Kapitel 11

Als Richard in der Früh aufwachte, war das Bett neben ihm noch warm, trotzdem hörte er Stimmen und weihnachtliche Musik aus dem Wohnbereich des Lofts. Neben ihm lag immer noch die Frau, die ihn am letzten Abend in unbekannte ekstatische Höhen getrieben hatte. Und jetzt schlief sie, unschuldig neben ihm. Kate trug immer noch das Wäsche-Set, der Satin des Büstenhalters war gut für ihn sichtbar. Ihre weiße Haut unter den dunklen Laken wirkte noch milchiger als sie bereits war. Zu gerne hätte er seine Lippen über ihre Schulter gleiten lassen, Küsse ihren Rücken hinab platziert, doch es schien, als wären sie noch nicht so weit.

Richard verstand immer noch nicht, wie das gestern alles passieren konnte. Als er die Unterwäsche ausgesucht hatte, hatte er sich nur träumen getraut, wie seine Kate darin aussehen würde. Doch erwartete man von ihm, dass er Wäsche schenken würde. Der Rest war ihm ein Rätsel.

Doch würde er den Moment nicht vergessen, wie sie in dem exklusiven Set vor ihm stand, das wenig verbarg. Was hatte sie geplant? Ihm war nur durch den Kopf gegangen, dass wenn er nicht bald aus dem Raum flüchtete, es nur noch eine Möglichkeit gäbe und die war es über sie herzufallen. Und das sollte auf keinen Fall passieren. Auf keinen Fall. Also war er ins Badezimmer geflüchtet. Richard war bereits mehr als nur erregt gewesen, wusste aber, dass es nicht der richtige Zeit war, selbst Hand anzulegen, um sich von all dem zu befreien. Grausame Gedanken an Leichen sollten ihm helfen, doch dann sah er vor seinem geistigen Auge immer wieder Kate und dieses Mal nicht in ihrer normalen professionellen Kleidung sondern in Dessous.

Dann war sie zu ihm ins Badezimmer gekommen und der Rest war Geschichte. Unglaubliche Geschichte.

Nun ließ Richard einen Finger sanft über ihren Rücken gleiten, da sie nun auf ihrem Bauch lag und das Laken an ihre Taille hinabgerutscht war.

„Hm …", war das einzige Geräusch, das sie macht. Und nun kam Unsicherheit in Richard hoch. War all das, was sie gestern gemacht hatte, nur ein Weihnachtsgeschenk von ihr an ihn gewesen? Eine einmalige Angelegenheit. Er würde damit leben können, nie wieder eine anderen Frau neben sich aufwachen zu sehen, nie wieder andere Lippen an ihm zu spüren. Nach letzter Nacht war dies für ihn absolut vorstellbar.

Es hatte zuvor bereits Frauen gegeben, die ihn aus freien Stücken sexuell befriedigen wollten, Frauen, die wahrhaftig talentiert waren. Doch was gestern passiert war, war anders. Nicht, dass Kate nur talentiert war, nein, sie wusste genau, was sie tat, kannte Tricks, wusste, wie viel Druck sie ausüben musste. So hatte er sie nicht eingeschätzt. Auf der anderen Seite war er sich immer noch nicht sicher, ob sie nicht die mysteriöse Frau war, die er einst in einem der BDSM Clubs bei seiner Recherche für einen der ersten Derek Storm Romane kennengelernt hatte. Eine sehr junge Frau, die stets eine Maske trug. Sie hatte einen perfekten Körper. Schlank. Trainiert. Lange Beine. Milchweiße Haut. Grüne Augen mit einem Hauch von Braun. Und das Tattoo an der linken Leiste. Drei unterschiedlich große Sterne.

War Kate wirklich Julia? Er musste es herausfinden. Langsam.

Vorsichtig schälte er sich aus den Laken und zog sich seinen Morgenmantel an, dann griff er nach Kates und setzte sich an den Rand des Bettes.

„Kate", sagte er sanft und fuhr ihr über die Schulter. „Kate …"

Ihre großen Augen blickten ihn verschlafen an und allmählich richtete sie sich auf, auch die Stimmen aus dem Wohnzimmer hörend. Es war Alexis mit Theodora, die über irgendetwas laut lachten.

