12 – Im Spinnennetz
„Schau Santos, so befestigt man den Harken richtig." Ein älterer Mann mit ergrautem Haar und gleichfarbigen Vollbart hatte sich zu einem Jungen von etwa sieben Jahren hinübergebeugt und zeigte ihm die Handgriffe.
„Ich mag fischen nicht. Die Fische sind so glitschig!" Sagte der Junge mit vor ekel verzerrtem Gesicht.
„Stell dich nicht so an." Der alte Mann hob gebieterisch den Finger. „Damit können wir unserer Familie ein schmackhaftes Abendessen bescheren."
Sie warfen die Angeln aus, der ältere Mann gelassen, der Junge mit einem mürrischen Gesicht. –
„Opa!" Eine viertel Stunde später stieß der Junge aufgeregt den älteren Mann neben sich an. Dieser schrak aus einem kleinen Schläfchen hoch.
„Was ist? Ein Fisch?" Instinktiv griff er augenblicklich nach seiner Rute, doch der Schwimmer lag noch immer ruhig auf dem Wasser. Er wollte seinen Enkel schon entrüstet anfahren, als dieser ihn ängstlich am Ärmel fasste.
„Schau, Opa, da!" Der Junge zeigte auf Blasen, die die Stille des Wassers störten.
Der Mann erhob sich und starrte ebenfalls auf die Stelle.
„Was ist das?" Der Junge hatte sich mittlerweile hinter seinen Großvater versteckt und wagte es nur kurze Blicke auf die Stelle im See zu werfen.
„Ich weiß es nicht. Es sieht wie Luftblasen aus." Flüsterte er zurück. Sie warteten. Immer wieder stiegen anscheinend dicke Blasen aus der Tiefe des Sees hervor.
Plötzlich hörten die Blasen auf. Sekunden lang starrten sie auf die Wasserstelle. Doch nichts geschah. Großvater und Enkel atmeten tief durch.
Möglichst locker versuchte der Mann seinen Enkel die Scheu vor dem See wieder zu nehmen: „Das war ein Schauspiel, was?! Ich bin mal gespannt, wer von den Jungs im Dorf die Geschichte über ihren Streich als Erster herumerzählt."
„Meinst du?" Der Junge versuchte nicht mehr auf die Stelle zu achten und doch ging sein Blick immer wieder hinüber. „Aber wie haben sie das gemacht?"
„Das werden wir wohl nie erfahren!" Lachte der Alte laut. Er zwinkerte seinen Enkel verschwörerisch zu: „Solche Tricks behält man besser für sich. Vielleicht kann man ihn ja nochmals anwenden."
Überraschend stiegen plötzlich erneut kleine Blasen an derselben Stelle auf. Großvater und Enkel waren sofort wieder auf den Beinen.
Es wurde lauter und mit der ansteigenden Anzahl von Blasen schoss urplötzlich etwas aus dem Wasser und trieb dann auf der blanken Oberfläche des ruhigen Gewässers.
„Was ist das?" Fragte der Junge erneut leise.
„Ich weiß nicht, es sieht aus wie eine Tüte." Der Alte starrte das Teil im Gewässer an. „Wir rufen am Besten den Sheriff an. Jetzt verstehe ich erst, warum deine Mutter so auf dieses Ding besteht." Damit meinte der alte Mann ein Handy, das er aus seiner Hosentasche zog.
Polizisten zogen die Plastikfolie aus dem Wasser. Gemeinsam mit dem Sheriff warfen sie einen Blick hinein. Überrascht schraken sie zurück, als sie die Überreste eines Menschen in ihr vorfanden.
„Eine Wachsleiche." Entfuhr es einem Polizisten.
„Richtig." Bestätigte Sheriff Rago. „Die liegt schon länger im Wasser.
Ruft ihr die Pathologen. Sie sollen versuchen etwas herauszufinden. Am wichtigsten wäre mir die Identität."
William LaMontagne Jr. blieb einen kurzen Moment vor dem Polizeirevier im Stadtteil Shaw von Washington D.C. stehen. Jetzt hatte er doch schneller eine neue Stelle bei der Metropolitan Police bekommen, als er eigentlich wollte. Aber er hatte das Angebot einfach nicht ausschlagen können. Entschlossen stieg er die Treppen zum Eingang hinauf. In fünf Minuten sollte er sich beim Chief melden.
Emily Prentiss fuhr gemächlich auf der Interstate 95 Richtung Quantico, als sie erneut dieses Gefühl überkam. Sie fühlte sich wieder beobachtet. Ihr Blick fiel in den Rückspiegel. Doch da waren so viele Wagen. Überall um sie herum. Wie sollte sie ihn finden? Ihr Blick suchte die Umgebung erneut ab.
Doch dann hielt sie inne … Warum hatte er sie eine Woche lang in Ruhe gelassen? Das war für einen Stalker eigentlich ungewöhnlich.
Prentiss spürte, dass in der nächsten Zeit irgendetwas passieren würde … Nur wann? Und vor allem was?
Erleichtert bog sie auf das Gelände des FBI's. Augenblicklich spürte sie, wie sich die Entfernung zu ihrem Verfolger vergrößerte.
Zwei Tage später lag dem Sheriff aus der Kleinstadt Tallulah / Louisiana ein mehrseitiges Untersuchungsergebnis der Leiche aus dem abgelegenem Halpino Lake vor. Interessiert durchforstete er zusammen mit einem Deputy die Informationen. Der Sheriff Ned Rago begann zusammenzufassen: „Henry Blake wäre heute 29 Jahre alt. Er lag wahrscheinlich drei bis vier Jahre im Wasser."
„Die Kollegen haben ihn anhand seiner DNA identifizieren können. Er war als Jugendlicher mal in einer Schlägerei verwickelt. In Roosevelt. Dort ist er geboren worden und aufgewachsen." Verkündete der Deputy.
„Zuletzt gemeldet war er hier in Tallulah. Ich kann mich aber nicht an ihn erinnern." Überrascht schaute er auf. „Zur selben Zeit war unter der gleichen Adresse eine Emma Cotton mit ihren fünf Kindern gemeldet."
„Dann sollten wir sie mal aufsuchen und befragen." Erhob der Deputy seine Stimme. „Mich würde interessieren, warum sie keine Vermisstenanzeige gestellt hat."
„Das geht nicht. Sie ist vor zwei Jahren nach Blacksburg in Virginia gezogen. Letztes Jahr dann nach Washington D.C." Der Sheriff sah seinen Kollegen mit gerunzelter Stirn an. „Wir müssen leider um Amtshilfe ersuchen."
„Mrs. Cotton?" Rossi und Reid standen vor der Wohnungstür in einem Wohnblock und zeigten ihre Marken vor, als sich die Tür öffnete. „Mein Name ist David Rossi, mein Kollege Dr. Reid. Wir würden Ihnen gerne einige Fragen zu Henry Blake stellen."
„Henry? Den habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen." Die Frau, Anfang dreißig, öffnete die Tür weiter. „Kommen Sie doch herein."
Sie folgten Mrs. Cotton den Flur entlang ins Wohnzimmer. Hier tummelten sich bestimmt sieben Kinder vor dem Fernseher. „Los Kinder, verschwindet." Trieb sie die Kinder aus dem Zimmer.
„Möchten Sie nicht Platz nehmen?" Mrs. Cotton deutete auf zwei, schon in die Jahre gekommene Sessel.
„Danke, aber es wird nicht lange dauern." Lehnte Reid entschieden ab.
„Können Sie sich noch erinnern, wann sie Mr. Blake zum letzten Mal gesehen haben?" Begann Rossi mit der Befragung.
„Ich weiß nicht genau. Es war gut eine Woche, bevor wir aus Tallulah weggezogen sind. Ich habe ihn gesagt, dass ich mit den Kindern weiterziehe."
„Wie hat er darauf reagiert?" Hakte Rossi sofort nach.
„Er war nicht gerade erbaut von dem Gedanken. Henry ist in der Nähe aufgewachsen. Für ihn war es seine Heimat.
Wir sind dagegen frei und ungebunden."
„Ziehen Sie deshalb alle zwei Jahre um?" Mischte sich Reid nun in das Gespräch ein.
„Es hält mich nicht so lange an einem Ort." Erklärte die brünette Frau knapp.
„Sie verstehen aber, dass das nicht gerade gut für die Kinder ist?" Reid deutete hinaus auf den Flur. Die ganze Wohnung war mit Kinderstimmen ausgefüllt.
„Nun, das müssen Sie ja selber wissen." Unterbrach Rossi das Gespräch über die Kinder. „Wir sind vom örtlichen Polizeirevier in Tallulah gebeten worden Sie aufzusuchen."
Rossi machte eine kurze Kunstpause. Die Frau vor ihm schien gefasst. Aber wenn es um Leichenfunde und dergleichen ging, spielten viele Menschen verrückt.
„Man hat die Leiche von Henry Blake in einem See bei Tallulah gefunden. Er war in Plastikfolie eingerollt."
„Was? ... Oh, mein Gott!" Mrs. Cotton hielt sich entsetzt eine Hand vor dem Mund. „Dann ist es ja keine Wunder, dass er sich nicht mehr gemeldet hat. Ich war so sauer damals …"
„Wissen Sie, ob Mr. Blake noch Verwandtschaft hatte?" Fuhr Rossi in der Befragung fort.
„Ja, er hatte eine kleine Schwester. Aber ich habe sie nie kennengelernt. Sie lebt irgendwo im Westen. Sie ist dort bei einer Tante aufgewachsen."
„Gut, dann haben wir hier alles erledigt." Schloss Rossi den Besuch. „Es tut uns leid, dass wir Sie stören mussten. Aber wir sind verpflichtet, den Tod ihres damaligen Freundes zu untersuchen."
„Gibt es denn schon einen Hinweis was passiert ist?"
„Nein, noch nicht. Die Untersuchungen dauern noch an." Blockte Reid die Frage geschickt ab.
Sie hatten mittlerweile das Wohnzimmer wieder verlassen und öffneten die Wohnungstür, als die Kinder bereits wieder das Wohnzimmer in Beschlag nahmen.
„Auf Wiedersehen, Mrs. Cotton." Höflich verabschiedeten sich die beiden Agents und gingen schweigend nebeneinander her in Richtung Auto.
Als sie die Treppe erreichten, unterbrach Reid schließlich die Stille. „Sie schien mir reichlich nervös."
„Ja", stimmte ihm der Altermittler sofort zu, „aber vielleicht hat sie auch noch andere Probleme."
„Was für Probleme?" Verwundert blieb Reid einen Moment auf dem Treppenabsatz stehen und starrte seinem Kollegen nach.
„Eventuell, dass man ihr die Kinder wegnehmen könnte!?"
„Es ist so schön, dass wir es endlich mal wieder geschafft haben. Nur wir Mädels ziehen um die Häuser." JJ hielt ihr Cocktailglas hoch und stieß mit ihren drei Kolleginnen an. „Auf einen schönen Abend!"
Während Susanne nur leicht an ihrem Getränk nippte, nahm Emily einen großen Schluck.
„Hey, warum hältst du dich so zurück? Das machst du doch sonst nicht!" Emily spürte sofort die wohlige Wärme des Alkohols in ihrem Körper.
„Der Abend ist noch lang." Versuchte Susanne auszuweichen.
Es schien zu funktionieren. Emily wandte ihre Aufmerksamkeit JJ zu.
Susanne hatte Angst. Angst den Anderen ihr Verhältnis zu Hotch zu verraten. Ihr Leben war in den letzten Wochen so schön. Noch schöner wäre es, wenn sie ihr Glück mit ihren Freunden teilen könnte, aber das hätte nicht nur zu einem positiven Effekt geführt.
Wenn sie doch nur endlich eine Lösung finden würden!
„Will findet seinen neuen Job interessant. Er hätte nie zugegeben, dass er die Arbeit vermisst."
„Das konnte er ja auch schlecht. Schließlich ist er freiwillig zu dir gekommen." Wandte Garcia ein. Ihr Blick schweifte dabei offen über die Besucher der Bar. Tiefblaue Augen hielten ihren Blick gefangen. Der Typ in Jeans und kariertem Hemd saß an der Bar. Zu ihm gehörte anscheinend eine Gruppe von Männern, denen er momentan keinerlei Aufmerksamkeit mehr schenkte.
Susanne versuchte ihre eigenen Gedanken zu verdrängen. Dabei fiel ihr auf, wie Emily das Gespräch führte. Sie schien gehetzt und wirkte ernst. Gerade lachte sie laut auf. Das Lachen kam aber nicht von Herzen. Entschlossen nahm sich Susanne vor Emily am nächsten Morgen zur Seite zu nehmen und sie auf ihre Veränderung anzusprechen.
JJ hingegen schien ein schlechtes Gewissen zu haben. In jedem zweiten Satz fielen entweder Wills oder Henrys Name. Dabei waren die Beiden in den letzten zwei Wochen von JJ verwöhnt worden. Bei allen Fällen, die sie momentan bearbeiteten, waren örtliche Untersuchungen nicht erforderlich gewesen. Wie stark musste das schlechte Gewissen sonst an JJ nagen?!
Jede versuchte den Abend auf ihre Art zu genießen. Aber nicht mal zwei Stunden später trennten sie sich.
Garcia war an die Bar gewechselt und Susanne gönnte ihr diesen Moment.
Vor dem Eingang hatte sie sich dann von den beiden anderen Kolleginnen getrennt. JJ hatte sich bereit erklärt Emily nach Hause zu bringen, der man den Alkohol mehr als anmerken konnte.
Susanne folgte den beiden Kolleginnen mit den Augen. Doch ihre Gedanken schweiften schon wieder ab:
Um noch nach Aaron zu fahren war es heute zu spät. Aber eventuell konnte sie ihn noch telefonisch erreichen. Doch würde ihre Sehnsucht dann nicht noch mehr wachsen?! Sie entschloss sich es darauf ankommen zu lassen. Beschwingt eilte sie die Straße zu ihrem Wagen entlang.
Der Blick schwang sich ängstlich die belebte Straße von links nach rechts hinunter. Dann fiel der Blick auf ein Schild, das am Gebäude der gegenüberliegenden Straßenseite stand.
‚Polizeirevier, Washington D.C., Shaw' stand dort schwarz in die goldgelbe Platte eingraviert. Der nächste Schritt konnte das ganze Leben verändern. Doch war das bisherige Leben wirklich ein Leben?
Es wurde tief durchgeatmet und mit entschiedenem Schritt begann sich das Blickfeld erst langsam, dann schneller zu verändern.
Vorsichtig wurde die Tür zum Revier geöffnet und durch einen schmalen Spalt drückte sich jemand in das Gebäude.
„Kann ich Ihnen helfen?" Ein Mann mit lächelndem Gesicht stand urplötzlich im Blickfeld.
„Ich wollte eine Anzeige machen!" Eine junge, verängstigte weibliche Stimme brachte mühsam die paar Worte hervor.
„Um was geht es?" Harkte der Mann freundlich nach.
„Eine Vermisstenanzeige. Vor zwei Tagen war das FBI schon bei uns."
„Dann sollten Sie vielleicht direkt mit denen sprechen." Wandte der Officer ein.
„Ich weiß nicht wo…"
Der Officer schätzte das Mädchen auf vierzehn oder fünfzehn Jahre. Es war verständlich, dass diese nicht genau Bescheid wusste.
„Kommen Sie mit. Ich habe da genau den richtigen Mann für Sie."
Hotch betrat das Großraumbüro durch die Glastür und sah sein Team zu einem morgendlichen Austausch zusammenstehen. Susanne war unter ihnen. Sie hatten gestern spät abends noch lange telefoniert. Und doch gab es auch heute noch so viel zu sagen. Das war mit Haley ganz anders gewesen. Sie hatten sich von Anfang an ohne Worte verstanden. Vielleicht war das aber auch ihr größtes Hindernis gewesen. Dass sie sich zum Schluss nicht mehr genug ausgetauscht hatten. Was, wenn es mit Susanne irgendwann auch so sein würde? Wenn sie sich irgendwann auch nichts mehr zu sagen hätten…
Er wurde unruhig. Er wollte Susanne nicht verlieren. Er liebte sie… Haley hatte er auch geliebt… Aber anders. Und um Susanne würde er kämpfen!
Während seine Gedanken im Kopf hin und her schossen, hatte er sich langsam dem Team genähert. „Guten Morgen", grüßte er und bekam gut gelaunte Grüße zurück.
„Na Aaron", David trat lächelnd näher, „welchen Kampf hast du gerade gewonnen?"
Verwundert schaute der Teamchef seinen Freund an. Der sah aber auch immer alles. „Wieso sollte ich gekämpft haben?" Gab er entspannt lächelnd zurück.
„Und so gut drauf!" Stichelte der Altermittler weiter. „Dieses Lächeln!"
Doch Hotch ließ sich seine Glücksgefühle nicht nehmen. Zufriedenheit durchströmte ihn. Sollten die Kollegen doch Vermutungen anstellen. Susanne und er waren sich einig. Sie wollten es vor den Kollegen in der nächsten Zeit noch verheimlichen, um ihre gemeinsame Zeit bei der BAU noch etwas zu genießen.
„Frank", begann Hotch mit seinem Tagesprogramm, „hast du Zeit? Wir müssen noch dein vierteljährliches Bewertungsgespräch führen."
Susanne nickte. „Klar."
Sie folgte dem Teamchef hoch in sein Büro. Da Susanne dieses Gespräch bereits schon zwei Mal mit Hotch geführt hatte, blieb sie ganz ruhig.
