Autorin: DQRC

Übersetzerin: ich

Twilight gehört Stephenie Meyer.


My hands shake 'cause today
I know you're gonna break my heart and
my life without you in it
is a life that's not worth living.
I'll be strong but I wish I was someone else
anyone but me tonight

(Here I Stand von Madina Lake)


Wettlauf gegen die Zeit

E-POV

Von dem Moment an, als ich als Vampir wiedergeboren wurde, hatte ich mit meinem Gewissen zu kämpfen gehabt. Als Mensch hatte ich nie einer anderen Person in meinem Leben wissentlich Leid zugefügt und mich immer für meinen unbeirrbaren Sinn für Moral und Ethik gelobt. Doch dann erwachte ich zwei Monate vor meinem achtzehnten Geburtstag in einem Krankenhaus vom Tode durchsetzt, um in ein Paar besorgte gelbe Augen zu blicken, und wusste, dass mein Leben nie wieder dasselbe sein würde.

Meine Reaktion, als ich von Carlisles Identität erfuhr und infolgedessen erkannte, was ich selbst geworden war, lässt sich, glaube ich, nur mit der eines Mannes vergleichen, der erwacht, um sich im tiefsten Kreis der Hölle wiederzufinden. In den verstreichenden Jahren kämpfte ich gegen meine Instinkte an, erfüllt von Scham und Ekel über das, was ich war und was ich tun musste, um zu überleben. Ich wurde unaufhörlich von einem durchdringenden Gefühl des lähmenden Selbsthasses verfolgt, ein Gift, das ich, wie ich bald herausfand, nur loswerden konnte, indem ich meine Wut auf die eine Person richtete, die sie am wenigsten verdiente: Carlisle. Er sagte mir immer, die Stärke meiner Schuldgefühle sei eine Subjektivität meines Charakters und Mitgefühls, und behauptete unaufhörlich, es wäre ein Zeichen für die Reinheit meiner Seele.

Unsere Gespräche – bei denen ich schrie und er unbeirrt ruhig blieb, was meinen Zorn nur noch weiter anfachte – schweiften innerhalb von Sekunden vom Buchstäblichen ins Metaphysische ab und endeten immer bei meiner Seele, oder deren Nichtexistenz. Wir führten endlose Diskussionen über dieses Thema, bei denen ich ihm im typischen Teenagermanier jedes Wort im Mund verdrehte und ihn mit einer Mischung aus Beleidigungen und Anschuldigungen überhäufte, während jede Äußerung nur dazu führte, dass ich mich selbst noch mehr verabscheute.

Und dennoch … so sehr ich meine Taten damals verabscheut hatte und trotz der quälenden Gefühle von Scham und Ekel, die mich jedes Mal geplagt hatten, wenn ich mein Bild im Spiegel sah, war das nichts gewesen, nichts, im Vergleich dazu, wie ich mich heute Nacht fühlte. Da war ich; da stand ich in dieser schneebedeckten Auffahrt und beobachtete, wie der Grund meiner Existenz vor mir in Stücke fiel.

Bella stand bis zu den Schienbeinen im Schnee, ihre Kleider waren durchnässt und zerlumpt und ihre Schultern hoben sich mit untröstlichen Schluchzern. Sie hatte den Kampf gegen die Tränen aufgegeben und sie fielen jetzt ernsthaft; den Schneeflocken, die uns umgaben, nicht unähnlich, als sie unter ihren Augenlidern hervorquollen und glitzernde Spuren auf ihrer Haut hinterließen, die ihr sonst perfektes Gesicht verunzierten, als sie sich mit zitternden Atemzügen zwang, den Rest ihrer verheerenden Geschichte zu berichten.

Brady. Ich hatte den Jungen nie getroffen, doch seinen Namen zu hören, brachte fast so viel Schuld über mich herein wie der Anblick dieser verstörten, gebrochenen Bella. Er hat sie gerettet. Werwolf oder nicht, er hatte getan, was ich nicht getan hatte, er hatte Bella vor – ich scheute sogar davor zurück, den Namen zu denken – Victoria beschützt.

