Vor Jahren hatte er schon einmal diesen Schmerz gespürt. Damals als er mit Harry und Hermine erfolgreich gegen Voldemort gekämpft hatte: Es war der Cruciatus-Fluch. Und im selben Moment wurde ihm klar wer ihm damals diesen Fluch verpasst hatte und wer auch heute noch dazu in der Lage war! Ron wurde auf den Rücken gedreht und über ihm stand mit einem diabolischen Grinsen Draco Malfoy!
12. Wiedersehen
Als Harry in der Nacht plötzlich hochschrak, fühlte er sich, als würde eine unsichtbare Kraft seinen Brustkorb zusammendrücken. Nervös schaute er sich in seiner Wohnung um, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Er stand auf, griff nach seinem Zauberstab und schlich leise ins Wohnzimmer. Doch auch hier fand er nichts Ungewöhnliches und so ging er schon mit lauteren Schritten Richtung Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Doch auch nachdem er etwas getrunken hatte und zurück ins Bett gegangen war, hatte er ein ungutes Gefühl und dieses Gefühl ließ ihn auch nicht los, als er langsam wieder in einen unruhigen Schlaf glitt. Er musste Ron finden, das wurde ihm mehr und mehr klar.
Am nächsten Morgen erwartete Harry eine neue Ausgabe des Tagespropheten, die Hedwig ihm gebracht hatte. Er öffnete die Zeitung las die Comicseite und trank dabei einen Kaffee. Den Schrecken der letzten Nacht hatte er fast vergessen, als er über einen Artikel stolperte:
„Draco Malfoy gesteht unfassbares Verbrechen!
In der Nacht zum 20. Juni haben Ermittler den vor kurzem erst entlassenen Todesser Draco Malfoy in Gewahrsam genommen. Der junge Zauberer war als verurteilter Todesser vor fünf Jahren das erste Mal nach Askaban gekommen. Es wurden ihm Gräueltaten gegen unzählige Mitglieder der Zauberergemeinde vorgeworfen, die er bei seiner Verhandlung jedoch alle abstritt. Erst vor kurzem ergaben sich Beweise, die ihn tatsächlich von aller Schuld befreiten. Umso erstaunlicher ist es, dass er sich gestern freiwillig dem Zaubereiministerium stellte und gestand einen Zauberer aufgrund eines Racheaktes getötet zu haben. Die Identität eben jenes Zauberers und der Aufenthaltsort der Leiche ist bis jetzt unbekannt. Das Zaubereiministerium hat eine Sonderermittlungseinheit unter der Leitung von Lucinda Mackendoog gegründet, die versucht das Geheimnis um die grausame Tat aufzudecken."
Harrys Magen krampfte sich zusammen. An wem, wen nicht an Ron hätte Malfoy sich rächen können? Harry konnte nicht glauben, dass sein Freund tatsächlich tot war. Wie ein Ertrinkender klammerte er sich an die Vorstellung, dass Malfoy jemand anderen ermordet hatte. Es konnte nicht Ron sein. Das konnte und wollte Harry nicht glauben. Geschockt las er den Artikel ein zweites Mal und beschloss mit der zuständigen Ermittlerin zu reden. Er musste Gewissheit haben.
Lucinda Mackendoog war das was man eine Starermittlerin nannte. Sie erlangte Berühmtheit nach dem Kampf gegen Lord Voldemort, als sie es war, die gegen jeden Todesser ins Feld zog und dabei mehr aufdeckte, als es dem ein oder anderen lieb war. Die Prozesse hatten ihr den Ruf einer knallharten Frau eingehandelt, einen Ruf, den sie genoss. Ihren Abschluss hatte sie an der Beauxbatons-Akademie für Zauberei gemacht und hatte danach unmittelbar angefangen für das Zaubereiministerium zu arbeiten. Nachdem sie ein paar Jahre damit verbracht hatte Akten zu sortieren, erhielt sie schließlich den Auftrag die Ermittlungen gegen prominente Todesser zu führen. Niemand hatte ihr zugetraut, dass sie es schaffen würde, und doch hatte sie allen das Gegenteil bewiesen. Sie hatte nahezu jeden Todesser zu einem Geständnis bewogen. Nur an Draco Malfoy hatte sie sich die Zähne ausgebissen. Er hatte damals behauptet in eine Falle getappt zu sein und wollte bis zum Schluss von den Anschuldigungen gegen ihn nichts wissen. Nun saß dieser junge Zauberer wieder in einem der Verliese des Zaubereiministeriums und behauptete jemanden getötet zu haben. Jedoch weigerte er sich den Namen oder den Ort der Tat zu nennen. Lucinda stand vor einem Rätsel. Dieser Mann war ihr ein Rätsel. Sie atmete tief ein bevor sie mit wehendem Umhang und verkniffener Miene erneut in das Verlies trat, in dem Malfoy vorübergehend untergebracht war.
„Haben sie mir jetzt etwas zu sagen", fragte sie und sah Malfoy direkt in seine hellgrauen Augen. Dieser lächelte nur süffisant und schüttelte den Kopf. „Hören sie mir mal zu", begann Lucinda und funkelte ihn böse an: „Sie wissen genau wie ich, dass sie nach Askaban kommen werden, es liegt an ihnen wie mit ihnen verfahren wird. Sie haben sich selbst gestellt, das macht einiges besser, aber sie müssen mit der Sprache herausrücken, wen haben sie ermordet?" Malfoy grinste immer noch und Lucinda erkannte, dass sie für diesen Moment nicht weiterkam. Entnervt trat sie auf die Tür des Verlieses zu. „Holen sie Potter!" sagte Malfoy. Ruckartig drehte sich Lucinda um, doch Draco hatte erneut sein bereites Grinsen aufgesetzt. Langsam aber bestimmt verließ sie das Verlies. Draußen wartete bereits ein weiterer Mitarbeiter des Ministeriums auf sie: „Hat er etwas gesagt?" Lucinda schüttelte den Kopf, noch immer verwirrt über Malfoys Wunsch. Doch dann sagte sie: „Holen sie mir Harry Potter hier her! So schnell es geht!"
