11: [Das Lächeln des Commanders]

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In the middle of a house
In the middle of nowhere
Bodies glide from room to room
I hate these walls
They speak to me:
"Hey, skin like a doll
You're no friend
Of the family"
Catch that light
It falls in subtle patterns
Crawls in
And tells them when their time is up
And when it's over
He takes her hand
and he kisses her cheek
She's a doll, oh yeah,
She's his
Spitting image
Where have you gone?
You're still a part of me
Hey, skin like a doll
You're no friend
Of the family
-The Toadies, 'Dollskin'

Recht froh darüber, Shinji wieder in der Schule anzutreffen, brauchten Kensuke und Touji keine weitere Zeit, um ihn voll und ganz als einen der ihren zu akzeptieren.
Doch während sie auf dem Schulhof abmachten, einander in Zukunft gelegentlich auf dem Weg zur Schule zu treffen, bemerkte keiner von ihnen das stille, blauhaarige Mädchen, dass sie vom Inneren des Schulgebäudes aus mit ihrem einen, nicht unter einem Pflaster verborgenem Auge ohne Unterlass beobachtete.

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Da war wieder dieser Traum.
Obwohl die Anzahl der Auswürfe seines Unterbewusstseins sich mitlerweile wieder halbwegs normalisiert hatten, hörte dieser eine Traum nie auf, ihn zu verfolgen. Keine drei Tage vergingen, ohne dass er sich während seiner nächtlichen Ruhe nicht mindestens einmal an diesem Strand wiederfand.
Immer wieder hatte er das Gefühl, schon tausend mal an diesem Ort gewesen zu sein, obwohl er beim besten Willen nicht sagen könnte, wann, vor seinen Träumen einmal abgesehen.
Wie auch? Der rote Streifen am Himmel, dass Ausmaß der Zerstörung, die zerstückelte Frauenleiche von der Größe eines Kontinents, und noch dazu diese Monolithen... Es gab nicht mehr viel, das Shinji nach allem, was ihm geschehen war, noch als unmöglich abtun würde, aber das es so einen Ort irgendwie wirklich gab, war doch eher... unwahrscheinlich.
Doch egal, was das hier für ein Ort war, auf jedem fall war es der einsamste und trostloseste Ort, den Shinji je erlebt hatte.
Es waren nicht nur die Bilder, sondern die Gefühle, die sie begleiteten.
Er wusste nicht, was diese Empfindungen ausgelöst hatte; Ihm war es, als habe er plötzlich an das Ende eines Filmes gespult, von dem er weder den Anfang noch die Prequels gesehen hatte.
Aber das Ende des Films war jetzt da, die Bilder und auch die 'Hintergrundermusik', diese todsichere Ahnung, dass er hier stets volkommen allein sein würde: Ein kleiner Punkt von Leben inmitten einer großen, leeren Welt, die in ihren unbelebten Urzustand zurückversetzt worden war.
Es war, als sei der komplette Planet als Ganzes mit allem, was darauf ist, einfach verreckt wie ein verkehrtherum schwimmender Goldfisch in einem mangelhaft gepflegten Glas, als sei der sich ständig erneuernde Fluss des Lebens, der selbst die Kathastrophe des Second Impact wenn auch in recht dezimierter Form irgendwie überstanden hatte, einfach versiegt.
Zunächst hatte er mit diesen Empfindungen wenig anfangen können, doch jetzt, wo er sie schon unzählige Male empfunden, diesen Ort schon unzählige Male gesehen hatte, konnte er an ihnen ablesen, dass er all die Menschen, die er kannte, nie wieder sehen würde.
Immer wieder stellte sich ihm die Frage, wie in aller Welt er sich diese Strafe verdient hatte, wieso ausgerechnet er noch hier war.
Das war irgendwie seltsam, nicht?
Das hier war ein Traum... er war natürlich hier, weil er sich schlafen gelegt hatte.
Dafür, dass Träume so waren, wie sie waren, gab es nicht immer einen nachvollziehbaren Grund... Und im wesentlich war es doch irgendwie egal, was er hier machte, oder?
Es war doch nur ein Traum...
Aber, irgendwie fühlte es sich nicht wie ein Traum an...
Also stellte er sich die Frage, die ihn wohl auch geplagt hätte, wenn er sich wirklich ohne Vorwarnung hier wiederfinden würde - Die Frage danach, was ihn hierher verschlagen hatte.
Vor ein paar Nächten war ihm aufgefallen, dass die großen,kreuzförmigen Monolithen irgendwie wie Evangelions aussahen. Sie hatten zwei getrennte, wenn auch dicht aneinander gedrückte Beine und diese charakteristischen Panzerplatten an unterer Brust und Bauch.
Was jedoch eindeutig fehlte, waren diese Dinger an den Schultern, wo immer die Messer drin waren. Außerdem waren sie komplett grau oder weiß... Einheit Eins war schon mal nicht dabei.
Trotzdem... Könnte es seine Verbindung zu den Evangelions sein, die ihn an diesen
trostlosen Ort verschlagen hatte?
Bis jetzt war er dadurch eher mit anderen in Kontakt gekommen als dass es ihn von ihnen getrennt hätte, aber... Wenn er verlieren sollte... wenn er alles in den Sand setzten sollte...
War es so gewesen? Hatte er versagt?
War er deswegen allein?
Verlassen, weil er nicht gut genug war?
Genau, wie sein Vater ihn damals verlassen hatte?
Das... erschien durchaus wahrscheinlich.
Er glaubte nicht, dass er all das schaffen konnte...
Aber wenn alles vorbei war, wieso war er dann noch hier?
Shinji gingen eine Menge Fragen durch den Kopf - unter anderem auch die, ob es überhaupt noch Sinn machte, die Augen zu öffnen, und sich hier umzusehen.
Eigentlich hatte er die Landschaft in diesem Traum schon unzählige Male gesehen, und etwas wirklich neues geschah in diesem Traum sowieso nicht.
Es war immer der selbe...
Er war immer allein.
Fragte sich immer wieder, warum niemand hier war, um ihn zu finden, obwohl er genau wusste, dass niemand kommen würde.
Seinetwegen würde nie jemand kommen.
Er war es nicht wert, das jemand herkam...
Aber... es war schon einmal jemand gekommen, um ihn zu sehen, irgendwann, vor einer langen Zeit, die sich jetzt unsagbar weit entfernt anfühlte.
Vielleicht... vielleicht war ja jemand hier.
Vielleicht war irgendwo hier in dieser leeren Welt jemand der ihm gefolgt war, als er in diese Einöde verstoßen wurde...
Nicht, das er irgendwem genug bedeutete, das dieser jemand seinetwegen diesen schrecklichen Ort wählen würde. Nicht, dass er es verdient hätte, wenn diese ganze Vernichtung wirklich seine Schuld wäre...
Dazu müsste diese Person ihn schon lieben.
Und er war leider nicht besonders liebenswert.
Er wagte es noch nicht seine Augen zu öffnen, weil er schon genau zu wissen glaubte, dass sie eine bittere Enttäuschung für ihn bereit hielten, doch er konnte es nicht verhindern, dass zumindest die Spitzen seiner Finger sich suchend umher tasteten...
Anders als in den bisherigen Durchläufen dieses Traumes erlaubte er sich, zu wünschen.
Wenn doch nur jemand hier wäre... wenn doch nur jemand bei ihm wäre... es war ihm vollkommen gleich, wer, solange er nur nich mehr so völlig allein an diesem Ort sein würde. Solange es irgendjemandem gab, der ihn lieben könnte.
Er wusste, dass er es nicht verdient hatte, aber nach allem, was geschehen war, konnte er nicht leugnen, dass er sich trotzdem bis in die tiefsten Schichten seiner Existenz danach sehnte.
Deshalb hatte er diese Möglichkeit nicht aufgeben können.
Deshalb hatte er Tokyo-3 damals nicht verlassen.
Also suchte er weiter, tastete und tastere, bis er auch etwas ertastete.
Er fasste es nicht.
Hier, in dieser leeren, einsamen Welt.
Hier, innerhalb der klitzekleinen Reichweite seiner halbherzig suchenden Hand.
Etwas warmes.
Es konnte nicht sein oder?
Das war ein viel zu irrer Zufall... Hier? So nah bei ihm?
Das würde ja bedeuten, dass jemand wirklich wegen ihm hier war, gezielt seine Nähe aufgesucht und sich an seine Seite gelegt hatte...
Egal, wie er es drehte und wendete, da war eine menschliche Hand, da war menschliche Wärme.
Da war jemand, der ihn gebraucht hatte, der zu ihm gekommen war.
Jemand der ihn liebte.
Augenblicklich ergriff er die fremde Hand, schmiegte sein Fleisch an die zierlichen, feingliedrigen Finger.
Er hätte an Ort und stelle losheulen können.
Das... das war doch nicht möglich, dass... hatte er nicht verdient, dass musste ein Missverständnis sein...
Wer das wohl war, der ihm hierher gefolgt war?
Die Person die ihn vermisst, ihn geliebt hatte?
Sein Vater jedenfalls nicht.
Dazu war die Form dieser Hand zu fein, die Finger zu schlank, die Haut zu zart.
Warscheinlich war es sogar ein Mädchen.
Ein Mädchen, dass ihn liebte.
Ein Mädchen... Wer könnte das sein?
Er hatte aufgrund seines jungen Alters und seiner eher schüchternen Persönlichkeit noch überhaupt keine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht...
Trotztem tauchten in seinem Bewustsein bei diesem Stichwort zahllose Bilder von Ayanami Rei auf.
Wieso Rei? Weil sie das erste gleichaltrige Mädchen war, das ihm spontan einfiel? Weil sie diese Angewohnheit hatte, ständig in seinen Träumen aufzutauchen?
Es hätte so einfach sein können, doch das war es nicht. Da war mehr, eine ganze Flut von Gefühlen, deren Ursprung er nicht kannte.
Gefühle, die ihn dazu verleiteten, an Rei zu denken.
Rei in ihrem Plugsuit und ihren Bandagen, schwer atmend in seinen Armen liegend.
Rei in einer Ecke des Klassenraumes, völlig alleine aus dem Fenster blickend.
Rei auf dem Schulhof, wie sie auf ihn herabblickte und zu ihm sprach.
Rei, ganz allein, völlig verloren in der Mitte einer Straße.
Er konnte sich nicht mal erinnern, wann das eigentlich gewesen war.
Rei, Rei, Rei, Erinnerungen an Rei, Bilder, die er so eigentlich noch nicht gesehen hatte... In seinem Inneren war alles voll von Rei...
Könnte sie es sein?
Könnte sie es sein, die ihn hier aufgesucht und gefunden hatte?
Nein, das... das wäre viel zu schön, um wahr zu sein...
Und es war auch nicht war.
Als Shinji nämlich befreit von seiner Angst vor der vollkommenmen Einsamkeit dieser öden Landschaft erwartungsvoll seine Augen geöffnet hatte, sah er, dass da absolut niemand neben ihm lag.
Er hatte sich an einen einzelnen abgetrennten Arm geklammert.
Ihm blieb nicht einmal die Kraft, mit Ekel zu reagieren und das einzelne Gliedmaß loszulassen.
Es war einfach nicht fair.
Er war völlig, völlig allein...
Und das war seine Schuld.
Sein Werk.
Ja, jetzt erinnerte er sich.
Sein Werk.
Er war es gewesen.
Er hatte diese leere, zerklüftete Welt geschaffen, und hatte auch noch die Frechheit besessen, zurückzukehren.
Er wusste nicht wie in Gottes Namen er das gemacht hatte, oder was ihn dazu getrieben hatte, aber er war sich sicher, dass alles hier das Resultat seiner höchst eigenen Handlungen war.
Kein Wunder, dass niemand hier bei ihm war.
Er war egoistisch, feige, unehrlich und schwach.
Er verdiente das hier, das und nichts anderes.
Und er hatte nicht mehr die Kraft, um wegzulaufen.
"Ich sehe es ein..." sprach Shinjis Traum-Ich sich vollkommen resigniert seinem Schicksal fügend, erdrückt von zahllosen Verlusten, die sein gegenwärtiges Pendant nicht verstehen konnte.
"Ich werde sie alle wohl nie wieder sehen... Aber ich schätze, jetzt, wo ich schon mal hier bin, kann ich auch weiter leben..."

Als Shinji schließlich seine Augen aufriss, war sein ganzer Körper in Schweiß gepackt. Er hatte seid seiner Ankunft hier viele Albträume gehabt, von den Kämpfen, seinem Vater und neuerdings auch diesem Mordanschlag, doch dieser hier war definitiv einer der schlimmsten überhaupt gewesen.
Dieses überwältigende Gefühl der Einsamkeit... schon daran zu denken jagte ihm eiskalte Schauer über den Rücken.
Die Decke über seinem Kopf kam ihm mitlerweile auch von sich aus vertraut vor, ohne dass dazu die Nachwirkungen des Traumes nötig waren, dafür war der Eindruck, dass in diesem Haus irgendwo noch eine Mädchenstimme zu hören sein müsste, um so stärker geworden.
Kaum, dass Shinji sich aufgesetzt hatte, war auch schon alles verflogen, und die nun etwas verwischte Erinnerung an den Traum machte schon längst keinen Sinn mehr, doch Shinji konnte nicht anders, als sich zu fragen, wie viel verrückter sein Leben wohl noch werden würde.
Er hatte bis jetzt noch zu niemandem ein Wort über diese Frau... nein, dieses Ding verloren, dass versucht hatte, ihn umzubringen.
Doch auch dieses Erlebnis brachte seine Gedanken ähnlich wie dieser Traum wieder zu der Person zurück, um die sie schon seid langem große Kreise zu ziehen schienen: Ayanami Rei.
Das war schon irgendwie verrückt gewesen, dass er in diesem ohnehin schon absolut irren Albtraum ausgerechnet an sie gedacht hatte.
Denn wenn er es recht bedachte, hatten sie in der ganzen Zeit, die Shinji hier in Tokyo-3 lebte noch überhaupt keinen richtiges Gespräch miteinander geführt.
Diese Festellung kam ihm, obwohl sie wahr war, doch irgendwie ernüchternd, wenn nicht sogar enttäuschend vor
Eigentlich war sie für ihn ja doch eine volkommende Fremde, auch wenn er irgendwie das Gefühl hatte, bereits eine Ewigkeit mit ihr verbracht zu haben... weil er so oft an sie dachte?
Aber was hieß schon, an sie denken? Ja, er dachte an sie, aber eigentlich dachte er nicht über sie nach. Dazu müsste er erst irgendwas über sie wissen, aber eigentlich wusste er eigentlich nur ihren Namen, und dass sie als Evapilotin eingeteilt war, genau wie er.
Die Erkenntnis, dass er, was sie anging, eigentlich total ahnungslos war, und nüchtern gesehen eigentlich überhaupt keine Verbindung zu ihr hatte, traf ihn wie eine kalte Dusche.
Er hatte sie in Gedanken immer zu seinem neuem Umfeld dazugerechnet. Sie ständig aus der Ferne heraus beobachtet, mitangesehen, wie sie zum Fernster heraus sah, wie die Bandagen an ihrem Körper stetig weniger wurden.
Sie war der Grund dafür, dass er hier war.
Sein Vater hatte ihn holen lassen, weil sie verletzt war.
Weil er sie nicht in den Kampf schicken wollte.
Und er wusste nicht einmal, woher diese Verletzungen stammten.