Wie konnte ich nur so ein Narr sein? schalt ich mich, als ich mehr und mehr von Bellas Geschichte hörte. Wie hatte ich auch nur eine Sekunde lang denken können, sie würde in Sicherheit sein? Wann war Bella jemals in Sicherheit gewesen? Aber nein, ich konnte nicht einmal daran denken, ihr die Schuld an der entsetzlichen Wendung, die die Ereignisse genommen hatten, zu geben. Es war ganz und gar mein Verschulden. Nichts davon wäre passiert, wenn ich nicht so arrogant und halsstarrig gewesen wäre. Ich hätte Bella so viel Leid und Kummer ersparen können, wenn ich nur auf die Proteste meiner Familie gehört hätte, als sie mich vom Gehen abzuhalten versuchten.

In den Worten von Bellas Lieblingsheldin – „Wie beschämend habe ich mich aufgeführt! Ich, die ich mir so viel auf mein Urteilsvermögen zugutegehalten habe!" Noch nie hatten diese Worte für mich eine solche Bedeutung gehabt wie jetzt. Die ganze Zeit über war ich mir sicher gewesen, dass ich das Richtige tat, und doch hatte sich herausgestellt, dass mein Handeln Bella nicht nur in größere Gefahr als je zuvor gebracht, sondern ihr dabei auch noch gründlich das Herz gebrochen hatte.

"-natürlich konnte er nach diesem Vorfall nicht länger zuhause bleiben. Seine Eltern konnten nicht rund um die Uhr auf ihn aufpassen, also blieb ihnen keine andere Wahl, als ihn in die psychiatrische Station im Krankenhaus einzuweisen. Seitdem ist er dort." Bella sah zu mir auf, ihre Augen immer noch voller Tränen. Mir fiel auf, dass ich zu ihr gegangen war, konnte mich aber nicht erinnern, die bewusste Entscheidung dazu getroffen zu haben. Ich konnte die menschliche Wärme fühlen, die von ihrem Körper ausging und die ich durch die Kälte um uns herum nur noch deutlicher wahrnahm, sie zog mich wie ein Magnet an, jeder Nerv in meinem Körper schrie danach, sie zu berührten. Sie schaute zu mir auf und ihre großen braunen Augen schwammen vor Kummer und Schmerz – den ich ihr zugefügt hatte – und ich fühlte, wie sich mein Widerstand auflöste.

"Bella, es tut mir so leid, ich wusste ja nicht…", murmelte ich, als ich mich herunterbeugte, um die Arme um sie zu legen. Es war natürlich überaus anmaßend von mir – nach all den Dingen, die sie mir heute Nacht gesagt hatte, nach all den Anschuldigungen, die sie mir an den Kopf geworfen hatte, hätte ich wissen sollen, dass sie mich abweisen würde.

"Nein, Edward!" Ihre Stimme schallte durch die Stille, als sie die Arme hob und meine Umarmung abwehrte. Wäre die Situation nicht so niederschmetternd gewesen, wäre diese Bewegung schon fast komisch in ihrer Zwecklosigkeit gewesen. Als könnte sie sich, zerbrechlich und schwach wie sie war, je gänzlich gegen meinesgleichen schützen. Ich beobachtete Bella, und der Schmerz in ihren Worten durchbohrte mein Herz wie Stacheldraht. „Du kannst mich nicht einfach berühren und alles wiedergutmachen; das hätte vielleicht funktioniert, als ich achtzehn war, aber nicht jetzt; nicht nach allem, was passiert ist. Nicht nach Victoria, nicht nach Brady. Ich habe dich so geliebt…"

Bei der Verwendung der Vergangenheitsform hätte ich mich fast vor Qual gekrümmt. Ich habe dich so geliebt… Wenn ich ihr doch auch nur so leicht entkommen könnte. Ich hatte ihr schon gesagt, was ich empfand – hatte es sogar in die Nacht hinausgeschrien – aber sie hatte bis jetzt nicht direkt auf meine Liebeserklärung geantwortet, sondern sich stattdessen darauf konzentriert, mir Vorwürfe zu machen, wie ich es auch verdient hatte. Würde sie nun den Rest meiner vergeblichen Hoffnungen auf Versöhnung für immer vernichten?

