Wenige Zeit später fanden sie sich in der Zuflucht im Hauptraum ein, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen. Die Minen waren ernst, jeder wusste, was für sie auf dem Spiel stand.

»Tituleius' Männer greifen uns just in der Zeit an, in der wir unsere Zusammenarbeit mit den Dieben verstärken, um ihn aus dem Weg zu räumen«, begann Hjortkar. »Auffällig, findet ihr nicht?«

»Ehe wir voreilige Schlüsse ziehen, sollten wir sammeln, was wir wissen«, betonte Hilda. »Ich will nicht, dass irgendwer von uns voreilig handelt. Die Lage ist dafür zu ernst. Hjortkar, Malik, berichtet also von dem, was ihr mit den Dieben abgesprochen habt.«

Lucien ging auf, dass die beiden ebenfalls nur kurz vor ihm eingetroffen sein mussten, wenn sie noch keinen Bericht abgeliefert hatten.

»Vernon Roche und seine Diebe werden uns eine große Hilfe sein, da bin ich mir sicher«, sagte Malik. „Auch Hjortkars Wissen wird uns zum Vorteil gereicht sein; er weiß, wie die Legion funktioniert, wie es in ihren Reihen aussieht. Genau das werden wir uns zu Nutze machen können.«

»Ich merke, Ihr habt bereits einen Plan, Malik«, sagte Hilda. »Wie lautet er?«

»Es scheint schwer zu sein, aus einer außenstehenden Position an General Consantius Tituleius heranzukommen und ihm in einer Weise zu schaden, die uns zupass kommt«, berichtete der Rothwardone. »Wir müssen in seine Nähe gelangen, ihn von dort aus beobachten und seine Schwachstellen finden. Roches Diebe haben dahingehend bereits einige Arbeit geleistet, Möglichkeiten ausgekundschaftet und Papiere gefälscht …«

Hilda nickte nachdenklich. »Ihr schlagt also vor, jemanden einzuschleusen.«

»Stechen wir das Schwein ab und fertig«, mischte sich Valdimar ein. »Mord war schon immer unser Mittel, warum nicht auch dieses Mal? Es ist einfach und effizient.«

Hilda seufzte genervt. »War mir nicht, als hätten wir dieses Thema erst neulich?«, knurrte sie. »Seid still, wenn Ihr nicht begreifen könnt, was hier vor sich geht!«

Malik räusperte sich dezent. »Das war zu heftig«, erinnerte er ihre Zufluchtsleiterin. »Ja, wir stehen alle unter Spannung, aber das ist keine Rechtfertigung, mit einem von uns so zu reden, meine Liebe.«

Erst knurrte sie ihn wütend an, doch dann besann sie sich anscheinend wieder. »Das stimmt wohl«, sagte sie, nun wieder anscheinend ruhiger. »Ich habe mich gehen lassen, verzeiht. Doch ihr wisst alle um den Ernst unserer Lage. Wir sind die Dunkle Bruderschaft, doch mit der geballten Macht der Legion können wir es nicht aufnehmen. Wenn Tituleius herausfindet, wo wir zu finden sind, wird er jedes nur erdenkliche Rad in Bewegung setzen, um uns zu vernichten. Wir müssen ihm zuvor kommen!«

»Und wir müssen uns beeilen«, ergänzte Malik. »Ich glaube nicht, dass der Überfall der Soldaten gezielt geschehen war, dafür wirkten sie auf mich zu überrascht, als sie auf uns trafen. Doch es kann sein, dass Tituleius seine Schlüsse zieht, wenn er merkt, dass seine Leute spurlos verschwunden sind. Ich fand bei einem der Toten das hier.«

Er zog ein blutbeflecktes Pergament aus seiner Kleidung und reichte es Hilda. Sie betrachtete es eine Weile nachdenklich und rieb sich das Kinn.

