Helau und Alaaf, meine Lieben,
ja, allein an der Anrede bemerkt Ihr schon, warum es erst heute mit einem neuen Kapitel weitergeht. Sicher, ich wollte es noch ins Netz stellen, bevor die tollen Tage begannen, aber da aufgrund eines 'nicht berechtigen Speichervorganges' mehr als die Hälfte des Kapitels 'zersägt' wurde und ich es noch einmal komplett überarbeiten musste, fehlte mir die Zeit. Sorry!
Aber jetzt geht es weiter.
Viel Spaß,
nochmals danke für die Reviews und lasst mich wieder wissen, wie es Euch gefallen hat,
Eure Lywhn

11. Kapitel – Unterredungen

Der Krug mit heißem Tee wurde so unsanft auf die, mit Intarsienarbeiten verzierte Tischplatte zurück gestellt, dass das Getränk überschwappte, während eine Zinngabel krachend auf dem halb leeren Teller landete.

„WAS?" Die Stimme donnerte durch den Raum und die Diener, die sich in der Nähe aufhielten, brachten rasch einen sicheren Abstand zwischen sich und ihrem Herrn. Die dunklen Augen des Fürsten blitzten vor Zorn und sein, von einem dunklen, kurzen, sehr gepflegten Bart beherrschtes Gesicht war kalkweiß geworden. Nur die Ader, die an seiner linken Schläfe zu pochen begann, stellte für einige Momente die einzige Regung in dem harten Antlitz dar.

Der Auslöser für seine Wut stand am anderen Ende der Tafel vor dem mächtigen Kamin, in dem ein wohlig warmes Feuer prasselte und ließ sich von der offen gezeigten Rage nicht im geringsten beeindrucken. „Ich bedaure, der Überbringer schlechter Kunde zu sein, mein Herr Ferethon, aber ich hielt es für das Beste, Euch schnellstens über die jüngsten Ereignisse zu unterrichten", erwiderte Avelson ruhig, wohl wissend, dass er mit seinem beherrschten Auftreten den Fürsten Lossarnachs innerlich zur Weißglut trieb. Aber er hatte schon früh gelernt, dass Gelassenheit am ehesten einem aufgebrachten Gemüt den Wind aus den Segeln nahm.

„Schlechte Kunde? Ihr seid wahrlich nicht der erste seit gestern, Avelson, nur Eure Unfähigkeit, von ein paar simplen Bauern den Tribut für Euren Fürsten einzutreiben, bringt mich in eine schlimme Lage!"

Ófnir, der unweit von seinem Bruder stand, räusperte sich. „Mein Herr Ferethon, seid versichert, dass Avelson in Eurem vollsten Interesse handelte, als er dem Elb mitteilte, dass er von des Königs Erlass keine Kenntnis hätte. Auf diese Weise könnt Ihr immer noch ihm die Schuld zuweisen und Euch selbst als betrogen hinstellen."

Avelson fuhr zu seinem Bruder herum. „Hast du den Verstand verloren?" entfuhr es ihm aufgebracht, als seine Beherrschung ob dieses Verrats in seinen Augen riss und sein Gesicht verfärbte sich dunkel, doch Ófnir lächelte nur still. „Es ist für unser Vorhaben von absoluter Notwendigkeit, dass der Herr Ferethon frei von jeglichen Verdächtigungen bleibt. Nur so kann er", er verneigte sich in die Richtung seines Fürsten, „sich weiterhin ungehindert seinen Geschäften widmen, die, wie wir alle drei wissen, nicht nur jene sind, über die König Elessar in Bilde ist."

Ferethon schürzte die Lippen und schob den Teller mit dem angefangenen Frühstück zur Seite. Der Appetit war ihm vergangen. Sein Blick hing an Ófnir und er nickte bedächtig. „Eure Gedankengänge sind nicht dumm. Ich behaupte, Avelson wäre mit ein paar Männern seit Wochen verschwunden und dass ich somit keinerlei Wissen über sein Tun und Lassen haben kann." Er schaute seinen Tributeintreiber an, dessen fest zusammen gepresste Lippen bewiesen, dass er mit den Zähnen knirschte, und ein süffisantes Grinsen huschte kurz über sein Gesicht, welches jedoch nicht seine Augen erreichte. „Folglich hat auch er den ganzen Tribut und meine Truhen sind leer – was sie ohnehin beinahe sind. Und wenn dieser Bluthund Miövitnis auf seiner unsinnigen Forderung, einen Teil der vereinbarten Entlohnung vorab zu bekommen, beharrt, dann werdet Ihr in der Tat noch ein wenig ‚tätig' werden müssen."

