Die Fahrt zu Michaels Wohnung verlief soweit ruhig. Justin schlief noch immer entspannt, eingekuschelt in Brians Schoß und Brust.

Er hatte von dem ganzen Geschehen noch nichts mitbekommen.

Brian hingegen schien im Inneren alles andere als entspannt zu sein.

Immer wieder schaute er gehetzt aus dem Fenster oder nach hinten. Dann wieder zu Justin und anschließend zu Michael. Und dies nur, um am Ende wieder in seinen eigenen Gedanken gefangen zu sein.

In seinen eigenen, wirren Gedanken.

Was hatte er da bloß getan? Brian fing an, seine Entscheidung zu bereuen... hätte man es nicht anders regeln können? Hatte Melanie Recht? Dass Liebe blind machte? Aber... aber er war doch gar nicht verliebt!

Oder?

Unbewusst drückte er den zierlichen Körper näher an sich.

Was war bloß los mit ihm? Warum empfand er diesen unbändigen Drang Justin zu beschützen. Ihn da zu haben.

Er konnte sich nicht damit anfreunden Justin gehen zu lassen. Es war zu schmerzhaft... alleine der Gedanke daran ließ ihn tausend Messerstiche in seiner Herzgegend spüren!

Warum musste er bloß in diese Zwickmühle geraten?

Diese ganze Situation war völlig neu für ihn. Ebenso die Gefühle, die er, wenn er Justin sah, hatte. Es war unheimlich. Brian wusste nicht so recht, wie er handeln sollte. Schon alleine, dass er nicht geprobt war darin, da er das ganze noch nie zuvor gefühlt hatte. Er wusste nicht wann er seine Gefühle unterdrücken sollte und wann eben nicht! Wann es richtig war, ruhig etwas Nähe zu zeigen und wann es seinen Ruf kaputt machen würde. Seinen Ruf als selbstsüchtige, egoistische Sexmaschine vom glorreichen Pittsburgh.

Brian dachte wieder über sein derzeitiges Handeln nach.

Und er musste ehrlich zugeben, dass er sich nie in seinen Träumen gewagt hätte, so etwas zu tun. Schon alleine seinem Ruf zuliebe. Und seinem Leben... seiner Karriere.

Warum tat er es? Waren es Justins treue Augen? Seine Unschuld? Seine Hilflosigkeit? Brian konnte es nicht so genau einordnen. Alles was er wusste war, dass er sich in einer gewissen Hinsicht für Justin verantwortlich fühlte. Seit dem Moment wo er ihn frierend an seiner Hauswand kauern gesehen hatte. Seitdem fühlte er sich für Justin verantwortlich und musste ihn beschützen. Denn er konnte nicht mit den Gedanken leben, Justin auf sich alleine gestellt zu lassen. Oder Justin wieder zurück nach Hause zu bringen.

Er wusste nur zu gut, wie sich die schmerzvollen Hände eines Vaters auf die Haut brennen konnten. Wusste nur zu gut, wie es war nicht verstanden zu werden. Nicht geliebt zu werden, so wie man war. Hatte es am eigenen Leib gespürt und wollte es Justin ersparen. Er konnte nicht wegsehen, jetzt wo er alles wusste. Wo er von Justins brutalen Vater wusste, von Justins Autismus, von Justins Prinzen... . Und er hatte auch Angst, Justin würde ihn vermissen. Justin würde nochmal weglaufen, und dann nicht das Glück haben von einem reichen Chef aufgenommen zu werden.

Aber würde diese Entscheidung Justin helfen? Würde es sein Leben erleichtern?

Nein! Erst jetzt bemerkte Brian wie fatal seine Entscheidung war. Alles würde er verlieren!

Es hatte sich doch noch vor kurzem so gut angefühlt... warum... ja, warum fühlte es sich nun so falsch, so verantwortungslos an?

Brian schaute auf das schlafende Bündel in seinen Armen.

Und seid wann erlaubte er so offensichtliche Nähe eines anderen Menschen?