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Nachdem Shinji sich angezogen,gefrühstückt und sich etwas Essen eingepackt hatte, machte er sich wie gewohnt auf den Weg zur Schule - Misato hatte heute etwas früher das Haus verlassen, weil sie bei NERV noch irgendetwas erledigen wollte - angeblich eine Sicherheitsangelegenheit.
Vielleicht hatte es ja etwas mit dem Zeitungsarttikel zu tun, den Shinji auf den Tisch gefunden hatte - angeblich hatte der Tokyo-3-Serienmörder wieder zugeschlagen. Und das beunruhigte Shinji mehr als die meisten Bewohner dieser Stadt - denn er war sich verdammt sicher, gesehen zu haben, wie diese Frau vom Sicherheitsdienst das Ding vor seinen Augen erschossen hatte... andererseits, wer wusste, ob sich so ein... so ein... Wesen überhaupt von Kugeln aufhalten ließ... Die Implikationen dieses Gedankengangs waren so irre und furchterregend, das Shinji sie in einen Winkel seines Bewustseins presste, und sich auf die erträglicheren Tatsachen seines Lebens zu konzentrieren...
Dieses Ding war ihm doch nur zufällig über den Weg gelaufen, es hatte seine Opfer bis jetzt mehr oder weniger wahllos umgebracht... Es ghsb keinen Grund anzunehmen, das es speziell hinter ihm her war, oder?
Sonst hätte es in der vorangegangenen Woche eine Menge Gelegenheiten gehabt, in zu töten, nicht? Aber es war nichts der gleichen passiert.
Er sprach zwar davon, dass sein Leben immer verrückter werde, aber die letzte Woche war, bis auf die seltsamen Träume, eigentlich erstaunlich normal, wenn nicht sogar angenehm verlaufen.
Er hatte mitlerweile gelernt, Misatos Launen ein bisschen einzuschätzen und hatte nach und nach begonnen, etwas freier mit ihr zu sprechen.
Nicht über die großen Fragen des Lebens oder seine innersten Sorgen, aber doch über die ganz normalen Dinge, die er an den jeweiligen Tagen getan hatte, und irgendwo war es doch ganz angenehm, einfach mal unbeschwert über unmwichtige Sachen zu reden und einander etwas besser kennenzulernen.
Natürlich gab es immernoch Momente, in denen er sich isoliert fühlte und darüber nachgrübelte, dass das alles doch nur irgendwie Oberflächlich war und das jeder Zeit ein weiterer, schrecklicher Kampf anstehen könnte, aber er fühlte sich nicht mehr die ganze Zeit so, vor allem nicht mehr in der Schule.
Seid letzter Woche erwarteten ihn Touji und Kensuke des öfteren irgendwo auf dem Weg zur Schule, wo er dann meistens seinen Musikplayer ausschaltete und sich zu ihnen gesellte - Ehrlich lächelnd und dankbar über die ersten beiden wirklichen Freunde, die er je hatte.
Sie unterhielten sich in den Pausen miteinander, scherzten über den alten Lehrer oder die Klassensprecherin und sonstigen Jungs-Kram.
Er war kaum zu glauben, wie einfach das gegangen war - Er hatte sich zunächst etwas daran gewöhnen müssen, so oft in einer 'Geprächs-Situation' zu sein, doch nach ein paar von Toujis Blödelleien war Shinjis anfängliche Nervosität wie weggeblasen und die Interaktionen gingen ihm ohne großes überlegen von der Hand, fast schon als wäre es etwas natürliches, das er sein ganzes Leben lang gemacht hatte.
Am zweiten Tag wurden Touji und Kensuke wohl das erste Mal in diesem Jahrhundert von der Klassensprecherin dafür gelobt, dass sie ihn 'Erfolgreich in die Klassengemeinschaft eingegliedert hätten', und danach schien es auch alle anderen irgendwie normal zu sein, dass sie drei zusammen abhingen.
Und auch für Touji und Kensuke selbst war es mittlerweile völlig normal, den stillen EVA-Piloten freundschaftlich zu begrüßen, sobald er den Raum betrat.
"Hi Ikari!" kam es von den zwei winkenden Jungs auch heute wieder.
Shinji hatte sich immer noch nicht ganz daran gewöhnen können.
Zaghaft winkte der den Beiden zurück, entfernte seine Kopfhörer und begab sich zu den beiden hinüber, hinein in eines dieser kleinen Grüppchen, zwischen denen er bis jetzt nur hindurchgewalndelt war.
"Hallo, ihr zwei..." grüßte er zaghaft zurück. "Uh, es ist... schön euch zu sehen."
"Ganz unsererseits." entgegnete Touji. "...Aber sag mal, wo hast du gestern eigentlich gesteckt?"
"Ich... uh... ich war bei NERV. Habe ich etwas wichtiges verpasst?"
"Nö, nich wirklich." gab Touji zu. "In Mathe haben wir nur noch ein paar langweilige Widerholungen gemacht und in Geschichte mussten wir den üblichen Vortrag über den Second Impact angehören."
"Was genau hast du da eigentlich gemacht?" wollte Kensuke wissen. "Pilotentraining?"
"So ähnlich." bestätigte Shinji. "Ritsuko-san von der technischen Abteilung und ihre Kollegen haben ein paar neue Kampfsimulationen programiert, die ich halt machen sollte..."
"Wow! Echte Kampfsimulationen! Mit... Holodecks und sowas? Du Glückspilz! Klingt wesentlich interessanter, als hier in der Schule einfach herumzusitzen..."
"Nun, so aufregend ist es auch wieder nicht..." meinte Shinji. "Eigentlich waren das nur einfache Zielübungen... Aber ich hab' ja auch nie zuvor mit richtigen Knarren oder Messern zu tun gehabt, also ist es wohl gut... dass ich sie mache... schließlich... könnte jeder Zeit der nächste Feind auftauchen..."
Zum Ende dieses Satzes hin klasg der junge EVA-Pilot zunehmend beunruhigt, und Touji fiel es nicht all zu schwer, sich vorzustellen, warum. Also beschloss er, dass Thema zu wecvhseln, bevor Kensuke weiter nachboren konnte: "Ach ja, Ikari, wusstest du schon, dass du jetzt offiziell nicht mehr der Neue bist?"
"Uh... Wieso...?"
"Weil wir einen... äh, neueren Neuen gekriegt haben." verkündete der Junge in dem Jogginganzug.
"Ach was, wirklich?"
"Ja. Er ist gestern dazugekommen, als du weg warst. Der da hinten, mit dem Kopfverband. Ich denke, er heißt Mitsurugi. Mitsurugi... Nanao?"
"Nagato." korrigierte Kensuke. "Aber nah dran war's."
Tatsächlich entzdeckte Shinji in einer der hinteren Ecken des Klassenzimmers ein noch unbekanntes Gesicht.
Es handelte sich um einen schlanken, hochgewachsenen Jungen, der genau, wie Touji es beschrieben hatte, einen dicken Verband an seinem Kopf hatte, unter dem glänzendes, kinnlang geschnittenes, schwarzes Haar in Form einer Art Haubenfrisur hervorquoll.
Seine Haarfarbe tat, genau wie das schwarze Unterhemd, dass man unter seinen ordentlich zugeknöpften, makellosen Schuluniform hervorschauenm sah, ihr übriges, um seine ohnehin schlon blasse Gesichtsfarbe zu verstärken, auch wenn ihn ein gewisses Mädchen in Punkto Blässe trotz allem noch bei weiten in dem Schatten stellte.
Seine stahlgrauen Augen waren ganz und gar auf das kleine Geduldsspielchen fixiert, mit der er sich die Zeit bis zur Ankunft des alten Lehrers vertrieb.
"Dieser Verband sieht ganz schön übel aus." kommentierte Kensuke. "Ich frag mich, was ihn da erwischt hat..."
Doch Shinji hörte ihnen gar nicht mehr zu. Seine Gedanken waren schon wieder ganz wo anders. Denn bei seinem Blick auf Mitsurugis Verband hatte sein Blick jemanden getrieft, den er heute zum ersten Mal vollkommen ohne Bandagen zu sehen bekam: Das Mädchen, das zwei Reihen vor dem Neuzugang saß...
Ayanami Rei.
Da sie wieder einmal nur aus dem Fenster in die Landschaft hinein blickte, bekam Shinji wie sooft nur ihren blauen Hinterkopf zu sehen - doch der reichte, um zu verifizieren, dass die Bandagen wirklich fort waren - und auch ihr zweites Augen war wider ertwarten doch noch (wieder?) intakt.
Shinji hatte sich schon längere Zeit Sorgen darüber gemacht, dass sie es permanent verloren haben könnte, doch diese hatten sich jetzt als unberechtigt herausgestellt.
Allmählich hatte Shinji sich mit dem Gedanken angefreundet, dass sie wohl doch immer so blass war. Ihre Haut war kaum dunkler als die weißen Teile ihrer simplen Schuluniform - Verbände oder nicht, sie sah immernoch so aus, als ob sie jeden Moment kollabieren und sterben könnte.
Es lag auch irgendwie an ihrem zierlichen, feinen Körperbau, an der hellen, geisterhaften Farbe ihres Haarschopfes, dessen Farbe von der durch das Fenster einfallenden Sonne nur noch verstärkt wurde...
Er würde sie am liebsten in den Arm nehmen und in ein warmes, sicheres Bett legen, wo sie es schön weich und kuschelig hatte und nicht die Gefahr lief, auch nur gestubst zu werden...
"Hey, Ikari! Hörst du mir überhaupt zu?"
Es war Toujis leicht genervte Stimme, die den jungen EVA-Piloten aus der Kontemplation des Mädchens herausriss, dass ihn schon seid Wochen in ihrem unerklärlichen Bann hielt.
"Uh... was... was hast du noch mal gesagt?"
"Er hat gemeint, dass es ungewöhnlich sei, dass wir einen Neuen bekommen haben." erklärte Kensuke.
"Wieso denn?"
"Na ja, sieh dich mal um. Es ist hier in letzter Zeit doch ziemlich leer geworden." setzte der Militärfreak fort. "Weißt du, vor dem ersten Kampf sind hier fast alle Klassenräume aus allen Nähten geplatzt, weil Tokyo-3 ja die neue Hauptstadt werden soll, aber unsere Klasse blieb vor dem großen Andrang aus irgendeinem Grund größtenteils verschont. Und ausgerechnet jetzt, wo alle unbedingt aus der Stadt herauswollen, bekommen wir als einzige zwei Neulinge, dich mit eingerechnet.
Vor den Kämpfen ist bei uns eigentlich nur Ayanami dazugekommen..."
"Ayanami, hm?"
Bevor Shinji weiter nachfragen konnte, erschien der alte Lehrer in der Tür, und auch Hikari, die Klassensprecherin trat rasch ihren Dienst an und verteilte ihre üblichen Kommandos:

"Aufstehen! Verbeugen! Setzen!"

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Die Unterrichtsstunde gestaltete sich in etwa genau so 'interessant' wie alle anderen auch, sodass sämtliche Schüler sehr erleichtert waren, als der Himmel endlich mit ihnen Erbarmen hatte und es zur Pause schellen ließ.
Nachdem er seine Sachen in seine Tasche gestopft hatte, wanderten seine Blicke jetzt, wo er schon mal stand, direkt in die Reihen hinter ihm.
Wortlos sah er zu, wie Ayanami ohne großes zeremoniell ihre Sachen packte und sich wortlos aus seinem Blickfeld begab.
Selbst, ihr bei solch alltäglichen Dingen wie dem Zusammenpacken von Schulkram zuzusehen, war seltsam fesselnd. Da war immer diese seltsame Aura der Vertrautheit, die an die Schritte dieses Mädchens geheftet war.
Durch das Verlassen ihres Platzes gab sie den vollen Blick auf den neuen Schüler frei, der irgendetwas auf ein Papier krizelte - vielleicht vergessene Hausaufgaben?
Shinji wusste es nicht.
Jedenfalls saß er völlig alleine auf seinem Platz - kein Wunder, er war ja auch neu. Shinji konnte sich nur all zu gut daran erinnern, wie er seine ersten Wochen in dieser Schule völlig einsam und allein verbracht hatte...
Jetzt hatte er Touji und Kensuke, aber dass hieß nicht, dass er vergessen hatte, wie mies sich man sich in so einer Situation fühlte.
Ob dieser Mitsurugi auch keinen Anschluss gefunden hatte?
Zugegeben, es war erst sein zweiter Tag hier, doch Shinji stellte sich die Frage, ob er dem Jungen nicht die ganze Tortur ersparen und ihn gleich ansprechen sollte... und sei es nur zum einfachen kennen lernen.
Zögerlich bewegte sich Shinji auf seinen neuen Mitschüler zu - bei näherer Betrachtung erwiesen sich die Blätter, auf denen er herumgekritzelt hatte, als Sudokus und Kreuzworträtsel, an deren Ausfüllung er von der Schulglocke völlig unbehelligt weiter arbeitete.
Seine Augen waren wieder nur auf die Rätselblätter vor seiner Nase konzentriert, und Shinji glaubte nicht, dass der Neue ihn überhaupt schon bemerkt hatte.
Gut, dass ließ die Wahl der ersten Worte bei Shinji.
Nur, dass er überhaupt nicht wusste, was er denn sagen sollte.
Und sein Glück verließ ihn genau so schnell wie sein Mut: Früher oder später hätte der schwarzhaarige Junge über seine Sudokus hinweg blicken müssen, und die Möglichkeit, die sich das Schicksal ausgewählt hatte, war 'früher'.
So kam es, das sich Shinji von einem Moment auf den anderen darüber bewusst wurde, das Mitsurugi ihn schon geraume Zeit mit Zeichen leichter verwunderung auf seinem Gesicht zu ihm hoch blickte, und wahrscheinlich darauf wartete, das er etwas sagte.
"Uh..."
Von der Aufregung deutlich behindert suchte sein Gehirn nach Möglichkeiten, ein Gespräch zu beginnen... er hatte sich ja noch gar nicht vorgestellt.
Das war etwas, sich vorstellen ist immer gut...
"G-Guten Morgen, Mitsurugi...-san... Ich... ich bin, uh, Ikari Shinji. Ich wollte mich nur mal vorstellen, weil ich, uh, gestern nicht da war."
Mitsurugis Gesichtsausdruck verriet nicht all zu viel über seine Reaktion.
"Vielen Dank. Ich wünsche dir ebenfalls einen guten Morgen, Ikari-san." gab
er höflich aber dennoch trocken an. "Die anderen reden viel über dich. Du bist der 'alte' Neue, nicht?"
"St-stimmt genau!" antwortete Shinji von einem hektischen Nicken betrachtet.
Danach blieb es erstmal still.
Mitsurugi sah bloß still zu ihm hoch.
Es wäre alles wohl wesentlich leichter gewesen, wenn er einer von der gesprächigen Sorte gewesen wäre, und viele Fragen gestellt hätte...
Shinji fragte sich, was die anderen wohl über ihn erzählten.
Doch jetzt musste ihm erst mal ein neues Gesprächsthema einfallen, nach Möglichkeit vor Ende der Pause.
"Wir haben jetzt als nächstes, ähm, Sport..." fiel Shinji spontan ein.
"Soll ich dir vielleich den, äh, Weg zur Sporthalle zeigen...?
Oder denkst du, du findest ihn allein?"
Mitsurugi schüttelte leicht den Kopf.
"Vielen Dank für dein Angebot, aber die Mühe brauchst du dir nicht zu machen..."
"Es, uh... macht mir wirklich nichts aus!"
"So meine ich das nicht... Ich gehe nicht hin."
Und da fiel es Shinji wie Schuppen aus den Haaren.
Natürlich. Was auch immer den Kopf dieses Jungen so demoliert hatte, dass er diese Verbände nötig hjatte, hatte ihn sicherlich nicht in der Verfassung zurückgelassen, Sport treiben zu können.
Es war irgendwie doch sehr deprimierend, so früh schon in ein Fettnäpfchen getreten zu sein. "Es, uh, tut mir sehr Leid ich... na ja, jendenfalls tut es mir leid."

