11. Kapitel

"Danke!", flüsterte er und war völlig machtlos gegen die Tränen, die ihm plötzlich in die Augen schossen.
"Merlin sei Dank!", hörte er Harry voller Inbrunst sagen und die Erleichterung in seiner Stimme raubte ihm vollends die Fassung. Ein Zittern durchlief seinen Körper. Das Mädchen hob den Kopf, ergriff seine Hand mit ihren beiden, und er bewegte die Finger und hielt sie fest.
Sie stieß einen Laut aus, so voller Freude, halb Schluchzen, halb Lachen, und er öffnete die Augen und blickte in ihr strahlendes Gesicht.
Sacht schob er Harrys Arm beiseite und setzte sich auf.
Schwindel überfiel ihn für einen kurzen Augenblick, alles schien sich um ihn zu drehen. Er fühlte einen sanften Druck an der Schulter, eine Hand, die ihn stützte. Harrys Hand!
Endlich klärte sich sein Blick und er sah den Jungen an.
"Nein, Harry, nicht Merlin, euch beiden sei Dank!"
Hermine, die immer noch am Boden kauerte, blickte zu ihm auf.
"Wenn mir jemand vor ein paar Tagen erzählt hätte, dass ich einmal überglücklich sein würde, wenn ich Ihre Stimme hör, hätt ich ihn mit Sicherheit für verrückt erklärt."
Sie lachte halbherzig auf und presste ihr Gesicht wieder an seine Hand, und plötzlich begannen ihre Schultern zu beben.
"Nicht!", flüsterte er und fühlte erneut ein Brennen in seinen eigenen Augen.
"Vor Freude zu weinen, hat noch niemandem geschadet", sagte Harry leise, "und ich glaub, ich war noch niemals im Leben so froh."
Harry wandte den Blick nicht ab, ließ ihn ganz deutlich sehen, was er fühlte und seine Kehle wurde eng. Es war nicht richtig!
"Tut das nicht!", presste er gegen seinen Willen hervor, "fangt nicht an, mich zu ..."
Er brach ab, konnte nicht aussprechen, was ihm auf der Zunge lag. Zu unvorstellbar war es, dieses Wort in Bezug auf seine eigene Person auch nur zu denken. Er lehnte sich zurück und schloss erneut die Augen.
Wieder lachte das Mädchen erstickt.
"Ich glaub, diese Warnung kommt zu spät, Professor Snape. Jetzt lässt es sich nicht mehr ändern."
Er musste schlucken, viel zu laut und Harry lächelte. Er konnte es an seiner Stimme hören.
"Hermine hat vollkommen recht. Auch wenn du wieder zu dem unnahbaren Tyrannen wirst, werden wir beide trotzdem nicht aufhören, dich zu mögen."
Er zwang sich, die Augen zu öffnen, obwohl er genau wusste, wieviel sein Blick ihnen verriet. Sie hatten ihm in seinen schlimmsten Stunden beigestanden, ihn schwach und hilflos erlebt, was konnte es da noch ausmachen, wenn sie erkannten, wieviel ihm ihre Worte bedeuteten.
Die Wärme in seinem Innern setzte sich hartnäckig fest, als er das Strahlen ihrer Augen sah. Sie waren mindestens ebenso glücklich wie er. Und dieses eine Mal schob er seinen Verstand beiseite. Er drückte Hermines Hand fester und streckte seine zweite Harry entgegen. Der ergriff sie so vorsichtig, als habe er Angst, sie könne zerbrechen.
"Geht's dir wirklich wieder gut?"
Besorgt blickten die grünen Augen ihn an.
Er horchte in sich hinein. Ging es ihm gut? Es war ein eigenartiges Gefühl, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren. Wie lange schon hatte er genau das vermieden, hatte alles beiseite geschoben, was ihn selbst betraf. Beinahe schien es, als ergründe er Leib und Seele eines Fremden.
Keine Schmerzen, nur ein leichtes Ziehen an Schulter und Hals. Das Kratzen in seiner Kehle war fast schlimmer, wie ausgedörrt fühlte er sich, als hätte er seit Tagen nichts mehr getrunken.
"Ich hab Durst!"
Harry lachte erleichtert und griff nach Teklas Tasse. "Na, wenn's weiter nichts ist. Ein bisschen was ist noch drin."
