Kapitel 12

Nachdem sie einige Zeit gelaufen waren, kamen sie an eine kleine Lichtung.

„Hier ist es gut. Hier bleiben wir für diese Nacht.", stellte Snape fest und ließ seinen Rucksack wieder herunter gleiten. Sie sah ihm zu, wie er mit flinken Bewegungen ein Zelt aufbaute.

Ein Zelt?

„Professor?", fragte sie unsicher. „Wo werde ich schlafen?"
Er drehte sich langsam zu ihr um und ein hämisches Lächeln glitt über sein Gesicht.

„Wenn Sie selbst keine passende Schlafstätte mitgebracht haben, würde ich sagen: Hier!", sagte er und deutete auf das kleine gelbe Zelt.
„Natürlich können Sie sich wahlweise auch einen Baum aussuchen.", setzte er gehässig hinzu und machte eine weit ausholende Bewegung mit dem Arm.

Hermine seufzte und kniete sich hin, um ihren Schlafsack in das Zelt zu legen. Insgeheim hoffte sie es wäre wie auf der Quidditch-Weltmeisterschaft, und die Räumlichkeit im Inneren erheblich größer ausfallen würde als 2 x 2,50 m. Sie wurde enttäuscht, da sie jede Art von Magie vermeiden mussten, und rollte ihren Schlafsack neben dem von Snape aus.

Inzwischen hatte er ein kleines Feuer angemacht und kramte in seinem Rucksack herum.„Was wollen Sie essen?", fragte er und hielt ihr zwei verschiedene Konserven hin, die sie in einem Londoner Supermarkt besorgt hatten.

„Egal.", winkte sie ab und stand auf, um sich nach einem geeigneten und vor allem ungestörten Plätzchen um zu sehen. Zu ihrem Entzücken fand sie nur ein paar Meter weiter eine kleine Quelle, in der sie sich die Hände und das Gesicht wusch. Nachdem sie zurück kam, war der Eintopf bereits fertig. Sie hatten schweigend gegessen und saßen nun gemeinsam um das kleine Feuer herum.

„Was denken Sie, wie weit ist es noch?", fragte Hermine plötzlich und sah in die knisternden Flammen.
„Wenn wir morgen zeitig aufbrechen werden wir gegen Mittag bei ‚Old Willow' sein.", gab er matt zurück.

Einen Augenblick herrschte Schweigen, bis er unvermittelt: „Danke. Die Kopfschmerzen sind viel besser geworden." murmelte und ebenfalls krampfhaft ins Feuer sah.
„Hmm...", gab sie einsilbig zurück.

Inzwischen war das Feuer herunter gebrannt und es wurde langsam empfindlich kalt. Von überall her drangen fremde Geräusche zu ihnen und Hermine fand es mit einem Mal gar nicht mehr schlimm, sich ihren Schlafplatz mit Professor Snape zu teilen. Im Gegenteil.
In ihren Schlafsack und den vagen Duft nach Sandelholz gehüllt, den er verströmte, schlief sie schließlich ein.

ooooooo

Es beunruhigte ihn erheblich, sie so nah bei sich zu spüren.

Das kleine Zelt war eng, und dass sie wegen der Tiere auch die Rucksäcke im Zelt verstauen mussten, machte es nicht gemütlicher. Sie hatten in Kilkea Castle zwar schon einmal nebeneinander geschlafen aber das hier war etwas anderes.

Sie würde jede Bewegung und jeden Laut von ihm hören, den er machte. Nachdem er sich einige Zeit gewaltsam wach gehalten hatte, um sich nicht durch irgendetwas eine versehentliche Blöße zu geben, schlief er schließlich erschöpft ein.

Er öffnete langsam die Augen und spürte, wie sich etwas an ihn drückte und ihn wärmte.
Noch immer war er halb versunken in die Erinnerungen an den Traum, den er gerade beendet hatte und nahm nur schwach eine Flut hellbrauner Locken wahr, die sich über seinen Arm und seine Schulter ergoss. In seinem Traum hatte er sie noch viel intensiver gefühlt, sie geschmeckt und berührt. Nun schien sich sein Traum auf sonderbare Weise fortzusetzen.