"Hey, Ikari!" Die Zeit war wohl um.
Das war Toujis Stimme und als Shinji sich etwas zu ihm umdrehte, stellte er fest, dass er Kensuke im Schlepptau hatte, alle beide mit Sporttaschen bewaffnet.
Kensukes Tasche zierte natürlich ein Tarnmunster.
"...was stehst du noch hier rum? Wenn wir zu spät kommen, bekommen wir einen Anschiss von der Klassensprecherin."
"Wir können, ähm, also sofort losgehen..." antwortete Shinji, der seinen eigenen Turnbeutel bereits bei verlassen seines Sitzplatzes mitgeführt hatte.
"Und du kannst natürlich auch mirkommen, wenn du willst." Meinte Kensuke zu Mitsurugi. Doch dieser schüttelte nur wieder den Kopf.
"Er, uh, geht nicht hin." erklärte Shinji.
"Verstehe..." antwortete Touji. "Ach ja, hast du der Klassensprecherin schon 'ne ärztliche Bescheinigung gegeben, dass du nicht in Sport kannst?"
"Horaki-san meinst du...? Nein, ich... fürchte, dass ich das versäumt habe." gab der Junge mit dem Kopfverband zu. "Ich habe aber eine Bescheinigung..."
"Dann solltest du sie ihr schleuningst geben. Sie verwaltet diesen ganzen Organisations-Kram und das Klassenbuch, und glaub mir, die kann manchmal recht zickig werden..."
"Oder wartet mal. Wie wär's, wenn wir ihr das Teil bringen?" schlug Kensuke vor. "Ich glaube nicht, dass wir sie auf dem Weg zu den Sportanlagen noch einholen, aber wir könnten es ihr mindestens auf dem Rückweg geben, bevor sie dir 'ne Standpauke halten kann."
"Das wäre wirklich sehr freundlich von euch. Vielen hezlichen Dank." erwiderte Mitsurugi relativ nüchtern und von einem Nicken begleitet, bevor er den dreien ein Papier hinhielt, welchen Kensuke dann sogleich einsteckte, während er bereits los lief, um Touji einzuholen, der bereits bei dem 'vielen Dank' losmarschiert war, um mit etwas Glück noch rechtzeitig den Sportplatz zu erreichen.
Shinji hinterließ dem 'neuen Neuen' noch ein paar karge Abschiedsworte, bevor er seinen Freunden hinterhereilte.
"Der Neue tut mir echt leid." meinte Touji halb scherzend zu seinen Freunden, sobald sie ihn erreichten. "Verpasst den Sportunterricht. Das einzige Fach in der Schule, wo man tatsächlich gute Noten für's Spaßhaben kriegt."
"Das kommt darauf an, ob einem Sport Spaß macht." wand Kensuke ein.
"Ich fall dabei nur auf die Nase und bin danach komplett verschwitzt. Aber ich schätze, die Sachen, die man gut kann, machen einem meistens Spaß..."
"Was ist denn mit dir, Ikari?" fragte Touji schließlich das neuste Mitglied ihres Grüppchens. "Wie hast du's denn mit dem Sport?"
"Ich... ich weiß nicht so recht... "
Das er sich nie so recht so recht getraut hatte, die Kinder in seinem kleinen Dorf zu fragen, ob er mitspielen durfte, ließ er an dieser Stelle einfach mal aus. "Ich... hoffe nur, dass ich keinen Ball ins Gesicht kriege..."
"Da kann ich dich beruhigen, wir machen Ausdauerlauf... Obwohl das bei der sängenden Hitze natürlich eher weniger beruhigend ist..." gab Kensuke schmunzelnd zu. "Die Mädchen haben's gut, die dürfen schwimmen gehen, während wir in der Sonne braten..."
Doch Touji sah das ganze etwas gelassener: "Na ja, immerhin haben wir vom Sportplatz aus einen ziemlich tollen Ausblick auf das Schwimmbecken... Noch was, das der arme Mitsurugi wohl verpassen wird..." Er untermalte seine dies bezüglichen Pläne mit einem Grinsen, dass auf die... unanständige Natur seiner Gedanken hinwies.
auch Kensuke schien sich von diesem, uh, Gendankengut angesteckt zu haben, doch Shinji war dagegen in ganz andere Gedanken versunken.
Er stellte sich das nicht als besonders toll vor, alleine im Klassenzimmer zu sitzen, während alle anderen raus in die Sonne gehen, doch es war nicht primär Mitsurugi, an den er jetzt dachte - es war erst sein zweiter Tag hier; Er würde sicher bald Anschluss finden.
Doch es gab da noch jemand anderen.
Jemand, der die letzten Wochen allein in diesem Klassenraum verbracht hatte, egal, ob die anderen Schüler in Sport waren oder nicht.
Er hatte sie noch nie mit jemand anderem zusammen gesehen, hatte in der ganzen Zeit, die er schon hier war, nie erlebt, wie sie sich mit jemandem unterhielt.
Er erinnerte sich noch ganz genau, das sie in den ersten Wochen nach seinem Wechsel an die Schule die einzige gewesen war, die genau so einsam und allein gewesen zu sein schien wie er...
Ayanami Rei.
Doch jetzt hatte er Touji und Kensuke.
Er war nicht mehr ganz allein.
Aber sie war es noch.
Sie war es schon die ganze Zeit gewesen.
Shinji wusste nicht, wieso, aber es machte den Anschein, dass sie... immer so ganz allein war.
Das arme Mädchen...
Er wusste ja selbst wie es war, völlig einsam zu sein, und wenn er daran dachte, dass dieses zierliche, zerbrechliche Wesen immernoch in dieser Hölle festsaß, konnte er nicht anders, als es als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit zu empfinden.

-

Durch die Dimensionen der Rennbahn bedingt bot es sich an,
die Jungs aus der Klasse II-A in zwei Grüppchen einzuteilen, und ihnen dann
nacheinander das zweifelhafte Vergnügen zu gönnen, in der sängenden Sonne einen
Zwölfminutenlauf machen zu 'dürfen'.
Während die erste Gruppe bereits ihr Martyrium durchlitt, wartete die zweite auf der Ersatzbank auf ihr grausiges Schicksal - so auch Shinji.
Die Zeit vor dem Dauerlauf vertrieben sich die Jungs unter anderem damit, zu dem etwas höher auf dem Dach eines Nebengebäudes liegenden Schwimmbecken hochzusehen, wo die Mädchen in ihren schwarzen Uniformbadeanzügen Wassersport praktizierten.
Doch Shinjis Blick ging vorbei an all den gebräunten Schönheiten mit ihren üppigen Leibern voller prachtvoller Kurven.
Die Mädchen waren alle schön, doch es sah die eine wie die andere aus;
Shinji hätte die Unterschiede zwischen ihnen nicht benennen können.
So kam es, dass er sie alle letzten Endes zugunsten eines kränklich
aussehenden Mädchens mit einer simplen Kurzhaarfrisur verschmähte, die zwischen ihren Mitschülerinnen hervortach wie eine Oase in der Wüste. Seine ungeteilte
Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem zierlichen, blassen Wesen, das mit
angezogenen Beinen einsam und allein in einer Ecke saß wie ein verlassenes, vergessenes Kind.
Es machte ihn irgendwie traurig...

Doch Shinji war nicht der einzige, dessen Blicke zu den leicht bekleideten Damen schwenken ließ - und diese nahmen davon auch irgenwann unweigerlich Notiz:
"Hey, gib mir mal das Handtuch!" bat eine von ihnen. "Die Jungs glotzen wieder..."
"Suzuhara ist der schlimmste!"
"Aber Ikari find ich irgendwie süß... HEY! IKARI-KUN!"
Shinji nahm die Schmeichelei nicht wirklich wahr,genau so wenig, wie die
unanständigen Kommentare seiner von dem Anblick recht erfreuten Freunde - er war viel zu sehr in Gedanken über das Subjekt seiner eigenen Beobachtungen
versunken.
Doch auch das blieb nicht lange unbemerkt: Nachdem die zickige
Klassensprecherin und ihre Freundin ihre Schenkel mit Handtüchern verhüllt
hatten, beschloss Touji aus einer Art spontanen Neugier heraus mal nachzusehen,
wo denn seine Kumpels hingeschaut hatten.
Da Kensuke auf die selbe Idee gekommen sein schien wie er, konnte Touji davon ausgehen, dass die Person, der sein Kumpel auf den Hintern gestarrt hatte, sich entweder bedeckt hatte, oder mit Schwimmen dran war.
Shinji hingegen blickte weiterhin fest in ein und die selbe Richtung, als ob er die Welt um sich herum komplett vergessen hätte.
"Hey Meister! Wo guckst du denn so angestrengt hin?" erkundigte sich
Touji mit einem breiten Grinsen.
"U-Uh, nirgendwo hin..." stammelte Shinji verunsichert, sich schlagartig darüber bewusst werdend, dass man seine Observationen auch mächtig falsch verstehen könnte.
Doch es war schon zu spät: Für Kensuke, der sich nun grinsend zu den beiden herüberlehnte, war es anscheinend ein leichtes gewesen, zu erkennen, wo, oder besser, zu wem Shinji da hinübergeschaut hatte: "Kann es sein, dass du Ayanami angaffst?"
fragte er breit grinsend.
"W-Wie kommst du denn da drauf?" entgegnete Shinji in einem verzweifelterm Versuch, einem sehr großen Missverständnis vorzubeugen.
Er hatte Ayanami ganz sicher nicht... so angehesehen...
Doch der Schaden war bereits angerichtet, und jedes Abstreiten stellte für seine breit grinsenden Freunde nur eine weitere Besätigung dar: "Ich hab dich beobachtet!" verkündete Kensuke. "Mit den Augen ausgezogen hast du sie!"
"Und dabei von ihren prallen Brüsten geträumt!" ergänzte Touji. "Ihren seidenweichen Schenkeln... und vor allem von dem, WAS DAZWISCHEN IST!"

Den letzten Part hatten die zwei mehr oder weniger im Chor gesagt und waren dabei auch unangenehm nah an Shinjis Gesicht gekommen, sodass er sich nun vorsichtig etwas entfernte.
"N-Nein, so war das wirklich nicht..." versuchte es es noch mal, ohne wirklich daran zu glauben, dass er der Brandmarkung als Lustmolch noch entgehen konnte.
"Warum hast du dann zu ihr rübergeguckt?" entgegnete Kensuke, dass mehr als eine rhetorische Frage einsetzend.
"Denn das hast du, streit es ja nicht ab!"
Sein Gesicht betrübt von seinen Freunden abwendend rückte Shinji schließlich mit der Wahrheit heraus: "Ich habe mich nur gefragt... warum sie immer allein ist..."
Kensuke und Touji, die so eine ernsthjafte Antwort wohl nicht erwartet hatten, brachten sich wieder in halbwegs normale Positionen.
Darüber hatte bis jetzt keiner von ihnen so recht nachgedacht.
"Hm.. Ich weiß auch nicht." gab Touji zu.
"Aber es stimmt schon. Hier auf der Schule hat sie jendenfalls noch nie
irgendwelche Freunde gehabt..."
"Sie sagt ja auch nie was." ergänzte
Kensuke. "Sitzt immer nur stumm da und starrt vor sich hin..."
"Vielleicht
ist sie ja ein bisschen zurückgeblieben oder sowas..."
So hatte es Shinji noch nicht betrachtet... Wenn er es recht bedachte, hatte er wirklich nie beobachtet, wie sie versucht hatte, mit anderen zu reden oder diese auch nur angesehen hatte...
Gleich anzunehmen, dass sie 'zurückgeblieben' sei, erschien Shinji zwar etwas krass, (Vielleicht wollte es auch einfach nur nicht in seinen Kopf gehen, dass es so etwas 'normales' sein könnte) aber was sich nicht bestreiten ließ, war das
Rei ihren Statur als Außenseiterin entweder teilweise selbst verschuldet hatte,
oder aber es nicht geschafft hatte, aktiv etwas dagegen unternehmen.
Aber nichts von alledem machte auch nur im entferntesten Sinn, und er kannte sie wohl auch bei weitem nicht gut genug, um irgendwelche Schlussfolgerungen über sie ziehen zu können. Es wäre nicht fair, einfach etwas daherzuspekulieren, ohne
überhaupt jemals mit ihr gesprochen zu haben - und auch, wenn er sehr oft
darüber nachgedacht hatte und versucht hatte, sich in seinem Kopf auszumalen,
wie ein Gespräch mit ihr wohl laufen würde, dachte er nicht, dass er sich jemals dazu durchringen würde, sie anzusprechen...
Es war irgendwie sehr entmutigend.
Doch bevor Shinji Zeit hatte, weiter sein Denkorgan zu strapazieren, ertönte die Pfeife des Lehrers - Ein sicheres Zeichen dafür, dass ihn und seine Freunde jetzt mit die Tortur des Ausdauerlaufes erwartete.
Doch die war ihm schon längst schnurzpiepegal; Er war nicht mehr in der
Stimmung, um sich halb scherzend über so etwas zu beklagen.
Da war etwas ganz anderes, dass ihn in seinem Inneren beschäftigte, und die Außenwelt einfach an sich vorbeiziehen ließ.
Das Rätsel der Ayanami Rei.
"Sie ist doch auch EVA-Pilotin, oder?" erkundigte sich Kensuke noch im Laufen. "Du müsstest sie doch eigentlich besser kennen als wir."
"Stimmt genau." pflichtete Touji ihm bei.
Doch das half nur geringfügig dabei, Shinji um seine betrübte Stimmung oder die zahlreichen Fragen in seinem Kopf zu erleichtern.
Es bekräftigte nur die traurige Feststellung, zu der er selbst längst gelangt war...
Das er und Rei trotz ihres geteilten Schicksals und bald wohl auch geteilten
Leides eigentlich überhaupt nichts miteinander zu tun hatten.
"Es stimmt schon..." gab Shinji resigniert zu. "...Aber wir reden kaum
miteinander..."