Es war so als wäre er in Justins Gegenwart ein neuer Mensch. Doch Brian wusste, er war es nicht. Er war noch immer der gefühlskalte Brian Kinney, doch er wollte nicht, dass Justin dies zu spüren bekam. Er wollte nur das Beste für Justin, er fühlte sich verantwortlich für ihn.

Er war doch sein Retter! Sein Prinz!

"Wir sind da!" riss ihn Michaels Stimme aus den Gedanken.

Und in der Tat, das waren sie.

Draußen war es inzwischen stockdunkel. Nur die Straßenlaternen hellten die Gegend ein wenig auf.

Im Haus brannten noch die Lichter. Ben erwartete sie also!

Oje... wie würde er nur auf Brian reagieren? Brian stellte sich die extremsten Streitgespräche vor, die er mit Michaels Flamme haben würde. Denn Brian konnte sich bei besten Willen nicht vorstellen, dass der verantwortungsvolle, hochgebildete, vornehme Professor Ben bei so einer Aktion einsteigen würde.

Nein, da würden noch die ein oder anderen Worte fallen, dass wusste Brian.

Und dennoch war er froh, erstmal weg vom Fenster zu sein. Auch wenn es rechtlich gesehen nicht die richtige Entscheidung war, hatte er das Bedürfnis Justin nahe zu sein. Ihn da zu haben. Wenigstens für die paar Tage? Wochen? Jahre?

Seine Gedanken überschlugen sich. Immer wieder fühlte sich die Flucht mal gut und dann wieder schlecht an!

Oh Gott, Brian! Was träumte er sich da nur zustande?

Während sein Inneres nach Erlösung schrie.

Brian dachte fieberhaft nach, wie er wieder heil aus der Sache herauskommen könnte. Oder wenigstens so heil, wie es dabei möglich war.

Immer wieder kehrte der Gedanke, Justins Eltern zu kontaktieren zurück. Aber wie denn? Sie würden ja wohl nicht eine Kaffeerunde mit ihren Kindesentführer machen...

Jennifer! Immer wieder erinnerte sich Brian an Justins Mutter. Sie hatte nichts unternommen als er Justin mitgenommen hatte. Auch war sie es nicht sie, die aufgebraust am Telefon geredet hatte... Nein! Und auch hatte sie Justin beschützen wollen, als Craig ihm diese schrecklichen Worte an den Kopf geworfen hatte.

Würde sie -

"Brian, komm schon es ist kalt!" Michael zog seine Jacke fester um den Körper und schlotterte.

Erst da bemerkte Brian, dass die Autotüre offen war, und Michael ungeduldig wartete, bis er und Justin heraus steigen würden.

Beziehungsweise Brian mit Justin auf den Armen.

"Schaffst du es?" Michaels Frage klang ernst.

"Michael ich hab schon mal Schwereres getragen." ,prustete Brian los. Was dachte den sein bester Freund nur wie viel so ein kleiner Bengel wiegen würde?

Jedenfalls weniger als so einige Gewichte die Brian mal bei einem Wettbewerb gehoben hatte.

Also schien das wohl ihr winzigstes Problem zu sein.

An der Haustüre angetroffen, machte Ben sofort die Türe auf, der sie zuvor vom Fenster aus beobachtet hatte.

"Schnell, rein." Ben zog die beiden so schnell es ging ins Haus "Du mieser -" Ben war eigentlich nicht derjenige, der sofort auf brauste oder gar beleidigte. Doch dies ging zu weit, und da schien so einiges an Manieren hinten an zustehen.

Und da fing die Schimpftriade auch schon an, wenn sie nicht von Michael unterbrochen wurde "Ben, gleich!"

Zwei Worte die Ruhe ins Geschehen brachten.

Ben atmete tief durch bevor er zu Brian gewandt sprach: "Leg ihn ins Schlafzimmer. Zieh ihm noch nichts über."

"Warum?" Brian konnte es nicht verhindern, dass sein Ton spitz und angriffslustig herüber kam. Ben wollte doch nur helfen!

