12. Forschungs- und Lebenspartner
Mit einem vollkommen zerfressenen Nervenkostüm stand sie mehr als eine Woche später vor Malfoys Bürotür – während seine Sekretärin, oder was auch immer die Kleine war, die dieser schräg gegenüber saß und sie in den letzten Tagen immer wieder vertröstet hatte, sie skeptisch musterte. Er war scheinbar überall und nirgendwo gewesen, in den letzten Tagen. In Besprechungen, bei Tisch und sonst wo. Jedoch war er nicht anzutreffen gewesen.
Heute war er jedoch da. Das hatte die Kleine ihr gerade eben mitgeteilt, als sie nahte. Auf eine sehr süffisante Art und Weise, kurz bevor sie ihrer Kollegin am Nebentisch dreckig zugegrinst hatte. Ja, das würde sicher noch ein übles Ende haben. In puncto Gerede, warum sie es in letzter Zeit ständig in sein Büro trieb. Darum konnte und wollte sie sich gerade jedoch keine Gedanken machen. Ebenso wenig wie über die Gespräche, die daraufhin ganz sicher noch einmal mit Harry folgen würden. Sie hatte es geschafft, ihn in den vergangenen Tagen mit scheinbar halbwegs glaubwürdigen Beteuerungen abzuwimmeln. Allerdings bedeutete halbwegs eben doch nicht ganz – und er wartet ganz bestimmt nur auf den nächsten Patzer.
Sie atmete noch einmal tief durch und klopfte dann, die gehässig funkelnden Argusaugen der Kleinen im Rücken, an Malfoys Tür. Dann öffnete sie diese, noch bevor er "herein" gesagt hatte – was er mit einer gehobenen Augenbraue quittierte. "Komm doch rein, Granger", schnarrte er, "und fühl dich wie zu Hause." Mit diesen Worten lehnte er sich im Stuhl zurück, während sie tat, wir ihr spöttisch geheißen wurde und die Tür hinter sich schloss. "Verdammt, Granger, konntest du nicht einmal drei Tage warten, bevor du täglich mein Büro belagerst? Ganz sicher erzählen sie bald überall, dass wir eine Affäre haben."
"Unser Gespräch liegt jetzt mehr als sieben Tage zurück", entgegnete sie, während sie sich auf dem Stuhl gegenüber seines Schreibtisches fallen ließ.
Ein Nicken. "Tut es. Trotzdem bist du hier schon am Montag rumgesprungen."
"Hat dir das deine Sekretärin gesagt? Falls ja, hättest du ja auch zu meinem Büro kommen können."
"Ich habe keine Sekretärin, Granger. Das da ist der Empfang", sagte er und deute mit dem Kopf in Richtung Tür.
"Diese Abteilung hat einen Empfang?", fragte sie. Der Bereich, in dem sie arbeitet hatte keinen. Vielleicht lag das aber auch daran, dass er übergreifend interner war. Er war in erster Linie nur dem Ministerium zugeteilt, auch wenn sie selbst oft außerhalb Rat erteilte. Jedoch wendeten sich die Interessenten nach wie vor direkt an sie. Malfoys Bereich wurde auch von Minsteriumsseiten für äußere Anfragen genutzt. Selbst Privatpersonen konnten, bei entsprechender Anmeldung, auf den Expertenrat zurückgreifen, der hier auf einer Etage versammelt war.
"Sieht ganz so aus. Komm zum Punkt."
"Du weißt ganz genau, warum ich hier bin", murmelte sie mit rasendem Herzen. Studierte sein Gesicht, während er sie einen Moment wortlos musterte. Versuchte zu erahnen, ob er eventuell in den vergangenen Tagen etwas gesehen hatte, was er besser nicht hätte sehen sollen. Und natürlich fragte sie sich nach wie vor, ob ihm zugesagt oder auch überzeugt hatte, was er las – wobei sie wahrscheinlich nicht mehr hier säße, wäre es anders.
"Dass was du da schreibst, klingt sehr fundiert", begann er schließlich leise und beugte sich vor. Stützte sich auf dem Schreibtisch vor ihr ab, "allerdings klingt oder auch klang vieles, was du so von dir gibst, wenn du den Mund aufmachst auch recht-" Er stockte kurz und holte Luft.
"Verrückt", beendete sie seinen Satz.