-

An diesem Nachmittag stand wieder ein Harmonixtest bei NERV an - diesesmal einer, der direkt in den Cages stattfinden sollte; Er würde dabei also tatsächlich in seinem Evangelion sitzen - doch nicht nur er.
Erstmalig nach dem Vorfall, bei dem sie sich ihre Verletzungen zugezogen hatte, sollte Ayanami Rei wieder an den Experimenten teilnehmen...
Doch vor diesem Test stand noch ein Zwischenstopp an - Misato hatte Dr. Agaki angeboten, sie bei ihrer Tätigkeit an der Stätte des letzten Kampfes zu treffen und sich bei dieser Gelegenheit über der Stand der aktuellen Forschungen zu erkundigen - Wie sein Vorgänger war der letzte Engel nach seiner
Niederlage komplett zu einer dickflüssigen Pampe zerplatzt, doch anders als
dieser hatte der fünfte Engel etwas zurückgelassen: Seine erstarrten Tentakel,
die bei seinem Tod noch in Einheit Eins gesteckt hatten.
Jetzt, wo man sie schon lange von dort geborgen und mit improvisierten Pavillions überdacht hatte, hatten die Wissenschaftler ihre helle Freude mit dem Abtragen und Analysieren zahlloser Proben.
Er hatte diese Peitschen leuchtend, flexibel, schnell und tödlich in Erinnerung; jetzt stand er vor kollossalen, starren, grauen Gebilden,
deren monumentale Dimensionen er in dem selbst nicht gerade kleinen Evangelion
nicht wirklich realisiert hatte.
Die graue, an den Rändern im Rahmen ihres Zerfallsprozess seltsam verwischt oder wie das Bild auf einer alten, im verblassen befindliche Fotografie aussehende Materie hatte wenig Ähnlichkeit mit den Waffen, die ihn, oder eigentlich ja EVA 01 durchbohnt hatten, und er hätte sie wohl nicht als solche erkannt, wenn man es ihm nicht vorher erzählt hätte.
Das aus der Explosion des Wesens resultierende Blut war schon größtenteils beseitigt worden, auch, wenn der unangenehme Geruch der Flüssigkeit immer noch nicht komplett aus der Luft gewaschen war, und wahrgenommen werden konnte, wenn man sich etwas konzentrierte.
Man erlebte das fremde Wesen doch anders, als wenn man ihm im Kampf gegenüberstand; Wenn man von Todesangst gepeitscht mit einem großen Monster rang, dachte man nicht viel nach; Man versuchte es zu vernichten, um
selbst zu überleben. Er hatte im Kampf zum Beispiel nie die Zeit, wirklich auf
die Struktur des Feides zu blicken oder darüber nachzudenken, gegen was er da
eigentlich kämpfte...
"Es ist ein komisches Gefühl, den Feind so aus der Nähe zu sehen..." fasste Shinji seine bisherigen Eindrücke nachdenklich zusammen.
Gemeinsam mit Misato hatte er unter dem fürr die Analyse des Engels
aufgebauten Pavillon nun endlich Dr. Akagi gefunden, die sie alle bereits auf
einem Gerüst erwartet hatte, sich ihnen nun mit einem Klemmbrett in der Hand
zuwendendete.
"Sehr gut..." lobte sie von oben her. "...Durch die Art, wie du
ihn erledigt hast, ist dieser Engel im Gegensatz zum letzten nicht explodiert,
sondern einfach nur zerflossen, und hat uns dabei diese 'Arme' hier dagelassen.
Jetzt haben wir endlich etwas, dass wir erforschen können... Und das verdanken
wir nur dir."
Shinji wusste nicht so recht, was er mit diesem Lob anfangen
sollte.
Er hatte bei seinem Kampf sicher nicht darüber nachgedacht, ob der Engel später ein gutes Forschungsobjekt abgeben würde, oder nicht.
"Und?" fragte Misato sofort nach. "...Wann wird es die ersten Ergebnisse
geben?"

-

Die ersten Ergebnisse konnte ihnen Dr. Akagi in einer
ruhigen, für Computerterminals reservierten Ecke des Pavillons präsentieren: sie bestanden aus genau drei Ziffern: 6-0-1.

"Und was heißt das?" fragte Misato.
"Es ist die Standart-Fehlermeldung für 'Nicht analysierbar."
"Dann habt ihr immer noch keine Ahnung davon, womit wir es zu tun haben?"
beklagte sich die Leiterin der Einsatzabteilung.
"Stimmt. Wir wissen nur, dass die Engel aus einer Materie bestehen, die sowohl Partikel- als auch Wellencharakteristika aufweißt. Wie erstarrtes Licht."
berichtete die Wissenschaftlerin, beiläufig an ihrem Kaffee nippend.
Misato und Shinji, denen bei der Ankunft hier ein Getränk in die Hand gedrückt worden war, taten es ihr gleich, auch wenn die Flüssigkeitsaufnahme bei ihnen eher die Verdauung der bizarren neuen Informationen unterstützen sollte.
"Aber es sollte doch möglich sein, wenigstens die Energiequelle zu finden..."
"Leider nein. Der Körper des Engels hat sich leider bis auf diese Fangarme zusammen mit all seinen Geheimnissen verflüssigt..."
"Dann können uns die Reste, die wir haben, also keinerlei Ergebnisse liefern?"
"Doch, schon..." antwortete Dr. Akagi, sich von ihrem Stuhl erhebend.
"Aber leider werfen sie dabei noch wesentlich mehr
neue Fragen auf. Sieh dir zum Beispiel mal das Energiewellenmuster an..."
Die Wissenschaftlerin tippte etwas auf ihrer Tastatur herum und machte dann
fürr Misato's und Shinji's neugierige Augen platz, die sich nach vorne lehten, um zu sehen, wie eine Reihe von Buchstaben einer ähnlich beschrifteten Anordnung
von Wellendaten und kleinen Diagrammen Platz machten.
Misato verstand anders als ihr Schützling sofort deren Bedeutung: "Das gibt's nicht, oder?"
"Doch. Obwohl das Gewebe aus einer uns fremden Form von Materie besteht, enthält es Strukturen, die menschlicher DNS sehr ähnlich sind... Die Übereinstimmung
beträgt Über 99%. Zum Vergleich: Mit Schimpansen haben wir etwa 98%
gemeinsam, mit einem Neandertaler etwa 99,5"
"Da steht 99,89..." las Misato erstaunt vor.
"Und das heißt, das wir uns klar machen müssen, dass es noch viele Dinge gibt die wir nicht verstehen..."
Während Shinji zunächst recht ahnungslos auf den Bildschirm geblickt hatte, lenkte ihn das Geräusch von Schritten noch während die beiden Frauen sprachen davon ab.
Als er seinen Kopf zu den zwei vorbeilaufenden Männern drehte, war es pure
Neugier, die ihn bewegte, doch es waren ganz andere Empfindungen, die seinen
Blick an ihnen kleben bleiben ließen.

Es waren Vize-Commander Fuyutsuki... und Ikari Gendo.
Wahrscheinlich nahmen sie von Shinjis Anwesenheit nicht mal Notiz, marschierten raschen Schrittes zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die an einem Schipsel aus dem Peitschenarm des Engels herumhantierten, während einige ihrer Kollegen sich an der Stelle zu schaffen machten, aus der sie das kleinwagengroße Stück herausgeschnitten hatten.
Ein hochgewachsener Mann mit längeren Haaren, der unter seinem weißen Kittel eine NERV-Uniform trug, wie sie zum Beispiel auch Hyuuga oder Aoba trugen, griff sich ein Klemmbrett, dass er wohl vormals abgestellt hatte, um seine Werkzeuge handhaben zu können, und
grüßte seine Vorgeseztzten mit einem lässigen Winken.
"Hallo Commander! Und natürlich auch Hallo Subcommander. Ich nehme an, sie kommen, um sich nach unseren Ergebnissen zu erkundigen?"
"Ganz recht." bestätigte Fuyutsuki.
"...Nun, was ist? Haben sie Überreste der Energiequelle gefunden?"
"Leider nein, Sir."
"Was ist mit dem Rest?"
"Der Rest ist ziemlich homogen und weißt keine besonderen Strukturen auf... und er zerfällt, wie Sie sehen, ziemlich schnell. Ich glaube nicht, dass wir damit noch besonders viel anfangen können..."
"Das ist kein Problem. Vernichtet den Rest." befahl der Commander.
"...Möchten Sie vorher vielleicht noch irgendetwas persönlich
inspizieren..?"

Anscheinend wollte er das. Shinji hatte die ganze Zeit
übr gebannt zugesehen, auch wenn die Konversation nicht wirklich einem Thema
folgte, dass mit ihm zu tun hatte. Schon allein, dass sein Vater darin
verwiockelt war, reichte, um Shinjis Blick festzunageln.
Er hatte den strengen, kühlen Mann nie wirklich kennengelernt und wusste eigentlich so gut wie gar nichts über ihn... Auch, wenn er jetzt hier in Tokyo 3 lebte und bei NERV arbeitete, hatte er immernoch nur sehr wenig mit dem älteren Ikari zu tun und hatte praktisch nie direkt mit ihm gesprochen, und schon gar nicht über persönliche Themen.
Irgendwie wollte er wissen, was es mit dieser Arbeit auf sich
hatte, die anscheinend so viel interessanter gewesen war, als Shinji
selbst.
Das auch die Hoffnung, seinen Vater endlich zu verstrehen, sich in
den Cocktail von Shinjis Gefühlen mischte, versuchte dieser zunächst zu
verdrängen - er wollte sich keine leeren Hoffnungen machen.
Shinji wollte seinen Blick bereits wieder abwenden, als eine kleine, triviale Geste ihm völlig unerwartet mit neuen Informationen konfrontierte:
Anscheinend doch daran interessiert, sich des Gewebes des Engels doch noch persönlich zu besehen, entledigte sich Ikari Gendo der weißen Handschuhe, die ihn sonst überall him begleiteten, und fuhr mit seinen bloßen Händen über die verblassende Oberfläche der Proben, von der sich dabei einzelne, leuchtende, flockenartige Partikel lösten, in einem bestimmten Winkel hineinschauend, als verspräche er sich davon aufschlussreiche Information.
Er ordnete noch ein paar Dinge an, bevor er sich seine Handschuhe wieder
überstreifte, und es Fuyutsuki überließ, die Berichte zu prüfen und mitzunehmen.
Die weißen Accessoires hatten ihren angestammten Platz wohl nur für ein paar
Minuten verlassen, aber es hatte völlig ausgereicht. Shinji war nicht entgangen,warum sein Vater sich nie von seinen Handschuhen zu trennen schien -
Seine gesammten Handflächen und die unteren Glieder der Finger waren von recht
unschönen Brandnarben entstellt.
Shinji fehlten die Worte.
Er hatte nicht die geringste Ahnung davon, wo sein Vater sich diese Verbrennungen zugezogen haben könnte.
Er könnte nicht einmal angeben, wann die Verletzungen zu stande gekommen waren. Seine Erinnerungen an die Zeit, bevor sein Vater ihn weggeben hatte, waren bestenfalls schwamming und er hätte nicht sagen können, ob er die Narben damals schon hätte oder ob er sich in der ewig langen Zeit zugezogen hatte, in der ihr Kontakt mit 'lose' noch sehr euphemistisch beschrieben wäre - seid drei Jahren hatte dann komplette Funkstille geherrscht, und Shinji hätte nicht gedacht, seinen Vater überhaupt noch mal wieder zu sehen - Er hätte warscheinlich gegen einen Baum fahren und sterben können, ohne das Shinji davon das geringste mitbekommen hätte - von diesen Verbrennungen ganz zu schweigen.
Aber eigentlich hätte es auch ohne weiteres nach Shinjis Ankunft hier passiert sein können.
Wenn man es recht betrachtete, war die Distanz zwischen ihnen beiden nur auf die Art gesunken, die man in Kilometern festhalten konnte - aus allen anderen Winkeln betrachtet war sein Vater noch genau so weit weg von ihm, wie er es die letzten elf Jahre über gewesen war.

"Was hast du denn?" fragte Misato, ihren Schützling unsanft auf seinen Gedanken reißend.
Shinji kam sich ziemlich ertappt vor, hatte er doch der Illusion unterlegen, dass Misato mit Dr. Akagi beschäftigt war, und es nicht bemerken würde, wenn sein Blick mal eben abschweifte - doch sa hatte er wohl zu lange und zu intensiv in die Ferne geguckt.
"G-Garnichts..." log Shinji.
Er wollte jetzt nicht darüber reden.
Doch gerade seine Resignation war es, die seinen Vormund immer am meisten zur Weißglut brachte. Auf sein Abwenden seiner Augen reagierte sie mit dem zücken ihres Zeigefingers: "Jetzt hör mal zu! Wenn du in diesem Tonfall 'gar nichts' sagst, dann lässt du mir doch gar keine andere wahl, als noch mal nachzuhaken! Nichts ist aufälliger als wenn jemand übertrieben unaufällig tut!
Also was ist jetzt?"
Da Misato ihn nicht ohne eine klare Antwort zu geben davonkommen lassen würde, und er irgendwo wirklich eine Frage stellen wollte, gab er sich schließlich geschlagen und packte aus: "Ach ich hab nur... eben gesehen, dass mein Vater Verbrennungen an den Handflächen hat..."
"Verbrennungen?"
Misato schien einerseits erleichtert, dass Shinji über etwas relativ harmloses nachgegrübelt hatte, schien aber selbst zum ersten Mal von den besagten Narben gerhört zu haben.
"...und da hab ich mich gefragt, wie das passiert ist..."
"Ich hab keine Ahnung." gab Misato zu, sich fragend zu ihrer Freundin umdrehend.
"...Weißt du es?"
"Es ist vor etwa zwei Monaten passiert, noch bevor du hier ankamst." erklärte Dr. Akagi
"Eva 00 ist bei der Aktivierung außer Kontrolle geraten. Du hast doch davon gehört, oder?"
Shinji bejahte dies, obwohl er eigentlich keine Ahnung hatte - er wollte einfach nur den Rest der Geschichte hören. Trotzdem verstörte es ihn irgendwie, dass diese Dinger, in die man ihn und Rei da rein setzte, offenbar des öfteren
verrückt spielten.
"Es war schlimm." setzte die Wissenschaftlerin fort. "Der Pilot war in seinem Entryplug gefangen.
"Ayanami Rei, oder?" hakte Shinji nach. "Sie war bestimmt der Pilot..."
Es musste so sein. Jetzt begann, ihm alles einzuleuchten.
Natürlich - außer ihr hatte es vor seiner Ankunft doch keine weiteren EVA-Piloten gegeben, oder? Dann kam eigentlich nur sie in Frage. Daher mussten ihre Verletzungen stammen! Was das ganze mit seinem Vater zu tun hatte, wollte ihm zunächst nicht einleuchten - Doch Dr. Akagi setzte ihn rasch über den Zusammenhang in Kenntnis: "Ja. Und Commander Ikari hat sie gerettet.
Er hat die überhitzte Ausstiegsluke mit bloßen Händen geöffnet..."