„Es ist Zeit, Geschenke auszupacken", sagte er und Kate konnte das Strahlen in seinen Augen erkennen.

„Hm …", antwortete sie nur und richtete sich auf. Mit einer Hand griff sie nach ihrem Morgenmantel, warm und flauschig, mit der anderen schnippte sie den BH auf und befreite sich von Spitze und Tüll.

„Du solltest solche Sachen ankündigen", sagte Richard zu Kate und führ mit einem Finger über ihre Narbe, berührte sie aber nicht weiter.

„Hast du denn noch nie eine nackte Frau gesehen?"

„Oh … doch … als ihre Wohnung explodierte." Beide mussten lachen.

Natürlich wanderten seine Augen über ihren Körper. Die sanfte Wölbung ihrer Brust, die hellrosa Brustwarzen, die sich allmählich unter seinen Blicken zusammenzogen.

Ohne viele Worte zu sagen, stand er auf und wartete auf Kate, bis sie sich den Bademantel angezogen hatte. Er wusste, hätte er etwas gesagt oder sie weiter berührt, hätte er nicht mehr aufhören können. Und das war gefährlich. Sehr gefährlich. Sein Körper verlangte nach Kate, früher war es oftmals nur sein Kopf gewesen, aber mittlerweile hatte sie ihn komplett vereinnahmt.

Gemeinsam gingen sie schließlich ins Wohnzimmer und beobachteten Alexis und Theodora anfänglich nur, bis die Kleine auf wackligen Beinen auf Kate zugelaufen kam, allerdings immer noch „Dada, Dada" gurgelnd. Es waren die ersten richtigen Schritte gewesen, die sie jemals gelaufen war und dann auch noch in Kates Arme. Tränen standen in den Augen der jungen Polizistin.


Die Feiertage verbrachten sie wie eine richtige Familie, wäre nicht das eine oder andere spitzfindige Kommentar von Meredith gewesen. Nachmittags saßen sie engumschlungen auf der Couch, obwohl sich Richard zuvor nie für den Kuscheltyp gehalten hatte, konnte er von Kate diesbezüglich nicht genug bekommen. Vielleicht auch deswegen, weil er nicht viel mehr von ihr bekam. Sie schliefen immer noch im selben Bett und Kate trug ihr neues Nachthemd, stieß Castle nicht weg, wenn er sie berührte, doch viel mehr passierte nicht.

Eines Nachmittags kurz vor Neujahr beschlossen Kate, Martha und Alexis shoppen zu gehen, immerhin sollte es bald nach Aspen Skifahren gehen.

An diesem Nachmittag quälte Richard abermals die Neugierde, herauszufinden, ob Kate Julia war und vice versa. Es ließ ihn einfach nicht los. So durchsuchte er im Schrankraum ihre Sachen, obwohl durchsuchen ein viel zu brutaler Ausdruck war. Seine Hände glitten durch ihre Blusen, streifen ihre Hosen und Pullover, bis er schließlich die Masse an Schuhkartons entdeckte, die unter und hinter all dem verstaut waren. Neugierig öffnete er einige Schachteln – dass Kate viele Schuhe hatte, hatte er bereits während der letzten Jahre feststellen müssen, ebenso, dass die meisten über fünf Zentimeter Absatz hatten. Allerdings musste er sich eingestehen, dass er sie barfuß bevorzugte, so wie sie sich zuhause gab. So fand er eine Schachtel mit Fotos aus Kates Jugend, die er zur Seite stellte, um sie sich später genauer anzusehen und eine Box, auf der vorne mit Marker ein großes „X" markiert wurde und die von einem Gummiring verschlossen gehalten wurde. Vorsichtig löste er diesen und ahnte, was ihn erwarten würde – Spielzeug.

Wieso sollte Beckett solche Accessoires nicht besitzen, fragte er sich, immerhin war sie eine vollblütige Frau, mit Bedürfnissen.

Sich genau den Ort merkend, wo er die Schachtel hinstellte, verstaute er alles wieder an seinem Ort und ging in sein Arbeitszimmer, da er eine neue Idee entwickelt hatte, die er in seinem neusten Nikki Heat Roman einbauen wollte.