Er lag auf der Seite und in seinem Arm, die Hand an seine Brust gelegt, schlief Hermine. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen aber der Duft ihres warmen, weichen Körpers ließ ihn zufrieden seufzen.

ooooooo

Als Hermine in der Nacht aufwachte, merkte sie, dass sie schon wieder dicht an ihm lag. Offenbar war es ihr nicht möglich neben Professor Snape zu schlafen, ohne ihn zu berühren.

Er schlief noch und ihr erster Impuls war es, sich leise und vorsichtig zurückzuziehen, um dieses Mal wenigstens der Blamage zu entgehen, dass er es bemerkte.

Doch dann wollte die Bewegung die sie vorhatte, ihr einfach nicht gelingen.

Es war ein gutes Gefühl in seinem Arm zu liegen.

Sie merkte, wie seine Brust sich hob und senkte und sein warmer, holziger Geruch hüllte sie ein.

Daran denkend, wie sein Rücken und sein Nacken sich unter ihren Händen angefühlt hatten, drückte sie ihre Hand noch ein bisschen fester an seine Brust, um auch dort die Muskeln zu spüren, die sich unter dem T-Shirt verbargen.

Zu ihrem größten Bedauern spürte sie, dass er erwachte.

Sie rührte sich nicht und stellte sich schlafend, darauf wartend, dass er sie wecken und verscheuchen würde.

Doch nichts Derartiges geschah.

Er schien einen Moment lang zu zögern, dann entspannte er wieder und seinen tiefen, regelmäßigen Atemzügen nach schien er wieder zu schlafen.

Sie musste wohl selbst noch einmal eingeschlafen sein, denn als sie die Augen wieder öffnete, lag sie allein im Zelt und hörte durch die dünnen Zeltwände, wie er mit dem Geschirr klapperte. Sie schälte sich aus ihrem Schlafsack und trat aus dem Zelt heraus. Sich das wirre Haar aus dem Gesicht streichend, grüßte sie ihn.

Er nickte nur knapp, hielt ihr einen Becher Kaffee hin und meinte, dass sie bald aufbrechen sollten.

Hermine nickte, trank einen Schluck Kaffee und machte sich daran, ihre Sachen zusammen zu suchen, mit denen sie an die Quelle ging, um sich zu waschen. Dort zog sie sich auch um, und als sie zurückkam hatte er das Zelt schon abgebaut und den Rucksack geschultert. Sie beeilte sich, es ihm gleichzutun und so marschierten sie weiter durch den Wald, den Kompass fest im Blick.

Gegen Mittag wurde Hermine unruhig.

Sie mussten diese „Old Willow" doch bald erreicht haben oder wenigstens sehen können.

Doch nichts in ihrer Umgebung sah auch nur ansatzweise aus wie ein 1000 Jahre alter Baumriese.

Während einer kurzen Rast aßen sie etwas Käse und Brot und machten sich wieder auf den Weg.

Nach einer weiteren Stunde Marsch kam es Hermine vor, als würden sie im Kreis laufen, aber sie hütete sich, ihr neues, gutes Einvernehmen dadurch zu belasten, dass sie sich beschwerte.

Ihre Geduld wurde dann plötzlich belohnt, als sie aus dem dichten Wald, dessen Blattwerk den Himmel über ihnen verdunkelt hatte, auf eine Lichtung traten und vor ihnen stand unübersehbar „Old Willow".

Es war ein mächtiger, imposanter Baum mit weit ausladender Krone.

Mit einem Seufzer der Erleichterung ließen sie ihre Rucksäcke fallen und machten sich sogleich daran, den Baum abzusuchen. An der Rinde war nichts zu entdecken und erst nachdem sie den Baum mehrere Male umrundet hatte, fiel ihr ein kleines Astloch, etwa zweieinhalb Meter über dem Boden, auf.

„Professor?", rief sie.

Sie zeigte dem herbeikommenden Snape die kleine Vertiefung, und er stellte sich ergeben seufzend an den Baum, die Hände ineinander gelegt.