„Ich habe mich über deinen Anruf gestern sehr gefreut." Begann Hotch sobald die Tür ins Schloss gefallen war. Während er hinter seinem Schreibtisch Platz nahm, schaute er hoch in Susannes verwundertes Gesicht. „Ich wollte es dir nur gesagt haben. Gerade die Stunden zuvor habe ich ständig an dich gedacht."
Hotch setzte sich etwas vor und legte seine Unterarme auf der Tischplatte ab. Nervös spielte er mit seinen Fingern.
Aufmerksam versucht Susanne herauszufinden, ob diese den anderen Teammitgliedern auffallen konnte. Entschlossen setzte sie sich auf einen der beiden Sesseln vor Hotchs Schreibtisch und übernahm die Initiative: „Was möchtest du mir sagen?"
Jetzt war es an Hotch sie verwundert anzusehen. „Später."
Hotch sah Susanne an, sagte aber Sekundenlang nichts.
Warum begann er nicht mit dem Gespräch? Erwartete er das sie diesmal begann zu erzählen?
„Was ist mit dir Aaron?" Susannes Stimme klang extrem besorgt. Hatte nun doch jemand etwas herausgefunden und er wusste nicht, wie er ihr sagen sollte, dass ihr Praktikum vorbei war?
„Ich weiß deine Antworten schon ganz genau!"
Offen schaute er sie über den Tisch hinweg an. Plötzlich brachen beide in schallendes Lachen aus. Minutenlang kamen sie nicht wieder zur Ruhe. Unbewusst fiel Susannes Blick ins Großraumbüro, wo die Kollegen sie verwundert beobachteten.
„Aaron", begann Susanne japsend, „wir sollten professioneller werden. Wir haben Zuschauer."
Hotch versuchte sich wieder zu fassen. Es war wirklich schwer, privates und berufliches zu trennen. Verlor er jetzt seine Professionalität?
Gesitteter führten sie nun das Gespräch. –
„Okay, daraus kann ich dann den Bericht fertigen." Schloss Hotch nach zehn Minuten. „Gibt es von deiner Seite noch Anmerkungen, Verbesserungsvorschläge oder dergleichen?"
Susanne dachte nicht lange nach: „Ja, eine Sache müsste ich anzeigen."
„Anzeigen?"
„Ja, eine Selbstanzeige."
„Was hast du verbrochen?" Verwundert wartete Hotch sekundenlang auf die Antwort.
„Ich verstoße gegen FBI-Vorschriften. Ich habe mich in meinen Teamleiter verliebt… Schlimmer noch, ich habe etwas mit ihm."
„Sie wissen, dass ich das melden muss?!" Übernahm Hotch das Spiel. „Entweder geht einer von Ihnen freiwillig oder ich muss sie beide bis zu einer Lösung vom Dienst suspendieren."
Susanne liefen vor Lachen die Tränen über die Wangen.
„Detective LaMontagne?" Der Officer hatte kurz an die Tür geklopft und betrat nun das Büro.
William LaMontagne Jr. sah von seiner Arbeit hoch. „Ja?"
Der Officer schob das Mädchen durch die Tür. „Lily Cotton." Stellte dieser die Person vor. „Sie möchte gerne eine Vermisstenanzeige aufgeben."
„Gut." LaMontagne erhob sich verwundert. Normalerweise wurden diese Arbeiten von den Officer aufgenommen. Auf seinen fragenden Blick erklärte der Officer: „Sie gab an, dass ihre Familie vor zwei Tagen Besuch vom FBI hatte."
LaMontagne nickte verstehend und trat, während der Officer sich leise zurückzog, auf das Mädchen zu. „Ich bin William LaMontagne. Darf ich Lily zu dir sagen?"
Das Mädchen nickte unsicher, während ihr Blick durch den Raum glitt.
„Magst du dich setzen? Dann kannst du mir alles in Ruhe erzählen."
Nachdem Lily Cotton auf der Spitze des Stuhlsitzes vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, zog LaMontagne einen Holzstuhl heran. „Was ist passiert?" Versuchte er das Gespräch in Gang zu bringen, während er sich neben sie setzte.
„Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben." Das Mädchen sprach gegen LaMontagnes Erwartung mit fester Stimme.
„Wen vermisst du?"
„Paul." Das Mädchen war leicht erregt. „Paul Sadler."
„Wer ist das? Dein Vater?"
Das Mädchen schaute ihn verstört an und schüttelte ihren Kopf: „Der Freund meiner Mutter."
„Und wegen ihm war vor zwei Tagen das FBI bei euch?"
„Nein." Wieder schüttelte das Mädchen energisch ihren Kopf, so dass ihre blonden fransigen Haare durch die Luft flogen. „Die haben nach Henry gefragt."
„Nun mal langsam und ganz von vorne." LaMontagne lehnte dich vor und stützte seine Hände auf den Beinen ab. Noch verstand er kein Wort. „Was ist vor zwei Tagen passiert?"
„Zwei Leute vom FBI standen vor der Tür und wollten Mummy sprechen." Begann Lily Cotton nach einer Pause zu sprechen. „Sie sagten, dass sie Fragen zu Henry hätten. Henry Blake."
„Gut." Der Detective sprach mit ruhiger Stimme. Die sich auch sogleich auf das Mädchen übertrug. Sie atmete tief durch.
„Mummy schickte uns hinaus."
„Wer ist uns?"
„Mich und meine Geschwister."
„Wie viele Geschwister hast du?"
„Sechs."
„Sechs?!" LaMontagne versuchte sein Erstaunen so gut es ging zu verbergen. „Und du bist die Älteste?"
Das Mädchen nickte.
„Was ist dann weiter passiert?"
„Henry war nett. Ich habe ihn sehr gemocht." LaMontagne runzelte die Stirn. Wohin brachte ihn diese Geschichte.
„Vor etwa vier Jahren war er plötzlich verschwunden. Mummy sagte, dass sie sich getrennt hätten. Kurz darauf sind wir wieder mal umgezogen."
„Henry ist aber auch nicht dein Vater?"
„Nein. Er war der Vater von Pete. Er ist drei."
„War?" LaMontagne bemerkte die Vergangenheitsform sofort und wurde stutzig.
„Ich hatte die Tür zum Wohnzimmer einen Spalt weit offengelassen. Ich wollte hören, was das FBI von Henry wollte." Das Mädchen senkte schuldbewusst ihre Augen und stockte kurz. „Sie haben gesagt, dass man seine Leiche gefunden hat. In einem See bei Tallulah. Dort haben wir damals gewohnt."
„Gut, gut…" LaMontagne strich sich über das Gesicht. Seine Gedanken rasten hinter seiner Stirn. Sollte das wirklich wahr sein?
„Und du machst dir jetzt Sorgen um diesen Paul?!"
„Ja." Das Mädchen nickte bestimmt. „Er ist seit einer Woche fort und Mummy sagte, er sei auf Geschäftsreise… Ich habe eben in der Firma angerufen, für die er arbeitet.
Er fehlt seit einer Woche, unentschuldigt. Keiner hat ihn gesehen und auf Geschäftsreise schicken die ihre Arbeiter nicht!"
„Und dennoch könnte der Tod von Henry nichts mit euch zu tun haben!" Wandte LaMontagne sich noch gegen den Gedanken in seinen Kopf.
Er beobachtete, wie Lily Cotton tief durchatmete. Im nächsten Moment erwartete er eine neue Hiobsbotschaft.
„Und was ist dann mit Josh passiert? Oder James, Andrew und Phil? Sie waren immer plötzlich verschwunden. Keiner hat sich verabschiedet!"
„Sind das die Väter von deinen Geschwistern?" Entsetzten schwang in der Stimme des Detective mit.
Lily Cotton hatte ihren Kopf wieder schuldbewusst gesenkt.
LaMontagne legte ihr beruhigend seine Hand auf die Schulter. „Lily, das ist doch nicht deine Schuld. Und so schlimm ist es doch auch nicht, dass ihr alle unterschiedliche Väter habt."
„Was, wenn sie alle nicht mehr am Leben sind?"
In Lily Cotton brach endlich der aufgestaute Damm und Tränen rannen ihr über das Gesicht. William LaMontagne nahm sie in seine Arme. „Ruhig Lily. – Wir werden uns erkundigen, was mit ihnen passiert ist. Das verspreche ich dir. Und du wirst sehen, dass es ihnen gut geht." Der Detective hoffte es zumindest inständig.
„Du musst uns aber dabei helfen, okay?!"
Das Mädchen hatte LaMontagnes Worten gelauscht und nickte zustimmend.
„Was sagt ihr zu Hotch?" JJ sah sich zu ihren Kollegen um, die ihr auf dem Weg durch einen nahegelegenen Park folgten. „Er hat sich verändert."
„Wieso? Was meinst du?" Erklang Garcias Stimme irgendwo zwischen einer dicke Jacke und einem Berg von einem Wollschal sofort interessiert.
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen." Stimmte ihr Prentiss zu und wandte sich an Morgan. „Derek, hast du nicht eine Ahnung?"
„Nein", schüttelte dieser amüsiert seinen Kopf. „Was ihr Frauen nur immer habt."
Lachend hob JJ ein wenig Restschnee auf und drehte sich um: „Uns ist unsere Umgebung eben wichtig."
„Stimmt." Prentiss und Garcia nickten.
„Susanne, was meinst du dazu? Seit ihr europäischen Frauen auch so?" Morgan hatte Susanne seinen Arm freundschaftlich um die Schultern gelegt. Sie lächelte ihn amüsiert an: „Ja, wir sind auch so."
„Was sagst du dann zu Hotch?" Susanne spürte alle Augen auf sich gerichtet und versuchte krampfhaft eine Antwort auf Prentiss Frage zu finden.
„Mmh… Ich weiß nicht genau. Dafür kenne ich ihn noch nicht lange genug… Ich denke jeder Mensch verändert sich im Laufe seines Lebens immer wieder. Der eine schneller, der andere langsamer… Aber ich kann nichts Schlechtes an ihm finden."
Sie kamen zu einer großen Rasenfläche, an deren Rand einige Bänke aufgestellt waren. Prentiss ließ ihren Blick sorgfältig über die Ebene schweifen. „Von schlechtem Verhalten reden wir ja auch nicht… Im Gegenteil!"
JJ vervollständigte Prentiss Worte: „Er ist nicht mehr ganz so ernst. Er lacht wieder öfter."
„Apropos: Lachen." Erklang Morgans Stimme. „Was hattet ihr beiden den heute Morgen für Spaß?"
„Ach, das war nichts besonderes." Versuchte Susanne abzuwiegeln. „Irgendwie war die ganze Situation einfach nur zum Lachen." Mehr wollte sie nicht dazu sagen.
Sie stoppten bei zwei der Bänken.
„Ich freu mich schon darauf, wenn es wieder wärmer wird." Begann Prentiss das Thema zu wechseln, wofür ihr Susanne von Herzen dankbar war. „Die Idee mittags hierher zu kommen war spitze, Susanne. Ich fühle mich nach dem Spaziergang immer völlig erholt."
Susanne lächelte vor sich hin. Die ersten Tage war sie alleine gegangen. Sie konnte es einfach nicht mehr ertragen, ihre freie Zeit im Büro zu verbringen. Es reichte schon, wenn sie während der Arbeitszeit ständig auf der Hut sein musste, damit sie sich nicht verriet. Diese Momente hier draußen brauchte sie einfach zum Entspannen.
Nach und nach hatten sich immer mehr Kollegen angeschlossen. Nur Dave war bisher noch nicht mitgekommen… und Hotch.
„Weißt du, wer vom FBI bei euch war?"
„Ich habe die Namen nicht gehört. Aber der eine war schon älter und trug einen Bart. Der andere war noch sehr jung."
Nun, das waren nicht gerade hilfreiche angaben. Da musste er wohl seine Connections spielen lassen. –
Jareau trat gerade mit ihren Kollegen aus dem Aufzug, als ihr Handy summte.
„Will", sprach sie verwundert ins Handy, „ist etwas passiert?"
„Nein, JJ." Hörte sie ihren Lebensgefährten ruhig und zurückhaltend entgegnen. „Ich müsste dringend mit euch reden. Kannst du Hotch dazu holen?"
„Ja, sicher." Jareau schaute durch die Glastür und konnte ihren Teamleiter an seinem Schreibtisch erkennen. Er schien mal wieder keine Mittagspause zu machen. Jareau schüttelte verständnislos leicht ihren Kopf. „Einen kleinen Moment, ich gehe zu ihm."
Mit einem Winken verabschiedete sie sich von den aufmerksam lauschenden Kollegen und stand kurz darauf vor Hotchners Büro. Sie klopfte kurz und trat dann ein. Hotchner sah erstaunt auf.
„JJ, was gibt es?"
„Will ist dran. Er möchte mit uns reden." Erklärte sie.
„Okay." Jareau sah, wie Hotchner einen Zettel zwischen die Seiten eines dicken Buches legte, in dem er anscheinend gerade gelesen hatte. ‚Bundesgesetze' konnte Jareau auf dem Umschlag lesen, bevor ihr Kollege das Buch an die Seite legte.
„Was suchst du?" Sie deutete auf seine Lektüre.
Hotchner war ihrem Blick gefolgt: „Nichts Bestimmtes." … Naja, eigentlich schon. Er wusste nur nicht, wo er es finden sollte!
Sich voll auf das Kommende konzentrierend, nickte er Jareau zu, die augenblicklich die Freisprechung aktivierte.
„Hey Will, was gibt es?" Begrüßte Hotchner den Gesprächspartner. –
„Ich habe hier gerade Besuch von Lily Cotton. Sie hat mir erzählt, dass vor zwei Tagen das FBI bei ihrer Mutter war. Weißt du da was von?" LaMontagne konnte das Mädchen durch eine Scheibe hindurch mit einer Polizistin reden sehen. Sie saßen zusammen an einem Tisch im Pausenraum. Jeder mit einer Tasse dampfenden Etwas vor sich.
„Cotton… Ja, sicher. Da waren Dave und Spencer. Aber Emma Cotton konnte keinen wirklichen Hinweis auf das Verschwinden ihres damaligen Freundes beitragen." Hotchner beugte sich näher zum Handy hin, das Jareau auf seinen Schreibtisch gelegt hatte. „Und bei dir ist nun die Tochter?"
„Richtig. Sie hat das Gespräch wohl belauscht und macht sich nun Sorgen, um den aktuellen Freund ihrer Mutter. Ein gewisser Paul Sadler. Nach den Angaben der Mutter soll er auf Geschäftsreise sein. Die Firma weiß davon aber nichts und vermisst ihn auch seit ungefähr einer Woche." LaMontagne machte eine kurze Pause. „Und es scheint mit noch mindestens fünf anderen Männern ähnlich abgelaufen zu sein. Sie verschwanden ohne ein Wort an die Kinder zu richten. Anschließend zog die Familie um. Ungefähr neun Monate später war ein neues Geschwisterkind da."
Aufhorchend sahen sich Hotchner und Jareau an.
„Wir müssten das ganze Leben von Mrs. Cotton auf den Kopf stellen." Wandte Jareau ein.
„Aber die Aussage spricht für sich." Hotchner überlegt sich die nächsten Schritte.
„Wir benötigen die Namen von den letzten zwei Freunden, Will. Und die dazugehörigen Wohnorte." Sprach Hotchner zuerst in Richtung Handy, dann sah er zu seiner Kollegin hinüber. „Mal sehen, ob Garcia etwas über sie herausfinden kann."
Jareau nickte und nahm ihre Handy wieder zur Hand, als die Stimme ihres Lebensgefährten wieder durch die Leitung klang: „Was mache ich solange mit Lily. Sie hat Angst und möchte nicht nach Hause."
Der BAU-Teamleiter überlegte nicht lange. „Ich schicke dir Dave und JJ." An Jareau gewandt fuhr er fort. „Redet mit ihr. Wir müssen wissen, ob wir ihrer Aussage trauen können."
„Bis dahin hat Penelope vielleicht auch schon weiter Antworten." Stimmte Jareau dem Vorgehen zu und machte sich auf den Weg.
Neugierig hatte sich das Team unten im Großraumbüro versammelt und gespannt ihre beiden Kollegen im Chefbüro beobachtet.
Nach einigen Minuten trat auch Rossi neugierig geworden auf die Empore. „Was ist passiert?", fragend sah er zu seinen Kollegen hinunter.
„Das wissen wir noch nicht." Begann Prentiss.
„Will hat JJ angerufen und sie ist dann gleich zu Hotch rein." Ergänzte Morgan. Entspannt und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen lehnte er sich an das Geländer und behielt das Büro von Hotchner im Auge.
Keine zwei Minuten später traten Jareau und Hotchner aus dem Büro und sahen sich den Kollegen gegenüber.
„Gibt es einen neuen Fall?" Interessiert trat Morgan einige Schritte vor.
„Das müssen wir erst noch prüfen." Begann Jareau zu erklären. „Zu Will ist heute ein Mädchen gekommen. Lily Cotton. Sie hat Angst, dass dem Freund ihrer Mum etwas zugestoßen sein könnte."
„Cotton?!" Als der Name fiel, hatten sich Rossi und Reid verwundert angeblickt. „Sind das die Gleichem, wo wir vor zwei Tagen waren?" Fragte der Altermittler aufmerksam.
Hotchner nickte bestätigend: „Ja. Der jetzige Freund von Emma Cotton ist seit einer Woche verschwunden. Lily kam das nach eurem Besuch merkwürdig vor. Besonders, da wohl alle Freunde ihrer Mum urplötzlich verschwunden sind. Was bleibt, ist ein gemeinsames Kind.
Die Familie zieht in eine andere Stadt um und niemanden fällt etwas auf."
„Das hört sich für mich nach einer ‚schwarzen Witwe' an." Rezitierte Reid aus seinem umfangreichen Gedächtnis.