Ich sah sie an und mein Körper verkrampfte sich, als ich mich auf die unausweichlichen Worte ihrer endgültigen Zurückweisung gefasst machte. „Ich liebe dich immer noch." Schock, Ungläubigkeit und Freude fegten durch mich hindurch. Sie liebte mich immer noch, trotz allem, was ich ihr angetan hatte? Trotz allem, was sie gesagt hatte, trotz all dem Schmerz, den ich ihr zugefügt hatte? Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Bella war noch nicht fertig. „Ich hasse dich", flüsterte sie, und ich wich bei den Worten zurück. „Weil du gegangen bist und weil du nicht wieder zurückgekommen bist; ich hasse dich, weil deine Gründe zu gehen so blödsinnig waren, weil ich die letzten sechs Jahre meines Lebens damit zugebracht habe, um dich zu weinen, und weil ich Jacobs Herz gebrochen habe, als ich nicht über dich hinwegkommen konnte." Ich wollte sie unterbrechen, aber ich konnte nicht; alles was ich tun konnte, war hilflos dazustehen, während Bella all die Arten auflistete, auf die ich sie in Stücke gerissen hatte, wodurch ich sowohl mein Herz als auch ihres gebrochen hatte. Ihre Worte und Tränen fielen wie Messer, sie schlitzten mich auf und ließen meinen Körper vor Scham zittern.

"Aber am allermeisten", fuhr Bella fort, als sie mich durch ihre Tränen hindurch fixierte, "hasse ich dich dafür, dass du nicht begriffen hast, dass Victoria mich jagen w-würde, und d-dass Brady st-stirbt und dass du nicht da warst, um mich zu r-retten, wie du es immer gesagt hast." Ich würde mir nie, könnte mir nie verzeihen, was ich ihr angetan hatte. Ich würde nie wiedergutmachen können, wie viel Leid ich diesem wunderbaren Wesen zugefügt hatte, ganz gleich, wie viele Ewigkeiten ich überdauerte.

"Aber trotz alledem", sie atmete tief durch, versuchte, sich zu beruhigen, „liebe ich dich immer noch so sehr, dass es wehtut. Ich würde immer noch alles geben, um bei dir zu sein, dafür, dass du nie gegangen wärst und dafür, wieder mit dir zusammensein zu können. Und ich verabscheue mich dafür, dass ich so bin, so schwach und abhängig und-" Und dann, als ich diese Gefühle hörte, die meine eigenen so wiederspiegelten, verlor ich sämtliche Überreste meiner Selbstkontrolle.

Ohne nachzudenken, ohne auch nur einen Moment an die Folgen zu denken, schlang ich die Arme um Bella und zog sie an mich, ich zerdrückte ihren weichen Körper beinahe, als ich sie mit fieberhafter Leidenschaft küsste. Es war ein irrsinniges, unerhörtes, schändliches Benehmen – gegen alles, was man mir beigebracht hatte – aber plötzlich war es mir egal. Das Einzige, was zählte, war Bella – die Hitze ihres Kusses, wie ihre Hände sich um meinen Hals klammerten und das wunderschöne Pochen ihres Herzens. Ich hatte kaum Zeit, mich gegen den unvermeidlichen Rausch der Blutlust zu wappnen, doch als sie kam, war es einfach, fast lächerlich einfach, zu widerstehen. Wenn ich das nur auch für die anderen Arten der Lust behaupten könnte … Ich fühlte, wie Bella den Kuss vertiefte und instinktiv ihre Hüften gegen meine drückte, und stöhnte, als meine Hände sanft über die Kurven ihrer Taille fuhren. Ich hatte gedacht, meine Erinnerung wäre einwandfrei, und doch war das hier besser als alles, an das ich mich erinnern konnte; Bella war besser als ich mich erinnerte.

Aber dann, nur Sekunden nachdem er begonnen hatte, endete mein Moment im Himmel. Ich fühlte, wie Bella ihre Hände gegen meine Brust drückte und mich wegzuschieben versuchte. Ich mochte in den letzten Sekunden die meisten Regeln der Etikette über Bord geworfen haben, doch nicht einmal ich war so nieder, mich einer Frau gegen ihren Willen aufzudrängen. Ich ließ sie sofort los und trat einen Schritt zurück, während ich mich fragte, ob mein überstürztes Handeln eine weitere Runde von Schreien nach sich ziehen würde. Bella starrte mich mit geröteten Wangen, leuchtenden Augen und geschwollenen Lippen an und sah so wunderschön aus, dass es mir schwer fiel, mich nicht erneut auf sie zu stürzen. Was ist mit mir passiert? dachte ich ungläubig. Seit über einem Jahrhundert lebe ich ein enthaltsames Leben, aber ein Kuss nach einer sechsjährigen Trennung von Bella, und ich verliere jedes Gefühl für Anstand.

