Teil 12
Im Wagen herrschte ungewohnte Stille, als Sam seine langen Glieder behutsam in den schmalen Raum faltete, aus dem der Beifahrersitz bestand. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Als er schließlich saß und die Tür hinter sich zugezogen hatte, sah er zu Dean hinüber, der die Hände locker um das Lenkrad gelegt hatte und durch die Windschutzscheibe hinaus auf die Straße vor ihnen schaute.
Er machte keine Anstalten den Schlüssel zu drehen und loszufahren und Sam schwieg eine ganze Weile, es seinem Bruder gleich tuend.
Sam hätte zu gerne gewusst, was in Deans Kopf vor sich ging, wagte es aber nicht, zu fragen. Sie balancierten auf einem schmalen Grat zwischen Streit, Ruhe und einem Abgrund der Besorgnis entlang und um seinen eigenen Gleichgewichtssinn war es nicht sonderlich gut bestellt.
In den letzten beiden Tagen war der Ältere ruhiger geworden. Er ging Rachel nicht mehr aus dem Weg, versuchte sich aber immer noch eine gewisse Entfernung zu ihr aufrecht zu erhalten, wenn sie im selben Raum waren. Im Gegenzug zu Deans Selbstbeherrschung behielt auch Rachel ihre Hände bei sich und benahm sich, als wohnten sie in einer WG. Höflich, aber nicht aufdringlich. Aber ganz gleich, was sie auch beide versuchten: die Anziehung zwischen ihnen war unübersehbar, körperlich spürbar, greifbar. Es fehlte nur noch statisches Knistern.
Und so sehr Sam auch suchte: er fand nichts in ihrem Verhalten, was ihn zu der Annahme bringen konnte, dass sie es gewesen war, die Dean verletzt hatte. Sie war eine wirklich nette, junge Frau und Dean ließ kein schlechtes Wort auf sie kommen.
Seufzend versuchte Sam eine andere Position zu finden, in der sein Körper weniger protestierte und blickte von seiner Armbanduhr – momentan an der rechten Hand - erneut in das Profil seines Bruders. Sie mussten wirklich los.
„Ähm … Dean?"
Der Ältere zuckte zusammen und fuhr herum, schien zum ersten Mal zu bemerken, dass Sam im Wagen war. Doch bevor er in die Verlegenheit kommen konnte, nach Worten zu suchen, fuhr Sam schon fort: „Wir sollten fahren."
Stilles Nicken, dann röhrte der Motor des Impala auf und Dean lenkte den Wagen auf die Straße.
-S-S-S-
Montag, 25. November 2002
Dean biss sich auf die Unterlippe, das Telefon am Ohr und lauschte auf das gleichmäßige Tuten.
Tuuut. Fünf.
Ein Windstoß fegte durch das geöffnete Fenster herein.
Tuuut. Sechs.
Die Vorhänge flatterten ein paar Mal auf und die kühle Luft drang bis zu Dean vor.
Tuuut. Sieben.
Eine Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen, er fröstelte.
Tuuut. Piiiiep.
„Hey, hier ist Sam. Ich bin momentan nicht zu erreichen –„
Eisige Kälte raste Deans Rücken hinunter.
Mit einer kurzen Bewegung seines Daumens drückte er das Gespräch weg. Die restliche Ansage auf der Mailbox seines kleinen Bruders kannte er inzwischen auswendig, so oft wie er sie in den letzten Tagen gehört hatte.
Enttäuschung machte sich in ihm breit, vermischte sich mit der Kühle, die von ihm Besitz ergriffen hatte, während er langsam das Telefon zur Seite legte.
Entweder Sam wollte nicht mit ihm reden, oder …
Dean schüttelte den Kopf und fuhr sich mit allen zehn Fingern durch die Haare. Nein. Sam war nichts passiert, das würde er spüren. So weit vertraute er seinen Großen-Bruder-Instinkten noch, obwohl sie seit Sams Abschied auf ein Abstellgleis gefahren worden waren.
