Kapitel 12

2 Years

Müde saß sie in ihrem Büro. Ihre Arme schmerzen von der langen Reanimation, die sie vor nicht ganz einer Stunde abgebrochen hatten. Wieder ein junges Leben verloren. Aber wahrscheinlich war es besser so für die arme Soldatin. Sie wäre vielleicht nie wieder richtig wach geworden mit den schweren Hirnschäden, die der Neurochirurg vorausgesagt hatte. Koma, apallisches Syndrom, eines von beiden wäre wohl ihr Schicksal gewesen.

Um sich etwas zu erholen hatten sowohl Tara als auch Andrew, der mit ihr reanimiert hatte, sich in ihre Büros zurück gezogen und hingen nun über trockener, aber wichtiger Schreibarbeit. Taras Berg an Papieren hatte sich in den letzten Monaten doch etwas vergrößert, da sie nur noch selten Überstunden schob. Und seit Christin und Stephen gekündigt hatte und noch kein Ersatz für die Beiden nachgekommen war, hatten sie etwas mehr zu tun, so dass die Büroarbeit oftmals liegen blieb.

Sie legte gerade einen Antrag auf zwei neue Beatmungsgeräte in den Ausgangskorb, als es klopfte und Chen seinen Kopf durch die Tür steckte. "Hey Tara, du hast Besuch."

Sie sah auf. "Huh? Wer denn?"

Chen zuckte leicht mit den Schultern. "Hat seinen Namen nicht genannt, er meinte nur, er wäre ein alter Bekannter von dir. Aber die Stimme kommt mir irgendwoher bekannt vor."

Sie erhob sich und seufzte. Eigentlich hatte sie keine Zeit für irgendwelche Besucher. Das war vermutlich Jones, der schneite hier alle paar Monate mal rein und sagte Hallo, wenn er gerade in der Stadt war.

Chen verkrümelte sich wieder Richtung Stationsstützpunkt, während Tara sich zur Besucherschleuse begab und davor wartete. Sie lehnte sich gegen die Wand und schloss die Augen. Die letzte Nacht war zu lang gewesen, sie war viel zu spät ins Bett gegangen. Aber was konnte eine Frau tun, wenn sie ...

"Hey Lady, woran denkst du?"

Ihre Augen flogen auf und sie starrte ihn völlig verblüfft an. "Trent?"

"Yap. Bin wieder im Lande..." meinte er leicht grinsend und musterte sie eingehend.

Erinnerungen krochen hoch, Nächte, an die sie seit einigen Monaten keinen einzigen Gedanken mehr verschwendet hatte. Sie lächelte sanft und betrachtete ihn. Er war braun gebrannt und hatte immer noch dieses spitzbübische, verruchte Grinsen im Gesicht, mit dem er sie in den Wahnsinn getrieben hatte - in mehrerer Hinsicht.

"Komm." meinte sie schlicht, stieß sich von der Wand ab und marschierte zurück zu ihrem Büro. Fast zwei Jahre war es jetzt her, dass sie ihre letzte Nacht miteinander verbracht hatten, sein Einsatz hatte viel länger gedauert, als sie beide für möglich gehalten hatten.


Trent folgte ihr. Sie sah noch fast genauso aus, wie er sie in Erinnerung hatte, nur die Haare waren inzwischen schulterlang. Er war versucht, seine Finger in die leicht gelockte Pracht zu tauchen und hindurch zu streichen, aber er beherrschte sich.

In ihrem Büro lehnte sie sich gegen den Schreibtisch und sah zu ihm hoch. "Du warst verdammt lange weg."

"Leider. Ich hatte mit Monaten gerechnet, nicht mit Jahren. Solche Aufträge wollte ich ja eigentlich nicht mehr machen." erwiderte er leicht genervt.

"Ich weiß, hattest du ja erzählt. Dieser Frosch Fall..." meinte sie nachdenklich. Dann seufzte sie leise. "Aber du siehst gut aus. Der Fall scheint zumindest auch ein paar positive Aspekte gehabt zu haben."

