Budapest, 14.10.2012

János beobachte Mycroft durch das kleine Fenster in der Tür. Er respektierte dessen Wunsch nach Privatsphäre, aber der Spion in ihm brauchte mehr Informationen. Und er fand Wege sich diese zu beschaffen. Er war verblüfft über die Vertrautheit der beiden Männer. Und die Wärme in Mycrofts Augen als er sprach. Als er sah, dass der verletzte Mann wieder eingeschlafen war klopfte er leise an die Tür und wartet bis Mycroft ihn herein rief. János entschied sich das Risiko einzugehen und fragte offen heraus, seine Stimme bewusst leise:

„Er ist ihr Bruder, nicht wahr?"

Das erntete ihm einen überraschten Blick von Mycroft. Seine Augen waren hart und durchdringen. János zog eine entschuldigende Grimasse.

„Ich habe die Ähnlichkeit gesehen. Und ich kenne den Gesichtsausdruck, ich habe einen großen Bruder und der schaut mich genauso an. Ihr Geheimnis ist sicher bei mir, keine Sorge. Wer ist der andere?"

Für eine Sekunde befürchtete János,s das er zu weit gegangen war. Er hätte schwören können dass die Temperatur im Raum um mehrere Grade gefallen war und das Schweigen des britischen Offiziellen war eisig. Er war kurz davor unter dem erbarmungslosen Blick nachzugeben, als Mycroft ihm, zu seinem absoluten Erstaunen, kurz zunickte und dann die Frage beantwortete.

„Sein Name ist John Watson. Er ist der Mitbewohner und Freund meines Bruders. Sherlock verschwand vor vier Wochen spurlos. Ich habe John auf seine Spur gesetzt und nun sieht es so aus, als hätte ich ihn in sein Verderben geschickt."

Mycroft seufzte tief, die Sorge belastete ihn mehr als er zugeben wollte. János bedauert den Mann. Agenten zu verlieren war schlimm genug, er konnte sich nicht vorstellen wie es sich anfühlen musste Freunde oder gar Familie zu verlieren. Das war genau der Grund warum es in diesem Geschäft so wichtig war Beruf und Privates strikt zu trennen, sobald persönliche Gefühle involviert waren ging die Objektivität aus dem Fenster. Er entschuldigte sich und überließ Mycroft seiner stillen Wache.

János verließ die Klinik, aber nicht ohne mehrere seiner besten Leute als Bodyguards zurückzulassen. Mycroft machte es sich neben Sherlocks Bett bequem und betrachtete seinen schlafenden Bruder. Etwas dass er seit langen Jahren nicht mehr getan hatte.


Mycroft tippte mit wachsender Frustration auf seinem Handy. Er hasste es, Nachrichten auf dem Gerät zu schreiben, aber er weigerte sich das Zimmer für einen Telefonanruf zu verlassen und er wollte seinen Bruder nicht wecken. Sherlock brauchte den Schlaf. Außerdem war es mitten in der Nacht.

Kurz nachdem Sherlock eingeschlafen war hatte ihm Doktor Slavic die Nachricht überbracht, dass John aus dem OP war und jetzt auf der Intensivstation betreut wurde. Sein Zustand war stabil für den Moment, aber weiterhin kritisch. Mycroft hatte seine eigenen Ärzte in London kontaktiert und diese waren gerade dabei alles für die Aufnahme von John und Sherlock vorzubereiten. Sie waren in Kontakt mit den ungarischen Kollegen und wurden über jede Veränderung sofort informiert. Mycroft hatte darauf bestanden, er vertraute den lokalen Leuten nicht. Die Organisation des Transports war seine Top Priorität und die Ursache seiner Frustration. Er wünschte sich zum wiederholten Male, dass Anthea hier wäre, sie würde diese Aufgabe dankbar übernehmen, aber er brauchte sie in London um ein Auge auf alle sonstigen Geschehnisse zu haben.

Als er kurz von seinem Handy aufschaute, bemerkte er dass Sherlock in seinem Schlaf unruhig wurde. Mycroft erkannte die ersten Anzeichen von Alpträumen und versuchte seinen Bruder zu wecken, aber der reagierte nicht. Stattdessen fing er an zu murmeln, und sich hin und her zu winden.

Mycroft fluchte leise, es war nicht das erste Mal, dass er seinen kleinen Bruder aus einem Alptraum aufweckte, von daher wusste er wie vorsichtig er dies handhaben musste. Ein desorientierter und verwirrter Sherlock war ein hervorragender Kämpfer und mehrere Schwestern und Ärzte hatten das am eigenen Leib zu spüren bekommen. Bis Sherlock wusste, wo genau er sich befand war es besser auf sichere Distanz zu gehen.