„Das war auch mein erster Gedanke, als ich eben davon erfuhr." Stimmte Jareau ihrem Kollegen zu.
„Wir dürfen uns noch nicht darauf versteifen." Bremste Hotchner den Enthusiasmus seiner Kollegen. „Als Erstes brauchen wir Gewissheit. Garcia, JJ gibt dir eine Liste mit Namen. Suche bitte alles zu den Personen heraus was du nur finden kannst. Nach den ersten Beiden machen wir eine Zwischenbilanz."
„Klar Chef, wird erledigt." Garcia nahm die Liste entgegen und trippelte mit eiligen Schritten auf die Glastür zu.
Der Rest des Teams verteilte sich bald darauf wieder an seine Schreibtische, während sich Rossi und Jareau auf den Weg in die Hauptstadt machten.
LaMontagne stand im Gespräch mit zwei Kollegen auf dem Flur vor seinem Büro. Sie flüsterten leise miteinander, während sein Blick durch die Glasscheibe auf dem Teenager in seinem Büro gerichtet war. Die Kollegin saß noch immer bei ihr und versuchte sie etwas von ihrem Kummer abzulenken. Doch mittlerweile saß Lily nur noch still da und bewegte sich nicht mehr.
„JJ… endlich." LaMontagne sah seiner Freundin und ihrem Kollegen erleichtert entgegen.
„Hey", grüßte Jareau in die Runde.
„Will." Rossi begrüßte den Detective lächelnd mit einem Handschlag. „Das ist ja jetzt richtig schnell gegangen. JJ hat uns von dem Jobangebot erzählt. Es war die richtige Entscheidung."
LaMontagne konnte ein Lachen und die wirkliche Freude in den Augen des Altermittlers sehen.
„Für Henry wäre es besser gewesen, wenn ich erst in einem halben Jahr angefangen wäre. Aber ich musste sofort anfangen." Rossi konnte eine kleine Traurigkeit in der Stimme des Detectives der Metropolitan Police heraushören.
„Will, Henry geht es gut." Jareau lächelte ihrem Freund glücklich an. Endlich konnte auch er wieder in seinem geliebten Beruf arbeiten. Es war ihr nicht leicht gefallen, die ganzen Monate zur Arbeit zu gehen, während Will sich um Henry gekümmert hatte. Sie hatte oft ein schlechtes Gewissen. Zumal sie ständig auf dem Sprung war.
Aber das waren ihre privaten Probleme. Jetzt ging es um ein junges Mädchen, das nicht weiter wusste.
Jareau wandte ihren Blick durch die Glasscheibe auf das Mädchen, das noch immer vor dem Schreibtisch im Büro saß. „Das ist Lily?"
„Ja", bestätigte Rossi. Er konnte sich noch genau an ihre traurigen Augen erinnern, als er vor zwei Tagen mit ihrer Mutter gesprochen hatte. „Gehen wir hinein."
LaMontagne bewegte sich nicht. „Was passiert jetzt mit ihr? Was habt ihr vor?"
„Will, es wäre schön, wenn du dabei bleibst. Sie hat schon eine Verbindung zu dir aufgebaut. Sie scheint dir zu vertrauen." Erklärte Jareau ihm das weitere Vorgehen.
„Wir müssen uns vergewissern, ob sie uns die Wahrheit sagt." Fuhr Rossi fort. „Geh vor, Will."
Der Detective öffnete die Tür und trat in sein Büro. Augenblicklich schaute Lily Cotton und die Polizistin zu ihnen hinüber. LaMontagne nickte der Polizistin zu. Diese erhob sich sofort und kam ihnen entgegen.
Jareau war direkt hinter Will in sein neues Büro getreten. Obwohl sie noch nie hier gewesen war, unterdrückte sie den ersten Impuls ihren Blick durch den Raum schweifen zu lassen. Sie fokussierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Mädchen, das traurig auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch hockte. Jareau konnte sich vorstellen, dass ihr dieser Gang nicht leicht gefallen war. Es konnte schließlich bedeuten, dass sie ihre ganze Familie zerstörte. Das die Geschwister getrennt wurden.
Doch, das durfte nicht sein! Aber wer würde schon sieben Kinder aufnehmen…
Stopp… Jareau wurde sich bewusst, dass ihre Gedanken schon viel zu weit gingen. Es musste als Erstes geklärt werden, ob an dem Verdacht überhaupt etwas dran war.
„Hallo Lily", Rossi stand bereits neben dem Mädchen und schenkte ihr ein vertrautes Lächeln. „Erinnerst du dich noch an mich? Ich war vor zwei Tagen bei deiner Mutter."
Lily Cotton nickte. Diese raue, aber ruhige Stimme würde sie überall wiedererkennen. Nervös versuchte sie sich an einem Lächeln.
„Gut. Mein Name ist David Rossi." Der Altermittler drehte sich leicht zu seiner Kollegin um. „Das ist Jennifer Jareau, eine Kollegin von mir. Wir würden dir gerne noch ein paar Fragen stellen. Wäre das für dich okay?"
Wieder nickte Lily Cotton nur mit dem Kopf.
„Hotch", Garcia hatte ungeduldig auf die Annahme ihres Anrufes gewartet und konnte ihre Worte nun nicht mehr zurückhalten: „Ich sag es nicht gerne, aber das Mädchen hat recht!"
Hotchner hörte, wie seine Kollegin tief Luft holte, als er mit dem Handy am Ohr ihr Büro betrat. „Ganz ruhig Garcia."
Erschrocken legte die technische Analystin eine Hand auf ihre Brust und drehte sich auf ihrem Stuhl zu ihm um. „Musst du mich so erschrecken?"
„Tut mir leid." Garcia las in seinem Gesicht, dass er wirklich bestürzt war, und doch war da auch eine jugendliche Leichtigkeit, die sie einen Moment verwirrte.
„Was hast du für Ergebnisse?" Hotchner war zu ihr an den Schreibtisch getreten, stützte sich auf der Platte auf und schaute auf ihren Bildschirm.
Garcia war leicht überrascht. Hotchner war wirklich völlig entspannt. Normalerweise stand er mit geradem Rücken hinter ihr, die Arme verschränkt und sog geradezu ihre Ergebnisse in sich auf. Stockend begann sie ihm ihre Ergebnisse zu präsentieren: „Ich habe es ja nicht glauben wollen, als du mir von eurem Verdacht erzählt hast. Aber das Mädchen scheint den richtigen Riecher zu haben." Garcia hatte sich wieder ihrem Bildschirm zugewandt. Tief einatmend fuhr sie eifrig fort: „Henry Blake hat am 2009 das letzte Mal seine Kreditkarte benutzt. Es gibt keine weitere Spur von ihm. Weder hat er einen Flug gebucht noch einen Strafmandat erhalten.
Ich habe als nächstes bei seiner alten Arbeitsstelle angerufen. Dort haben sie von einen Tag auf den Anderen nichts mehr von Henry gehört."
„Was ist mit Freunden und Verwandten?"
Garcia tippte auf ihrer Tastatur herum: „Die Mutter von ihm lebt noch immer in Roosevelt. Das ist in der Nähe von Tallulah… Warum hat sie ihn denn nicht als vermisst gemeldet?" Verwundert sah die technische Analystin zu Hotchner hinüber.
„Siehst du, genau das möchte ich auch gerne wissen. Suchst du mir bitte die Telefonnummer und ihre Adresse heraus?"
„E voila", Garcias Finger waren über die Tastatur geflogen, „schon auf deinem Handy."
Hotchner lächelte leicht. „Gut… Wie sieht es dann bei Josh Grover aus?"
„Genauso. Seine letzte aktive Spur ist eine Kartenzahlung am 2011. Das war an einer Tankstelle in Mount Tabor. Am 6. ist er dann nicht zur Arbeit erschienen."
„Also ist er zwischen den 5. Und 6. September 2011 verschwunden." Hotchner ließ sich die bisherigen Ergebnisse durch den Kopf gehen. „Es hat keinen Sinn. Garcia, du wirst dir alle Väter der Kinder vornehmen müssen.
Das heißt: Schau doch mal in die Geburtsurkunden der Kinder. Hat sie da überhaupt einen Vater angegeben?"
„Moment, das haben wir gleich." Garcias Finger flitzten über die Tastatur. „Ich schaue mir als erstes die Urkunden der kleinen Anne und ihres Bruders Pete an… Da… Doch, sie gibt sie an. Annes Vater ist Josh Grover und Petes Henry Blake."
„Okay, dann schau dir die anderen an und versuch die Väter zu finden. Ich rufe das Team zusammen." Hotchner wollte sich schon auf den Weg hinaus machen, als Garcias Stimme ihn zurück hielt: „Hotch… Wie sollen wir sie aber finden?"
„Du meinst ihre Leichen?" Hotchner wandte sich zurück in den Raum. „Das weiß ich auch noch nicht. Vielleicht kann uns Lili einen Tipp geben, ob die Männer einen Lieblingsplatz in dem jeweiligen Ort hatten.
Dave und JJ sollten sie mit hierher bringen." Nachdenklich verschwand Hotchner aus dem Büro.
„Ist gut Hotch, ich frage sie." Rossi hatte sich von der kleinen Gruppe entfernt, als sein Handy sich meldete. Jetzt trat er zurück und wandte sich direkt an das Mädchen.
„Lily, ich habe unseren Teamleiter am Handy." Lilys Augen sahen ängstlich aus und etwas Verwunderung spiegelte sich in ihnen wider. Ihr Blick haftete auf Rossi und Jareau wurde klar, dass Lily gedacht hatte, dass Rossi das Sagen hätte.
„Hotch, ich habe dich auf Laut gestellt." Begann Rossi die Verbindung aufzubauen.
„Hallo Lily, hey Will." Hörten sie Hotchners Stimme durchs Handy.
„Hallo." Grüßte Lily kleinlaut zurück.
„Lily, weißt du, ob Henry den Halpino Lake bei Tallulah kennt?" Übernahm Rossi die Befragung.
„Ja, klar. Er war dort oft zum Angeln. Ab und zu durfte ich mit . Das war immer schön." Die Erwachsenen konnten die Leidenschaft in der Stimme des Mädchens hören.
„War er denn immer alleine dort oder zusammen mit einem Freund?" Fragte Jareau interessiert weiter.
Lily hob erstaunt die Schultern. „Wenn ich dabei war, dann waren wir immer alleine."
Sekundenlang blieb es still, dann erklang Hotchners Stimme: „Ich werde Morgan und Prentiss nach Tallulah schicken. Sie sollen sich dort mal umsehen. Ihr kommt bitte alle nach Quantico."
Rossi und Jareau wechselten einen vielsagenden Blick. Für Hotchner schien wirklich etwas an dieser Geschichte dran zu sein.
„Okay, wir kommen." Bestätigte Rossi und unterbrach die Verbindung.
„Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht so ganz, was wir in Tallulah sollen." Begann Prentiss leicht nörgelnd, als sie neben Morgan zum Flugzeug eilte, das seine Motoren bereits angelassen hatte.
„Wir müssen herausfinden, ob Henry Blake Schwierigkeiten hatte." Morgan warf einen verwunderten Blick auf seine Kollegin. Sie hatte sich in den letzten Wochen ebenfalls verändert. Sie schien nervöser als sonst. „Ich denke, wir sollten als Erstes in der Pathologie vorbeischauen. Ich würde mir gerne die Leiche anschauen und mit dem Arzt sprechen. Vielleicht hat er ja schon eine Mordtheorie."
Sie waren am Flugzeug angekommen und Morgan stieg locker die Treppe hinauf.
Prentiss fühlte sich hingegen wieder beobachtet. Langsam ließ sie ihren Blick über die Umgebung schweifen. Aber sie konnte niemanden erkennen.
„Es ist ja auch nicht weit. Ich denke nicht, dass Hotch uns bis an die Westküste geschickt hätte, aber so…" Morgan hatte sich zu Prentiss umgedreht und bemerkte verwundert ihren kontrollierenden Blick über die Umgebung. „Hast du Probleme, Em?"
Prentiss sah zu ihm hoch, lächelte und schüttelte leicht den Kopf. „Ich dachte, ich hätte was gesehen… Aber da war nichts!"
Morgan wunderte sich einmal mehr über seine Kollegin. Sie hatten sonst ein so starkes Band zwischen sich. Und nun sperrte Emily ihn einfach aus.
Nun, er würde schon in der nächsten Zeit auf sie achten. Das war er ihr schuldig.
Jareau betraten zusammen mit Lily das Besprechungszimmer. Lily schien verängstigt. Sie ließ ihren Blick über die fremde Umgebung schweifen. Anscheinend schien sie der bloße Gedanke beim FBI zu sein, einzuschüchtern.
Verwundert blieb ihr Blick auf einer Glaswand hängen, auf der sie Fotos von sich und ihren sechs Geschwistern erkannte. Reid stand davor und schrieb die Geburtsdaten der Kinder dazu, die Garcia ihm vom Tisch aus vorgab.
„Hey", Garcia stand sofort auf und ging aufgewühlt auf die Ankommenden zu. „Hallo Lily."
„Das ist Penelope, Lily." Jareau hatte dem Mädchen beschützend eine Hand auf die Schulter gelegt. Die neuen Eindrücke würden so schnell nicht aufhören. „Sie ist unsere technische Analystin und sehr nett. Du brauchst keine Angst zu haben."
Rossi und LaMontagne waren Jareau langsamer gefolgt und hatten sich über die bisherigen Ergebnisse unterhalten. Nun betraten auch sie den Raum mit dem großen ovalen Tisch in der Mitte.
„Und das dort ist Spencer." Jareau deutete auf Reid, der noch immer damit beschäftigt war, Daten auf die Wand zu schreiben.
Lily konnte nun auch sehen welche. Unter den Kindern hingen Fotos ihrer Väter, die Reid ebenfalls mit Daten beschriftet hatte.
Nun sah er zu ihnen hinüber, winkte und schenkte dem Mädchen ein freundliches Lächeln. „Hey, Lily. Wir haben uns ja schon kennengelernt."
„Hey." Grüßte Lily mit schwacher Stimme zurück.
Prentiss und Morgan waren auf einen kleinen Regionalflughafen in der Nähe von Tallulah gelandet. Telefonisch hatte sich Morgan bei Sheriff Rago bereits angemeldet. Dieser stand nun an seinem Polizeiwagen gelehnt da und starrte ihnen entgegen.
„Sheriff", Morgan ging offen auf den Mann zu. „Ich bin Agent Derek Morgan. Meine Kollegin Emily Prentiss."
„Ma'am." Grüßte Rago Prentiss und griff sich dabei an den Schirm seiner Mütze. „Was möchten Sie als erstes sehen?"
Der Blick des Sheriffs wanderte von einem Agent zum anderen.
„Vielleicht sollten wir mit dem Tatort beginnen", schlug Prentiss vor. „Noch ist es einigermaßen hell."
Hotchner ließ seinen Blick durch den Besprechungsraum gleiten. Es dauerte nicht lange und er hatte das einzige fremde Gesicht in der Runde der Menschen am Tisch entdeckt. Lächelnd trat er um den halben Tisch und hockte sich neben Lily Cotton nieder.
„Hallo, Lily", begann er und wartete bis diese ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenkte. „Ich bin Aaron Hotchner. Ich leite das Team."
„Hey." Grüßte das Mädchen zurück.
Hotchner erhob sich wieder und nickte Will zur Begrüßung kurz zu. „Es gibt leider noch nichts Neues. Morgan und Prentiss sind gelandet und schauen sich um. Seid ihr schon etwas weiter gekommen?"
„Nun, wir sind dabei alle Daten zu sammeln, die wir über die Vermissten finden können." Erklärte Reid, während er hinter sich auf die Wand mit den Fotos deutete. Diese hatte sich schon um einige Daten vervollständigt.
„Bisher können wir aber mit Bestimmtheit sagen, dass es von keinen der Männer irgendeine Aktivität mehr gibt. Alle stoppen ein bis anderthalb Wochen vor dem Umzug der Familie." Stellte Garcia die bisherigen Suchergebnisse zusammen.
Hotchner hatte sich neben Rossi an den Tisch gesetzt und sich die Wand mit den Daten und Bildern angesehen. Nun wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ihrem Gast zu: „Lily, wenn du dir die Fotos anschaust, fällt dir zu irgendeinen der Männer ein spezieller Ort ein?
Irgendeinen Ort, wo sie sich wohl gefühlt haben oder der eine besondere Bedeutung für sie hatte?"
Lily schien es schwer den Mann im dunklen Anzug zu verstehen. „Sie meinen so etwas wie bei Henry der See?"
„Genau so einen Ort." Gab Hotchner dem Teenager recht. „War einer gerne Schwimmen? Ist er immer den gleichen Weg gegangen? Fahrrad gefahren, oder lieber Motorsport?"
„Ich… ich weiß nicht." Lily schien nun doch leicht eingeschüchtert.
„Das ist nicht schlimm, Lily. Lass dir alle Zeit der Welt. Es sind schließlich auch eine ganze Menge Fotos." Hotchner hatte sie bisher noch nicht gezählt, daher ließ er seinen Blick erneut über die Fotos schweifen. Acht! Und keinem war bisher was aufgefallen?
Da musste erst ein fünfzehnjähriges Mädchen kommen und den Staat und seine Gesetzeshüter auf das Verschwinden der Männer aufmerksam machen. Am liebsten hätte er sich jetzt verbal Luft verschafft. Aus Rücksicht auf Lily schüttelte er aber nur energisch den Kopf.
„Josh war immer gerne in der Natur. Er ist mit uns oft durch den Wald gegangen. Dort haben wir Pilze gesucht. Und Beeren. Er hat uns Fährtenlesen gezeigt. Im letzten Sommer hat er mit uns sogar auf einer Waldwiese gezeltet."