"Routine Brian völlige Routine, weil ich ja jeden Tag mit Flüchtlingen im Haus leben muss, und mich vor der Polizei fürchten muss Brian. Das ist normaler Alltag für mich." Ben schien ebenso provokant zu sein. Völlig außer seinem eigentlichen Charakter. Aber bei so einer Situation konnte man ihm das ja nicht verübeln.

Michael legte seinem Partner eine Hand auf den Arm und bedeutete ihm somit aufzuhören.

Brian wollte eine spitze Bemerkung machen, doch als Ben danach Justin in seiner Schimpftriade erwähnen wollte, verließen Brian alle Manieren.

"Hey! Lass gefälligst Justin aus dem Spiel, Professor! Er kann nichts dafür wie es gelaufen ist!" Brians Stimme war leise um Justin, der noch immer auf seinen Armen war, nicht zu stören, aber nicht minder bedrohlich.

"Aber du! Das bereden wir noch!" Bens Miene war unberührt. Er ließ sich nicht einschüchtern, genauso wenig ließ er sich betrügen oder hintergehen.

Aber war das Brians Absicht? Wohl eher nicht.

"Ben bitte! Wir klären es ruhig, das hast du mir versprochen!" Michael gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Brian wollte am liebsten noch ein paar Kommentare anhängen. Was fiel diesem, Professor ein ihn so zu behandeln? So mit ihm zu reden!

Er war doch "DER" Brian Kinney. Und ein Brian Kinney ließ sich nichts gefallen, und stand zu seinen Entscheidungen!

Er wurde von Michael ins Schlafzimmer geführt, wo er Justin so sanft wie möglich auf das große Doppelbett sinken ließ.

Er deckte den nur in Unterhose bekleideten Justin nicht vollständig zu, sondern zog die Decke nur bis zum Bauchnabel.

Ben wollte ihn schließlich noch untersuchen, und das schlechteste wäre es eigentlich auch nicht, da Justin ja noch etwas Fieber schlug.

Da Ben Professor war, kannte er sich auch im medizinischen aus. Zwar nicht so gut wie ein richtiger Arzt, aber gut genug um Justin flüchtig zu untersuchen. Außerdem hatte er einen Arztkoffer hier im Haus, auch da er ja selbst krank war. Denn ja, er war HIV positiv. Der schlimmste aber leider auch verbreitetste Albtraum eines jeden Homosexuellen.

Er war immer vorsichtig gewesen, doch als er dachte, er könnte vertrauen, da war es genau die falsche Entscheidung. Denn diese kostete ihm vieles in seinen Leben.

Brian entschied sich dafür, keine spitzen Bemerkungen mehr zu machen. Justin zuliebe. Und ließ Ben seine Arbeit machen.

Dieser prüfte zu allerst Puls und Temperatur. Hauchte das kalte Stethoskop ab, bevor er Justins Brust abhorchte.

Er tastete ihm noch die Bauchdecke ab, bevor er sich wieder aufrichtete.

"Und?" Brian schaute ihn erwartungsvoll an.

"Er hat erhöhte Temperatur, aber sonst scheint alles ganz okay zu sein." Ben schaute ihm noch vorsichtig in den Rachen. "Eine Idee woher das Fieber kommen könnte?" fragte er während er Justin wieder zudeckte.

Brian überlegte nicht lange. Sie waren schließlich nun im gleichen Boot, da mussten sie auch ihre Differenzen zur Seite schieben. Wenigstens für diese Zeit.

"Als ich ihn gefunden habe..." Brians Stimme war heiser. Er erinnerte sich noch sehr gut daran als er Justin zitternd vor Kälte und verlassen an seiner Hauswand gefunden hatte. Auch die Erkenntnis, dass er Autist war. Und anschließend die Bekanntschaft mit Craigs Vater.

Dieses Verantwortungsgefühl, dass er zuvor noch nie hatte. Denn zuvor war er nur für sich verantwortlich gewesen. Und für niemand anderes.

Ben schaute Brian erwartungsvoll an. "Ja? Was war da?"

