Ich öffnete die Augen.

Statt dem im Himmel schwebenden Paradies erstreckte sich vor meinen Augen die gewohnte Umgebung des Arena-Waldes. An meinem Rücken konnte ich den morschen umgefallenen Baumstamm fühlen, während meine Nase die frische Luft und Düfte des Waldes aufnahm. Vorsichtig setzte ich mich auf und fuhr mir mit der Hand in den versteiften Nacken. Ich stutzte kurz, als ich eine klebrige Masse auf meinem Jägerwespenstich fühlte. Ich zog mein Bein zu mir und betastete meinen Oberschenkel. Ebenso wie an meinem Hals war der Wespenstich abgeklungen und auf ihr war eine grüne Paste zu erkennen.

Jemand hatte meine Wunden versorgt.

Meine Augen huschten durch den Wald, konnten jedoch niemanden erkennen. Neben mir bemerkte ich den silbernen Bogen zusammen mit dem vollen Köcher voller silberner Pfeile, ebenso wie meinen blauen Rucksack, welche an dem umgestürzten Baumstamm lehnten. Meine Augen begannen zu leuchten und ich griff zu dem Bogen. Langsam fuhr ich mit den Fingerspitzen über das kalte Metall. Auf meinem Gesicht erschien ein kleines Lächeln, welches jedoch gleich wieder verschwand, als ich an Adrian dachte. Vor meinen Augen erschien sein panisches Gesicht. In seinen braunen Augen war Sorge zu erkennen, während er mich von Sunshine wegzog.

Was tust du denn, LAUF!"

Er hatte mir das Leben gerettet. Ich schüttelte den Kopf. Dieser Junge verwirrte mich zunehmend immer mehr. Erst gestand er mir vor ganz Panem seine Liebe, dann verriet er mich an die Karriere-Tribute um mich daraufhin vor ihnen zu schützen indem er mich entkommen ließ. Meine Gedanken wanderten zu meinem Traum, wobei ich nicht wirklich wusste, wie ich darauf reagieren sollte. Die Legende behauptete, dass Jägerwespenstiche einen mit ihren Giften in den Wahnsinn treiben konnten, allein durch ihre Halluzinationen. Man erzählte uns, dass viele Personen, die von Jägerwespen gestochen wurden ihren tiefsten Wünschen gegenüberstanden und an dessen Folgen langsam in den Wahnsinn getrieben worden sind.

Warum war mein Vater der tiefste Wunsch meines Unterbewusstseins? Warum nicht meine Mutter?

Ich schüttelte den Kopf und verschloss meine Gedanken zu diesem Thema. Es war nur eine Legende.

Plötzlich bemerkte ich etwas Kleines hinter einem der Bäume aufblitzen, welches jedoch gleich wieder verschwand. Ich stand auf und griff zu dem Köcher und hängte ihn mir um, ehe ich langsam und mit kleinen Schritten auf einen der Bäume zuging. Abermals sah ich eine dunkelgrüne Jacke aufblitzen und ich legte den Kopf schief.

„Daliah." sagte ich und ein kleiner Kopf schaute hinter dem Baumstamm hervor, versteckte sich jedoch gleich wieder, als er mich bemerkte. Ich ging einen weiteren Schritt auf den Baum zu und blickte um den Baumstamm herum. Große unschuldige braune Augen sahen mir entgegen und ich lächelte ihr freundlich zu.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Daliah." sagte ich und das kleine Mädchen verließ ein wenig ihre Deckung.

„Keine Sorge. Ich will meiner kleinen Retterin Nichts tun." sagte ich und lächelte leicht, als sich auf ihrem Gesicht leichte Empörung zeigte uns sie vollends aus der Deckung kam.

„Ich bin nicht klein!" sagte sie und ich lachte für einen kurzen Moment leicht auf, was sie nach wenigen Sekunden erwiderte und wir zusammen lachten.