»Hm«, machte sie schließlich. »Verklausuliert, allerdings nicht sonderlich komplex. Es scheint mir schon, bevor ich die genaue Verschlüsselung ermitteln kann, dass es darin um die Bruderschaft geht. Tituleius, so vorhersehbar … Wir müssen uns mit diesem Schreiben genauer befassen, doch im Nachgang. Ich will jetzt Ergebnisse sehen.«

»Und dabei nichts überhasten«, erinnerte Hjortkar. »Die Strukturen in der Legion sind klar verteilt, jeder weiß, wo er hingehört, über jeden wird Buch geführt. Gerade das macht es uns nicht gerade leicht, einen Angriffspunkt zu finden.«

»Doch dafür haben wir uns ja zu einer Zusammenarbeit mit den Dieben entschlossen«, ergänzte Malik. »Sie können uns genau diesen Angriffspunkt schaffen und sind auch dabei.«

»Wir schleusen jemanden ein, ja«, wiederholte Hilda. »Und ebenjener beschafft Informationen direkt von der Quelle.«

»Magie könnte dafür sehr hilfreich sein«, meldete sich nun auch M'raaj-Dar zu Wort.

»Doch leider liegt deine Spezialisation vor allem in der Zerstörungsmagie«, mischte sich nun auch Babette sein. »Wenn, dann ist Illusionsmagie angebracht, unter Umständen auch Veränderung. Wir müssen täuschen und verbergen, eine offensive Strategie ist fehl am Platz.«

»Ein hochdotierter Auftrag und schon wird sich um die Ehre des Ausführens gerauft«, seufzte Hilda, wieder sichtlich um Ruhe bemüht. »Die Tage des Observierens und Ausspionierens brachten ans Licht, dass wir zu für uns ungewöhnlichen Mitteln greifen müssen. Unter normalen Umständen würde ich auch zu Babette tendieren, doch das sind keine normalen Umstände. Wie gedenkt die Diebesgilde, einen von uns einzuschleusen?« Das letzte war wieder an Malik gerichtet.

»Es ist in Roches Augen wichtig, dass wir keine allzu hohen Posten anstreben«, sagte er. »Je unwichtiger und damit unauffälliger, umso besser. Dennoch müssen wir nahe genug an unser Ziel herankommen, um Informationen zu erlangen. Ein Stallknecht des Generals nützt also nichts. Roches Überlegungen gingen dahin, unserem General einen neuen Kelchreicher wärmstens zu empfehlen. Diese Person wäre nicht wichtig genug, als dass sie von Tituleius wahrgenommen wird, aber dennoch so nahe bei ihm, dass sie vieles wird hören können. Derzeit arbeiten die Diebe daran, uns genau solch eine Stelle zu verschaffen. Ans uns ist es derweil, eine geeignete Person auszuwählen.«

Hilda nickte. »Ich sehe«, sagte sie nach einer Weile, »dass Ihr schon genaue Vorstellungen davon habt, wie wir vorzugehen hatten. Doch gut, genau dazu wurdet Ihr ja ausgeschickt. Ich bin zufrieden. Wer wird vorgeschlagen?«

Lucien sah, wie es Babette und vor allem M'raaj-Dar in den Fingern juckte, sich selbst zu melden. Insbesondere der Khajiit wies ohnehin den Drang auf, sich durch seine Magie hervorzutun; anscheinend hielt er sich deswegen für etwas Besseres. Lucien, der sich bis jetzt noch gar nicht an der Besprechung beteiligt hatte, überlegte, ob er sich für Babette melden sollte, zum einen, weil er sie für die beste Wahl hielt, zum anderen aber auch, um M'raaj-Dar ein wenig zu provozieren. Er konnte es nicht leiden, wenn sich jemand, der mit ihm im Rang in etwa gleich auf war, so hervortun wollte.

Doch ehe er sich melden konnte, überraschte Hjortkar sie alle mit einem ungewöhnlichen Vorschlag. »Lucien Lachance«, sagte er unvermittelt in die überlegende Stille hinein. »Der Junge hat Talent, und gleichzeitig ist er höchst unauffällig. Ein kaiserliches Mischblut mit bretonischen Einschlägen, allzu selten ist das nicht. Außerdem hat er ein Händchen dafür, anderen Informationen zu entlocken.«

Lucien starrte den Nord mit offenem Mund an. Er wurde für diesen wichtigen Auftrag vorgeschlagen? Ausgerechnet er?! »Aber … aber …«, stammelte er. »Ich kann überhaupt nicht schauspielern! Ich bin miserabel darin, andere Rollen anzunehmen!«