Am Tag vor Neujahr läutete in den frühen Morgenstunden bereits das Telefon, Richards und Kates. Es war das Revier. Gates bestellte sie hinein.

Gemeinsam betraten sie das Revier und Kate warf einen Blick in ihre dienstliche Post, die sich über die Feiertage auf ihrem Schreibtisch angesammelt hatte.

„Detective Beckett", ertönte es aus dem Büro von Victoria Gates.

Unwissend um was es sich handeln könnte, betrat Beckett das Büro und nahm auf dem ihr zugewiesenen Stuhl Platz. Kate warf Rick einen Blick zu, der ihn wissen ließ, dass er ebenfalls im Büro der Chefin sitzen sollte.

„Sir?", fragte Castle, als er die Türe hinter sich schloss.

„Haben Sie zwei mir etwas zu sagen?", fragte Gates, die Stimme kalt wie immer.

Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen hatte Kate angenommen, dass sich die Verlobung mit Castle mittlerweile am Revier herumgesprochen hatte bzw. dass allen ihr Ring aufgefallen war, da er nicht wirklich dezent auf ihren zierlichen Fingern wirkte und wahrhaftig auffiel.

„Ich … ähm …", begann Kate bevor sie unterbrochen wurde.

„Es ist unerhört, dass ich von meinem Mann darauf hingewiesen werden musste, dass sie vorhaben zu heiraten. Es ist unerhört, dass sie, Detective Beckett, es nicht der Mühe wert gefunden haben, es mir selbst mitzuteilen. Ich musste es auf ihrer Homepage nachlesen, Mr. Castle, um meinem Mann Glauben schenken zu können. Das Verhalten, ihr Verhalten ist blamabel. Sie sollten sich schämen."

„Es tut mir Leid", stammelte Richard und griff nach Kates Hand. „Es war nicht unsere Absicht, sie im Dunklen zu lassen. Doch die letzten Wochen waren für alle eine Herausforderung – Theodora, Kates Umzug, das Zusammenleben mit einem Teenager und einer alternden Schauspielerin."

Nachdem sie sich mehrmals entschuldigt haben und versprechen mussten, dass ihre Beziehung sich niemals auf ihr berufliches Umfeld auswirken würde, durften sie gehen. Beckett und Castle wussten, dass sie wahrscheinlich einen Fehler begangen hatten, nicht mir ihr persönlich zu sprechen, aber es war passiert. Allerdings hatte Gates niemals davon gesprochen, dass sie nicht mir mitsammen arbeiten durften. Immerhin wurde ihnen das beinahe Wichtigste nicht genommen – ihre Partnerschaft.


Gemeinsam mit Lanie, Esposito, Ryan und dessen Frau feierten sie bei Richard Neujahr. Es war keine große Party, so wie Richard sie früher gegeben hätte, wissend, dass Kate sich aus solchen großen Festivitäten nichts pachte und gerade Teddy noch zu dafür war. Alexis hatte er erlaubt, mit ihren Freunden zu feiern und Martha war so und so bereits am frühen Nachmittag ausgeflogen, da es galt mehreren Partys beizuwohnen.

Auch vor ihren Freunden mimten sie das perfekte Paar. Richard hatte, sobald sich die Möglichkeit bot, seinen Arm um ihre Schultern gelegt und um Mitternacht, als das alte Jahr und das neue aufeinander trafen, nützte er die Chance aus, sie zu küssen und dies war kein gewöhnlicher Kuss. Ihre weichen Lippen verlangten nach mehr, besonders als sich ihr Mund leicht geöffnet hatte, konnte er nicht mehr von ihr ablassen und seine Finger hielten ihren Kopf in genau der Position, die es ihm ermöglichte, diesen Kuss möglichst rasch zu vertiefen.


Die Tage vergingen, der Jänner neigte sich dem Ende, Meredith war allerdings immer noch nicht ausgezogen. War sie doch einst nur für die Feiertage gekommen, wohnte sie nun bereits mehr als ein Monat bei ihnen und dies störte. Sie störte. Sogar Alexis hatte sie in den letzten Tagen einige Male zurechtgewiesen, als sie wieder Geschichte aus der guten alten Zeit ausbreiten wollte, um einen Keil zwischen Kate und Richard zu treiben.