Ich überließ Daliah das Feuermachen, während ich auf die Jagd ging. Das Gefühl durch den offenen Wald zu gehen, erinnerte mich fast an zu Hause. Nur ich, der Wald und mein Bogen. Ich entdeckte ein Eichhörnchen, dass von Baum zu Baum sprang. Ich reagierte schnell und einen Moment später lag das kleine Tier tot auf dem Boden. Ich zog den silbernen Pfeil heraus und säuberte ihn mit nassem Moos, ehe ich ihn erneut die Sehne einlegte. Ich erlegte zwei Hasen und ging mit meiner Beute zurück zu dem kleinen Feuer. Daliahs braune Augen leuchteten bei meinen Errungenschaften auf und sie begann mit ihrer kleinen Sichel Spieße zu schnitzen, während ich die Tiere ausnahm und auf die Spieße steckte.

„Wie ist es in Distrikt 5?" fragte sie mich nach einer Weile und ich schaute sie verwirrt von der Seite an. Ich drehte die Spieße über dem Feuer.

„Ähm…unser Distrikt ist durch die vielen Kraftwerke und Anlagen, um Energie zu gewinnen sehr kahl, was Grünes betrifft. Alles in einem ist Distrikt 5 ziemlich schlicht und klein für uns Bewohner, auch was unsere Behausungen angeht. Jedoch können wir durch unsere Einsätze in den Anlagen unsere Familien versorgen, auch wenn die Nahrungszufuhren mangelnd sind. Und was ist mit deinem Distrikt?" fragte ich und nahm das Eichhörnchen vom Feuer, um es im nächsten Augenblick unter uns beiden aufzuteilen.

Daliah neben mir zuckt mit den Schultern und nahm dankend ein Teil des Eichhörnchens an.

„Distrikt 11 ist für Landwirtschaft zuständig, weshalb es viele Anlagen und Felder gibt, die bewirtschaftet werden müssen, jedoch gehen die meisten Anteile der Ernten an das Kapitol, weswegen viele von den größeren Familien hungern. Die Felder und Arbeiten werden auf das Strengste bewacht. Trotzdem ist es in unserem Distrikt sehr schön, auch durch die vielen Blumen und Bäume. Meine Schwester und ich klettern sehr oft und hoch in die Bäume, auch während der Arbeitszeiten, da wir Kinder an die meisten Früchte herankommen." Sagte sie und lächelte zum Schluss hin. Ich lächelte ebenfalls.

„Meine Schwester hat Höhenangst, weswegen sie sich immer bei und ihrer Mutter festhält, wenn wir über den großen Damm gehen, der das Wasser von unserem Distrikt abhält." sagte ich lächelnd und Daliah begann zu lachen.

„Wie lange habe ich denn geschlafen?" fragte ich sie und Daliah biss in ihr Hasenbein.

„Zwei Tage. Ich habe zweimal deine Blätter gewechselt." erklang ihre sanfte Stimme und deutete auf meinen Hals und meinen Oberschenkel.

„Danke. Was ist passiert, während ich bewusstlos war?" fragte ich sie weiter.

„Der Junge aus Distrikt 4 und das Mädchen aus Distrikt 1." Sagte sie und für einen Moment entspannte ich mich, als Adrians Name nicht viel.

„…und der Junge aus…meinem Distrikt?" fragte ich vorsichtig und sie grinste mir von der Seite her anschaulich zu, während sie leicht die Augenbrauen wackelte.

„Also ist alles wahr zwischen dir und ihm…" begann sie lachend, jedoch wurde sie wieder still, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. Mir war die gesamte tragische Liebespaar Angelegenheit immer noch sehr unangenehm, vor allem da ich nie viel von Liebe gehalten hatte. Und jetzt…

„Ich glaube ich habe ihn unten am Fluss gesehen…" beantwortete sie meine Frage und ich nickte schweigend.

„Wo sind die anderen Karriere-Tribute?" fragte ich.

„Sie haben ihre gesamten Vorräte unten am See. Sie haben sie zu einer riesigen Pyramide gestapelt und lassen sie sie am Tage von dem Jungen aus Distrikt 3 bewachen." sagte sie und ich runzelte die Stirn.

„Den Jungen aus Distrikt 3? Dafür lassen sie ihn am Leben?" fragte ich und wir sahen uns beide an. Ich wusste, dass wir beide denselben Gedanken hatten. Irgendetwas war an dieser Tatsache faul.

