Ein Mädchen namens Rin

Sally spürte, wie sich der Nebel um ihren Körper schloss. Wie ein weiches Tuch legte er sich auf die bloße Haut an ihren Unterarmen und streichelte ihre Wangen. Es tat so gut, wieder hier zu sein, auch wenn sie kaum zwei Tage fort gewesen war. Für sie fühlte es sich an wie eine Ewigkeit.
Doch Sally hatte keine Zeit, um die Erfahrung der Rückkehr zu genießen.
Sie packte Hoxton, der bereits unter Kopfschmerzen knurrte, an der Schulter und zerrte ihn weiter. Sie wusste, dass er Junior eisern umklammert hielt. Hoxton konnte gar nicht anders. Sally war sich dessen vollkommen klar.
Mit einem ächzenden Stöhnen gab sie den beiden einen Stoß und so schnell sie den Nebel betreten, so schnell verließen sie ihn auch wieder. Sally nahm sich keine Zeit, die Stille ihrer Lichtung zu genießen, die unrealen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut zu spüren oder am Plätschern ihres Teichs zu verweilen.
Der harte Betonboden des Unterschlupfs war das erste, mit dem die Realität sie begrüßte. Sallys rechtes Knie prallte auf die starre Oberfläche, genau wie ihre beiden Handflächen. Doch im Gegensatz zu Hoxton und Junior stand sie sofort wieder auf.
Als nächstes kamen die Geräusche, zusammen mit dem Licht, das wieder in ihre orange Pupille vordrang. Die Mitglieder der Payday Gang stöhnten. Sie standen, hockten und kauerten in einem unordentlichen Halbkreis um Sally herum. Clover sah aus, als wäre ihr kotzübel, während Wolf ein psychopatisches Lächeln über die Lippen schoss.
Aber Sally bedachte sie kaum eines schnellen Blickes, bevor sie sich umdrehte und ihre Aufmerksamkeit Hoxton und Junior zuwandte. Eine kleine Blutlacke hatte sich bereits gebildet, direkt unter Juniors linker Schulter. Hoxton kauerte über ihm, beide Hände auf die Verletzung gedrückt im verzweifelten Versuch, die Blutung zu stoppen. Aber es würde niemals genug sein.
„Habt ihr Medikamente hier?", rief Sally und drehte sich zu der Payday Gang um: „Verbandszeug? Nadel und Faden?"
Beinahe hätte sie Chains, der sie nur benommen anschaute, eine verpasst. Sallys Blick schnappte weiter zu Wolf, der erst jetzt den Zustand des jüngsten Bankräubers bemerkt zu haben schien und dessen Lächeln mit einem Schlag weggewischt wurde.
„Er blutet uns aus!", rief Sally: „Er…"
„Hier", gellte eine Stimme durch den Raum und Dallas erschien in Sallys Blickfeld. Er trug einen roten Koffer mit einem weißen Kreuz drauf. Gleichzeitig gab er Chains im Vorbeigehen einen unsanften Stoß.
„Macht einen Tisch frei", kommandierte Dallas. Er wollte bereits in die Knie gehen und Hoxton zu Seite ziehen, als Sally ihm eine Hand auf die Schulter legte.
„Ich mach das", versicherte sie und hob ihre linke Hand. Ein oranges Glimmen leuchtete um ihre Finger. Das schwache Licht glänzte in der dunkelroten Lache auf dem Boden und im nächsten Moment hob sich Junior so sanft in die Luft, wie es die besten Sanitäter der Welt nicht zusammengebracht hätte.
Chains hatte derweil in Windeseile einen der Tische leergeräumt. Die Blaupausen, Grundrisspläne und halbleeren Schokoladenpackungen landeten allesamt auf dem Boden. Nun, nach dem Bankraub, waren sie vollkommen nutzlos. An ihre Stelle legte sich, ebenso sanft wie er sich erhoben hatte, Junior.
„Hat irgendjemand von euch eine medizinische Ausbildung?", fragte Sally, als sie an den provisorischen Operationstisch herantrat: „Oder Erfahrung mit Verwundungen?"
Sie schaute die Runde und wurde bei Chains fündig, der ihr gegenüber an den Tisch trat. Seine Miene war wieder eisern, so wie Sally es gewohnt war. Seine Augen strahlten reine Entschlossenheit aus.
Am Rande ihres Blickfelds konnte Sally sehen, wie Wolf Hoxton zurückhielt, als sie eine Schere aus dem roten Koffer fischte. Er musste ihn nicht brutal festhalten, eine einfache Hand gegen die Schulter reichte. Offensichtlich wusste Hoxton selbst nicht genau, ob er einschreiten sollte.
Sally stellte den roten Koffer neben Juniors Kopf, zog ihm die Maske von der Stirn und machte sich anschließend daran, seine Bekleidung zu zerschneiden. Sie begann am Kragen des Anzugs. Die Messer der Schere schnitten einen sauberen Riss durch den blutgetränkten Stoff und entblößten die darunterliegende Verletzung.
„Schusswunde", kommentierte Chains. Während Sally Juniors Anzug zerschnitt, tauschte er seine alten, blauen Handschuhe gegen ein neues, sterilisiertes Paar aus dem Koffer. Nun benutzte er ein weißes Tuch, um sorgfältig und behutsam die Wunde zu reinigen. Der Stoff färbte sich innerhalb weniger Sekunden komplett rot.
„Heb ihn an", flüsterte Chains angespannt, doch konzentriert. Sally legte eine Hand unter Juniors Rücken, die andere unter die heile Schulter. Dabei spürte sie, dass er noch atmete. Unter einigem Kraftaufwand hob sie ihn ein Stück nach oben, sodass Chains die Hinterseite der Verletzung abtasten konnte.
„Verdammt", knurrte er nach einem Moment.
„Was ist?", wollte Dallas wissen. Sally ersparte es sich, einen Blick auf Hoxton zu werfen.
„Keine Austrittswunde", murmelte Chains und zog seine Hand wieder zurück. „Er wurde von einer kleinkalibrigen Waffe getroffen. Zum Glück. Aber die Kugel ist nicht durchgegangen."
Sally ließ Junior wieder zurück auf den Tisch gleiten und Chains langte in den roten Koffer. Clover und Dallas standen auf seiner Seite des Tisches, Hoxton und Wolf auf jener Sallys. Die Krankenschwester griff nun nach dem roten Tuch und sorgte dafür, dass die Wunde sauber blieb. Immer noch quoll Blut hervor. Doch die Menge war viel zu gering für eine Arterie.
„Seine Hauptschlagadern sind noch intakt", murmelte Sally. Sie schaute kurz zu Chains hinauf, der bestätigend nickte. Er hatte mittlerweile ein kleines Skalpell hervorgezogen, dessen scharfe Klinge im fahlen Licht der Neonröhren aufblitzte.
„Was macht ihr da?", knurrte Hoxton hinter Sallys Rücken und er hätte wohl bedrohlich geklungen, wäre seine Stimme nicht von tödlicher Sorge durchsetzt gewesen.
„Wir entfernen die Kugel", antwortete Sally ohne den Kopf zu drehen: „und verschließen die Wunde."
„Ich brauche Licht", sagte Chains und binnen weniger Sekunden hatte die Krankenschwester eine kleine Taschenlampe aus dem roten Koffer gefischt. Sie nahm das Gerät in die linke Hand und hielt es auf Augenhöhe über die Wunde. Ein leises Klicken ertönte, als sie es einschaltete.
Chains und Sally tauschten einen Blick aus. Dann senkte der Bankräuber das Skalpell und schickte sich an, die Wunde zu untersuchen. Doch gerade als die Klinge die Haut berührte, ging ein Ruck durch Junior. Seine Schultern spannten sich an, seine Arme zuckten nach oben und seine Augen starrten kerzengerade an die Decke.
„Scheiße", knurrte Chains und zog das Skalpell zurück, bevor Junior sich daran verletzte: „Wolf, Dallas, haltet ihn fest!"
Die beiden kamen sofort herbeigesprungen und legten ihre Hände an den Körper des Verletzten. Wieder schien Hoxton einschreiten zu wollen und wieder zögerte er. Junior begann unterdessen, schmerzerfüllt zu stöhnen und versuchte, seine rechte Schulter abzutasten.
„Ganz ruhig, Kleiner", murmelte Chains und Sally staunte, wie beruhigend die Stimme des Ex-Soldaten klingen konnte. Juniors Augen schossen immer noch wild umher.
„Du bist in Sicherheit", sagte Chains: „Wir haben´s geschafft. Wir sind raus."
„Wa… Was ist pa… passiert?", stammelte Junior, geschüttelt von Krämpfen und Zuckungen. Er warf einen schnellen Blick hinüber zu Sally, hinter deren Schulter er sofort seinen Vater entdeckte. Als Junior die Augen geöffnet hatte, war Hoxton sofort zu ihm herangetreten.
„Sally hat uns rausgebracht", antwortete Chains: „Aber du hast dir noch eine Kugel eingefangen, in deiner rechten Schulter."
Chains schnappte sich eine Mullbinde aus dem roten Koffer und rollte sie zwischen seinen Fingern zu einem Knäuel zusammen.
„Was?", hauchte Junior, der offenbar immer noch nicht ganz bei Sinnen war. Chains sagte nur: „Wir müssen das Projektil entfernen. Sofort. Und das wird etwas wehtun. Hier, beiß da drauf."