Die Schokolade, Tekla, der Junge, so viele Fragen schossen ihm plötzlich durch den Kopf. Er nahm einen tiefen Schluck und fühlte wie schon so viele Male zuvor die wundervolle Wirkung des Elfentrankes, aber das köstlichste daran war der Geschmack.
"Mmh!", machte er genießerisch. Er konnte es sich einfach nicht verkneifen. So jung und übermütig fühlte er sich in diesem Moment, befreit von jeglicher Last. Die drückende, lähmende Schuld, die seit Lilys Tod auf ihm lastete, schien ebenso verschwunden zu sein wie die Lähmung seines Körpers.
Harry blickte ihn eine Sekunde sprachlos an und er spürte, wie etwas zurückkehrte, etwas Vergessenes, längst verloren Geglaubtes. Scheu und unsicher stahl es sich auf sein Gesicht und er lächelte den Jungen an.
Nicht spöttisch und grausam, wie es ihm im Laufe der Jahre zur Gewohnheit geworden war, sondern dankbar und voll ehrlicher Zuneigung.
Hermine stockte der Atem. Wie verletzlich er plötzlich aussah, als habe er schreckliche Angst vor seinen eigenen Gefühlen. Er wollte nicht zulassen, dass ihm jemand zu nahe kam, und doch hatte es Harry irgendwie geschafft.
Wie sie sich ansahen!
So lange kannte sie Harry schon, aber dieser Ausdruck auf seinem Gesicht war ihr vollkommen fremd. Glücklich und traurig zugleich, war das möglich? Obwohl er Snapes Lächeln erwiderte, wirkte er doch gleichzeitig irgendwie verstört, ja beinahe verzweifelt, als nage tief in seinem Innern etwas an ihm, das ihn quälte, das nicht zulassen wollte, dass die Freude gewann.
Natürlich bemerkte Snape es auch. Sein Lächeln erlosch und Hermine verspürte einen schmerzhaften Stich in der Brust. Ob sie es je wiedersehen würde?
Snape schüttelte leicht den Kopf und sah Harry so ernst an, als wisse er genau, was in ihm vorging. Vielleicht war es so, irgendetwas verband die beiden. Es musste an den Erinnerungen liegen, die er Harry überlassen hatte. Und tatsächlich bestätigten seine Worte ihren Verdacht.
"Lass die Vergangenheit ruhen, Harry. Es war nicht recht von mir, dich damit zu belasten."
Er blickte zu Lilys Porträt hinauf.
"James hat sie glücklicher gemacht, als ich es je vermocht hätte. Du darfst nicht schlecht von ihm denken, nur weil er ..."
Er brach ab und Wut flammte in Harrys Augen auf.
"Nur weil er dein Leben zerstört hat, meinst du?"
Snapes Miene verschloss sich, wurde so undurchschaubar, wie sie ihn seit Jahren kannten.
"Das hat er nicht. Was damals geschah, hab ich ganz allein zu verantworten. All das Dunkle, Selbstzerstörerische war immer schon in mir und wird es immer bleiben. Deshalb ist es besser, ihr geht und vergesst die letzten Stunden."
Er zog seine Hände zurück und verschränkte sie vor der Brust.
"Nein, bitte nicht!"
Hermine konnte die Worte nicht zurückhalten. So kalt und leer fühlte sie sich plötzlich, dass sie erschauderte. Auch Harrys Zorn war verraucht. Jetzt war es nur noch Verzweiflung, die aus seinen Augen sprach.
"Willst du das wirklich?", fragte er heiser und Hermine konnte deutlich sehen, wie Snape mit sich selbst rang. Seine Kiefer waren schmerzhaft fest zusammengepresst, die Hände zu Fäusten geballt.
Erst als ihre Lungen zu protestieren begannen, bemerkte Hermine, dass sie vor lauter Anspannung vergessen hatte zu atmen. Keuchend holte sie Luft und im selben Moment war Snapes Entscheidung gefallen.
"Ich bin ein schrecklicher Mensch", flüsterte er und fuhr sich mit einer resignierten Geste übers Gesicht.
"Ja!", stieß Harry so inbrünstig hervor, dass Hermine trotz allem lachen musste.
"Aber vielleicht", sagte sie und ihre Stimme zitterte noch immer ein wenig, "könnten wir's trotzdem versuchen."
Die beiden Männer sahen sie fragend an. Sie errötete leicht, sprach aber unbeirrt weiter.
"Freunde sein, mein ich."
