Kapitel 12
Es war bereits Mittag als Rokko und Charlie in Berlin angekommen waren. Sie hatten sich direkt auf den Weg zu Kerima gemacht, denn bis zur Präsentation war nicht mehr viel Zeit und es gab noch jede Menge unerledigte Aufgaben. Charlie war eigentlich sehr froh darüber, denn die Arbeit würde sie ablenken. Im Krankenhaus hatte sie unerträglich viel Zeit gehabt, sodass ihr Gedankenkarussell kaum still gestanden hatte. Sie fand, sie hatte nun definitiv genug Zeit mit dem Grübeln über diesen Wahnsinnigen verschwendet. Die Aufzugtür ging auf und Charlie betrat zum ersten Mal den Ort, der für die nächsten 6 Monate ihr Arbeitsplatz sein sollte. Sie schaute sich neugierig um, und sog die Atmosphäre des Raumes auf. Charlie hatte immer schon das Talent gehabt, die einzelnen Details ihre Umwelt sehr bewusst wahrzunehmen und zu interpretieren. Deshalb nahm sie Dinge, Stimmungen und Zusammenhänge wahr, die anderen Menschen in der Regel entgingen. Es war, als ob sie alle Puzzleteile eines Bildes auf einmal wahrnahm und in ihrem Gedächtnis abspeicherte. So konnte sie das Puzzle blitzschnell zusammensetzen, denn sie wusste immer, wo sich das fehlende Teil gerade befand. Deshalb liebte sie das fotografieren auch so sehr, denn es gab ihr die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge auch für andere Menschen sichtbar zu machen und sich so darüber austauschen zu können. Nur wenn es um Männer ging, versagte diese Gabe regelmäßig. Sie konnte es einfach nicht verstehen. Wo sie sich sonst immer auf ihr Gespür verlassen konnte, sobald sie sich verliebte, setzte ihr Verstand aus. Und jetzt hatte sie es sogar geschafft, sich einen Psychopathen anzulachen. Bevor sie sich das nächst Mal verlieben würde, müsste sie unbedingt herausfinden, woran das lag. Aber nun würde sie sich erstmal nur auf die Arbeit konzentrieren und je mehr Arbeit, desto besser.
„Kowalski, Kowalski, da ist die Chefin wohl aus dem Rennen, wenn sie ihre neue Flamme gleich mit zur Arbeit bringen, wa?" Sabrinas schrille Stimme riss die Geschwister aus ihren Gedanken. „Na is ja auch besser so, bei den Neuigkeiten!"
Rokko verdrehte die Augen. „Also erstens handelt es sich hier um meine Schwester Charlie Kowalski, die ab heute hier arbeitet und zweitens geht sie das kaum etwas an."
Sabrina grinste wiedermal dümmlich aus der Wäsche. „Nu ja, aber jetzt wo die Plansche sich den Seidel Junior so umjekrempelt hat, dass er sie vor allen abknutscht und wat von großer Liebe faselt , da wär es doch logisch, dass sie sich da auf was anderes konzentrieren. Wat besseres als die Plansche findet sich schließlich überall, stimmt's?" Sabrina lachte sich über ihre eigenen Worte kaputt. Normalerweise wäre das jetzt der Punkt gewesen, an dem Rokko sie mit einem einzigen Satz Mundtod gemacht hätte, aber sein Magen zog sich bei ihrer Offenbarung dermaßen zusammen, dass er kein Wort mehr sagte und sie einfach nur sprachlos anstarrte. David hatte Lisa geküsst und ihr eine Liebeserklärung gemacht?! Alle seine Hoffnungen fielen in diesem Moment wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Charlie bemerkte es sofort und zog ihn am Arm weg. „Komm Bruderherz, zeig mir mal dein Büro, damit wir endlich loslegen können." Rokko setzte sich mechanisch in Bewegung.
