Do Over
Kapitel 12
Auld Lang Syne
Edward verbrachte den Silvesterabend auf Jaspers Couch. Er aß übriggebliebenes Essen vom Chinesen und sah im Fernsehen dem bunten Treiben am Times Square zu. Jasper und Alice hatten versucht, ihn dazu zu bewegen, sich der Feier im Lodge anzuschließen, aber er hatte abgesagt. Nachdem er den Tag mit Bella und den Kindern verbracht hatte, war er allein zu Jaspers Haus zurückgekehrt.
Er seufzte ein wenig auf, als die Menge am Times Square den Countdown mitzählte, aber er weigerte sich, sich der Verzweiflung hinzugeben.
Er machte Fortschritte. Es ging nur langsam voran. Aber es ging voran.
Es begann an dem Tag, an dem er ausgezogen war. Nachdem er den Arbeitstag mit Shelly besprochen hatte, fuhr er zur Bank und versuchte, sich etwas einfallen zu lassen, wie er das Kreditkartenproblem lösen konnte, für das er verantwortlich war. Es war keine große Überraschung – obwohl er wünschte, er hätte es schon früher gemerkt – dass er und Bella nicht gerade in Geld baden konnten. Gemeinsam schafften die beiden es, ihre Rechnungen zu bezahlen, und sie hatten wirklich sehr wenige Schulden außer dem Wagen und der Kreditkarten ... die Kreditkarten, deren Negativsalden Edward aufgrund seines zweitägigen Shoppingtrips beinah verdoppelt hatte.
Edward schwor sich in diesem Moment, seinen Fehlern nicht hinterher zu trauern. Stattdessen fuhr er zurück zum Haus und tat so, als hätte er etwas vergessen. In Wahrheit suchte er in den Schubladen seines Schrankes nach ein paar Dingen, von denen er wusste, dass er sie haben würde – egal, in welchem Leben er sich gerade befand.
Seine Hand ergriff unter den aufgerollten Socken eine mit Samt umhüllte Schachtel. Edward atmete erleichtert aus, denn er erkannte sie sofort wieder. Bevor seine Großmutter gestorben war, hatte sie ihm diese Schachtel gegeben und gesagt, er solle deren Inhalt nutzen, wenn immer es notwendig war. Er hatte sie immer behalten. Sogar in seinem anderen Leben hatte er die Schachtel immer ganz unten in seinem Kleidersack aufbewahrt. Er öffnete sie und betrachtete die Dinge darin kurz. Er schloss sie wieder und steckte sie in seine Jackentasche. Er würde später überlegen, was er behalten und was verkaufen wollte.
Edward verließ das Haus und fuhr direkt ins Büro. Die Zeitung würde am nächsten Tag in Druck gehen, also musste er das Layout überarbeiten und zusehen, dass alles rechtzeitig fertig wurde. Der Vormittag verging mit vielen e-Mails und Telefonaten, genauso wie mit einigen hastigen Klopfattacken an seiner Bürotüre seitens seines stellvertretenden Redakteurs, Ben Cheney. Es war schon eine Weile her gewesen, seit er für die Printmedien gearbeitet hatte, also war er dem jungen Mann für sein Wissen und seinen Enthusiasmus dankbar.
Als die Arbeit kurzzeitig weniger wurde, zog Edward die Schachtel aus seiner Jacke und betrachtete die Gegenstände, die nebeneinander auf dem schwarzen Samt lagen. Zwei Paar goldene Manschettenknöpfe funkelten ihm entgegen. Ein Paar war oval und hatte einen Lapislazuli in dem Gold eingesetzt, und ein dünner, goldener Streifen zog sich über den blauen Stein. Die anderen waren mit einem Jadestein besetzt, etwas kleiner als die ersten und hatten eine gewundene, goldene Einfassung. Beide datierten schon zurück ins frühe zwanzigste Jahrhundert und Edward wusste, dass sie einen immensen Sammlerwert hatten. Über die Jahre hatte er sie einmal schätzen lassen, und es gab einen Antiquitätenhändler in Seattle, der ihn alle paar Jahre anrief und fragte, ob er sie nicht verkaufen wolle.
Und jetzt war er dafür bereit.
Die Taschenuhr war noch älter – sie stammte aus der Zeit des Bürgerkriegs. (Ü/N: Der Bürgerkrieg dauerte von 1861 bis 1865.) Sie hatte seinem Ururgroßvater gehört und Edward hatte wirklich gehofft, dass es nicht notwendig sein würde, sie ebenfalls zu verkaufen. Von all den Dingen in der Schachtel hatte die Uhr den größten Liebhaberwert für ihn. Eine seiner frühesten Erinnerungen war es, am Schoß seines Großvaters zu sitzen und ihm dabei zuzusehen, wie er die alte Taschenuhr vorsichtig aufzog.