"Also... ich hab ihn damals gefunden, er war nur mit T-Shirt bei den Minusgrraden draußen. Aber hätte er da nicht schon längst krank sein müssen?"

"Nein, dass kann auch verspätet aufkommen. Vielleicht hatte er ja schon zuvor Kopfschmerzen und hatte es nur nicht gesagt. Aber das Fieber ist nun offensichtlich. Ich hoffe nur er wird nicht allzu krank, wie du sagtest war er ja nur mit leichter Kleidung bei den Temperaturen draußen. Weißt du wie lange es ungefähr war? Und hatte er vor kurzem auch andere Symptome "

"Ich weiß nicht so genau... Ich hab ihn schon gesehen bevor ich zur Arbeit gegangen bin... das war morgens... und abends saß er immer noch da. Ich hab ihm meine Jacke gegeben. Brian schluckte hart als er an die aufrichtigen Augen dachte, die er dort zum ersten Mal gesehen hatte. Er erinnerte sich daran, wie schwer es war, sich diesen zu entziehen. "Außerdem hat er sich noch vor kurzem übergeben, aber das denke ich nur weil Debbies Mutterinstinkt wieder man Vorderhand genommen hatte und sie ihn über überfüttern musste."

Wieder war Brian in seinen Gedanken gefangen. Er dachte immer weiter darüber nach, was ihn an Justin so band? Warum er ihn aufgenommen hatte? Warum er sich so verdammt verantwortlich für ihn fühlte? Es war mehr als nur Mitleid. Es war noch etwas anderes. Etwas, dass Brian nicht einordnen konnte, weil er es noch nie zuvor gespürt hatte. Etwas was ihm Angst machte, ja, Brian Kinney Angst machte! Weil es so stark war. So ungebändigt. Es einem überfiel. Und so natürlich... .

"Brian?" David schaute Mikeys besten Freund lange an.

Seid wann war Brian Kinney er so in Gedanken? Und so völlig neben sich?

Was war wohl passiert in diesen zwei Tagen?

"Sorry." Brian rieb sich hastig über sein Gesicht.

"Leg dich hin Brian. Du siehst müde aus.", ertönte plötzlich Michaels Stimme vom Türrahmen.

Michael wusste in etwa, wie Brian sich gerade fühlen musste. Denn auch, wenn er immer den Dreißigjähri - upps, Nein! Neunundzwanzig jährigen, egoistischen, selbstverliebten, reichen, gefühlskalten Brian Kinney vorgab, und manchmal auch war, wusste Michael, dass selbst Brian tief im Inneren verwundbar war. Wie jeder Mensch auch.

Und dies hatte Justin nun endgültig ans Tageslicht gebracht.

Was musste bloß in den zwei Tagen passiert sein!

"Nein... es geht schon. Lass uns erst mal ins Wohnzimmer, der Professor will noch etwas besprechen, richtig?" Brian schaute Ben aus ausdruckslosen Augen an.

"Ja, am besten wir machen es jetzt sofort." Mit den Worten führte er Brian und Michael ins Wohnzimmer, und lehnte die Schlafzimmertür an.

Als sie saßen, ergriff Brian das Wort. "Erstmal zu Justin. Was ist mit dem Fieber?"

Brian hatte aber auch Sorgen! Ben musste hart schlucken. So hatte er ihn noch nie erlebt. Und auch, wenn er nicht viel mit Brian unternahm, so kannte er ihn gut genug, um zu wissen, dass er gerade völlig vertauscht war.

"Wir warten erstmal ab, bis er aufwacht. Das Fieber lassen wir jetzt erstmal so, es ist auch nicht zu hoch. Sollte es steigen, gebe ich ihm etwas dagegen." Ben versuchte professionell zu klingen, doch er schien immer wieder verwundert über Brians sorgenvolle Augen zu sein.

"Warum nicht jetzt?" Brian schien Bens eindringlichen Blick nicht zu interessieren. Er wollte viel lieber wissen wie es um Justin stand.

