12

Die Dämmerung setzte bereits ein, als sie ankamen, deshalb schickte er sie fort und kümmerte sich alleine um die Pferde. Die einfachen Menschen hatten ihn noch nie sonderlich interessiert. Er hatte schon immer nach Macht und Reichtum gestrebt. In seiner Welt zählte nur wie viel ein Mann besaß und wie viele Männer er befehligte. Guy hatte immer geglaubt, dass die Bauern das ärmste Volk waren, aber heute hatte er gemerkt, dass er einem Irrtum erlegen war. Sie besaßen tausendmal mehr als er jemals haben würde. Sie besaßen die Liebe zueinander.

Ihr Vater war noch nicht zu Bett gegangen. Besorgt sah er seinem Kind entgegen. „Du kommst mit deinem Mann zurück?" In dieser Frage lag noch eine zweite. Wie hatte Gisborne es aufgenommen, dass sie ins Dorf gegangen war um den Menschen zu helfen. „Es ist alles in Ordnung, Vater!", erwiderte sie gelassen. Nichts war in Ordnung. Warum war er nur so wie er war? Wieso konnte sie Gisborne nicht mehr so wie früher hassen?

Er rieb beide Pferde mit Stroh trocken. Der Geruch nach Pferden und ihr warmes Fell unter seinen Fingern übte eine beruhigende Wirkung auf ihn aus. Sanft strich er über den Hals seines Hengstes, dann kontrollierte er noch seine Hufe. Hier an diesem Ort war er nur ein einfacher Mann. Kein Ritter mehr, kein Krieger und kein Heeresführer. Er fühlte sich angenehm müde. Vermutlich dürfte er es nicht so empfinden, aber es hatte ihm Spaß gemacht. Es war äußerst befriedigend für ihn gewesen zu sehen, wie mit seiner Hilfe ein Dach gedeckt wurde, oder die Bretter eines Hauses neu befestigt. Aber er sah noch mehr. Damit das Land fruchtbar gemacht werden und etwas darauf wachsen konnte, brauchten die Menschen die nötigen Mittel dazu. Mittel, die ihnen, dank der hohen Steuern, fehlten. Der Sheriff lag falsch mit seiner Annahme, sie würden ihn belügen und betrügen.

Sie hatten kaum das Nötigste um überleben zu können. Zorn wallte in ihm auf. Das hatte sie mit Absicht gemacht. Marian wollte einen Keil zwischen ihm und den Sheriff treiben, deshalb hatte sie ihn das alles sehen lassen, aber das würde ihr niemals gelingen. Als er das Haus betrat, zog sich Marians Vater zurück. Auf dem Tisch stand warmer Eintopf, frisches Brot und Wein für sie bereit. Hungrig machte er sich über das Essen her, dabei ließ er Marian keine Minute aus den Augen. „Euer Plan ist nicht aufgegangen!", stieß er kalt hervor. Mühsam schluckte Marian. Sie verstand ihn nicht. „Plan?" „Ihr wolltet mein Mitleid für diese Menschen erregen, aber es ist misslungen. Ich empfinde nichts für diese Menschen. Gar nichts!" Wütend sprang er auf und verließ das Haus. Er hatte gelogen. Das, was er heute zu sehen bekommen hatte, verwirrte ihn. Von Kindesbeinen an hatte man ihn gelehrt, dass nur das eigene Wohl von Bedeutung war und dass das einfache Volk an ihrer Misere selbst schuld war.

Durch ihre Geburt waren sie eben dazu auserkoren den Reichen und Mächtigen zu dienen. Sie waren eben dumm, roh und ungebildet. Das hatte er jedenfalls gedacht. Zornig zog er sein Schwert und hieb grundlos auf die Büsche, die das Pech hatten zu nahe am Haus zu wachsen, ein. Er sah ihre Liebe zu einander. Er sah die Wärme, die sie einander zu geben vermochten. Schnell schloss er die Augen, um es nicht länger sehen zu müssen, aber es war bereits zu spät. Diese Bilder hatten sich unwiderruflich auf seiner Seele eingebrannt. Sein Vater hatte Unrecht. Er hatte ihn angelogen. In diesen einfachen Menschen steckte weit mehr als er bisher gewusst hatte. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, warum er sich nie die Mühe gemacht hatte, diese Menschen besser verstehen zu lernen, weil er bereits tief in sich ahnte, dass vieles von dem was er tat falsch war.