Bella starrte mich mit einem Gesichtsausdruck an wie jemand, dem man einen Knüppel über den Kopf gezogen hatte. „Ich…", stotterte sie mit zitternder Stimme. Schau, was du angerichtet hast!, beschuldigten mich meine Gedanken, Sie wollte das nicht, Edward, aber du hast dich ihr aufgezwungen! Ich fühlte erneut Scham in mir aufsteigen, diesmal gefärbt mit Demütigung. Meine Eltern hätten sich meiner geschämt. „Ich muss gehen", hauchte Bella und senkte die Augen, anscheinend zu aufgebracht, um meinem Blick zu begegnen. „T-tut mir leid… ich…" Sie versuchte nicht einmal, ihre gemurmelte Entschuldigung zu beenden, sondern wirbelte auf dem Absatz herum und stolperte durch den Schnee von mir weg auf ihr Motorrad zu. Ich war so damit beschäftigt, mich für mein verwerfliches Handeln zu schelten, dass ich nicht einmal daran dachte, sie davon abzuhalten, auf ihr Motorrad zu steigen, bis sie den Motor aufheulen ließ.

"Nein, Bella, warte", rief ich. Ich konnte sie bei diesem Wetter nicht heimfahren lassen, schon gar nicht nach dem, was gerade passiert war. „Es tut mir leid, ich wollte nicht-" Es nutzte nichts. Selbst wenn sie mich über den heulenden Motor hinweg hören konnte, war ich mir sicher, dass sie nicht antworten würde. Ich sah nur hilflos zu, wie sie von mir wegfuhr, aus meiner Auffahrt und aus meinem Leben raste, vielleicht für immer. Mein Leben würde nun das bisschen Bedeutung, das es in den letzten paar Wochen gewonnen hatte, verlieren – die zeitweilig sonnengefüllten Himmel würden sich wieder zu einer Ewigkeit der schwärzesten Nacht verdunkeln. Bella noch einmal zu verlieren, nachdem ich die Chance gehabt hatte, ihr Vertrauen zurückzugewinnen, war unerträglich. Ich stand im Schnee, unfähig, mich zu bewegen, als das Ausmaß dessen, was sich gerade ereignet hatte, über mich hereinbrach.

Edward! Was machst du da? Lauf ihr hinterher!

Ich hörte die Gedanken und Rufe meiner Familie, als sie auf mich zu rannten, aber ihre Worte bewegten mich nur so, wie Regentropfen einen Stein bewegt hätten. Ich starrte nur mit blinden Augen in den fallenden Schnee, die einzelnen Flocken verschwammen zu einer Fläche aus bedeutungslosem Weiß. Weiße Mauern, weiße Haut, weißer Schnee…

- Edward, ich weiß, du bist durcheinander, aber du solltest wirklich – Herrgott nochmal, sei kein Depp, lauf ihr nach – Sie war total verstört, du kannst sie doch nicht –

Ich ignorierte sie weiterhin, ihre Gedanken schwirrten durch mein Gehirn wie wertloser Brei. Was konnte ich auch tun? Ich war machtlos. Bella war fort; sie war mir nicht vom Tod oder von einem Helden geraubt worden, sondern als Ergebnis meiner eigenen Idiotie. Ich konnte ohne sie nicht mehr existieren – so viel war klar. Das ließ mir eine einzige, grässliche Alternative; dieselbe Alternative, mit der ich vor all diesen Jahren geliebäugelt hatte, als es schien, als würden wir einen aussichtslosen Kampf gegen die Zeit führen, die uns noch blieb, um Bella vor James zu retten…

Aber dann, gerade als meine Gedanken in dunklere, zuvor vergessene selbstzerstörerische Pläne abzusinken begannen, durchdrang ein entsetzter Schrei die Stille und riss mich aus meiner Träumerei.

"EDWARD!"