„Zeit ist das Einzige, wovon man nie genug bekommen kann", hatte er dem kleinen Edward erzählt. „Also sollte man am besten weise mit ihr umgehen."
Dies war eine Lektion, die Edward noch lernen musste.
Edward suchte im Internet nach diesem Antiquitätenhändler, mit dem er in seinem anderen Leben bereits Kontakt gehabt hatte. Natürlich hatte der Mann keine Ahnung, wer Edward war, aber als er ihm die Schätze in seinem Besitz beschrieb und ihm anschließend eine e-Mail mit Fotos schickte, zeigte der Händler natürlich sofort großes Interesse.
Am nächsten Tag, als die Zeitung in Druck war, arbeitete Edward bereits an den nächsten Storys mit Shelly, danach brach er auf und fuhr die dreistündige Strecke nach Seattle. Er verbrachte die Zeit im Wagen damit, nachzudenken, was er bislang über Bella erfahren hatte.
Sie war Lehrerin geworden, aber das Schreibseminar bewies ihm, dass sie ihren Traum vom Schreiben noch nicht aufgegeben hatte. Offenbar brodelte das Schreiben schon eine Weile in ihrem Hinterkopf – schon seit einer ziemlich langen Weile. Von dem, was Jasper ihm gesagt und er von Bella selbst erfahren hatte, hatte Edward nicht gerade viel getan, um sie zu ermutigen, ihren Traum zu verwirklichen.
Edward hatte vor, das zu ändern. Er kannte Bellas Talent aus erster Hand und verstand, dass sie das Zeug zu einer wunderbaren Autorin hatte. Sie musste es nur selbst erst glauben, musste wissen, dass auch er es glaubte, und sie musste die Gelegenheit bekommen, ihr Ziel zu verfolgen.
Er wusste auch, dass sein anderes Ich all den verpassten Möglichkeiten nachgetrauert hatte, die er aufgrund des nicht angetretenen Praktikums in New York nicht erreichen konnte. Edward wusste nun aber, dass das, was er aufgegeben hatte, nichts im Vergleich dazu war, was er in diesem alternativen Leben bekommen hatte.
Jetzt waren Edward nicht nur die Augen geöffnet worden – nein, er sah es noch klarer, wie durch ein Vergrößerungsglas oder wie mit einem Super-Röntgenblick.
Sicher, seine Karriere war bis zu einem gewissen Ausmaß lohnend gewesen, aber immer in Kriegs- und Hungergebieten herumzureisen, hatte ihn mitgenommen ... ihn auch härter gemacht. Und nicht einmal eine bequeme Stelle bei den Network Nachrichten hielt einem Vergleich mit seiner neuen Familie stand.
Er würde sofort wieder Bella wählen.
Er musste sie nur davon überzeugen, ein Jahrzehnt voll Groll und Bedauern wieder gutmachen und ihr zeigen, wie viel sie ihm bedeutete und dass er das Leben liebte, das er jetzt hatte.
Dies stellte ihn vor die größte Herausforderung, nämlich sich daran zu erinnern, dass er und Bella Partner waren. Edward hatte so lange allein gelebt, dass es schwer für ihn war, sich in Erinnerung zu rufen, dass er und Bella Entscheidungen gemeinsam treffen mussten. Es war schwer für ihn, wenn er ganz ehrlich zu sich war. Alles gemeinsam zu entscheiden fühlte sich doch ein wenig so an, als müsste er um Erlaubnis fragen.
Aber indem er seine eigenen Eltern beobachtet hatte, wusste es, dass dies wichtig war, damit eine Ehe funktionieren konnte. Das war nur etwas, an das er sich erst noch gewöhnen musste. Und er wusste, er könnte es schaffen. Er würde alles tun, was notwendig wäre.
Als die Skyline von Seattle am Horizont auftauchte, spürte Edward, wie eine Welle der Hoffnung durch seinen Körper strömte. Er wusste vielleicht nicht alle Details, die Bella und den anderen Edward an diesen Punkt gebracht hatten, aber es war egal.
Es ging jetzt darum, sich nach vorne zu bewegen. Und Edward hatte einen Plan.
Er traf sich mit dem Antiquitätenhändler und nach einigen hitzigen Verhandlungen verabschiedete er sich von den Manschettenknöpfen seines Großvaters und begrüßte es, nun genug Geld zu haben, um die Kreditkartenschulden abzubehalten. Ihm blieb sogar noch ein kleiner Rest übrig. Edward fuhr mit einem Lächeln im Gesicht und einem netten Scheck in seiner Tasche nach Hause.