Irritiert sah sie auf die geschlossene Tür, durch die er gerade verschwunden war. Dieser Ausbruch von ihm war ihr unbegreiflich. Was ging nur in ihm vor? Würde sie ihn jemals verstehen? Vermutlich nicht. Seine Vorwürfe waren an den Haaren herbeigezogen. Sie hatte nichts davon getan, denn eigentlich wollte sie ihn gar nicht sehen. Plötzlich stutzte sie. Und wenn er gelogen hatte? Was, wenn ihn das, was er heute gesehen hatte, nicht so kalt gelassen hatte, wie er so vehement behauptete? Sie hatte ein paar Mal die Bestürzung in seinen Augen gesehen. Das Elend des Volkes traf ihn ungewohnt tief. Es schien etwas in ihm ausgelöst zu haben. Energisch rief sie sich zur Ordnung.

Das war immer noch Guy of Gisborne, dem sie diese hehren Gefühle andichtete, zu denen er aber niemals fähig sein würde. Zu oft hatte sie mit ansehen müssen, wie grausam er sein konnte. Ohne zu zögern tötete er Menschen, verstümmelte sie auf Befehl des Sheriffs oder ließ sie für immer im Kerker verschwinden. Nein, dieser Mann empfand weder Mitleid noch Reue, denn zu diesen Gefühlen war er gar nicht fähig. Warum sie sich dann ausgerechnet von so jemanden küssen hatte lassen, darüber wollte sie erst gar nicht nachdenken. Vermutlich war sie verrückt geworden.

Die Androhung, durch den Strick zu sterben, konnte bestimmt zum Verlust des Verstandes führen, oder sie hatte in den letzten Wochen einfach zu viel abbekommen. Es war auch ganz schön viel gewesen. Ihr Vater in Gefangenschaft, sie selbst unfrei und dann diese Ehe. Von dem Zerwürfnis mit Robin wollte sie gar nicht erst anfangen. Robin war der Mann ihrer Träume gewesen und was war davon übrig geblieben? Jetzt konnte sie sich nicht einmal mehr vorstellen, mit ihm jemals zusammen zu sein. Marian räumte den Tisch ab und ging in ihre Kammer. Unruhig lief sie dort, getrieben von den unterschiedlichsten Gefühlen, auf und ab. Von Liebe, Zorn, Abneigung bis Hass war alles dabei. In ihr herrschte das reinste Chaos.

Eigentlich wollte er so früh wie möglich das Haus verlassen, aber zuerst musste er Marian darüber informieren, dass sie die nächsten Tage im Schloss zubringen mussten. Er kannte ihre Antwort bereits jetzt und es würde bestimmt nicht einfach werden sie davon zu überzeugen. Notfalls musste er sie eben dazu zwingen, auch wenn er das nicht wollte. Ihm war es lieber, sie würde freiwillig mitkommen, denn dies würde die Sache, die so schon kompliziert genug war, wesentlich einfacher machen. Die Sonne schaffte es bereits ihre ersten Strahlen über die Baumkronen zu senden, als sie die Stufen herab kam. Wie immer brachte ihr Anblick ihn kurz aus dem Konzept. Sie war die faszinierendste Frau, die er jemals gesehen hatte, dabei war sie bei weitem nicht die Schönste. Er hatte andere gesehen, tausendmal graziler und ansprechender, aber keine war so wie Marian. Es war ihr Mut, den er an ihr am Meisten bewunderte. Ihre Tapferkeit auch für andere einzustehen. Ohne zu zögern begab sie sich in Gefahr, wenn sie Unschuldige damit beschützen konnte. Das waren Eigenschaften die er sich eines Tages auch bei seinen Kindern wünschen würde. „Guten Morgen, Mylady!", begrüßte er sie und wartete bis sie die letzten Stufen herab gestiegen war. „Guten Morgen, Mylord!", erwiderte sie den Gruß. Dass er noch hier war, konnte nichts Gutes bedeuten, das ahnte sie. „Prinz John wird heute noch im Schloss erwartet und zu dieser großen Ehre lädt uns der Sheriff ein, seine Gäste zu sein.", überbrachte er ihr die Einladung des Sheriffs. Dass es eigentlich ein Befehl war, musste er nicht extra erwähnen, das wusste sie auch so. „Was werdet Ihr tun, wenn ich mich weigere?", fragte sie ihn provozierend.