Es war Alice – ihre panische Stimme schnitt durch die Nacht wie ein Dolch, ließ die anderen erschüttert verstummen. Ich konnte ihre Gedanken nicht hören –ein Anzeichen, dass sie meilenweit entfernt war – aber wir konnten alle hören, wie sie und Jasper auf uns zu rannten – ihre Füße schlugen auf den schneebedeckten Boden wie Begräbnistrommeln bei einer Hinrichtung. „EDWARD, EDWARD!" Die Gedanken meiner Familie gaben meine eigenen wieder; was um alles auf der Welt war passiert?

Dann, als Alice näher kam, waren ihre Gedanken plötzlich in Reichweite, und ich wurde mit voller Wucht von einer unglaublich detaillierten, überaus neuen Vision getroffen.

Bella auf ihrem Motorrad, sie achtet nicht auf die Straße, als sie zwischen den Bäumen hindurchjagt; sie rast um die Kurve zur Straße hinaus; ihre Menschenaugen sehen den entgegenkommenden Lastwagen nicht durch den dicken Schneefall; er schlingert ziellos auf sie zu; das Kreischen des Motorrads, als sie zu entkommen versucht; das Knirschen von Metall auf Eis, als es auf sie fällt; Bella, begraben, eingeklemmt zwischen Motorrad und Straße, verliert sie das Bewusstsein, nur Meter vom Tod entfernt…

Erst nach einer Zehntelsekunde fiel mir auf, dass ich zu rennen begonnen hatte.

Noch eine Zehntelsekunde und ich hatte schon fast zehn Meter überbrückt.

Es war keine Zeit für Worte – keine Zeit, Alices Worte anzuhören oder die verwirrten Rufe meiner Familie zu beachten. Alice konnte sich um sie kümmern. Ich konnte nur eines denken, als der schneebedeckte Boden unter meinen Füßen dahinflog.

Bella

Meine Bella

Oh Gott, Bella.

Ich konnte hören, wie meine Familie die Verfolgung aufnahm, aber sie hatten nicht die geringste Chance, an meine Geschwindigkeit heranzukommen. Ich rannte schneller als je zuvor, mein Inneres brannte wie Feuer und meine Füße berührten den Boden kaum, als ich auf … auf was jagte ich eigentlich zu? Verdammnis, Katastrophe, Desaster? Oder Rettung, Vergebung, eine Chance zur Umkehr?

Ich wusste die Antwort nicht.

Lauf, Edward, um Himmels Willen, lauf!

Ich war jetzt so nahe an der Straße. Mit jedem Schritt, den ich tat, flackerten Alices Visionen hin und her, wurden deutlich und verschwanden wieder:

- Bella wird gerettet; Bella wird von dem Lastwagen zerschmettert; Bella mit blutüberströmtem Gesicht; das Motorrad geht in Flammen auf, Bella liegt noch darunter –

„NEIN!"

Ich fühlte nicht, wie das gebrüllte Wort meinen Mund verließ; ich hörte nur, wie es durch die Luft schoss, zwischen den Bäumen widerhallte und alles übertönte, sogar das Kreischen des Lastwagens in der Ferne. Ich wurde kurz von einer weiteren Vision von Alice betäubt – diesmal eine Nahaufnahme von dem Gesicht des Fahrers, die bestätigte, was ich bereits vermutet hatte – er war übernächtigt und betrunken, sein alkoholisiertes Gehirn begriff kaum das Ausmaß der Zerstörung, die sich gleich vor seinen Augen entfalten würde. Gut, dachte ich wild, ich werde mich nicht so schuldig fühlen, ihn zu töten.

SCHNELLER.

Ich steckte alles, was ich hatte, in die letzten fünfzehn Meter, meine eiskalten Muskel schrien protestierend auf, als ich mich härter antrieb als je zuvor und auf den Schwingen einiger zuvor verborgener Überbleibsel der durch Wahnsinn hervorgerufenen Kraft aus der Ausfahrt schoss und auf die Hauptstraße zuflog.

Da, zu meiner Rechten, war der riesige LKW, seine gewaltigen Räder drehten durch und rutschten mit ungeheurer Geschwindigkeit über das Eis, und dort, auf dem Boden, gerade mal drei Meter von seinen Rädern entfernt, lag Bella. Sie war unter ihrem Motorrad eingeklemmt, ihr Kopf hatte sich nicht von der Stelle bewegt, an der ich ihn auf dem Eis aufschlagen gesehen hatte, und ihr Gesicht war von ihren langen Haaren bedeckt.