An diesem Abend war Becket bereits zeitiger zu Bett gegangen, da Kopfschmerzen sie gequält hatten, doch auch an Schlafen war nicht zu denken, so hörte sie die lauten Stimmen aus dem Wohnzimmer.

„Du musst ausziehen, Meredith!", erklärte Richard wütend.

„Wieso? Nur weil diese neue Frau es von dir verlangt?"

„Nein, weil ich es von dir verlange!"

„Ich verstehe so und so nicht, was du an ihr findest. An ihr ist doch nichts dran, nichts zum Anfassen!", fluchte sie beinahe, doch laut genug, um Kate jede einzelne Silbe hören zu lassen.

„Was weißt du schon?!"

„Was ich weiß, Richard? Dass bisher die Oberweite nie große genug sein konnte, schlank ja, aber mit ordentlichen Rundungen … das bevorzugst du … und sie? Sie ist Haut und Knochen, kaum eine Rundung."

„Und? Vielleicht gefällt mir genau das an ihr? Vielleicht schätze ich genau den Punkt, dass sie nicht so ist, wie alle anderen zuvor? Sie hat ein größeres Herz als du jemals haben wirst, Meredith, und sie ist Alexis jetzt bereits eine bessere Mutter, da sie sich nicht selbst in den Mittelpunkt der Beziehung stellt. Sobald du ein Angebot hast, bist du weg. Wenn du das Verlangen verspürst, wenige Tage wieder Mutter zu spielen, dann bist du wieder da. Zweimal im Jahr meldest du dich – Weihnachten und zu Alexis Geburtstag. Was soll ich an dieser Art schätzen?"

„Oh … Rick, wie kannst du es wagen .?"

„Es interessiert mich nicht mehr. Du packst deine Sachen und ziehst morgen aus. Ich möchte dich weder hier in der Wohnung noch in Kates Nähe sehen. Den Umgang mit Alexis kann ich dir ja leider nicht verbieten." Mit diesen Worten drehte er sich um und ging ins Schlafzimmer. Hinter ihm hörte er nur, wie ein Glas, wahrscheinlich ein Weinglas, gegen eine Wand geschleudert wurde – darum würde er sich am nächsten Tag kümmern.

Doch Kate verunsicherte das, was sie gehört hatte. Meredith und Gina waren wahrhaftig ganz andere Frauentypen als sie, doch waren sie auch sehr unterschiedlich, jede für sich. Meredith die Künstlerin. Gina die Geschäftsfrau. Und was war sie? Ihr Körper trug Narben, ihre Seele ebenso. Der Tod ihrer Mutter würde sie ihr Lebtag beschäftigen.

Als Richard zu ihr ins Bett stieg, zog er sie zu sich, doch ließ Kate es nicht zu, dass mehr passierte als dies. Rasch griff sie nach seiner Hand, umschloss sie mit ihrer eigenen und ließ sie auf ihrem Herzen ruhen. Sie tat dies auf der einen Seite nicht mit Absicht, sie sehnte sich in diesen Momenten einfach nicht nach mehr. Wenn das Verlangen großer wurde, zu groß wurde, dann nahm sie die in die eigene Hand mit dem Wissen, dass dies dann mit Erfolg beenden würde. Auf der einen Seite wollte sie ihm alles bieten, was eine Ehefrau ihm bieten wollte. Auf der anderen Seite bedeutete ihr die Freundschaft zu viel, um sie einfach so aufs Spiel zu setzen. So hatte sie irgendwann einen Pakt mit sich selbst geschlossen, sie würde ihm jeden Wunsch erfüllen und auf ihre eigenen Bedürfnisse zurückschrauben.

Am nächsten Morgen war Meredith verschwunden. Wortlos. Sie hatte sich nicht einmal von Alexis verabschiedet. Es wäre gelogen, würde man behaupten, dass Alexis am Boden zerstört gewesen wäre. Auf eine gewisse Weise schien sie sogar erleichtert, dass der Besuch ihrer Mutter ein Ende hatte.