Bevor Junior protestieren konnte, hatte Chains ihm den Stoff bereits zwischen die Zähne geschoben. Hoxton wollte etwas sagen, hielt sich jedoch zurück. Ihm war klar, dass Chains genau wusste, was er tat. Dallas und Wolf hatten ihren Druck auf Juniors Extremitäten verstärkt und als Chains wieder nach seinem Skalpell griff, hob Sally ihre Taschenlampe zurück über die Wunde.
Das Licht beleuchtete ein Chaos aus Blut und Fleisch. Mit ein paar schnellen Tupfern entfernte Sally einen Großteil der Flüssigkeit und bevor weiteres Blut austreten konnte, fuhr Chains mit dem Skalpell hinunter in die Wunde. Junior fletschte die Zähne, als der Stahl auf seine Haut traf. Chains machte nur einen kleinen Schnitt, gerade groß genug, um ihm Zugang in die Wunde zu gewähren.
Anschließend warf er das Skalpell achtlos zur Seite und nahm als nächstes eine Pinzette zwischen die Finger. Sally konnte seinen Atem hören, als er sich wieder über die Wunde beugte. Er war voluminös, konzentriert und ruhig, beinahe unheimlich. Übertönt wurde er nur von einem gelegentlichen Stöhnen, das zwischen Juniors Zähnen hervorbrach. Alle anderen schwiegen.
Wieder reinigte Sally die Wunde von Blut, bevor Chains mit der Pinzette in die Schulter fuhr. Die Taschenlampe tat ihr Bestes, um ihr Licht bis in die Verletzung vorzuschicken, doch sie war nichts im Vergleich zu den Scheinwerfern eines professionellen Operationssaals. Aber sie musste genügen.
„Gleich haben wir´s", murmelte Chains. Seine Augen waren auf die Wunde fixiert. Hoxton schaute immer wieder zwischen ihm und Junior hin und her, den Dallas und Wolf unermüdlich festhielten.
„Ich glaube, ich sehe sie", flüsterte Sally.
„Wo?"
„Da. Von dir aus links."
Sie machte einen kleinen Schlenker mit der Taschenlampe und für den Bruchteil einer Sekunde blitzte glattes Metall unter all dem Blut hervor. Chains knurrte leise. Er bewegte seine Hand langsam nach links, drückte die Finger zusammen und zog die Pinzette dann plötzlich zurück. Eine kleine Metallkugel klirrte auf die Tischfläche.
„Das war´s"
Chains klopfte Junior auf die gesunde Schulter und machte sich daran, zusammen mit Sally einen Druckverband über die Wunde zu legen. Für beide war es nicht das erste Mal, dass sie eine Wunde behandelten und so hatten sie ihr Werk binnen weniger Sekunden vollendet. Am Ende atmete nicht nur Junior erleichtert auf.
„Jetzt hast du´s hinter dir", lachte Chains, drückte Junior jedoch wieder zurück, als er sich erheben wollte. „Naja, fast. Bleib erst Mal liegen und wundere dich in den nächsten Tagen nicht über Schwindelgefühle, Kopfschmerzen und Kotzanfälle. Das ist ganz normal."
Chains lachte wieder. Junior hingegen sah aus, als stünde er kurz vor einem der angekündigten Symptome und Sally wandte sich ab, als sich Hoxton zwischen sie und seinen Sohn schob. Was sie als Nächstes sah, war der Lauf einer Pistole.
„Hey, was soll denn das?", rief sie und duckte sich zur Seite weg. Ihre Arme schnellten nach oben, während Dallas seine Waffe direkt auf ihren Kopf gerichtet hielt. Sein Gesicht war wie zu Stein erstarrt und Wut zeichnete sich in seinen Zügen ab.
„Hör auf mich zu verarschen, Smithson", knurrte Dallas. Sally hatte absolut keine Ahnung, was überhaupt geschehen war und nun, mit dem ersten Schreck überwunden, setzte sie selbst eine wütende Miene auf.
„Verarschen? Ich habe ihm gerade das Leben gerettet."
Sie streckte die rechte Hand aus und zeigte auf Junior. Wolf und Chains waren immer noch in seiner Nähe, Clover hielt sich etwas abseits auf, doch sie alle standen voll und ganz hinter ihrem Anführer. Sally fühlte ihre Blicke auf sich ruhen. Einzig und allein Hoxton wusste ebenfalls nicht, wovon Dallas sprach. Ausgerechnet er war es jetzt, der sich für Sally einsetzte.
„Ähm, Boss…", murmelte er und drehte sich in Dallas Richtung, eine mahnende Hand erhoben. Bevor er jedoch weitersprechen konnte, bellte Dallas: „Spiel keine Spielchen mit mir, Smithson. Ich habe dich gewarnt! Wo sind die Taschen?"
Sally schaute ihn einen Moment lang fragend an. Dann ließ sie ihren Blick durch den Unterschlupf gleiten, wo sie Tische, Stühle, Blutspuren und abgelegte Waffe entdeckte. Aber keine mit Geld gefüllte Sporttaschen. Am liebsten hätte sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen. Sie verzichtete jedoch darauf und hielt ihre Hände weiterhin defensiv nach oben.
„Ich dachte, die Taschen würden hier herauskommen", sagte sie, so beschwichtigend wie sie nur konnte: „Sie müssen wohl im Nebel liegen geblieben sein."
„Was?"
Ein Klicken hallte durch den Raum, als Dallas den Hahn seines Revolvers zurückzog.
„Keine Panik. Ich hole sie euch doch gleich. Meine Güte…"
Langsam aber sicher hatte Sally genug von der ganzen Situation. Nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten, hatte sie sich erwartet, wenigstens ein Mindestmaß an Vertrauen zu erhalten. Aber offensichtlich hatte sie damit falsch gelegen. Als ob sie die langjährige Verbrecherin in diesem Raum wäre. Mit einem entnervten Schnauben ließ sie die Hände wieder fallen.
„Hör zu", sagte Sally, als Dallas die Waffe immer noch auf ihren Kopf gerichtet hielt: „Entweder du lässt mich jetzt in den Nebel hinüber und ich hole euch eure verdammten Taschen oder du erschießt mich, hier und jetzt. Und dann war die ganze Aktion umsonst. Deine Entscheidung."
Sie widerstand der Versuchung, mit ihrem Fuß ungeduldig auf den Boden zu klopfen. Schließlich wollte sie Dallas nicht unnötig irritieren. Stattdessen verschränkte sie einfach die Arme vor der Brust, während Dallas sie mit berechnendem Blick musterte. Letztendlich ließ er seine Waffe jedoch sinken.
„Keine Spielchen", knurrte er und Sally musste sich hart am Riemen reißen, um nicht mit den Augen zu rollen. Dunkler Nebel hatte sich bereits um ihre Finger gebildet und keine Sekunde später trat sie in ein schwarzes Portal aus finsteren Schwaden.
Der Nebel begrüßte sie. Er tat ihr so gut wie die herabscheinende Sonne und Sally spürte ein weiteres Mal, wie frische Energie in ihre Adern floss. Schon bald tauchten die Bäume vor ihr auf. Ein Gefühl von frischer, feuchter Waldluft strömte in ihre Lungen und Sally konnte die vertrauten Vögel in den Wipfeln zwitschern hören. Aber noch war sie nicht fertig.
Sally schaute sich um und tatsächlich entdeckte sie, verstreut in der Wiese um sie herum, die gesamte beute der Payday Gang. Es waren Taschen, prall gefüllt mit Geld, Gold und Diamanten. Zusammen waren sie wohl mehrere Millionen wert und auch nur eine einzige allein konnte bereits als Schatz bezeichnet werden. Als Wolf und Dallas sie durch das Portal geworfen hatten, mussten sie wohl einfach hier herausgekommen sein.
Sally zuckte mit den Schultern. Sie scherte sich nicht um das Geld. Was sie wollte, war die Unterstützung der Payday Gang bei ihrem weiteren Vorhaben, Anna und Max zu befreien. In ihrem Hinterkopf hörte sie Bains Bemerkung, der überraschenderweise etwas über das Gefängnis, in dem die beiden gehalten wurde, gewusst hatte. Sie musste absolut sicher gehen, alles zu erfahren.
Sally zählte einundzwanzig Taschen, als sie sich langsam um die eigene Achse drehte. Die meisten lagen direkt neben ihr, doch ein paar waren in den Büschen und Sträuchern gelandet. Ein leichter Wink ihrer linken Hand reichte, um sie telekinetisch anzuheben und in das Portal zu schicken. Als letztes ging Sally durch und stand sogleich wieder im Unterschlupf der Payday Gang, einen Haufen Taschen zu ihren Füßen.
„Hier", knurrte sie: „Euer Geld"
Die Bankräuber hatten bereits einen Kreis um die Beute gebildet, die sich beinahe mannshoch im Saal auftürmte. Nor Hoxton war drüben bei Junior geblieben. Clover nickte anerkennend, als Dallas eine der Taschen öffnete und von einer regelrechten Geldwelle begrüßt wurde. Wolf stieß einen Jubelschrei aus und Chains klopfte ihm auf die Schulter.
„Scheiße, wir haben´s geschafft", murmelte er. Sein Blick blieb kurz an Sally hängen, die seelenruhig abwartete und ihrerseits Dallas beobachtete. Sie gab ihm genug Zeit, um zu überprüfen, dass sie ihn nicht hereingelegt hatte. Erst als er wieder aufstand und seine Pistole zurück in den Holster steckte, trat sie nach vorne.