-

Dem Commander war bereits eine gewisse Anspannung anzumerken gewesen, als er den Beginn des Experimentes befohlen hatte, und seine Brille dabei etwas hochgeschoben hatte - nicht das mitunter spiegelnde, getönte Exemplar, mit dem Shinji ihn seid seiner Ankunft hier gesehen hatte, sondern eine mit dicken, klaren Gläsern und einem billigen, alles andere als neuen Plastikgestell, dass fast schon ein wenig zu groß für sein Gesicht zu sein schien.
Überall um ihm herum herrschte wildes Getipsel, die Stimmen der Techniker berichteten ihm, wie Evangelion Einheit Null nach und nach hochgefahren wurde.
Der orangene Koloss richtete seinen einäugigen Kopf auf, die Lichter am Kopf und an den Armen gingen eins nach den anderen an.
Zwischen Dr. Akagi und Fuyutsuki stehend beobachtete der Commander den Fortgang des Experiments mit todernster Miene.
So weit schien alles gut zu laufen... aber eben nur so weit.
Kurz vor erreichen der "Absoluten Grenzlinie" kam es zu einem Fehler im Aktivierungsprozess - Die Fehlermeldungen erschienen schneller auf den Bildschirmen, als die Techniker sie rufen konnten - Die meisten Durchchnittsmenschen hätten wohl wenig mit Ausadrücken wie "Impulsrückfluss" oder "Unkontroliertes hineinziehen des Plugs" anfangen können, doch spätestens, als der an der Wand fixierte, orangene Koloss sich zu regen begann, wurde klar, dass etwas gewaltig schief gelaufen war.
Evangelion Einheit Null löste sich von seinen Fesseln, die Halterungen, die ihn an Ort und Stelle halten sollten, einfach mit sich aus der Wand reißend.
Ein scheußliches Brüllen von sich gebend, bewegte sich die Bestie durch den Raum - doch es war kein gerader Marsch, den der menschengemachte Titan da vollführte; Er taumelte, wand sich und fasste sich an seinen im Vergleich zum Körper winzigen Kopf, in bizarrer Ähnlichkeit zu einem Menschen unter qualvollen Schmerzen. Doch das Ding hatte durchaus ein Ziel, dass es mit seinem einzelnen Auge immer wieder verzweifelt zu fokusieren versuchte: Das Fenster, durch das die Insassen des Kontrollraumes es beobachteten.
Der Eva rammte seine Faust mehrmals in die Scheiben, die Scheiben zersplitternd und die Wand demolierend, zahlreiche große Dellen hinterlassend.
Gendo Ikari blieb trotz der fliegenden Glassplitter um ihn herum, der immer wieder einschlagenden Faust des Giganten und der Warnungen der blonden Wissenschaftlerin an Ort und stelle stehend, ein fast schon erschreckend geringes Ausmaß an Reaktionen zeigend.
Doch da gab es etwas anderes, dass ihn sehr wohl reagieren ließ - Die eine Sache an diesem Evangelion, die noch funktionierte, wie sie sollte - Der Notasusstoßmechanismus des Entryplugs.
"Verflucht!" rief Ikari scheinbar ehrlich schockiert - und er hatte auch allen Grund dazu. Denn die Funktion, die den Entryplug samt Piloten in einem echten Einsatz wohl vom Kampfherd und damit von der Gefahr wegkatapultiert hätte, sogte hier nur dafür, dass der Plug ungebremmst gegen das Dach des Versuchsraumes knallte, und funkensprühend quer durch den Raum an der Decke entlang raste - die Düsen, die sonst die Funktion gehabt hätten, einen etwaigen Fall abzudämpfen machten alles nur noch schlimmer und waren schon längst aus, als der Plug schließlich zu Boden fiel.
"REI!" rief Ikari völlig entgeistert, seine sonst streng beherrschten Gesichtszüge entgültig entgleist.
Es war wohl kein Wunder - Das hier war exakt der selbe Kontrollraum, fast die selbe Situation... fast das selbe Gesicht...
Doch es half nichts - Der Plug schlug hart auf dem Boden, prallte ab und kam erst bei der zweiten unsanften Landung dauerhaft am Boden an.
Einheit Null war währenddessen dazu übergegangen, seinen Kopf ohne Rücksicht auf Verluste gegen die Wandplatten zu knallen, immer und immer wieder, bis er irgendwann zum stehen kam, weil man in der zwischenzeit das Stromkabel abgetrennt und den Raum mit Bakelit geflutet hatte.
Der Großteil der Menschen im Kontrollraum atmeten erstmal erleichtert aus, als der Evangelion endlich komplett stillstand, doch nicht Ikari - Für ihn war nur ein Hindernis beseitigt, dass ihn daran gehindert hatte, sich um das zu kümmern, was ihm wirklich Sorgen bereitete.
Er hatte jetzt frei Bahn, setzte sich umgehend in Brewegung, als sei irgendetwas in ihm eingerastet, dass lange Zeit durchtrennt gewesen war... Als sei er wieder an jenem Tag und sei noch in der Lage, jenes schicksalhafte Ereignis zu verhindern.
"Nicht nochmal." hallte ers durch seinen ansonsten wie leergefegten Kopf.
"Nicht auch noch Rei."
Zuerst eilte er zu den zerbrochene Fenstern, lehnte sich etwas heraus, während er sich nebenbei an der Wand festhielt - Das waren mindestens sechzig Meter bis nach da unten, springen konnte er vergessen.
So gerne er sich die trügerische Sicherheit einer geraden Linie gönnen würde, so genau wusste er, das Kurven manchmal sehr, sehr hilfreich sein konnten.
Also drehte er sich ohne weitere Worte mit irgendjemandem zu wechseln um und stürmte aus dem Raum, sowohl Fuyutsuki und Dr. Akagi ignorierend wie Nullen auf der linken Seite.
Sie spähte durchaus ein wenig getroffen unter der Form des Giganten hindurch zum Entryplug hinunter und konnte sich nur all zu gut denken, was ihn da antrieb.
Sie konnte es nicht fassen, dass er wirklich fast gesprungen wäre.
Ikari selbst hatte inzwischen einen Aufzug bestellt, war dann aber doch die Treppen heruntergestürmt, bevor dieser angekommen war.
Er raste weiter, ohne sich seiner Umgebung wirklich bewusst zu sein - Das hier war ein für Wartungarbeiten vorgehesener Zugang, den er im Leben noch nicht betreten hatte, aber das logische Erschließen des richtigen Weges wie auch das Lesen der Schilder geschahen beinahe schon automatisch.
Das er unterwegs eine Tür eingetreten hatte, erfuhr er erst, als Fuyutsuki ihn ein paar Tage später darauf ansprach.
Darüber, das ihm in seiner Hast sein Sicherheitsausweiß aus den Händen fiel, als er ihn durch den dafür gedachten Schlitz an der letzte Tür ziehen wollte, sodass er ihn wieder aufsammeln musste, speicherte sein Verstand nicht einmal Erinnerungen, so aufgelöst war er, so närrisch gab er sich der Illusion hin, hiermit gegenüber seiner Frau oder seinem Sohn irgendetwas 'wieder gut machen' zu können.
Als die Tür sich schließlich öffnete, rannte er sofort los, ungehalten, fast schon über seine eigenen Schritte stolpernd, bis er den Entryplug erreichte, sich direkt den Griff der Ausstiegsluke - Und die war wahrscheinlich heiß genug, um die oberen Schichten seiner Haut innerhalb kürzester Zeit regelrecht zu kochen.
Einen Schmerzenslaut von sich gebend wich Ikari instinktiv zurück, seine Brille dabei unabsichtlich auf den Boden fallen lassend.
Doch so ein bisschen Hitze reichte bei weitem nicht aus, um ihn in irgendeiner Form zögern zu lassen - Noch aus der selben Bewegung heraus führte er seine gequälten Finger durch rohe Willenstärke zurück an das brennend heiße Metall und drehte unter großer Anstrengung und noch größeren Schmerzen den Öffnungsmechanismus, bis sich die Luke endlich öffnete und sich das heiße LCL über den Boden der Versuchshalle ergoss.
Er öffnete die Luke ohne sich auch nur die kleinste Pause zu gönnen komplett, und lehnte sich in den schmalen, zylindrischen Plug hinein.
"Rei? Geht es dir gut? REI!"
Das Mädchen saß zitternd und schwach auf ihrem Platz, verängstigt und dem Blut nach zu urteilen, das quer über ihr Gesicht floss, wohl auch verletzt, es gerade mal so auf die Reihe bringend, sich zu ihm hinzuwenden und ihm zuzunicken.
Ikari lächelte.
"...Gott sei dank..."
Er nahm sich erst einmal die Zeit, richtig durchzuatmen, wobei ihm selbst die aufgeheizte, nach LCL stinkende Luft im inneren des Entryplugs wie eine Meeresbriese vorkam.
Sie lebte.
Der Leiter von NERV gönnte sich gerademal eine einsekündige Pause, bevor er seine... Untergebe? Frau? Werkzeug? Erinnerungstück? Schöpfung? Tochter?
mit einer Behutsamkeit und einer Vorsicht aus dem Entryplug hob, die man einem strengen, pragmatischen Mann wie ihm nicht im geringsten zugetraut hätte.
Er stand einen Moment lang da, bevor er sich umdrehte und sie aus der Versuchshalle trug, langsam, allmählich, seinem Herzschlag und seiner Atmung eine Gelegenheit gebend, zu einer normalen Geschwindigkeit zurückzukehren.
Noch bevor er den Kontrollraum erreichte, übergab er das blasse Mädchen an die Notfallmannschaft, die Dr. Akagi wohl zu einem Zeitpunkt herbestellt haben musste.
Erst jetzt bemerkte er, dass er seine Brille im Versuchsraum zurückgelassen hatte - nicht, dass diese ihm sonderlich viel genützt hätte.
Das simple Plastik hatte sich durch den Kontakt mit dem glühend heißen LCL verformt, sodass die Gläser Sprünge bekommen hatten.

-

"Und DAS hat mein Vater getan?" fragte Schinji ungläubig.
Er hätte seinem Vater nie im Leben zugetraut, dass er für das Leben einer simplen Untergebenen so etwas wie Verletzungen in Kauf zu nehmen. Irgendwie fiel es ihm schwer zu glauben, dass der Mann in dieser Erzählung die selbe Person war, wie die große, düstere Figur, die ihn einst völlig hilflos heulend an diesem Bahnhof zurückgelassen hatte.
Es erschien ihm einfach nicht möglich...
"Ja. Daher stammen seine Verbrennungen." bestätigte Dr. Akagi entgegen aller logik von Shinjis innerer Welt. Er konnte für den Rest der Konversation nur zuhören und versuchen, das, was man ihm eben erzählt hatte, irgendwie zu verarbeiten.
"Unfassbar, dass das alles passiert ist..." kommentierte Misato alles andere als zufrieden. Das die Waffe, auf die sie ihre Hoffnungen, ihre Rachepläne, ihren Wunsch nach Befreiung gestützt hatte, sich als so unzuverlässig herausstellte, verführte sie zu unangenehmen Gedanken.
"Ja. Natürlich wurden alle Aufzeichnungen gelöscht und die offizielle Version lautet anders, aber so war's." berichtete Dr. Akagi wesentlich kühler, als es Misato lieb war.
"...Und habt ihr inzwischen endlich herausgefunden, warum der EVA Amok ghelaufen ist?" fragte sie, in der Hoffnung, ihre Zweifel zum schweigen bringen zu können.
"Nicht defrinitiv. Aber wir vermuten, dass es eine mentale Instabilität beim Piloten gegeben hat, und dass das die Hauptursache war."
"Eine mentale Instabilität? Bei Rei?"
"Ja. Anscheinend war sie wesentlich angespannter, als wir erwartet hatten."
"Aus welchem Grund?"
"Ich weiß es nicht... aber... möglicherweise..."
Möglicherweise wollte irgendein Winkel dieses... widernatürlichen Monstrums Rache an der Tochter der Person, die es getötet hatte...
Nein. Jeztzt begann sie schon, wie sie zu denken.
Dr. Akagi hätte sich selbst eine dafür klatschen können, dass sie überhaupt an soetwas dachte.
"Möglicherweise was?"
"Nein... das kann nicht sein."
"So oder so, wenn man noch nicht genau weiß, was bei dem Experiment schief gelaufen ist, warum will man Einheit Null dann reaktivieren? Ist das nicht ein bisschen voreilig?"
"Die Engel sind zurückgekehrt, und die Evangelions sind nunmal unsere einzige wirksame Waffe."
"Ich weiß, aber..."
"Das war nicht unser ersten Versuch mit Rei und Einheit Null. Wir haben schon unzählige erfolgreiche Experimente durchgeführt. Sobald das neuronale Interface endich repariert ist..."
"Wird sie wieder in den Kampf geschickt, ich weiß..."
So ganz glücklich war Misato mit der Tatsache, dass jetzt ein weiterer, simpler Teenager gezwungen sein würde, als Soldat für das Schicksal der Menschheit anzutreten - und das mit einer nachgewiesenermaßen instabilen Waffe.
"Wenn alles klappt, werden wir sie beim nächsten Engel schon einsetzen können. Sie wird also ebenfalls deinem Kommando unterstehen, genau wie Shinji. Hier sind ihre Akten."

Misato griff sich die Papiere und ging.