„Es war keine Bitte, falls Ihr Euch darüber Gedanken macht!", kam es hart von ihm. „Das dachte ich mir bereits. Rechnet mit meiner Anwesenheit und übermittelt dem Sheriff meinen Dank für diese überaus großzügige Einladung!", sagte sie giftig und wandte ihm den Rücken zu. Marian war mit ihm fertig. Dicht trat er hinter sie heran und beugte sich zu ihrem Ohr. „Eines noch, geliebte Marian, dort werdet Ihr Euch nicht in der Nacht in einer eigenen Kammer verstecken können, sondern, so wie es sich für Mann und Frau geziemt, ein Gemach und ein Bett mit mir teilen!"

Eigentlich hatte er nicht vorgehabt sie damit einzuschüchtern, aber angestachelt von ihrem permanenten Widerspruch, waren die Worte heraus ehe er sie noch unterdrücken konnte. Heftig sog sie bei seinen Worten die Luft in ihre Lungen. „Wie lange soll diese Komödie dauern? Wie lange muss ich so tun, als würdet Ihr mir am Herzen liegen?" Guy richtete sich zur vollen Größe auf. Was sie sagte war wie ein Schlag ins Gesicht. „Seid vorsichtig was Ihr von Euch gebt, es könnte eines Tages wahr werden!", zischte er ihr warnend zu und verließ mit großen Schritten den Raum.

Diese Worte begleiteten ihn den gesamten Weg bis zum Schloss. Ihr Körper mochte von seinen Berührungen vielleicht nicht abgestoßen sein, aber ihre Seele verachtete ihn noch immer. Bitter presste er die Lippen aufeinander. Bis er im Schloss war, musste er sie vergessen haben. Der Sheriff würde es mit der Sicherheit eines Bluthundes merken, das mit ihm etwas nicht stimmte und er würde auch den Grund dafür erraten. Mit Freuden würde er sich auf ihn stürzen und ihm genüsslich sein Versagen im eigenen Haus unter die Nase reiben. Guy zog an den Zügeln und brachte sein Pferd zum Stehen. Tief luftholend schwang er sich aus dem Sattel. In einer geschmeidigen Bewegung zog er sein Schwert und ließ die Klinge mehrmals surrend durch das Gebüsch sausen. Danach zwang er sich ein paar Mal ruhig zu atmen. Als er dann sein Schwert zurück steckte und wieder auf sein Pferd stieg, war er wieder vollkommen ruhig. Gelassen nahm er die Zügel auf und trieb sein Pferd in einen leichten Trab.

„Die Delegation ist eingetroffen, Mylord!", meldete ihm eine seiner Wachen. Zufrieden rieb sich der Sheriff die Hände. Wenn sie hier waren, konnte das nur gute Neuigkeiten bedeuten. „Habt Ihr sie, wie befohlen, im Westturm untergebracht?" Er wollte sichergehen, dass niemand etwas von ihrer Anwesenheit mitbekam. Vor allem nicht Prinz John und Gisborne. Er traute niemanden, denn wenn ihn eines das Leben gelernt hatte, dann dies, dass jeder unter den richtigen Bedingungen zu Verrat fähig war. „Ist für Prinz Johns Ankunft alles vorbereitet?" Prinz John würde wie immer im Ostturm logieren. Weit weg von den Sarazenen. „Natürlich, Mylord! Alles wurde wie gewünscht vorbereitet!" Wie gewünscht, dass war Musik in seinen Ohren. Am liebsten wäre er sogleich in den Westturm geeilt, um sich die frohe Kunde bestätigen zu lassen. König Richard war tot – lang lebe König John, bis auch ihn der Tod ereilt. Hämisch grinste er in sich hinein.