Natürlich bestand die Möglichkeit, einfach bei Sam vorbei zu fahren, zu fragen, wie es ihm ging und all diese Dinge. Aber es wäre Dean wie ein Eindringen in eine fremde Welt vorgekommen, die nicht für ihn bestimmt war. Sam hatte ein anderes Leben gewählt. Ohne die Jagd. Ohne seinen Vater und – wenn Dean die Anrufe zusammenrechnete, die er von Sam erhalten hatte – auch ohne seinen großen Bruder.
Und wenn es so war, würde er es akzeptieren müssen. Er konnte nicht kommen und Sams Leben auf den Kopf stellen.
-S-S-S-
„Immer noch nichts?", fragte Rachel und schloss ihr Buch, als Dean ins Wohnzimmer kam. Sie lächelte schief und zog die Beine an, um für den Älteren Platz zu machen, der keine Antwort gab.
„Du vermisst ihn", stellte sie leise fest und legte ihre Lektüre auf den Boden, bevor sie sich wieder aufrichtete, ihre Hand sacht auf Deans legend. Es war hart zu sehen, wie er so angestrengt versuchte, seine übliche Selbstkontrolle bei zu behalten, obwohl sie längst das verräterische Schimmern in seinen Augen gesehen hatte.
„Er ist mein Bruder", erwiderte Dean mit einem angedeuteten Schulterzucken und hob den Kopf, seinen Widerstand aufgebend.
Rachels Lächeln wurde weicher als sie sich zu ihm vorbeugte und sacht küsste. Es gab keine Worte, die geholfen hätten und sie wollte nicht darauf herumreiten, wenn er nicht von selbst redete.
Immerhin wären sie an Thanksgiving auf merkwürdige Weise gemeinsam alleine.
-S-S-S-
Die Zeit tröpfelte zähflüssig dahin. Jedes Mal, wenn Dean auf die Uhr sah, waren gerade einmal ein oder zwei Minuten vergangen – und das jetzt seit zwei Stunden. Zeit, die er mit Musik totschlug, solange er auf dem Parkplatz des Krankenhauses stand und die Kälte in seine Knochen dringen spürte.
Das letzte Lied auf der zweiten Seite der Kassette ging zu Ende und der Rekorder stoppte mit einem leisen Klacken.
Gelangweilt entfernte Dean die AC/DC-Kassette, schob eine von seinen Metallica-Kassetten in das Deck und drückte auf ‚Play'. Statt des erwarteten Liedes drang nur ein protestierendes Quietschen an seine Ohren und dann ein Geräusch, als wäre eine Katze mit angebissenem Schwanz und ausgefahrenen Krallen über Gitarrensaiten gerutscht.
„Oh nein, komm schon …!", fluchte er unterdrückt und lehnte sich hinüber, um auf den Ausgabeknopf zu drücken.
Noch ein höheres Quietschen, dann ein merkwürdiges Rascheln.
„Großartig", murmelte Dean und drückte den Knopf noch ein paar weitere Male, ehe er in seinen Taschen nach einem Messer zu suchen begann.
Er würde sein Kassettendeck ruinieren, das wusste er in dem Moment, als er mit der Schneide den Schacht öffnete und seine Kassette friedlich ruhend an ihrem Platz fand. Sie bewegte sich keinen Millimeter, als er mit dem Messer versuchte, sie auszuhebeln.
Vorsichtig fuhr er mit dem Messer tiefer in die Technik hinein und hörte ein deutliches Knacken, als er das Metall zu schnell bewegte. Dean stöhnte. So schnell konnte man etwas kaputt machen, was mehr als zwei Jahrzehnte gut funktioniert hatte.
‚So schnell kann man ein Herz zerstören.'
Immerhin rührte sich jetzt die Kassette und er konnte sie mit dem Messer näher an den Rand ziehen, bis er sie mit spitzen Fingern zu fassen bekam.
Das braune Band rollte sich immer weiter von den Spulen, als Dean die Kassette aus ihrer misslichen Lage befreite und nebenbei ein Stück Plastik im Fußraum des Impalas verlor. Er kümmerte sich nicht darum, sondern begann an dem Band zu ziehen, bis er auf die Idee kam, die kleine Schutzklappe am Player noch einmal zu öffnen um mit dem Messer ein paar weitere Übungen in Sachen ‚Befreiung' zu starten.