»Nein«, widersprach Hilda langsam. »Nein, das denke ich nicht. Hjortkars Vorschlag erscheint mir sehr klug.«

Selbst durch sein Fell hindurch konnte man sehen, wie M'raaj-Dar weiß vor Wut wurde. »Die halbe Portion ist ein Emporkömmling«, schnaubte er. »Sein Talent ist in der Tat bestenfalls als mittelmäßig zu bezeichnen, seine Eignung anzuzweifeln.«

Er wollte anscheinend noch mehr sagen, doch die Werwölfin fuhr ihm mit einer heftigen Handbewegung über das Maul und verband jeden weiteren Protest. »Der Neid spricht aus deinen Worten. Vergiss nicht, dass du selbst kaum länger bei uns bist als Lucien«, wies sie ihn zurecht. »Lucien selbst stellt sein Talent unter den Scheffel. Dass er durchaus sehr leicht an Informationen kommt, weiß er. Doch er ist sich nicht bewusst, dass er sich dabei durchaus ausreichend verstellen kann. Ich denke zudem, dass man für diesen Auftrag kein ausgebildeter Schauspieler sein muss. Es reicht, einige Lügen rasch und glaubhaft über die Lippen zu bringen und ansonsten so zu tun, als sei man nicht da. Denkt daran, welche Stelle wir anstreben: Unser Agent soll Tituleius Wein bringen, während er sich mit den hohen Herrschaften berät, und nicht etwa selbst am Tisch der hohen Herren sitzen.

Ich denke, Lucien sollte nicht allein gehen. Denn der Einwand, dass er noch keine zwei Jahre bei uns ist und damit noch vergleichsweise unerfahren, ist berechtigt. Ich schicke Babette mit ihm, sie soll ihn mit Zaubern und notfalls auch Tränken unterstützen. Illusion ist hier weitaus eher angebracht als Zerstörung.«

»Vergesst nicht die örtlichen Diebe«, erinnerte Malik. »Auch sie können uns eine Unterstützung sein. Ja, das gefällt mir, sogar sehr gut.«

Lucien war immer noch viel zu überrumpelt, um etwas dazu sagen zu können.

Hjortkar sah jedem von ihnen fest in die Augen. »Ich weiß, dieser Vorschlag ist gewagt«, sagte er, »und ich sehe bei einigen von euch noch immer und wohl auch berechtigt Zweifel. Aber bedenkt, dass Babette mit Lucien gehen wird. Sollte etwas nicht nach Plan laufen, wird sie also zur Stelle sein.«

»Dieser Vorschlag hat etwas«, sagte Malik. »Er ist gewagt, aber es könnte zielführend sein. Wir sollten es auf einen Versuch ankommen lassen.«

»Die Mission, auf die wir die halbe Portion schicken wollen, könnte durchaus über das Schicksal dieser Zuflucht entscheiden«, gab M'raaj-Dar zu denken. »Wir sollten jemanden Erfahreneren schicken.«

»Es geht hier nicht nur um Erfahrung«, konterte Hilda. »Es geht vor allem um Unauffälligkeit. Und wer wäre unauffälliger als ein kleiner Junge, den niemand wahrnimmt? Niemand von den hohen Herren wird auf ihn achten, niemand ihn für voll nehmen. Und da ist keiner besser geeignet als er.«

Lucien zwang sich dazu, aus seiner Schockstarre zu erwachen und etwas zu sagen: »Das … das alles ist eine große, ich meine, eine wirklich große Ehre für mich«, stammelte er.

»Du hast gezeigt, dass du zu etwas taugst«, sagte die Zufluchtsleiterin. »Du bist nicht völlig ohne Talent für unser Handwerk. Dieses Talent sollte gefördert werden, und wie ginge das besser als durch aktives Lernen im Einsatz? Erweise dich als würdig für dieses große Vertrauen.«

Plötzlich klatschte sie in die Hände und strahlte mit einem Mal wesentlich mehr Optimismus aus. »Aber da lag ja noch etwas an, Lucien, nicht wahr? Erzähl uns doch von deinem Auftrag in Riften.« Das letzte wurde mit einem süffisanten Grinsen garniert.