In seinem Büro setzte er sich erstmal hin. Charlie streichelte ihn über seine Wange. „Hey Großer, schau nicht so traurig. Du wirst doch auf das Geschwätz von diesem Blondchen keinen Pfifferling geben. Selbst wenn sie die Wahrheit sagt, dann ist die Schlacht noch lange nicht verloren. So wie deine Lisa dir zu Seite gestanden hat, kannst du ihr gar nicht egal sein."
„Ach Charlie, ich muss mich doch eh damit abfinden, dass sie bestenfalls freundschaftliche Gefühle für mich hat. Gegen ihren David habe ich keine Chance, ob sie nun zusammen sind oder nicht spielt dabei wahrscheinlich keine Rolle. So gesehen ist es vielleicht sogar gut, wenn ich sehe dass sie mit ihm glücklich ist. Trotzdem es tut weh! Ich hoffe nur, dass er sie nicht enttäuscht und sie ihr Glück findet, sie hat solange darauf gehofft und gelitten. Irgendwie wäre es ein Trost für mich, wenn ich wüsste dass sie wenigstens glücklich ist. Oder bin ich verrückt?"
„Rokko du bist nicht verrückt, du liebst sie einfach nur vorbehaltlos. Damit rettest du meinen Glauben daran, dass nicht alle Männer wahnsinnig oder dämlich sind, das ist doch was, oder?"
Rokko musste schmunzeln. Seine Schwester wusste einfach immer, wie sie ihn wieder aufbauen konnte. Er lehnte seinen Kopf bei ihr an. „Na, dann bin ich ja wenigstens zu etwas nütze", scherzte er. „So und nun komm, ich stell dich Lisa vor."
„Nee Rokko, dass mach ich jetzt alleine, ich will erst mal klar stellen, dass ich den Job nicht nur aus Mitleid bekomme und da brauche ich nicht die Fürsprache meines großen Bruders. Sorry, aber du weißt, dass ich es vorziehe, beruflich Erfolg zu haben, weil ich durch meine Arbeit überzeuge und nicht aufgrund von irgendwelchen Mauscheleien. Also, wo finde ich sie?"
„Ja ja, immer mit dem Kopf durch die Wand, so liebe ich dich! Aber bitte geh nur den Gang runter, es ist die 2. Tür rechts. Aber nachher will ich wissen, was du von ihr hältst!"
„Bis dann!"
Lisa starrte auf den Bildschirm und versuchte zum x-ten Mal einen vernünftigen Satz zu formulieren. David war immer noch nicht in der Firma aufgetaucht und er ging auch nicht an sein Handy. Was sollte sie nur davon halten? Außerdem ging ihr immer wieder das Gespräch mit Jürgen durch den Kopf. Wenn sie nicht bald mit David reden würde, könnte es sein, dass sie bald durchdrehte. Dann kopfte es plötzlich an die Tür. ‚David, endlich!', schoss es ihr durch den Kopf. Doch als die Tür aufging, sah sie eine Frau. Sie wusste sofort, dass es sich um Rokkos Schwester handeln musste. Sie hatte die gleichen dunklen Locken, nur trug sie sie viel länger und auch die Augen waren unverkennbar.
„Frau Kowalski?"
„Ja. Guten Tag Frau Plenske, ich wollte ihnen meine Mappe zeigen, damit sie sich ein Bild von meiner Arbeit machen können." Charlie mustert Lisa ausgiebig. Ja Rokko hatte recht, sie war ein warmherziger Mensch. Dieses Gefühl hatte Charlie direkt, allerdings sah sie auch, dass es Lisa offensichtlich nicht gut ging. ‚Schlag mich Tod, aber wie frisch verliebt und glücklich sieht sie nicht aus!', dachte sie sofort.
„Ich freue mich sie kennen zu lernen. Bitte setzten sie sich doch. Ich bin sehr froh, dass sie so kurzfristig einspringen können, wir hätten sonst ein großes Problem. Ich vertraue dem Urteil ihres Bruders, deswegen bin ich sicher das sie die richtige Wahl für diesen Auftrag sind. Aber ich schaue mir ihre Mappe trotzdem gerne an."