„Ward ihr da immer im selben Wald?" Hakte Rossi ruhig nach.
„Nicht immer. Aber wenn Josh nur wenig Zeit hatte, dann sind wir immer auf den Hausberg gefahren. Den Wald dort kannten wir bald besser als unser zu Hause."
„Das war in Blacksburg, Garcia." Reid stand aufgeregt auf. „Wir brauchen eine Karte."
Kurze Zeit später erschien eine Luftbildkarte von Blacksburg / Virginia auf der Monitorwand.
Reid suchte sofort die Straßen ab und deutete schließlich auf ein Gebäude. „Hier habt ihr gewohnt." Er suchte die nähere Umgebung ab. „Das wäre der nächste Wald, gute fünfhundert Meter entfernt."
„Das ist gut, Lily." Lobte Hotchner den Teenager. „Was ist mit James? Hatte er einen solchen Ort?"
Lily Cotton schien zu überlegen. Und hob dann stumm die rechte Schulter.
„Das ist nicht schlimm Lily." Hotchner blieb ganz ruhig. Immerhin hatten sie schon eine Spur. Ob diese sie weiterbringen würde, wusste er noch nicht. Das musste sich erst noch herausstellen. Auf jeden Fall machte Lily ihre Sache gut. Sie schien sich wirklich um die Männer zu sorgen.
„James hat uns viele Geschichten vorgelesen oder auch selbsterfundene erzählt." Lily stand auf, ging auf die Pinnwand zu und schaute sich die Gesichter der Männer nochmal genau an.
Plötzlich deutete sie auf ein Foto. Alle konnten den Namen Andrew Pie darunter lesen. „Andrew ist mit uns in Höhlen gewesen. Es war sein Beruf sie zu erforschen. Deshalb lebte er in der Gegend. Dort gibt es viele Höhlen, versteckt im Wald."
„Das ist wirklich super, Lily." Jareau war neben den Teenager getreten und hatte ihn beschützend den Arm um die Schultern gelegt.
„Ich werde mich an die örtliche Polizei wenden und um Amtshilfe bitten." Erklärte Hotchner leise den Agents um sich herum, bevor er sich erhob. „Versucht es weiter. Je mehr Anhaltspunkte wir bekommen, um so eher sehe ich eine Chance ihre Mum zu überführen."
„Das wird schwer werden, Hotch." Wandte Frank ein. „Vielleicht wird sie sich noch an Phil erinnern, aber ob sie einen Ort weiß, wo sie waren? Sie war da gerade vier Jahre alt."
„Das ist richtig." Stimmte Hotchner zu. „Aber vielleicht fällt ihr ja doch noch ein Ort für James ein." Hotchners Blick fiel wieder auf die Fotos. „Und vor allem wäre eine Angabe zu Paul Sadler gut."
„Glaubst du, dass er noch am Leben sein könnte?" Flüsterte William LaMontagne verwundert.
„Das wird sehr unwahrscheinlich sein." Übernahm Rossi die Erklärung, ebenfalls mit unterdrückter Stimme. „Aber bei ihm könnte man eventuell noch DNA-Spuren finden oder auch das Gift ermitteln, das sie verwendet."
LaMontagne nickte verstehend und Hotchner verschwand wieder aus dem Besprechungszimmer.
„Was denken Sie, dass Sie hier finden?" Sheriff Rago folgte den beiden Agents vom FBI zum See.
„Keine eindeutigen Spuren." Morgan wandte sich dem örtlichen Gesetzeshüter zu. „Dafür liegt die Tat schon zu weit zurück."
„Und der Ort scheint auch regelmäßig besucht zu werden." Prentiss deutete auf zwei Personen, die ihre Angeln auf der anderen Uferseite ausgeworfen hatten. „Die Leiche scheint sie nicht abzuschrecken."
Morgan hatte sich derweil um die eigenen Achse gedreht und die Umgebung genau ins Auge genommen.
„Ich habe Schilder gesehen, die das Baden in dem See verbieten?!" Stellte Prentiss verwundert feste. „Warum?"
„Der Halpino Lake ist ein alter Baggersee. Er kann unberechenbar sein. In meiner Amtszeit sind bereits zwei Menschen beim nächtlichen Schwimmen ertrunken."
„Dort vorne kommt man mit dem Wagen fast direkt an den See." Morgan deutete auf eine Stelle nur gute fünfzig Meter von ihnen entfernt. „Wo genau ist die Plastiktüte aufgestiegen?"
Rago deutete auf eine Stelle, die mit einer kleinen Schwimmmarke gekennzeichnet war. „Dort. Ich wollte die Marke schon entfernen lassen, als ihr Anruf kam."
„Haben Sie Taucher hinunter geschickt?" Fragte Morgan augenblicklich nach und machte sich auf den Weg zu der Stelle am Ufer, die ihm ins Auge gefallen war.
„Ja, sie haben an der Stelle einen dicken Stein gefunden, der in diesem See ansonsten nicht vorkommt. Wir gehen davon aus, dass er den Leichnam beschweren sollte."
Prentiss nickte zustimmend. „Das ist wahrscheinlich."
„Em, meinst du es ist für eine Frau möglich die Leiche mit dem Stein bis zu der Stelle im See zu bringen?" Morgan schien noch zu zweifeln.
Prentiss schätzte die Entfernung vom Gewässerrand bis zur Marke auf gute dreißig Meter. „Warum nicht."
„Wie tief ist der See?" Morgan kam eine Idee.
„An der tiefsten Stelle ungefähr dreißig Meter. Aber in diesem Bereich steht man nur bis zur Brust im Wasser." Erklärte der Sheriff Rago.
„Eine Leiche im Wasser zu bewegen ist nicht so schwer." Stimmte Prentiss zu, die Morgans Gedankengang genauestens verfolgt hatte. „Besonders leicht für eine Frau."
„Ja, Sheriff Hope, ich weiß genau, was ich da von Ihnen verlange." Hotchner saß gerade an seinem Schreibtisch und sprach in den Hörer.
„Leider kann ich Ihnen keine näheren Angaben zu den genauen Höhlen geben. Den Angaben unserer Zeugin zu folge, haben sie mehrere Höhlen besucht. Ich kann Ihnen nur sagen, dass der eventuelle Mord im Jahre 2011 passiert ist."
Hotchner lauschte in den Hörer hinein. Er konnte auf der anderen Seite im Hintergrund eine weitere, aufgeregte Stimme hören.
„Hören Sie Agent Hotchner." Wandte sich der örtliche Gesetzeshüter aus Bentonville in Arkansas wieder an seinen Gesprächspartner. „Ein Kollege meint, dass es ungefähr zu dieser Zeit einen Vorfall mit den Höhlen gab. Er meint sich zu erinnern, dass eine teilweise eingestürzt ist. Da man keinen Hinweis auf Verletzte oder Fremdverschulden fand, wurde die Sache nicht weiter untersucht und zu den Akten gelegt.
Das war noch unter meinem Vorgänger.
Wir werden uns die Örtlichkeit genauer ansehen Agent Hotchner und Ihnen dann unsere Ergebnisse mitteilen."
„Vielen Dank." Blieb Hotchner freundlich. Endlich war dieser Mann etwas entgegenkommender. „Vielleicht bekommen wir ja auch ein Geständnis, dann würden wir Ihnen den Leichenort natürlich sofort durchgeben."
Rossi streckte seinen Kopf durch die Tür und vernahm die letzten Worte. Hotchner sah auf und winkte seinen Kollegen hinein.
Nach einigen weiteren Floskeln am Telefon, legte er schließlich auf.
„Na, waren sie einigermaßen verständnisvoll?" Rossi hatte sich auf der Sitzecke niedergelassen und Hotchner gesellte sich nun zu ihm.
„Du kennst das ja. Aber ich muss schon sagen, dass unsere Erfolge der letzten Jahre einen positiven Effekt haben. Wir sind nicht länger ein Team, dass von einer Bundesbehörde durchgefüttert wird."
„Dafür haben wir auch schon zu vielen geholfen." Stimmte Rossi zu. „Wie viele Seminare führen wir mittlerweile im Jahr durch, wo wir den Ermittlern zumindest die Grundlage unsere Arbeit beibringen."
Rossi lehnte sich entspannt zurück und grinste: „Die positiven Feedbacks werden immer mehr."
„Aber doch brauchen sie erst einen richtigen Stoß vor dem Bug, bis sie mal bereit sind uns zu helfen… Ich kann ja verstehen, dass es nicht so einfach ist, wenn man keine genauen Angaben bekommt, aber wir haben ja momentan auch noch nicht mehr."
„Erst habe ich gedacht, sie würde ihre Opfer immer im Wasser versenken. Aber auf den ersten Blick, gab es auf der Karte von Blacksburg keine Gewässer in der Nähe des Waldes."
„Was bedeuten könnte, dass er dort nicht liegt." Wandte Hotchner ein. „Aber ich glaube, es geht nicht um Wasser.
Sicher, es ist einfacher für eine Frau eine Leiche im Gewässer zu bewegen. Aber es geht ihr nicht darum."
„Wenn wir mindestens einen weiteren Leichnam finden würden, dann wüssten wir, ob wir richtig suchen."
Hotchner nickte zustimmend zu Rossis nachdenklichen Worten. „Weißt du, woran ich schon gedacht habe?"
Rossi schaute seinen Freund auffordernd an.
„Wenn sie wirklich eine schwarze Witwe ist… Ich frage mich, ob diese Plätze nicht eventuell auch die Zeugungsstellen der Kinder sind."
„Bisher liegen sie alle ziemlich abgelegen." Führte Rossi den Gedanken fort.
Hotchner zog nur wissend eine Augenbraue hoch.
Prentiss betrat mit Morgan und Sheriff Rago eine Kühlkammer im Keller des Polizeireviers. Ein örtlicher Arzt hatte die Obduktion der Leiche vorgenommen und sie in diesen Raum geführt.
„Was konnten Sie bei Ihren Untersuchungen herausfinden, Doktor Shearer?" Morgan trat auf die andere Seite der Barre, auf der sich unter einem weißen Lacken die Umrisse eines menschlichen Körpers abbildeten.
Doktor Shearer lüftete das Laken und deutete auf die wächserne Haut der Leiche: „Nach der Haut zu urteilen, würde ich schätzen, dass Mr. Blake bestimmt vier, fünf Jahre im Wasser lag. Ich habe eine Schleimprobe ins Labor geschickt, wahrscheinlich kann ich mit den Ergebnissen die Zeit noch etwas genauer einschränken."
Morgan nickte verstehend.
„Haben Sie sonst noch etwas Ungewöhnliches an der Leiche feststellen können?" Harkte Prentiss interessiert nach.
„Ich habe hier am Hals, kurz über dem Schlüsselbein", Doktor Shearer deutete auf eine kleine blutunterlaufende Stelle, „eine Einstichstelle gefunden."
„Drogen?" Sheriff Rago schien entsetzt. „Könnte es eine Überdosis gewesen sein?"
„Nach unseren Ermittlungen war Mr. Blake sauber." Fiel Morgan ein. „Er war nie auffällig."
„Es gibt keine Hinweise für einen Drogenmissbrauch an diesem Körper." Wiegelte auch der örtliche Arzt die Vermutung des Sheriffs ab. „Ich denke zwar nicht, dass es ein Ergebnis bringen wird, aber ich habe Hautpartikel ins Labor geschickt. Wir werden auch hier abwarten müssen.
Zudem habe ich die Akte seines Hausarztes vorliegen. Er war auch kein Diabetiker. Dann hätte es definitiv auch mehrere Einstichstellen gegeben. Zudem ist es ungewöhnlich sich die Spritze in den Hals zu geben." Doktor Shearer machte eine kurze Pause. „Worauf ich Sie noch aufmerksam machen wollte: Die Einstichstelle ist nicht von einer normale gebräuchlichen Kanüle. Es wurde eine ziemlich dicke Nadel verwendet."
Prentiss warf einen Blick auf die Stelle und nickte zustimmend: „So konnte man ihm schnell eine ordentliche Dosis verabreichen. Es scheint fast so, als wollte der Täter sichergehen, dass er stirbt."
„Das hilft uns schon weiter." Morgan reichte Doktor Shearer zum Dank die Hand. „Wenn Sie die Ergebnisse vorliegen haben, geben Sie sie bitte an uns weiter. Denn mit den Vermutungen können wir niemanden einen Mord nachweisen."
„Sie verdächtigen wirklich schon jemanden?" Verwundert sah der Sheriff die beiden Agents an.
„Wir haben da einen Hinweis bekommen. Nur ohne Beweise wird es schwer." Versuchte Prentiss nicht zu viel preiszugeben.
Einen Moment herrschte Schweigen.
„Wo möchten Sie als nächstes hin?" Sheriff Rago wurde die Tragweite des Fundes in ihrem See erst jetzt wirklich bewusst.
„Für heute ist Schluss. Zu dieser Zeit können wir schlecht die Familie von Mr. Blake noch aufsuchen." Entschied Morgan. „Wurde die Mutter von Mr. Blake mittlerweile über den Fund informiert?"
„Noch nicht. Wir wollten erst Ihr okay abwarten." Wandte der Sheriff ein.
Morgan nickte verstehend. Das bedeutete, dass sie Morgen mit sehr viel Feingefühl vorgehen mussten.
„Wenn Sie uns noch zeigen könnten, wie wir zum Hotel kommen, Sheriff." Forderte Prentiss ihren Begleiter auf.
„Ich bringe Sie hin." Damit verließen die drei Ermittler den Raum, während sich Doktor Shearer noch um den Leichnam kümmerte.
„Macht Feierabend." Hotchner trat zu seinem Team, die mit Lily und LaMontagne zusammen im Besprechungszimmer saßen. Auf die fragenden Blicke hin, sah er sich genötigt, sein Vorgehen zu erklären. „Wir kommen heute nicht mehr weiter. Wir haben noch keinen triftigen Grund für eine Vorladung." Er mied es den Namen von Lilys Mum zu erwähnen, um keine zusätzlichen Schmerzen bei dem Teenager zu verursachen. „Ich gehe aber davon aus, dass sich dieser Umstand bald ändern wird. Dann gibt es wieder ordentlich zu tun."
„Was machen wir mit Lily?" Jareau hatte dem Mädchen beschützend den Arm um die Schultern gelegt.
„Könnten JJ und ich sie nicht mit zu uns nehmen?!" Schlug LaMontagne vor. „Sie vertraut uns und Henry würde sich bestimmt auch freuen."
Hotchner nickte lächelnd und sah auch die Bitte in Lilys Augen: „Das wäre auch mein Vorschlag gewesen."
„Aber Mum wird sich Sorgen machen." Warf Lily Cotton ein.
„Das wird uns ihren Charakter zeigen. Wir sollten die Metropolitan Police informieren, Will. Aber sie dürfen nicht verraten, dass Lily bei uns ist."
LaMontagne nickte verstehend, nahm sein Handy hervor und verließ den Raum.
Ein weiteres Handy meldete sich und nach einem kurzen Blick auf das Display nahm Hotchner den Anruf entgegen. „Morgan, habt ihr noch etwas für uns? … Ja, ich verstehe… Die Substanz festzustellen wird nach den Jahren wahrscheinlich schwer?! … Fragt sich nur, ob sie an Spritzen herankommen konnte… Ich werde das klären. Wir telefonieren dann Morgen."
Hotchner starrte nachdenklich Lily Cotton an, die sich ängstlich an Jareau gelehnt hatte.
„Nun, Henry Blake wurde kurz vor seinem Tod anscheinend eine Flüssigkeit injiziert. Es ist noch nicht klar, ob das Labor sie noch ermitteln kann."
Aus dem Telefongespräch und dem was Hotchner seinen Kollegen gerade mitgeteilt hatte, zog Rossi Bilanz: „Dann stellt sich die Frage, wo der Täter die Spritze her hatte!"
„Gibt es Diabetiker in der Familie? Oder ist jemand im medizinischen Bereich tätig?" Warf Reid die aufkommenden Fragen in den Raum.
Hotchner sah zu Garcia hinüber, die schon wieder eifrig auf der Tastatur am tippen war. „Nein, keine Diabetiker. Dafür hat Mrs. Cotton den Beruf der Krankenschwester erlernt."
„Dann weiß sie, was sie für Substanzen in welcher Dosierung spritzen kann." Brachte sich nun auch Frank ein.
Hotchner sah vor seinem inneren Auge, wie er, im Körper des Täters, einen Krankenhausflur entlang ging. Neben einem Wagen mit Hilfsmitteln für die tägliche Behandlung der Patienten blieb er stehen, überflog ihn mit geschultem Blick und griff gezielt zu.
„Soweit ich weiß, sind die verschiedenen Kanülen farblich unterschiedlich, damit man sie größenmäßig unterscheiden kann." Begann Hotchner schließlich wieder. „Der Arzt hat eine große Einstichstelle kurz über dem Schlüsselbein gefunden."
Reid nickte zustimmend.
„Mit einem gezielten Griff dauert es nur Bruchteile von Sekunden, um eine Spritze zu entwenden." Führte Hotchner seine Gedankengänge weiter aus.
„Und ob eine Spritze mehr oder weniger verwendet wurde, kann keiner feststellen." Stimmte Rossi ein.
„Gut, das sollte reichen. Zumindest für eine Verdacht." Hotchner sah in die Runde seiner Kollegen. „Geht jetzt. Vor Morgen früh werden wir Mrs. Cotton nicht abholen können. Ich brauche erst die Unterschrift eines Richters."
Langsam erhoben sich die Teammitglieder und verließen nach und nach den Raum. Jareau ging zusammen mit Lily hinaus.