Die Krone war plötzlich zum Greifen nahe. Laut schabten Gisbornes Stiefel über den Steinboden als er eintrat. Das machte er absichtlich, da er es hasste, wenn er sich so ihn heranpirschte. Der Sheriff wusste nur zu gut, wie lautlos sich dieser, wenn er wollte, bewegen konnte. „Nun Gisborne, habt Ihr endlich den Strauchdieb von Hood zu fassen bekommen, oder muss ich mir ein weiteres Mal Euer Versagen anhören?", stieß er zynisch hervor. Immer noch lebte Marian. Dieser Mann war absolut unfähig. Er tat klug daran, sich seiner, sobald er ihn nicht mehr benötigte, zu entledigen. Wer gegenüber einem Weibsbild weich wurde, war nicht mehr stark genug seine Soldaten anzuführen.

„Ich sah, dass der Westturm bewohnt ist. Logiert Prinz John nicht wie sonst im Ostturm?" Bewusst ignoriert Guy die Frage des Sheriffs. Da dieser die Antwort bereits kannte, hielt er es nicht für notwendig sie ihm auch noch zusätzlich zu bestätigen. Im Bewusstsein dieses Ausweichmanövers hob der Sheriff seine Augenbraue. „Was sich im Westturm tut, hat Euch nicht zu kümmern!", erwiderte er scharf. „Da Hood sich immer noch, dank Euch, auf freiem Fuß befindet, sorgt stattdessen dafür, dass dieser unsere Festlichkeiten, die ich zum Anlass des Prinzen geben werden, nicht durch seine Anwesenheit stören kann. Und Gisborne …" Der Sheriff richtete den Finger auf ihn.

„Sorgt dafür, dass sich Eure Gemahlin zu benehmen weiß!", verlangte er streng. Leicht neigte Guy sein Haupt vor seinem Lehnsherrn, machte auf dem Absatz kehrt und wollte den Raum verlassen. „Ach Gisborne …", rief der Sheriff noch hinter ihm her. „Ich habe für Euch und Euer Weib Eure alten Räume vorgesehen, wo Ihr nächtigen werdet!" Begierig lauerte er auf seine Reaktion, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Guys Hände ballten sich zu Fäusten. Es war so leicht ihn zu manipulieren. Ihn und Marian und diese Bande von Hood. Ohne, dass sie es wussten, spielten sie sein Spiel. Ein boshaftes Grinsen überzog seine kalten Züge.

Verkrampft stieg Guy die Stufen hinab. Heute stand noch ein Training mit seinen Männern an und darauf freute er sich besonders. So konnte er seine überschüssige Energie, und die hatte er dank Marian reichlich, endlich abbauen. Bevor er die letzte Stufe erreicht hatte, blieb er, einer Intuition folgend stehen, kniff die Augen zusammen und richtete seinen Blick zum Westturm. Gerade noch konnte er sehen wie der Kopf eines Mannes vom Fenster verschwand. Die dunkle Haar- und Hautfarbe ließ darauf schließen, dass es sich um einen Sarazenen handeln musste. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, ging er weiter, aber tief in sich speicherte er diese Information für sich ab. Er würde sich später damit auseinandersetzen und auch mit der Frage warum ihn der Sheriff belogen hatte. Was heckte der alte Fuchs nur wieder aus? Welchen perfiden Plan verfolgte er nun wieder? Es war bestimmt etwas Schreckliches, etwas wofür er vielleicht den Tod verdiente, falls man ihn erwischen würde. Sobald er den Übungsplatz erreicht hatte, verdrängte er jeglichen Gedanken an den Sheriff und konzentrierte sich ausschließlich auf seine Aufgabe.

Achtlos packte sie ihre Kleider in eine Truhe. Bei ihrer Abreise vom Schloss hatte ihr Guy noch mehrer Kleider schicken lassen. Eines war kostbarer und schöner als das andere, doch da sie alle von ihm kamen, verbat sie sich jeglichen Gedanken daran. Zumeist trug sie jenes Kleid, das kein Opfer des Feuers geworden war. Zu ihrem Ärger ertappte sie sich mehr als einmal dabei, wie sie ehrfürchtig mit den Fingerspitzen über die weichen Stoffe strich. Schnell schloss sie die Truhe und lief nach unten. Sie wollte, bevor Gisborne zurückkommen würde, noch ausreiten. Der Besuch im Schloss bot ihr die Möglichkeit für Robin zu spionieren, und falls sie auf brisantes Material von höchster Dringlichkeit stossen würde, wäre es unumgänglich ihn darüber zu informieren. Sie suchte den alten Lagerplatz von Robin und seinen Männern auf, aber der wirkte als wäre er schon lange verlassen worden. Verzweiflung machte sich kurz in ihr breit, was wenn ihnen etwas zugestoßen war?