Die Straße war zum Glück frei von anderem Verkehr, und ich warf mich in Richtung des Fahrzeugs. In dem Sekundenbruchteil, den ich innegehalten hatte, um dem LKW einen Blick zuzuwerfen, hatte meine Familie zu mir aufgeschlossen, und ich konnte in ihren Gedanken sehen, dass Carlisle, Jasper und Emmett es mir gleichtaten.

Unsere Körper trafen den Lastwagen mit der kollektiven Kraft eines Güterzugs, wodurch dieser ins Schlingern geriet und umkippte.

"EMMETT, JASPER, GEHT ZUR ANDEREN SEITE UND FANGT IHN AUF!" Bis ich den Befehl gebrüllt hatte, war es jedoch schon zu spät. Der Lastwagen war auf die Leitplanke geknallt, die die beiden Straßenseiten voneinander abgrenzte, sodass verbogene Bruchstücke aus Metall, Beton und Mauersteinen in alle Richtungen flogen. Instinktiv hechtete ich zu Bella, doch bevor ich weiter als einen Meter gekommen war, brach der entgleiste LKW in Flammen aus.

Ich hörte Emmett heftig fluchen. Feuer. Das Einzige, das Vampire fürchteten, abgesehen natürlich von anderen Vampiren. Theoretisch konnten die Flammen allein unsere Haut nicht durchdringen, doch das hinderte sie nicht daran, schmerzhaft, manchmal geradezu qualvoll zu sein. Das war genug, um jeden normalen Vampir Feuer wie die Pest meiden zu lassen.

Aber ich war nicht irgendein normaler Vampir, und es war kein Geheimnis, dass ich ein Masochist war.

Bevor mich irgendjemand davon abhalten konnte, hechtete ich auf das Inferno und Bella zu. Sie lag gefährlich nahe bei den lodernden Trümmern des Lastwagens, ihr Körper war unbewegt und leblos. Ich lief nach vorne, um sie in meine Arme zu heben, aber als ich ihr näherkam, explodierte etwas im Wrack des Lastwagens und ein verdrehter Haufen aus brennendem Metall schoss heraus und landete zwischen Bella und mir. Ich ballte die Fäuste. Jetzt gab es wirklich keinen anderen Weg mehr.

„EDWARD, NICHT!"

Ich hörte Alices Schrei Sekunden bevor ich mich bewegte, aber ich beachtete ihn nicht– jetzt war keine Zeit für Vernunft. Ohne eine weitere Sekunde zu zögern, tauchte ich in die Flammen.

Trotz der unglaublichen Geschwindigkeit, mit der ich mich bewegte, fühlte ich den Schmerz, als das Feuer auf meine Haut traf. Meine Kleider begannen sofort zu brennen, als die Flammen wie gegabelte Zungen über meinen Körper leckten und eine Spur der Zerstörung zurückließen. Binnen einer Sekunde war ich durch das Feuer und auf der anderen Seite, wo Bella zerdrückt am Boden lag. Meine Kleider brannten immer noch, und der Schmerz stieg mit jeder Sekunde weiter an, doch ich achtete nicht darauf, als ich zu Boden fiel und das Motorrad von Bella herunterwuchtete. Es war kaum noch als solches zu erkennen – nur ein verdrehter Metallbrocken, halb geschmolzen von der Hitze der Explosion. Ich hob es mit einer Hand hoch und schleuderte ich es weg; es überschlug sich in der Luft und landete 90 Meter weiter weg in der Mitte der Fahrbahn. Dann sank ich vor Bella auf die Knie, während ich mir mein immer noch schwelendes Hemd vom Leib riss und es ebenfalls wegwarf, damit es sie nicht verbrennen konnte. Zittrig streckte ich die Hand aus und strich ihr das Haar, so sanft ich konnte, aus dem Gesicht. Ihr Helm war durch den Aufprall verrutscht und ließ ihre rechte Wange unbedeckt.