„Angesehen davon…klingt es ziemlich verlockend." sagte ich zu ihr gewandt und lächelte.

„Was meinst du?" fragte sie und ich lächelte abermals und hielt den letzten Spieß vor uns.

„Wir wissen, wie man jagt…aber trifft das auch für die Karriere-Tribute zu?" fragte ich fast schon provozierend und nun erschien auch auf Daliahs Gesicht ein Lächeln und zusammen aßen wir den letzten Rest des Hasens auf.

Ich wusste, dass wir uns bedingungslos vertrauten. Ich ihr und sie mir. Vor allem merkte ich, dass sie sich nahe an mich kuschelte, als wir zusammen auf einem hohen Baum saßen. Ich drückte sie fester an mich und legte den Schlafsack über uns beide. Mir war bewusst, dass unser Bündnis nicht für immer halten würde. Irgendwann werden wir getrennte Wege gehen müssen.

Fast die gesamte Nacht durch, überlegte ich verbissen, wie wir die Vorräte der Karriere-Tribute vernichten könnten.

„Die grünen Blätter qualmen sehr stark. Wenn du es angezündet hast, lauf sofort zum nächsten Feuer." sagte ich zu Daliah, während wir unser Brennholz zu einem großen Stapel ordneten und grüne Blätter sammelten. Wir hatten insgesamt vier große Feuerstapel, welche wir im Wald verteilt und Daliah nach einander anzünden sollte, während ich die Vorräte der Karriere-Tribute vernichten sollte. Ich legte die grünen Zweige über den Holzstapel und wandte mich an Daliah.

„Das hier zündest du zuletzt an." Sagte ich zu ihr und deutete auf den Holzstapel vor unseren Füßen.

„Wir treffen uns dann wieder an unserem Rastplatz. Wenn alles gut läuft, sehen wir uns beim Abendessen wieder." erklärte ich ihr.

„Wir brauchen ein Signal, falls es eine von uns nicht dorthin schafft!" sagte sie und ich nickte.

„Was für eins?" fragte ich sie und sie blickte lächelnd in die Bäume. Sie zeigte auf mehrere kleinere Vögel in den Bäumen. Ich blickte zu ihnen herauf. Ihr Gefieder war durchgehend weiß bis grau. Ich trat näher und schielte für einen Moment.

„Spottdrosseln." sagte ich leise und Daliah nickte. Sie begann eine kleine Melodie zu summen, wobei die kleinen Vögel bald darauf einstimmten.

„Wunderschön." flüsterte ich und hörte dem wundervollen kleinen Vogelkonzert zu, das über mir erklang.

„Laut der Mythologie, sind die Spottdrosseln durch den Gott Apollo entstanden, dem Gott der Musik. Zuhause benutzen wir sie immer, um uns Signale zu schicken oder wir singen zusammen während der Arbeit." sagte sie und blickte mich auffordernd an. Ich hob eine Augenbraue und pfiff dreimal kurz und einmal lang. Die Vögel in den Bäumen trugen es durch den gesamten Wald.

„Gut…also, wenn wir das hören, wissen wir, dass alles in Ordnung ist und wir bald wieder zurück sind." sagte sie zu mir und ich war einverstanden.

„Wir schaffen das!" sagte ich am Ende zu ihr und umarmte sie innig. Daliah ließ die Umarmung zu und ich ahnte, dass mir der Abschied von ihr nicht leicht fallen würde, ebenso wenig wie ihr Bild, das möglicherweise am Himmel erscheinen würde. Selbst nach solch einer kurzen Zeit, die ich mit ihr verbracht hatte, war sie wie eine Schwester für mich geworden. Einer Schwester, die ich beschützen muss. Einer Schwester, die ich über die Zeit lieb gewonnen hatte. Ich winkte ihr zum Abschied und schlug den Weg zum Füllhorn ein.