„Das sind zwölf Taschen", sagte Sally: „Zwei für jeden von euch. Also eine mehr, als ihr ohne mich hättet tragen können. Im Nebel liegen noch neun weitere und sie gehören euch, sobald…"
„Es gibt noch mehr?", platzte Clover heraus: „Wie viel zum Teufel haben wir da denn herausgeholt?"
Sally zuckte nur mit den Schultern, bevor sich ihr Blick wieder auf Dallas richtete. Der Anführer hörte ihr aufmerksam zu. Seine Miene blieb unergründlich.
„Das Zählen überlasse ich euch. Ich will auch nichts davon abhaben. Was ich jedoch will, ist, dass ihr euren Teil der Abmachung einhaltet und im Gegenzug mir helft."
„Im Gegenzug?", fragte Dallas: „Wegen dir wären wir beinahe draufgegangen. Schau dir Junior an."
„Ohne mich wärt ihr mit Sicherheit draufgegangen", beharrte Sally. Sie dachte gar nicht daran, den Blickkontakt zu unterbrechen. Fest entschlossen starrte sie Dallas weiterhin in die Augen. „Aber ich überlasse euch die Entscheidung. Im Nebel liegen neun Taschen, an die ihr ohne mich nicht herankommt und ich gebe sie euch, sobald ihr mir geholfen habt."
Dallas antwortete nichts und Sally erwartete das auch gar nicht.
„Ich melde mich irgendwann in den nächsten Tagen", sagte sie: „Hoffentlich habt ihr euch bis dahin entschieden."
Mit diesen Worten verschwand sie in ihrem schwarzen Portal und kehrte zurück in den Nebel, wohin ihr niemand folgen konnte. Endlich war sie wieder allein und es war ein Genuss, den Durchgang in die reale Welt endlich schließen zu können. Sally spürte den weichen Grasteppich unter ihren Füßen, als sie eine Tasche nach der anderen einsammelte und in ihre Hütte brachte. Ein paar Raben beobachteten sie von den Ästen der Bäume aus. Als sie mit ihrer Arbeit fertig war, ließ sie sich auf einen Stuhl fallen, legte ihren Kopf in den Nacken und fiel sofort in etwas, was man wohl als Schlaf bezeichnen konnte.

Feng hatte sich eng in ihre graue Jacke gehüllt und der kalte Wind, der seit etwa vier Uhr nachmittags wehte, hatte ihre Wangen rot werden lassen. Ihre schwarzen Haare fielen um ihr Gesicht und immer wieder langte Feng nach oben, um einzelne Strähnen zur Seite zu wischen. Links von ihr waren Bäume. Es war der Wald, westlich von Waltonfield, den sie nur allzu gut kannte und verabscheute. Doch sie war nicht des Waldes wegen hier.
Direkt vor ihr, unter einem großen Baum, der etwas abseits von seinen Artgenossen Wurzeln geschlagen hatte, stand Jakes Hütte. Kleine Rauchwölkchen quollen aus dem Kamin und wurden sofort vom Wind zerstreut. Außerdem schien ein oranges Leuchten durch die Fenster. Jake musste also zuhause sein.
Es sah unfassbar friedlich aus. Die gesamte Szenerie erinnerte Feng an die alten Märchen, die ihre Mutter ihr immer erzählt hatte, als sie noch klein gewesen war. Geschichten von einem Helden, der im Exil lebte. Von einer guten Seele, die nicht in die Gesellschaft passte und die Einsamkeit gesucht hatte, nur um eines Tages aufzubrechen und eine Prinzessin in Not zu retten. Der Gedanke war so absurd, dass Feng unwillkürlich den Kopf schüttelte.
Als sie die hintere Hausecke erreichte, nahm sie die Kopfhörer aus ihren Ohren und steckte sie in ihre Jackentasche. Ein schnelles Tippen auf ihr Handy stoppte das aktuelle Lied. Was übrig blieb, war das Heulen des Windes, der Feng immer noch im Nacken kitzelte, als sie schon direkt vor der Tür stand. Dort hielt sie inne.
Den ganzen Weg über hatte sie nachgedacht, was sie Jake überhaupt sagen sollte. Ihr war nichts eingefallen und immer noch hoffte sie, dass sie es schon wissen würde, wenn es so weit war. Aber sie war sich nicht sicher. Mit einem tiefen Atemzug beruhigte sie sich, bevor sie die Hand hob und zweimal gegen das Holz pochte.
Sofort hörte Feng Schritte hinter der Tür. Jemand stand auf und ging durch den kleinen Raum. Einen Augenblick später öffnete sich die Tür und Feng erblickte einen überraschten Jake.
„Oh, hallo Feng."
„Hi, Jake. Ähm… darf ich reinkommen?"
„Aber natürlich"
Jake hastete zur Seite und machte der kleinen Asiatin genug Platz, damit sie an ihm vorbei in sein bescheidenes Heim treten konnte. Es war angenehm warm. Wärmer als letztes Mal, sofern Feng sich noch richtig daran erinnern konnte. Im Kamin prasselte ein fröhliches Feuer und es roch nach Gemüsesuppe.
„Hast du dir heute wieder freigenommen?"
Feng drehte sich zu Jake um, der gerade die Tür ins Schloss fallen ließ. Mit der rechten Hand bot er ihr einen Platz auf seinem alten Sofa an und setzte sich ihr anschließend gegenüber, während sie antwortete: „Nein, ich bin nur relativ früh gegangen."
Kurz darauf entfuhr Feng ein Gähnen. Sie hatte es nicht mehr unterdrücken können und Jake schoss bei dem Anblick ein Grinsen übers Gesicht.
„Da fühle ich mich aber geehrt", sagte er: „dass du dich nach der Arbeit und auch noch bei so einem Wetter bis zu mir herausquälst."
„Der Weg ist gar nicht mal so schlimm", murmelte Feng.
Jake nickte.
„Man kann gut nachdenken am Waldrand, nicht wahr? Hör zu, es tut mir leid, dass ich es nicht mehr auf die Party geschafft habe. Ich hätte wirklich gern vorbeigeschaut. Aber ich habe Claudette ja geschrieben, dass ich hier einen kleinen Notfall hatte."
Jake nickte zur Seite. Feng ließ ihren Blick in die angezeigte Richtung wandern und entdeckte eine blaue Decke in einer Ecke, auf dem sich eine blaue Katze zusammengerollt hatte. Ihr kleines Köpfchen ragte über ihren Körper hinaus und als Feng sie erblickte, öffnete sie das Maul zu einem wehleidigen Miauen. Ihr rechtes Vorderbein steckte in einer weißen Schiene.
„Ach die Arme", murmelte Feng, doch Jake erwiderte: „Mit der brauchst du kein Mitleid zu haben. Die dumme Kuh ist draußen auf den Baum geklettert und heruntergefallen. Frag mich nicht, wie sie es angestellt hat, aber sie hat geschrien wie am Spieß."
Feng drehte den Kopf und schaute wieder zu Jake zurück.
„Wie kannst du nur so herzlos sein?"
Ein Ausdruck der Empörung flog über Jakes Gesicht und er stemmte die Arme gegen die Hüfte.
„Herzlos?", rief er: „Ich habe sie bis zum Tierarzt getragen, dort behandeln lassen und dann wieder zurückgeschleppt, nur um mir die ganze Nacht ihrem Geplärre zuzuhören."
„Sie leidet doch."
„Wie kann man denn als Katze bitte von einem Baum fallen und sich die Pfote brechen?", rief Jake. Sowohl er als auch Feng hatten zu Grinsen begonnen, doch nun wurde Jake wieder ernst. „Eigentlich glaube ich gar nicht, dass sie selbst schuld ist. Wahrscheinlich wurde sie ihr ganzes Leben lang in irgendeinem Haus gehalten und hat keine Ahnung von der echten Welt."
„Und jetzt fällt sie eben alle Nase lang auf die Schnauze", kommentierte Feng und Jacke pflichtete ihr nickend bei.
„Ein wildes Tier wie eine Katze sollte nicht in einer Wohnung gehalten werden", sagte er: „Das ist nicht natürlich. Eigentlich eine Schande, wenn du mich fragst."
„Jetzt ist sie ja bei dir."
Jake und Feng schauten eine Weile hinüber zu Nadia, die sich mit der Zunge über ihr graues Fell leckte. Ihr langer Schwanz zuckte immer wieder hin und her, beinahe so, als hätte er ein Eigenleben entwickelt. Katzen waren wahrhaft eigenartige Geschöpfe.
„Jake", sagte Feng schließlich, als sie sich erinnert, warum sie überhaupt hierhergekommen war. Sie drehte sich wieder nach vorne und suchte seinen Blick. „Ich muss mit dir reden."
„Das klingt aber ernst", murmelte Jake.
„Meg…", setzte Feng an, während sie in Gedanken einen Plan zurechtlegte: „Meg hat mir erzählt, dass du… Sie hat mir verraten, was du ihr im Vertrauen gesagt hast."
Verdammt, sie war so schlecht in diesen Dingen.
„Meg hat dir verraten, dass ich…"
„Ja", nickte Feng bestätigend. Sie war sich absolut sicher, dass sie und Jake dasselbe meinten. Dennoch nahm sie sich die Zeit, um ihm ihr Anliegen zu erklären. „Meg hat mir gesagt, dass du mich sehr magst. Also nicht, dass du in mich verliebt wärst oder so… oder eigentlich schon, aber… aber du bist dir selbst nicht ganz sicher, oder?"
