Seit John vor einer halben Stunde die Wohnung verlassen hatte, saß Sherlock wie versteinert in seinem Sessel. Er hatte in der Zeit auf die Toilette gemusst, sein Körper hatte nach Nikotin geschrien, sein Magen hatte durchdringend geknurrt, seine Augen hatten darum gebettelt zufalle zu dürfen und allgemein hatte er das dringende Bedürfnis verspürt, mal kurz zusammen zu brechen. Aber er hatte sich nicht gerührt, hatte alle Vitalfunktionen ausgeblendet. Er war sich sogar sicher nicht einmal geblinzelt zu haben. In ihm hatte nur eines Platz -John- Was er auch für Anstrengungen unternahm an etwas Anderes zu denken, es war immer wieder nur John! „Was zum Teufel war das eben?" Nach der langen Stille, schrak er vor seinem eigenen wütenden Ausruf zurück. „Seit Tagen kannst du kaum noch einen klaren Gedanken mehr fassen. Bist sogar froh, dass es ein so einfacher Fall war, damit du dir die Blöße eines möglichen Scheiterns nicht geben musstest. Immer wieder ist John vor deinem inneren Auge aufgetaucht, in deinem Kopf hast du sogar hitzige Diskussionen mit ihm ausgetragen". Völlig in Rage war er aufgestanden und ziellos durch die Wohnung gewandert, bis er schließlich im Bad inne hielt. „Du hast", er wandte sich dem Waschbecken zu und blickte seinem Spiegelbild darüber, starr in die Augen. „in der vergangenen Nacht die Hölle erlebt. Und jetzt sag nicht, dass es keine Hölle gibt, das war metaphorisch gemeint du ewig nörgelnder Besserwisser. All das, was du dein Leben lang versucht hast zu unterdrücken und zu ignorieren, diese Emotionen..., haben sich mit aller Macht an die Oberfläche gekämpft und du bist an ihnen fast zerbrochen. Rede dir ruhig weiter ein, dass du dich ihnen nicht geschlagen gibst. Sie habe dich doch längst geschlagen, ob du es nun sehen willst oder nicht. Und was machst du? Redest über den dämlichen Fall in Deutschland? Behandelst John weiterhin wie dein Anhängsel. Nichts weiter als deinen Blogger. Du solltest dich deinen Gefühlen endlich stellen!" Herausfordernd blickte er seinem gespiegelten Selbst noch einen Moment in die Augen, eh er sich abwandte und geschlagen das Bad verließ. Er war keiner anderen Interaktion fähig gewesen. Es ist nicht so, dass er nicht versucht hätte seine Ausführungen in eine andere Richtung zu steuern, aber sein Inneres blockierte. Nun war John weg und er war alleine mit seinen verfluchten Emotionen zurück geblieben. Die vergangene Nacht nagte noch schwer an ihm. Auch das hatte er John nicht mitteilen können. Die Tatsache, dass er seine Anwesenheit sehr wohl bemerkt, er jeden Laut, der in sein Bewusstsein drang, in sich aufgesogen, dass ihm jedes Stöhnen das Herz ein wenig mehr zerrissen hatte. Ein Satz, ein Wort, vielleicht auch nur ein intensiver Blick von ihm hätten gereicht um den Stein ins Rollen zu bringen, um das Blatt zu wenden sie beide mit der Veränderung zu konfrontieren. „Es reicht!", sagte Sherlock energisch. „Sei ein Mann und handle endlich. Wenn du es jetzt nicht tust, findet John womöglich morgen einen neuen Zeitvertreib, nachdem der letzte ja scheinbar ein einmaliges Stelldichein war. Noch einmal überlebst du eine solche Nacht nicht. Und wer weiß, vielleicht ist die Nächste die Eine, die Frau die ihm das gibt was er braucht. Diejenige, die sich nicht am morgen danach aus der Wohnung schleicht, sondern bleibt, für immer. Du würdest ihn verlieren. Nicht nur ihn würdest du verlieren, du Narr, auch dich selbst, dein Herz, deinen Verstand deinen Lebenswillen. Schau was für ein hoch funktionaler Soziopath du doch bist". Er schnaubte abfällig, „Nur ein Gefühl, das dich bewegt und du brichst in dir zusammen. Wie ein bemitleidenswert gebeugter Mann, der nur durch seinen gut gestärkten Anzug aufrecht stehen kann, der gestützt wird von der Fassade, die er mühsam um sich errichtet hat. Und wenn er am Ende dann den den Anzug ablegt und dadurch seine Stützen verliert, ist alles was von ihm übrig bleibt ein Niemand ohne Rückgrat!" Sherlocks Stimme war nach und nach immer lauter geworden, bis er sich am ende selbst anschrie. „Wann ist aus dir ein Rückgratloser Niemand geworden?" Nein, das wollte er nicht sein. Ihm wurde klar, dass es nur einen