Ihre Stimme war... normal. Es fehlte das Knistern, das eigentlich fast von Anfang an zwischen ihnen gelegen hatte. "Ja, es ging mir nicht zu schlecht dabei. Viel Sonne, wie man sieht." Er rieb sich über seine obligatorische Glatze, die natürlich auch braun gebrannt war.

Sie lachte leise. "Stimmt. Steht dir aber gut. Die Frauen müssen dir doch scharenweise nach gerannt sein."

Er verschränkte die Arme und betrachtete sie amüsiert. "Warst du Mäuschen oder wie?"

"Nein, aber ich weiß wohl zu gut, welche Wirkung du auf Frauen haben kannst, wenn du willst." erwiderte sie ebenso amüsiert. Sie stieß sich vom Schreibtisch ab. "Willst du was trinken?"

"Immer doch." antwortete er, während sie zu ihrem Schrank lief.

Nachdem sie zwei Gläser eingeschenkt hatte, reichte sie ihm eins davon. Ihre Finger berührten sich leicht und er genoss das Gefühl, ihre Haut wieder zu spüren, wenn auch nur so flüchtig. "Und du hast alles gut überstanden, keine Probleme gehabt?" holte sie ihn aus seinen Gedanken.

"Nein, mir gehts gut." erwiderte er, bevor er einen Schluck trank. "Das Einzige, was mir die ganze Zeit gefehlt hat, waren unsere Nächte." meinte er schließlich gerade heraus. Er musste wissen, woran er jetzt bei ihr war.

Sie lächelte sanft. "Ich hab den Sex mit dir am Anfang auch unheimlich vermisst...Aber es hat sich viel getan, nachdem du weg warst."

Er seufzte lautlos. Nun war ihm klar, was an ihr anders war. Er musterte sie eingehend, sah ihr in die Augen und entdeckte etwas Neues an ihr.

In den eineinhalb Jahren, in denen sie sich ständig getroffen hatten, hatte er sie in vielen Gemütszuständen gesehen: Zufrieden, erschöpft, befriedigt, lüstern, wütend, genervt, fröhlich und noch mehr. Aber er hatte sie niemals richtig glücklich gesehen. Im Gegensatz zu jetzt.

"Behandelt er dich gut?" fragte er schlicht.

Ihre Augen strahlten, als sie nickte. "Das tut er." Ihr Blick wanderte an ihm vorbei auf ihre Wand mit den vielen Bildern. Neugierig drehte er sich um und suchte nach einem Bild, das neuer wirkte, konnte aber keins entdecken, all diese Bilder waren schon hier gewesen, als er sie damals kennen gelernt hatte.

"Einer deiner Kollegen?" fragte er.

"Nein, wo denkst du hin. Bei mir auf Station gibt es keine Paare, Arbeitskollegen sollten keine Beziehung führen, oder besser gesagt, Paare sollten nicht auf der selben Station arbeiten. Stört die Balance des Teams." Sie lief an ihm vorbei und blieb bei den Bildern aus ihrer Zeit bei den Marines stehen.

Er trat neben sie. Also einer ihrer alten Kameraden. "Warum erst jetzt?" fragte er aus reiner Neugierde und sah zu ihr runter.

Sie erwiderte seinen Blick ruhig. "Weil er damals glücklich verheiratet war, ich kein Interesse an Beziehungen im allgemeinen hatte aufgrund meiner Tätigkeit beim USMC, wir uns Anfang der Neunziger aus den Augen verloren haben, als er das USMC verlassen hat und er mir vor knapp einem Jahr hier erst wieder über den Weg gelaufen ist.

Oder besser gesagt, drüben in Zimmer 14 gelandet ist. Du glaubst nicht, was das für ein Schock war. Da seh ich ihn 20 Jahre nicht und dann liegt er SO in der Notaufnahme."