Daliah hatte mir einen geeigneten Platz beschrieben, welcher mich unentdeckt, aber gleichzeitig beobachten ließ. Im Dickicht am Waldrand beobachtete ich die drei verbliebenden Karriere-Tribute und den Jungen aus Distrikt 3, welcher einen langen Speer in der Hand hielt und die Umgebung im Auge behielt. Nicht weit von ihrem Lager entfernt, befand sich die aufgestapelte Pyramide, bestehend aus den verbliebenden Vorräten aus dem Füllhorn. Sie wirkte unscheinbar auf mich, jedoch wusste ich, dass an dieser Pyramide irgendetwas faul war. Selbst ich würde keine Lebensmittel frei unter dem Himmel liegen lassen, selbst wenn sie von dem Jungen aus Distrikt 3 bewacht werden würden. Nochmals glitt mein Blick über die Vorräte und meine Stirn runzelte sich leicht, als ich den Boden sah. Es wirkte auf mich, als sei er rundherum ausgegraben und anschließend wieder festgetreten worden. Mein Blick wurde von Sekunde zu Sekunde verwirrter und ich ließ ihn weitergleiten. Ebenso wie bei der Pyramide, waren um unsere Podeste herum der Boden aufgewühlt und wieder zugetreten worden, jedoch wusste ich nicht warum. Noch nicht.

Jemand aus dem Karriere-Lage regte sich und ich sah den Jungen aus Distrikt 1 aufspringen, welcher auf eine Rauchfahne im Wald deutete. Ich grinste leicht und blickte auf das Lager, in welcher die beiden aus Distrikt 2 ebenfalls aufsprangen und zu ihren Waffen griffen.

„Gehen wir! Du hältst Wache, bis wir zurückkommen!" sagte Romano und griff zu seinem Schwert.

Er blickte sich kurz in der Gegend um und für einen kurzen Moment befasste mich die Angst, er könnte mich entdecken. Seine Distriktpartnerin ging auf ihn zu und deutete ungeduldig auf den Rauch.

„Meinst du, sie ist es?" fragte sie und durch ihre Jacke konnte ich ihre Messer aufblitzen sehen, von denen sie unglücklicherweise eine Menge zu besitzen schien. Romano hatte immer noch nicht den Blick in Richtung des Waldes abgewandt.

„Wenn ja, dann mache ich sie auf meine Weise kalt und biete diesen Spielen eine Show, die ihnen noch jahrelang in Erinnerung bleiben wird. Vorwärts!" sagte er laut und rannte zusammen mit den übrigen beiden, die auf Romanos Antwort nur mörderisch grinsten in Richtung der Rauchfahne.

Ich musste kurz schluckten und blickte den davonrennenden Tributen hinterher, wobei meine Augen sich fest auf Romanos Rücken richteten. Meine Zähne hatte ich fest zusammengepresst und meine Augen waren zu Schlitzen geformt, während mein Gesicht grimmige Entschlossenheit ausstrahlte.

„Es würde mich wundern, wenn sein Vater nicht genauso wäre, wie sein Sohn." sagte ich zu mir selbst, jedoch hoffte ich, dass ganz Panem mich gehört hatte. Romanos Entschlossenheit und sein Ehrgeiz mich zu töten, grenzten beinahe an Besessenheit, ebenso wie die Tatsache sein Distrikt mit Stolz und Ehre zu erfüllen. Nachdem die drei Tribute die Ebene verließen, richtete ich meinen Blick wieder auf das Lager, an welchem nur noch der Junge aus Distrikt 3 saß. Ich schüttelte den Kopf.

Irgendetwas musste der Junge gehabt haben, dass sie ihn am Leben ließen.

Plötzlich huschte etwas aus dem Dickicht und rannte auf die Pyramide zu. Geschockt blickte ich zu der Gestalt mit blonden Haaren, welche begann ihre Schritte einzustellen und durch kleine Sprünge zu ersetzen. Mein Blick ging zu dem Jungen aus Distrikt 3, welcher von dem Mädchen Nichts mitbekommen zu scheint und weiterhin die Umgebung beobachtete. Ich blickte wieder zu dem Mädchen, dass an der Pyramide angekommen und sich einige der Vorräte stahl. Erst jetzt erkannte ich ihre Gesichtszüge, die einem Fuchs in Listigkeit und Geschick in Nichts nachtraten. Es war das Mädchen aus Distrikt 6 und ich musste gestehen, dass ihre Taktik unbemerkt zu bleiben und nicht aufzufallen gut funktionierte.