„Und den Schergen des Königs in die Hände fallen", hakte Avelson nach und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn Elessar erst einmal von Euch erfährt, dass ich eigentlich ‚vogelfrei' bin und die Bauern um ihre Einkünfte erleichtert habe, wird er seine Männer auf mich hetzen."

„Törichter Narr!" blaffte Ferethon, warf seine Serviette auf den Tisch, die auf dem Teller landete und die Gabel herunter fegte, und stand abrupt auf, wodurch sein schwerer Stuhl beinahe umkippte. „Du wirst erst wieder sicher sein, wenn unser Plan von Erfolg gekrönt ist – und nicht nur der Erfolg! – und das wiederum hängt davon ab, dass dieser Aasgeier Miövitnis mitmacht! Mit ihm steht und fällt alles! Und das wiederum, um es dir nochmals verständlich zu machen, ist nur möglich, wenn er einen Teil der Beute vorab bekommt."

Ófnir atmete tief durch. „Habt Ihr Miövitnis' Boten nicht davon überzeugen können, seinen Herrn um Geduld zu bitten?"

Ferethon schnaubte sarkastisch. „Zeigt mir einen Korsar, der mit Geduld ausgestattet ist! Nein! Jede Art von Verhandlung, was Bezahlung betrifft, ist bei diesen gierigen Seewölfen zwecklos!" Erneut schaute er Avelson fest an. „Kratzt jeden Silberling zusammen, den Ihr finden könnt!" befahl er, wieder auf die höflichere Anrede zurückgehend. „Aber haltet Euch an die abgelegenen Dörfer, und…"

„Verzeiht, mein Fürst, aber da ist nichts mehr zu holen – außer vielleicht bei dem Nest, in welchem ich auf diesen verdammten Elb traf. Und dass dieses in Kürze unter dem besonderen Schutz dieses verdammten Spitzohrs sein wird, steht außer Frage! Ich kenne diese Gesellen. Wenn ihr Beschützerinstinkt erst einmal geweckt ist, sind sie schlimmer als ein Haufen Weiber mit ihren Kleinen!"

„Herr?" fragte Ófnir, kaum dass sein älterer Bruder geendet hatte. Seine Miene machte deutlich, dass er angestrengt nachdachte. „Hat Miövitnis nach einer genauen Art der Bezahlung verlangt?"

Der Fürst Lossarnachs runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nein! Auf was wollt Ihr hinaus?"

Der jüngere Mann lächelte dünn. „Nun, ich denke da an eine Möglichkeit, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Fassen wir zusammen: Ihr benötigt mehr Einnahmen, um nicht nur die Korsaren, sondern auch unsere anderen Söldner zu befriedigen. An die Bevölkerung der größeren Ansiedlungen könnt Ihr Euch nicht wenden, das gäbe zu viel Aufsehen, zumal der König nun durch den Bericht des Elben genau darüber informiert sein wird, dass seinem Erlass nicht Genüge getan wurde. Einzig in Grünfeld ist noch etwas zu holen, da Avelson den Tribut dort lassen musste, doch das Dorf dürfte bald gut beschützt sein. Und hinzukommt, dass die Bewohner einige, für den König interessante Aussagen machen können – sie, und die Bewohner der anderen kleinen Dörfer in ihrer Nähe."

„Das weiß ich alles! Auf was wollt Ihr hinaus?" unterbrach ihn Ferethon unwirsch und stützte sich mit einer Hand auf der Tischplatte ab.

„Nun", begann der jüngere der beiden Brüder und legte sich einen Finger an die Nase – eine Geste, die er immer unbewusst ausführte, wenn er angestrengt grübelte. „Was meint Ihr: würde Miövitnis sich auch mit einer Bezahlung in Form von Arbeitskräften einverstanden erklären?

Ferethon blinzelte verwirrt. „Arbeitskräfte?"

„Ja, mein Herr, Arbeitskräfte. Die Arbeit auf einem Schiff ist hart und da die Korsaren die nicht ganz freiwilligen Ruderer ihrer Schiffe gerne als Schild gegen ihre Gegner benutzen, herrscht bei ihnen ein beständiger Mangel an kräftigen Armen. Bezahlt damit."

Der Fürst runzelte die Stirn und stemmte sich nun mit beiden Händen auf der Tischplatte ab, während er seinen Ratgeber aufmerksam musterte. „Ihr sprecht von… Menschen aus Lossarnach?"

Ófnirs linker Mundwinkel zog sich leicht nach oben. „Die paar Bauern werden uns nicht fehlen. Ihre Felder sind ohnehin zerstört, so dass wir auf keine Ernte von ihnen hoffen können, der Tribut können sie auch im Sommer nicht erbringen und gleichzeitig können sie keine, für uns unangenehme Fragen dem König beantworten."

