12.
Bis du merkst, dass du mit David immer noch nicht abgeschlossen hast – pah, nicht abgeschlossen! Und ob ich abgeschlossen habe, aber so 'was von! Klappe zu, Deckel drauf, Schlüssel rum, David Seidel drin – für immer! Wie ihr euch anguckt… ohne geht ja schlecht, wa? Wäre ja seltsam, wenn ich David nicht ansehen würde, wenn wir miteinander reden, oder? Was erwartet Rokko denn? Nur noch Flut, keine Ebbe mehr – versprochen ist versprochen. Als würde ich mir noch einmal so wehtun lassen wie von David. Trotzig malte Lisa mit ihrem Finger über die Fensterscheibe. Nein, es war gut so wie es war mit Rokko. Das musste er doch auch merken – er musste doch spüren, wie viel er ihr bedeutete und dass sie Watson gern hatte. Ach ja, Watson, der arme kleine Kerl… der saß jetzt bestimmt in seinem Zimmer und packte. Einen Augenblick lang spiele Lisa mit dem Gedanken, ihn anzurufen und aufzumuntern. Seine lockere Art, sein ganz besonderer Charme, seine Ehrlichkeit und ja, auch seine kindliche Verletzlichkeit – das würde ihr fehlen, wenn er wieder in Flensburg war… Dass Rokko aber auch so ein Sturkopf war! Warum er Watson nicht in Berlin haben wollte, war ihr immer noch nicht klar. Düdüdüdüdüddelüdülüdü… Das Handy! Lisa sprang von ihrer Fensterbank auf und griff das Gerät. „Rokko – Festnetz" stand auf dem Display. Was es so spät wohl noch gab? Vielleicht gute Nachrichten für Watson? „Hallo", meldete Lisa sich überschwänglich. „Ist Watson bei dir?", rückte Rokkos besorgte Stimme sofort mit dem raus, was ihm auf der Seele brannte. „Ähm, nein, wieso?" – „Weil er verschwunden ist." Rokko atmete hörbar durch. „Nachdem du vorhin weg warst, habe ich ihn gebeten, zu packen… als ich eben nach ihm sehen wollte, da war sein Zimmer leer – alles ist weg: Seine Sachen, dein Teleskop, die Tupperdose mit den Resten vom Mittagessen, bloß seine Perücke ist noch hier." – „Die ist ja auch von dir", überspielte Lisa ihre Sorge. „Bitte?" – „Die Haare – sie sind von dir." – „Ähm, ja… hat Watson dir das erzählt?" – „Ja, hat er." – „Naja, egal. Hast du eine Ahnung, wo Watson sein könnte?" Lisa dachte angestrengt nach. „Nein, keine Ahnung. Wo hast du es denn schon versucht?" – „Ich dachte, zu dir würde er zuerst gehen", gestand Rokko. „Hat er vielleicht Freunde hier in Berlin, die ich nicht kenne? Aus dieser Schule, die ihr besichtigt habt, vielleicht?" Am anderen Ende der Leitung grübelte Lisa – die ganze Hirnmaschinerie ratterte. „Nee, da hat er nur kurz mit zwei Jungen auf dem Spielplatz gesprochen, aber das ist nicht erwähnenswert."
Immer an der Wand lang, immer an der Wand lang, sang Watson in seinem Kopf. Völlig unbemerkt schlich der Junge über den Hof der Kuballas. „Da bist du ja, Miss Moneypenny", begrüßte Watson das rotgetigerte Kätzchen. „Wir zwei, ja, wir gehen jetzt auf eine Reise. Wir machen es uns einfach schön – ohne Holmes. Der kann uns mal. Wenn er mich nicht will, gut, dann will ich ihn eben auch nicht", murmelte der Junge trotzig. „Papa, ich zeige Bärbel nur noch die Kätzchen, dann fahren wir wieder nach Berlin", dröhnte eine schrille Frauenstimme zu ihm. Mist, schoss es Watson durch den Kopf. Suchend sah er sich um. Keine Möglichkeit sich zu verstecken! Schritte! Die Frau näherte sich. Es blieb ihm also keine andere Wahl. Mit einem gekonnten Sprung landete Watson im Heu und wühlte solange, bis er darunter verschwunden war. „Guck mal, Bärbelchen, sind die nicht süß?" Irgendetwas kitzelte Watson an der Nase. Was für eine blöde Idee das mit dem Heu gewesen war! Hoffentlich ging die junge Frau bald wieder, sonst würde er sich mit einem unüberhörbaren Niesen verraten…
„Wir waren in Zoo, im Kino, im Museum, im Schwimmbad – ich war überall dabei, ich kann mir einfach nicht vorstellen, wo Watson noch sein könnte." Rokko tigerte in seinem Wohnzimmer auf und ab. Lisa war in der Zwischenzeit zu ihm gefahren und saß neben Hugo auf dem Sofa. „Herr Haas, hat er Ihnen vielleicht etwas gesagt?" Hugo schüttelte den Kopf. „Naja, er war sehr geknickt, dass Sie ihn zurückschicken wollen…", begann der Designer. „Das ist nicht sehr hilfreich. Das weiß ich selbst, aber das gibt keinen Hinweis darauf, wo er sein könnte." – „Hast du schon die Polizei angerufen?", fragte Lisa. „Ja, aber die machen erstmal nicht, weil Watson erst ein paar Stunden verschwunden ist – in dem Alter käme das schon mal vor und statistisch gesehen kommen die meisten noch am gleichen Tag zurück", ratterte Rokko das Ergebnis dieses Telefonats herunter. „Hat er vielleicht jemanden kennen gelernt? Jemanden, bei dem er jetzt sein könnte? Irgendein Ort, von dem er mir nichts erzählt hat?" Plötzlich wurde Lisa hellhörig. „Ich glaube, ich weiß, wo er ist… sein könnte", platzte es aus ihr heraus. „Und das sagst du erst jetzt?", warf Rokko ihr vor. „Es ist mir gerade erst wieder eingefallen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er das wirklich wieder findet. Herr Haas, Sie bleiben hier, falls Watson wieder auftaucht. Rokko, wir zwei fahren nach Göberitz."