„Machen Sie schon.", knurrte er.

Hermine kicherte.

„Wir können es auch umgekehrt machen und ich halte sie..."

Er lachte unfroh und machte eine ungeduldige Geste. Sie stellte ihren Fuß in seine Hände, zog sich hoch, und gelangte so in Sichthöhe des Astloches. Es war so schmal, dass ihre Hand gerade hineinpasste. Hermine gruselte es davor, in das Loch hinein zu fassen. Wer wusste schon, was darin lauerte?

Schließlich atmete sie tief durch und griff mit einer raschen Bewegung hinein. Vorsichtig tastete sie in der Höhlung umher. Vertrocknete Blätter raschelten, und sie fühlte ein paar leer geknabberte Nussschalen, die dort herumlagen. Endlich stießen ihre Fingerspitzen an etwas, dass sich wie ein Kiesel anfühlte. Hermine schloss ihre Hand darum und zog sie dann schnell aus dem Loch hervor. Hektisch schüttelte sie die Kellerassel ab, die sie auf ihrer Hand krabbeln sah, und sprang von Snape herunter.

Langsam öffnete sie die Hand und konnte ein Jubeln nicht unterdrücken, als sie erkannte, dass es tatsächlich die Rune ‚Ehwaz' war, die sie dafür belohnte, dass sie ihren Ekel überwunden hatte.

Unverzüglich begannen sie den Rückweg, nachdem Snape die Rune sorgsam verstaut hatte, doch am späten Nachmittag konnte Hermine keinen Fuß mehr vor den anderen setzen. Snape schien es ähnlich zu gehen, denn er stöhnte gequält auf, als er seinen Rucksack fallen ließ. In Sichtweite floss ein kleiner Bach und Hermine freute sich darauf, sich darin zu erfrischen. Doch zuerst bauten sie das Zelt auf und suchten Feuerholz zusammen. Dann nahm Hermine ihre Sachen und ging zum Bach. Sie bemerkte, dass er es ihr gleichtat und diskreterweise ein ganzes Stück weit dem Bachlauf folgte, bevor er anfing sich zu waschen.

Durch einige tiefhängende Trauerweidenzweige sah sie, dass er sich das Hemd auszog und den Kopf ins Wasser tauchte.

Hastig zog sie den Kopf zurück. Es ging nun wirklich nicht an, dass sie ihren halbbekleideten Lehrer anstarrte!

Sie wusch sich selbst, zog ein frisches Hemd an und kehrte zum Lagerplatz zurück, an dem Snape wenige Minuten später ebenfalls auftauchte. Schweigend bereiteten sie sich ihre Mahlzeit zu, die wiederum aus Eintopf bestand und krochen dann, als es dunkel und kalt zu werden begann, einvernehmlich ins Zelt und in ihre Schlafsäcke.

Es fiel Hermine trotz ihrer Erschöpfung schwer den Schlaf zu finden, den sie für den Fußmarsch morgen sicher brauchen würde.

Sie lauschte eine Weile Snapes tiefen und gleichmäßigen Atemzügen.

„Professor?", hauchte sie fragend.

Er antwortete nicht. Er schlief.

Und kurzentschlossen und ohne sich nach einem Grund zu fragen, rutschte sie vorsichtig an ihn heran und legte sich in seinen Arm, den Kopf und eine Hand auf seine Brust gelegt. Zufrieden seufzend entspannte sie sich, als sie seinen Herzschlag hörte und tief den Geruch nach Sandelholz einatmete, der ihr so willkommen geworden war..

ooooooo

Er lag still und mit geschlossenen Augen da und dachte über den vergangenen Tag nach. Dieses stille Verständnis und dieses gemeinsame „Auf-Etwas-Hinarbeiten" war ihm noch nie so leicht und gleichzeitig so verdammt schwergefallen wie mit ihr. Als er heute Morgen richtig aufgewacht war, hatte er sie friedlich schlafend in seinem Arm gefunden. Einige Minuten hatte er sie angesehen und ihre Wärme genossen. Er hatte ihr eine Locke aus dem Gesicht gestrichen um sie zu betrachten.