Neugierig beobachtete ich das mir vorliegende Schauspiel des Mädchens, wie sie die Unachtsamkeit und die richtigen Augenblicke abwartete, bis sie zustoßen konnte. Das Mädchen schien ihre Vorräte aufgefüllt zu haben, denn sie sprang schnell und leichtfüßig über den Boden, dass mich jedoch gleichzeitig auf stutzen ließ. Das Mädchen aus Distrikt 6 lief hinter dem Jungen in den Wald, wobei dieser es zu bemerken schien und sich nach allen Richtungen umsah. Langsam und mit erhobenem Speer blickte er sich immer wieder zu dem Lager um, bis er schließlich im Wald verschwand.

Insgeheim dankte ich dem Mädchen aus Distrikt 6 und konnte mich nun vollkommen auf meine Aufgabe die Vorräte zu vernichten konzentrieren.

Die Sprünge des Mädchens erschienen vor meinem inneren Auge und ich blickte abermals über den Boden, der aufgewühlt, jedoch wieder zugestampft war, ebenso wie bei den Podesten.

Meine Gedanken wanderten zu Athalia, kurz bevor ich den Friedenswächtern überlassen wurde.

Gehe nicht zu früh von dem Podest runter, oder sie sprengen dich in Tausend einzelne Teile."

„Mienen! Sie haben die Mienen ausgebuddelt!" sagte ich und blickte fassungslos auf die Pyramide.

Diese Falle war ziemlich effizient und gleichzeitig tödlich. Deshalb haben die Karriere-Tribute den Jungen aus Distrikt 3 am Leben gelassen. Er hatte ihnen versprochen, ihre Vorräte so zu bewachen und in eine tödliche Waffe zu verwandeln, dass es niemand der Tribute wagen würde, sich ihrer Vorräte zu bedienen.

„Clever!" sagte ich und blickte auf den Waldrand, wo bereits das zweite Feuer brannte und mir gleichzeitig sagte, dass meine Zeit schnell davon lief. Ich biss mir auf die Lippe und ließ meinen Blick über die Pyramide gleiten, bis ich an einem Netz voller Äpfel hängen blieb.

Eine Idee formte sich in meinen Gedanken und ich trat vorsichtig aus dem Dickicht. Ich blickte mich nach allen Seiten um und nahm einen Pfeil aus dem Köcher, als ich niemanden entdecken konnte.

Ich legte ihn in meinen Bogen ein und richtete meine komplette Aufmerksamkeit auf das Netz voller Äpfel. Wenn ich Recht behielt mit den Mienen, dann würden die Karriere-Tribute sie rundherum verteilt haben, sodass eine einzige Berührung, alle Mienen auslösen würde.

Ich spannte den Pfeil und konzentrierte mich ganz auf mein Ziel, das Netz zu durchtrennen.

Der erste Pfeil traf das Netz an der unteren Außenseite. Ich atmete kurz durch und trat noch einen Schritt auf die Ebene. Mir war bewusst, dass mir im Moment ganz Panem zusah, was meine Nervosität ungewollt steigerte, ebenso wie die Tatsache, dass die Karriere-Tribute jeden Moment aus dem Wald kommen und mich entdecken würden. Ich nahm einen weiteren Pfeil aus dem Köcher und legte ihn in die Sehne meines silbernen Bogens ein.

„Konzentrier dich!" sagte ich zu mir selbst und spannte den Bogen. Die Sehne war an meiner Wange, während ich meine rechte Hand mit meinem Kinn fixierte. Sie zitterte leicht und ich brachte es unter Kontrolle, indem ich mehrmals tief ein und wieder ausatmete. Mein Herzschlag und mein Atem verlangsamten sich und meine grauen Augen waren komplett auf den unteren Bereich des Netzes gerichtet. Ich atmete ein letztes Mal stark ein und schoss.