Verknicktes Magnetband kam heraus, an ein paar Stellen zur Unkenntlichkeit ineinander verdreht und an einer Stelle schließlich entzweit.
„Verdammt", grollte Dean und zog den Rest des Bandes mit einem groben Ruck heraus, nur um Sekunden später verknoteten Bandsalat auf dem Schoß liegen zu haben, den er eine ganze Weile verdrießlich musterte.
Irgendwie kam ihm sein Leben gerade auch so verdreht vor; verknotet, gerissen und gefangen in einer defekten Hülle.
Und nicht zu vergessen: Matschbraun.
Verloren in seiner Gedankenwelt drehte er die Kunststoffhülle in den Händen und rollte dabei das Band so weit es ging zurück auf die kleinen Rollen.
-S-S-S-
Noch vorsichtiger als beim ersten Einsteigen ließ Sam sich auf den Platz sinken, den unverletzten Arm vor die Brust gedrückt und einen schmerzverzerrten Ausdruck im Gesicht. Sofort legte Dean den Gegenstand aus den Händen und drehte sich zu seinem Bruder um, bereit ihm zu helfen, wenn es nötig würde.
Aber Sam schien klar zu kommen, obwohl er, sobald er saß, die Augen schloss und den Kopf zurücklehnte.
„Wie geht's dir?", fragte Dean anstatt ‚Was sagen die Ärzte?' – sie hatten die Diskussion bereits geführt, ob Dean mitkommen sollte oder nicht und mit dem Verletztheitsbonus hatte Sam ihn schließlich übertrumpft und dazu verdonnert, im Wagen zu bleiben.
Sam schüttelte kaum merklich den Kopf und Dean streckte die Hand aus, wie um ihm über die Schulter zu streichen, zog sie aber auf halbem Weg zurück.
„Sam?", fragte er, um die Aufmerksamkeit des Jüngeren zurück zu erlangen.
„Hm …?"
„Wie geht's dir?", wiederholte Dean geduldig und startete den Motor, um den Wagen wieder warm zu bekommen.
„… tut weh", bekam er leise zurück und Dean fragte sich, wie Sam es alleine bis zum Auto geschafft hatte. Er schwor sich, ihn beim nächsten Mal auf keinen Fall alleine zu lassen, bis er sicher war, dass Sam mit der Belastung klar kam. Manchmal konnte man einfach vergessen, wie schwer es ihn erwischt hatte … nur, weil er aus dem Krankenhaus entlassen war, bedeutete es nicht, dass er fit war. Aber die Schmerzen hatten einen ganz anderen Grund: „Du hättest die Medikamente nehmen sollten."
„Das hab' ich!", antwortete Sam zu schnell und Dean lächelte kaum merklich.
„Hast du nicht", berichtigte er seinen Bruder und drehte sich um, damit er rückwärts aus seiner Parklücke herausfahren konnte.
„Dean …"
„Ich weiß, du hasst alles, was dich so groggy macht – aber ehrlich gesagt sind Schmerzen kaum besser. Hör auf zu lügen. Und hör auf mit mir zu diskutieren, ich bin der Ältere."
„Ja … aber ich bin der Jüngere … steht in meiner Jobbeschreibung immer das Gegenteil von dem zu machen, was du sagst", meinte Sam so leise, dass Dean Mühe hatte, ihn zu hören. Immerhin seinen Humor hatte Sam nicht verloren.
„Aber nicht dabei", schloss Dean die Argumentation und linste aus den Augenwinkeln zu seinem kleinen Bruder, bevor er auf die Hauptstraße abbog und nur hoffte, dass der andere die anderthalb Meilen bis nach Hause wach blieb.
Nach Hause …
Es war ein merkwürdiges Gefühl, diesen Ort so zu bezeichnen.
Aber das war es wohl: ihr Zuhause.