Lucien wurde rot wie eine Tomate und wünschte sich das nächstbeste Erdloch herbei, während erwartungsvolle Blicke auf ihm ruhten.

»Da war ja etwas«, grinste Malik. »Los, erzähl, Junge! Wie bist du vorgegangen?«

»Fenster«, nuschelte Lucien. Musste das denn sein?!

Malik und Hjortkar prusteten los, und Valdimars Lachen dröhnte noch lange danach in den Ohren. Auch Babette und Hilda grinsten breit. Lediglich M'raaj-Dar hob skeptisch eine Augenbraue.

Hjortkar klopfte Lucien auf die Schuler. »Bei Sithis, Junge!«, rief er aus. »Aus dir muss wirklich noch ein Mann werden! Die Huren wussten, dass du kommen wirst. Du hättest ihnen einfach sagen sollen, dass du bei betreffender Dame einen Termin hast und schon hätten sie dich vorgelassen.«

»Woher hätte ich das denn wissen sollen?«, beschwerte sich der Junge.

»Ich dachte, deine eigene Mutter sei eine bretonische Hure gewesen«, sagte Hilda. »Die Damen dieses Gewerbes haben seit jeher ein enges Verhältnis zur Bruderschaft. Außerdem wäre das nicht so schwer herauszufinden. Warum hast du nicht einfach den Vordereingang genutzt? Jeder andere hier hätte das so gemacht.«

»Er ist noch jungfräulich«, stichelte Babette. »Da ist man noch etwas … unbedarft, was das andere Geschlecht angeht.«

Lucien knirschte vor Wut und Scham mit den Zähnen. Ausgerechnet jetzt musste er sich so blamieren, jetzt, nachdem ihm so viel Vertrauen entgegen gebracht wurde.

»Nimm es dir nicht so zu Herzen«, sprang ihm jedoch erfreulicherweise Malik zur Hilfe. »Wir waren alle einmal jung.«

»Und die Belohnung gibt es ja dennoch«, sagte Hilda. »Immerhin zweihundert Septime.«

Das zweite Mal an diesem Tag konnte Lucien vor Verblüffung nichts sagen. Zweihundert! Das war das reinste Vermögen!

»Malik, Hjortkar, eure Geldangelegenheiten will ich im Anschluss besprechen«, sagte Hilda. »Alle anderen sind entlassen. Lucien, komm mit mir, damit du deinen Lohn bekommst. Danach wird sich Babette deiner annehmen.«

Es war wie in einem Traum, als er Hilda zusammen mit Malik und Hjortkar in ihre Gemächer folgte, sie aus einer Geldtruhe eine Börse nahm und sie Lucien wortlos reichte, als sei dies das normalste der Welt. Entgeistert starrte er auf das, was er da in Händen hielt, und konnte es nicht wirklich glauben. Geld war noch immer etwas, das ihn gerne völlig aus der Rolle brachte.

»Husch, husch, halbe Portion«, schmunzelte die Werwölfin. »Ich habe mit Malik und Hjortkar noch einiges zu besprechen und du musst dich gründlich vorbereiten.«

Er schüttelte den Kopf, wie als wolle er einen Traum abschütteln. Dann nickte er. »Vielen Dank«, nuschelte er, erinnerte sich im letzten Moment, dass Hilda katzbuckliges Verhalten nicht ausstehen konnte und verließ den Raum.

Babette wartete bereits auf ihn. »Herzlichen Glückwunsch für deinen neuen Auftrag«, sagte sie. »Du bist jetzt unser Maulwurf, und nachdem ich jetzt darüber nachgedacht und das Ganze ein wenig hab setzten lassen, denke auch ich, dass du wirklich die beste Wahl dafür bist. Also dann, lass uns beginnen, alles will genau geplant werden!«

»Was erwartet mich denn?«, wollte Lucien wissen. »Das hat mich alles sehr überrascht, wisst Ihr.«

»Du selbst wirst so viel momentan gar nicht tun können«, sagte die Vampirin. »Die Diebe fälschen die nötigen Papiere, lassen ein wenig Schmiergeld springen und schaffen uns Platz für dich, wo wir dich einschleusen können. Du musst dann eigentlich nur noch ausführen, was sie für dich vorbereitet haben.«

»Also … ist eigentlich nicht so viel zu tun, oder?«, hakte er nach.