Hermine streckte Snape die Hand entgegen und er starrte sie endlos lange Zeit einfach nur an. Gerade als sie sich anschickte, ihre Finger enttäuscht zurückzuziehen, hielt er sie fest, drückte sie sanft und lächelte sie zögernd an.
Und erneut drohte ihr Herz zu versagen. Da war es wieder und diesmal galt es ihr. Sie wusste mit hundertprozentiger Sicherheit: Diesen Augenblick würde sie niemals in ihrem Leben vergessen.
"Du weißt nicht, worauf du dich einlässt, Hermine Granger."
Wie sanft sein dunkler Bariton klingen konnte. Hermine lief ein Schauer über den Rücken, aber diesmal war es ganz und gar nicht unangenehm.
"Vielleicht nicht", gab sie hastig zurück, um ihre Verlegenheit zu überspielen, "aber ich würd's gern erfahren. Und vor allem möchte ich zu gern wissen, wie du uns gefunden hast."
Sie wandte den Blick von Snape ab und sah Harry an.
"Darauf bin ich allerdings auch gespannt", murmelte Snape und hob seine Hand, sodass Hermine, deren Finger er immer noch umschloss, gezwungen war aufzustehen.
"Aber zuerst möchte ich meine Beine testen."
Er erhob sich und schwankte kurz. Hermine ergriff seinen Arm und er stützte sich tatsächlich einen kurzen Moment auf ihre Schulter. Auch Harry sprang auf, aber Snape winkte ab. Dann ließ er Hermine los und machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Kamin. Erleichtert umklammerte er den Sims und ließ die Stirn dagegen sinken.
"Verdammt, ist mir schwindelig", murmelte er leise.
Hermine trat neben ihn.
"Kommen Sie, Professor, ich bring Sie zum Sofa zurück."
"Du", keuchte er mühsam, "es heißt du und Severus, wenn es dir wirklich ernst mit deinem Angebot war."
Empört packte sie fester zu und sah ihn grimmig an.
"Das war es in der Tat. Und ich hab die lästige Angewohnheit, mich um meine Freunde zu kümmern. Deshalb legst du dich jetzt wieder hin, Severus." Ganz leicht kam ihr der Name über die Lippen.
Sie schlang ihm den Arm um die Taille und er wehrte sich nicht, als sie ihn behutsam zum Sofa zurückführte. Mit einem Stoßseufzer sank er in die weichen Kissen. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Hermine griff nach ihrer Handtasche.
"Accio Hypericum!", murmelte sie leise und hielt ihm die Phiole an die Lippen. Er schluckte gehorsam und schon nach kurzer Zeit kehrte etwas Farbe in seine Wangen zurück.
"Danke!"
Hermine machte eine unwirsche Handbewegung.
"Was zu essen wär sinnvoller, du bist dürr wie ein Skelett. Gibt's hier irgendwo was Essbares? Vielleicht in der Küche?"
Es sah tatsächlich aus, als erröte er, aber vielleicht war es nur unterdrückter Zorn, weil sie es wagte, so mit ihm zu sprechen. Aber seltsamerweise war ihre Scheu vor diesem Mann, den sie doch jahrelang gefürchtet hatte, vollkommen verschwunden. Er war nur ein Mensch, nicht mehr und nicht weniger, und sie wollte ihm wirklich eine Freundin sein. Und genauso würde sie sich ihm gegenüber auch verhalten. Sie dachte gar nicht daran, ihn mit Samthandschuhen anzufassen, jetzt, wo er auf so wundersame Weise genesen war.
"Schlangenhirn ist wahrscheinlich nicht grade das beste auf leeren Magen. Wie lange hast du schon nichts mehr gegessen?"
Er wich ihrem intensiven Blick aus und seine Wangen verfärbten sich noch stärker. Es war tatsächlich Verlegenheit.
"Ich weiß es nicht", murmelte er so leise, dass sie ihn kaum verstand, "und das gilt für beide Fragen."
Sie musste kurz überlegen, wie die andere gelautet hatte und riss dann ungläubig die Augen auf.
"Du weißt nicht, ob du was zu Essen im Haus hast?"
Er schüttelte den Kopf und sah dann Harry an. Der nickte leicht.
"Du warst immer nur hier, stimmt's? In diesem Raum."
Severus presste die Lippen zusammen, blickte zu Lilys Porträt hoch und nickte dann zögernd.