Weg gab, nur diese eine Möglichkeit sich der wohl schwersten Herausforderung, dem tückischsten Rätsel seines Lebens zu stellen. Und dieser Weg war sowohl beängstigend, als auch erschreckend einfach. Seit einiger Zeit gab es etwas, dass ihn besser denken ließ, schnellere Schlussfolgerungen ermöglichte, das fehlende Puzzleteil präsentierte und ihn zur Erleuchtung brachte. John John war es, der Sherlock unwissentlich immer wieder stimulierte, dessen oftmals lächerlichen Ideen, ihn zur richtigen Antwort führten. John war sein Konduktor. Also konnte nur John ihm helfen zu verstehen, herauszufinden wie er mit der Situation umgehen sollte. Das bedeutete zwar, dass er sich ihm offenbaren musste, aber wenn er das nicht tat, würde sich wohl nie etwas ändern und er würde unter der Masse der Empfindungen allmählich zerbrechen. Sein Entschluss war gefasst, sobald John zurück kehrte, wollte er ihn einweihen, musste hoffen nicht auf Ablehnung zu stoßen, sondern auf Offenheit, vielleicht sogar Verständnis. Es war schließlich John, der gute treue John. Der Mann, der ihn aushielt, wenn sogar er selbst sich nicht mehr ertragen konnte. Der unermüdlich versuchte aus ihm einen besseren Menschen zu machen. Der nicht müde wurde ihn dazu zu bringen Menschen besser zu behandeln, sogar sich selbst. Sein John. Aber er kannte ihn. Wenn er versuchen würde mit der Tür ins Haus zu fallen ohne vorher die Umstände der Situation anzupassen, wäre das Unterfangen dem Untergang geweiht, noch eh es wirklich ins rollen kommen konnte. „Wie also sieht eine solche Anpassung aus?" er versuchte sich in John hinein zu versetzen. „John darf sich vorher nicht aufregen". Er machte sich also daran alles, was John immer zur Weißglut brachte, verschwinden zu lassen. Er begann mit dem Kühlschrank, alles was nicht als Nahrungsmittel betrachtet werden konnte, ließ er in den Müll wandern, auch die Ascorbinsäure und das Chloroform, welches er erst kurz zuvor besorgt hatte (ein solches Experiment ließ sich immer in Angriff nehmen). Danach beseitigte er sämtliche Reagenzgläser, Erlenmeyerkolben, Bunsenbrenner, Petrischalen und alles, was sich sonst an Utensilien auf dem Küchentisch angesammelt hatten und verfrachtete sie in sein Zimmer. John regte sich auch immer auf, wenn er nicht seinen eigenen sondern Johns Laptop benutzte. Oftmals nur, weil er zu faul war und Johns gerade leichter zu erreichen war. Er blickte sich um und stellte schuldbewusst fest, dass er es auch diesmal wieder getan hatte. Er begab sich zu dem Gerät, fuhr es runter und stellte es auf den Schreibtisch, so wie sein Partner das immer tat. Ein weiterer Blick durchs Wohnzimmer und ihm war klar, dass seine Zettelwirtschaft, wie so oft, chaotisch und scheinbar planlos im ganzen Raum verteilt war. Ungeachtet der Ordnung, in welcher sie, in seinen Augen, herum lag, sammelte er alles zusammen und legte es, zu einem ordentlichen Stapel zusammengerafft, auch auf dem Schreibtisch ab. Er hob gebrauchte Nikotinpflaster auf und warf sie weg, ließ verteilte Reste vergangener Experimente verschwinden und entfachte ein Feuer im Kamin. Auch wenn es draußen relativ warm war, brachte ein prasselndes Feuer doch Entspannung und eine angenehme Stimmung mit sich. John mochte so was, also war es gut. Er sah sich um, ließ den Raum auf sich wirken und kam zu dem Schluss, dass dieser Punkt auf der List abgehakt werden konnte. Er sah nichts mehr, was den Unmut seines Mitbewohners erregen konnte. „Denk nach, was noch?". Fragte er sich. „Mit John kann man am besten reden, wenn er zufrieden ist". Sherlock tauchte in seinen Gedächtnispalast ein und suchte dort alles zusammen, was er zum Begriff Zufriedenheit abgespeichert hatte. Ein Zustand, der damit einher zu gehen schien, war Sättigung. John sollte also gegessen haben um in ein Stadium der Zufriedenheit zu gelangen. Hier wurde es schon schwerer für Sherlock. „Mrs. Hudson!", während er rief, rannte er bereits die Treppen hinunter und wandte sich nach links, auf die offene Wohnungstür seiner Vermieterin zu. „Was kann ich für sie tun mein Junge?" Mrs Hudson, die ihn schon oben gehört hatte, kam ihm entgegen gelaufen. „Mrs. Hudson, wie kocht man?"