Sherlock wurde von den Bildern seiner Gefangenschaft attackiert, Schnappschüsse von Schmerz und Erniedrigung, die sich nicht löschen ließen. Er versuchte, die endlose Reihe von qualvollen Erinnerungen zu stoppen, aber er war erneut gefangen in seinen eigenen Gedanken.

Sie schleppten eine große Holzkiste herein und zwangen ihn, sich darüber zu legen. Die flache Seite war so lang, dass er sich von den Achseln bis zur Hüfte darüberlegen konnte. Die rauen Kanten der Kiste gruben sich in seinen Bauch als sie seine Arme und Beine ausstreckten und sie mit Seilen an Metallösen im Boden befestigten. Er hatte so gut wie keinen Bewegungsspielraum. Er realisierte mit Entsetzen, dass seine Arme und Beine sein Körpergewicht nicht unterstützen konnten und die Position war bereits nach einigen Minuten extrem unbequem. Er zog sich in seinen Gedächtnispalast zurück und versuchte, die Schmerzen in seinen Schultern, Hüfte und Knien auszublenden. Sie ließen ihn für qualvolle Stunden in dieser misslichen Lage. Als seine Peiniger zurückkamen, seine Fesseln lösten und ihn von der Kiste herunter schoben, konnte er seine Arme und Beine kaum noch bewegen. Er rollte sich hilflos zusammen. Die Waechter lachten als sie eine Plastikflasche mit Wasser in seine Richtung warfen.

Das nächste Mal waren es drei Waechter die in seine Zelle kamen. Sie blieben wie immer stumm als sie in auf seine Knie zwangen. Sherlock kämpfte mit aller Kraft gegen die Arme die ihn hielten, aber er hatte keine Chance. Ein paar wohldosierte Tritte und Schläge in sein Gesicht und Magen, und er gab auf. Zwei der Männer hielten ihn fest, während der dritte Handschellen um seine Hand- und Fußgelenke legte. Die Arme, die ihn fest hielten verschwanden und er versuchte sich aufzurichten, und verlor sofort das Gleichgewicht. Nur die massige Gestalt des Wächters neben ihm verhinderte, dass er zur Seite fiel. Er erkannte, dass seine linke Hand an seinen rechten Fuß gefesselt war, und seine rechte Hand an seinen linken Fuß. Die Männer verließen die Zelle und ließen ihn allein in der Dunkelheit. Er bewegte seine Haende, aber realisierte schnell, dass jede Bewegung ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als komplett still zu bleiben, wenn er nicht in einer noch unbequemeren Position enden wollte.

Seine Schultern schmerzten immer noch von der letzten Begegnung mit der Kiste, und diese neue Position half nicht, den Schmerz zu lindern. Die ganze Behandlung, und vor allem die komplette Stille seiner Peiniger verwirrten ihn. Er hatte jedes Gefühl für Zeit verloren.

Die Szenen begannen in seinem Kopf zu verschwimmen, mehr Folter, mehr Schmerz. Er versuchte verzweifelt, den Bildern zu entkommen, aber es gab keinen Ausweg. Und dann war John plötzlich da. Ein Lichtschein in seiner Dunkelheit. Aber die Dinge waren nicht ok. Jake war auch da und sie kämpften, und….

„John! NEIN... " Sherlock wachte schreiend auf. Er war verwirrt und verstört und kämpfte gegen die Arme die ihn festhielten. Seine Verzweiflung wuchs, als er erkannte dass er zu schwach war um sich frei zu kämpfen. „Nein, lass ihn…. Geh weg…"

„Sherlock! Beruhige dich." Diese Stimme, fest und doch ruhig. Er kannte die Stimme. Nicht John, aber trotzdem freundlich, meistens …. Mycroft! Wo kam sein Bruder her? Er beruhigte sich etwas, gab den Kampf gegen die Arme auf, aber er entspannte sich nicht komplett oder öffnete seine Augen. Er wusste immer noch nicht wo er sich befand.

„Denk nach, Bruder. Deduziere es. Alle Informationen sind hier." Ermutigte ihn Mycrofts Stimme.

Er lag auf einer weichen Matratze, aber die Laken fühlten sich rau an. Keine Ägyptische Baumwolle. Eine warme Decke. Das war gut, aber es fühlte sich falsch an. Nicht zuhause. Nicht bei Mycroft, aber auch nicht mehr in der Kellerzelle. Er konzentrierte sich auf seinen Körper und fühlte ein leichtes Ziehen in seiner linken Seite und sein Kopf schmerzte. Ohne Frage die Nachwirkungen seines Kampfs mit Jake. Die Bilder erschienen wieder vor seinen Augen und er fühlte die Panik in sich aufsteigen.