Ihre Wangen wurden bei der Erinnerung etwas blass und er fragte sich, in welch erbärmlichem Zustand der Mann wohl gewesen war. Schließlich wusste er, dass sie normal nicht so leicht aus der Fassung zu bringen war, sie hatte mehr als genug in ihrem Leben gesehen und erlebt.

"Aber... es hatte auch sein Gutes. Es hat lange gedauert, bis sich mehr zwischen uns entwickelt hat, aber..." sie führte den Satz nicht zu Ende, hob die Hand und strich vorsichtig über eins der Bilder.

Trent beugte sich nach vorne und betrachtete das Bild. Sie war darauf zu sehen, viel jünger als heute, mit Tanktop und Wüstentarnhose bekleidet. Tränen liefen ihr über die Wangen, so sehr lachte sie. Sie hing in den Armen eines anderen Soldaten, der ebenfalls lachte und sie zu kitzeln schien. Trent musterte das Gesicht des Mannes und hob beide Brauen, denn er kannte dieses junge, fröhliche Gesicht... nur wesentlich älter und grimmiger.

"Gibbs?" entfuhr es ihm erstaunt. "Du bist mit Gibbs zusammen?"

"Du kennst Jethro?" fragte Tara nicht minder erstaunt.

Er brummte leise "Ja, wir hatten schon des öfteren das Vergnügen miteinander."

"Na das klingt aber nicht gerade freundschaftlich." Sie musterte ihn neugierig.

Trent lachte trocken. "Untertreibung des Jahrhunderts. Er traut mir so weit, wie er mich werfen kann. Und ich kann jetzt nicht gerade behaupten, dass ich ihn sonderlich mag."

Tara schüttelte leicht den Kopf. "Ihr seid euch in gewisser Weise ähnlich, weißt du. Er ist genau so ein sturer Bock wie du, und genauso zielstrebig, sowohl beruflich als auch privat."

Er winkte nur ab. "Wenn ich nicht für die CIA arbeiten würde, hätte er vermutlich nicht solche Probleme mit mir. Aber was solls. ich muss es ja nicht ihm aushalten, sondern du... Ich hoffe, du weißt, was du da tust. Gibbs ist nicht gerade dafür bekannt, funktionierende Beziehungen zu führen." warnte er sie ruhig.

Sie kniff leicht die Augen zusammen, eine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn. Ein sicheres Zeichen, dass sie sauer wurde, doch bevor sie was sagen konnte, legte er ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen. "Du brauchst nicht wütend werden. Ich will dir das nicht ausreden, das ist deine Entscheidung. Ich will nur nicht, dass er dir unnötig weh tut. Auch wenn das, was wir hatten, nur sexuell und freundschaftlich war, mag ich dich, und würde ungern sehen, wie er dir das Herz bricht."

Ihr Gesichtsausdruck wurde wieder sanft und sie lächelte unter seinem Finger. "Ich kenne seine Vergangenheit, auch die schlechten Zeiten, ich weiß von seinen gescheiterten Ehen und Beziehungen. Mach dir um mich keine Sorgen. Jethro trägt mich auf Händen, und ich denke, hoffe nicht, dass sich das nochmal ändern wird."

Er zog seine Hand zurück und sah ihr in die Augen. "Du siehst glücklich aus."

"Ich bin glücklich, Trent. Ich liebe ihn." erwiderte sie einfach.

Trent musste lächeln. Dieses Statement war so von Herzen gekommen, dass es ihn berührte. Er freute sich für sie. Das Einzige, was ihn an der Sache wurmte, war, dass er sie ausgerechnet an Gibbs 'verloren' hatte. Jeder andere... aber nicht Gibbs. Aber gut, damit musste er wohl oder übel leben.

Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Man sieht es. Aber..." er begann wieder zu grinsen "wenn er es verbockt, weißt du ja, wo du mich findest." Mit diesen Worten drehte er sich um und lief zu ihrer Bürotür.

Er hörte sie lachen. "Ich werds mir merken, für den unwahrscheinlichen Fall, dass du recht haben solltest."

Ohne sich nochmal umzudrehen, hob er die Hand. "Bye, Lady."