Wir hatten keine Hölzer für Fackeln und auch in der Eingangshalle war nichts zu finden. Daher folgten wir Gandalf, der mit seinem Stab die einzige Lichtquelle bildete, im Gänsemarsch. Ich ging anfangs hinter den Hobbits und starb jedes Mal tausend Tode, wenn ich ein Geräusch hörte, das nicht direkt auf unsere Schritte zurück zu führen war. Zudem konnte ich nun absolut nichts mehr erkennen, da einfach das Licht nicht hell genug war und ich mit meinen immer noch stark beeinträchtigten Augen nur schattenhafte Umrisse erkannte. Draußen hatte ich bei gutem Licht in einem Radius von ca. 2 bis 3 Metern einen relativ scharfen Schwarz-Weiß-Film gesehen, doch hier? In der Zeit, die wir bereits durch Moria liefen, verloren wir jegliches Zeitgefühl und da die moderne Uhr noch nicht erfunden worden war und ich auch keine dabei hatte, kam es uns vor wir würden schon seit Wochen herumlaufen obwohl es realistisch betrachtet nur wenige Tage waren. Wir rasteten immer nur kurz. Niemand wollte riskieren, dass wir auf Grund eines längeren Verweilens entdeckt würden.

Unsere erste längere Pause machten wir nachdem Sam vor Müdigkeit gestolpert war. Ohne Mühe fanden wir eine kleine Kammer und wie gewohnt übernahm ein jeder von uns eine Wache. Diesmal war ich als letzte an der Reihe. Bevor ich aber ins Koma abgleiten konnte saß ich noch eine Weile bei den anderen und aß etwas Brot. Nach ein zwei Bissen hatte ich aber ein viel bessere Idee: Nutellabrot! Also kramte ich aus meinem Beutel das Nutella Glas hervor, das ich wieso auch immer noch nicht angebrochen hatte heraus und verwendete es als Dipp für mein Brot.

Zunächst bemerkte ich weder mein Kifferkrinsen noch, dass alle mich anstarrten, bis Pippin fragte: „Was ist das Lucy? Schmecken tut es dir ja anscheinend." Ich blickte auf und sofort schoss mir das Blut in die Wangen.

Um meine Verlegenheit zu überspielen, reichte ich das Glas an Gimli weiter, der direkt neben mir saß und sagte nur: „Probiert mal!"

Nur zögerlich nahm Gimli das Glas in die Hand, tunkte ebenfalls sein Brot hinein und reichte es an Legolas weiter. Dieser hielt sich das Glas aber zuerst noch an die Nase bevor er ebenfalls probierte. Das Glas wanderte einmal rum und ich musste mir ein Grinsen verkneifen, da es einfach zu komisch aussah, wie alle außer Boromir, der es wahrscheinlich für Hexenzeug hielt, ihre Nutella beschmierten Brotstücke in der Hand hielten und nicht wagten sie zu essen. Frodo biss schließlich als erster in sein Stück. Seine Augen weiteten sich vor Begeisterung und ein breites Lächeln erschien auf dem Gesicht des Halblings: „Es schmeckt fantastisch! Sam, du musst probieren!"

Neugierig geworden führte dieser sein Stück ebenfalls, jedoch langsamer an den Mund und kostete vorsichtig. Seine Augen weiteten sich auch, als er die himmlische Creme probierte. Alle nahmen nun nach und nach eine Kostprobe. Lachend verstaute ich das Glas wieder im Infinitus und wünschte nun den anderen eine gute Nacht.

Das leichte Schütteln meiner Schulter und eine leise Stimme die mich drängte aufzustehen ließ mich aus meinem Albtraum erwachen.

„Lucy, Eure Schicht beginnt. Wacht auf!" Auf meinen Arm gestützt blinzelte ich, fuhr mir mit der Hand über die Augen und richtete mich ganz auf. Ein Gähnen unterdrückend erkannte ich im Schein des gestern Abend noch entzündeten Feuers, dass Legolas vor mir kniete.

„Guten Morgen.", meinte ich und man hörte meine Müdigkeit deutlich heraus.

„Auch Euch einen guten Morgen.", erwiderte der Elb und ging wieder, damit ich wenigstens die nur dürftig mögliche Morgentoilette verrichten konnte: Haare kämmen und flechten, Zähne mit einem angekauten Ast putzen, Minzbonbon gegen schlechten Atem einwerfen, Decke wegpacken und irgendwo, aber nicht zu weit weg, Wasser lassen. Nachdem ich dies verrichtet hatte, ging ich wieder in die Kammer. Legolas lehnte in der Nähe des Eingangs und ich setzte mich zu ihm.

„Ihr solltet noch ein wenig schlafen.", meinte ich leise zu ihm.

„Ich brauche nicht viel Schlaf. Wenn es Euch nichts ausmacht, leiste ich Euch Gesellschaft. Wir brechen bald auf. Da würde sich ein erneutes niederlegen nicht lohnen.", erklärte er mir. Bei den letzten Worten funkelten seine Augen verschmitzt.

„Es macht mir nichts aus. Nur eine Bitte hätte ich: Lasst die förmliche Anrede. Wir reisen nun schon seit gut einem Monat gemeinsam.", bat ich ihn.

„Diese Bitte kann ich nur erwidern."

Eine Weile schwiegen wir beide und saßen nebeneinander an die Wand gelehnt bis Legolas schließlich fragte: „Was war das eigentlich für eine süße Creme, die du gestern Abend herumgereicht hast? Stammt sie aus deiner Heimat?"