»Noch nicht«, räumte sie ein. »Wir werden unsere Sachen packen und uns auf die Reise nach Einsamkeit vorbereiten. Traditioneller Weise hat die kaiserliche Legion ihren Sitz in der Stadt des Hochkönigs von Skyrim, genauer in Festung Elend. Netter Name, wie ich finde. Aber wenn die Stadt schon Einsamkeit heißt … Wir werden vorher noch einmal mit Malik sprechen und für dich wäre es ebenso hilfreich, auch mit Hjortkar über die Legion zu sprechen. Er weiß alles über sie. Aber lass uns zunächst Sachen packen, damit wir gleich morgen früh aufbrechen können.«

Babette war freilich dafür, dass sie allerhand Alchemiehandwerkszeug mitnahmen, ebenso auch einfache Kleidung. Sie lobte Lucien dafür, dass er bereits selbst auf die Idee gekommen war, sich eigene Kleider zu beschaffen, um nicht stets in der Kluft der Dunklen Bruderschaft in Erscheinung zu treten.

»Sieh dir mein süßes Kleid an«, trällerte sie verspielt und drehte eine tänzerische Pirouette. »Jeder hält mich damit für ein süßes kleines Mädchen.« Sie lachte böse und ließ ihre Fangzähne aufblitzen. »Das macht wirklich Spaß, glaub mir.«

Sie betonte außerdem, dass er sein Geld am besten umsetzten sollte. »Du bekommst bei der Bruderschaft viel Geld, glaub mir, und für so einen Auftrag erst recht. Den Großteil deines Erwerbs zu sparen, bringt dir recht wenig, da du besondere Ausrüstung von uns bekommst, wenn du dir deinen Bonus verdienst. Für alles andere, Kleidung, Pflege für Waffen und Rüstungen und sogar Luxusgegenstände wie Seife, Duftöle und so weiter hast du das Geld sehr schnell zusammen. Du siehst ja: vier einfache kleine Aufträge und schon hast du zweihundert Septime zusammen. Damit kann man eine Menge anstellen. Geld auszugeben ist überhaupt das Tollste daran, auch wenn stumpfinnige Barbaren wie Valdimar lieber jemandem mit ihrer Axt den Schädel einschlagen. Das ist langweilig!«

Mit seinem plötzlichen Reichtum einigermaßen überfordert, wusste Lucien dieses Mal jedoch wirklich nicht, was er sich davon leisten sollte. Also nahm Babette ihn kurzerhand gegen Abend auf eine Einkaufsrunde mit. Die Vampirin hatte sichtlichen Gefallen daran. Zunächst erstanden sie in den Waren aus Graukiefer einige weitere Garderoben für Lucien für alle möglichen Anlässe, jedoch mit einem besonderen Augenmerk auf seinen bevorstehenden Auftrag. Danach führte sie ihn freudestrahlend in den Schlaftrunk, den Alchemieladen der Ortschaft.

Hier blühte sie förmlich auf, man merkte, dass sie die Alchemie liebte. Sie drängte dazu, Lucien alle möglichen Gerätschaften zu erstehen, sowie noch mehr Zutaten, unabhängig davon, ob sie einfach selbst zu sammeln waren oder für das Kommende von Nutzen sein konnte. Lucien konnte dem Überschwang der Vampirin kaum etwas entgegen setzen und kaufte einfach, was sie ihm vorschlug. Besser, er fand einfach den Spaß am Einkaufen, statt sich Gedanken über den Sinn dahinter zu machen.

Denn Babette hatte durchaus Recht: Die Bruderschaft stellte vieles ihren Mitgliedern bereit und das, was er darüber hinaus als notwendig erachtete, war in der Tat weit davon entfernt, sündhaft teuer zu sein.

Sie beschlossen ihren Tag mit vollen Taschen und einer leeren Geldbörse. Lucien lernte, dass man sich für Geld nicht nur allerhand Dinge kaufen konnte, sondern auch sehr schnell sein Geld wieder loswerden konnte.