"Weil das Fieber nicht immer schlecht sein muss. Es bekämpft Erreger." Er grinste. "Nicht diese Erreger."

Brian stöhnte genervt auf, aber diesen Ruf hatte er sich selbst zu verdanken. Früher hatte es ihm auch gefallen...sogar mehr als das... aber... er wusste selbst nicht warum, nur wollte er nicht, dass Justin etwas von dem Ruf wusste. Er war ein ganz neuer Mensch in seiner Gegenwart. Und... Brian fühlte sich nicht schlecht dabei... .

Auch wollte er nicht dass man darüber mit Justin im Zusammenhang sprach... denn... Brian wusste selbst nicht, was dieses Gefühl war! Es fühlte sich an, als hätte er Schmetterlinge im Bauch. Die tobten und tobten und tobten. Doch ändern konnte er daran nichts.

"So und nun zum wichtigen Gespräch." Ben räusperte sich kurz. Man konnte ihm ansehen wie wütend aber auch frustriert er war, doch er versuchte es mit Liebeskräften zurückzuhalten. Michael zuliebe. Denn wenn er Brian mit Worten verletzen würde, dann würde zum einen dieser sicher zurück feuern, was wohl das geringere Problem war. Aber zum anderen würde dann Michael wütend auf ihn sein. Und das wollte Ben nicht. Denn er gestand sich seine Liebe im Gegensatz zu Brian offen ein.

Und das war doch ein Grund, um stolz zu sein, oder?

"Was um alles in der Welt hast du dir dabei nur gedacht! Aber es tut mir Leid. Denn Brian Kinney denkt ja nur mit seinem Schwanz!" Bens Worte waren obwohl in einer geringeren Lautstärke dennoch erniedrigend.

Doch Brian schien sich dies nicht gefallen zu lassen! Was dachte dieser Möchtegern eigentlich, warum er Justin aufgenommen hatte? Sicherlich nicht um sich zu befriedigen, verdammt! Alleine die Vorstellung. Brian wusste, dass Justin hübsch war, doch er sah so unendlich jung aus. Und er war Autist.

Aber würde er es tun wenn er Justin im Babylon als einen der vielen willigen Twinks treffen würde?

Brian unterdrückte diese Gedanken. Er wollte nicht weiter darüber nachdenken. Seine Hose wurde etwas eng bei den Gedanken. Wie lange war es denn her?

"Du perverses Schwein!" Er spie die Worte lauthals heraus. Er hatte einfach keine Nerven mehr dafür. Nicht mehr heute. Und vielleicht wünschte er sich die Welt würde endlich aufhören gegen ihn zu sein...

Da hatte er wenigstens mal etwas gemeinsam mit Justin.

Er verstand Bens Standpunkt nur zu gut, wo er seine Entscheidung doch selbst ein wenig bereute, aber wieso konnte niemand verstehen, wie er sich fühlte? Wie verdammt schwer es war, daran zu denken Justin, gehen zu lassen! Und wie verdammt schwer es war, daran zu denken, Justin auf diese Weise, gar illegal, da zu haben?

Es waren komplette Gegensätze, und Brian konnte seine wirren Gedanken deutlich spüren. Er wollte Justin bei sich haben, aber doch nicht auf diese Weise!

Brian wusste, seine Entscheidung ging zu weit. Doch er konnte daran doch nichts mehr ändern. Oder? Vielleicht könnte er ja noch zurück... so tun als wäre es nie passiert. Justin abgeben. Beim Gericht erscheinen. Eine Strafe bekommen, aber eine deutlich geringere als wenn er so weiter machen würde. Sich bei den Taylors entschuldigen? Brian musste wieder hart schlucken bei den Gedanken sich bei Craig zu entschuldigen. Aber es würde alles einfacher machen... ihm sein altes Leben wieder geben, was er vor zwei Tagen auch noch hatte.

Aber... dann wäre doch alles umsonst oder? Und am Ende hätte er wieder nicht das, was er eigentlich wollte.