Hermine hatte zu Neville Entsetzen darauf bestanden, dass er ihren Eltern schrieb. Diese hatten mit Freude die Einladung nach Hogwarts angenommen um Hermines Verlobten kennen zu lernen. Neville hatte unglaubliche Angst vor diesem Treffen, auch wenn er das Hermine gegenüber nicht zugeben wollte. Sie freute sich so sehr auf darauf und sie war so stolz Neville endlich vorstellen zu können, das wollte er ihr auf keinen Fall kaputt machen. Eben weil er sie liebte, wollte er diese Last auf sich nehmen und versuchen so nett wie möglich zu ihren Eltern zu sein, auch wenn an ihm eine unglaubliche Versagensangst nagte. Neville bereitete gerade seine nächste Stunde im Gewächshaus vor, als er Hermine von weitem heranstürmen sah. Er erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte, das verriet ihr Gesichtsausdruck, der blankes Entsetzten ausdrückte. Als sie die Tür zum Gewächshaus aufriss, war Neville ihr bereits entgegengegangen. „Was ist los?", fragte er besorgt, da er es nicht gewohnt war seine Verlobte in diesem Zustand zu sehen. „Ich muss nach London", gab Hermine zurück und hielt Neville die aktuelle Ausgabe des Tagespropheten unter die Nase. „Fred hat mir eine Eule geschickt. Ron ist seit kurzem verschwunden. Neville", sie sah ihn eindringlich an, „Was ist wenn…" Hermine sprach es nicht aus und doch verstand Neville sie. Er ging auf seine Freundin zu und umarmte sie. „Es ist bestimmt nichts passiert", versuchte er sie zu beruhigen. „Es geht ihm sicher gut!" Es fiel ihm schwer Hermine in diesem Zustand zu sehen. Zum einen, weil er es nicht ertragen konnte, wenn sie litt und zum anderen, weil es ihm immer wieder einen Stich versetzte, wenn sie von Ron sprach. Ihre Stimmlage wurde dann weicher und sie konnte einfach nicht verbergen, dass er ihr noch immer etwas bedeutete. Neville hatte sich immer damit getröstet, dass sie sich für ihn entschieden hatte und doch nagten an ihm leise Zweifel, wenn er mal wieder bemerkte, dass Ron für Hermine noch immer allgegenwärtig war. „Wann willst du nach London?" Hermine löste sich aus Nevilles Armen und versuchte stark zu bleiben. „Gleich heute Abend. Der Portschlüssel wird mich direkt zu den Zwillingen bringen. Sie haben alles bereits mit Arthur besprochen und der hat einen Eilantrag beim Ministerium gestellt." Nervös fuhr sie sich durch die Haare. „Es tut mir leid, dass das alles so schnell geht, aber…" Neville legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Es ist OK. Ich kann das verstehen." Hermine küsste Neville zärtlich bevor sie das Gewächshaus wieder verließ. Sie hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.
Im selben Moment betrat Harry das Ministerium und wurde sofort von einem Mitarbeiter zu den Verliesen geführt. Von weitem erblickte er Lucinda Mackendoog. Ihre Haare hatte sie zu einem festen Zopf gebunden, was ihrem Gesicht noch mehr Strenge gab. „Ah Mr. Potter! Schön, das sie den Weg hier runter gefunden haben." Sie reichte Harry ihre Hand, die dieser nahm und sah ihn dann mit ihrem durchdringenden Blick an. „Mr. Malfoy hat nach ihnen verlangt!"
„Er hat was?", fragte Harry erstaunt. Er war mit dem Plan hier hinunter gekommen, Lucinda nach dem Stand der Ermittlungen zu befragen. Er wollte sich Klarheit über Ron verschaffen und nun sollte er mit Malfoy persönlich reden? Er hatte Malfoy seid diesen verhängnisvollen Ereignissen nicht mehr wieder gesehen. Alles was danach geschehen war, hatte er nur im Tagespropheten gelesen.
„Er schweigt beharrlich!", gab Lucinda zurück und zog entnervt eine Augenbraue nach oben, „alles was er bisher gesagt hat, war, dass er sie sprechen will." Harry stöhnte und in seinem Kopf formte sich das letzte Bild, das er von Malfoy gesehen hatte. „Mr. Potter?" Harry wurde in seinen Gedanken unterbrochen, schnell versuchte er sich auf die Gegenwart und damit auf Lucinda zu konzentrieren: „Ja?"
„Ich kann sie nicht dazu zwingen mit ihm zu reden, erst recht nicht nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen ist, aber ich bitte sie inständig! Im Moment sind sie wohl der einzige mit dem er überhaupt reden würde, also tun sie mir und dem Ministerium den Gefallen, damit endlich Klarheit darüber herrscht, wen Malfoy getötet hat." Bei diesen Worten verkrampfte Harry sich merklich. Da war er wieder, der grausame Verdacht, dass Ron nicht mehr lebte. Er versuchte das Gefühl zu ignorieren und sagte mit fester Stimme: „Ich werde mit ihm reden!"