-

Rei Ayanami.
Vierzehn Jahre alt.
Die erste Versuchsperson, die das Marduk-Institut ausfindig machen konnte.
Das First Child, designierte Pilotin von EVA 00, aber auch als Ersatzpilotin für EVA 01 vorgesehen.
Ziemlich konstanter, gut nutzbarer aber im Vergleich zu den Werten von Einheit 02 oder 01 nicht besonders hoher Synchronwert.
Mehr war da nicht.
Keine Blutgruppe, keine Familie, keine psychologischen Profile, keine Vorgeschichte.
Nicht mal ein verdammtes Geburtsdatum!
Die Akten, die Ritsuko ihr da gegeben hatte, waren im Vergleich zu dem Bündel Papier, das sie zu seinerzeit über Shinji oder das Second Child bekommen hatte, ausgesprochen dünn. Bis jetzt hatte sie von Rei nur ihre Synchronisationsdaten zwecks des Vergleichs mit den anderen Kindern gesehen, und sich schon länger, gefragt, was wohl in ihrer Akte stand... zuerst hatte sie sich gewundert, dass man ihr die Papiere so ohne weiteres ausgehändigt hatte, aber jetzt sah sie, wieso man sie einfach so dran gelassen hatte - Es stand absolut nichts drin.
Außer einem weiteren Detail, dass das große Netz der Mysterien nur noch undurchsichtiger machte: Von ihren Eltern gab es nicht einmal Namen, aber als ihr aktueller Vormund war niemand geringeres eingetragen als Commander Ikari höchst persönlich.
Das war alles höchst mysteriös... Erst soll der Sohn des Commanders Einheit Eins steuern, und jetzt stellt sich heraus, das sein Pflegekind schon seid Jahren im Programm ist...
War das nicht irgendwie Vetternwirtschaft? Und überhaupt...
Spontaner Heroismus hin oder her, niemand, der sein eigenes Kind weggibt, zieht aus purer Nächstenliebe ein kleines Mädchen auf...
Aber Misato hatte nichts Handfestes, keine konkreten Beweise dafür, dass das alles nicht einfach nur ein großer Haufen von Zufällen mit relativ einfachen Erklärungen war...
Laut diesen Papieren war das Mädchen allein untergebracht worden, wie man es zunächst auch mit Shinji vorgehabt hatte. Vielleicht war Rei ja nur der…Formalitäten wegen bei Commander Ikari eingeschrieben… und außerdem war diese Organisation der einzige Weg, den Misato hatte, um ihre Ruhe wiederzufinden...
"Hey, Shinji..." fragte sie den nachdenklichen Jungen beiläufig.
Das er etwas wusste war nicht sehr wahrscheinlich, aber einen Versuch war es wert.
"Hast du Rei eigentlich schon mal getroffen oder von ihr gehört, bevor du hergekommen bist? Sind die Ayanamis irgendwie entfernte Verwandte von euch oder vielleicht Freunde der Familie?"
"Wieso... fragst du mich das?" gab er immernoch ein wenig geistesabwesend zurück.
Misato konnte sich nur all zu gut vorstellen, dass die Geschichte mit seinem Vater jetzt wohl den größten Teil seines Denkorgans beanspruchte - und da lag sie nicht so falsch. Natürlich grübelte er über diese unerwartet heroische Handlung seines Vaters nach, die dieser seinem Sohn nie gezeigt hatte - aber auch Ayanami Rei, die wieder einmal in die Sache verwickelt war, ließ ihm keine Ruhe.
Sie war es, die sein Vater gerettet hatte... Eine Wildfremde. Eine Fremde Für irgend ein fremdes Mädchen würde er üble Brandnarben in Kauf nehmen, aber ihn, seinen eigenen Sohn, lies er einfach links liegen...
Und da fragte Misato ausgerechnet ihn, ob er etwas über Rei oder die Verbindungen seines Vaters wusste? Er zerbrach sich ja selbst dauernd den Kopf über die Beiden.
Doch immerhin war der Leiterin der Einsatzabteilung zu gute zu halten, dass sie die Verstimmung ihres Schützlings rasch bemerkte.
"...Nur... für den Fall. Ich hab mir schon gedacht, dass du dazu nichts weißst, aber es hätte ja sein können..."
"Du... hast dir also schon denken können, dass ich... keine Ahnung habe..."
"Nein, so.. so hab ich das nicht gemeint..."
"Schon in Ordnung." antwortete er in einem Tonfall, der es ziemlich deutlich machte, dass er überhaupt nicht in Ordnung war.
Misato verkniff sich den tiefen Seufzer an dieser Stelle nur, um ihn nicht zusätzlich zu belasten.
Dabei hatte er heute Morgen doch noch einen ganz zufriedenen Eindruck gemacht...
Aber so einfach ging das wohl nicht, das war Misato inzwischen mehr als klar geworden. Nur, weil er ein paar Tage halbwegs fröhlich gewesen war, hieß das nicht, dass er aufgehört hatte, ein Sensibelchen zu sein.
Auch, wenn er ausgeglichener wirkte, brauchte es nicht viel, um ihn zu bedrücken und aus dem Lot zu bringen. Er war schließlich hier geblieben, um seinem Vater näher zu kommen - und jetzt war ihm noch mal brutal vor Augen geführt worden, wie wenig erfolg er dabei überhaupt gehabt hatte.
"Von irgendwelchen Freunden der Familie weiß ich nichts..." meinte er leise.
Er klang einfach nur deprimiert, doch seine Finger hatten sich wütend in seine Hose gekrallt. Er sprach es nicht aus, aber Misato konnte er sich nur all zu gut denken, was ihm eigentlich noch auf der Zunge brannte.
Er wollte noch sagen, dass er davon, dass es je so etwas wie eine Familie gegeben hatte, auch nichts mitbekommen hatte.

-

Nach einer langen Autofahrt, bei der Shinji die meiste Zeit an die Decke des Automobils anstarrte und Misato sowohl über Shinjis Gemütszustand als auch über die Papiere nachgrübelte, die man ihr ausgehändigt hatte, erreichten die beiden das NERV-Hauptquartier, wo Shinji wie bereits erwähnt für einen Test erwartet wurde - In der Zeit, die er brauchte, um sich den Plugsuit überzuziehen, sich zum Cage zu beginnen und sich in den Evangelion hineinzusetzten, war auch Dr. Akagi eingetroffen, die am Ort des letzten Kampfes noch ein paar Daten zu sortieren gehabt hatte.
Prompt begann man, Shinji, der seine trüben Gedanken für sich hielt und mal wieder brav alles mit sich machen ließ, an seinen Evangelion anzuschließen - Dies war auch das erste Mal, dass Shinji den im selben Raum fixierten EVA 00 mit eigenen Augen zu sehen bekam. Beide EVAs standen etwa bis zur Körpermitte in der Kühlflüssigkeit; Rei war offenbar schon vor ihm eingetroffen, sodass man mit ihrem Experiment bereits begonnen hatte. Ähnlich wie sein eigener EVA hatte die einäugige Biomaschine gewisse Ähnlichkeit zu einem mythologischen Dämon, obgleich der Aufbau des Kopfes und der Panzerplatten an sich doch deutlich von dem ihres violetten Gegenstücks abwich.
Was die beiden EVAs jedoch offensichtlich anscheinend gemeinsam hatten, war ihre Tendenz, bei Zeiten mal verrückt zu spielen... Bis jetzt hatte er sich zumindest bei den Tests sicher gefühlt, aber jetzt hatte er erfahren, dass diese Dinger auch bei den Experimenten Amok laufen konnten...
Er beschloss, sich besser zurückzulehnen und an etwas anderes zu denken - Nervosität tat erfahrungsgemäß nicht wirklich Wunder für die Synchronwerte.
Also schloss er die Augen und versuchte, bewusst und langsam zu atmen, um sich etwas zu entspannen - das war es, was ihm Dr. Akagi im Training geraten hatte, aber es wollte nicht so richtig wirken.
Ikari Shinji war nicht wirklich talentiert darin, sich zu entspannen.
Das er hier keine Luft, sondern eine warme Flüssigkeit mit einem eigentümlichen Eigengeruch im sich hatte, machte es auch nicht viel besser und erschwerte es ihm, zu vergessen, wo er sich befand... das hier war echt, der richtige Evangelion, kein Simulationskörper oder Testplug...
Im Moment schien sich alles, was die Verbindung mit dem EVA betraf, normal anzufühlen, aber wer wusste, ob das bei Ayanamis Versuch nicht genau so gewesen war.
Genau, das war richtig. Ayanami war auch hier, nicht unweit von hier, tief in ihrem eigenen EVA. Bei dem letzten Zwinschenfall hatte sie sich diese entsetzlichen Verletzungen eingehandelt... Jetzt schienen sie verheilt zu sein, aber schon bald würde man sie im Kampf einsetzen... und dieser Gedanke wollte Shinji nun gar nicht gefallen... Er sah sie immer noch vor sich, wie sie in diesem Krankenbett an ihm vorbei gekarrt wurde, schwach, zerbrechlich, schwer atmend...
Schon die Vorstellung, dass dieses arme Mädchen in den Kampf geschickt werden würde und bei alle dem genau so schrecklich leiden müssen würde wie er selbst...
Schon wenn er an die Qualen des letzten Gefechts dachte, lief es ihm kalt den Nacken herunter... und wenn er sich jetzt Rei vorstellte, zitternd, blutend und vor schmerzen winselnd wie bei ihrer ersten Begegnung... er wollte das nicht.
Er wollte sie in den Arm nehmen und sie davon beschützen, doch er wüsste nicht wie... dafür hätte er schon selbst ein guter Kämpfer sein müssen... Aber so nutzlos, wie er war, würde es sich über kurz oder lang nicht vermeiden lassen, dass sie eingesetzt und unweigerlich auch verletzt werden würde...
Er traute sich ja nicht einmal, sie anzusprechen.
Ayanami Rei würde für ihn wohl genau wie sein Vater für immer weit, weit entfernt bleiben...
Ayanami... Rei...
Ihr Name war es auch, der Shinji aus seinen Träumerreien riss - nein, nicht ihr Name. Ihre Designation. Das First Child.
Sie wurde in einer von diesen Durchsagen erwähnt, die es immer wieder einmal aus der Kommandozentrale zu hören gab.
Sie waren gerade dabei, die... die Testdaten des First Childs an die Magi zu übermitteln? Was denn, es war... schon vorbei?
Nun, nicht ganz, für Rei war es vorbei, sie hatte ja auch vor ihm begonnen... Aber trotzdem, er musste wohl vor einer ganzen Weile eingedöst.
Wie ihm das trotz seiner Anspannung gelungen war, wusste er nicht, aber es hatte vielleicht etwas damit zu tun, dass es hier im Evangelion so... kuschelig warm war, so grotesk es ihm auch vorkam, dieses furchterrenge Konstrukt mit solchen Adjektiven zu bezeichnen. Aber es war nicht nur das. Nach seinem kleinen Nickerchen fühlte er sich irgendwie erstaunlich gut, nicht nur ausgeschlafen, sondern irgendwie... bis in die Tiefen belebt, als sei er an einem angenehmen, hellen Ort gewesen, wo ihn jemand getröstet hatte...
Obwohl er es irgendwie unheimlich fand, dass er ausgerechnet hier diese Assoziationen hatte. Vielleicht hatte er ja irgendetwas geträumt, an dass er sich nur noch schwamming erinnerte. Jetzt war er jedoch hellwach, und stellte fest, das man Rei sogar bereits aus ihrem EVA gelassen hatte.
Der Entryplug war jedenfalls bereits rausgefahren...
Ohne großartig darüber nachzudenken, was er da eigentlich tat, ließ er das Interface aus einer spontanen Neugier heraus näher heranzoomen.
Tatsächlich, da war sie.
Er sah sie auf dem Steg vor ihrem EVA.
Sie hatte sich vorgebeugt, um irgend etwas aus dem kleinen Fach zu nehmen, das im Steg zur Aufbewahrung ihres Kleinkrams diente, begab sich anschließend zurück zu ihrem Plug und ging in die Hocke, um noch irgendetwas von dort zu holen.
Natürlich trug sie ihren Plugsuit.
Sicherlich hatte er sie schon mal darin gesehen, aber es war doch etwas anderes, wenn sie ihn komplett trug, nicht zur Hälfte mit Bandagen bedeckt war und tatsächlich in der Lage war, sich damit richtig zu bewegen - Allerdings war die volle Wirkung des Kleidungsstücks von der der Bandagen nicht all zu verschieden - Beides war etwa gleich gut darin, sie wie eine unglaublich zerbrechliche Porzellfigur aussehen zu lassen.
Warum musste es denn ausgerechnet dieses Weiß sein?
Wenn sich dieses knochenfarbene Kleidungsstück so eng an ihren Leib schmiegte, wirkte sie fast, als könnte sie bei der kleinsten Berührung zerplatzen wie eine Seifenblase.
Fasziniert folgten seine Augen den Bewegungen ihres zierlichen Körpers.
Wieder einmal kreisten Seine Gedanken um die Frage, warum sie immer zu allein war.
Aber sie war nicht allein.
Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte Shinji die nahende, eindrucksvolle Silhouette eines Mannes in einer dunklen Uniform.
Das konnte nicht sein, oder?
Aber es war so.
Sein Vater!
Was in aller Welt machte sein Vater dort, mitten auf diesem Steg?
Dort hatten wohl in erster Linie die Techniker zu tun und nicht der, na ja, Boss.
Sobald sie seine Anwesenheit bemerkte, drehte sich Ayanami eilig um und hüpfte fast schon aufgeregt mit einer Art von spielerischer Eleganz, die Shinji ihr in der Schule nie angemerkt hatte, zu ihm herab, wie ein kleines Mädchen, dass gehört hatte, wie der Vater dabei war, die Haustür aufzuschließen.
Ja, sie hüpfte und führte sobald sie vor ihm stand ein paar grazile Gesten mit den Armen aus.
Es erschreckte Shinji fast schon, dass sich ihre Handlungen einfach nicht anders beschreiben ließen, weil es dem bisherigen Bild, den er von diesem Mädchen gehabt hatte, einfach komplett wiedersprach.
Das allein reichte schon, um ihn erheblich zu verstören, doch dann geschah etwas, dass den jungen Evapiloten schlichtweg bis ins Mark schockierte - Sie lächelte. Richtig beschwingt sah sie aus, der Ausdruck der Freunde wollte einfach nicht von ihren Lippen weichen, die immer eifriger neue Worte formten.
Und das verrückteste war... Sein Vater lächelte zurück.
Da war es, direkt vor seinen Augen, ein Ding der Unmöglichkeit: Gendo Ikari, wie er einem anderen Menschen fest in die Augen sah, mit einem zufriedenen, wenn nicht sogar stolzen Lächeln auf seinem kantigen, sonnengegerbten Gesicht.
Shinji war, als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggerissen.
Eine lähmende Hilflosigkeit ergriff ihn, während er gezwungen war, durch sein Interface aus der Ferne zuzusehen, wie die Beiden sich scheinbar prächtig verstanden, abgeschnitten von ihrer glücklichen, harmonischen Welt.
Er konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber ihre Gesicher sprachen ganze Enzyklopedien.
Sie lächelten, nicht bloß ein bisschen, sondern für alle offenkunding und ganz klar von ehrlicher Freude bewegt.
Die Augen seines Vaters nahmen schließlich einen fast schon zärtlichen, hingebungsvollen Ausdruck an, und Rei fing danach augenblicklich an, zu strahlen wie ein neugeborener Stern.
Spätestens da wurde es ihm klar.
Sie lächelten miteinander.
Rei... und sein Vater.
Shinji glaubte nicht, dass er irgendeinen von den Zweien überhaupt schon mal lächeln gesehen hatte.
Natürlich hatte Commander Ikari Gendo nicht einfach so für ein fremdes Mädchen diese Brandnarben in Kauf genommen.
Sie war für ihn keine Fremde.
Er war es.
Er, Shinji, er war der Fremde, der entfernte Verwandte, der dahergelaufene Typ.
Shinji war derjenige, der hier nicht dazu gehörte, der irgendwie "zuviel" war, er war das "andere" Kind.
Er war es, der hier kein Freund der Familie war.

Shinji ließ sich resigniert in seinen Sitz sinken.
Es hatte doch alles keinen Wert...
Er war hier geblieben, in der Hoffnung, dass sein Vater ihn wenn er alles gut und richtig machte auch mal als seinen Sohn annerkennen würde, aber... Im Moment sah sein Vater nicht so aus, als ob er noch Verwendung für ein Kind hätte.
Das... das war einfach unfair... das da war sein Vater, verdammt noch mal, und eine Mutter hatte er nicht!
ER war der Sohn, ER sollte dieses annerkennende Lächeln bekommen...
Wie konnte er SIE anlächeln, und ihn, seinen richtigen, leiblichen Sohn, einfach so links liegen lassen?
Natürlich hätte er Rei niemals mit eifersüchtigen Gefühlen belegen oder gar hassen können - wenn seine Gedanken auch nur in diese Richtung abschweifen sah er sie schon bandagiert am Boden liegen, wie sie in ihm diesen Drang auslöste, ihr um jeden Preis zu helfen, und begann, sich zutiefst zu schämen.
Er musste wirklich Dreck sein, wenn er so etwas auch nur dachte. Es war nicht so, als ob Rei etwas dafür konnte.
Trotzdem konnte er nicht anders, als sich vorzukommen, als hätte man ihm auf gut deutsch in die Fresse gehauen.
Wenn dieses Mädchen dort Ikari Gendos kostbares, liebes Kind war...
Wer war Shinji dann eigentlich?
Wozu war er dan eigentlich noch auf der Welt?
Was machte er hier eigentlich noch?
Schon bald verkündete man ihm, dass das Experiment zuende sei und ließ ihn endlich aus dem Entryplug steigen.
Als er den Ausstiegssteg betrat, war er dort alleine, niemand, niemand wartete hier auf ihn.
Er sah zu, das er dahin kam, wo er seinen Musikplayer gelassen hatte, oder zumindest zu Misato.
Eigentlich war es ihm egal - ihm war jetzt so ziemlich alles Recht, was Krach machte und seine trüben Gedanken vertreiben würde.