Er konnte die Taschenuhr behalten, allerdings hätte er sie ebenfalls ohne eine Sekunde zu zögern hergegeben, wenn es notwendig gewesen wäre. Er lernte schnell, dass er eigentlich alles tun würde, wenn es notwendig wäre ... alles, das hilfreich sein könnte, um sich mit Bella zu versöhnen und ihn zurück zu seiner Familie zu bringen.
Was waren ein paar Manschettenknöpfe im Vergleich dazu?
Edward kam erst zurück nach Forks, als es schon dunkel war, und er wusste, er würde bis am nächsten Tag warten müssen, um Bella zu sehen. Er aß gemeinsam mit Jasper und Alice ein spätes Abendessen und schlief zum ersten Mal, seit er wieder in Forks war, gut, und das, obwohl er immer noch auf einer Couch schlafen musste.
„Hast du eine Minute Zeit?" Edward stand am nächsten Morgen auf der Veranda und beobachtete Bella, die ihn zögerlich ansah. „Ich würde gerne etwas mit dir besprechen."
Bella nickte und trat von der Tür zurück. „Möchtest du etwas trinken?"
Das war etwas, das man einen Gast fragte. Edward fühlte sich hier nicht wie ein Gast. Er wollte, dass dies sein Zuhause war.
„Nein, danke", sagte er höflich und versteckte seine Reaktion vor Bella. „Vielleicht können wir uns hinsetzen?"
Er folgte ihr ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa und versuchte, nicht die Stirn zu runzeln, als sie sich ihm gegenüber in einen Sessel setzte statt neben ihn.
„Wo sind die Kinder?", fragte er.
„Deine Mom ist mit ihnen zum Indoor-Spielplatz gegangen", antwortete sie. „Du weißt doch, wie sehr sie es liebt, die Kleinen zu verwöhnen."
Sie tauschten ein kleines Lächeln aus und die Luft wurde vor Spannung dicker.
„Also", begann Edward und brach die Stille. „Ich weiß, dass wir finanzielle Entscheidungen eigentlich gemeinsam treffen sollten, aber ich hatte das Gefühl, ich musste mich allein um die Sache mit den Kreditkarten kümmern, da ich das alles ja auch allein verursacht hatte."
Bella zwinkerte überrascht. Offenbar hatte sie nicht erwartet, dass er so etwas sagen würde. Edward reichte ihr mit einem Lächeln ein Blatt Papier.
Bella sah sich den Kontoauszug der Bank genauer an. „Ich ... ich verstehe das nicht. Es ist alles abbezahlt?"
Edward nickte, lehnte sich nach vorne und stützte seine Arme auf seinen Knien ab. „Alles ist abbezahlt. Außer das Haus und der Minivan, aber ansonsten sind jetzt wir schuldenfrei."
„Aber ... aber wie?"
Edward zuckte mit den Schultern. „Ich habe die Manschettenknöpfe meines Großvaters verkauft."
Bella schnappte nach Luft. „Edward, nein! Du liebst sie doch!"
Edward legte den Kopf zur Seite und lächelte sanft. „Ich liebe dich aber mehr."
„Aber ..." Ihr Gesicht wurde rot und sie schaute noch einmal hinunter auf den Kontoauszug. „Oh Edward ... wir hätten uns etwas anderes einfallen lassen können."
„Es gab aber keine andere Möglichkeit, Bella. Du weißt das."
„Ich hasse es einfach, dass du das tun musstest."
„Ich nicht." Bei ihrem überraschten Blick fügte Edward hinzu: „Das sind doch nur Dinge, Bella. Ich brauche keine hübschen Sachen. Ich brauche dich. Ich brauche uns." Er lächelte über die Erkenntnis in ihren Augen, als sie merkte, dass er ihre eigenen Worte wiederholte. Er ging zu ihr hinüber, ließ sich auf die Knie hinab und nahm ihre Hände in seine.
„Bella, ich weiß, dass es zwischen uns schon länger nicht mehr so gut läuft", sagte er ernst. „Um ganz ehrlich zu sein, verstehe ich nicht genau, warum das so ist."
Bella wollte sprechen, aber Edward hielt eine Hand hoch, und sie blieb still. „Bitte, lass mich das nur kurz sagen." Sie nickte und er fuhr fort. „Eigentlich ist es mir wirklich egal. Ich will die Vergangenheit nicht nochmals aufwärmen. Ich will, dass wir von vorne beginnen, und zwar jetzt. Ich will, dass wir uns wieder kennenlernen ... und wir uns wieder in einander verlieben. Ich bitte dich nur um die Chance, ein neues Leben mit dir aufzubauen, Bella ... mit dir und den Kindern. Das ist alles, das jetzt noch für mich zählt. Ich weiß, wie es ist, ohne dich zu leben", sagte er. Seine Stimme zitterte, als er sah, wie die ersten Tränen in Bellas Augen schimmerten. „So ein Leben will ich nicht."
