"Du siehst blass aus, meine Liebe. Geht es Dir gut?"

Die angebotene, mit Blümchen bedeckte Tasse Tee nahm Molly mit einem zögernden Lächeln entgegen, dass ihre Auge jedoch nicht erreichte.

Sie nickte mit dem Kopf und nahm einen großen Schluck, spürte wie das heiße Pfefferminzwasser ihre Kehle hinab rann. "Ja, danke der Nachfrage."

Natürlich ging es ihr nicht gut. Sie fühlte sich miserabel, benutzt, eben wie der größte Idiot in ganz London.

Seit dem seltsamen Treffen mit Sherlock waren wenige Wochen vergangen und noch immer dachte Molly die ganze Zeit an ihn.

An diesem besagten Tag, an der ihr das Herz aus der Brust gerissen hatte - wie sehr sie ihn dafür hasste.

Am Meisten hasste sie sich jedoch selbst dafür, weil sie sich immer noch um ihn sorgte und ständig an ihn dachte, wie es ihm wohl ging, ob er noch lebte oder schon tot war.

Sherlock war ein kluger, erwachsener Mann, der wusste was er tat. Und wenn es seine Aufgabe war, sich in Lebensgefahr zu begeben, dann sollte er das tun.

Molly hatte mit ihm abgeschlossen. Zumindest redete sie sich das die ganze Zeit ein.

Insgeheim wusste sie aber, dass - falls wirklich etwas Schlimmes passieren - Mycroft ihr sicher Nachricht zukommen lassen würde.

Sie hatte seine Bitte - oder eher seinen Befehl - befolgt und seinen Bruder seither nicht mehr kontaktiert.

Stattdessen traf sie sich nun regelmäßig - wie sie ihm versprochen hatte - mit Mrs Hudson auf einen Plausch.

Diese seufzte nun und setzte sich ihr gegenüber auf den kleinen Tisch in ihrer Küche, nahe an die Wand. "Du solltest mehr essen, Molly. Du hast abgenommen."

Innerlich stöhnte Molly frustriert auf, doch sie mahnte sich zur Ruhe, wusste sie doch dass es die ältere Dame nur gut meinte.

"Das ist nur eine optische Täuschung, Mrs Hudson. Die Hosen sind speziell geschnitten. Das ist einfach bequemer."

"Ich verstehe. Gebäck?", fragte die Ältere höflich und hielt ihr einige trockene Kekse vor die Nase.

Schon beim Geruch alleine drehte sich Molly innerlich der Magen um, doch sie blieb ruhig und verneinte dankend, nahm erneut einen großen Schluck Tee.

Ein Blick auf die Uhr, die hinter Mrs Hudson an der Wand hing, verriet ihr, dass erst wenige Minuten vergangen waren, seitdem sie hier war. Wie sollte sie die nette Dame die nächsten Stunden sinnvoll beschäftigen, ohne dass sich Beide langweilten?

"Wie geht es denn Ihrer Hüfte? Hilft die neue Salbe?", erkundigte sich Molly höflich, freute sich über ihren Geistesblitz.

Und für die nächsten zwei Stunden hatte sie ein passendes Gesprächsthema gefunden.


"Wir sehen uns doch bald wieder, Molly?"

"Aber natürlich. Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche, Mrs Hudson." Molly winkte zum Abschied und wandte sich ab.

Als die Tür der 221B Baker Street hinter ihr ins Schloss fiel, atmete Molly erleichtert aus. Sie hatte nicht gewusst, dass Mrs Hudson so anstrengend sein konnte.

Ein Blick die Straße hinauf sagte ihr, dass sie Ihren Bus nach Hause knapp verpasst hatte und sie flucht kurz, ehe sie unbeirrt einige Meter vorwärts lief, um sich ein Taxi zu rufen.

"Molly?"

Überrascht drehte sie sich herum, als sie hinter sich ihren Namen vernahm und kam kurz ins Stolpern.

"John!", rief sie freudig aus und ging die wenigen Schritte, die sie von dem kleineren Mann trennten, auf ihn zu.