Der Pfeil zischte durch die Luft und erweiterte das von meinem ersten Pfeil entstandene Loch, sodass die Äpfel aus dem Sack die Pyramide runter kullerten. Der erste Apfel berührte den Boden und löste die erste Explosion aus. Darauf folgte eine Kettenreaktion und ich wurde durch ihre Wucht nach hinten geschleudert. Ich kam auf dem Bauch auf, wobei mir sämtliche Luft aus der Lunge gepresst wurde. Der Boden unter mir bebte und eine erneute Explosion hallte durch die Ebene. Ich wagte einen kleinen Blick zur Seite und sah, dass die Mienen ganze Arbeit geleistet hatten. Ich richtete mich langsam auf und ein kleines Piepen durchfuhr meine beiden Ohren. Ich schüttelte den Kopf wurde ihn jedoch nicht los. Meinen Bogen hielt ich fest umklammert, während ich auf das Chaos vor meinen Augen blickte. Nichts von den Vorräten war übrig geblieben. Auch das Lager der Karriere-Tribute war durch die Wucht der Explosion beschädigt und zur Seite geschleudert worden. Langsam richtete ich mich auf und bemerkte, dass meine Knie zitterten, als ich auf das Dickicht zusteuerte. Ich konnte mich kaum aufrechthalten, als ich schließlich im sicheren Dickicht zusammenbrach und auf die Überreste blickte.

Keinen Moment später erschienen die Karriere-Tribute und der Junge aus Distrikt 3 aus dem Wald und liefen auf ihre Überreste zu. Romano ist dermaßen außer sich, dass er aus Verzweiflung mehrmals beginnt sein Schwert in den Boden zu rammen, als sei dieser eines der Tribute. Die anderen beginnen in den Überresten nach verbliebenden heilen Resten auszuschau zu halten, jedoch wusste ich, dass sie keine finde würden. Der Junge aus Distrikt 3 stand an der Seite und blickte mit bleichem Gesichtsausdruck auf sein Werk. Romano schien seine erste Wut-Phase überwunden zu haben, denn nun richtete er seine komplette Aufmerksamkeit auf den Jungen. Selbst von meinem Standpunkt aus, konnte ich den blanken Hass und den Zorn erkennen, sodass selbst ich zusammenzuckte. Er ging auf den Jungen zu und warf dessen Speer weit von sich.

„Warum hast du nicht aufgepasst!" schrie er wütend und ich duckte mich noch weiter in das Dickicht.

Der Junge stammelte einige kleine Entschuldigungen von sich und hob beruhigend seine Hände. Romano jedoch schien anderer Ansicht zu sein, denn er wuchs einige Meter höher und schrie den Jungen mit den übelsten Schimpfwörtern an, die ich jemals gehört hatte. Der Junge begann zu zittern und drehte sich in Richtung des Waldes, um wegzurennen. Romano schien dieser Gedanke ebenfalls zu kommen, denn er griff nach dem Jungen und rammte ihm sein Schwert in den Rücken.

Ich konnte mir das nicht weiter ansehen und huschte schnell zurück in das Dickicht und in den schützenden Wald hinein. Meine Beine hatten sich in der kurzen Zeit wieder beruhigt und auch in meinen Ohren hatte das Piepen nachgelassen. Ich rannte in schnellem Tempo durch den Wald.

An dem verlassenen und ehemaligen Jägerwespennest blieb ich stehen und richtete meinen Blick auf die Bäume um mich herum. Ich pfiff die drei kurzen und den langen Ton und hörte daraufhin bald die Melodie im gesamten Wald. Langsam ging ich weiter und wartete auf Daliahs Rückmeldung. Als keine ertönte rannte ich schnell in Richtung des letzten Feuers und blieb stockend stehen, als ich es

unangezündet entdeckte. Sorge kroch in mir hoch und ich blickte panisch zu allen Seiten.

„Zerena!" schrie eine Stimme und mein Kopf schnellte in dessen Richtung. Meine Augen waren schock geweitet und ich rannte mit einem eingelegten Pfeil in Daliahs Richtung. Ich hörte ihre panischen Schreie und beschleunigte mein Tempo.