Bella musste schlucken. „Ich auch nicht."
Edward spürte ein wenig Hoffnung. „Okay, dann ... gib uns eine Chance", sagte er schnell. „Ich spreche nicht davon, wieder nach Hause zu kommen ... nicht sofort. Ich spreche davon, dass wir Zeit miteinander verbringen. Ich bitte dich, uns noch eine Chance zu geben ... mir noch eine Chance zu geben. Gib uns noch nicht auf, Bella. Kannst du das tun? Gib ... gib uns einfach etwas Zeit."
Sie streckte die Hand aus, um sein Haar zu berühren. Tränen liefen ihr die Wangen hinab. „Ja."
Ein erfreutes Lächeln breitete sich über Edwards Gesicht aus und er lehnte sich vor, um sie sanft, aber keusch auf die Lippen zu küssen. „Okay", sagte er und nahm seine Daumen, um ihr damit die Tränen vom Gesicht zu streichen. „Ich ... äh ... ich sollte gehen, aber vielleicht könnte ich morgen vorbeikommen? Wir könnten mit den Kids an den Strand fahren, sofern das Wetter nicht allzu schlecht ist."
Bellas Gesicht erstrahlte erfreut. „Das wäre wirklich toll." Sie zögerte, bevor sie fragte: „Triffst du dich morgen Abend zur Neujahrsfeier mit den Jungs?"
„Die Jungs?"
„Von der Arbeit?"
„Warum sollte ich den Silvesterabend mit ihnen verbringen?"
Bellas Augenbrauen zogen sich verwirrt zusammen. „Du hast jeden Silvesterabend immer mit ihnen verbracht."
„Wirklich?"
„Edward, geht's dir gut?", fragte Bella schließlich. „Ich meine, nicht dass ich mich beschwere, aber du benimmst dich irgendwie ... komisch."
Edward entging diese Frage, da es endlich Klick machte. „Bella, war ich auch am Heiligabend mit den Jungs unterwegs?"
Bellas Gesicht erblasste. „Ich dachte, wir wollten nicht mehr über die Vergangenheit reden."
„Ich war mit ihnen unterwegs, oder?", sagte er halb zu sich selbst. „Wie viel Zeit verbringe ich beim Trinken mit den Jungs?"
Bella zuckte die Schultern. „Du brauchst die Zeit weg von daheim, um dich zu entspannen", antwortete sie. Das hatte sie anscheinend schon sehr oft von ihm gehört.
„Gott, ich bin so ein Arsch", murmelte Edward.
„Edward?" Bella sah ihn mit Besorgnis in ihrem Blick an. „Was ist los mit dir?"
„Gute Frage", grummelte er. Sein Kopf sank kurz nach unten, bevor er wieder zu ihr hoch blickte. „Schau, Bella. Das liegt jetzt alles hinter mir. Ich brauche keine Zeit mehr weg von daheim, um mich zu entspannen." Er machte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, um diesem Satz zusätzlich Aussage zu verleihen. „Ich bin für dich da und für die Kinder. Das gesamte Paket. Morgen hängen wir zusammen herum und wenn du willst, können wir am Silvesterabend ausgehen. Ich führe dich aus."
Bella runzelte die Stirn. „Danach ist mir nicht wirklich, um ehrlich zu sein."
Edward grinste. „Tja, mir auch nicht ... um ehrlich zu sein. Also machen wir uns einen schönen Tag und gehen früh schlafen. Wie hört sich das an?"
Bella lächelte. „Das klingt wunderbar. Du bist dann zum Football hier, richtig?"
Edward wollte unbedingt dabei sein. Seine Familie hatte den Neujahrstag immer vor dem Fernseher verbracht und dabei ein Spiel nach dem anderen gesehen. Das hatte er sehr vermisst, seit er Forks verlassen hatte.
„Natürlich. Um welche Uhrzeit?"
„Oh, egal. Ich bin schon zeitig auf und werde kochen", antwortete Bella.
„Ich komme vorbei und helfe dir."
„Wirklich?", gluckste sie. „Du willst mir beim Kochen helfen?"
Edward grinste. „Naja, vielleicht nicht beim Kochen, aber ich kann Sachen kleinschnippeln und umrühren wie ein Profi."
Bella starrte ihn einen Moment lang an, bevor sie langsam den Kopf schüttelte. „Ich kann es nicht genau sagen", meinte sie, „aber irgendwas an dir ist ... anders ... oder?"
Edward stand auf und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Ja. Das stimmt."
„Was ist passiert?"
Edward griff nach Bella, um sie auf die Beine zu ziehen, dann umschloss er sie in einer warmen Umarmung. „Ich habe eine zweite Chance bekommen", sagte er leise in ihr Haar, „und ich werde das Beste daraus machen."