Er schenkte ihr ein bestätigendes Grinsen. Doch dann wurde seine Miene ernst. "Ich bin ehrlich, Granger, ich habe starke Zweifel an deiner Geschichte. Ich habe zahlreiche Bücher gewälzt und bis auf haltlose Thesen und lächerliche Geschichten nichts gefunden, was mich auch nur annähernd-"
"Hast du die Bücher von Charles Rooney gelesen?", warf sie ein.
Etwas sehr Unzufriedenes zierte seine Miene, als er sie einen Moment strafend ansah. Dann sprach er weiter. "Habe ich, Granger. Rooney ist jedoch ein alter Narr."
Sie seufzte und rutschte etwas unbehaglich im Stuhl hin und her. "Du hältst mich also für verrückt", stellte sie mit zitternder Stimme fest.
Einen Augenblick schwieg er. "Ja", sagte er dann, "das würde ich, wärest das nicht du, die da vor mir sitzt." Sie sah ihn überrascht an, "eine Tatsache, kein Kompliment, Granger. Aber, du bist eindeutig eine der intelligentesten und begabtesten Magierinnen unserer Generation", er sah sie ernst an. Sie erwiderte seinen Blick mit offenem Mund. "Doch Intelligenz und Irrsinn liegen manchmal leider sehr nahe beieinander", flüsterte er und sah sehr unschlüssig aus.
Der Lockenschopf atmete schneidend aus und ließ sich im Stuhl zurückfallen. Malfoy sah sie einen Moment schweigend an. "Was heißt das nun?", fragte sie mit trockenem Mund. Ihre Zunge fühlte sich entsetzlich schwer an.
"Ganz ehrlich?", fragte er, antwortete aber wie so oft, ohne dass sie hatte antworten können. "ich weiß es nicht", er blickte auf den Tisch hinab, so als suche er da nach passenden Worten. "Deine Notizen sind gut. Sehr gut sogar. Ein verdammt guter Ansatz jedenfalls", er atmete einmal laut ein und wieder aus, "will ich also wissen, ob du tatsächlich recht hast? Ob es ausgerechnet mein Gemisch ist, das eine noch vollkommen unerforschte und unbestätigte Tür zu öffnen vermag?", sagte er, "natürlich will ich das", fügte er sehr leise hinzu und runzelte die Stirn, "nur ein Lügner würde behaupten, er wolle es nicht wissen." "Das heißt also-", begann sie und beugte sich vor. Er erhob die Stimme, sodass sie wieder verstummen musste und deutete ihr damit wortlos an, dass sie ihn nicht unterbrechen sollte. Das kam ihr bekannt vor. Sehr bekannt und ließ sie schwach grinsen. Doch dass sie gerade nicht wusste, welcher Malfoy das bereits getan hatte, ließ sie einen Moment innerlich zusammenzucken. "Die Realitäten vermischen sich", hörte sie Rooney sagen. Sie atmete tief durch und tat es als kurzen Moment des Zweifels ab. Es war der andere Malfoy gewesen. Der andere Malfoy. Sie erinnerte sich. "Ich stehe hier vor zwei wirklich beschissenen Türen, Granger", sagte er eindringlich, "hinter der einen bist du verrückt. Und wenn ich dich jetzt in dieser Sache unterstütze, dann schüre ich das. Und am Ende bist du dann die arme Irre und ich bin der böse Reinblüter, der dich mit vollem Bewusstsein in den Wahnsinn getrieben hat. Weißt du, was das bedeuten würde? Für uns beide? Für mich, als ehemaligen Todesser und dich, als Heldin der Zauberwelt?"
"Das tue ich: Die Geschlossene für mich und Askaban für dich. Ohne Rückfahrschein." Der Blonde atmete kurz heftig ein und aus, nickte zufrieden. Offensichtlich, weil sie verstand. "Und die andere Tür?", fragte sie leise.
Ein kurzes Zögern. Er runzelte die Stirn. "Hinter der hast du recht", begann er sehr leise. "Doch dann spielst du mit Mächten, deren Kräfte wir beide uns wahrscheinlich nicht einmal annähernd ausmalen können. Denen wir eventuell nicht einmal im Ansatz gewachsen sind. Und du spielst mit deinem Verstand, Granger. Wo wir dann letztendlich wieder bei der armen Irren und dem bösen Reinblüter wären."