"Molly, schön Dich zu sehen." Er schloss sie in eine kräftige Umarmung und drückte sie für einen kurzen Moment fest an sich.

Sie erwiderte atemlos.

"Du siehst gut aus.", bekundete sie und lächelte ihn erleichtert an.

Er grinste kurz zurück. "Danke. Das kann man von Dir leider nicht behaupten." Im nächsten Moment kratze er sich verlegen am Ohr. "Tut mir Leid, das hätte ich nicht sagen sollen."

"Schon in Ordnung. Du hast ja Recht." gestand sie und wandte sich für einen kurzen Moment um. "Ich hab momentan einfach soviel um die Ohren. Die Pathologie ist derzeit unterbesetzt und ich weiß langsam nicht mehr, wo mir der Kopf steht."

Sehr gut, Molly. Du wirst langsam aber sicher immer Besser wenn es darum geht, die Menschen anzulügen.

"Ja, Mike hat mir schon erzählt, dass ihr soviel zu tun habt."

"Achso?" Sie drehte sich überrascht zu John um. "Wann hast Du ihn zuletzt gesehen?"

John lächelte entschuldigend. "Ich habe mich mit ihm vor ein paar Tagen abends auf ein Bier getroffen. Du bist ihm doch nicht böse, oder?"

Molly schüttelte den Kopf. "Nein, das ist in Ordnung. Er hat nur nichts erwähnt."

"Tut mir Leid." Er zuckte mit den Schultern und grinste.

"Wo wohnst Du momentan?" Molly erinnerte sich an das Gespräch mit Mrs Hudson, in welchem sie erzählt hatte wie leer die Wohnung jetzt ohne John sei, nachdem er ausgezogen war.

"Ich hab mir ein kleine Zwei-Zimmerwohnung hier ganz in der Nähe gemietet. Ich dachte, es...es wäre vielleicht besser. So kann ich das alles...besser verarbeiten. Zumindest behauptet das meine Therapeutin."

Sie schwiegen sich einen kurzen Moment an.

"Wie kommst Du mit Deinem Blog voran?", fragte Molly vorsichtig nach.

John sah sie nicht an. "Ich war schon lange nicht mehr auf meinem Blog."

"Vielleicht solltest Du dort Deine Gedanken niederschreiben?"

"Du klingst schon wie meine Therapeutin...", merkte er an und Molly biss sich auf die Unterlippe.

"Tut mir Leid, ich weiß es geht mich nichts an, aber..."

"Nein, Du willst nur helfen. Ich akzeptiere das. Aber ich...ich bin noch nicht soweit, Molly."

Sie erwiderte daraufhin nichts, nahm ihn stattdessen erneut in den Arm. "Ich weiß."

Molly nahm etwas Abstand und sah ihn mitfühlend an.

"Wenn Du möchtest, könnten wir uns demnächst abends mal treffen und reden, was hältst Du davon?"

Molly sah ihn einen Moment verwirrt an. "Du meinst, wie...wie ein D-Date?"

John winkte sofort ab, lachte verlegen. "Nein, nein. Ich dachte mehr an ein Treffen so..."

"...unter Freunden?" half sie ihm und lachte nun ebenfalls.

"Ja, unter Freunden. Wir sind doch Freunde, oder Molly?" Er sah sie lange an und Molly schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals hinunter.

Freunde.

Menschen, die einander vertrauen, die sich verstehen und sich immer die Wahrheit sagen, nichts verheimlichen, nichts verschweigen, sondern in schweren Zeiten zu einander stehen.

"Ja...", flüsterte sie mit heiserer Stimme. "Wir sind Freunde, John."

"In Ordnung. Ich melde mich dann bei Dir." Er drehte sich herum, der 221B Baker Street entgegen.

"Ich sollte noch Mrs Hudson besuchen.", murmelte er und öffnete nach kurzen Zögern die Tür, trat ein.