„Zerena!" schrie sie zitternd weiter und ihre Stimme bohrte sich in mich hinein. Ich sprang über den umgestürzten Baumstamm, an dem ich aufgewacht war und erkannte von weitem bereits Daliah, die in einem Netz gefangen auf dem Boden liegt. Über ihr ragte der Junge aus Distrikt 1, welcher ihr seinen Speer in den kleinen Körper bohrt und ihre braunen Augen sich sichtlich weitete. Tränen brannten in meinen Augen, als ich sie sah und blickte den Jungen zornig an. Mein Körper begann unkontrolliert zu zucken und Funken sprühten um uns herum. Ich im nächsten Moment steckte ein Pfeil in seinem Hals, während er röchelnd nach hinten flog, als hätte ihn eine nicht erkennbare Kraft nach hinten geschleudert. Er stieß gegen einen Baum und blieb am Boden liegen, während kleine Stoße durch seinen Körper krochen und er zu zucken anfing.

Ich achtete nicht weiter auf ihn, jedoch knisterte immer noch die Luft um uns herum, sodass an manchen Stellen kleine Funken glühten. Ich rannte auf Daliah zu, die ihren Körper um den Speer herum verkrampfte. Ich schnitt mit dem Messer das Netz auf und holte den Speer aus ihrem Körper.

Sie röchelte kurz auf, als die Waffe ihren Körper verließ. In ihren braunen Augen begannen sich Tränen zu bilden. Ich ging neben ihr auf die Knie und betrachtete voller Sorge die Wunde. Das Blut verteilte sich auf ihrem T-Shirt und ich wusste, dass ich keine Möglichkeit hatte ihr zu helfen, egal wie sehr ich es wollte.

„Alles okay. Alles okay. Alles okay." flüsterte ich ihr leise zu und in meinen grauen Augen bildeten sich ebenso Tränen. Ich kroch näher zu ihr und umschloss mit meinen Armen ihren Oberkörper und zog sie zu mir.

„Dir passiert Nichts." erklang meine Stimme und eine kleine Träne rollte sich meine Wange hinunter.

Sie streckte ihre Hand aus und ich ergreife sie.

„Hast du ihre Vorräte in die Luft gesprengt?" fragte sie leise und ich nickte lächelnd.

„Ja. Bis auf das letzte Bisschen!" sagte ich und sie lächelte ebenso leicht, wie ich es tat. Mein Blick wanderte zu dem Jungen aus Distrikt 1, der tot auf dem Boden lag. Mein Blick wurde abermals zornig und ich musste mich zusammenreißen, ihn nicht in einzelne Teile zu zerschneiden.

„Du musst gewinnen." erklang die Stimme von Daliah und ich blickte sie wieder an.

„Das werde ich. Für uns beide werde ich jetzt gewinnen." versprach ich ihr und meinte jedes meiner gesagten Worte ernst. Eine Träne löste sich nun auch aus Daliahs Auge und kullerte ihre Wange hinunter.

„Kannst du singen?" fragte sie mich und mein Blick wurde für einen Moment verdutzt, ehe ich schließlich nickte. Ich schniefte kurz auf und eine weitere Träne löste sich.

Klingen die Signalhorn jetzt
spielen Sie es nur für mich.
Im Wandel der Jahreszeiten
erinnern, wie ich früher war.
Jetzt kann ich nicht gehen
kann ich nicht einmal zu starten.
Ich habe nichts mehr,
nur ein leeres Herz.

Ich bin ein Soldat
verwundet, so muss ich den Kampf aufzugeben.
Es gibt nichts mehr für mich
führen mich weg ... oder lassen Sie mich hier liegen.

Klingen die Signalhorn jetzt
sagen, ist mir egal.
Es gibt nicht eine Straßen Ich
weiß, dass zu jedem Ort.
Ohne Licht, fürchte ich, dass ich
in der Dunkelheit stolpern.
Legen Sie hin entscheiden, ob sie weitergehen.

Dann von oben
irgendwo in der Ferne.
Es ist eine Stimme, die ruft
erinnern, wer Sie sind.
Wenn Sie verlieren Sie sich
Ihren Mut in Kürze folgen.

So stark sein heute Abend
erinnern, wer Sie sind.