Energisch zwang sie sich zur Ruhe. Robin ging es bestimmt gut. Er wusste wie man sich im Wald versteckte und wie man der Gefahr aus dem Weg gehen musste. Sie ließ ihr Pferd das Lager passieren und drang noch tiefer in den Wald ein. Es gab bestimmt noch einen anderen Platz wo sie sein konnten. Schon bald verlor sie jegliche Orientierung. So tief war sie noch nie in den Sherwood Forrest eingedrungen. Mehrmals blickte sie um sich. Sie war hier ganz alleine und ohne jeglichen Schutz. Es gab auch noch andere außer Robin, die sich im Wald herumtrieben und manch einer von ihnen war ein Mörder oder Dieb oder noch schlimmer. Nervös tastete sie nach ihrem kleinen Dolch und hielt in griffbereit in ihrer Faust. Links und rechts von ihr begannen vereinzelnd Äste zu knacken. Da war noch jemand außer ihr und er folgte ihr. Angespannt leckte sie sich über die Lippen und brachte ihr Pferd zu stehen.

„Ro … Robin bist du das?", fragte sie mit zittriger Stimme. „Marian?" Much kämpfte sich durch ein dichtes Gebüsch und kam auf sie zu. Marian sprang vom Pferd und warf sich ihm in die Arme. „Gott sei dank, du bist es!", stieß sie gepresst hervor. Er brachte sie in das neue Lager. Dort erfuhr sie, wie Gisbornes Männer sie wie Hasen gejagt hatten. Robin schlich etwas abseits herum, noch hatte er mit ihr kein Wort gesprochen. Doch plötzlich kam er auf sie zu, fasste nach ihrer Hand und zog sie mit sich. „Wie geht es dir?", fragte er sie leise. Automatisch lag ihr eine zynische Antwort auf der Zunge, doch als sie in seine sanften Augen blickte, da schluckte sie diese hinunter. „Es geht mir gut", sagte sie ehrlich. „Ich möchte mit dir Frieden schließen. Meine Worte bei unserer letzten Begegnung waren falsch gewählt. Ich war …" Heftig sog er die Luft in seine Lungen. Er war eifersüchtig wie ein kleiner Junge gewesen. Marian war bereits seit sie Kinder waren, die Frau gewesen, mit der er alt werden wollte. „Warum warst du nur so?" Marian musste es genau wissen, um ihm jemals verzeihen zu können.

„Ich weiß was Gisborne für dich empfindet!", stieß er scharf hervor. „Ich hätte diesen Mistkerl töten sollen, als sich mir die Gelegenheit bot, aber Alan hat mich zurückgehalten!" Mühsam schluckte Marian. Sie hatte die hässliche Wunde an Gisbornes Schulter gesehen. „Du hättest es beinahe geschafft. Ein paar Zentimeter tiefer und er wäre jetzt tot!", stellte sie trocken fest. Unwillig runzelte Robin die Stirn. Wie nahe war Marian Gisborne bereits wirklich gekommen? „Du bist sehr vertraut mit ihm und seinem Körper, habe ich Recht?" Es kam wie eine Frage über seine Lippen, aber klang mehr wie eine Feststellung.