Für Ende Februar war eine Book-Tour angekündigt, sie würde in NY beginnen mit einer großen Gala-Veranstaltung und sich allmählich über viele Städte der Ostküste nach Las Vegas und schließlich über Los Angeles nach San Francisco. Er würde 14 Tage unterwegs sein. Anfänglich hatte sich Richard mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, doch dann schien es ihm eine passende Möglichkeit, Kate etwas zur Ruhe zu kommen. Sie würde nicht alleine zuhause sein, Martha und Alexis wären da. Außerdem wäre er am 14. Februar wieder zurück, das war seine Bedingung gewesen, bevor er Gina zugestimmt hatte.

Jeden einzelnen Tag rief er an, während Kate an einem neuen Fall arbeitete, so auch an diesem Tag.

„Und wie läuft dein Fall", fragte er sie, wissend, dass sie sich um diese Uhrzeit, es war kurz vor Mitternacht, nicht mehr im Büro aufhalten würde. Seitdem sie Teddy hatte, fiel es Kate weitaus leichter, die Arbeit um eine normale Uhrzeit zu verlassen. Zugegeben teilweise war Theodora auch ihr Vorwand. Doch wen schadete es schon?

„Mäßig, wir vermuten, dass es die Schwiegermutter war, da sie die Untreue ihres Schwiegersohns nicht wahrhaben wollte. Immerhin existierte ein harter Ehevertrag, der festlegte, dass sie, sofern es zu einer Scheidung kommen sollte, aus welchen Gründen auch immer, nichts bekommen sollte, außer dem monatlichen Unterhalt für die Kinder, welcher direkt auf ein Treuhandkonto gelegt werden und von einem Anwalt verwendet werden sollte."

„Hm … und was trägst du gerade?", sagte und wusste, dass er seien Verlobte damit aufheitern würde.

„Wieso sollte ich dir das jetzt sagen?"

„Dann sage ich dir …"

„Dass du gerade nichts anhast, ist kein Geheimnis, Ricky. Du schläfst doch in Wahrheit gerne nackt." Ihre Stimme hatte dieses gewisse Etwas, das ihn leicht verzweifeln ließ, wenn sie nicht in seiner Nähe war. Wenn sie diesen Ton an den Tag legte, wollte er sie umgehend berühren, ihre weiche Haut spüren. Verführerisch.

„Woher weißt du das?", versuchte er zu flirten.

„Wohnen wir nicht zusammen?"

„Doch schlafe ich nicht immer nackt."

„Aber du würdest gerne …"

„Hm … da hast du recht. Allerdings fühle ich mich fehl am Platz, wenn die Frau neben mir dann im Pyjama schläft."

Auf diesen Punkt wusste Kate keine Antwort. Sie überlegte krampfhaft, wie sie möglichst unauffällig das Thema wechseln könnte. Doch bevor sie etwas sagen konnte, setzte er fort.

„Übrigens Katie, morgen bin ich in Las Vegas, der Stadt der Sünde."

„Oh Ricky-Boy", begann sie und der verführerische Unterton war nicht zu überhören. „Der Stadt der Sünde und das ohne mich?"

„Was möchtest du mir damit sagen, Kate?"

„Was will ich wohl damit sagen?" Wenn Richard wüsste, dass sie in diesem Moment auf dem mittlerweile gemeinsam genutzten Schreibtisch saß und dabei war, die Fall-Akte noch einmal durchzugehen, dann wäre er wahrscheinlich entsetzt gewesen. Er wollte, dass sie genügend Schlaf bekam, forderte dies sogar ab und ein, indem er sie vom Arbeitsplatz ins Schlafzimmer zog, sie überredete ihm noch etwas vorzulesen oder ihr anbot, ihr die neusten Zeilen seines Romans vorzutragen, um ihr harte Kritik noch über sich ergehe zu lassen.

Irgendwie hatten sie nachdem Meredith ausgezogen war, eine Routine entwickelt. Es war ein freundschaftlicher Umgang mit gewissen Vorzügen für Castle. Doch hätte es ihm wahrhaft gereicht zu wissen, dass er jeden einzelnen Tag seines Lebens neben ihr aufwachen würde, egal ob sie ihn berührte oder nicht. Jeden Tag ihre großen Augen zu sehen, sie zu riechen, all das war genug für ihn. Wenn sie nur genauso für ihn empfinden würde, dachte er oftmals, vielleicht wäre es irgendwann passiert, hätte er sie nicht in diese prekäre Situation gedrängt, um Theodora zu behalten.