Je länger sie Jake anschaute, umso unsicherer fühlte sie sich in ihrer Haut. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn aufzusuchen. Vielleicht wäre es besser gewesen, einfach die Klappe zu halten und die ganze Sache zu ignorieren. Immerhin hatte es sich bis dato wunderbar bewährt. Allerdings war sie jetzt hier und es gab kein Zurück mehr. Jake schaute sie einfach nur mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck an.
„Hör zu, Jake", sprach Feng weiter: „Ich fühle mich ja geschmeichelt, wirklich und ich… ich finde dich auch ganz wahnsinnig toll, aber… Es gibt da eine Sache, die ich dir sagen muss."
Es war zu spät. Jetzt musste sie mit der Wahrheit herausrücken. Jake schaute sie immer noch einfach nur an und Feng hatte keine Ahnung, wie er reagieren würde. In ihrer Brust machte sich ein Gefühl breit, als würde sie rückwärst eine Treppe nach unten fallen. Es war furchtbar.
„Jake, ich…", stammelte Feng: „Ich… Also… Ach verdammt, ich stehe auf Frauen."
Am liebsten hätte Feng die Augen geschlossen, als sie das Geständnis zwischen ihren Lippen hervorpresste und sie erwartete irgendein lautes Geräusch, wie einen Kanonenschuss oder so. Aber da war nichts. Jake blieb ganz ruhig und seine Reaktion war nicht mehr als ein einfaches, beinahe gleichgültiges: „Oh"
Feng zog die Augenbrauen nach oben und wartete einen Moment. Als Jake nichts sagte, fragte sie zögerlich: „Ist das… ist das alles? Ich meine, du… bist du nicht enttäuscht oder… oder wütend?"
„Wer?", fragte Jake: „Ich? Ach komm, nein, warum sollte ich denn?"
Er schaute Feng fragend an und in seinen Augen entdeckte sie wirklich nichts weiter als Gelassenheit.
„Okay, auf Meg bin ich vielleicht etwas sauer, dass sie sich verplappert hat, aber das ist wohl auch ein wenig meine Schuld. Immerhin hab ich´s ihr selbst verraten, dass… Warte mal."
Jakes Blick klammerte sich an Fengs Gesicht und unwillkürlich hielt sie den Atem an.
„Hattest du etwa Angst davor, wie ich reagieren würde?", fragte er: „Du zitterst ja."
Feng antwortete nicht und einen Augenblick später lehnte sich Jake wohlwollend zu ihr herüber. Mit einem Arm um ihre Schulter gelegt zog er sie in eine warme Umarmung, in der sie gar nicht anders konnte, als sich geborgen zu fühlen.
„Alles was ich Meg gesagt habe", flüsterte Jake: „war, dass ich mir vorstellen könnte, dass aus uns zwei Mal was wird. Nicht mehr und nicht weniger. Ich mag dich eben und daran hat sich auch nichts geändert. Aber ich bin doch kein notgeiler Dreizehnjähriger mehr, der sich nicht unter Kontrolle hat."
Er schaute zu ihr hinunter und lächelte. Feng hatte sich an seine Seite geschmiegt, wie damals in Paris und die Finger ihrer rechten Hand krallten sich sanft in seinen Pullover.
„Danke", murmelte sie.
„Wofür denn?"
„Keine Ahnung. Aber nur damit du´s weißt, ich mag dich auch immer noch wahnsinnig gern."
„Ja, das hast du vorhin bereits gesagt", witzelte Jake und Feng konnte spüren, wie der Anflug eines Lachens durch seine Lungen säuselte. Sie selbst hingegen verbarg ihr Gesicht hinter den Händen.
„Ich komme mir gerade so bescheuert vor", murmelte sie, woraufhin Jake umgehend antwortete: „Dazu gibt es überhaupt keinen Grund."
„Das ändert aber nichts daran, dass ich es trotzdem tue."
Jake senkte den Kopf und schaute zu ihr hinunter. Sie spürte wie sein Kinn ihre Stirn berührte, nur für einen kurzen Augenblick.
„Hast du etwa wirklich gedacht, ich würde es dir übelnehmen?", fragte er.
„Ich weiß nicht", murmelte Feng: „Ich hatte gedacht, dass es dich zumindest überraschen würde."
Jake richtete den Blick hinüber in die Flammen, die sich gefräßig an drei dicken Holzscheiten zu schaffen machten.
„Hat es auch. Aber was soll´s, ist doch egal."
Feng seufzte nur.
„Ach, was geht nur vor in deinem Köpfchen?", murmelte Jake: „Vielleicht solltest du dich ein Weilchen hinüber zu Nadia in die Idiotenecke setzen."
„Hey!"
Feng rammte ihm ihren Ellbogen in die Seite, wozu sie in ihrer gegenwärtigen Position perfekt in der Lage war. Doch gleichzeitig spürte sie, wie seine freundschaftlichen Sticheleien das kalte Eis der Ungewissheit dahinschmelzen ließen. Sie hatte gehofft, dass Meg recht behalten würde. Dass es niemanden scheren würde. Und es war eine solche Erleichterung, dass ihre Freunde bedingungslos zu ihr standen. Weder Meg noch Jake hatten auch nur eine Sekunde lang gezögert und Feng fragte sich ernsthaft, ob sie sich nicht ganz einfach viel zu viele Gedanken gemacht hatte. Ales was zählte, war doch nur der warme Arm, der um ihre Schulter lag.

Sallys Nacken schmerzte und sie sollte sich nicht darüber wundern. Schließlich hatte sie ihn auf einer kantigen Stuhllehne platziert, bevor sie eingedöst war und nun bezahlte sie den Preis. Selbst als spektrale Königin einer übernatürlichen Parallelwelt war man immer noch nicht gegen einen schmerzenden Nacken gefeit. Sally blinzelte und öffnete ihr Auge
Dann merkte sie plötzlich, dass sie nicht von selbst aufgewacht war. Irgendetwas hatte sie aufgeweckt. Es war ein Geräusch gewesen, erinnerte sie sich. Trieb sich da etwa jemand in ihrer Hütte herum?
Ruckartig kam Sally auf die Beine. Sie griff nach ihrem Gehstock, den sie neben sich an den Tisch gelehnt hatte, auch wenn sie ihn nicht wirklich als Waffe brauchte. Gleichzeitig schoss ihr eiserner Blick durch das kleine Wohnzimmer und über all die wunderbaren Möbel, die Andrew ihr gemacht hatte. Gerade noch so erhaschte sie den flüchtenden Schatten, der in der Tür zum Schlafzimmer verschwand.
Sally legte den Kopf schief und zog eine Augenbraue nach oben. Dann setzte sie einen Fuß vor den anderen und folgte dem Wesen, das in ihre Hütte eingedrungen war. Doch das Schlafzimmer war leer. Zumindest glaubte Sally das, bis sie ein seltsames Geräusch hörte und ihren Kopf nach links zu einem alten Wandschrank drehte.
Oben auf dem alten Möbelstück, knapp unter der Decke, saß das bleiche Mädchen mit den wallenden schwarzen Haaren. Wie ein Tier hatte sie sich auf allen vieren in eine defensive Position begeben und zog eine abschreckende Grimasse. Ihre zerschnittenen Glieder zuckten hin und her und die Knochen in ihrem Körper arrangierten sich in immer neuen Formationen. Sie war ein grässliches Monster. Doch Sally sah auf den ersten Blick die pure Angst hinter dem Schleier.
„UÄÄÄHHHH"
Zum zweiten Mal stieß das Mädchen ihr seltsames Kreischen aus. Gleichzeitig schlug sie mit ihrer rechten Pranke nach Sally und hätte ihr wohl das Gesicht zerkratzt, wäre die Krankenschwester nicht weit außer Reichweite gestanden. Der Hieb hatte auch nicht treffen sollen. Er war viel mehr dazu gedacht gewesen, sie zu verjagen.
„Das ist aber nicht sehr freundlich", sagte Sally in sachlichem Tonfall. Sie legte beide Hände auf ihren Gehstock und wirkte dabei wie die alte, gebrechliche Dame, die sie eigentlich sein sollte. „Seit wann bricht man denn in anderer Leute Häuser ein und verbarrikadiert sich auf deren Wandschränken?"
Ein unheimlich tiefes Knurren drang aus der Kehle des Mädchens, als sie sich weiter zur Wand zurückzog. Dabei hob sie ihren linken Arm, als wolle sie ihr Gesicht vor Sally verbergen. Nur noch ihre strahlend weißen Augen stachen aus dem Halbdunkel hervor.
„Aber ich vergaß", rief Sally: „Ich habe dich doch eingeladen. Warum setzen wir uns nicht hinaus ins Wohnzimmer? Dort spricht es sich doch viel angenehmer als hier auf einem Wandschrank."
Das Knurren ging immer weiter und verfolgte Sally auch noch, als sie sich umdrehte und das Schlafzimmer wieder verließ. Sie hatte keine Antwort erwartet, da das Mädchen nicht sprechen konnte. Sally war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt verstand, was sie ihr sagte. Ruhig und gelassen setzte sie sich also draußen an den Tisch, während sie sich dafür verfluchte, so unvorsichtig gewesen zu sein. Aber sie hatte erwartet, dass der Nebel sie warnen würde. Erst einen Moment später kam Sally der Gedanke, dass dies vielleicht deshalb nicht geschehen war, weil von dem Mädchen ganz einfach keine Gefahr ausgegangen war.
Ein hölzernes Pochen verriet Sally, dass jemand von einem Wandschrank auf den Boden gesprungen war. Sie dreht den Kopf und schaute hinüber auf den Türrahmen. Das Schlafzimmer konnte sie vom Tisch aus nicht sehen und auch das Mädchen hielt sich vorerst verborgen. Erst eine gute Weile später tauchte ein Nebel aus schwarzen Haaren auf und darunter ein Gesicht, das vorsichtig ins Wohnzimmer spähte.
