte er schließlich die Frage, die er sie schon gestern Abend hatte fragen wollen.

„Also. Sind wir nun... zusammen, oder so was?", fragte er, plötzlich mit zögernder Stimme, und seine Finger hielten inne. Sie blickte ihn genau so unsicher an. „Ich weiß nicht", antwortete sie langsam. „Willst du denn?" „Wenn du es willst", antwortete er ausweichend. Hermine atmete tief ein. ‚Na los, fass dir ein Herz! Sag es schon! Du willst es doch', schien ihr Verstand zu flüstern. „Ja, ich würde gerne", sagte sie schließlich leise. Draco, der scheinbar sie Luft angehalten hatte, atmete erleichtert aus. „Gut, das möchte ich nämlich auch..."

Seit diesem Tag waren Hermine und Draco schier unzertrennlich. Natürlich, tagsüber mussten sie weiterhin so tun, als wären sie die erbittertsten Feinde, doch dafür trafen sie sich jeden Abend, entweder im Badezimmer der Vertrauensschüler, oder in irgendwelchen dunklen Ecken. Oder auch an ihren neu ernannten Lieblingsort; dem Astronomie-Turm. Niemand kam auf die Idee, das etwas zwischen den Beiden lief, doch jeder bemerkte, dass Hermine und Draco viel fröhlicher und entspannter wirkten als sonst...

„Sag mal, Dracolein, mein Süßer, was ist denn neuerdings mit dir los? Du siehst so.... glücklich aus." Pansy runzelte bei ihren eigenen Worten die Stirn. Sicher, Draco sah gut aus, sehr sogar, und meist wirkte er äußerst cool und unnahbar, aber glücklich? Draco, der ihr keine Beachtung schenkte, saß im Gemeinschaftsraum der Slytherins. Er hatte sich einen Platz vor dem Kamin gesichert, der die einzige Heizquelle im Raum darstellte. Auf seinem Schoß lag ein Buch, doch bisher hatte er immer nur denselben Absatz gelesen, denn in Gedanken war er ganz woanders. Um genau zu sein: Er dachte an gestern Abend zurück, als Hermine in den Kellern auf ihn gewartet hatte...

~ „Draco, warte! Ich habe was für dich." Verblüfft drehte er sich um; wer schleicht sich denn um diese Uhrzeit noch in den Kellern rum? Dann, als er die Person erkannte, breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Hermine, was tust du hier?", fragte er erfreut. „Hast du gar keine Angst, dass dich meine lieben Freunde finden?", scherzte er. Doch noch während er sprach, zog er sie in seine Arme. Nach kurzer Zeit löste sie sich jedoch wieder von ihm. Erwartungsvoll sah er sie an. „Nun, was verschafft mir die Ehre deines Besuches?" Hermine griff in ihre Tasche und sah ihn freudig an.

„Die habe ich in Hogsmeade gefunden. Und ich dachte mir, dass die wie geschaffen für dich ist." Damit drückte sie ihm etwas Kaltes in die Hand. Überrascht sah er darauf hinunter. In seiner Handfläche lag eine dünne silberne Kette, an der ein ebenfalls silberner Anhänger hing. Er war in der Gestalt eines Schwertes geformt, um das sich eine Schlange gewunden hatte. Die Augen der Schlange schienen aus Smaragden zu bestehen, denn sie leuchteten grün auf, als sich das Licht in ihnen brach. „Der Händler hat gesagt, die Kette sei ein Zeichen für Mut und starken Willen. Passt perfekt, wie ich finde." Verwundert blickte er von der Kette zu Hermine, die ihn mit unsicheren Augen beobachtete. „Natürlich, wenn sie dir nicht gefällt, dann kann ich...." Weiter kam sie nicht, denn Draco verschloss ihre Lippen mit einem Kuss. Wie immer schmolz sie fast bei dem Gefühl seiner weichen Lippen auf den ihren. „Hermine, die ist wunderschön", war alles was er herausbrachte, als er sich schließlich wieder von ihr löste... ~