Justin! Er erfüllte ihn. Es fühlte sich so an, als wäre Brian nur ganz wenn Justin dabei sein würde. Wie ein Puzzle, worin sie beide die einzigen Teile darstellten. Zwei gebrochene Herzen die nur zusammen eins sein konnten.

Brian würde so etwas nie laut aussprechen, aber sich selber belügen hatte er seitdem er Justin kannte aufgegeben.

Brians Gedankenwelt überschlug sich. Er fühlte sich müde und völlig fertig. Er spürte das Bedürfnis danach, zu wissen, dass jemand ihm zur Seite stehen würde. Ohne Bedenken, ihm helfen. Und ohne Vorwürfe zu machen!

Ihn einfach nur verstehen... jemanden... abgesehen von Justin... .

Genau in diesem Moment spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Michael hatte sich neben ihn gesetzt.

"Brian, wie willst du so weitermachen?" Michaels Frage klang nicht wie ein Vorwurf. Noch klang sie erniedrigend oder wütend.

Sie klang eher besorgt, aber Michaels treue Augen verrieten Brian, dass dieser ihm vertraute.

"Michael... ich kann, nicht verstehst du! Ich kann nicht!"

Was meinte er? Michael verstand nicht so recht. "Was kannst du nicht?" Er gab Ben einen Wink jetzt nichts zu sagen. Michael erlebte nur selten einen Brian innerlich so aufgewühlt war, dass er es auch seine Außenwelt sehen ließ. Und noch seltener war es, dass dieser seine Sorgen aussprach. Offen und ehrlich.

"Ich... ich weiß nicht! Alles ist so..." Was tat er denn gerade? Brian fasste sich schnell. Er schaute Michael wieder an. Diesmal ernster "Vergiss es. Ich werde mit Justin wieder zurück gehen. Ich... ich werde ihn sowieso verlieren." Er machte eine lange Pause, indem er nur auf seine Atmung achtete. Michaels und Bens Blicke völlig ausblendend. "Ich will nicht, dass wir uns nur noch mehr aneinander... binden!" War dies eine Frage? "Auf jeden Fall...Justin wird wieder nach Hause gehen! Endgültig! " Brian brach wieder ab. Es fiel ihm sichtlich schwer.

Michael musste sich eingestehen Brian noch nie so gesehen zu haben. Er hatte Brian zwar schon mal weinend und aufgelöst gesehen. Ja auch verzweifelt, aber so? Nein, so hatte er ihn noch nie gesehen.

Hatte er da gerade ein Rufen gehört?

Wieder!

Diesmal noch verzweifelter als zuvor.

Brian ahnte schlechtes. Schnell lief er ins Schlafzimmer, und fand einen völlig verängstigten Justin auf dem Bett kauern.

Er hatte sich wie ein Fötus zusammengerollt, die Decke krampfhaft um seinen Körper geschlungen.

"Justin?"

Shit! Brian hoffte, dass Justin nicht schon lange wach war. Doch das einzige was Brian wirklich hoffte war doch wohl eher, dass er nicht den letzten Satz gehört hatte? Und deswegen weinte?

Er rannte nicht ins Zimmer, nein. Er lief langsam zum Bett und legte sich neben Justin.

Schaute zur Decke, und ließ Justin erstmal zur Ruhe kommen. Justins Weinen wurde ein wenig leiser als er merkte, dass der Prinz neben ihm lag. Er entkrampfte sich und drehte sich um.

Dort sah er den wundervollsten Menschen, den er je gesehen hatte. Und doch nicht haben durfte!

Sein Weinen verstärkte sich wieder bei den Gedanken daran, dass der Prinz ihn weg geben würde.

Er war aufgewacht durch Brians Schimpfen. Verängstigt blieb er aber im Bett liegen, statt nachzusehen. Er horchte Brians Stimme. Und dann... dann sagte er den schlimmsten Satz, den Justin bisher kannte.

Abgesehen von den ganzen Worten, die ihm das Monster Craig immer an den Kopf geworfen hatte.

Er musste wieder nach Hause? Aber... aber er wollte doch nicht! Warum konnte er nichts tun! Er fühlte sich total hilflos ausgeliefert. Wortwörtlich.