Die Augen des Mädchens zuckten zu Sally, die sich vollkommen klar war, dass sie selbst mit ihrer Narbe und ihrem orangen Auge keinen vertrauenserregenden Eindruck machte. Daher blieb sie so regungslos wie möglich sitzen und schaute einfach nur zurück. Sie sagte kein Wort.
Nach einer guten Weile verließ das Mädchen die Deckung hinter dem Türrahmen und trat hinaus ins Wohnzimmer. Ihre Haltung war grotesk und ihre Wirbelsäule musste wohl in zahllose Bruchstücke zersplittert sein. Aber Sally sagte immer noch nichts.
„Uäh", machte das Mädchen, dieses Mal jedoch viel leiser und auch nicht so bedrohlich. Für Sally hatte es beinahe wie eine Frage geklungen. Die Antwort gab sie, indem sie mit der flachen Hand auf einen leeren Stuhl wies. Das Mädchen folgte der Geste mit ihrem Blick.
Für eine ganze Weile verharrten sie so, bevor sich das Mädchen endlich traute und langsam zu ihr herüber ging. Als sie sich näherte, entdeckte Sally hunderte Glassplitter, die in ihrem Körper steckten. Die Lumpen, in die das Mädchen gewickelt war, verbargen gerade mal das nötigste und gaben den Blick auf hässliche Verletzungen frei. Doch es floss kein Blut. Schweigend setzte sich das Mädchen auf den Sessel und Sally drehte sich zu ihr hin, beide Hände auf den Knauf ihres Gehstocks gelegt.
„Ich habe deinen Meister getötet", sagte sie und suchte nach einer Reaktion in den Augen des Mädchens: „Macht uns das zu Feinden?"
Sally erhielt keine Antwort und das Mädchen schaute sie einfach nur weiterhin an. Unter all dem Misstrauen jedoch, glaubte Sally mehr erkennen zu können. Ihre Worte schienen zu ihr durchzudringen, obgleich Sally sich unsicher war auf welche Weise.
„Verstehst du mich?", fragte Sally: „Verstehst du, was ich sage?"
Das Mädchen legte den Kopf schief und ihre Haare schienen weit weniger bedrohlich nach oben zu schweben, als sonst. Sally wusste nicht, ob es nur Einbildung war. Nach einem Moment legte das bleiche Mädchen eine Hand auf den Tisch und quälte ein seltsames Quietschen aus ihrer Kehle hervor.
„UÄH"
Sally nickte.
„Ich nehme das als ein Ja"
Sie senkte den Blick hinunter auf die Hand, die vor ihr auf dem Tisch lag. Die Finger waren lang und dürr. Sie wirkten beinahe wie die Äste eines abgestorbenen Baumes, doch genau wie der restliche Körper zuckten sie in unregelmäßigen Abständen hin und her. Sie verrenkten sich in immer neue Formen.
„Lass dich mal anschauen", sagte Sally und streckte ihre eigene Hand aus. Dabei ging sie bewusst langsam vor, um ihre schreckhafte Gesprächspartnerin nicht wieder zu vertreiben. Wie erwartet zog das bleiche Mädchen ihre Hand sofort zurück.
„UÄÄÄH!"
Sally verharrte in aller Gelassenheit und mit ausgestreckter Hand. Ihr einladender Blick suchte nach den Augen des Mädchens und geduldig wartete sie, bis ihr Vertrauen wieder zurückgekehrt war. Einen Augenblick später berührten die bleichen Finger des Mädchens die der Krankenschwester.
„Du bist kalt", sagte Sally: „eiskalt."
Sie sah auf.
„Fühlst du dich kalt?"
Der Kopf des Mädchens zuckte von links nach rechts und es war schwer zu sagen, ob sie ihn geschüttelt hatte oder es einfach nur eine der vielen Verrenkungen gewesen war. Sally ließ ihre Finger weiter über die Haut des Mädchens gleiten. Vorsichtig berührte sie die Handfläche, die sich ganz normal anfühlte. Dann ging sie auf den Handrücken über.
„Was ist das?", fragte Sally und spähte hinunter auf die bleiche Haut. Sie war rau und unangenehm. „Sind das Glassplitter?"
Das Mädchen antwortete nicht. Stumm verfolgte sie, wie Sally ihren Körper abtastete und von ihrem Handrücken langsam zu ihrem Arm hinauffuhr. An der ersten Schnittstelle hielt sie inne. Sally konnte den Knochen und die Adern sehen, die sauber durchtrennt worden waren.
„Tut das weh?", fragte Sally und schaute dem Mädchen in die Augen: „Diese Schnitte sehen schmerzhaft aus. Aber du wärst nicht die erste, die sich in einem etwas unnatürlichen Körper wohlfühlt. Tust du das?"
Sally hatte bereits versucht, ihr mit dem Nebel verbundenes Bewusstsein nach dem Mädchen auszusenden und festgestellt, dass sie nicht so einfach zu greifen war wie Meg. Die Änderungen an ihr waren vom Entitus vorgenommen worden. Sally verfügte ganz einfach noch nicht über die nötige Macht, um die Schandtaten ihres alten Meisters rückgängig zu machen.
„Ich kann dir helfen", sagte Sally: „Vielleicht nicht sofort, aber ich bin sicher, dass wir für vieles eine Lösung finden können."
Ihre Hand lag nun auf der Schulter des Mädchens und Sally musste aufpassen, sich nicht an den Glasscherben in ihrem Fleisch zu schneiden. Jeder normale Mensch hätte unter solchen Verletzungen wohl laut aufgeschrien. Aber das Mädchen zeigte keine Reaktion. Selbst dann nicht, als Sally die Stellen berührte, an denen das Glas direkt durch ihre Haut stach.
„Du hast Angst, oder?", fragte Sally und bevor das Mädchen antworten konnte, fuhr sie fort: „Natürlich hast du das. Es wäre auch seltsam, wenn es nicht so wäre. Du weißt vermutlich nicht einmal, wo du bist oder… oder wer ich bin."
Das Mädchen zuckte umher, doch es blieb stumm. Nur ihre Augen zeigten der Krankenschwester, dass sie aufmerksam zuhörte.
„Mein Name ist Sally."
War das ein Lächeln, das über ihre Lippen geschossen war? Nein, sie musste sich versehen haben. Das Mädchen hatte seinen Körper nicht unter Kontrolle.
„Wenn du willst, können wir Freundinnen sein", fuhr Sally fort: „Hast du einen Namen, den ich verwenden soll? Weißt du überhaupt, wer du bist?"
Die Augen des Mädchens starrten sie eindringlich an. Sally erwartete keine wirkliche Antwort. Es ging viel eher darum, dem Mädchen ein Gefühl der Freundschaft zu vermittelt. Sie sollte sehen, dass sie keine Feindinnen waren und dass Sally sich um sie kümmern würde, wenn sie wollte. Doch dann kam das bleiche Mädchen plötzlich auf die Beine.
„UÄH"
Sally schreckte zurück.
„Was ist los?"
Zur Antwort sah es so aus, als würde das Mädchen mehrmals in und aus der Realität springen. Ihr Körper flimmerte wie ein defektes Fernsehbild, wurde beinahe durchsichtig und tauchte plötzlich an der Tür wieder auf. Ihr Kopf war Sally zugedreht und ihre Augen waren wach und klar. Ihre Hand zeigte hinaus in den Wald, mit ausgestrecktem Zeigefinger. Daran bestand kein Zweifel.
„UÄÄH"
„Soll ich irgendwohin gehen?", fragte Sally und stand auf. Das Mädchen nickte, Sally konnte es genau sehen. Nun war sie sich sicher, dass sie verstanden wurde. Jedes einzelne Wort. Das Mädchen flimmerte wieder, als Sally einen Schritt auf sie zu machte. Dann war es verschwunden. Erst als Sally zur Tür lief und hinaus in den Wald spähte, konnte sie gerade noch den bleichen Rücken hinter einem Baum verschwinden sehen.
Sally zog eine neugierige Augenbraue nach oben, bevor sie sich an die Verfolgung machte. Das bleiche Mädchen führte sie tief hinein in den Wald. Immer wieder erschienen ihre Haare zwischen den Baumstämmen und ihre kantigen Gliedmaßen brachen durch die Büsche. Obwohl sie barfuß lief, hatte das Mädchen kein Problem vorranzukommen. In regelmäßigen Abständen flimmerte sie, doch ihr Vorsprung wurde immer größer, bis Sally sich irgendwann dazu entschied, sich in die Luft zu erheben. Ihre Füße verloren den Boden und wie in alten Zeiten schwebte Sally dahin.
Nach einer guten viertel Stunde, in der Sally nichts weiter tat, als dem Mädchen zu folgen, änderte sich die Umgebung. Das bleiche Mädchen wartete hoch oben auf einer Steinmauer auf Sally und als die Krankenschwester schließlich aufgeschlossen hatte, lief sie sofort weiter. Ihr Weg führte durch die Eisenwerke des MacMillan Estate. Gelegentlich drehte sie sich um und trieb Sally mit einem Quietschen oder Kreischen zur Eile an, bevor sie wieder weiterlief. Es dauerte noch eine gute halbe Stunde, bis sie das MacMillan Estate wieder verließen.