Sie hatte ganz entspannt ausgesehen, so wie er sie nun schon zweimal bei den Entschlüsselungen gesehen hatte. Trotzdem war das hier etwas anderes, jetzt war sie nicht ohnmächtig, sondern schlief nur. Vorsichtig hatte er sich befreit und den ganzen Tag an nichts anderes als an sie denken können. Irgendwie konnte er sich ihr immer weniger entziehen und das war etwas, dass ihm mehr Angst machte als Voldemort es je gekonnt hatte.

Nachdem sie Ehwaz gefunden hatten, waren sie wieder ein ganzes Stück zurück gelaufen bis sie beide so erschöpft waren, das sie sich zur Rast entschlossen hatten.

Nun lag sie ruhig neben ihm und schien zu schlafen.

‚Warum zum Teufel kann ich nicht an etwas anderes denken? Immerhin ist sie meine Schülerin. ', dachte er und hasste diesen Gedanken aus tiefstem Herzen.

„Professor?", riss ihn ihre sanfte Stimme plötzlich aus seinen Gedanken und bevor er irgendetwas tun oder sagen konnte, rutschte sie zu ihm herüber und presste wohlig seufzend ihren Körper an seinen.

Er lag einfach nur da. An jedem anderen Ort wäre er von ihr abgerückt aber diese Nacht unter freiem schwedischem Himmel war ziemlich kalt und es fühlte sich unendlich gut an, sie zu spüren. Er zögerte noch einen Moment, legte dann seinen Arm um ihre Hüfte und zog sie seufzend enger zu sich heran. Seine Hand ruhte jetzt zwischen ihren Schulterblättern und ihre Lippen berührten kaum merklich seine Halsbeuge.

Sein Verstand schrie ihm förmlich zu, dass er das hier sofort beenden und so weit wie möglich von ihr abrücken sollte, aber sein Gefühl sagte, dass nichts Verwerfliches dabei war. Es war kalt und immerhin schlief sie. Einen Augenblick später versteifte er sich merklich, als ihn eine Erkenntnis wie ein brutaler Schlag traf.

Sie hatte ihn angesprochen! Sie schlief gar nicht! Und sie war absichtlich an ihn heran gerückt, weil sie dachte, dass er schlief... seine Gedanken arbeiteten auf Hochtouren.

ooooooo

Hermines Herz begann wie wild zu klopfen, als sie spürte, dass er sie näher zu sich heran zog.

Seine Hand, die auf ihrem Rücken lag schickte heiße Wellen durch ihren Körper. Sie bewegte sacht den Kopf und ihre Lippen berührten seinen Hals. Die weiche Haut dort roch so gut... sie gab dem Impuls nach, der ihr eingab, einen winzigen Kuss auf die pulsierende Ader zu drücken.

Er sog den Atem ein und strich ihr sanft über den Rücken.

Sie fuhr fort, kleine Küsse auf seinem Hals zu verteilen und strich zaghaft über seine Brust. Langsam erreichte sie mit den Lippen seine Kieferknochen und hielt einen winzigen Moment inne, um abzuwarten, ob er sich ihr zuwenden würde.

ooooooo

Sein Herz schlug zum Zerspringen und er schloss ebenfalls seine Augen. Zaghaft näherte er sich ihren Lippen und als sie seine berührten war es, als ob vor seinen Augen ein Meer kleiner Lichter explodierte. Ganz zart koste er ihre vollen Lippen und seufzte leise auf, als sie diese Bewegungen erwiderte.

Endlich löste er sich von ihr und atmete zittrig aus. „Wir sollten das nicht tun...", flüsterte er und legte seinen Kopf auf ihre Schulter.

Sie nickte und kuschelte sich schweigend an ihn.

„Es ist spät, wir sollten schlafen.", sagte er schließlich und hielt sie weiterhin fest in seiner Umarmung, als wolle er sich an diesen Augenblick klammern und ihn nie mehr loslassen. Sie nickte stumm und schmiegte sich an seine Brust.

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