Er war unendlich verzweifelt aber auch wütend! Er konnte seine Gefühle nicht kontrollieren. Es war schlimm für ihn, so wehrlos zu sein. Nichts tun zu können. Rein gar nichts.

Dabei waren es doch nur drei Worte die, die beiden voneinander trennten.

Doch keiner von den beiden kannten diese... in ihrer Bedeutung.

Justin fing wieder an, bitterlich zu weinen. Er wollte, dass die Stimmen in seinen Kopf aufhörten zu sprechen. Wollte, dass die Bilder verschwanden. Wollte nicht an Zuhause denken. Wollte nicht dorthin zurück. Und wollte nicht weg vom Prinzen.

Brian drückte Justin an seine Brust "Lass es raus." Seine Stimme war leise. Sanft. "Schhhh"

Brian fühlte sich nicht schlecht dabei Gefühle zu zeigen. Oder Justin zu trösten. Nein, es fühlte sich in einer für Brian unbekannten Weise gut an. Justin so nah zu haben.

Sachte streichelte er über Justins nackten Rücken. Es fühlte sich - ganz anders als seiner Vorstellung gemäß - sehr gut an. Justins Haut war weich und zart.

Und sieh' an! Er beruhigte sich etwas. Eng an Brian gekuschelt, die Decke fest über sie beide gezogen, und Brians eine Hand die sanft seinen Rücken streichelte und die andere die seinen Kopf kraulte, das alles strahlte Geborgenheit auf den verängstigten Jungen aus.

Er schaute seinen Prinzen nicht an, als er die Worte aussprach. "Du.. du... hast es ver.. versprochen!" Sie klangen müde und hilflos. Er schniefte.

Warum mussten ihn alle anlügen? War er so wenig wert?

Brian ahnte, worauf Justin hinaus wollte. Er war also doch aufgewacht und hatte ihn gehört!

Alles gehört! Sein Urteil gehört.

"Versprechen darf man nicht brechen, mhh?" Brian fiel nichts besseres ein.

"Nein..." Justin kuschelte sich enger an seinen Prinzen.

"Okay..." hauchte Brian, nicht bewusst, damit alles nur noch verschlimmert zu haben! Doch er konnte Justin nicht so verletzt sehen. Es tat ihm weh. An einer Stelle, die er noch nie zuvor so intensiv gespürt hatte wie bei Justin. In seinem Herzen.

Ganz tief.

Erst als Justin einschlief, stand Brian vorsichtig auf. Er deckte den zierlichen Jungen behutsam zu. Fühlte ihm flüchtig die Stirn, die durch den Weinkrampf etwas wärmer geworden war. Er hauchte ihm einen Kuss darauf bevor er wieder ins Wohnzimmer lief, wo inzwischen Ben und Michael eingekuschelt auf dem Sofa saßen.

Sie hatten das Gespräch von Brian und Justin nicht mitbekommen, und dachten deshalb noch, Brian würde aufgeben und Justin fallen lassen. Während Ben offen erleichtert war, versuchte Michael unbeeindruckt auszusehen. Doch er konnte nicht verhindern, dass er sich auch erleichtert fühlte.

Erleichtert diese Last nicht mehr zu tragen. Erleichtert, wieder den alten Brian da zu haben.

Brian schaute seinen langjährigen Freund lange an.

Er hatte einen Entschluss gefasst. Er konnte so nicht weitermachen. Es war zu riskant. Für ihn und auch für Justin. Und letztendlich würde es nichts bringen. Außer Zeit.

Aber was war das schon!

Er nahm das Telefon was auf dem Couchtisch lag in seine Hände. Wählte die Nummer, die er noch spärlich kannte.

Wartete auf das Anruferzeichen. Wartete. Ein Klicken. Eine Frauenstimme. Hallo?

Ihre Stimme klang warm. War sie immer so?

"Jennifer?"

Brian räusperte sich. Wenn er das nun tun würde, dann wäre alles aus. Oder?