Bellas Augen waren geschlossen und ihr Gesicht totenbleich. Sie lag fast reglos da, aber ich konnte ein schwaches Heben und Senken ihrer Brust erkennen, das mir zeigte, dass sie atmete, und zwischen dem Lärm des brennenden LKWs und den Schreien meiner Familie konnte ich einen Puls hören. Ich fluchte erleichtert – und brach mitten im Wort ab, als ich einatmete und etwas bemerkte.

Ich konnte Blut riechen. Bellas Blut.

Ich fühlte Panik in mir aufsteigen, als ich nach der Quelle des nun fast überwältigenden Dufts nach Freesien suchte. Wie konnte es sein, dass ich es nicht eher bemerkt hatte? Die Antwort war simpel: Ich war zu sehr damit beschäftigt gewesen, zu überprüfen, ob sie lebte, um überhaupt zu atmen. Meine Sinne sagten mir, dass sie an ihrer rechten Seite blutete, aber ich konnte keine augenfälligen Wunden sehen … bis ich etwas an ihrem Arm bemerkte, bei dessen Anblick ich vor Entsetzen fast gewürgt hätte. Ihre Kleiderschichten waren bis zur Haut aufgerissen, und durch den Riss sah ich einen langen Schnitt, der von ihrem Unterarm bis zum Ellbogen verlief und aus dem mit alarmierender Geschwindigkeit Blut sickerte. Viel ernster jedoch war die mehrere Zentimeter dicke Metallscherbe, die tief in dem Schnitt ragte, gefährlich nahe an der Stelle, an der laut meiner medizinischen Kenntnisse eine der wichtigsten Arterien verlief.

Mir entwich ein erstickter Schrei der Angst, als ich die Hände wild nach Bella ausstreckte, doch bevor ich sie berühren konnte, fühle ich eine Hand an meinem Handgelenk, die mich zurückhielt.

„Nein, Edward! Du darfst ihren Arm nicht anfassen; wir müssen sie ins Krankenhaus bringen!" Es war Carlisle. Er kniete direkt neben mir, schob mich entschlossen zur Seite und versuchte, näher zu Bella zu kommen.

Wann ist er hierhergekommen?

Benommen sah ich auf und nahm zum ersten Mal meine Umgebung wahr. Die Feuerwand, durch die ich gerannt war, um zu Bella zu kommen, war verschwunden; aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Alice Emmett in seinem Jeep lotste, während er die glühenden Metallbrocken von Bella und mir weg und zur Mitte der Straße räumte. Mehrere hundert Meter hinter ihm, auf der anderen Straßenseite, fuhr eine Flotte von Löschfahrzeugen, Polizeiautos und Krankenwagen mit plärrenden Sirenen heran. Esme und Rosalie standen in der Mitte der Straße, bereit, die Notfahrzeuge zu empfangen, von denen die ersten schon abbremsten.

Ich schaute wieder zu Carlisle, der neben Bella kniete und methodisch überprüfte, wie schwer sie verletzt war. Neben ihm, mit einer untypisch ernsten Miene auf ihrem Gesicht, war Tanya. Zuerst war ich empört, doch dann begriff ich, wie sinnvoll Carlisles Wahl seiner Assistentin war. Tanya hatte mit ihren über tausend Jahren mehr Erfahrung damit, menschlichem Blut zu widerstehen als jeder von uns, und, zusammen mit ihren zahllosen Abschlüssen in jeder Disziplin unter dieser Sonne, machte sie das mehr als nur fähig, menschliche Verletzungen zu behandeln. Tanya fing meinen Blick auf und ihre Stirn legte sich in Falten, alles Neckische war verschwunden.

Edward, es tut mir so leid, das ist meine Schuld…

Ich schüttelte scharf den Kopf. Nein. Keine Entschuldigungen, keine Mitleidsbekundungen. Sie waren nicht nötig – sie waren nicht für meine Ohren bestimmt. Sie hielten Konnotationen zu Tod und Verlust, und Bella würde nicht sterben.

Bitte Gott, lass sie nicht sterben.