„JJ, wer ist Henry?" Fragte Lily Cotton die junge Agentin.
„Will und mein Sohn. Er ist jetzt vier. Du wirst ihn mögen."
Hotchner lächelte leicht. Es war gut, dass Lily noch Interesse an ihrer Umwelt zeigte. Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass sie den Tag heute ganz gut verkraftet hatte. Das konnte Morgen schnell vorbei sein. Wenn sie mitbekommen sollte, wie ihre Mum hierher gebracht wurde… Hotchner eilte zur Tür und rief LaMontagne nochmals zurück: „Will, hast du noch einen Moment?!"
William LaMontagne Jr. kam verwundert zurück. Hotchner wartete bis Jareau mit Lily durch die Glastür getreten war, bevor er sein Anliegen vorbrachte: „Kommt Morgen bitte etwas später. Ich möchte nicht, dass Lily mitbekommt, wie ihre Mum hierher gebracht wird."
„Machen wir." Versprach LaMontagne in seiner ruhigen Art. „Lily ist momentan noch richtig taff. Sie hält sich gut."
Hotchner nickte nur lächelnd und schlug den jungen Kollegen zum Abschied nur leicht auf die Schulter.
Früh am nächsten Morgen stand Rossi, zusammen mit Reid und vier weiteren FBI-Agents, vor der Haustür der Familie Cotton und betätigte nachdrücklich den Türklopfer. Intensiv wiederholte er das Klopfen, als sich hinter der Tür nichts rührte.
„Ja, ja!" Erklang eine erbost-verschlafene Stimme hinter der Tür. „Ich komme ja… Wer ist denn da? … Uns so früh zu stören!"
Die Haustür schien mindestens dreifach gesichert zu sein. Rossi und Reid wechselten einen verwunderten Blick, als sie Schlösser oben wie unten an der Tür vernahmen. Wovor hatte diese Frau so eine Angst?
Endlich öffnete sich die Tür einen Spalt. Verwundert erklang nur ein langgezogenes „Sie?"
„Lassen Sie uns bitte hinein!?" Forderte Rossi Mrs. Cotton bestimmt auf. „Es ist noch früh und die Nachbarschaft fühlt sich eventuell gestört."
„Ach, die Nachbarschaft ist Ihnen wichtig..." Murmelte Emma Cotton vor sich hin. „Ich bin noch nicht angezogen! Sie haben so heftig geklopft, dass ich sofort runter gelaufen bin." Wandte Mrs. Cotton ein.
„Gehen Sie rauf. Wir warten so lange im Wohnzimmer. Wir wissen ja Bescheid." Bestimmte Rossi mit ernster Stimme.
„Okay", fügte sich die Frau. Sie schien endlich zu verstehen, dass sie keine andere Möglichkeit hatte, als der Aufforderung zu folgen.
Sie konnten Schritte vernehmen, die die Treppe hinaufstiegen und Rossi drückte die Haustür auf. Bevor er mit Reid ins Haus trat, gab er den vier Agents mit Handzeichen den Befehl das Haus zu umstellen. Er glaubte zwar nicht, dass Emma Cotton versuchen würde zu fliehen, aber man wusste ja nie. Vorsicht ging schließlich vor eine anstrengende Verfolgungsjagd. Leicht schmunzelnd folgte der Altermittler in das Dunkel des Hauses.
Reid wandte sich sofort neugierig der inneren Haustür zu. Tatsächlich, die Tür war mit drei Schlössern versehen. Er konnte sich nicht erinnern, dass diese schon bei ihrem ersten Besuch an der Tür waren. Normalerweise wäre ihm diese sofort ins Auge gefallen. –
Nach etwa fünf Minuten kam Emma Cotton bereits zurück. Sie hatte auf Make-up verzichtet. Wahrscheinlich ging sie davon aus, dass es hier wieder nur um eine Befragung ging.
„Wie kann ich Ihnen helfen, meine Herren." Erschien sie freundlich lächelnd in der Tür.
„Sie dürfen uns begleiten." Machte Rossi ihr Kommen mit wenigen Worten klar.
„Wieso?" Erschrocken verlor sie die Farbe in ihrem Gesicht. „Ich kann hier nicht weg. Die Kinder."
„Für die ist gesorgt. Sie werden beaufsichtigt." Erklärte Reid kurz.
„Aber meine Lily ist nicht da. Sie ist gestern nicht nach Hause gekommen. Ich muss bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben."
„Lily? Ihre Älteste?" Emma Cotton nickte und schien sich eine Träne zu verkneifen.
„Hat sie das schon öfter gemacht? Das sie weggelaufen ist, meine ich?" Fragte Reid. Er als der Jüngere schien eher für die Sorgen der Mutter empfänglich.
„Nein, noch nie."
„Warum sind sie nicht schon eher zur Polizei gegangen?" Forschte Rossi nach.
„Weil ich auf sie gewartet habe und dabei eingeschlafen bin." Mrs. Cotton spielte die Besorgte, doch die beiden Agents wussten, dass sie ihnen nur etwas vormachte.
„Bitte, ich muss zur Polizei… Vielleicht hat jemand meinem Mädchen was getan?"
Reid wurde aufmerksam. Den Ton den Mrs. Cotton angeschlagen hatte, ließ ihn an totalem Besitz denken. Die Kinder gehörten ihr. Keiner durfte sie ihr nehmen!
Mit ernstem Gesicht sah er zu Rossi hinüber. Was würde sie mit ihren Kindern machen, wenn sie so alt waren, dass sie über ihr Leben selbstbestimmen wollten?!
Wären sie dann auch im Wege für die alleinige Herrschaft?
„Nun kommen Sie, Mrs. Cotton. Die Anzeige können wir auch gleich bei uns aufnehmen. Wir werden sie dann an die zuständigen Stellen weiterleiten." Rossi forderte Emma Cotton auf sie zu begleiten.
Nur zögerlich setzte sich die junge Frau in Bewegung. „Wir benötigen doch noch ein Foto, oder?"
Emma Cotton ließ sich vor der Kommode im Flur des Hauses nieder und zog hastig die unterste Schublade auf. Ein Karton mit Fotos kam zum Vorscheinen. Sie wühlte kurz darin, dann nahm sie eines vorsichtig heraus und drückte es an ihre Brust.
Endlich ließ sie sich dazu bewegen das Haus zu verlassen.
In Bentonville hatte der Sheriff, Daniel Hope, die örtlichen Spezialisten bei der Höhle im Wald zusammengetrommelt. Hier kamen sie schon nach kurzer Zeit zu dem Ergebnis, dass das Abtragen und Sichern des eingestürzten Teilbereichs sehr hohe Kosten verursachen würden.
Jemand kam auf die Idee, von dem Aufbau des Stollens zuvor eine Schichtaufnahme machen zu lassen. Hierzu sprach man bei einer Universität in der Nachbarstadt vor.
Bereits zwei Stunden später war der Scanner vor Ort und die Studenten mit dem Ausrichten beschäftigt. Allgemeine Spannung legte sich über das Gebiet. Viele Einwohner hatten sich in der Nähe versammelt und warteten gespannt auf das Ergebnis. Vermutungen wurde diskutiert.
„Können wir nun die Vermisstenanzeige für Lily aufnehmen? Ich mache mir wirklich Sorgen." Emma Cotton war die ganze Zeit in dem Vernehmungszimmer hin und her getigert. Nun sah sie erleichtert zu Rossi hinüber, der mit einer Akte unterm Arm den Raum betreten hatte.
„Bitte nehmen Sie Platz, Mrs. Cotton." Forderte Rossi die junge Frau auf. Er selbst setzt sich an die gegenüberliegende Seite des Tisches. „Ich habe alle Formular mitgebracht. Dazu muss ich Ihnen aber noch ein paar Fragen über ihr Tochter stellen."
Emma Cotton war zwar stehen geblieben, machte aber noch keine Anstalten sich zu setzen.
„Bitte, Mrs. Cotton. Umso schneller geht es." Endlich folgte sie Rossis Aufforderung.
„Ist Lily schon öfter zu spät nach Hause gekommen? Oder die ganze Nacht fort geblieben?"
„Nein, Lily ist ein sehr liebes Mädchen. Sie ist immer für ihre Geschwister da. Und mir dadurch eine sehr große Hilfe."
„Was ist mit ihrem Vater? Könnte es sein, dass sie zu ihm ist?"
„Nein", schrie Emma Cotton den Agent fast an. Sie holte tief Luft, bevor sie weiter sprach: „Sie kennt ihren Vater nicht. Er hat mich verlassen, als er erfuhr das ich schwanger war."
Rossi stellte erstaunt feste, dass die Frau vor ihm schlagartig ruhiger geworden war. So wie sie über den Vater von Lily sprach, schien dieser der Grund allen Übels zu sein.
„Er wollte noch keine Kinder. Dann war er weg.
Als meine Eltern von dem Baby erfuhren, haben sie mich augenblicklich rausgeworfen. Sie wollten keinen Bastard in der Familie… Aber warum wollen Sie das alles Wissen? Es geht um meine Tochter Lily! Sie ist verschwunden!"
Rossi wusste, dass Hotchner zusammen mit LaMontagne und Frank hinter der Scheibe das Gespräch verfolgten. Ob sie seinen Verdacht teilten?
„Lily ist fünfzehn, richtig?" Rossi ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Ja, seit November."
„Gut", Rossi erhob sich wieder und freundlich lächelnd erklärte er, „es dauert nicht lange, ich gebe nur die Anzeige weiter."
Der Altermittler war schon im Begriff den Raum zu verlassen, als er von Emma Cotton zurückgerufen wurde: „Agent Rossi, Sie haben das Foto meiner Tochter vergessen. Wie sollen Sie sie den auf der Straße erkennen?!"
„Richtig." Rossi nahm das Foto entgegen, das einen kleinen Säugling zeigte. Er versuchte seine Verwunderung zu verbergen und verließ den Raum.
Draußen hielt er sich ohne ein Wort zu sagen das Foto vor die Brust, so, dass die Kollegen ein Blick darauf werfen konnten.
„So scheint sie Lily zu sehen." Bemerkte LaMontagne.
„Das bedeutet aber, dass Lily in Gefahr ist." Erklärte Hotchner.
„Wieso?" Hakte der Detective der Metropolitan Police verwundert nach.
„Wenn sie versteht, dass Lily kein Baby mehr ist, sondern ein selbstständig denkender Mensch, könnte es sein, dass sie das Mädchen auch … beseitigt." Erklärte Frank.
„Also haben die Eltern Emma Cotton auf die Straße gesetzt, als sie mit Lily schwanger war." Fasste Hotchner nochmals zusammen. „Es scheint so, als wenn sie in einer Lebensschleife feststeckt. Sie wird schwanger. Der Partner muss verschwinden. Da diese aber nicht gehen wollen, muss sie sich etwas anderes überlegen."
„Anschließend zieht sie um. Das hat nichts mit den Leichen und ihren Taten zu tun, sondern mit ihrem Rauswurf bei den Eltern." Brachte Frank ihre neueste Erkenntnis ein. „Sie muss ihr Leben wieder neu sortieren und in geordnete Bahnen bringen."
Eine Zeit lang war es still im Raum. Jeder der Agents versuchte die Erkenntnisse in seinem Kopf zu sortieren.
„Zumindest wissen wir jetzt, dass wir Lily trauen können!" Stellte Rossi befriedigt feste. „Sie ist schon sehr vernünftig für ihr Alter."
Auch in Blacksburg hatte die örtliche Polizeigewalt einen Such-trupp zusammengestellt, der den Wald durchstreiften.
„Sheriff Mills!" Ein Mann in Jagdkleidung und einem geschultertem Gewähr trat auf die Frau in Uniform zu.
„Ja." Die Frau sah von der Landkarte auf, die sie auf der Motorhaube eines Streifenwagens ausgebreitet hatten und die Suchsektoren eingezeichnet hatten. „Simon, haben Sie schon eine Spur?"
„Das ist schwer, wenn man nicht weiß, wonach wir genau suchen sollen?!"
Sheriff Mills atmete tief durch, um ihre innere Ruhe wieder zu finden. Das Leben hier war eigentlich ganz schön, wenn die Menschen sie nur endlich alle als obersten Gesetzeshüter der Stadt anerkennen würden. Immerhin hatte sie sich schon eine gute Position in den letzten drei Jahren erarbeiten können. Aber noch immer gab es besonders Männer, die sie nicht für voll nahmen.
„Wir haben leider noch keine weiteren Informationen erhalten. Sobald ich was höre, werde ich es sofort weitergeben."
„Na klasse. Wie lange soll das hier so weitergehen?" Knurrte der Jäger.
„Sheriff, hier Cold." Erklang eine erregte männliche Stimme über Funk.
„Cold, Mills hier. Bitte sprechen." Der Sheriff hatte ein Funkgerät von ihren Kollegen entgegengenommen und lauscht nun auf die Stimme aus dem Äther.
„Wir haben hier eine Leiche gefunden." Eine kleine Pause entstand.
„Könnte es Andrew Pie sein?" Hakte Mills nach.
„Nein. Es ist Benjamin Watts. Er hat sich hier an einen Ast erhängt."
Den Sheriff verschlug der überraschende Fund kurz die Sprache. Sie hatten vor zwei Wochen eine Vermisstenanzeige von seiner Frau bekommen und sämtliche Kneipen und Parks in der Umgebung abgesucht. Das dieser Mann Selbstmord begehen würde, dafür hatte es keinerlei Hinweise gegeben.
Nun, zumindest konnte seine Frau nun zur Ruhe kommen.
„Okay, ich schicke euch den Gerichtsmediziner und die KTU. Wir müssen Spuren sichern, um einen Fremdverschulden auszuschließen."
„Verstanden." Erklang die Stimme von Cold wieder aus dem Äther. „Ich schicke die anderen Weiter und warte hier auf die Kollegen."
„Roger, Ende." Mills Blick fiel auf den Jäger, der ganz weiß im Gesicht geworden war. Benjamin Watts war ein guter Freund von ihm. Er war jeden Tag, an dem sie nach dem Vermissten gesucht hatten, der erste und der letzte Helfer gewesen. Jetzt zeigte sich, dass der Zusammenhalt in der Kleinstadt doch hoch war.
„Na, wer sagt es denn." Garcia war endlich auf ein Ergebnis gestoßen, dass sie etwas zufriedener stellte.
„Was hast du gefunden?" Reid, der sich still mit einem Buch beschäftigt hatte, sah auf.
„Ich habe hier zwei Vermisstenanzeigen gefunden. Eine für Phillip Johns und eine für Josh Grover."
„Von wem wurden sie gestellt?" Reid rutschte von der Tischplatte hinunter, auf der er eben noch gesessen hatte.
„Einmal von einem Onkel und bei Phillip von einem Freund namens John Pauls."
„Josh Grover… der war aus Blacksburg, wo Lily den Wald angegeben hat. Ich denke, wir sollten Hotch darüber informieren. Vielleicht kann uns der Onkel von Josh ja weiterhelfen." Reid wandte sich direkt an Garcia, „Wohnt er noch ins Blacksburg?"
Die Antwort dauerte einen Moment: „Ja, er ist dort verheiratet und hat zwei Kinder."
„Hey Hotch" nahm Morgan das Gespräch an seinem Handy entgegen. „Ich stelle dich auf Laut, dann kann Emily gleich mithören."
„Hallo Emily." Erklang Hotchners Stimme in Wagen von Sheriff Ned Rago. „Wie weit seid ihr?"
„Wir sind gerade auf dem Weg zum Flughafen. Der Besuch bei Mrs. Blake hat keine neuen Erkenntnisse gebracht. Ihr Sohn hat sich von ihr losgesagt und wollte mit ‚dieser Frau' fortziehen."
„Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört." Schloss Prentiss. „Sollen wir zurück kommen?"
„Nein, ich würde euch gerne nach Blacksburg schicken." Morgan und Prentiss wechselten einen verwunderten Blick.
„Ich habe den dortigen Sheriff gestern kontaktiert und gebeten ein Waldgebiet zu überprüfen. Vielleicht schaut ihr bei ihm mal vorbei."
„Glaubt ihr, dass Mrs. Cotton diesen Josh da begraben hat?" Verlangte Prentiss nach mehr Informationen.
„Wonach sie genau suchen sollen, können wir noch nicht sagen. Aber Garcia hat eine Vermisstenanzeige von Joshs Onkel gefunden. Sprecht mit ihm, vielleicht kann er einen Hinweis zu dem Waldgebiet liefern."
„Gut, wir melden uns dann später wieder." Morgan wollte schon das Gespräch unterbrechen, als Hotchners Stimme wieder erklang.
„Kontaktiert Frank, wenn ihr in der Luft seid. Sie wird euch auf den neusten Stand bringen. Ich gebe ihr Bescheid."
„Wird erledigt." Diesmal unterbrach Morgan endgültig das Gespräch. „Ich fürchte wirklich, dass wir erst einmal ein Update aus Quantico benötigen." –
Hotchner hatte das Gespräch im Vorraum des Befragungsraumes geführt und starrte nun nachdenklich durch die Fensterscheibe hinter der Mrs. Cotton unter der Neonröhre saß.
„Was gibt es Neues?" Hakte Rossi nach, der die ganze Zeit ruhig neben dem Teamleiter gestanden hatte.
„Mrs. Blake sagt, ihr Sohn habe sich damals von ihr losgesagt und habe mit der Familie fortziehen wollen."