Wieder in der Zuflucht angekommen, trafen sie Malik am Herd vor, wie er anscheinend wieder einmal für die gesamte Zuflucht das Abendessen zubereitete, was er gern einmal tat. Er hatte es aufgegeben, in M'raaj-Dar dieselbe Leidenschaft hervorzurufen, da der Khajiit ganz offensichtlich das Kochen unter seiner Würde hielt.

»Helft mir den Tisch für alle zu decken«, trug er ihnen auf, während er weiter im Topf rührte.

Lucien schnupperte. »Linseneintop!«, rief er freudig auf. »Eure schmeckt am besten!«

Malik strahlte breit, seine weißen Zähne blitzen hell gegen seine dunkle Haut auf. »Du wirst nirgends in ganz Tamriel einen besseren Linseneintopf kosten können als bei mir, das schwöre ich! Bei Sithis!«

»Na, ob unser Fürchterlicher Vater sich so sehr für das Kochen begeistern kann?«, bezweifelte Babette, während sie bereits zu den Schüsseln griff.

Lucien beeilte sich, dass auch er sich nützlich machte und verteilte Löffel und Becher. Er liebte die abendlichen geselligen Runden, wenn sie alle beisammen saßen, sich über ihr Tagwerk unterhielten und mit den neuesten Aufträgen prahlten. Manchmal wussten sie skurrile Geschichten zu erzählen, und Lucien lauschte ihnen gerne. Nicht selten konnte er einiges daraus mitnehmen.

Schnell war der Tisch gedeckt und die Zuflucht zusammengerufen. Lebhaftes Stimmengewirr erfüllte den Raum. Malik, bewaffnet mit Kochlöffel, Kochmütze und einer besonderen, auf die Dunkle Bruderschaft zugeschnittenen Variation eines Gewandes eines Kriegers der Alik'r, nahm den Topf vom Herd und stellte ihn unter kräftigem Beifall auf den Tisch. Dampf stieg auf und es roch wirklich köstlich. Valdimar wollte sich sogleich etwas von dem Eintopf nehmen, doch er bekam einen kräftigen Schlag mit dem Kochlöffel auf die voreiligen Finger. Malik ließ es sich nie nehmen, selbst auszuteilen.

Mit größter Begeisterung stellte Lucien fest, dass er besonders viel Speck abgekommen hatte. Zusammen mit dem frischen Brot, das aufgetan worden war, war dies wahrlich ein Festschmaus! Ungeduldig wartete er darauf, dass alle ihr Essen vor sich stehen hatten; Tischmanieren waren ihm in der Bruderschaft rasch anerzogen worden, auch wenn er ihren Sinn bezweifelte.

»Das war vielleicht ein Tag!«, kommentierte Hjortkar. »Erst die Gespräche mit den Dieben. Dann kommen wir nichts ahnend zurück, und was passiert? Wir stolpern mitten hinein in Tituleius' Leute, die um die Zuflucht herumschnüffeln!«

»Den haben wir es gegeben!«, tönte Valdimar. »Ihre Schädel sind einfach zu zerbrechlich, halten nichts aus, nicht mal mit ihren Helmen. Meine Axt ging durch sie hindurch wie durch Butter. Ha! Und mit meinen Fäusten durften sie auch Bekanntschaft machen!«

»Nichts geht über eine ordentliche Prügelei«, kommentierte Malik. »Nords leben doch dafür, nicht wahr? Ich bin für den feinsinnigen Kampf zu haben, nicht für das Grobe. Das ist mir … nun, zu grob eben.«

»Stöckchen schießen kann jeder«, brummte Valdimar und hob einen Humpen Met. »Auf uns!«

»Auf uns!«, riefen die anderen Assassinen und hoben ebenfalls Becher und Humpen.

»Ich verschieße keine Stöckchen.« Malik wirkte in seiner Ehre gekränkt. »Das Bogenschießen ist eine hohe Kunst und erfordert gleichermaßen Ruhe, Krampf, Konzentration und Schnelligkeit. Das gute Auge nicht zu vergessen! Ein Pfeil für jeden, das ist mein Motto.«

»Männer, müssen immer damit prahlen, wer den längeren hat«, kommentierte Hilda abfällig.

»Dafür leben wir nun einmal«, erinnerte sie Malik mit eitlem Augenaufschlag.