Ich ging zu Bella und Tanya rutschte schnell zur Seite, um mir Platz zu machen, als ich Bellas Hand nahm und an meine Lippen führte. Ich liebe dich; ich liebe dich, für immer, für immer. Ich spielte das Mantra immer wieder in meinen Gedanken ab, als könnte ich uns durch das Wiederholen der Worte mehr Zeit verschaffen. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie Menschen in Uniformen herumwuselten, Flammen löschten, Befehle bellten, Carlisle Fragen zuriefen und versuchten, so zu wirken, als hätten sie die Situation unter Kontrolle. Für mich existierten sie nicht. Das Einzige auf der Welt, was wichtig war, waren Bella und ihre Finger in meinen eigenen und das schwache, aber immer noch entschlossene Schlagen ihres Herzens und die Tatsache, dass sie nicht sterben würde. Nicht hier, nicht jetzt, wo wir einander gerade erst wiedergefunden hatten. Nicht unter meiner Wache. Nicht bevor ich die Chance hatte, wiedergutzumachen, was ich getan hatte.

Dann schnitt etwas durch das Durcheinander und durchbrach meine und Bellas Blase – das Heulen eines Motors. Ich schaute auf und sah einen Krankenwagen durch die Menschenmengen rasen.

Fast sofort nachdem das Fahrzeug zum Halten gekommen war, war ich von Menschen in Schutzkleidung umgeben. Sie hoben Bella auf eine Trage und befestigten eine Sauerstoffmaske auf ihrem Gesicht, wobei sie die ganze Zeit über gehetzt mit Carlisle redeten, der ihnen die Lage erklärte.

„-mehrere angebrochene Rippen, Gehirnerschütterung mit möglichem Schädeltrauma, einige ernste Fleischwunden an ihrem rechten Arm, in dem ein Fremdobjekt steckt-"

Ein junger Notarzt versuchte, mich aus dem Weg zu schieben, um näher an das Geschehen zu kommen, und ich musste meine ganze Selbstkontrolle aufbringen, um ihn nicht einfach niederzuschlagen. Stattdessen warf ich ihm nur einen so bedrohlichen Blick zu, dass er vor Schreck fast umkippte. Ich drehte mich wieder zu Bella. Sie lag nun auf der Trage und wurde in den Krankenwagen geschoben, während Carlisle einem Sanitäter weitere Befehle gab, der beklommen an seinen Lippen hing.

Als ich hinter Bella und den Sanitätern in den Wagen sprang, richtete Carlisle seine Gedanken an mich. Sie wird wieder gesund, Edward, keine Panik. Ich fahre mit den anderen im Mercedes hinterher; wir sehen uns im Krankenhaus. Ich nickte. Oh, und zieh die hier an, fügte Carlisle hinzu, während er aus seiner Jacke schlüpfte, die Leute starren schon. Verwirrt nahm ich die Jacke, dann schaute ich auf meine nackte Brust hinunter; ich hatte ganz vergessen, dass ich mein Hemd 'verloren' hatte. Ich murmelte ein paar Dankesworte und warf mir die Jacke über die Schultern, bevor ich die Doppeltüren des Fahrzeugs hinter mir zuschlug. Ein Blick über die Köpfe der Menschen durch die Glasscheibe ins Vordere des Wagens bestätigte, was ich schon erraten hatte; Alice saß auf dem Fahrersitz. Von Kopf bis Fuß in einen schnell gestohlenen Schutzanzug gekleidet, war sie kaum von dem Sanitäter neben ihr zu unterscheiden, der offensichtlich keine Ahnung hatte, dass seine Begleiterin nicht war, wer sie zu sein schien.

Schon gut, Edward, dachte Alice. Ihre Augen trafen meine im Rückspiegel, als sie den Motor anließ. Wir sind gleich da. Dann als Nachgedanke, Bella wird wieder gesund. Dann richtete sie die Augen auf die Straße, drehte die Sirenen auf und trat das Gaspedal durch.

Ich sah zu, wie der Zeiger des Tachos ununterbrochen nach oben wanderte und die 80 Meilen-Marke überschritt. Ich versuchte, Alices Worte zu glauben.

Ich musste.

In den nächsten zehn Minuten waren sie alles, was ich hatte.


Dankeschön an TheNargana, Anja, meine zwei Gäste und derxteVersuch für eure lieben Reviews. : - ) Und sorry, dass es ein wenig länger gedauert hat. Über Reviews freu ich mich immer sehr, also schreibt mir bitte auch, wie euch dieses Kapitel gefallen hat, ja?

Liebe Grüße und eine schöne Woche euch allen,

Sonnenblumeues :-)