Sie schluckte, nickte jedoch erneut zustimmend. "Das ist dein Trank, Malfoy. Deine Kreation", flüsterte sie, "und sie ist bereits da draußen in der Welt. Ich bin ganz sicher nicht die Einzige, der Treva sie zugeschoben hat. Wer weiß, wer gerade mit diesen unbekannten Mächten spielt. Ganz ohne dein Wissen." Sich wohl bewusst, dass sie ihn damit eventuell anstachelte. Sie verstand, worauf er hinauswollte. So schnell konnte und wollte sie allerdings nicht nachgeben. "In den Händen der falschen Leute-"
"Das ist mir bewusst, Granger", zischte er, ließ sich gequält stöhnend zurück in den Stuhl fallen und biss sich einen Moment gedankenverloren auf der Unterlippe herum.
"Selbst wenn du alle Spuren vernichten würdest, zu denen du noch Zugriff hast-"
"Ich weiß, Granger", knurrte er bedrohlich und sah sie mit vor Wut funkelnden Augen an. Sie hatte ihn in die Ecke gedrängt. Selbst wenn Malfoy unbewusst einen Schlüssel kreiert hatte, der für die Zauberwelt bahnbrechende Erkenntnisse und Möglichkeiten bereithielt – er hatte einen nicht zugelassenen Trank, ohne sich dessen Wirkung voll und ganz bewusst zu sein, in Umlauf gebracht. Das hätte ein Nachspiel. Es auf sich beruhen zu lassen, änderte das nicht. Nicht mehr. Dazu war es zu spät. Würde diese Sache bekannt werden, würde man ihr nachgehen. Immerhin ging es hier um weitaus mehr, als nur um eine allergische Reaktion in Form eines Ausschlags. Er hatte das Universum scheinbar dazu gebracht, sich zu beugen.
"Also, Merlin", hauchte sie leise und sah ihn aus feixenden Augen an, "oder wie soll ich dich nennen?" Natürlich imitierte sie ihn mit voller Absicht. Und selbstverständlich ohne sein Wissen. Das musste sie sich eingestehen. Nicht ihr war hier etwas Bahnbrechendes gelungen, sondern ihm. Ausgerechnet ihm. Malfoy … Als er nicht reagierte, fuhr sie fort: "Was werden wir jetzt tun?"
Malfoy sah sie strafend an. "Das ist nicht lustig, Granger", sagte er matt. Natürlich hatte er recht. Also nickte sie schwach und stimmte ihm zu. "Solltest du recht haben, Granger, was ich nach wie vor stark bezweifele, verrate mir, warum es nur bei dir zu wirken scheint?", schnappte er.
Einen Augenblick erstarrte sie. Blickte ihn mit flauem Gefühl im Magen an. "Du hast es ausprobiert", flüsterte sie.
"Natürlich habe ich das", entgegnete er schroff.
"Und da war … nichts?", fragte sie vorsichtig. Angenommen, er war ähnlich unsanft in diese andere Welt katapultiert worden wie sie, glaubte er vielleicht gerade, wie auch sie zuerst es getan hatte, an einen äußerst beschämenden und verwirrenden Traum. Etwa, weil ihr Alterego ihn gerade barbusig und genüsslich keuchend geritten hatte, als er in seinem anderen Ich zu sich kam. Oder sie kuschelnder Weise und splitternackt, eng aneinander gepresst ihren postkoitalen Rausch ausgeschlafen hatten. Vielleicht hatte er aber auch nur äußerst verstörende Gespräche geführt – dieses Mal war es aber ihr verzweifeltes und besorgtes Alterego, das sich beschimpfen und ihn mittels Schockzauber hatte lähmen müssen, um ihn ins St. Mungos zu bringen.
"Nichts", antwortete er und schien ihr auszuweichen.
"Gar nichts? Keine absurden oder äußerst befremdlichen Träume? Oder Ähnliches?", hakte sie also nach.
Er sah sie an und runzelte die Stirn. "Worauf willst du hinaus?"
"Worauf willst du hinaus?", schoss sie zurück.
"Lass den Unsinn, Granger", knurrte er.
"So fing es bei mir an", log sie und drehte sich in eine andere Sitzposition.
Einen Moment schwieg er und schien zu überlegen. "Nichts, Granger", antwortet er dann. "Wie lange hast du den Trank genommen, bevor es begann?", schob er dann direkt nach.