„Ich weiß, dass mein Bruder, ihnen mein … na sagen wir Mal, mein Problem erzählt hat. Und ich möchte weder aus Mitleid noch ausschließlich wegen Vitamin B eingestellt werden. Deshalb schlage ich ihnen vor, dass ich ein paar Tage zur Probe arbeite und wenn sie zufrieden sind, können wir uns über meinen Vertrag unterhalten. Könnten sie das in Betracht ziehen?"
Lisa staunte nicht schlecht. Nach Rokkos Schilderung hatte sie sich irgendwie eine etwas verunsicherte Frau mit Opferhaltung vorgestellt. Aber diese Frau war sehr gradlinig und selbstbewusst und das gefiel Lisa. Sie bekam gleich das Gefühl, dass Charlie den Auftrag sehr gut umsetzten würde.
„Ich bin zwar überzeugt davon, dass das nicht nötig wäre, aber ich kann ihre Haltung gut verstehen. Ich würde vorschlagen, dass sie bis zur Präsentation auf Honorarbasis arbeiten. Wenn wir uns dann einig sind, bekommen sie den Arbeitsvertrag. Was halten sie davon?"
„Das hört sich sehr fair an. OK, dann lassen sie uns über die Präsentation reden, was genau stellen sie sich vor?"
Damit stürzten sich die beiden direkt in die Arbeit. Es war erstaunlich, wie gut sie dabei harmonierten. Charlie war genauso kreativ wie Rokko, aber wesentlich bodenständiger als er. Die beiden Frauen lagen auf der gleichen Wellenlänge und verstanden sich so mit wenigen Worten. Nach zwei Stunden hatten sie die Planung soweit abgeschlossen, dass Charlies Arbeitsauftrag klar umrissen war. Charlie und Lisa waren gerade aufgestanden, um sich zu verabschieden, da ging ohne Vorwarnung die Tür auf. Nun zeigten sich bei Charlie die Spuren der letzten Tage. Sie erschreckte sich so heftig, dass sie ins Stolpern geriet und Lisa dadurch anrempelte. Weil Lisa in diesem Moment registrierte, dass David eingetreten war, verlor sie jede Konzentration und damit auch ihr Gleichgewicht. Sie machte einen großen Ausfallschritt und verlor dabei ihre Brille. Mit dem nächsten Schritt war sie auch schon auf dieselbe getreten.
„Mist!", fluchte Lisa.
„Oh Gott es tut mir leid, das wollte ich nicht. Ich hab mich einfach nur so erschrocken." Charlie war das Ganze furchtbar unangenehm. Die Zusammenarbeit war so gut angelaufen und nun das!
„Hallo Lisa, warte ich helfe dir!" David kam nun auf sie zu und hob die zerbrochene Brille hoch. „Oh je, die ist hin! Warte, setz dich erst mal hin." Er führte sie zum Stuhl, denn er wusste ja das sie ohne ihre Brille kaum etwas sah.
„Die ersetzte ich ihnen natürlich", sagte Charlie schnell.
„Machen sie sich nichts draus. Mir passiert so was ständig."Lisa lächelte in die Richtung, in der sie Charlie vermutete. „Das Problem ist nur, dass ich ohne Brille quasi blind bin und ich habe dummerweise keinen Ersatz."
„Dann fahre ich sie jetzt zum Optiker, das ist das Mindeste, was ich tun kann. Geben sie mir 10 Minuten, dann bitte ich Rokko noch einmal den Wagen zu ordern."
In Anbetracht der Situation war das wohl die beste Lösung, obwohl sie darauf brannte, mit David zu reden, aber ohne ihre Brille ging es einfach nicht und wenn sie erst mit David redete, dann hätte der Optiker sicher schon geschlossen. „Ok wir machen es so. Holen sie mich gleich hier ab, ich fürchte ich benötige ihre Führung."