Nein, Jake ist tot. Es war vorbei. Er fokussierte seine Gedanken zurück auf die Gegenwart und die unvertraute Umgebung. Etwas kitzelte ihn auf seiner Brust und in seiner Nase. Wenn er seine Hand bewegte spürte er einen leichten Wiederstand und es tat weh. Er atmete tief ein und wurde von dem beißenden Geruch von Desinfektionsmitteln und Bleichlauge überwältigt. Ein sehr spezifischer Mix, den er mit seinem extensiven Wissen über Chemikalien leicht identifizieren konnte. Und Mycroft war hier. Ar atmete tief aus und lehnte sich entspannt in die weichen Kissen. Er wusste genau wo er war, nur wie er hierhergekommen war, das war noch etwas verschwommen.

„Mycroft? Wieso bin ich in einem Krankenhaus in Budapest?" Seine Stimme klang etwas rau und sein Hals fühlte sich an wie mit Sandpapier bearbeitet. Er zog seine Augenbrauen zusammen, drehte seinen Kopf in Mycrofts Richtung und öffnete seine Augen. Wie erwartet saß sein Bruder neben ihm in einem weißen Plastikstuhl. „Und wo ist John?" Krächzte er bevor seine Stimme völlig versagte.

„John ist in Sicherheit. Er hat sein eigenes Zimmer um dich nicht zu stören." Sherlock bemerkte das kaum wahrnehmbare Zögern. Keine Lüge per se, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Er speicherte die Information für später als Mycroft ihm eine Glas Wasser reichte, dass er gierig trank. „Gute Schlussfolgerung mit Budapest. Die Bleichlauge?" Mycroft wechselte das Thema mit Absicht. Interessant. Sherlock fügte dies zu seiner Liste von Dingen die nicht ganz richtig waren hinzu.

„Offensichtlich. Sie wird nur in Ländern der ehemaligen Sowjetunion verwendet, aber das Desinfektionsmittel ist Standard in EU Ländern, das grenzt es ein. Ich wusste, dass ich in Ungarn gefangen gehalten wurde, und nur die größten Kliniken hier sind in der Lage mit unseren Verletzungen umzugehen. Und die sind alle in Budapest."

„Gut zu wissen dass du nicht allzu hart mit dem Kopf aufgeschlagen bist!"

Sherlock nahm sich einen Moment Zeit um seine neue Umgebung zu untersuchen, inklusive all den medizinischen Geräten die um sein Bett standen. Neben den Sauerstoffzufuhr in seiner Nase und den Zugängen in seinen Händen die mit diversen Infusionsbeuteln verbunden waren konnte er keine Spuren von ernsthafter medizinischer Überwachung erkennen. Er war froh zu wissen das seine Verletzung nicht allzu schwer waren und wand sich wieder seinem Bruder zu.

„Du hast uns da rausgeholt?"

„Nachdem ich deine alarmierende Nachricht bekommen hatte, ja. Furchtbare Rechtschreibung…."

„Versuch nicht mal Witze zu machen Mycroft, es gibt keinen Grund die Stimmung aufzuhellen, mir geht's gut."

Der bissige Kommentar erntete ihn ein Seufzer und ein dramatisches Augenrollen von Mycroft. Sherlock war zufrieden.

„Du warst für über zwölf Stunden bewusstlos, für den Fall das es dich interessiert. Du hast eine Gehirnerschütterung, eine tiefe Stichwunde in deiner Seite die die Lunge verletzt hat und du hast eine nicht unwesentliche Menge an Blut verloren. Du bist außerdem dehydriert und unterernährt, was die Infusionen erklärt, bekommst starke Antibiotika und wurdest künstlich durch eine Nasensonde ernährt, daher die Halsschmerzen." Mycrofts Stimme klang ungewohnt zitternd.

Die Gelegenheit war zu gut um sie zu verpassen. „Ist das Sentimentalität die ich höre?"

„Oh, Himmel, Sherlock! Du bist in dem Keller fast gestorben! Nachdem du über einen Monat lang vermisst warst! Als ich John auf deine Spur gesetzt habe wusste ich nicht, ob er dich tot oder lebendig finden würde."

Sherlock zeigte keine Reaktion auf Mycrofts schneidenden Ton und ignorierte die Sorge die so offensichtlich in den Worten seines Bruder war. Er war genervt, dass Mycroft sich mal wieder in seine Angelegenheiten eingemischt hatte und das John dabei verletzt worden war. Er brauchte Antworten, und wenn er Mycroft dabei noch reizen konnte, umso besser!

„Warum John? Du hättest so viele andere schicken können, warum John? Ich habe dich explizit gebeten auf ihn aufzupassen!"

Mycroft brach den Blickkontakt und begann auf und ab zu wandern, sein Regenschirm akzentuierte jeden Schritt.

„Ich habe ihn nicht geschickt, er hat selbst herausgefunden das du noch am Leben bist. Ich hätte ihn nicht stoppen können, nicht mal wenn ich gewollt hätte."