Obgleich Misato ihr bestes gab, um ihn dazu zu bewegen, komunizierte er auf der Rückfahrt ausschließlich mit Einzeilern und ließ sich noch nicht einmal von ihrem etwas besogten Hauspinguin wieder aufmuntern, sodass er sich für den Rest des Tages in seinem Zimmer einschloss.
Die Besitzerin der kleinen Wohnung gab sich schließlich geschlagen und hoffte, dass Shinjis Freunde Morgen etwas mehr Erfolg dabei haben würden, ihn aufzumuntern.
Wenn auch dass nicht half, würde sie ihn ein bisschen ärgern, da musste er früher oder später aufhören, trübsal zu blasen und in die Defensive gehen.
Außerdem würde morgen ja Ritsuko kommen, da würden sich dem Jungen sicherlich genüged Ablenkungsmöglichkeiten bieten.
Seufzend öffnete sie die Bierdose, die sie sich vorhin aus dem Kühlschrank geholt hatte.
Sie hätte gedacht, dass sie nach all der Zeit längst so eine Art Gespür dafür entwickelt haben müsste, wie sie an den Jungen heran kommen könnte, aber so schnell ging das wohl nicht.
Entweder das, oder es lag daran, dass sie eben doch nicht seine Mutter war.

-

Es gab Menschen, die sich an einem Tag deprimiert unter der Bettdecke verschanzten und am nächsten schon wieder alles anders sahen... Doch Ikari Shinji war keiner von ihnen.
Er war rechtzeitig zur Schule losmarschiert, aber dass war auch das Beste, das Misato über seine heutige Stimmung sagen konnte - er servierte ihr zwar promt das Frühstück, rührte sein eigenes aber nicht einmal an und hiel sein hübsches Köpfchen auf seine übliche Art und Weise gesenkt.
Misato fragte sich mitlerweile, ob irgendetwas konkretes vorgefallen war, von dem sie nicht wusste. Er war schon gestern früh eher melancholisch drauf gewesen, aber wenn sie es recht bedachte, war seine Stimmung erst seid dem Synchrontest richtig im Keller.
Das musste doch selbst bei ihm so etwas wie eine Ursache haben - entweder das, oder sie hatte seine Labilität bedeutend unterschätzt... Und dann war da noch das kleine Problem, dass wohl niemand sagen konnte, wann der nächste Engel angreifen würde...
Der Gedanke, das er dermaßen geknickt in den Kampf geschicht werden sollte, behagte ihr immer noch nicht.
Wieder einmal suchte sie sich Trost bei einer schönen, kühlen Bierdose.
Das alles wäre wirklich weniger Frustrierend, wenn sie ihre Erfolge an irgendeiner Messlatte ablesen könnte.

-

Shinji war inzwischen dabei, zur Schule zu laufen.
Wiedereinmal fragte er sich, was er eigentlich hier suchte und ob das alles überhaupt noch einen Sinn hatte...
Sein Vater und Ayanami.
Ihre lächelnden Gesichter wollten ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen, egal, wie sehr er sich auf den Fußboden zu konzentrieren versuchte.
Früher oder später kehrten seine Gedanken doch zu diesem ausgelassenen Moment des Miteinanders zurück, bei dem ihm die Teilnahme verwehrt worden war.
Sein Vater hatte ihn doch nur gebraucht, weil Rei verletzt gewesen war.
Aber jetzt hatte sie sich erholt - was also machte er noch hier?
Sein Vater brauchte ihn doch nicht mehr... es würde sich doch sowieso nie etwas ändern...
Während er seines Weges ging, wurde Shinji auf eine bekannte Stimme aufmerksam.
Nun, 'bakannt' war wohl etwas übertrieben, er war ihrem Eigentümer gestern erst begegnet.
Es war Mitsurugi, der sich mit einem erwachsenen Mann mit längeren, schwarzen Haaren unterhielt, der an einem am Straßenrand geparkten Auto lehnte. Auch den Mann hatte er schon mal gesehen - war das nicht einer der Techniker, mit dem sich sein Vater gestern unterhalten hatte?
Shinji hätte den Mann wohl nichtmal erkannt, wenn er nicht die selbe Uniform getragen hätte wie damals, übergestreifter weißer Kittel inklusive.
"Entschuldige, wenn ich frage, aber läufst du nicht gefahr, zu spät zu kommen?" fragte Mitsurugi zurückhaltend. Der Mann, der offenbar wesentlich lockerer drauf war, schüttelte nur seinen Kopf. "Nee, nee, mach dir da mal keine Sorgen, Nagato. Es gibt 'nen Zugang gleich neben der Schule, immerhin ist das ja auch die, die von den Children besucht wird... Sie sind doch in deiner Klasse, nicht?"
"Jas das... sind sie." bestätigte er tonlos.
"Und? Wie sind sie so? Ich will ja nicht neugierig sein, aber es ist schon irgendwie meine Pflicht, mich dafür zu interessieren, wer mir, dir und jedem anderen in dieser Stadt regelmäßig den Gluteus Maximus rettet." Der Mann schmunzelte etwas.
"Ich... ich habe kurz mit Ikari-san gesprochen." gab Mitsurugi leise Auskunft.
"Er scheint ein netter Kerl zu sein, wenn auch etwas, eh, wortkarg."
Bei den letzten Worten bemühte sich Mitsurugi tatsächlich zu so etwas wie einem dünnen Lächeln.
"Wortkarg, heh? Dann kommt er wohl nach seinem alten Herrn. Weißt du, der Commander ist auch nicht gerade der ausgelassenste Mensch auf dem Planeten... Aber die in den oberen Etagen sind ja alle recht begnadet was die Kunst des Pokerfaces angeht. Du müsstest dir mal die Leiterin der Einsatzabteilung ansehen... Oder Dr. Akagi, die Leiterin meiner Abteilung. Alles übelste Workaholics sage ich dir! Na ja, deshalb sind sie wohl auch in der Chefetage... Einzig und allein Subcommander Fuyutsuki scheint normal zu sein, aber mit dem hab ich nicht all zu viel zu tun..."
Na ja, wenn die wüssten. Misatos "Professionalität" war etwas, dass sie sich zusammen mit ihrer Arbeitskleidung einfach abzustreifen schien, wenn sie ihr Haus betrat. Aber das konnten die Beiden ja nicht wissen.
Erst jetzt realisierte Shinji, dass er stehen geblieben war, als er gemerkt hatte, dass sie über ihn sprachen.
Er hielt sich dennoch in einer gewissen Entfernung zu den zweien.
"Ich denke eher, das Ikari-san, also, der jüngere Ikari-san, eher schüchtern ist als etwas anderes..."
"Schüchtern?" der Ältere hob eine Braue. "Tja, in dem Punkt hält sich die Familienähnlichkeit dan wohl in Grenzen. Aber na ja, wir beide sollten da wohl ganz still sein... Da sind wir ja auch nicht gerade das Musterbeispiel... Aber so oder so, ich erwarte von dir, dass du schön nett zu unserem Third Child bist." der Ältere Mitsurugi zückte spielerisch seinen Zeigefinger.
"Er ist nämlich der einzige Sohn von dem Kerl, der über mein Gehalt bestimmt."
"Das... das werde ich, Vater..."
Mitsurugis Vater lachte.
"Du musst doch nicht alles immer so ernst nehmen, Nagato... Und was soll dieses "Vater?" Es gibt da viel angenehmere Ausdrücke, weißt du? Du kannst mich Papa nennen oder Paps, ich könnte sogar mit diesem neumodischen 'Dad' leben, aber bitte, bitte erspar mir dieses hochtrabende 'Vater'.
...Und lass uns endlich gehen, wir werden am Ende noch beide zu spät kommen!
Ach ja, und Nagato, hast du eigentlich auch das First Child getroffen? Du weißt schon, das Mädchen?"

Shinji wartete an seinem Platz und setzte seinen Weg nicht eher fort, bis die Mitsurugis in der Ferne verschwunden waren.
Er wollte nicht den ganzen Weg lang daran erinnert werden, dass er ein solches Gespräch mit seinem eigenen Vater wohl niemals haben würde.
Auch diese Beiden hatten gelächelt... genau wie Rei und Shinjis eigener männlicher Elternteil.
Eine Weile stand er da, und fragte sich, ob er heute überhaupt noch lust hatte, zur Schule zu gehen. Aber er wollte jetzt auch nicht zurück laufen und Misatos enttäuschtes Gesicht sehen, also lief er am Ende doch weiter.
Als er in der Schule ankam, saßen Ayanami und auch Mitsurugi wiedermal allein an ihrer Plätzen. Letzterer beschäftigte sich mal mit Schulkram, mal mit Käsekästchen oder Sudokus, alleine und still wie üblich, zumindest in den Pausen. In den Stunden meldete er sich recht oft und es schien, als würde er sich mit dem Stoff gut auskennen, was dem Third Child nur vor Augen führte, wie nutzlos er selbst in dieser Hinsicht war.
Shinji machte heute keine weiteren Versuche, irgendwie mit ihm zu Reden - dafür fehlte ihm einfach die Kraft, er würde es wahrscheinlich ohnehin nur vermasseln, zumal der Nachgeschmack, den Mitsurugis Gespräch mit seinem Vater bei Shinji hinterlassen hatte, ihm irgendwie ein unangenehmes Gefühl gab, wenn er an den dunkelhaarigen Jungen mit dem Kopfverband dachte.
Auch Rei sprach Shinji heute nicht an - mit ihr würde er heute wohl erst recht nicht reden können, dazu war er viel zu verunsichert.
Aber er beobachtete sie, ließ seinen Blicke immer wieder zu ihrem abgewendeten Hinterkopf wandern.
Genau wie bei seinem Vater würde sich wohl auch bei Rei nie etwas ändern... Shinji glaubte nicht, dass er je den mut zusammen nehmen könnte, sie anzusprechen.
Er hätte nie gedacht, das er für die langen, langweiligen Reden seines Geschichtslehrers jemals dankbar sein würde, aber er war es.
Die ewigen Erzählungen vom Second Impact taten ihr übriges dabei, die trübseligen Gedanken aus seinem Kopf zu wischen, und auch Toujis und Kensukes Albernheiten halfen ihm dabei, allerdings entging es den Beiden nicht, dass ihr Freund zur Zeit ziemlich neben sich zu stehen schien: "Sag mal, Ikari, welche Laus ist den dir heute über die Leber gelaufen? Du siehst aus wie nach sieben Tagen Regenwetter!" kommentierte Touji.
"Uh...tu ich das?"
"Jap. Du bist heute total neben der Spur!" meinte Kensuke. "Du bist ein obercooler Elite-Kampfpilot, lebst mit Misato-san zu sammen und der Klassenschwarm bist du auch noch! Also was kann so schlimm sein, das du so tübselig dreinblickst?"
Kensuke formulierte das alles bewusst etwas lockerer, in der Hoffnung, dass es vielleicht auf Shinji abfärben würde, aber er und Touji hatten selbst miterlebt, wie sensibel ihr Freund manchmal sein konnte, und machten sich daher durchaus Sorgen um ihn.
"So... so toll, wie ihr euch das vielleicht vorstellt, ist das gar nicht... Und der Klassenschwarm bin ich auch nicht... An mir ist ja auch nichts interessant. Du hast zumindest Muskeln, und Aida ist hat immer das ganze Insider-Wissen..."
"Du bist wirklich ein Lämmchen weiß wie Schnee, Ikari." entgegnete Touji.
"Meistens wirken unsere Hobbies eher mädchenabweisend..." gab Kensuke ergänzend zu.
"Unsere Hobbies?"
"Ja, stimmt, bei dir ist es dein loses Mundwerk."
"Wie bitte? Na ja, jedenfalls scheinst du bei den Mädels hier eigentlich sehr beliebt zu sein... Nur... nicht bei allen Mädels, richtig?" Touji grinste ihn breit an.
"Wie... wie meinst du das?"
"Du hast Liebeskummer, nicht?" brachte Kensuke Toujis Vermutung auf den Punkt.
"N-Nein, das ist es nicht..." antwortete Shinji ein wenig aus dem Konzept gebracht.
Eigentlich wäre es zu erwarten gewesen, das die Beiden hinter seiner melancholischen Verstimmung ein "normales" Problem vermuten würden, aber...
"Oh doch! Denkst du, wir hätten nicht bemerkt, wo du die ganze Zeit hinguckst, wenn einer von uns auch nur die kleine Sprechpause macht? Ayanami muss dich aber ganz schön erwischt haben!" behauptete Kensuke grinsend
"A-Ayanami? N-Nein, so... so ist das nicht, wirklich..."
Doch Touji ließ Shinji nicht einmal die Zeit, um sich zu rechtfertigen: "Gestern haben wir dir das vielleicht noch abgekauft, aber du schaust sie doch fast die ganze Zeit an! Sei ruhig ehrlich mit uns. Ich gebe zu, mein Typ ist sie definitiv nicht, aber so schlimm ist sie auch nicht. Nen netten Arsch hat sie ja. Vielleicht hast du ja Glück, und sie ist gar nich asozial, sondern nur... schüchtern."
"Sehr, sehr schüchtern..." setzte Kensuke hinzu, der nicht so recht an diese Möglichkeit zu glauben schien. "So oder so, als deine Kumpels werden wir dir natürlich mit Rat und Tat zur Seite stehen!"
"Es... es ist wirklich nicht so wie ihr denkt!" beharrte Shinji doch ein wenig ratlos wirkend.
"So? Was ist es dann?" verlangten die beiden Unruhestifter im Chor zu wissen.
"Ich... ich will gerade nicht darüber reden..."
Letztenendes beschlossen die Beiden, die Sache doch besser auf sich beruhen zu lassen – es war unwahrscheinlich, das Shinji jetzt noch auspacken würde – und entschieden sich, das Gesprächsthema auf „Mathematik" zu verlegen, da der Lehrer die unangenehme Eigenschaft hatte, zu Beginn der Stunde ein oder zwei Leute abzufragen, um dafür zu sorgen, dass die Schüler den Unterrichtstoff wiederholten.
Touji hatte nicht wirklich kapiert, wo von der Lehrer letzte Stunde gefaselt hatte, und auch Kensuke, der von diesem ganzen Schulkram sonst etwas mehr Ahnung zu haben schien, war ratlos, weil er damit beschäftigt gewesen war, unter der Bank ein Plastikmodell von einem Kriegsfliweger zusammen zu basteln – so war es an Shinji, die Grundzüge der neuen Rechenart zu erläutern, auch wenn sein recht konfuser Erklärungsversuch die Verwirrung der anderen Beiden nur noch steigerte – Am Ende war die ganze Aufregung umsonst, denn der Lehrer pickte sich glücklicherweise jemand anderes aus - Ayanami und Mitsurugi, um genau zu sein.
Die zuest genannte war auch zuerst dran. Sie stellte sich vorne an die Tafel, blickte die Gleichung kurz an und begann dann, sie zu lösen, ohne dem Lehrer oder der Klasse, der sie komplett den Rücken zugekehrt hatte, irgendwie zu erklären, was sie Tat. Am Ende zeichnete sie noch ein recht minimalistisches Diagramm dazwischen, wobei sie die Zeit an die Y- Statt wie üblich an die X-Achse schrieb.
Selbstverständlich sah Shinji ihr dabei die ganze Zeit
Der Lehrer brauchte etwas, um die vollgeschriebene Tafel zu begutachten und alle Rechnungen nachzuvollziehen. "Na so was? Du kannst es ja." kommentierte der Lehrer. "Wenn du es so gut kannst, warum meldest du dich eigentlich nicht etwas öfter?"
Der Lehrer schien nicht wirklich eine Antwort zu erwarten und gab dem blauhaarigen Mädchen auch keine Zeit, eine zu formulieren. "Nun, wie dam auch sei. Sehr Gut, Ayanami-san. Geh bitte zurück an deinen Platz... Mitsurugi-kun, du bist als nächstes dran."
Anders als Ayanami lieferte Mitsurugi sehr wohl Erklärungen ab und machte sich die Mühe, hin und wieder zu seinen Mitschülern hin zu blicken, auch wenn man auch von ihm die meiste Zeit über nur den bandagierten Hinterkopf.
Er kritzelte die Formeln an die Tafel, ohne die Kreide auch nur einmal zum Nachdenken abzusetzen und wusste die Nachfragen des Lehrers immer zu beantworten.
Dabei zeigte sich jedoch auch, das Mitsurugi eine ziemliche Sauklaue hatte.
So brauchte der Lehrer auch bei ihm eine Weile, aus der kleinen, in eine Ecke gekritzelten Schrift schlau zu werden, war aber auch hier mit den Resultaten zufrieden, sodass er mit dem Unterricht begann, und auch schnell wieder damit fertig war.
Der Schultag verging wie im Fluge und für Shinji wurde es bald Zeit, nachhause zurück zu kehren. Er musste unbedingt noch einmal abstauben, bevor Dr. Akagi bei ihnen ankam - Misato dachte sowieso sogut wie nie daran.
Manchmal könnte man meinen, dass er ihr Vormund war und nicht umgekehrt... Wenigstens würde er heute Nachmittag nicht ganz mit ihr allein sein - dann würde er ihre überdrehte fröhlichkeit wenigstens nicht ganz allein aushalten müssen.
Es war nicht so, dass er sie nicht mochte, aber im Moment war er einfach nicht in der Stimmung für sie und ihre Art.
Natürlich war es eine gute Sache und auch ihr gutes Recht, in ihren eigenen vier Wänden gut drauf zu sein, aber das letzte, was Shinji sehen wollte, wenn er selbst deprimiert war, war eine betrunkene, leicht bekleidete Frau die versucht, ihn "aufzumuntern" und ihm dabei wenn auch unwillentlich unter die Nase rieb, das er selbst nichtszu lachen hatte.