„Ihr Sohn?" Hotchner hörte die Verwunderung in der Stimme seines Kollegen sofort heraus. Sie wechselten einen besorgten Blick, bis Rossi antwortete:
„Emma Cotton sprach vor drei Tagen von einer Schwester an der Westküste. Nicht von einer Mutter. Das sollten wir prüfen. Entweder hat Henry ihr nicht die Wahrheit gesagt, …"
„… oder Mrs. Cotton bringt die Familien ihrer Freunde durcheinander." Ergänzte Hotchner.
Frank saß etwas abseits von Jareau, die sich mit Lily beschäftigte, und versuchte ihre Gedanken wieder auf die Basis zurück zu bringen. Durch das ganze hin und her konnten sich schnell Kleinigkeiten einschleichen, die gar nicht der Wahrheit entsprachen. Sie machte sich Stichpunkte. Die einen gaben die Wirklichkeit wider, die Anderen die Hypothesen. Sie starrte hinüber zu Jareau, die versuchte Lily von ihren trüben Gedanken abzulenken. Doch wirklich wahrnehmen tat Frank sie nicht.
Ihre Gedanken spielten mit den Stichpunkten. Plötzlich drang ein neues Wort von außen in ihren Kopf. ‚Spielen, das Spiel' – war da ganze nur ein Spiel? Aber wer spielte gegen wen? Was war der Sinn des Spiels? – Nein, spielen brachte keinerlei Sinn in ihre Gedanken.
Wieder ein Wort: ‚Freund, die Freundschaft'
Frank blinzelte sich in die Wirklichkeit zurück. Vielleicht gab es ja einen Freund von Paul Sadler, der seine Vorlieben besser kannte als Lily. Entschieden trat Frank zu ihren Kollegen: „Sag mal Lily, kennst du irgendeinen Freund von Paul? Oder einen Verwandten?"
„Ja, Sam." Verwundert schaute der Teenager zu der Agentin hoch. „Er war mal zum Essen bei uns. Paul hat sich bestimmt einmal die Woche mit ihm getroffen. Und sie haben viel hin- und hergeschrieben." Hängte sie noch an. „Fast täglich."
„Lily", übernahm nun Jareau, „kennst du vielleicht seinen vollen Namen?"
Bedauernd schüttelte Lily den Kopf.
„Aber wenn sie fast täglich kommuniziert haben, sollte Garcia über den Verbindungsnachweis die Nummer und dann den Namen herausbekommen." Schloss Frank aus den neuen Informationen. „Vielleicht kann er uns ja weiterhelfen."
Emma Cotton sah auf. Sie schien eine Bewegung im Raum wahrgenommen zu haben. „Endlich! Haben Sie meine Vermisstenanzeige weitergegeben? Haben Sie eventuell schon eine Ahnung wo Lily steckt?"
Rossi hatte das Befragungszimmer betreten und unbewegt das Schauspiel, das sich ihm bot, beobachtet. Ihre Verdächtige war während sie sprach von ihrem Stuhl aufgesprungen und hatte nervös ihre Hände geknetet. Gerade so, als hätte jemand einen Schalter bei ihr umgelegt.
Nach Reids Angaben hatte sich Mrs. Cotton in den letzten zwei Stunden erstaunlich ruhig verhalten. Sie schien Reid fast weggetreten. Kein Anzeichen von Nervosität oder Unruhe aus Angst um ihre Tochter. Jede andere Mutter hätte anders reagiert.
Spielte sie also mit ihnen?
„Ja, ich habe die Anzeige weitergeleitet." Dass er sie nur Hotchner in die Hand gedrückt hatte, brauchte er ihr ja nicht zu sagen. Rossi setzte sich und versuchte Ruhe in den Raum zu bringen. Doch es schien ihm, je ruhiger er wurde, um so nervöser wurde die Frau ihm gegenüber.
„Mrs. Cotton, könnten Sie sich bitte setzen." Rossi wartete. Er sah wie die Frau ihn scheinbar abschätzend musterte. Sie war eine gute Schauspielerin!
Rossi forderte sie erneut auf sich zu setzen. Diesmal durch eine einfache Handbewegung. Sie schien ihm immer noch nicht folgen zu wollen. Doch dann kam sie langsam zurück zum Tisch und setzte sich. Verwundert nahm Rossi wahr, dass sie die äußerste Spitze der Sitzfläche gewählt hatte, so als wollte sie im nächsten Moment wieder aufspringen.
„Henry Blake." Begann Rossi. Doch bevor er auch nur eine konkrete Frage stellen konnte, unterbrach ihn Mrs. Cotton schon.
„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass er von einem Tag auf den Anderen verschwunden war."
„Und das hat Sie nicht verwundert?"
„Er wollte mich nicht mehr." Erklärte die Frau etwas ruhiger.
„Hat er zu dem Zeitpunkt gewusst, dass Sie zu dem Zeitpunkt bereits schwanger von ihm waren?"
„Nein", Rossi bemerkte den Bruchteil einer Sekunde lang, wie die Maske von ihrem Gesicht verschwand. „Ich habe es da ja selber noch nicht gewusst."
Lüge! Schoss es Rossi durch den Kopf.
„Haben Sie ihn deswegen umgebracht?" Wagte Rossi den direkten Weg.
Ein Wagen hielt auf dem Waldweg in Bentonville. Neugierig wurde das Seitenfenster geöffnet, und ein männliches Gesicht mit Brille erschien.
„Komm Jimmy, steigen wir aus." Der Mann öffnete die Tür und stieg aus.
„Ob sie schon fertig sind, Herr Professor?"
„Davon gehe ich aus." Der Mann in einem grauen Wollsakko und dunkler Tuchhosen sah seinen jungen Fahrer kurz an und machte sich dann auf den Weg zu seinen Studenten. „Ich bin gespannt auf das Ergebnis."
„Professor Cavanaugh!" Rief Sheriff Hope den Mann schon von weiten entgegen, als er ihn erkannte und eilte ihm entgegen. „Vielen Dank, dass sie uns ihre Maschine und ihre Studenten zur Verfügung gestellte haben."
Ruhig lächelnd nahm der Professor die dargebotenen Hand entgegen. Mit einem leichten Grinsen auf den Lippen, antwortete er: „Das ist endlich mal eine praxisnahe Aufgabe."
„Sie kommen genau richtig. Ihre Studenten scheinen mit der Aufnahme gerade fertig zu sein."
„Ich weiß." Noch immer gut gelaunt blieb der Professor äußerlich völlig ruhig, doch innerlich brodelte es in ihm. „Wo können wir uns das Ergebnis ansehen?"
„Es gibt hier eine alte Hütte. Dort haben ihre Studenten den Computer aufgebaut." Erklärte Sheriff Hope. „Ich kann sie hinbringen."
Zustimmend nickte der Professor und folgte zusammen mit Jimmy dem Sheriff.
Als sie endlich die Holzhütte betraten, wurde er von allen Seiten freudig begrüßt. Endlich konnten sie sich die Ergebnisse ansehen.
„Nun, Hugh, alles okay? Gab es Schwierigkeiten?" Sah der Professor einen seiner Studenten an, der vor dem Computer stand und die Daten aufbereitete.
„Nicht wirklich Professor. Als der Scanner erst einmal richtig stand, war der Rest kein Problem mehr." Der Student sah mit roten Wangen angespannt zu seinem Lehrer auf.
„Gut, dann lasst uns das Ergebnis analysieren." Der Student Hugh hatte nur auf das Signal gewartet und ließ sich das Bild auf dem Bildschirm aufbauen.
Während alle gespannt den Bildschirm beobachtete, wandte der Professor seine gedankliche Aufmerksamkeit wieder dem Sheriff zu: „Gibt es von ihrer Seite her Neuigkeiten, Sheriff? Ist es mittlerweile sicher, dass sich der Leichnam in der Höhle befindet?"
„Nein, leider noch nicht." Bedauerte der Sheriff. „Ich habe eben noch mit Agent Hotchner von der BAU gesprochen. Die Täterin hat noch nicht gestanden. Sie suchen noch nach Beweisen. Aber anscheinend gibt es auch bei den anderen Standorten noch keine Ergebnisse."
Professor Cavanaugh nahm interessiert jeder Veränderung im Bild auf. Verwundert trat er etwas näher an den Bildschirm heran.
„Professor?!", Jimmy deutete auf den Bildschirm. Cavanaugh nickte nur.
„Sehen Sie da schon etwas?!" Verwundert versuchte der Sheriff auf diesem Punktehimmel etwas zu entdecken.
„Da ist auf jeden Fall ein Hohlraum." Erklärte Hugh.
„Können wir eine Aussage über die Länge des verschütteten Teilbereiches sagen?" Wandte sich Cavanaugh an seine Studenten.
„Das ist nicht viel." Warf ein Student aus den hinteren Reihen ein. „Schätzungsweise zwei, vielleicht drei Meter."
„Und der Hohlraum hat jetzt schon eine Länge von fast zwei Metern." Stellte Hugh fest und deutet erneut auf die Punktwolke auf dem Bildschirm.
Cavanaugh strich sich gedankenverloren das Kinn. „Eventuell", murmelte der Professor vor sich hin, dann wurde er lebhafter, „behaltet das hier im Auge." Er deutete auf eine Stelle, die der Sheriff als einen vermehrten Punktehaufen deklariert hätte, aber nichts weiter erkannte. „Ich würde mir gerne mit ihren Spezialisten die Einsturzstelle in der Höhle ansehen."
„Das kann ich nicht zu lassen. Die Höhle ist sehr einsturzgefährdet." Blockte Sheriff Hope entsetzt ab.
„So wie es aussieht, müssen wir an den Hohlraum heran." Sprach der Professor entschieden. „Entweder durch den Stollen, oder von oben."
„Penelope", Frank betrat gerade das Büro ihrer Kollegin und bemerkte erstaunt, dass sie diese völlig überrascht hatte. „Hab ich dich erschreckt?"
„Nein", Garcia hatte ihre Hand auf die Brust gelegt und schüttelte ernst ihren Kopf, „natürlich bin ich zu Tode erschrocken…" Die technische Analystin atmete tief durch. „Du kannst dich doch hier nicht so anschleichen."
„Das habe ich doch gar nicht." Versuchte sich Frank zu rechtfertigen, wurde dann kleinlaut: „Es tut mir leid Pen."
„Schon gut, Herzchen!" Garcia lächelte schon wieder. „Wie kann ich dir helfen?"
„Könntest du die Handynummer von Paul Sadler ermitteln?"
„Das ist kein Problem. Was willst du damit?" Fragte Garcia und wandte sich wieder ihren Rechnern zu.
„Ich brauche seinen Verbindungsnachweis." Frank stellte sich neben sie und bewunderte, wie schnell die getippten Wörter auf dem Bildschirm erschienen.
„So ganz ohne richterliche Genehmigung?" Wandte Garcia ein.
„Brauchen wir für diese Informationen schon eine?"
„Nun, nicht unbedingt. Es kommt darauf an, wonach du suchst."
„Lily hat erzählt, dass Paul oft mit seinem besten Freund Sam kommuniziert hat. Über die Nummer kommen wir an seinen vollständigen Namen. Den weiß Lily nämlich nicht."
„Hast du schon mit Hotch darüber gesprochen?"
„Nein… Brauchen wir dann keine Erlaubnis?" Ging Frank auf Garcias Spiel ein.
„Doch, die brauchen wir dann auch!" Erklang Hotchners Stimme von der Tür her.
„Mensch, Chef!" Garcia, wie auch Frank, fuhren herum. „Wieso müsst ihr euch heute alle so anschleichen?"
Leicht schmunzelnd trat der Teamleiter näher. „Versuche als Erstes Paul Sadler zu erreichen. Vielleicht ist er ja wirklich auf einer Dienstreise. Und versuche ihn dabei zu orten."
„Chef?!" Garcia lächelte verschmitzt vor sich hin. Wenn das nicht alles andere als legal war.
Sie öffnete das Ortungsprogramm und wählte dann die Handynummer. Sie hörte das Freizeichen und das Programm begann die Signale den nächsten Sendemasten zuzuordnen.
Plötzlich war das Freizeichen fort und wurde durch das Besetz-Zeichen ersetzt.
„Hat er dich weggedrückt?" Wunderte sich Frank. Sie hätte darauf gewettet, dass Paul Sadler nicht auf ihren Anruf reagieren würde.
„Nein", Garcia wählte erneut die Nummer. Diesmal erklang die Stimme, die mitteilte, dass der Gesprächspartner im Moment nicht zu erreichen ist. „Der Akku wird leer sein."
„Hast du noch ein Ergebnis bekommen?" Hotchner starrte auf Garcias Bildschirm.
„Moment." Die technische Analystin vergrößerte den Kartenausschnitt. „Zumindest können wir den Standpunkt des Handys auf diese 3 Quadratkilometer eingrenzen."
Hotchner nickte verstehend. Absuchen lassen konnte er diese Fläche aber nicht. Dafür war sie noch zu groß. „Okay, Garcia, Der Verbindungsnachweis. Die Erlaubnis dafür hole ich nachträglich ein. Die werden wir schon bekommen."
„Okay", Garcia tippte weiter ihre Befehle in den Rechner. „Hier haben wir seinen Verbindungsnachweis der letzten zwei Monate… Hier gibt es wirklich eine Nummer, die er mindestens einmal am Tag angerufen oder anderweitig kontaktiert hat."
„Ist das ein Sam?" Wollte Frank wissen. Sie spürte, wie ihre innere Anspannung stieg.
„Ja. Ein Samuel Newman. Aus Arlington."
Hotchner nickte beeindruckt. „Frank, fahr zusammen mit Reid hin. Wir brauchen alle Informationen für einen möglichen Leichenablageort."
„Okay, Hotch." Frank nickte und verschwand.
„Gute Arbeit, Garcia." Lobte Hotchner seine technische Analystin.
„Susanne kam ja mit dem Gedanken zu mir." Wandte diese ein.
„Schon…" Hotchner zog das Wort lang und machte sich auf den Weg zurück in sein Büro. Langsam brauchten sie Ergebnisse, ansonsten konnte er Emma Cotton nicht länger hier feste halten.
„Ich … ich soll was?" Emma Cotton hatte bevor sie antwortete einen kurzen Moment gezögert und sich dann anscheinend für den direkten Gegenangriff entschieden.
„Vielleicht können Sie uns noch helfen, Mrs. Cotton." Wechselte Rossi geschickte wieder das Thema. „Wir suchen die Schwester von Henry. Sie erwähnten bei unserem Besuch vor drei Tagen, dass sie an der Westküste leben würde?!"
„Das hat Henry immer erzählt." Brachte Emma Cotton mit trauriger Stimmer hervor. Es schien Rossi, als wenn sie ihm die trauernde Witwe vorspielen wollte.
Es konnte natürlich sein, dass sie die Wahrheit sagte und ihr Henry Blake nicht die Wahrheit über sein Leben erzählt hatte.
„Wie war das damals in Tallulah? Wurden Sie und Ihre Kinder in der Stadt akzeptiert?" Begann Rossi ein gänzlich neues Thema.
„Ja, aber sicher. Lily hatte viele Freunde in der Schule. Sie ist bei allen sofort beliebt."
„Und Sie?"
„Natürlich habe ich mich mit den Nachbarn und so ausgetauscht! Henry habe ich in einer Bar kennengelernt, dort habe ich oft abends ausgeholfen."
„Wer war dann bei den Kindern?"
„Mal dieser, mal jener…" Wich Emma Cotton der unangenehmen Frage aus. Als sie merkte, dass dem Mann ihr gegenüber dieses nicht ausreichte, versuchte sie die Antwort weiter zu umschreiben. „Tallulah ist ein kleiner Ort in dem man sich gegenseitig hilft."
Rossi nickte verstehend. Sie brauchten einfach mehr! Diese Frau war nicht leicht zu knacken. Sie mussten ihr wahrscheinlich wirklich die Morde nachweisen, bevor sie auch nur eine Schuld eingestehen würde.
„Guten Tag. Mr. Joseph Grover?" Begann Morgan, als der Mann vor ihm auf die beiden Agents aufmerksam wurden.
„Ja?" Verwundert musterte sie ein ruhiges Augenpaar.
„Ich bin Agent Derek Morgan, meine Kollegin Emily Prentiss. Wir kommen von der Verhaltensanalyseeinheit des FBI."
„Wir haben festgestellt, dass Sie Ihren Neffen Josh als vermisst gemeldet haben." Kam Prentiss ohne große Umschweife zum Grund ihres Kommens.
„Das ist schon Jahre her!" Entfuhr es dem Mann vor Ihnen und doch spürte Morgan, dass es ihm nach all den Jahren noch immer nicht kalt ließ über dieses Thema zu sprechen.
„Wie würden Sie Josh beschreiben? Wäre er ohne ein Wort fortgegangen?" Hakte Morgan deshalb auch sofort nach.
„Nein, niemals. Seine Eltern starben, als er gerade acht war. Wir haben ihn in unserer Familie aufgenommen. Ich würde sagen wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Das kann Ihnen hier jeder bestätigen."
Morgan nickte verstehend.
„Wie kommt es, dass Sie nach all den Jahren endlich nach ihm suchen?" Drehte Mr. Grover den Spieß um.
„Es gibt Hinweise", Prentiss wechselte einen kurzen Blick mit Morgan, „dass Josh einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte." Prentiss machte eine kurze Pause, da ihre Worte den Mann doch sehr zu zusetzten schienen.
„Wir versuchen jemanden zu überführen. Aber wir brauchen dazu … Joshs Leichnam.
Kennen Sie einen Ort an dem er sich gerne aufgehalten hat?" Ergänzte Prentiss erklärend ihre Offenbarung.
„Als Jugendlicher …", Joseph Grover schien leicht ergriffen, „als Jugendlicher stand er gerne oben am Zaun zum Tagebauwerk. Ich arbeite dort. Er hat sich schon immer für die großen Maschinen interessiert."