Miiiiauuuuuu, jammerte das Kätzchen in Watsons Arm kläglich. „Pst, Miss Moneypenny, wir sind ja gleich da. Hier muss es irgendwo sein." Im Halbdunkel sah hier alles ganz anders aus. Watson war sich nicht mehr sicher, wo genau denn die Kummerhütte war. „Hast du vielleicht Hunger, Miss Moneypenny? Ich schon, komm, wir machen eine kurze Pause." Erschöpft nach Luft schnappend setzte Watson seinen Rucksack ab und holte die Dose mit den Essensresten und eine Flasche Milch hervor. „Na komm, das ist sehr lecker", ermutigte er das Kätzchen, etwas zu essen.
„Schnattchen? Watt'n los? Eben in Windeseile wech, jetzt widder hier…" Bernd verstand die Welt nicht mehr. „Ähm, Watson ist verschwunden", versuchte Lisa ihrem Vater zu erklären. „Und ihr glaubt, er taucht in unserem Wohnzimmer wieder auf?" – „Nein, keine Ahnung. War er vielleicht hier?", löcherte Lisa ihren Vater. „Nicht, dass ich wüsste." – „Angerufen?" – „Nein, auch nicht." – „Irgendwelche Auffälligkeiten? Geräusche im Garten vielleicht oder so?" – „Auch nicht. Mensch, Schnattchen, man könnte ja meinen, der Kleene wäre deiner und nicht der von dem Boxer." – „Ich bin auch besorgt", versicherte Rokko Bernd. „Ja, ja, das glaube ich ja", beschwichtige Bernd sein Gegenüber. Was juckte ihn der Boxer? Der Kleene war weg und gerade wer weiß wo. „Okay, komm, wir gehen zur Kummerhütte. Vielleicht ist er ja da", wandte Lisa sich an Rokko. „Kummerhütte?" – „Erkläre ich dir unterwegs." Bernd räusperte sich. „Kann ick irjendwie helfen?" – „Ja", entschied Lisa. „Halt Augen und Ohren offen, falls er doch noch herkommt."
„Weißt du, Miss Moneypenny, ich habe Holmes wirklich gerne – er ist wirklich cool. Kein Vater ist wie er, aber manchmal… manchmal da würde ich mir wünschen, er wäre wirklich Vater und ich wirklich Kind… dann wäre ich jetzt wohl auch nicht so enttäuscht, nach Flensburg zurückzumüssen. Ich hatte gehofft, ich… oder vielmehr Lisa könnte ihn überreden, wenn er gerade seine lustige Phase hat, aber blöderweise hat er in genau dem Moment sein Verantwortungsgefühl wieder gefunden." Trotzig wischte Watson sich eine Träne von der Wange, dann strich er dem Kätzchen über den Kopf. „Lisa… die ist toll. Sie sagt Watson zu mir… das sagen sie alle, aber sie sagt es wie Holmes… so als wäre es mein richtiger Name, verstehst du? Ich habe sie wirklich gerne, ich glaube, wir hätten viel Spaß zusammen. Wir sind uns ähnlich… naja, in vielem… nicht in allem… sie kann so schrecklich verkrampft sein. Weißt du, was mit aufgefallen ist? Dass sie nie sagt, dass sie Holmes liebt, auch wenn er es ihr sagt. Nicht mal ein ‚Ich dich auch', aber mir sagt sie, dass sie mich lieb hat. Wir könnten eine richtige Familie sein, wenn… naja, wenn wir uns alle lieb hätten – richtig lieb."
„Watson? Watson!", schallten abwechselnd Rokkos und Lisas Stimme durch den Wald. „Merde", murmelte Watson. Hättest du dir doch bloß ein anderes Versteck gesucht. Hektisch packte Watson seine Sachen zusammen und stürmte aus der Hütte. „Halt, nicht so schnell, junger Mann", hörte er Holmes, der ihn auch sofort festhielt.