Und auch dafür liebte Lucien die abendliche Runden: für ihre spielenden Streitereien, den lockeren Umgangston, das leicht flapsige und provokative. Leicht konnte man da die Sorgen des Alltags vergessen.

»Und wieso müsst ihr dafür leben?«, wollte Hilda wissen.

»Vergleichen Frauen denn nicht, wer die größeren Titten hat?«, wunderte sich Valdimar. »So aufgetakelt und posierend, wie manche auftreten, ist das doch ein viel offener ausgetragener Krieg, als es der gestandene Nord tut.«

»Blödsinn«, konterte Hilda. »Frauen gehen weitaus subtiler vor. Wir gehen nicht hin und sagen, wer die größeren Titten hat. Wir haben sie einfach, verstehst du?«

»Nein.« Valdimar standen die Fragezeichen regelrecht in den Augen.

»Dacht' ich's mir«, seufzte die Werwölfin.

Nun, das war eindeutig ein Thema, bei dem sich Lucien lieber bedeckt hielt. Ob sie es mit Absicht machten, um ihn weiter in Verlegenheit zu bringen? Er senkte den Kopf und löffelte seinen Eintopf, konzentrierte sich lieber auf den Geschmack als auf das Gespräch. Malik hatte gut gewürzt und wirklich reichlich Speck und Wurst an das Mahl geschnitten. Genau so musste es sein! Lucien liebte es.

»… in Einsamkeit«, schnappte er einen Gesprächsfetzten von Malik auf. »Dort findet ihr euren nächsten Kontakt.«

»Hast du gehört, Lucien?«, wandte sich Babette an ihn.

»Was ist?«, schreckte er auf.

»Die Diebesgilde hat in Einsamkeit eine feste Zweigstelle«, widerholte Malik. »Sie wird eure wichtigste Kontaktperson sein. Fragt im Wolkengipfel nach Jaeel, er wird euch weiter einweihen in den Plan und seine Ausführung.«

»War es sehr schwierig, all das vorzubereiten?«, wollte Lucien wissen.

»Teuer, willst du wohl eher fragen«, korrigierte Malik. »Die Diebe lassen sich ihre Dienste ordentlich was kosten. Vielleicht auch zu Recht. Was sie für uns getan haben, ist keine Kleinigkeit, immerhin gilt es, die kaiserliche Legion zu unterwandern.«

Lucien nickte. Auch wenn er noch keinerlei Erfahrung in solchen Angelegenheiten hatte, konnte er sich vorstellen, dass das keine Kleinigkeit war.

»Ich habe Angst«, sagte er unvermittelt und leise.

»Wovor denn?«, fragte Babette einfühlsam nach.

»Vor dem, was kommt. Vor … der Verantwortung.« Er taute sich fast nicht, diese Worte auszusprechen, aus Angst davor, als Feigling dazustehen.

Doch Malik und Babette lächelten nur mitfühlend.

»Das kennen wir nur zu gut, halbe Portion«, vertröstete ihn der Rothwardone. »Glaub mir, das ging keinem von uns zu Beginn anders. Irgendwann war dann der große Tag gekommen, wo wir einen richtig großen Fisch an Land ziehen durften, nicht immer nur diese Spielereien, die niemanden herausfordern, der sich halbwegs zum Mörder eignet.«

»Das, was dir aufgetragen wurde, klingt nach mehr, als es eigentlich ist«, betonte Babette. »Sicher, wir haben alle einen großen Wirbel darum gemacht, aber im Endeffekt setzt du nur fort, was Malik und Hjortkar zusammen mit den Dieben bereits begonnen haben. Und alleine bist du außerdem auch nicht. Also alles ganz entspannt.«

»Und fast schon langweilig, du darfst ja nicht einmal jemanden abstechen«, scherzte Malik.

Lucien lächelte dankbar für die aufmunternden Worte. Wenn er so darüber nachdachte, war sein Auftrag in der Tat unaufgeregter, als er zunächst angemutet hatte. Alle hatten nur einen so großen Wirbel darum gemacht im Laufe des Tages, immer wieder war es zur Sprache gekommen.

Doch jetzt wusste er: Wenn er sich nur bemühte, konnte er auch das schaffen. Er war nicht ohne Grund für diesen Auftrag ausgewählt worden.