Molly blieb noch einen Moment alleine stehen, ehe sie kehrt machte und sich ein Taxi nach Hause nahm.

Immerhin ein kleiner Erfolg.


John holte kurz Luft, atmete tief durch, sah in die Runde. Molly, Lestrade und Stamford hielten gespannt den Atem an.

"...und dann habe ich ihn gefragt: Was tun wir hier eigentlich?

Was er nicht beantworten konnte.

Ich sagte: Treffen wir die Queen?

Und just in diesem Augenblick kam Mycroft um die Ecke gebogen und Sherlock antwortete mir ernst: "Oh, offenbar, ja..."

Lautes Gelächter brach los und John hatte Mühe, sein Glas Bier ruhig in seinen Händen zu halten, so stark wurde er von dem Lachanfall geschüttelt.

Stamford erinnerte sich. "Was das nicht der Fall mit dieser Domina? Wie hieß Sie noch gleich...?"

"Irene Adler.", antworte John.

"Genau! Himmel, diese Frau war so was von scharf...", warf Lestrade immer noch lachend ein und Molly verschluckte sich an ihrem Rotwein, hustete stark.

Scheiße Molly. Reiß Dich zusammen, verdammt noch mal. Sieh zu, dass Du von hier weg kommst.

"John, ich glaube ich sollte...jetzt nach Hause gehen, ich...ich muss morgen früh raus." Sie hatte Probleme sich noch korrekt und ohne zu stottern zu artikulieren.

Also erhob sie sich schnell und kam dabei leicht in Straucheln. Die Anderen lachten erneut los, als sie sahen, wie betrunken die Pathologin bereits war.

Molly spürte kräftige Hände, die sie an ihren Schultern fest hielten und sie davor bewahrten zu stürzen. Überrascht blickte sie nach hinten.

"Steve! Was machst Du denn hier?", rief Molly aus und drehte sich torkelnd zu ihrem Arbeitskollegen um.

"Ich bin mit meinen Freund auf ein Bier hier." Er grüßte die drei Männer am Tisch mit einem Kopfnicken. "N'Abend zusammen."

John und Lestrade winkten freundlich zurück und prosteten ihm mit ihren Bieren ein "N'Abend auch" entgegen.

Stamford war aufgestanden und klopfte dem Mann vor sich ein paar Mal kräftig auf die Schulter. "Steve, schön Sie hier zu sehen. Setzen Sie sich doch zu uns, es ist gerade eine lustige Runde."

"Gerne, Mike. Aber nur wenn Molly sich auch noch mal setzt.", feixte Steve und blickte Molly auffordernd an.

Doch sie schüttelte verneinend den Kopf.

"Tut mir Leid, Jungs, aber...aber der Alkohol ist mir zu Kopf gestiegen...und ich sollte...ich sollte wirklich nach Hause gehen.", bekannte sie mit einem entschuldigenden Lächeln.

John und Lestrade erhoben sich gleichzeitig. "Soll ich Dich nach Hause bringen?"

Sie sahen sich einen kurzen Moment überrascht an, ehe sie erneut in lautes Gelächter ausbrachen.

Molly schüttelte den Kopf und bemerkte zu ihrem Entsetzen, dass sie rot anlief.

"Danke, das ist nett, aber ich...ich wohne nicht weit vom Dublin, das schaffe ich auch zu Fuß."

"Ich begleite Dich, Molly." Steve fasste sie an der Schulter und drehte sie herum.

Sie dankte ihm leise und winkte den anderen Männern zu. John lächelte und zwinkerte sie an, was sie die Röte in ihrem Gesicht verdunkeln ließ.

Idiot.

"Warte, lass mich Dir helfen." Steve hatte sich ihren Mantel geschnappt und half ihr, ihn sich anzuziehen.

Molly dankte ihm erneut und spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, als seine Hand leicht ihren Nacken berührte.

Er bugsierte sie durch den gefüllten Raum unbeschadet nach draußen und Molly war insgeheim heilfroh, dass sie jemanden bei sich hatte, der sie die dunklen Straßen in Richtung ihrer Wohnung begleitete.