Du bist ein Soldat jetzt
kämpfen in einer Schlacht.

Um wieder frei sein,
das ist, zu kämpfen lohnt.

(Ton der Signalhorn-Bryan Adams)

Daliah sah mich mit Tränen nassem Gesicht an und nickte.

„Wunderschön." sagte sie leise und richtete ihren Blick kurz auf ihre Hand. Ich folgte ihrem Blick und entdeckte ein aus Leder geflochtenes Armband, in dessen Mitte eine große rote Blume befestigt war.

„Eine Mohnblume. Meine Mutter schenkte es mir, kurz nach meiner Geburt. Ich habe sie nie kennengelernt. Ich bitte dich…sie meiner Schwester zu geben, wenn…" begann sie und noch mehr Tränen stiegen ihr in die Augen und auch ich konnte mich nicht länger zurückhalten. Die Tränen flossen meine Wangen hinunter. Ich nickte schweigend und hielt ihre Hand fester. Sie lächelte mir ein letztes Mal zu und blickte von meinem Gesicht über meinen Hals.

„Ich glaube an dich…immer." sagte sie leise zu mir und ihre braunen Augen wurden glasig. Ich sah, wie das Leben aus ihr schwand und ich nichts tun konnte, um sie zurückzuholen. Noch immer sangen die Spottdrosseln mein Lied und wollten es nicht beenden. Sanft schloss ich ihre Augen und legte ihren Oberkörper vorsichtig wieder auf das weiche Gras.

Ich wusste nicht, wie lange ich neben ihr kniete und ihre Hand hielt, jedoch wollte ich nicht von ihr lassen. Ich schloss den Reißverschluss der Jacke, sodass man die hässliche Wunde nicht mehr sehen konnte. Noch immer war mein Gesicht feucht von meinen Tränen und ich nahm ihr zitternd an Armband ab und legte es mir um. Die Farbe der Mohnblume leuchtete mir entgegen und ihn ihr konnte ich das Gesicht von Daliah erkennen. Ich blickte zu ihrem kleinen Körper und schüttelte den Kopf. Ihr würde keine Beerdigung zuteilwerden, wie sie es verdient hatte. Sie würde von einem Hovercraft nach oben gezogen und dann in einem kleinen Holzsarg nach Hause geschickt werden, wo ihre Familie um sie trauern konnte. Ich blickte mich um und stand auf.

Ich lief eine Weile durch den Wald und entdeckte nicht weit von mir eine Blumenwiese. Ich nahm mein Messer und begann einen großen Strauß weißer Blumen für sie zu pflücken. Meine beiden Hände waren voller Blumen, als ich zu ihr zurückkehrte.

Ich wusste, dass mir ganz Panem über die Schultern sah und ich wollte es auch nicht anders. Jeder sollte sehen, dass mir ihr Tod näher ging, als alles andere. Ihr wurde eine Ehre zuteil, die den anderen Tributen über die Jahre verwehrt geblieben war. Nach und nach legte ich die Blumen um sie herum. Keine einzige freie Stelle war unbedeckt von weißen Blumen und selbst ihr Haar hatte ich nicht ausgelassen. Ein kleiner Blumenkranz saß nun auf ihrem Kopf. Ich ging zurück zur Wiese und pflückte andere Blumen. Gelbe, rote und blaue, die ganz in der Nähe zu finden waren und legte den Strauß voller Blumen in ihre Hände. Zum Schluss küsste ich ihre Stirn und richtete mich auf. Ich griff zu meinem Bogen und entfernte mich langsam von ihr. Ich drehte mich zu ihr um und richtete meinen Blick in den Himmel. Jeder sollte sehen, was ich in diesem Moment empfand. Jeder sollte sehen, was diese Spiele anrichteten. Jeder sollte sehen, dass unschuldige bei diesen Spielen umkamen.

Ich nahm meine rechte Hand und legte meine drei mittleren Finger auf meine Lippen, ehe ich sie in den Himmel streckte. Mein Blick zeigte wilde Entschlossenheit. Die Entschlossenheit diese Spiele zu gewinnen. Für Liliana und nun auch für Daliah.