-

"Was ist DAS?" verlagte Dr. Akagi zu wissen.
"Curry."antwortete Shinji, während er das nicht vertraueswürdige Zeug auf die Teller sämtlicher anwesenden Verteilte.
Die falsche Blondine, die man hier ausnahmsweise ohne weißen Kittel und knallroten Lippenstift zu sehen bekam, kannte ihre Freundin zwar schon lange genug, um zu ahnen, dass in ihrer Wohnung so einige undefinierbare Substanzen zu finden waren, aber das hier schlug dem Fass doch den Boden aus. Es stand nichts auf dem Tisch, dass nicht irgendwie in Plastik eingepackt wäre.
"Ernähst du dich immernoch von diesem Fertigmüll?" fragte sie, es nicht so recht glauben könnend.
Doch Misatos Wahrnehmung schien auf eine Art beschaffen zu sein, die es ihr ermöglichte, die Ratschläge ihrer Kollegin einfach nach Belieben auszublenden.
"Als Gast meckert man nicht." meinte sie nur halb scherzhaft und wendete sich Shinji zu, der sich mit der Kelle und der Curryshüssel zu ihr hinüberlehnte.
"...Misato?"
"Oh? Schütt es einfach hier rein!" wies Misato an, den Plastikteller von ihrer bereits vor einigen Minuten um heißem Wasser ergänzte Instantnudelverpackung nehmend und ihn Shinji hinhaltend.
Obwohl der Wasserdampf noch herausströhmte, hatten die Nudeln sich schon aus ihrer anfänglichen "Blockform" gelöst, schienen also schon so etwa verzehrsfertig zu sein.
Shinji blinzelte sie ratlos an. Sie wollte, dass er das Curry... in ihre Instantnudeln kippte? Wenn sie es sagte, würde es schon okay sein, aber er war nicht nicht ganz sicher, ob sie das wirklich ernst meinte.
"Bi- Bist du dir da sicher?"
"Ja! Warum auch nicht? Das schmeckt toll!" behauptete sie breit lächelnd.
Shinji beschloss, ihr einfach mal zu geben, was sie wollte, und sich dann erst später Gedanken über den Sinn zu machen.
"Weißt du, so ganz allein schmecken diese Nudeln doch nach gar nichts. Man muss sie erst ein bisschen aufpeppen." kommentierte Misato, vielleicht in einem Versuch, sich vor ihren Tischgeossen zu rechtfertigen, ohne ihr zutiefst überzeugtes Lächeln absetzen zu müssen.
"Der Trick dabei ist, immer nur halb so viel Wasser zu nehmen, wie auf der Packung steht."
Sie rührte ihren Hexenkessel von einer Nudelverpackung noch einmal gründlich um, bevor sie sich ihre "Schöpfung" zufrieden in den Mund stopfte.
Trotz oder vielleicht ja gerade wegen ihres Gesichtsausdruckes zeigten sich Shinji und Dr. Akagi eher verunsichert, als sie ihre eigenen Portionen probierten - wie es sich zeigen sollte, nicht unbegründet...
"Das hat Misato gekocht, nicht war?"
"Oh? Das merkst du?" antwortete Misato noch mit vollen Mund, den all zu offensichtlichen Beiklang von Frustration in der Stimme ihrer Freundin entweder nicht bemerkend oder gezielt überhörend.
Die Wissenschaaftlerin musste sich ziemlich zurückhalten um ihr der Höflichkeit halber aufgesetztes Lächeln aufrecht zu erhalten und nicht alles wieder auszuspucken. Irgendwo fragte sie sich, ob es nach den geltenden Naturgesetzten überhaupt möglich war, ein Fertiggericht so dermaßen königlich in den Sand zu setzen.
"Wenn du mich das nächste mal einlädst, kannst du das bitte an einem Tag machen, an dem Shinji mit kochen dran ist?"

Angesichts dieses "Feuerwerks" aus Lob fragte sich das dritte Mitglied des Katsuragi-Haushalts, ob es den Inhalt seiner Futterschüssel überhaupt anrühren sollte.
Der im Nebenraum befindliche Heißwasserpinguin blickte ungläubig auf die Bierdose und den Reis mit Curry, den seine Besitzerin ihm vorgesetzt hatte.
Erwartete sein Frauchen wirklich, dass er dieses Zeug anrühren sollte?
Na ja, PenPen beschloss, dem Zeug einfach mal eine Chance zu geben und es einfach mal zu probieren - nicht ahnend, dass schon der erste Schnabel voll ausreichen würde, um ihn ins Reich der Träume zu befördern...

Im Nebenraum bekam man vom Ausgang des epischen Curry-vs.-Vogel-Gefechts nur ein leises "Thumb!" mit, welches auch nur Shinji kurzzeitig bemerkte und dann als Einbildung abschrieb.
"Du solltest dir wirklich langsam eine neue Bleibe suchen. Mit ihr zusammenzuleben ist sicher ziemlich hart." riet Dr. Akagi mitleidig.
"I-Ich hab mich daran gewöhnt..." antwortete Shinji tonlos, sich für eine 'diplomatische' Antwort entscheidend.
"Genau." setzte Misato jetzt doch etwas säuerlich hinzu. "Unterschätze nie die Fähigkeit der Menschen, sich an ihre Umgebung anzupassen. Außerdem, wenn er umziehen wollte-" An dieser Stellen machte sie eine kurze Pause, um Shinji zu bitten, ihr noch ein Bier zu holen. "Wenn er umziehen wollte, hätte er eine Menge Formalitäten vor sich. Er hat schließlich gerade erst seinen neuen Sicherheitsausweis bekommen."
Bei diesem Stichwort zeite Dr. Akagi eine deutliche Reaktion.
"Ach ja, da fällt mir etwas ein."
Sie griff sich ihre Tasche.
"Ich habe da etwas, worum ich dich gerne bitten würde, Shinji-kun."
"Uhm...was?" fragte der Junge, während er Misato ihr bevorzugtes Alkoholgetränk reichte.
"Das hier ist Ayanami Reis neuer Sicherheitsausweis." erklärte sie, ihm, die besagte Plastikkarte entgegenhaltend.
"Ich habe vergessen, sie ihr zu geben. Könntest du sie ihr auf dem Weg zum Hauptquartier bitte vorbeibringen?"
Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber da die Ausrede so gewöhnlicht und unauffällig und die Wahrheit so unwahrscheinlich war, dürfte Misato vermutlich noch nicht einmal darüber nachdenken.
Dr. Akagi konnte sich ja selbst nicht erklären, wieso der Commander sie geben hatte, seinen Sohn mit irgendeinem Vorwand dazu zu bringen, mit Rei in Kontakt zu treten.
Er hatte es eher beiläufig am Ende einer längeren Konversation über ihr aktuelles Vorgehen erwähnt, doch anderseits tat Ikari wie sie leider hatte feststellen müssen nie etwas ohne einen Grund; Bei jedem anderen Mann hätte man glauben können, dass er sich um die eher bescheidenen beziehungsweise nichtexistenten Freundeskreise seines Sohnes und seiner Pflegetochter sorgte und sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe wollte, oder einfach nur dachte, dass sich die zwei kennenlernen sollten, da sie zusammenarbeiten müssen würden und im Anbetracht von Reis... Identität ja eigentlich auch so etwas wie Geschwister waren.
Doch nicht bei Ikari Gendo, oh nein... Dr. Akagi konnte nur erahnen, was genau er damit bezweckte, doch es konnte nichts geringeres sein, als die Räder des Schicksals anzustoßen.

"Das ist ein sehr schönes Bild von Rei, nicht wahr?" Schließlich war es die breit grinsende Besitzerin des Appartments, welche Dr. Akagis und wohl auch Shinjis Gedankenfluss unterbrach.
Der Junge, der bis jetzt stillschweigend und wohl auch ein wenig ratlos die Sicherheitskarte oder viel mehr die darin eingearbeitete Fotografie von Rei betrachtet hatte, zeigte sich abrupt ziemlich verlegen und wurde auch ein stückweit rot. Erst das mit Touji und Kensuke, und jetzt musste auch noch Misato damit anfangen...
"N-Nein..."
Doch sobad Shinji eine andere Emotion gezeigt hatte als Trübsinn, sah Misato ihre Zeit gekommen: "Aber, aber, Shin-chan! Sind wir etwa ein bisschen verknallt?"
"N-NEIN!"
Misato kicherte. "Warum dann so verlegen? Na ja, immerhin hast du jetzt eine offizielle Ausrede, um bei ihr vorbeizuschneien!"
Nach dem Shinji ein paar Sekundenbruckteile lang versuchte, etwas kohärentes zu sagen, setzte er sich einfach eingeschnappt an seinen Platz.
"Hör doch auf mich zu ärgern."
"Aber ich ärgere dich doch so gerne." entgegnete Misato. Shinjis Kritik hatte ihre Stimmung höchstens verbessert - wenn er sich beklagte und sich nicht mehr alles gefallen ließ, dann hieß das, dass das kleine Regenwölkchen über seinem Kopf sich mittlerweile verflüchtigt haben musste.
"Du gehst immer gleich an die Decke." merkte sie noch schmunzelnd an.
"Genau so wie du, nicht?" konterte Dr. Akagi.
Misato machte ein alles andere als erfreutes Gesicht, doch bevor sie sich irgendwie aufregen konnte, zog Shinji die Aufmerksamkeit der beiden Frauen auf sich, als er, immer noch auf die Karte blickend, den wahren Grund dafür preisgab: "Mir... ist nur aufgefallen, dass wir so gut wie gar nichts voneinander wissen, obwohl wir die einzigen beiden EVA-Piloten sind..."
Darüber hatte er die ganze Zeit nachgegrübelt?
Misato fragte sich, warum er nicht einfach gleich mit der Frage herausgerückt war, aber sie konnte sich das eigentlich auch selbst denken.
Die Antwort auf Shinjis frage lieferte jedoch Dr. Akagi, ihre wahren Gefühle hinter ihrem Lächeln und der Hand, mit der sie an ihren Haaren herumhantierte verbergend: "...Sie ist ein nettes Mädchen. Aber sie ist leider genau wie dein Vater. Sie ist einfach nicht gut darin."
"Nicht gut.. in was?"
"Tja, weißt du... im Leben."

-

Nicht gut.. im Leben?
Shinji hatte nicht die geringste Ahnung, was sie damit gemeint hatte... Das mit der Ähnlichkeit zu seinem Vater leuchtete ihm schon eher ein. Rei schien ebenfalls recht wortkarg, mysteriös und ernst zu sein, zudem schienen die zwei ihren Gesichtsausdruck etwa gleich häufig zu ändern.
Aber was diese Formulierung am Schluss zu bedeuten hatte, wollte ihm nicht einleuchten... "Nicht gut im Leben"... Das klang ein bisschen drastisch, nicht?
Wiedereinmal besah er sich im Halbdunkel des Treppenhauses von Misatos Appartment des kleinen Passfotos, welches ihm das blasse Antlitz von Rei Ayanami zeigte. Sie blickte mit einem völlig ernsten, strengen Gesichtsausdruck direkt in die Kamera, der ihn tatsächlich etwas an seinen Vater erinnerte.
Er hatte gelächelt, als sie sich unterhalten haben.
Shinji hatte er noch nie angelächelt.
Irgendwie wollte er schon wissen, was sie eigentlich für ein Mensch war...
Er wollte wissen, wer das Mädchen war, dem das Lächeln des Commanders gegolten hatte.

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(1) Diese Version von Shinjis 'Third-Impact-Traum' wurde inspiriert von einem
weiteren möglichen Ende, das Anno für EoE im Sinn hatte. *schauder* Ich denke
ich spreche für alle hier, wenn ich sage, dass ich froh bin, dass er sich
umentschieden hat...
(2) Jap, Shamshels 'Laserarme' waren selbst in Rebuild
nach dem Kampf noch übrig (seht nochmal nach, wenn ihr mir net glaubt!) also war das die Gelegenheit, um die Analyse-Szene noch irgendwie mit rein zu bringen,die ja doch nicht all zu unwesentlich ist...
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