„Ja, wir nennen sie Nuss-Nugat-Creme. Lecker, oder?", antwortete ich ihm.

„Definitiv, eine der besten Speisen der Menschen.", meinte er.

Wieder herrschte Stille.

„Du musst nicht antworten, wenn dich die Frage verletzt, aber ist deine Sehkraft zurückgekehrt?", fragte er etwas später. Er war wirklich sehr höflich und stets darauf bedacht niemanden zu verletzten.

Ich musste mir ein Lächeln verkneifen: „Es macht mir nichts aus. Ich kann eigentlich wieder relativ viel sehen. Zwar ist alles Schwarz-Weiß und nur bis zu 7-8 Fuß noch halbwegs scharf erkennbar, aber es ist definit mehr als bei Beginn der Reise." Ich versuchte optimistisch zu klingen jedoch konnte ich nicht vermeiden, dass man die Selbstzweifel an die vollkommene Genesung in meiner Stimme heraushörte.

„Das hört sich gut an. Du wirst sehen, in ein paar Wochen kannst du so gut sehen, wie…vorher.", bekräftigte er die Illusion.

Wieder schwiegen wir, doch es war nicht unangenehm. Es war einfach… ich wusste es nicht. Ein Gähnen aus Richtung der Hobbits erklang und eine kleine Gestalt erhob sich von seinem Lager. Da ich zu weit weg saß konnte ich nicht genau erkennen wer es war.

„Guten Morgen Merry. Ich hoffe die Nacht war erholsam.", begrüßte Legolas ihn.

Merry gähnte erneut und begann, während er seine Decke wegpackte, von seinem Traum zu erzählen: „Oh, ich habe sehr gut geträumt. Zumindest am Anfang. Ich war mit den anderen im „Grünen Drachen" und wir tranken das beste Bier, das ich je gekostet habe. Pippin und Frodo haben auf einem Tisch getanzt und Sam und Rosi waren verlobt. Es war so schön…fast wie früher. Doch dann wurde alles kalt und die… die Ringgeister kamen. Naja… ein Traum."

Er gesellte sich zu uns und ich versuchte ihn aufzuheitern: „Ich hab auch schlecht geträumt."

Langsam erwachte unser kleines Lager und wir machten uns zum Aufbruch bereit. Gandalf bat Gimli mit ihm vorne zu gehen, damit die beiden sich über den Weg beratschlagen könnten. Legolas gesellte sich zu mir und anfangs schwiegen wir uns weiter an.

Schließlich fragte ich ihn aber: „Kannst du mir ein wenig von Moria erzählen? Ich weiß leider nichts über diese unterirdische Stadt."

Er nickte und antwortete mir: „Ich kann dir gerne etwas über Moria erzählen. Jedoch, wenn du über bestimmte Themen Details wissen möchtest, so ist Gimli sicher der bessere Ansprechpartner. Was möchtest du denn gerne wissen?"

„Warum war das Tor mit elbischen Schriftzeichen versehen?"

„Du meinst Tengwar. Das Tor ist eine ‚Tür von Durin ' und entstand als die elbischen Völker noch nicht mit den Zwergen verfeindet waren. Damals bauten der Zwerg Narvi und der Elb Celebrimbor die Tür. Celebrimbor versah sie von außen mit Tengwarzeichen, das Zeichen ‚Durins des Unsterblichen' und eine Krone mit sieben Sternen, unter anderen der Stern des Hauses Feanor." „

So viel zum Thema Details.", meinte ich daraufhin schmunzelnd, „Warum sind den Elben und Zwerge verfeindet? Gab es irgendwann mal einen großen Streit zwischen einem Zwerg und einem Elb und der Rest war dann aus Prinzip verfeindet?"

„Eine gute Frage, auf die ich leider keine Antwort habe. Ich bin wohl noch etwas zu jung um den Grund für den Zwist zu kennen."

„Nur du oder noch andere Elben?" Die Zwerge sind ja zwangsläufig zu jung. Bei meinem ersten Mittelerdebesuch erfuhr ich ein wenig über die Lebensweise von ihnen.

„Nicht nur ich. Der Streit liegt schon so lange zurück."

„Also besteht der ‚Streit' zwischen den Elben, die damals schon lebten und jetzt noch nicht Tod beziehungsweise im Westen sind, und den Nachkommen der Zwerge von damals?!", fragte ich verwirrt. Er gab einen Laut von sich, der wohl ‚Ja' bedeuten sollte. „Das ist absolut sinnfrei.", stellte ich daraufhin fest.

Wir erreichten eine steile Treppe und beendeten das Gespräch. Es dauerte eine Weile bis wir die den heutigen Bauvorschriften sicher nicht entsprechende Treppe erklommen hatten und legten eine unfreiwillige Pause ein, da Gandalf nicht mehr wusste welche der drei vor uns liegenden Abzweigungen die Richtige war. Unser Anführer saß still auf einem Felsen und beratschlagte in Gedanken mit sich selber über die richtige Wahl. Wir übrigen setzten uns nieder und nutzten die Gelegenheit, um wieder zu Kräften zu kommen. Viel redeten wir nicht. Ich fragte Gimli, ob er wüsste wieso der Streit zwischen den Elben und seinem Volk begonnen hat, doch auch er wusste keine Antwort.

Frodo ging derweilen zu Gandalf und unterhielt sich mit ihm leise, zu leise als das ich etwas verstanden hätte, bis Gandalf aufschreckte und meinte: „Dort geht es lang. Ich konnte mich zwar nicht erinnern ab die von dort kommende Luft ist besser. Los, wir müssen weiter."