„Das Kieswerk." Morgan kam da eine Idee. Nach den Informationen, die sie während des Fluges erhalten hatten, wäre es eine Möglichkeit… „Mr. Grover, ist in dem Jahr 2004 irgendetwas ungewöhnliches passiert? Womöglich in der Zeit, als Josh verschwand?"
„Es gab vor einigen Jahren einen Zwischenfall, ja. Und zwar ist ein Kieshang Mitten in der Nacht abgerutscht. Eigentlich galt er als sicher, aber kommt Kies erst einmal ins Rutsche, hält ihn niemand mehr auf."
„Wurde dieser Vorfall untersucht?" Hakte Prentiss nach.
„Ja. Sie vermuteten, dass ein Tier den Hang losgetreten hatte."
„Ein Tier?" Zweifelte Morgan die Theorie an. „Die sind meistens sehr vorsichtig."
„Außer sie geraten in Panik." Verfolgte Prentiss den Gedanken ihres Kollegen.
Doch Morgan tippte eher auf einen Menschen.
„Erinnern Sie sich noch, ob dieser Vorfall ungefähr in den Zeitraum passen würde?" Forderte Morgan Mr. Grover nochmals zum Nachdenken auf. Und das tat er auch. Es schien den Agents mehrere Minuten zu vergehen, bevor Mr. Grover sie wieder direkt ansah. Diesmal mit wissenden Augen.
„Es war genau zu jener Zeit! Josh hatte sich schon zwei Tage lang nicht mehr gemeldet. Er nahm auch unsere Anrufe nicht entgegen.
Ich weiß noch, dass meine Frau und ich uns abends darauf geeinigt hatten, dass wir am nächsten Morgen zur Polizei gehen wollten. In der Nacht wurden wir dann alle zum Kieswerk gerufen.
Bis es dort wieder einigermaßen normal lief, verging ungefähr eine Woche bevor wir dann die Vermisstenanzeige aufgegeben haben."
Joseph Grover fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen. „Sie glauben Josh hatte etwas mit dem Kieshang zu tun?!"
„Mr. Grover", Morgan legte dem Mann schwer eine Hand auf die Schulter und suchte nach den passenden Worten, „wir vermuten eher, dass Josh unter dem ganzen Kies begraben liegt."
Frank und Reid hatten sich auf den Weg zu Samuel Newman gemacht. Nun hielt Frank den SUV vor einem kleinen Haus in Arlington, einem Vorort von Washington D.C.. Sich umsehend gingen sie still nebeneinander den Fußweg zum Haus hoch. Energisch betätigte Reid den alten, etwas pompösen Türklopfer.
Es dauerte nicht lange, da öffnete eine etwas ältere Frau und starrte ihnen fragend durch die Fliegengittertür entgegen.
„Agent Frank und Doktor Reid vom FBI." Übernahm Frank mit einem Lächeln auf den Lippen die Anmeldung. „Wir würden gerne mit Samuel Newman sprechen."
„Mein Sohn hat nichts angestellt. Er war immer bei mir."
„Darum geht es auch nicht, Mrs. Newman." Versucht Frank die erregte Frau zu beruhigen. „Wir suchen einen Freund von ihm. Paul Sadler, kennen Sie ihn?"
„Ja, sicher. Paul ist immer sehr nett zu mir… Aber auch er würde niemanden etwas antun." Versuchte Mrs. Newman auch diesen jungen Mann zu verteidigen.
„Wir vermuten, dass ihm was schlimmer zugestoßen sein könnte. Daher müssen wir unbedingt mit Ihrem Sohn sprechen. Vielleicht kann er uns weiterhelfen." Erklärte Frank das unerwartete Auftauchen der Agents vor der Tür der älteren Frau.
„Ist Ihr Sohn zu Hause? Oder wo können wir Ihn finden?" Hakte Reid entschieden nach.
„Er ist hinterm Haus, in seinem Schuppen." Mrs. Newman deutete auf einen zugewachsenen kleinen Pfad, der um das Häuschen führte.
Die Agents verabschiedeten sich höflich und folgten dem Pfad. Bei einem in die Jahre gekommenen Holzschuppen blieben sie stehen und klopften. Ein junger Mann öffnete erstaunt die Tür.
Frank und Reid stellten sich erneut vor und berichteten über den Grund ihres Kommens.
„Dann ist ihm wirklich etwas zugestoßen? Ich habe mir schon überlegt zur Polizei zu gehen und eine Vermisstenanzeige zu stellen. Paul meldet sich regelmäßig."
„Wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?" Hakte Frank augenblicklich nach.
„Letzten Montag. Dienstag kam dann noch eine Textnachricht. Seitdem nichts mehr."
„Hat er angedeutet, dass er weg wollte oder Ihren Kontakt abbrechen wollte?" Übernahm Reid.
„Nein", Mr. Newman schüttelte, seine Antwort verstärkend, den Kopf, „da hätten wir offen drüber gesprochen. Wissen Sie denn schon, was ihm zugestoßen sein könnte?"
„Leider nicht wirklich." Wich Reid leicht aus. „Gibt es denn einen Ort, den Paul gerne aufsucht?"
„Oh ja, den gibt es." Erwartungsvoll starrten die beiden Agents den Mann vor ihnen an. „Er liebte die Hyänen. Ich habe nie verstanden, was er an ihnen findet. Aber er geht sie gerne in dem hiesigen Tierpark besuchen."
Reid sah entsetzt zu Frank hinüber. „Wir müssen sofort dort hin. Ich rufe Hotch an. Wir brauchen Verstärkung." Er drehte sich um und verschwand schon Richtung Wagen.
„Glaubt Ihr Kollege, die Tiere hätten etwas mit seinem Verschwinden zu tun?"
„Nun, wir haben versucht das Handy von Paul zu orten. Leider war der Akku zu schwach. Wir konnten das Suchgebiet eingrenzen, es war bisher aber noch zu groß, als das wir jeden Stein hätten umdrehen können."
Näheres wollte Frank dem Mann vor ihr noch nicht verraten.
„Eine Frage hätte ich noch Mr. Newman." Frank fiel da noch ein gänzlich anderes Thema ein. „Haben Sie eigentlich seine Freundin und deren Familie kennengelernt?"
„Sie meinen Emma?! … Ja, die kenne ich. Aber ich halte nicht allzu viel von ihr. Das habe ich auch Paul immer wieder gesagt."
„Warum? Was ist mit ihr?"
„Ich weiß nicht. Aber sie hat Paul total verändert. Ich habe ihn immer geärgert, dass er ihr bald hörig sein würde. Emma hier, Emma da."
Gut, das mochte sein, aber Frank ging mit dieser Aussage lieber etwas vorsichtiger um. Es könnte auch sein, dass Samuel Newman einfach nur eifersüchtig sein könnte.
„Haben Sie auch die Kinder kennengelernt?"
„Ja, die beiden Großen. Die sind wirklich in Ordnung."
Frank lächelte Mr. Newman verstehend an. „Vielen Dank Mr. Newman. Sollten wir noch weitere Fragen haben, würden wir uns nochmals bei Ihnen melden." Damit verabschiedete sich Frank und folgte Reid zum SUV.
Professor Cavanaugh kam mit zwei Bergrettern aus der Höhle getreten und man konnte Sheriff Hope ansehen, wie er erleichtert aufatmete.
„Ich hoffe, Sie haben nichts gefunden, Professor?" Hakte Hope bittend nach. Dieser ganze Aufwand, um eine Leiche zu finden…
„Ihre Spezialisten und ich sind übereingekommen, dass die Höhle absichtlich zum Einsturz gebracht wurde." Begann Cavanaugh.
„Es wurde eindeutig ein Sprengmittel verwendet." Stimmte einer der Männer von der Bergrettung dem Professor zu. „Wahrscheinlich Dynamit."
„Professor!" Hugh kam mit einem Blatt Papier in der Hand auf die Männer zu gelaufen. „Professor Cavanaugh!"
„Hugh, was hat sich aus dem Punktaufen gebildet?" Interessiert nahm der Mann seinen Helm ab und tauschte ihn gegen das Stück Papier. Er rückte seine Brille zurecht und studierte das Ergebnis.
„Meine Herren, Sie sollten entsprechende Gerätschaften organisieren. In dem Hohlraum liegt eindeutig ein Lebewesen. Nach den Proportionen zu urteilen, ein ausgewachsener Mensch heutiger Größe." Damit hielt der Professor das Blatt Papier so, dass alle den gut abgebildeten Körper erkennen konnten.
Rossi war von Hotchner über die neuesten Ergebnisse in Kenntnis gesetzt worden. Nun betrat er abermals das Befragungszimmer, indem Mrs. Cotton die letzten Stunden verbracht hatte.
Anscheinend konnten er sie in den nächsten Stunden mit neuen Erkenntnissen konfrontieren. Doch den ersten Stich wollte er schon jetzt ausspielen:
„Mrs. Cotton", er machte eine bedeutsame Pause, „ich kann Ihnen mitteilen, dass es Lily gut geht."
„Sie haben mein kleines Mädchen gefunden?" Freudig überrascht sah sie zu dem Agent auf und ergriff erfreut seine Hände, die er vor sich auf den Tisch abgelegt hatte.
„Vielen Dank! … Kann ich sie sehen?"
„Nein", bremste Rossi ernst ihre Bitte ab. „Ich muss Ihnen gestehen, dass Lily bereits seit gestern Vormittag bei der Polizei beziehungsweise hier bei uns ist."
„Was…? … Ich verstehe nicht?"
Rossi konnte ihre Verwirrung schon verstehen. Wenn Mrs. Cotton Lily noch immer als Baby sah, dann konnte sie ihre Tochter auch nicht als ernstliche Gefahr wahrnehmen. Doch das Baby war ein fünfzehnjähriger Teenager, der spürte, dass mit seiner Mutter etwas nicht stimmte.
„Lily hat uns den Tipp gegeben, dass Sie selbst hinter dem Verschwinden ihrer Liebhaber stecken. Denn nach unseren Recherchen sind alle Männer nachdem sie mit Ihnen zusammen waren spurlos verschwunden."
„Aber da kann ich doch nichts für." Schoss Emma Cotton laut in den Raum. Sie sprang auf und tigerte durch den Raum.
„Diese undankbare Kind! Ich habe doch alles für sie getan!"
Morgan und Prentiss kamen nach kurzer Fahrt zusammen mit dem Onkel von Josh Grover am Kieswerk an. Die Polizei wartete bereits auf sie, da Prentiss die örtlichen Gesetzeshüter über den erneuten Verdacht informiert hatte.
„Sheriff Mills?" Prentiss ging entspannt auf die Uniformierte zu. „Ich bin Agent Emily Prentiss. Das ist mein Kollege Derek Morgan. Herrn Grover kennen Sie?"
Sheriff Mills nickte und begrüßte die Angekommenen wortlos.
„Sie meinen also, dass wir hier mehr Glück haben, als bei der Suche in ihrem Waldgebiet?" Hakte sie stattdessen ungläubig nach.
„Ja", übernahm Morgan. „Alle Anzeichen sprechen dafür. Josh hatte Verbindung zum Kieswerk und der Abhang ist genau in jenen Tagen abgegangen."
„Und wie wollen Sie den Kies bewegen?" Der Mann in der Jagdkleidung trat neben seinem Sheriff.
„Wer sind Sie?" Morgan ließ seinen abschätzenden Blick absichtlich langsam über den Mann gleiten.
„Simon", wandte sich Mills genervt an den Mann, „jetzt halten Sie mal die Füße still."
Hotchner stand mit Kollegen der Metropolitan Police vor dem Gehege der Hyänen, als Reid und Frank heraneilten.
„Er mochte Hyänen?" Hakte Hotchner ungläubig nach, als seine beiden Agents in Hörweite waren.
„Ja. Sie faszinierten ihn." Erklärte Frank. „Ich habe von unterwegs schon mit dem Gehegeleiter gesprochen. Er hat versprochen uns hier zu treffen."
„Gut." Hotchner wandte sich an die Kollegen. „Wir verteilen uns hier im Park. Es muss nicht sein, dass er wirklich bei diesem Gehege abgelegt wurde. Und haltet nach einem Handy Ausschau. Wir können es leider nicht mehr erreichen, da der Akku leer ist."
Die Polizisten nickten verstehend, teilten sich auf und begannen die Gegend zu durchsuchen.
„Agent Frank?!" Ein Mann in grünem Pflegerdress war an die Teammitglieder herangetreten.
„Ja", Frank legte ein Lächeln auf und trat auf den Mann zu. „Mr. Blythe?"
Seine Augen blitzten kurz auf, als die beiden sich die Hand schüttelten.
„Unser Teamchef, Agent Hotchner, und Doktor Reid." Stellte Frank ihre beiden Begleiter vor.
„Mr. Blythe", übernahm Hotchner auch sofort und hielt dem Mann sein Handy hin, auf dem ein Foto von Paul Sadler zu sehen war. „Kennen Sie diesen Mann?"
„Ja, sicher. Das ist Paul. Er kam oft vorbei."
„Habe Sie ihn in den letzten Tagen gesehen?" Wollte Reid gerne wissen.
„Nein", schüttelte der Tierpfleger entschuldigend den Kopf. „Obwohl das eher ungewöhnlich ist. Er kam mindestens einmal die Woche."
„Ungewöhnlich… Gab es in den letzten Tagen hier im Park etwas ungewöhnliches?" Hotchner nahm das Stichwort für seinen nächsten Gedanken auf.
Mr. Blythe schüttelte entschuldigend den Kopf. „Wenn Sie sich nicht für unsere Tiere interessieren… Nein."
„Wieso, was ist mit den Tieren?" Frank wusste, dass sie über jeden Vorfall der letzten Tage Bescheid wissen mussten.
„Zwei unserer Hyänen sind vor zwei Tagen verstorben." Erklärte Mr. Blythe seine Andeutung.
„Haben Sie schon eine Ahnung voran?" Dieses Thema zog Reids Interesse sofort an.
„Nein, die Untersuchungen laufen noch."
„Ist das normal, dass die Tiere obduziert werden?" Wunderte sich Hotchner leicht.
„Ja, dazu sind wir verpflichtet. Es könnte sich ein Virus unter den Tieren ausbreiten. Aber das merkwürdige an dem Tod war eigentlich, dass alle Tiere abends noch putzmunter waren. Am nächsten Morgen lag das Leittier tot am Boden. Der zweite lebte noch, doch er starb nur wenig später."
„Das ist ja furchtbar… Ist es schon einmal vorgekommen, dass jemand versucht hat die Tiere zu vergiften?" Frank schien wirklich entsetzt.
Mr. Blythe schüttelte den Kopf.
„Wir benötigen sofort die Ergebnisse, wenn sie eintreffen." Bestimmte Hotchner. „Werden auch die Magenreste untersucht?"
„Ja, vor allem, weil wir von einer Vergiftung ausgehen müssen."
Diesmal nickte Hotchner verstehend.
„Wir müssten noch einen Blick in die Käfige und wenn möglich auch ins Gehege werfen."
Rossi hatte Emma Cotton beobachtet. Sie schien wirklich aufgebracht über ihre Tochter.
„Ich verstehe sie nicht." Brachte Mrs. Cotton jetzt hervor. „Ich war immer für sie da und so dankt sie mir meine Fürsorge?
Dieses gemeine Biest. Sie sollten sie sehen Agent Rossi, wenn sie am Wochenende los will. Der Rock so kurz wie nur eben möglich.
Wenn ich sie so nicht gehen lassen wollte, dann hat sie mir gedroht. Was sollte ich denn machen!"
Emma Cotton schlug die Hände vors Gesicht. Sie schien wirklich verzweifelt.
Und doch konnte Rossi ihr die unterlegene Mutter nicht abkaufen. Nicht wie er Lily kennengelernt hatte. Sicher konnten sich Menschen verstellen, aber Lily hatte alle ihre kleinen Tests bestanden. Es war nach Reid nahezu unmöglich sich nicht irgendwann zu verraten. Und es hätte sein Vertrauen in sein eigenes Gefühl geschädigt. Das war noch nie vorgekommen.
„Wie können Sie dieser kleinen Ratte nur Glauben schenken?"
„Wie können Sie so über Ihre eigene Tochter sprechen?" Rossi hatte keine Lust mehr auf diese wüsten Beschimpfungen. „Ein Geständnis würde sich bestimmt strafmildernd auswirken., Mrs. Cotton."
Bereits eine halb Stunde später wurde der erste Lastwagen in Blacksburg mit Kies beladen und abtransportiert.
Eine große Anzahl an Menschen wuselte über den Platz. Während die einen sich um das Abtragen und Abtransportieren kümmerten, bauten andere in der aufkommenden Dämmerung Lichtstrahler auf, um das Gebiet ausreichend zu beleuchten.
„Vorsicht! Alle zurück!" Schrie plötzlich jemand, als sich eine kleine Kieslawine den Berg hinunterbewegte.
Morgan hatte den Arm von Sheriff Mills ergriffen und sie einige Meter weiter nach hinten gezogen, während seine Augen nach Prentiss suchten. Doch alles war okay. Keiner in Gefahr.
„Sie sind noch nicht lange hier, oder?" Versuchte Morgan ein privates, unverfängliches Gespräch aufzubauen.
„Ist das so offensichtlich?!" Entfuhr es Sheriff Mills energischer, als sie wahrscheinlich wollte.
„Die Jungs machen es Ihnen nicht gerade leicht."
Mills wischte diese Bemerkung mit einer Handbewegung fort. „Dann hätten Sie sie mal am Anfang erleben sollen. Die Meisten haben mich mittlerweile akzeptiert. Und Simon und seinen Kumpel wird irgendwann auch nichts anderes mehr übrig bleiben."