Ein anderer Punkt war, dass das Zusammenleben mit Alexis sich für Beckett nicht unbedingt als einfach herausstellte. Sie respektierte Kate zwar, aber sie schien es doch als Eindringen in ihr Leben anzusehen, dass sie plötzlich bei ihnen lebte und Sachen veränderte.

Die größte Entscheidung war, ein neues Bett zu kaufen, mit allem was dazugehörte.

„Hast du mit Richard darüber gesprochen?", fragte Martha. Sie kannte ihren Sohn und vermutete zu wissen, wie er zu Veränderungen dieser Art stehen würde. Bilder aufstellen und anderen Deko-Elemente einzufügen war eine Sache, aber ein neues Bett, das war ein ganz neuer Schritt.

Die alternde rothaarige Schauspielerin hoffte inständig, dass es sich um ein gutes Zeichen handelte. Ein Zeichen, dass die beiden näher zueinander finden, sich näher kommen.

„Sollte ich?", erwiderte sie. Martha zuckte nur mit den Schultern. Doch egal welcher Einwand, er kam zu spät. Bereits am Tag zuvor war sie in eines der exklusiven Möbelhäuser der Stadt gegangen mit einem Foto des zusammengeräumten Schlafzimmers und bat die Inneneinrichterin, ihr einige andere Optionen zu bieten, andere Optionen eines Bettes.

Diese Entscheidung war keine einfache gewesen, sie hatte sie nicht über Nacht getroffen. Es war ihr bereits in der ersten Nacht in den Sinn gekommen, dass es sich nicht richtig anfühlte, in einem Bett zu schlafen, in welchem schon viele andere Frauen vor ihr geschlafen hatten.

Schlussendlich entschloss sie sich für einen Holzrahmen entschieden. Das Bett hatte ebenso keinen Fußteil und ein hohes Betthaupt, doch war das Betthaupt durchbrochen und ließ somit gut erkennen, wie mächtig und stabil es war. Es war ein schönes dunkles Holz, ein afrikanisches Wenige-Holz. Außerdem entschied sie sich für zwei Sets neue Bettwäsche, eine warme Flanellvariante für den restlichen Winter in einem Schoko-Ton, das zweite Set, ägyptische Baumwolle, war in Karamell gehalten.

Sein altes Bett ließ sie allerdings nicht entsorgen, vorerst nicht, sondern es zwischenlagern bis Richard eine Entscheidung getroffen hätte, was damit passieren sollte.

In dem Moment als Kate gerade dabei war, die frisch überzogenen Polster aufzuschlagen, läutete es an der Türe. Alexis schritt hin und öffnete sie, vorbehaltslos.

„Ms. Beckett", hörte sie eine ihr wohlbekannte Stimme.

„Ms. Owen!", Kate versuchte Freude vorzutäuschen, „Wie kommen wir zu der Ehre?"

„Ein anonymer Anruf, ein Hinweis, dass es sich hier um Betrug handle", sagte sie und legte ihren Mantel über einen Sessel und griff nach ihrem Clip-Board, um sich Notizen zu machen.

„Führen sie mich bitte noch einmal durch die Wohnung", forderte sie Kate auf. Es war bereits nach sieben Uhr, eigentlich Zeit für Theodora ins Bett zu gehen. Im Moment saß sie auf Marthas Schoß und wurde gefüttert.

Kate führte sie durch das Loft und in jedem Raum schien sie etwas niederzuschreiben. Schließlich gelangten sie ins Arbeitszimmer und dort lagen auf dem Tisch Akten, Kates Akten. Owen beäugte sie, konnte allerdings nicht erkennen, um was es sich im Detail handelte.

„Sie bringen Arbeit mit nachhause?", fragte sie ernst.

„Um früher aus dem Büro wegzukommen erledige ich einen Teil des Papierkrams hier, da haben sie Recht."

Owen nickte nur und schrieb abermals etwas nieder. Dann ließ sie sich ins Schlafzimmer bringen.