Sally beschloss in Gedanken, das ganze Areal eines Tages niederzureißen, bevor sie ihren Kopf wieder nach vorne drehte und dem Mädchen weiter folgte. In der Ferne zwischen den nun dichteren und grüneren Bäumen konnte Sally einen schnellen Blick auf Annas alte Hütte werfen. Die Silhouette des Gebäudes lag tot und verlassen im Wald und weckte alte Erinnerungen. Doch nach gerade Mal zehn Minuten verließen sie das Gebiet auch schon wieder.
Sally blieb kurz stehen, als das Mädchen hemmungslos in eine vollkommen unbekannte Gegend lief. Die Krankenschwester hatte zwar einige Teile des Nebels erkundet, doch dieser war ihr fremd geblieben. Die Pflanzen, die hier wuchsen, sahen nicht aus, wie jene in den anderen Wäldern. Sally erblickte Bambusstangen und seltsame Büsche mit breiten Blättern. Das Graß war hoch und dicht und ein kleiner Fluss plätscherte in der unheimlichen Stille.
„UÄÄH!"
Sally hob den Kopf und schaute nach vorne zu dem Mädchen, das sich zwischen zwei Bambusstauden zu ihr umgedreht hatte.
„Ich komme", rief Sally. Ihr Ruf verhallte in der Finsternis und auch wenn sie die Kontrolle über den Nebel hatte, so fühlte Sally eine gewisse Unruhe, als sie das Gebiet betrat. Das Mädchen wartete, bis Sally sie erreicht hatte und ging von da an etwas langsamer. Gerade mal zwei Meter wanderte sie voraus, bevor sie den Kopf zu Sally umdrehte. Die Krankenschwester spürte, dass es nicht mehr weit war.
Ihre Annahme bestätigten sich, als in den dunklen Schwaden eine gigantische Kontur auftauchte. Es sah aus wie ein Gebäude, ein Anwesen. Doch Sally erkannte auf den ersten Blick, dass es nicht wie eines der typischen, amerikanischen Landhäuser erbaut worden war. Als sie näherkam, erkannte Sally mehrere, übereinanderliegende Dächer. Eine schmale Galerie zog sich auf Erdgeschosshöhe um das gesamte Gebäude herum und gelbe Lampions hingen leblos und dunkel an den Ecken.
„Ist das, was du mir zeigen wolltest?"
Sally blieb stehen und schaute zu dem Mädchen. Ihr oranges Auge folgte ihr, als sie die wenigen Stufen hinauf zu einer breiten Eingangstür lief und dort selbst Halt machte. Erst jetzt drehte sich das bleiche Mädchen zu Sally um.
„UÄH"
„Ich komme ja", rief Sally und schwebte zu ihr hinauf. Auf der hölzernen Galerie verließ sie ihre schwebende Position und ihre Füße landeten mit einem sanften Pochen auf den Holzbrettern. Das Mädchen hatte sich indes wieder der Tür zugewandt.
„Wohnst du hier?"
„Uäh"
„Ich verstehe" Sally schaute kurz das Gebäude hinauf und senkte den Blick dann wieder auf die Tür. „Wie kommen wir hinein?"
Als Antwort stemmte das Mädchen einfach nur ihre dürren Arme gegen die verschlossene Tür, die keinen Zentimeter nachgab. Etwa eine Sekunde später trat sie wieder einen Schritt zurück und schaute zurück zu Sally. Gleichzeitig donnerte sie ihre linke Faust gegen die Tür. Das Pochen verhallte in der Ferne.
„Du kommst nicht hinein?", fragte Sally.
„Uäh"
„Und du brauchst Hilfe mit der Tür?"
„Uäh"
Sally schaute wieder auf die massive Holzbarriere. In der echten Welt hätten sie nun wohl wirklich ein Problem gehabt. Die Tür sah dick und stark aus, geschaffen einzig und allein zum Zweck, unerwünschte Besucher fernzuhalten. Doch glücklicherweise waren sie nicht in der echten Welt. Sie waren im Nebel und im Nebel regierte Sally. Zumindest in den meisten Fällen.
Sally hatte keine große Kontrolle über den Körper des bleichen Mädchens und konnte ihr daher auch nicht helfen, ihn wieder zusammenzufügen. Sally glaubte, dass es an den intensiven Änderungen lag, die der Entitus an ihr vorgenommen hatte. Bevor sie die rückgängig machen konnte, musste sie sie erst verstehen und das würde eine Weile dauern. Eine einfache Holztür hingegen sollte kein Problem darstellen.
Sally streckte die Hand aus und ließ gleichzeitig ihren Verstand in den Nebel hinausgleiten. Sie tastete nach dem trockenen Holz und innerhalb eines kurzen Augenblicks hatte sie es bereits erfasst. Sie spürte das Material. Es war, als würden ihre Finger nicht nur über die Tür, sondern direkt in sie hineinfahren. Sally spürte jede einzelne Faser und auch die Hohlräume, die zwischen ihnen lagen. Einen Augenblick später löste sich die Tür in schwarzen Nebel auf.
„Bitte sehr", sagte Sally und schaute zurück zu dem bleichen Mädchen. Die dunkeln Schwaden hatten sich bereits nach wenigen Sekunden komplett verflüchtigt. Der Weg war nun frei und vor lauter Freude stieß das bleiche Mädchen ein überraschtes Quietschen aus.
Sally trat zur Seite, um sie durchzulassen. Womit die Krankenschwester allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass das bleiche Mädchen sie an der Hand nahm und mit hineinzog. Die Berührung war eiskalt und Sally konnte die Knochen unter der Haut spüren. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Aber sie war sich absolut sicher, dass das unheimliche Mädchen absolut nichts für ihr gegenwärtiges Aussehen konnte. Genau wie sie selbst.
Das Innere des Gebäudes bestätigte Sallys Vermutungen, dass sie es mit fernöstlicher Kultur zu tun hatte. Die Bilder an den Wänden, die kunstvollen Möbel, die geschwungenen Türrahmen und selbst die Teppiche auf dem Boden deuteten allesamt auf ein Land wie Japan oder China hin. Zu schade, dass sich das Haus in einem Zustand weitestgehenden Verfalls befand. Aber der Nebel wäre nicht der Nebel ohne seine Bitterkeit.
Sally ließ den Blick umherschweifen, hatte jedoch keine Zeit, sich die Zimmer näher anzusehen. Das Mädchen zog sie durch einen kurzen Flur, der einen Moment später nach rechts abbog und an einer Treppe endete. Dort ging es nach oben. Gleich zwei Stufen auf einmal nahm sie und Sally musste ein weiteres Mal in die Schwebe gehen, um nicht zu stolpern. Oben im zweiten Stock blieben sie schließlich vor einer verschlossenen Tür stehen.
„Uäh", kreischte das Mädchen und zeigte auf eine Reihe asiatischer Schriftzeichen, die etwa auf Augenhöhe an der Tür angebracht waren. Sally zog die Augenbrauen nach oben und ließ den Blick über die Symbole gleiten. Sie fragte sich, was es wohl mit ihnen auf sich hatte. Doch dann erinnerte sie sich an die letzte Frage, die sie dem Mädchen gestellt hatte.
„Ist das dein Name?", fragte Sally. Das Mädchen verrenkte sich auf eine seltsame Art, die wie ein Nicken aussah und Sally glaubte ein Lächeln über ihre Visage fliegen zu sehen.
„Tut mir leid, aber ich kann das nicht lesen", entschuldigte sich die Krankenschwester. Die Mundwinkel des Mädchens fuhren augenblicklich nach unten. Sally verspürte beinahe Mitleid, so verloren sah sie aus. Doch dann schien ein Licht in ihr aufzugehen. Vorsichtig legte das bleiche Mädchen eine Hand auf den Türgriff und als sie nach unten drückte, schwang die Tür widerstandslos nach Innen auf.
„UÄH!"
Scheinbar überglücklich stürmte das Mädchen sofort hinein und es war ein Wunder, dass ihre wallenden Haare nicht am knorrigen Türbalken hängen blieben. Sally trat hinter ihr in den kleinen Raum und ließ ihren Blick umhergleiten. Unter einem altmodischen Fernseher an der Wand stand ein schmutziges Bett, daneben ein Schreibtisch und ein Wandschrank. An der Decke hing eine Lampe. Es war das Schlafzimmer eines jungen Mädchens.
Sallys Blick ging wieder hinüber zu dem bleichen Geistermädchen, das mitten im Raum stand und sich langsam um die eigene Achse drehte. Unmerklich schüttelte die Krankenschwester den Kopf. Der Entitus hatte viele grausame Seiten gehabt, doch die schlimmste war wohl sein Talent gewesen, die Opfer seiner sadistischen Machenschaften an das verlorene Glück ihrer alten Leben zu erinnern.
Sally wollte etwas sagen, doch plötzlich ging ein Ruck durch das Mädchen. Sie rannte hinüber zu dem Wandschrank und zog die Türen auf. Ihr Kopf verschwand zwischen den Kleidungsstücken, als sie nach etwas zu suchen begann und Sally war einigermaßen überrascht, dass sich wahrhaftig Kleider in dem Möbelstück befanden. Auf solche Details hatte der Entitus selten geachtet.
Ein dunkelblauer Rock landete auf dem Boden, gefolgt von einer hellen Bluse. Das war eine Schuluniform, erkannte Sally. Seinerzeit hatte sie selbst so eine getragen. Aber damals waren die Röcke noch entschieden länger gewesen und auch der Stoff hatte anders ausgesehen. Plötzlich sprang das Mädchen zurück und riss Sally aus ihren Erinnerungen. In der Hand hielt sie einen hellgelben Gegenstand.