„Agent Hotchner, das Obduktionsergebnis ist da." Der Tierpfleger kam eilig auf den Agent zu.
Jetzt gab es eventuell ein erschreckendes Ergebnis. Hotchner nahm einen Stapel Papiere entgegen und hielt sie augenblicklich Reid hin, der sie eilig überflog.
„Beide Tiere starben an eine Überdosis von Rattengift." Fasste Reid seine ersten Ergebnisse zusammen.
Hotchner sah seine Befürchtung schon fast bestätigt. „Was haben sie in ihrem Mägen gefunden?"
Reid überflog die Seiten. „Ansonsten gesunde Tiere…", murmelte Reid vor sich hin, dann sah er erschrocken auf: „Sie haben Knochenreste gefunden… Menschenknochen."
Der Tierpfleger sah entsetzt von einem Agent zum Anderen. „Wie sollten die Tiere an Menschenknochen kommen?"
„Nun, indem ihnen jemand die Leiche vorgeworfen hat. Und damit versuchte, sie bestmöglich verschwinden zu lassen."
„Sie meinen, die Tiere haben das Gift über den Leichnam aufgenommen?"
„Ja", bestätigte Frank, „wir haben Hinweise darauf, dass unsere Täterin, ihnen Gift spritzt."
„Aber Rattengift?"
„Hochkonzentriert!" Bestätigte Reid nickend.
„Reid, ist es möglich einen DNA-Vergleich mit den Knochenresten durchzuführen?" Wandte sich Hotchner an seinen jungen Kollegen.
„Ja, das sollte möglich sein."
„Gut, kümmert euch darum."
Wieder rutschte eine kleine Kieslawine den Abhang hinunter. Mittlerweile blieben die Menschen unten am Fuß ruhig. Da sich alle paar Minuten kleine Gebiete lösten und tosend abgingen.
„Haben Sie eine Ahnung, wie weit wir hinein müssen?" Sheriff Mills war zu den beiden Agents und Joseph Grover getreten. Immerhin arbeiteten sie nun schon stundenlang an diesem Hang.
„Ich fürchte, darüber wird Ihnen niemand Auskunft erteilen können." Entgegnete Prentiss. „Da wir nicht wissen, ob Josh hier unten abgelegt wurde und dann verschüttet wurde, oder ob er mit dem Hang zusammen abgegangen ist."
„Stopp! Stopp!" Brüllte plötzlich jemand. „Macht die Maschinen aus!"
„Sheriff!" Erklang eine zweite Stimme durch die plötzlich tiefe Stille, als die Motoren der Raupen und Lastwagen erstorben waren.
Prentiss glaubte nur noch die erregten Lungentätigkeiten der Umstehenden zu vernehmen, ansonsten starrten alle nur auf die Abbaufläche. In dem Lichtkegel eines Strahlers konnten sie schon von weitem den Arm eines Menschen auf dem Boden liegend erkennen.
Überglücklich, dass sich die Arbeit gelohnt hatte und sie keinen weiteren Spott von den Einwohnern aus Blacksburg erwarten musste, ging Sheriff Mills zu der Stelle hinüber. „Okay, ich schlage vor, dass wir hier nur noch punktuell graben. Je unbeschadeter wir den Leichnam hier herausbekommen, umso besser."
Der erste Schreck war vorbei und eilig wurden von hinten Schaufeln an die Fundstelle vorgereicht. Die Arbeiter waren voller Adrenalin und beginnen augenblicklich mit dem Ausgraben des gefundenen Menschen.
„Professor Cavanaugh", Jimmy trat zu seinem Vorgesetzten. „Die Bergarbeiter sagen, dass sie einen ersten Durchbruch haben. Es wird wahrscheinlich noch eine viertel Stunde dauern, dann ist der Stollen freigelegt und gesichert abgestützt."
„Endlich", der Professor rieb sich vor Vergnügen die Hände. „Ich bin gespannt, wie gut der Leichnam erhalten ist. Er scheint mir fast luftdicht eingeschlossen gewesen zu sein."
„So, wir können." Hotchner eilte in den Besprechungsraum und setzte sich auf einen der freien Stühle.
„Gut." Jareau stand auf und übernahm die Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse. „Die ersten Obduktionsergebnisse werden erst morgen vorliegen. Ein Vorteil wird es sein, dass die Leichen von Andrew Pie und Josh Grover noch sehr gut erhalten sind. Ihre Verwesung ist noch nicht weit fortgeschritten."
„Das kommt durch die luftdichte Beerdigung." Erklärte Reid. „Sie hätte sich keine schlechteren Stellen aussuchen können."
Die Kollegen nickten zustimmend.
„Beide konnten bereits von Verwandten oder Bekannten identifiziert werden."
„Das war gute Arbeit von allen. Aber ohne die Obduktionsergebnisse kommen wir nicht weiter. Wir werden Morgen früh weitersehen." Schloss Hotchner die Versammlung und beschloss somit auch den Arbeitstag.
Am nächsten Morgen versuchte Rossi als erstes sein Glück bei ihrer Verdächtigten. Vielleicht war Emma Cotton ja über Nacht in der Zelle zur Vernunft gekommen. Aber die Hoffnung erstarb sobald der Agent das Befragungszimmer betrat.
„Wie lange dürfen Sie mich hier eigentlich noch festhalten?" Schoss ihm ohne Begrüßung ihre Stimme entgegen.
„Nun, bis zu vierundzwanzig Stunden. Die sind noch nicht herum." Rossi blieb ruhig und setzte sich wie am Tag zuvor an den Tisch.
„Wir haben gestern noch die Leichen von Andrew Pie und Josh Grover gefunden. Beide Körper sind erstaunlich gut erhalten."
„Ja und?" Seltsamerweise schaute ihn noch immer ein gefasstes Augenpaar an. „Dann brauchen Sie mich ja nicht mehr. Ich möchte jetzt gerne zu meinen Kindern. Sie sind noch klein und brauchen ihre Mum."
„Wir haben auch die Reste von Paul Sadler gefunden. Dummerweise sind zwei Hyänen auch noch an ihrem Gift gestorben."
Uninteressiert hob die Emma Cotton einfach nur ihre rechte Schulter.
Rossi schätzte, dass sie seine Informationen einfach an ihrem Panzer abprallen ließ. Ein normaler Mensch wäre jetzt zumindest entsetzt. Doch die Frau vor ihm verzog nicht einmal ihr Gesicht.
Hier kam er nicht weiter. Sie würde nie gestehen.
„Was passiert jetzt mit ihr? Müssen wir sie wirklich wieder laufen lassen?" Prentiss schien mit ihrem Ergebnis nicht zufrieden, obwohl sie gestern die weiteren Leichen finden konnten.
„Hotch ist schon zum Richter." Erklärte Morgan das Fehlen ihres Teamleiters im Besprechungszimmer.
„Und er ist schon zurück." Hotchner betrat ernst den Raum.
„Was hat er gesagt?" Sprach Rossi die Frage aus, die durch alle Köpfe huschte.
„Es reicht ihm nicht. Nur weil Emma Cotton mit den Männern zusammen war bevor sie starben, könnte doch jemand Anderes der Täter sein."
„Das bedeutet, dass sie jetzt gehen kann?" Fragte Frank erstaunt.
Morgan nickte zustimmend.
„Nicht ganz. Wir haben noch zwölf Stunden. Bis dahin müssen wir ihr die Taten nachweisen können." Hotchner schien noch etwas Optimismus zu haben. „Und ich konnte Ihn überreden uns einen Durchsuchungsbefehl für das Haus auszustellen."
„Gut Leute", Morgan war seine Hände reibend an den Tisch herangetreten, „dann suchen wir nach Spritzen und Rattengift als Beweis.
In den Leichen aus Blacksburg und Bentonville wurden ebenfalls Einstichstellen am Hals nachgewiesen. Bei Josh Grover wurde sogar das Schlüsselbein durch die Nadel verletzt."
„Das bedeutet er hat sich gewehrt oder sie hat mit aller Gewalt zugestochen." Faste Jareau zusammen.
Reid nickte zustimmend. Anders hätte er das auch nicht erklären können.
Das BAU-Team stand vor der Tür zu Emma Cottons Haus. Mit Verstärkung der Metropolitan Police, die William LaMontagne, angefordert hatte.
Rossi betätigte erneut den Türklopfer und zeigte der Frau vom Jugendamt seine Marke. „Agent Rossi, Ma'am. Wir müssen das Haus durchsuchen. Könnte Sie bitte mit den Kindern in deren Zimmer hochgehen!? Die brauchen das hier nicht zu sehen."
„Sicher", die Frau im mittleren Alter nickte. Selbst sie schien leicht verwirrt. Rossi und Hotchner traten ins Haus und schlossen die Tür hinter sich. Die Frau war in Richtung Küche verschwunden und kam kurz darauf mit zwei kleinen Kindern zurück.
Dankend nickte ihr Rossi zu, als sie langsam mit Pete an der Hand und Anne auf dem Arm die Treppe hinaufstieg.
Sie hörten das Schloss einer Tür einschnappen und öffneten augenblicklich die Haustür. „Gut, lasst uns anfangen. Ihr wisst wonach wir suchen." Erklärte Rossi nochmals den Polizisten, die in das Haus vordrangen.
„Die Zimmer der Kinder können wir auslassen. So, wie sie sich als sorgende Mutter gibt, würde sie nie diese gefährlichen Waffen in die Nähe ihrer Kinder bringen." Führte Hotchner die Anweisungen weiter aus.
Die Personen verteilten sich im Haus und von überall waren Stimmen und Kramgeräusche zu hören. –
„Meint ihr, sie hat die Spritzen hier in der Küche versteckt?" Verwundert hatte Frank einen Hochschrank in der Küche durchstöbert, der voller Babyutensilien war. Nun drehte sie sich zweifelnd zu ihren Kolleginnen Jareau und Prentiss um.
„Es scheint mir auch mehr als unwahrscheinlich." Stimmte ihr Jareau zu.
„Aber möglich." Ergänzte Prentiss und öffnete den nächsten Schrank. –
Während dessen durchsuchten mehrere Polizisten zusammen mit Morgan und Reid das Wohnzimmer. Sie stiegen vorsichtig über das Kinderspielzeug, dass in einer Ecke herumlag und suchten Zentimeter für Zentimeter ab.
Reid war interessiert an ein Bücherregal getreten. Er fand es spannend zu erforschen, welche Bücher die Menschen lasen. Vielleicht war ja auch ein Neues für ihn darunter.
„Spencer, du sollst hier nicht lesen." Zog ihn Morgan auch bald darauf auf.
„Die Titel sagen viel über die Menschen aus, die hier leben." Entgegnete er ruhig und fuhr mit seinem Finger von einem Buchrücken zum Nächsten.
Morgan spürte einen Schatten auf sich und schaute augenblicklich zu einem Uniformierten hinüber, der auf das Sofa gestiegen war und in die Schale einer Stehlampe schaute. Kopfschüttelnd über sich selbst, wandte er sich von Reid ab und suchte weiter. –
Frank hatte sich noch nicht von der Stelle gerührt. Während ihre beiden Kolleginnen einen Schrank nach dem anderen durchsuchten, schweifte ihr Blick durch den Raum. Dabei schüttelte sie nur unbefriedigt ihren Kopf. Sie war zwar keine Mutter, aber die Schränke waren vor den Kindern nicht sicher. Jeden Moment hätte eines der Kinder auf die Spritzen oder das Gift treffen können!
Sie mussten nach einem Platz suchen, der nicht jedem sofort auffiel. Der geheim war. –
Rossi und Hotchner hatten sich eines der Badzimmer vorgenommen. Nach den ganzen Kosmetika zu schließen, war es der Raum, der von Mrs. Cotton benutzt wurde. Lily war zwar in dem Alter, in dem Teenager sich aufhübschten, aber sie war ungeschminkt auf dem Polizeirevier aufgetaucht und machte auch nicht den Eindruck, als würde sie tagtäglich Stunden vor dem Spiegel verbringen.
„Was machen wir, wenn wir nichts finden?" Rossi suchte während er die Frage stellte im Spiegelschrank nach verdächtigen Gegenständen. Er zog Medikamente hervor, die er genauestens unter die Lupe nach.
Hotchner war gerade dabei die Toilettenspülung zu öffnen und hielt einen Moment inne. „Dann müssen wir sie laufen lassen."
Mit einem kräftigen Ruck, ließ sich der Deckel endlich entfernen. Vorsichtig zog er eine kleine Tüte heraus.
„Dave", Hotchner drehte sich zu seinem Kollegen um, „ich habe da etwas."
Rossi trat interessiert näher. „Sei vorsichtig. Wir wissen nicht, ob sie die Nadeln gesichert hat."
Langsam öffnete Hotchner den Knoten in der Tüte und warf einen Blick hinein. Seine Schultern entspannten sich augenblicklich. „Gib mal ein Handtuch her."
Sie breiteten das Handtuch auf dem Toilettendeckel aus und Hotchner schüttelte den Inhalt hinauf. Ein paar Dollarscheine und Kleingeld kam zum Vorscheinen. Dazu ein kleines Spielzeugpferd, eine gelbe Haarschleife und zwei Milchzähne.
„Hier hat jemand seine Habseligkeiten vor den Geschwistern versteckt." Hotchner nickte zustimmend zu Rossis Aussage. –
Franks Blick blieb auf der Lampe an der Decke hängen. Diese lange Röhre passte in die Küche überhaupt nicht hinein. Instinktiv trat sie zu den Lichtschaltern an der Tür und bewegte den ersten Schalter. Ein Licht über dem Herd flammte auf. Als nächstes eines über der Spüle. Doch der dritte Schalter blieb ohne Wirkung. Gab es noch einen weiteren Schalter in dem Raum? Nein.
Entschieden stieg Frank über einen Stuhl auf den Tisch und ergriff die Abdeckung der Lampe. Vorsichtig ertasteten ihre Finger nach dem Mechanismus, der die Abdeckung von der Lampe lösen ließ. Dann gab sie nach und Frank stand mit der langen milchigen Kunststoffhülle da. Ihr starrer, entsetzter Blick fiel sofort auf die Utensilien, die Emma Cotton überführten.
„Hotch!" Brachte Frank trocken heraus.
Franz Kafka:
„Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel wird."
Emma Cotton wurde von zwei Uniformierten abgeführt. Sie starte starr vor sich hin und hatte die Taten noch immer nicht gestanden.
Überführt hatten sie ihre Fingerabdrücke, welche überall auf den Spritzen und der kleine Flasche mit Rattengift gefunden worden waren.
Das Team stand hinter der Glastür im Großraumbüro zusammen und verfolgte die Überführung zum Polizeirevier schweigend.
Rossi war sich sicher, dass diese Frau, die ihm jetzt direkt in die Augen blickte, psychisch krank war. Wahrscheinlich würde sie für den Rest ihres Lebens in einer geschlossenen Abteilung untergebracht.
„Was passiert nun mit den Kindern?" Unterbrach Frank die Stille und sah dabei fragend in die Runde. „Werden sie nun alle getrennt? Sie können doch gar nichts dafür."
„Leider wird es wohl so kommen." Erklärte Rossi. „Wir haben aber schon mit dem Jugendamt Kontakt aufgenommen. Sie wollen versuchen, dass mindestens immer zwei Kinder zusammenbleiben und die Geschwister auch nicht zu weit voneinander entfernt aufwachsen."
„Wird Lily das verarbeiten können?" Hakte Jareau nach. „Nicht das sie sich die Schuld am Ende der Familie gibt."
Jareau wechselte mit ihrem Mann einen traurigen Blick.
„Sie wird psychologisch betreut werden." Erklärte Morgan. „Sie muss verstehen, dass sie eines ihrer nächsten Opfer hätte werden können, wenn sie sich alleine gegen sie gestellt hätte."
„Lasst uns noch etwas Trinken gehen. Ich denke eine kleine Ablenkung könnte uns heute Abend nicht schaden." Schlug Hotchner vor, dem alle gerne folgten.
Zwei Stunden später verließ Emily Prentiss die restlichen Teammitglieder und verschwand in der Dunkelheit eines Parkplatzes. Sie konnte die Stimmen der Kollegen hinter ihr noch vernehmen und doch fühlte sie sich nicht wohl. Ängstlich ließ sie ihren Blick durch die Dunkelheit der Umgebung schweifen. Wieso hatte sie ständig das Gefühl beobachtet zu werden? Wieso konnte sie dieses Gefühl nicht wieder abstellen?
Entschlossen ging sie weiter zu ihrem Fahrzeug und doch ließ sie ihren Blick in jeden möglichen Winkel, der ein Versteck bieten könnte, schweifen.
Sie öffnete ihren Wagen mittels Funk, noch bevor sie ihn erreicht hatte. Das Licht, das aufleuchtete, ließ ihren Herzschlag etwas ruhiger werden. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf, als sie neben der Fahrertür angekommen war und die Hand nach dem Türgriff erhob.
Überrascht schrak sie zusammen, als sie spürte, wie ihr ein Tuch vor Mund und Nase gehalten wurde. Entsetzt versuchte sie ihre Atmung einzustellen, aber durch den rasenden Pulsschlag in ihrem Inneren, konnte sie nicht ohne Sauerstoff auskommen. Sie atmete einen süßlichen Geruch. Er wollte sie also nur betäuben. Sie spürte, wie ihr bereits das Bewusstsein schwand.
Entschlossen versuchte sie sich mit ihrer letzten Kraft gegen den Angriff zu wehren. Sie hob ihre Arme und versuchte die Hand mit dem Tuch aus ihrem Gesicht zu entfernen.
Dann wurde es schwarz um sie herum…