„Irgendetwas ist anders als das letzten Mal"; merkte sie an.

„Das Bett", antwortete Kate leise.

„Hm …"

„Wie gehen die Hochzeitsvorbereitungen voran?", erkundigte sich die Frau der Jugendfürsorge.

„Oh … wunderbar", kommentierte Martha aus dem Küchenbereich. „Und unser kleiner Schatz wird dann schon so gut laufen können, dass sie die Ringe trägt", setzte sie fort und strich Theodora über den Kopf.

Infolge ließ sich Ms. Owen von Teddys Fortschritten berichten und achtete immer darauf, dass Kate am Wort war und niemand sie unterbrach. In diesem Moment wünschte sich die Polizistin nichts sehnlicher, als das Castle hier wäre, ihr eine starke Schulter zum Anlehnen bieten könnte. Alexis hatte sich an diesem Abend wahrhaftig zusammengerissen, nicht versucht die Welt wissen zu lassen, dass Kate nicht ihre Mutter war und sie sich von ihr nichts sagen ließ. Sie hat sich benommen, so wie man Alexis kannte – exzellente Wortwahl, gebührendes Verhalten.


Zwei Nächte später schlich sich Richard in der Nacht in seine eigene Wohnung. Aus Sehnsucht hatte er einen früheren Flieger genommen, nicht nur, weil er sich nach seiner Tochter sehnte, nein, er sehnte sich nach Kate, die jeden Abend neben ihm einschlief und neben ihm aufwachte. Er sehnte sich nach Theodora und ihre Art ihn zu unterhalten, zu lächeln und nach seiner Nase zu greifen. Es gab so viele Gründe, um nachhause zu kommen.

Als er schließlich das Schlafzimmer betrat, roch es anders. Es war nicht der gewohnte Wohlgeruch, der das Zimmer einhüllte. Etwas war anders.

Seine Augen wanderten von der angelehnten Badezimmertüre mit dem Nachtlicht über den relativ neuen Ohrensessel, den er gekauft hatte, bevor er weggeflogen war, über die Nachttische zu der Gestalt, die in seinem Bett lag. Seinem Bett. Nein, es war nicht sein Bett, es sah eindeutig anders aus. Aber die Person, die unter den Laken, die ebenfalls einen neuen Eindruck machten, lag, ja, das war seine Kate. Und Castle hatte es abermals in Gedanken ausgesprochen – seine Kate. Rasch schlüpfte er aus seiner Kleidung, duschte rasch und nachdem er sich abgetrocknet hatte, schlüpfte er unter die kühlen Laken. Sofort, instinktiv begab sich sein Körper zu Kates. Sofort griff er nach ihr. Schmiegte sich an ihren Körper, ihren nackten Körper.

Seit wann schlief sie nackt?

Rick hatte nicht darauf geachtet, sich etwas anzuziehen. Zwei Handtücher zierten den Fußboden zwischen Badezimmer und Bett, wie all die Kleidung, die er ausgezogen hatte.

„Hm …", hörte man nur von ihrer Seite und ihr Körper schmolz zu seinem, als hätte sie niemals etwas anderes gemacht. Kates Kopf rastete auf Castles Arm, ihr Rücken war an seine Brust gepresst. Rasch hatte seine bisher freie Hand seinen Lieblingsplatz gefunden – ihre Brust. Noch nie war er von einem Körper so fasziniert gewesen, ohne ihn jemals liebkost haben zu dürfen. Becketts Hand schloss sich über seiner, als hätte sie nur darauf gewartet.

Außenstehende hätten nicht vermutet, dass es sich bei diesem Paar um Freunde handelte, die sich entschlossen hatten, einen gemeinsamen Weg zu gehen, um ein Kind zu behalten. Freunde, die nicht mitsammen schliefen. Man hätte einen Fremden betrügen können. Nur die, die mit ihnen lebte und alt genug war, um zu verstehen, was gerade vonstattenging, erkannte, dass diese Beziehung irgendwann implodieren würde. Wegen all der aufgestauten sexuellen Energie.


Ende Kapitel 11

A/N: Nein … 100% happy bin ich mit dem Kapitel nicht, aber irgendwie fühlt es sich trotzdem richtig an. Irgendwie.