Nun war es an ihr, ihn mit gerunzelter Stirn anzusehen. "Etwa zwei Wochen, denke ich. Ich bin nicht sicher. Treva hat mir damals ein wenig seines Trankes gegeben, weil ich auf mein Rezept warten musste", antwortete sie dann bedenklich leise. Das hatte sie bisher nicht bedacht. Es war nicht von Anfang an passiert.
"Gut", flüsterte er und schien zu überlegen. "Zwei Optionen. Es braucht seine Zeit oder es ist eine Wechselwirkung. Es gab einen Auslöser, einen eigentlichen Schlüssel. Die Tür ist unverschlossen, doch erst der Trank öffnet sie", schien er mit sich selbst zu sprechen. Einen Moment starrte er ins Leere und sie beobachtete ihn schweigend. "Ist irgendetwas passiert, kurz bevor es anfing?", fragte er, "etwas, was der eigentliche Trigger gewesen sein könnte?"
Mione überlegte kurz, schüttelte dann jedoch den Kopf. "Nein, nicht dass ich wüsste."
"Verdammt", fluchte Malfoy, "das wäre aber wahrscheinlich auch zu einfach gewesen. Wahrscheinlich war es eine Beugung im Universum. Aber, was hat sie ausgelöst? Warum nur bei dir, soweit es uns bekannt ist, jedenfalls", flüsterte er und starrte an die Wand.
"Das wäre möglich", warf sie ein. "Vielleicht gab es irgendwelche Ereignisse? Sonnenstürme oder dergleichen", sagte sie.
Er nickte. "Das sollte ich überprüfen."
Sie nickte zufrieden. "Das kannst du tun. Und ich werde in der Zwischenzeit-"
"Du wirst dir weitere Notizen machen, Granger. Möglichst detaillierte Notizen", sagte er und sah sei fest an. "Ich will wissen, was genau da in diesen angeblich anderen Welten vorgeht. Wer lebt, wer nicht. Was unterscheidet sich." Er stockte kurz und sah sie an. "Wie viele Welten sind es, in die du springst?"
"Eine", antwortete sie ehrlich und ohne zu überlegen.
"Bist du sicher?"
"Ja."
"Fragen wir mal anders: Wie kannst du dir da sicher sein?"
Mione schnaufte wütend. "Ich bin es."
"Das ist mich nicht genug."
Oh ja, sie war sich da sehr, sehr sicher. Es war recht unwahrscheinlich, dass es da draußen mehrere Universen gab, in denen sie zwei ein glückliches Paar waren. Doch sie verstand, worauf er hinauswollte. Sie musste sichergehen, dass es nur eine Welt war, in die sie immer wieder zu springen schien. Denn sie mussten herausfinden, welche der zahlreichen Türen sich geöffnet hatte. Die ihre, die da raus führte – was jedoch heißen würde, dass sie eigentlich in zahlreiche andere Ichs springen können müsste. Oder die Tür zur Welt der andere Hermione. Was die Frage aufwarf, ob sie die einzige Springerin war, die hin und wieder Besitz von ihrem anderen Ich übernahm. "Sagen wir es mal so", imitierte sie ihn. "Ich bin absolut sicher, dass es bisher nur eine alternative Welt war, die ich bereist habe." Er öffnete den Mund, doch dieses Mal brachte sie ihn zum Schweigen. "Allerdings bin ich beim ersten Mal dort gelandet, was zugegeben", sie sah ihn einen Augenblick an und rief sich die äußerst verstörenden Bilder seiner nackten Haut zurück vor das innere Auge. Allerdings schüttelte sie sie auch augenblicklich wieder ab, als sie ihr das Blut in die Wangen trieben, "sehr traumatisch war. Seitdem habe ich mich jedes Mal, wenn ich mich erneut auf die Reise begeben habe, auf genau diese Dimension konzentriert. Nicht ausgeschlossen also, dass ich meinen Weg so unbewusst gesteuert habe."
Die Hände vor der Brust zusammenfaltend nickte er. "Bevor wir also überlegen, wie es weitergeht, solltest du genau das herausbekommen. Dazu bedarf es eventuell mehrerer Versuche", sagte er, "sollte es diese verdammte Tür wirklich geben, müssen wir sie finden und wieder schließen", flüsterte er und sah sie dann wieder an, "zudem will ich weitere Beweise."