Diesmal war es Sherlock der dramatisch mit den Augen rollte. „Spar dir deine Manipulationen für andere Leute, wir wissen beide das du John die Krümel vor die Füße gelegt hast die zu seiner 'Entdeckung' geführt haben. Ich habe meine Spuren viel zu gut verwischt, John hätte das niemals alleine herausgefunden. Nur du konntest all die Hinweise finden und sie John zuspielen. So, um zurück auf meine ursprüngliche Frage zu kommen, warum?"

Sherlock beobachtete mit Befriedigung wie sein Bruder herumwirbelte.

„Du unterschätzt deinen Freund, John hat in der Tat das meiste selbst herausgefunden. Er hat meine Hilfe kaum benötigt. Du hast ihm mehr beigebracht als du denkst." Mycroft lobte John? Das alleine war genug um Sherlock Aufmerksamkeit zu erregen. „Und du weißt warum. Er war und ist der Einzige den ich mit deinem Leben vertrauen kann. Der Einzige der bereitwillig sein Leben für dich riskieren würde."

Sherlock wusste das sein Bruder Recht hatte, aber er war immer noch verärgert, dass John überhaupt zwischen die Fronten geraten war. Zumal es der Punkt dieser ganzen Scharade gewesen war, ihn zu beschützen! Also teilte er weiter aus, die Alarmglocken in seinem Kopf ignorierend, seine Stimme mit Absicht beleidigend.

„Du hast nichts von seiner SRR Vergangenheit gewusst, nicht wahr? Oder das er und Jake Moriarty sich kannten?"

„Diese Fakten wurden leider bei der Routineprüfung übersehen. Glaub mir, dies wird nicht wieder vorkommen."

Die kühle Fassade von Mycroft brachte Sherlock zum Explodieren. „John ist fast gestorben wegen deiner Nachlässigkeit! Du und deine lächerlichen Untergebenen haben wichtige Informationen übersehen, die uns beinahe beide das Leben gekostet hätten! Du hattest einen Job Mycroft, und selbst den hast du vermasselt. Genau deshalb musste ich Moriartys Netzwerk alleine zu Fall bringen, dir und deinem Geheimdienst kann man nicht vertrauen! Und jetzt hör auf mit deinen Spielereien und sag mir wo John ist. Ich will ihn sehen."

Mycroft antwortete ruhig, anscheinend unbeeindruckt von den Anschuldigungen seines Bruders. „Du kannst ihn jetzt nicht sehen. Er ist auf der Intensivstation."

„Mycroft?" Sein Bruder hatte einen seltsamen Gesichtsausdruck und Sherlock mochte die Implikationen nicht. Er versteckte etwas. Der Alarm in seinem Kopf war inzwischen auf der höchsten Stufe, versuchte ihn vor etwas zu warnen, etwas wichtiges dass er übersehen hatte. „Was verbirgst du vor mir? Wie schlimm ist es?"

Anstelle einer Antwort schaute Mycroft zu Boden. Diese Geste, mehr als alle Worte, erschreckte Sherlock. So sehr ihn sein Bruder auch zur Weißglut brachte, er war kein Feigling. Wenn er zögerte ihm die Wahrheit zu sagen, dann bedeutete dies dass es schlechte Nachrichten waren und der Gedanke allein ließ es ihm eiskalt den Rücken runter laufen. Nach einer gefühlten Ewigkeit antwortet Mycroft.

„Schlimm, Sherlock. Sehr, sehr schlimm."

Mycroft gab ihm die volle Diagnose, in allen furchtbaren Details. Sein Kopf drehte sich, als er die Chancen für Johns Überleben kalkulierte und er sah sie mit jeder zusätzlichen Verletzung schwinden. Seine eigenen Erinnerungen an die letzten Minuten mit Jake waren unvollständig und verschwommen, aber er erinnerte sich an die grausame Kopfverletzung.

Sie waren gerettet worden! Sie hatten alles überlebt was Jake ihnen angetan hatte, John konnte ihn jetzt nicht verlassen. Nicht jetzt, wo sie endlich in Sicherheit waren! Er schaute seinen Bruder mit verzweifelten Augen an, aber der vermied jeden Augenkontakt. Er fühlte seinen Ärger zurückkehren.

„Geh mir aus den Augen, Mycroft!" Zischte er.

„Sherlock…." Sein Bruder zuckte unter den harschen Worten.

„RAUS! Dies ist alles deine Schuld! John könnte friedlich zuhause auf seinem Sofa sitzen, aber du musstest ihn in diese Angelegenheit hereinziehen. Wenn er stirbt, dann ist sein Blut an deinen Händen. Und jetzt. Lass. Mich. Alleine!"