Automatisch musste sie daran denken, wie sie Gisborne gestattet hatte sie zu küssen. Vielleicht hatte Robin recht? Sie war ein schlechter Mensch und hatte seine Liebe nicht verdient. „Es ist nicht so, wie du glaubst!", widersprach sie, aber die Röte, die ihre Wangen überzogen hatte, strafte ihre Worte der Lüge. Tief holte Robin Luft. „Ich möchte mich nicht mit dir streiten. Warum bist du zu mir gekommen?", fragte er sie ruhig. Innerlich spürte er, wie etwas zerbrach. Sie waren nicht mehr länger Liebende, zu viel stand zwischen ihnen und er konnte unmöglich so tun als ob da nichts wäre. Sie hatte Gisborne Freiheiten gestattet, das konnte er in ihren Augen lesen. „Der Sheriff befiehlt Gisborne und mich zu sich ins Schloss. Prinz John hat seinen Besuch angekündigt!" Robins traurige Augen machten ihr schwer zu schaffen. Es war vorbei. Er liebte sie nicht mehr und sie selbst konnte nicht sagen was sie wirklich fühlte. Außer das da, wo einst die Liebe zu Robin saß, eine gähnende Leere war. „Ich werde versuchen so viel wie möglich über die Pläne des Sheriffs in Erfahrung zu bringen, wenn ich dort bin." Unwillkürlich wich sie seinem Blick aus.

„Du verbirgst etwas vor mir – was ist es?" Wie alles im Leben, hatte auch das einen Preis. „Ich muss mir mit Gisborne eine Kammer teilen!" „Marian ich …" So gerne hätte er etwas Tröstendes gesagt. Hätte ihr versprochen, dass er alles in Ordnung bringen würde, aber es wäre eine Lüge gewesen. Er konnte nichts für sie tun. Marian wandte sich von ihm ab und schwang sich auf ihr Pferd. „Sorg nur dafür, dass jemand in meiner Nähe ist, falls ich dir eine Nachricht zukommen lassen möchte!", verlangte sie und trieb ihr Pferd an.

Kaum hatte Gisborne das Schloss verlassen, eilte der Sheriff in den Westturm. Er warf einen Beutel voll Münzen zwischen die fremden Männer. „Ist es vollbracht?" Einer der Sarazenen erhob sich und kam auf ihn zu. Die eine Hand ruhte auf seinem Krummschwert, mit der anderen hielt er einen kunstvoll verzierten Dolch umklammert. Das waren Männer, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken würden, die ohne mit der Wimper zu zucken jemanden die Kehle aufschlitzen würden. Ihr dunkler Teint und ihre fremd anmutende Kleidung verstärkten diesen Eindruck noch. Grimmig starrte er in das Gesicht des Sheriffs. Es war mehr als offensichtlich, dass er ihn verachtete.

„Wir kamen zu spät. Euer geliebter Herrscher befand sich bereits auf dem Weg der Heimkehr!" Entsetzen zeichnete sich in der Miene des Sheriffs ab. „Der König kommt zurück?" „Allah war uns gnädig und sandte uns einen günstigen Wind. Wir haben, da wir den Weg entlang der Küste wählten, scheinbar den schnelleren in Eure Heimat gefunden!" „Ihr habt versagt!", wagte der Sheriff aufzubegehren, machte aber schnell den Mund wieder zu, als der Sarazene einen weiteren Schritt näher kam. „Wenn der feige Hase beschließt, dass Land zu verlassen, dann muss der Schakal ihm folgen!" „Weise Worte aus Eurem Mund, aber was soll das noch bringen? Sobald er im Land ist, könnt Ihr ihm nichts mehr anhaben!"

„Der Schakal folgt den Winden der Wüste, weil der Sand ihn verbirgt und die Augen seiner Opfer blind macht." Zornig sog der Sheriff die Luft über seine Nase ein. Er verstand diese bilderhafte Sprache nicht. Konnte der Mann nicht einfach sagen, was er meinte? „Das mag sein, was auch immer das bedeuten soll. Ich werde auf jeden Fall nicht mein Gold an Euch verschwenden!" Am liebsten hätte er den Geldbeutel wieder aus ihrer Mitte gefischt, aber da er sich diesen Männern alleine gegenüber sah, nahm er um seine Gesundheit zu schützen, von diesem Gedanken Abstand. Der Sarazene zog seinen Säbel zur Hälfte und demonstrierte damit, was er von den Worten des Sheriffs hielt. Hastig eilte dieser zur Tür und erst als er sich bereits sicher außerhalb des Raumes befand, in der Sicherheit seiner Wachen, drehte er sich noch einmal um. „Gut, wir sollten das vielleicht ein anderes Mal erörtern."