"Beweise? Dafür, dass ich nicht doch total durchgeknallt bin?" Ein Grinsen. Mehr bekam sie nicht, während er sie aus spöttischen Augen ansah. "Gut, was willst du? Was soll ich tun oder in Erfahrung bringen?", fragte sie übermütig.
Er zuckte mit den Schultern. "Bringe mir, was immer du da drüben finden kannst. Was immer mich überzeugen könnte. Noch etwas mehr als das, was du mir bisher geliefert hast. Es ist überzeugend, das sagte ich bereits. Jedoch nicht überzeugend genug. Gelingt es dir, hast du weiterhin meine Aufmerksamkeit … und Mithilfe."
"In Ordnung", sagte sie.
"Und eins noch: Sobald ich das Gefühl habe-"
Sie hob die Hand, um ihn zu unterbrechen. "Ich weiß. Dann holst du Harry ins Boot. Du hast meinen Segen." Bei diesen Worten hatte sie ein flaues Gefühl im Magen, doch sie wusste, dass sie ihm so viel geben musste. Vor allem jetzt, wo es so vielversprechend war. Sie hatte mit Malfoy einen starken Partner an ihrer Seite. Forschungspartner, verstand sich. Und das bezog sich nicht nur darauf, dass er gleichzeitig auch Zugang zu soviel Trank bedeutete, wie sie für ihre Nachforschungen benötigen würde. Es bezog sich auch darauf, dass er anscheinend – anders als der andere Malfoy – recht gut wusste, wovon sie sprach. Dass er sie für nicht ganz so verrückt hielt wie dieser. Oder eher: Dass er aktuell noch nicht für sich entschlossen zu haben schien, ob sie nun verrückt war oder nicht. Dass er noch unschlüssig war. Hinzu kam aber natürlich auch, dass sie ihm nicht wichtig genug war, um die Sorgen, die ihn offensichtlich ebenso in dieser Welt quälten, die Überhand gewinnen zu lassen. Wobei es hier eher um seinen halbwegs und mühselig reingewaschenen Ruf als um sie ging. Jedoch war das gut so. Auf die eine oder andere Weise. Und er war ebenso auf sie angewiesen. Der Trank zeigte bei ihm immerhin nicht die gleiche Wirkung wie bei ihr. Wäre das der Fall, hätte er sie bereits aus seinen Forschungen ausgeschlossen.
Nicht, weil er eventuell nackte Tatsache gesehen hätte. Eher, weil er sie dann nicht mehr brauchte, um dieser Sache nachzugehen. Hier ging es aber um einen Schlüssel, den er geschaffen hatte – jedoch um eine Tür, die sich nur für sie zu öffnen schien. Soweit es ihnen bisher bekannt war, jedenfalls. Wer wusste schon, was noch kommen würde? Wenn er es öfter versuchte, was nicht auszuschließen war, und es letztendlich doch funktionierte. Oder wenn sie herausfanden, wie sie die Tür für nach Belieben ent- und wieder verriegelten. Der Status Quo musste ihr allerdings genügen. Fürs Erste. Sie brauchte ihn und er brauchte sie. Allein würden sie das Rätsel nicht lösen. Er noch viel weniger als sie. Was ihr einen Vorteil verschaffte. Sie seufzten gemeinsam laut auf, was sie beide einen Moment irritiert aufblicken ließ. Sein Blick durchbohrte sie regelrecht. Als versuchte er ihre Gedanken zu lesen. Eine Gänsehaut lief ihren Rücken hinunter, doch sie zwang sich dazu, sie zu ignorieren. Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben. Es war unvermeidlich, dass sie ihm in den nächsten Woche sehr wahrscheinlich näher kommen würde. Auf die professionelle Art, verstand sich. Jedenfalls hier, in dieser Welt. Auf der andere Seite sah es anders aus. Was ein Grund mehr war, sich endlich etwas zusammenzureißen. Hier war er ihr Forschungspartner, da drüben ihr Lebenspartner. Eines war er allerdings übergreifend: Eine wichtiger Teil dieser Sache. Hier als Schlüsselmacher, da drüben als Mittelsmann. Sie konnte nicht jedes Mal zusammenzucken, wenn er sie etwas zu fest ansah. Wenn er ihr mal wieder halbnackt gegenüber stand. Oder sie auf anderweitige Art und Weise verwirrte. "Gut", sagte sie also, "arbeiten wir zusammen. Um diese Tür wieder zu verschließen." Eine Halbwahrheit aus ihrem Munde. Natürlich wollte sie nicht, dass jemand zu Schaden kam. Was unweigerlich die Folge sein würde, wenn sie nicht äußerst bedacht und behutsam vorgehen würde. Doch die Neugierde schien sie zu blenden. Und die mit ihr die vielen Möglichkeiten, die sich ihr boten.