„Lisa ich kann dich doch auch zum Optiker begleiten!" David legte ihr zärtlich seine Hand auf die Schulter. Er war nervös und hatte Angst, dass sie gar nicht mehr mit ihm sprechen wollte.
„Nein David, ich fahre mit Charlie, aber warte bitte einen Moment ich muss noch kurz mit dir reden."
„Gut, dann bis gleich." Charlie war zwar neugierig, warum die beiden so angespannt waren, aber sie merkte, dass sie jetzt besser gehen sollte. Kaum war sie aus der Tür sprudelte es aus David heraus: „Lisa es tut mir so leid, bitte lass uns miteinander reden. Gib mir noch eine Chance, ja?"
„David ich wollte den ganzen Tag mit dir reden. Wo warst du? Und wie kommt es, dass du dich jetzt hier hinbequemst?" So sehr sie die ganze Zeit auf ihn gewartet hatte, in diesem Augenblick war sie einfach nur wütend. Wie konnte er es wagen, sie den ganzen Tag so auf heißen Kohlen sitzen zu lassen?
„Lisa ich weiß es war nicht richtig, dich so warten zu lassen, aber ich hab die Zeit gebraucht, um darüber nachzudenken, was da gestern so schief gelaufen ist. Auch wenn du jetzt unglaublich sauer auf mich bist, wir müssen miteinander reden, das kann doch nicht so im Raum stehen bleiben."
„Da hast du allerdings Recht. David du hast mich verletzt, wie oft willst du das noch tun? Ich hab dir gesagt, dass du nur mit mir zusammen kommen sollst, wenn du dir wirklich sicher bist, es auch zu wollen. Ich weiß nicht, wie ich da noch stark sein soll. So hab ich mir das nicht vorgestellt. Aber gut, wir müssen wirklich reden. Komm doch heute Abend so gegen acht hier ins Büro, dann haben wir die nötige Ruhe und ich sehe vielleicht wieder etwas."
„Wäre es nicht besser wir würden gleich reden?"
„Nein! Ich habe den ganzen Tag gewartet, jetzt kannst du dich auch noch ein wenig gedulden."
„Na gut, wie du willst", sagte er traurig und küsste sie zum Abschied vorsichtig auf die Wange. „Es tut mir leid Lisa, wirklich", sagte er sehr leise und verließ dann den Raum.
Charlie hatte Rokko inzwischen erzählt, was gesehen war. „Rokko du musst den Wagen fahren, mir tut mein Handgelenk immer noch so weh!" Sie hob die verbundene Hand zum Beweis und war froh ihn so am Haken zu haben. Sie wollte die beiden unbedingt zusammen erleben, um sich ein besseres Bild machen zu können. Eins war klar, selbst wenn David und Lisa jetzt ein Paar waren, glücklich waren die beiden jedenfalls nicht. Es wäre doch gelacht, wenn sie da nicht etwas einfädeln könnte. Rokko war als Tröster unschlagbar und so hatte ja schon mancher Mann das Herz seiner Liebsten erobert. Charlie grinste heimlich vor sich hin und beglückwünschte sich inzwischen, für ihre Unbeholfenheit und deren Folgen.
Rokko seufzte. Eigentlich missfiel ihm der Gedanke jetzt mit Lisa zusammenzutreffen, denn er wollte sich eigentlich erstmal innerlich darauf vorbereiten den Gedanken zu akzeptieren, dass sie jetzt mit David zusammen war. Aber er konnte seine Schwester ja nicht mit ihrer Verletzung fahren lassen und selbst wenn sie nicht verletzt wäre, würde er sie nur ungern alleine lassen. Der Gedanke, dass dieser Wahnsinnige ihnen vielleicht gefolgt sein könnte, ließ ihn nicht los. „Na gut Schwesterherz, dein Wunsch sei mir Befehl!"
