Dreizehn

Chaos. Chaos war das beste Wort, um seine Wohnung und seinen Gemütszustand nach Wochen des Nichtstuns zu beschreiben. House kämpfte sich durch mehrere Stapel aufgehäufter Magazine, leerer Essensbehälter und nur teilweise geöffneter Briefe. Mit seinem Stock rutschte er auf einem Zeitungsartikel aus, konnte aber gerade noch verhindern, der Länge nach auf den Boden zu fallen.

Wütend nahm er das Stück Papier vom Boden und knüllte es zu einem kleinen, festen Ball zusammen. Gemeinsam mit einem der leeren Pizzakartons landete es im Müll, doch die Schlagzeile, die sich bereits in sein Gehirn gebrannt hatte, konnte er nicht einfach mit in den Müll werfen: Princetons Arzt-Genie verliert Approbation.

Im Durchgang zwischen Küche und Wohnzimmer blieb er stehen und betrachtete das Durcheinander. Er wusste, dass es nur noch schlimmer werden würde, wenn er sich weiter so gehen lässt, doch seit der Anhörung fehlte ihm die Kraft, etwas dagegen zu tun.

Die Vorhänge waren seit Tagen zugezogen und House wägte ab, ob es eine gute Idee war, sie jetzt zu öffnen, um sich motivierter dem Chaos zu stellen, oder eine schlechte, weil es vielleicht erst die ganze Dimension dessen offenbaren würde. Er entschied sich, die Vorhänge lieber später zu öffnen.

Ein bisschen erinnerte es ihn an Kinder, die sich unter Tischen eine Höhle mit Decken bauen, um ein Geheimversteck zu haben, in das sie sich zurückziehen können. Nur dass er definitiv kein Kind mehr war und dies nicht die beste Zeit war, um sich vor der Welt zu verstecken.

House humpelte zurück zum Sofa und nahm weitere leere Essensverpackungen vom Tisch und den umliegenden Stapeln, die er dann in der Küche in den übervollen Mülleimer stopfte. Er atmete frustriert laut aus und sah ein, dass es kaum Sinn hatte, weiter aufzuräumen, solange der Mülleimer voll war. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn rauszubringen.

Schwerfällig ging er mit der Mülltüte in der einen und seinem Stock in der anderen Hand nach draußen und warf den Beutel in die Tonne neben den beiden Stufen des Hauseingangs. Erst jetzt wurde ihm überhaupt bewusst, was für ein schöner, sonniger Tag heute war und er kniff die Augen zusammen, die von dem grellen Sonnenlicht schmerzten.

Ratlos ließ sich House langsam auf den von der Sonne gewärmten Stufen nieder und starrte auf die Straße. Ab und zu kam ein Auto vorbei, doch es war weitestgehend ruhig.

So konnte es nicht weitergehen. Die Anhörung war bereits vor drei Wochen. Cuddy war gezwungen, ihn zu suspendieren und er hatte sich seitdem auch nicht mehr im Krankenhaus sehen lassen. Wut, Hilflosigkeit und vielleicht auch Scham hielten ihn davon ab. Am Ende des Monats würde seine letzte Gehaltszahlung kommen.

Wenn sie nicht anrief, kam Cuddy fast jeden Tag vorbei und wollte mit ihm reden. Meistens vergeblich, denn er gab entweder nur monotone Antworten am Telefon oder öffnete erst gar nicht die Tür. Sie tat ihm schon fast leid, denn er wusste dass er seinen Frust auf sie projizierte, obwohl sie für all das nichts konnte. Doch er konnte auch nicht anders handeln. Er hasste sich dafür ein bisschen.

Auch Cameron und Chase hatten mehrmals versucht, sich mit ihm in Kontakt zu setzen, doch nachdem er ihnen zwischen Tür und Angel klar gemacht hatte, dass sie nichts für ihn tun können, hatten sie schließlich aufgegeben. Er wollte ihnen sagen, dass es ihm leid tut, aber es kam nicht über seine Lippen. Wilson hatte ihm erzählt, dass Cuddy Cameron und Chase eine neue Stelle in ihren jeweiligen Fachbereichen angeboten hat.

Zu seiner Verwunderung hatten sie beide abgelehnt und Cuddy stattdessen gebeten, die diagnostische Abteilung weiter aufrechtzuerhalten und sie ein paar der leichteren Fälle übernehmen zu lassen bis— Ja bis wann?

House fragte sich, ob sie immer noch Hoffnung hatten, dass dies alles nur ein böser Traum war, aus dem sie früher oder später wieder aufwachen würden und alles ist wieder so wie vorher. Doch im Moment sah es nicht danach aus. Foreman hatte das anscheinend verstanden und sich eine neue Stelle in Boston gesucht.

Das einzige, das House eigentlich noch mit der Außenwelt verband und nicht sein Fernseher war, war Wilson. Seit der Verhandlung war er jeden Tag vorbei gekommen. Anfangs hatte ihm House noch die Tür geöffnet, später kam er einfach mit seinem eigenen Schlüssel in die Wohnung und setzte sich zu House aufs Sofa. Ab und zu brachte er etwas zum Essen mit oder räumte ein bisschen auf. Ständig fing er an etwas zu sagen und House unterbrach ihn sofort.

Wenn er nicht da war, dann rief er unglaublich oft an. Andauernd versicherte er sich, dass House nichts Dummes angestellt hatte und alles in Ordnung war. Seine Anrufe überfluteten den Anrufbeantworter zwischen Cuddys hoffnungsfrohen Anrufen, die ihm eine Lösung versprachen, und den Mitleidsbekundungen irgendwelcher Menschen, die er gar nicht kannte.

In der Sonne draußen wurde es ihm irgendwann zu heiß und House ging wieder in seine Wohnung zurück, stopfte in der Küche eine neue Tüte in den Mülleimer und ging dann langsam zum Telefon, das auf dem kleinen Tisch neben der Couch stand.

Er drückte ein paar Tasten und löschte nacheinander die aufgenommenen Nachrichten. Bei der letzten angekommen, drückte er aus Versehen die Abspieltaste und der Raum füllte sich mit Wilsons Stimme. Die Nachricht war etwa eine Woche alt.

"Hey House, ich dachte wir könnten vielleicht trotzdem zum Spiel der Yankees gehen. Ich besorge auch die Karten." House konnte sein Zögern deutlich hören. "Du solltest mal wieder raus gehen. Ich komme später nochmal vorbei."

House drückte die Löschtaste ein letztes Mal und nahm dann auf dem Weg zur Küche wieder ein paar leere Behälter mit. Im Kühlschrank und den anderen Schränken suchte er nach etwas Essbarem, doch fand nur wenig. Leise machte er die Schränke wieder zu und lehnte sich gegen die Küchenzeile.

Irgendwie musste es doch weitergehen. Doch wie nur? Keine Zulassung—keine Arbeit als Arzt. Welche Puzzle sollte er denn jetzt lösen?

Das Telefon fing im Wohnzimmer wieder an zu klingeln. Vermutlich Cuddy, die ihn darüber informieren wollte, dass der Einspruch gegen das Urteil des Prüfungsausschusses abgelehnt wurde. Oder schon wieder Wilson. Er wollte es gar nicht wissen. Es klingelte und klingelte, doch er blieb stehen, wo er war und überlegte, an welcher Stelle seines auseinander gefallenen Lebens er mit dem Aufräumen anfangen sollte.

Am anderen Ende der Leitung, die unbeantwortet blieb, machte sich jemand ernsthaft Sorgen.