Seine Augen musterten sie, prüfend, zweifelnd. Sie sah, wie er innerlich mit sich kämpfte. Sie versuchte seinem Blick stand zu halten. Dann riss sie das Klopfen der Tür aus den Gedanken. "Einen Moment", rief er in Richtung der Tür.
Mione drehte sich hektisch zu dieser um und sah ihn dann wieder an. "In Ordnung, gib mir den Trank und ich werde-"
Er lachte. "Nichts wirst du. Wir werden uns treffen. Morgenabend, bei dir. Ich bringe den Trank mit."
"Morgenabend kann ich nicht", flüsterte sie, "und was soll das überhaupt heißen: Du bringst den Trank mit? Dass du dabei sein wirst?"
"Genau das soll es heißen, Granger. Ich werde dabei sein. Jedes einzelne Mal."
"A-aber", begann sie zu stammeln.
Ein Kopfschütteln, während er sich aufrichtete. "Kein Aber und keine Kompromisse. Ich werde dir den Trank geben. Ich entscheide wann und wie viel es sein wird." Er musterte sie. Prüfend. "Falls es dir um das Einschlafen geht, kannst du von mir etwas Baldrianessenz bekommen. Oder die zugelassene Rezeptur." Es war ein Test. Das wusste sie. Er stellte sie, oder eher den eventuellen Tränkejunkie, den er nach wie vor in ihr vermutete, auf die Probe.
"Nein", sagte sie also fest, "das brauche ich und darum geht es mir, wie bereits mehrfach gesagt, nicht. Übermorgen, um acht?"
"Abgemacht", sagte er und sie richtete sich schwach nickend auf und wandte sich zielstrebig und ohne ihn noch einmal abzusehen ab, um zu gehen. Spürte seinen Blick in ihrem Rücken, als sie die Tür öffnete und auf dem Flur verschwand.
Vorschau:
Sie stand auf und ging zur Tür, öffnete diese und war überrascht, dass wenigstens das Licht brannte. "Warum nutzt du nicht die Klingel?", fragte sie an den Blonden gewandt, der sie kurz skeptisch musterte, bevor er sich an ihr vorbei durch die Tür schob. Er hatte eine Tasche bei sich, die stark wie eine ausrangierte und doch entsetzlich edle Medizinertasche aussah.
Diese in der Hand, drehte er sich zu ihr um und sah sie fragend an. "Wo gehen wir es an? Schlaf- oder Wohnzimmer?" Wunderbar, er kam sofort zum Punkt. Und obwohl es ebenso wenig beabsichtigt wie es ihm bewusst zu sein schien, hatte die Art, wie er da stand und sie fragte, wo sie es denn angehen sollten, etwas leicht Verruchtes an sich. Schlaf- oder Wohnzimmer?, hörte sie ihn erneut sagen. "Granger", sagte er ungeduldig und machte ihr bewusst, dass sie ihn mit geröteten Wangen angestarrt hatte: "Bett oder Sofa?"
Mione schluckte hart und murmelte: "Bett."
Huhu, meine Süßen. :) Es geht weiter und huihui, es geht langsam und tatsächlich wirklich los. Lach Hat immerhin "nur" 12 Chaps gedauert. Aber, wer mich kennt weiß eventuell schon, dass ich mir gerne etwas Zeit lasse, um sich eine Handlung entwickeln zu lassen. Übrigens sind wir zeitlich jetzt wieder aktuell. Das Chapter ist das erste, welches ich in diesem Jahr nach meiner recht langen Pause geschrieben habe. Ich hoffe der Unterschied in puncto Stil ist nicht im negativen Sinne merklich. Wie immer danke an alle, die hier mitlesen. Ich freue mich, dass es euch hierher verschlagen hat. Willkommen, willkommen. :)