"Seid ihr häufiger im Dublin?", fragte Steve leise und Molly verneinte.

"Aber wir könnten uns demnächst wieder treffen, das wäre sicher lustig.", schlug sie vor.

Vor allem würde es John gut tun, wenn er öfter unter Freunden wäre anstatt alleine in seiner Wohnung zu sitzen.

Ihr zumindest würde es auch nicht schaden - so könnte sie wenigstens für ein paar Stunden aufhören, über diesen verdammten Detektiv zu grübeln.

"Klar, das wäre super. Das nächste Mal nehme ich meine Bekannte mit. Sie ist neu in der Stadt und hat bisher leider noch nicht den richtigen Anschluss gefunden."

"Bekannte? Wie heißt Sie?", fragte Molly und hakte sich bei ihm ein, versuchte, mit ihm Schritt zu halten ohne zu stolpern.

"Ihre Name Mary. Sie ist Lehrerin.", antwortete Steve ihr und lächelte sie an.

Sie bogen um die nächste Ecke und Molly deutete nach vorne. "Siehst Du? Da drüben wohn' ich."

Er nickte langsam. "Das war wirklich nicht weit."

"Hab' ich doch gesagt."

Sie blieben vor Molly's Haustür stehen und Steve half ihr beim Stehen, als sie die Schlüssel aus ihrer Handtasche kramte.

"Danke. Tut mir Leid, dass Du mich in diesem...Zustand sehen musst." Es war Molly anzusehen, dass es ihr unglaublich peinlich war, doch Steve winkte lässig ab.

"Alles in Ordnung, Molly. Das waren wir alle schon mal."

"Okay, also dann..." Ihr Herz schlug ihr auf einmal bis zum Hals, als er dicht vor ihr stand.

"Gute Nacht, Molly." Er lächelte sie an, kam einen weiteren Schritt näher.

Molly schluckte nervös und schoss vor, umarmte ihn kurz.

Sie spürte an seiner veränderten Körperhaltung, dass er überrascht war, sich wahrscheinlich etwas Anderes gedacht hätte.

Molly trat einen Schritt zurück und lächelte entschuldigend. "Gute Nacht, Steve."

Dann drehte sie sich um, öffnete die Tür und verschwand darin.

Die zehn Treppenstufen, die sie bis zu Ihrer Wohnungstür gehen musste, fühlten sich an wie hundert und sie beglückwünschte sich, als sie gleich beim ersten Mal ihr Schlüsselloch fand und die Tür nach innen aufstieß.

Diese knallte laut gegen ihre Garderobe und Molly kicherte haltlos, stolperte in ihre Wohnung und warf die Tür erneut mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss.

Sie freute sich jetzt schon auf die morgige Diskussion mit ihrer Nachbarin über die nächtliche Ruhestörung.

Als Molly sich nach mehreren Versuchen endlich aus ihrem Mantel geschält und sich von ihren hohen Schuhen befreit hatte, tapste sie seufzend in Richtung ihrer Küche.

Sie brauchte erst einmal ein Glas kaltes, klares Wasser, um wieder einigermaßen klar im Kopf zu werden.

Den hellen Lichtschein aus ihrem Wohnzimmer bemerkte sie erst, als sie sich mit dem gefüllten Glas in Ihrer Hand in dessen Richtung umdrehte.

Molly blieb wie angewurzelt stehen, wollte - konnte - ihren Augen nicht trauen.

"Bitte sag mir jetzt nicht, dass Du betrunken bist, Molly...", hörte sie die dunkle, vertraute Stimme vor sich.

Kümmere Dich um Deine Arbeit, Molly - Und halte Dich aus meiner raus.

Das ohrenbetäubende Geräusch welches ihr Glas - als es zu Boden fiel und in tausend Scherben zerbrach - machte, holte sie in die Realität und aus ihrem betrunkenen Zustand zurück.

Sie schluckte hörbar, ehe sie atemlos keuchte: "Sherlock?!"