„Was ist das?", fragte Sally und nahm das Kleidungsstück entgegen, als das bleiche Mädchen es ihr anbot. Sobald ihre Finger den Stoff berührten, erkannte Sally eine hellgelbe Schildkappe. Ein Name stand auf der Vorderseite, dieses Mal in lateinischen Buchstaben.
„Yamaoka?", fragte Sally: „Bist du Yamaoka?"
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Mit einem dürren Finger zeigte es auf den Namen und deutete dann mit der anderen Hand auf das Haus um sich herum. Anschließend griff es wieder nach der Kappe und drehte sie in Sallys Händen ein wenig nach links. Dadurch geriet ein weiterer Teil des Namens ins fahle Licht.
„Rin Yamaoka", las Sally laut vor: „Dann ist dein Name also Rin? Und deine Familie ist Yamaoka?"
„Uääääh!"
Das Mädchen quietsche vergnügt und nickte. Sie deutete auf den Namen Rin, dann auf ihre Brust und wieder zurück auf den Namen. Das erste Geheimnis war also gelüftet, dachte Sally.
„Du kommst von weit her, Rin", sagte sie: „Ich selbst stamme aus England. Das bedeutet, wir kommen von gegenüberliegenden Seiten der Welt."
Rin schien zu grinsen, auch wenn Sally es nicht sicher sagen konnte. Die ständigen Zuckungen und Verrenkungen machten es schwer, eindeutigen Emotionen zu erkennen.
„Aus welchem Land kommst du?", fragte Sally: „China?"
Nun schien sie ihr plötzlich böse zu sein. Rins Augenbrauen zogen sich zusammen und sie straffte die Schultern, während ein empörtes Kreischen zwischen ihren Lippen hervorbrach.
„Entschuldigung", beeilte sich Sally: „Dann also Japan, oder?"
Der zweite Tipp schien Rin zufriedenzustellen. Sie schnappte sich die gelbe Kappe aus Sallys Hand und hob sie mit spitzen Fingern über ihren Kopf. Die Haare waren zwar etwas im Weg, doch einen kurzen Moment später hatte Rin es geschafft, sich ihre alte Mütze aufzusetzen. Es sah unfassbar komisch aus. Und süß.
„Wunderschön", lobte Sally, doch Rin war noch nicht fertig. Sie griff nach der Bluse, die auf dem Boden lag und zu Sallys erstaunen gelang es ihr mit Leichtigkeit, die Knöpfe an der Vorderseite zu öffnen. Offenbar hatte Rin eine gute Kontrolle über ihre Feinmotorik. Die ständigen Verrenkungen schienen sie nicht im Geringsten zu beeinflussen.
Nachdem sie alle Knöpfe geöffnet hatte, steckte sie ihre zerschnittenen Arme durch die kurzen Ärmel und begann daraufhin die Bluse vorn zuzuknöpfen. Als sie fertig war, stieg sie mit beiden Beinen in den Rock, der auf dem Boden lag und zog ihn sich bis zur Hüfte hinauf. Die Größe der Kleidungsstücke passte perfekt. Endlich hatte Rin etwas zum Anziehen und musste nicht mehr halbnackt durch den Nebel irren.
„Hör zu, Rin"
Das japanische Mädchen drehte sich herum und ihre weißen Augen schauten Sally fragend an.
„Du hast vermutlich keine Ahnung, wo du dich befindest", sagte Sally: „Ich weiß, dass dir viele der Leute, denen du hier begegnet bist, wehgetan haben. Aber von denen gibt es keine mehr, verstehst du mich?"
Rin musterte Sally und auch wenn sie keine erkennbare Reaktion zeigte, so glaubte die Krankenschwester, dass sie verstanden hatte.
„Die Welt, in der du dich befindest, ist der Nebel", fuhr sie fort: „Dir ist sicher schon aufgefallen, dass es nicht wie auf der Erde ist, aber du musst dich nicht fürchten. Ich habe die alleinige Kontrolle über den Nebel. Es herrscht keine Gefahr mehr für dich."
Rin schwieg. Nur das gelegentliche Knacken ihrer Knochen hallte durch die verlassenen Gänge und Räume des Yamaoka Anwesens.
„Ich bin mir sicher, dass du zurück in dein altes Leben willst", sagte Sally: „Und es tut mir leid, dir sagen zu müssen, dass das im Moment nicht möglich ist. Ich kann dich auch nicht aus dem Nebel rauslassen. Noch nicht. Man würde dich sofort umbringen. Aber wenn du dich etwas geduldest, finde ich vielleicht einen Weg, wie wir eines Tages unbehelligt auf die Erde zurückkehren können."
Sally erhielt keine Antwort.
„Ich hoffe, du verstehst mich", murmelte die Krankenschwester. Sie brach den Blickkontakt ab und schaute zu Boden. Doch einen Moment später tat Rin etwas, was Sally absolut nicht erwartet hatte. Das japanische Mädchen streckte den Arm aus und griff nach Sallys Hand. Dadurch verleitete sie Sally, wieder nach oben zu blicken. Als Rin sich sicher war, dass sie Sallys Aufmerksamkeit hatte, trat sie einen Schritt zurück und verbeugte sich. Ihr Kopf neigte sich nach unten.
Ein Lächeln fuhr über Sallys Lippen, als sie das seltsame Verhalten des Mädchens sah. Sie war so anders als die meisten, die sie kannte. Aber sie kam ja auch aus einem völlig anderen Land. Ganz anders als England, die USA oder selbst Frankreich. Und letztendlich wirkte Rin irgendwie doch wie eine junge Teenagerin.
„Du bist ein interessantes Persönchen, Rin", murmelte Sally: „Ich glaube, wir werden uns gut verstehen."
Die Gedanken der Krankenschwester wanderten zu Meg und sie fragte sich, wie die beiden wohl aufeinander reagieren würden. Ihre Konfrontation würde mit Sicherheit eine delikate Angelegenheit werden. Aber darüber würde sich Sally ein anderes Mal Sorgen machen. Viel wichtiger war jetzt, Meg endlich zu berichten, wie der Bankraub verlaufen war. Das hatte sie ganz vergessen.
Sally drehte den Kopf und blickte hinüber zu Rin, die an ihr vorbei aus dem Zimmer gerannt war. Sie stand nun in der Tür und mit einer einladenden Geste forderte sie Sally dazu auf, ihr weiterhin zu folgen. Doch Sally konnte nicht. Mit einem schnellen Blick hinüber auf die reale Seite des Nebels vergewisserte sie sich, dass bei Meg die Luft rein war. Sally zögerte kurz. Dann wandte sie sich wieder an Rin.
„Ich schau mir gern dein Haus an", sagte sie: „Aber zuerst muss ich mich um ein paar andere Sachen kümmern, Rin. Das könnte eine Weile dauern. Aber sobald ich fertig bin, komme ich wieder hier her, in Ordnung?"
Rin blieb in der Tür stehen und sah beinahe enttäuscht aus. Aber sie brachte so etwas wie ein Nicken zustande, bevor sie Sally einfach nur anstarrte.
„Wenn du willst, kannst du in meiner Hütte auf mich warten", sagte die Krankenschwester, bevor sie in eine schwarze Nebelwolke trat, die wie aus dem Nichts erschienen war. Wie ein Strudel saugte das Portal Sally hinüber in die reale Welt und zum Abschied hörte sie Rin ein letztes Mal quietschen.

Meg saß mit ihrem Vater am Küchentisch und stocherte auf ihrem Teller herum. Es war nicht so, dass er es nicht beherrschte, eine genießbare Mahlzeit zuzubereiten, ganz im Gegenteil. Das Abendessen war erstaunlich gut. Doch Meg war mit ihren Gedanken einfach ganz woanders.
„Hast du irgendetwas gehört?", fragte sie und sah auf. Jordan erwiderte ihren Blick, bevor den Kopf schüttelte.
„Nein, Thatcher hat sich nicht mehr bei mir gemeldet."
Meg senkte die Augen wieder hinunter auf ihr Abendessen.
„Im Internet habe ich gelesen, dass sie die Geiselnahme beendet haben", erzählte Jordan: „Sie haben die Bank gestürmt, aber niemand ist zu Schaden gekommen. Zumindest wenn man den Reportern vertrauen darf."
Meg kannte die Berichte. Nachdem sie Claudette am Vormittag aufgeklärt hatte, waren die beiden in stetem Kontakt geblieben und hatten sich gegenseitig die neuesten Nachrichten über den Bankraub in Boston zukommen lassen. Ziemlich schnell war klar geworden, dass die Geiseln gerettet worden waren, aber auch, dass den Bankräubern die Flucht gelungen war. Sally hatte man wie immer geheim gehalten.
„Wenn sie ihr etwas angetan haben…", murmelte Meg und hätte am liebsten ihre Fäuste im Gesicht der hochnäsigen Italienerin vergraben. Doch ihr blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten. Es war schrecklich und mit jeder Sekunde sank die Wahrscheinlichkeit, dass Sally überlebt hatte. Ansonsten hätte sie sich doch schon längst bei ihr gemeldet. Ein mulmiges Gefühl schlich sich in Megs Glieder und sie fragte sich, wie lange sie noch hoffen durfte.