...„Hörst du mir überhaupt zu?" Eine wütende Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. Vor ihm stand Pansy und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „Entschuldige, hast du was gesagt?", fragte er, doch er klang nicht wirklich entschuldigend. Pansy verdrehte dramatisch die Augen zur Decke. Doch dann nahm sie ihm das Buch vom Schoß und ließ sich dort nieder. „Was soll das denn werden?", fragte er mit eisiger Stimme, die vielen Erstklässlern bereits Albträume verursacht hatte. „Oh, ich versuche nur, meinen kühlen Draco ein wenig aufzutauen, das ist alles", säuselte sie verführerisch, doch Draco verzog nur angewidert das Gesicht. „Danke, aber darauf kann ich verzichten", sagte er mit eisiger Stimme. Damit stand er ruckartig auf, was verursachte, dass Pansy äußerst unsanft auf den Boden fiel und auf ihrem Hintern landete. „Wie kannst du es wagen....", begann sie, doch Draco tat so, als würde er sie nicht hören. „Und jetzt entschuldige mich, ich habe noch wichtige Dinge zu erledigen." Pansy starrte ihm wütend vom Boden aus hinterher.

In einem anderen Teil von Hogwarts saß Hermine in ihrem Gemeinschaftsraum und spielte eine Runde Zauberschach mit Ron. Obwohl man für Schach logisches Denken benötigte, und Hermine darin zweifelsfrei unübertroffen war, hatte sie es bisher noch nicht geschafft, Ron zu schlagen. Und es sah auch diesmal wieder schlecht aus. „Oh Hermine, dass hättest du vielleicht nicht tun sollen", sagte er, während er genüsslich dasaß und sie schachmatt legte.

Aufgebracht lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. „Verdammt, Ron. Es kann doch nicht sein, dass du andauernd gewinnst!" Er lächelte nur fröhlich. „Aber Hermine, wer wird denn da gleich fluchen", sagte er gespielt ernst und schüttelte seinen Kopf.

Dann schweifte sein Blick durch den Raum, offensichtlich auf der Suche nach jemandem. „Sag mal, weißt du, wo Harry ist?", fragte er sie schließlich und wandte sich ihr zu. „Woher soll ich das den wissen?", sagte sie abwehrend. Der Name Harry löste immer noch gewisse Gefühle in ihr aus. Und das Schlimme daran war, dass sie nicht genau wusste, was das für Gefühle waren. „Nun, er ist doch schließlich dein Freund, da kann man doch annehmen, dass du über seine Aktivitäten bescheid weißt." Hermine blickte ihn verwirrt an. „Hat er es dir nicht erzählt?", fragte sie ihn verwundert. „Was, wohin er geht? Nein, hat er nicht. Sonst hätte ich doch wohl nicht gefragt." Aber Hermine schüttelte nur ihren Kopf. „Nein, das habe ich nicht gemeint. Ich meine, Harry hat dir nicht erzählt, dass wir nicht mehr zusammen sind?" Ron riss die Augen weit auf und setzte sich auf. „WAS? Ihr seid nicht mehr zusammen? Aber wieso dass denn? Seit wann denn?" Die Fragen rauschten nur so aus seinem Mund. „Seit fast zwei Monaten nicht mehr", beantwortete sie seine letzte Frage. „Wir haben uns im Februar getrennt. „Aber... aber... wieso denn?" Die Verzweiflung in seiner Stimme brachte sie zum Lachen. „Mein Gott, Ron, es ist ja kein Weltuntergang gewesen." Aber im Stillen dachte Hermine an ihre Reaktion zurück, als sie von Harry und Cho erfahren hatte. Damals war ihr es vorgekommen wie ein Weltuntergang. „Harry hat mich betrogen", sagte sie schlicht. Seltsam, wie sie mit Ron so einfach darüber reden konnte. „Harry hat was?" "Mit Cho", ergänzte sie darauf hin. "Aber Harry würde so etwas doch nicht tun", versuchte Ron sich selbst zu überzeugen. „Hat er aber. Es schien so, als hätte ich ihm nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt." Er schüttelte stumm seinen Kopf. „Deshalb also", murmelte er dabei leise vor sich hin. „Was?", fragte sie nach.

„Harry und ich haben in letzter Zeit nicht mehr soviel miteinander geredet. Er hat andauernd alleine für Quidditch trainiert. Irgendetwas schien ihn zu bedrücken", sagte er und blickte sie kurz an. „Und nun scheine ich den Grund dafür gefunden zu haben." Hermine zuckte mit ihren Schultern. Doch dann fragte sie nach. „Er schien bedrückt?" „Ja, als wäre er ein anderer Mensch. Ich glaube, eure Trennung hat ihn sehr mitgenommen." Daraufhin lehnte sie sich schweigend zurück.

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