„Ich werde zusehen, so schnell wie möglich etwas in Erfahrung zu bringen", sagte Jordan. Am liebsten hätte er seine Tochter aufgemuntert, doch er wollte sie nicht anlügen. Sally könnte am Leben und zusammen mit den anderen Bankräubern geflohen sein. Genauso gut war es aber auch möglich, dass Team Rainbow sie erwischt hatte. Glaz war ein ausgezeichneter Schütze. Das konnte Jordan aus erster Hand bezeugten und er musste akzeptieren, dass er ganz einfach nicht wissen konnte, was geschehen war.
So blieb ihm nichts anderes übrig, als seiner Tochter wenig später in ihr Bett hinüberzuhelfen und ihr eine gute Nacht zu wünschen. Als sich die Tür schloss und Dunkelheit in das Zimmer legte, kam es Meg wieder einmal so vor, als würde mit dem Licht auch ihre Hoffnung verschwinden. Nachdem Sally damals aufgetaucht war, hatte sie schon geglaubt, dieses Gefühl nie wieder erleben zu müssen. Allem Anschein nach hatte sie falsch gelegen.
„Sally", flüsterte Meg und drehte den Kopf durch ihr Zimmer. Sie rief nach der Krankenschwester so laut sie konnte, ohne dass ihr Vater es mitbekam. Ein schmaler Lichtstreifen drang immer noch unter ihrer Tür hindurch und Meg wollte nicht riskieren, dass Jordan auf sie aufmerksam wurde. Doch eigentlich war es egal, oder? Wenn Sally tot war, dann war die ganze Sache ohnehin vorüber. Meg schaute zur Seite, als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung erhaschte und im selben Moment spürte sie einen unendlich erleichterten Atemzug aus ihren Lungen fahren. Sie musste sich bemühen ihre Tränen zurückzuhalten, als all die Sorge endlich von ihr abfiel.
„Guten Abend", wünschte Sally und trat zu ihr ans Bett. Ihr oranges Auge schoss hinüber zur Tür, bevor es sich wieder auf Meg fixierte.
„Verdammt, Sally, wo warst du so lange? Ich dachte schon sie… sie hätten dich erwischt."
Sally schüttelte den Kopf und ein freundliches Lächeln entblößte ihre Zähne.
„Fast", flüsterte sie: „Aber nicht ganz. Es tut mir leid, dass ich dich warten ließ, aber nach der ganzen Sache war ich so ausgelaugt, dass ich im Nebel sofort eingeschlafen bin."
„Du hast verschlafen?", zischte Meg und versuchte ihre Stimme so leise wie möglich zu halten: „Ich wünschte, du hättest vorher noch schnell hier vorbeigeschaut."
„Sorry", flüsterte Sally, doch Meg winkte ab.
„Schon gut. Ach, wenn du wüsstest, was für ein Stein mir gerade vom Herzen gefallen ist."
Sally grinste nur.
„Ich fühle mich geehrt", sagte sie: „Wollen wir die Konversation zu mir verlegen? Am Ende alarmieren wir noch deinen Vater."
Meg nickte und Sally hob ihre linke Hand. Es dauerte gerade mal ein paar Sekunden, bis sie ein Portal in den Nebel heraufbeschworen hatte und nur wenige weitere, bis sie und Meg hinüber auf die andere Seite gelangt waren. Es tat so gut, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Wie jedes Mal, wenn Meg in den Nebel hinübertrat, spürte sie eine unerklärliche Freude, die einfach nur daher rührte, dass sie endlich aus ihrem Rollstuhl aufstehen konnte.
„Dann seid ihr also alle entkommen?", fragte Meg und drehte sich zu Sally um. Die Krankenschwester stand ein paar Meter entfernt zwischen zwei Bäumen. Erst jetzt im Licht einer surrealen Sonne bemerkte Meg, dass sie immer noch verdammt müde und besorgt aussah. Doch Sally bemühte sich um ein Lächeln.
„Das sind wir", sagte sie: „Haben´s die Zeitungen verschwiegen? Ich bin sicher, ihr mit euerem Internet habt doch alles in Echtzeit mitbekommen."
„Naja, eine Stunde Verzögerung gibt's meistens schon", murmelte Meg. „Es dauerte ja eine Zeit, bis sie die Schlagzeilen geschrieben und veröffentlich haben."
„Und? Was haben sie gesagt?"
„Dass die Geiseln alle wohlauf und die Diebe mit einem Haufen Beute davongekommen sind. Aber nichts über dich."
„Natürlich nicht", antwortete Sally. Sie hatte bereits den Weg hinunter zu ihrer Hütte eingeschlagen und Meg machte ein paar schnelle Schritte, um zu ihr aufzuschließen. „Die Regierung will mich um jeden Preis geheim halten und ich kann es nur befürworten. Jede ungewollte Aufmerksamkeit würde mich nur in Gefahr bringen. Je weniger Leute um mich wissen, umso besser."
„Wo wir gerade dabei sind", unterbrach Meg: „bei Zeitungen und Geheimhaltung und so… Ein Reporter hat mich und Feng gestern Nacht dabei fotografiert, wie wir in die Bank gegangen sind. Claudette hat das Bild heute Morgen in einer Zeitung entdeckt."
„Wirklich?" Sally hielt einen Moment inne und schaute hinunter zu Meg. Diese nickte nur und setzte ihren weg dann fort.
„Sie hat mich natürlich ausgequetscht", erzählte Meg: „Hätte ich an ihrer Stelle auch getan. Am Ende musste ich ihr reinen Wein einschenken und habe ihr alles verraten."
„Alles?", fragte Sally und Meg nickte erneut.
„Sie weiß, dass du mich besucht hast, genau wie Feng. Und Dwight weiß es auch."
„Natürlich", murmelte Sally und Meg wusste nicht, wie die Krankenschwester dazu stand. Eine Weile später fragte sie: „Weiß es sonst noch jemand?"
„Nein", antwortete Meg: „Zumindest weiß ich von niemandem sonst."
„Gut. Dabei sollten wir es belassen."
Die beiden hatten nun Sallys Hütte erreicht und die Krankenschwester öffnete die Tür, bevor sie zur Seite trat, um Meg einzulassen. Sie begaben sich an den kleinen Tisch, wo sich Sally niederließ und Meg wie immer stehen blieb.
„Du siehst müde aus", bemerkte die Athletin. Sally nickte.
„Wir sind in den Tresor eingedrungen. Ungefähr fünf Stunden, nachdem du gegangen bist. Genau wie Wolf es vorhergesagt hatte. Nachdem wir die Inhibitoren zerstört hatten, konnten wir abhauen. Allerdings hat es mich eine große Menge Energie gekostet, uns alle plus die gesamte Beute zu bewegen. Aber keine Sorge, mir geht´s gut."
„Die Beute", murmelte Meg und ein diebisches Grinsen stahl sich über ihre Lippen: „Wie viel habt ihr denn erbeutet?"
Zur Antwort nickte Sally nur an ihr vorbei und als Meg sich umdrehte, fiel ihr Blick auf einen Haufen Sporttaschen, allesamt gut verschnürt und prall gefüllt. Sie ließ den Blick über die Taschen wandern, die Augen in Erstaunen geweitet.
„Ist das… wie viele hast du denn hier?"
Meg drehte den Kopf zurück zu Sally, die nur mit den Schultern zuckte.
„Neun"
„Und alle mit Geld gefüllt?"
„Ein paar auch mit Goldbarren", erklärte die Krankenschwester und Meg konnte ein seltsames Gefühlt in sich aufkeimen spüren. „Aber das sind nicht alle. Insgesamt haben wir einundzwanzig Taschen herausgeholt, ich habe jedem von ihnen zwei überlassen."
„Und die restlichen gehören dir? Sally, du… du bist reich."
„Das bin ich wohl", murmelte Sally und Meg schaute zwischen ihr und den Taschen hin und her.
„Und die haben sie dir einfach so überlassen? Und was ist jetzt überhaupt mit Anna und Max? Haut ihr sie raus?"
Sally seufzte.
„Die Sache ist die, Meg", antwortete sie: „Der Überfall ist nicht so gut über die Bühne gegangen, wie geplant. Sie mussten weitere Ressourcen aufwenden und einer von ihnen wurde angeschossen. Am Ende ist zwar alles gut gegangen, aber sie wissen jetzt, dass sich Team Rainbow an meine Fersen geklemmt hat. Das ändert die Lage natürlich ein wenig. Zumindest für sie."
„Das heißt, sie sind aus dem Deal ausgestiegen?", fragte Meg entgeistert.
„Nein, zumindest noch nicht ganz. Aber unser Verhältnis ist etwas… angespannt."
„Angespannt?" Meg stemmte die Arme in die Hüfte und stellte sich vor Sally hin. „Was bedeutet das?"
„Das bedeutet, dass sie sich noch überlegen, ob sie mir helfen, oder nicht", antwortete Sally: „Als zusätzlichen Anreiz habe ich ihnen noch diese neun Taschen hier versprochen, die sie bekommen, sobald Anna und Max draußen sind. Und auch Maxine, das dürfen wir nicht vergessen. Sie ist ebenfalls unschuldig."
Meg schwieg für einen Augenblick und schaute zu Boden. Nach einer Weile hob sie den Kopf wieder und fragte: „Was, wenn sie ablehnen?"
„Wenn sie ablehnen?", murmelte Sally: „Keine Ahnung. Ich schätze, dann muss ich mir etwas anderes einfallen lassen."
„Verdammt", knurrte Meg und Sally nickte.
„Ja. Verdammt"
„Wann sagen sie dir Bescheid?"
„In ein paar Tagen schau ich das nächste Mal bei ihnen vorbei", antwortete Sally: „Dann erhalte ich hoffentlich eine Antwort."