Der Lehnsherr Lossarnachs zupfte sich an seinem Bart. „Kinder und Alte werden Miövitnis und seine Männer kaum als Bezahlung ansehen! Und was die Frauen betrifft…"

„Mit diesen werden sie ihre Freude haben und sie dann, je nach dem, dorthin schicken, wo sie Geld einbringen – genau wie jene, deren Arme zu schwach für Arbeit auf See sind: auf den Sklavenmagd. Die Haradim sind immer noch dankbare und zahlende Abnehmer für Sklaven!"

Es war eindeutig, dass Ferethon sich diesen Vorschlag genau durch den Kopf gehen ließ. Einige Momente herrschte Schweigen, dann erwiderte er langsam: „Wenn die Bewohner mehrerer Dörfer verschwinden, dürfte das mehr als nur verdächtig sein!"

Sein Berater erlaubte sich ein dünnes Grinsen. „Woran du die Schuld tragen wirst!" sagte er an seinen Bruder gewand, der ein dumpfes Knurren von sich gab. „Mir scheint, die Kälte hat deinen Verstand eingefroren!"

„Nein! Im Gegenteil, Bruder! Diese frische Luft da draußen hat meinen Geist erst richtig angeregt. Es wäre von größtem Vorteil für uns, wenn der König sich genötigt fühlt, die Sicherheit von Minas Tirith zu verlassen – und die meisten seiner Männer ebenfalls! Und der Grund dafür, wurde uns soeben praktisch in den Schoß gelegt!"

Fenethor starrte ihn an – und begann zu lachen. „Ófnir, ich wusste schon, warum ich Euch zu meinem Berater ernannte. Mein Vater beging einen schweren Fehler, als er Eure Dienste einst abwies!" Er schüttelte den Kopf und eine Mischung aus Trauer und Zorn legte sich auf seine Züge. „Vermutlich wäre er dann noch am Leben und hätte nicht auf diesem unseligen Schlachtfeld, getrennt von seinen Wachen, ein grausiges Ende finden müssen!" murmelte er; dann klärten sich seine Züge wieder. „Es darf keinerlei Verdacht auf mich fallen!" Er blickte zwischen den beiden Brüdern hin und her. „Wie Ihr es macht, ist mir egal! Und Ihr müsst schnell handeln. Es darf keiner entkommen, damit Ihr einen gewissen Vorsprung ausbauen könnt, bevor Elessar davon zu Ohren kommt!" Er atmete tief durch. „Ich für meinen Fall werde morgen nach Minas Tirith reiten und dem König zu seinem Geburtstag meine Aufwartung machen."

Avelson runzelte die Stirn. „Der Elb bestand darauf, dass Ihr Euch heute meldet, mein Herr!"

„Und dadurch, dass ich Euch seit Wochen nicht mehr gesehen habe und Ihr Eure ‚eigenen Wege' geht, kann ich die Nachricht nicht erhalten haben!" erwiderte Ferethon kühl. Dann richtete er sich auf. „Lasst mich jetzt allein – und lasst diesem gierigen Köter Hanikarr, der Miövitnis' Bote ist, ausrichten, dass ich ihn zu sprechen wünsche!"

Die beiden Brüder verneigten sich und verließen rasch den Rittersaal.

Legolas faltete die Serviette zusammen und legte sie neben den geleerten Teller. Nach seiner Ankunft hatte er sich rasch frisch gemacht und umgezogen, während für ihn ein Frühstück zubereitet worden war, welches er jetzt im Privatsalon des Königs eingenommen hatte. Da jedoch auch Éomer, Faramir, die vier Hobbits, Gimli – der einige finstere Blicke von dem Elb ob der groben Behandlung von dessen Ohr erhalten hatte (die ihn jedoch nicht kümmerten) – und Gandalf mit hinzu gekommen waren, war es in dem kleinen Speisezimmer recht eng geworden. Es hatten sogar einige Stühle herbei geschafft werden müssen, damit jeder eine Sitzgelegenheit hatte.

Es war Gimli, der schließlich – vor Neugier fast platzend – das Gespräch auf den Grund für die Abwesenheit des Elbenprinzen in der vergangenen Nacht lenkte. „Sie ist dir als entwischt!" stellte er fest und er begegnete den fragenden Augen Legolas': „Wer?"

„Die Diebin!" erwiderte der Zwerg, und er begann zu grinsen. „Nicht zu fassen! Erst beklaut sie dich, dann entkommt sie dir auf dem Markt und dann entwi..."

"Sie ist mir nicht ‚entwischt'", korrigierte der Elb ihn ruhig, und Aragorn, der noch eine aromatischen Tee gegönnt hatte und den gläsernen Becher soeben abstellte, hob beide Brauen. „Wo ist sie dann?"

"In ihrem Dorf - Grünfeld heißt es, auch wenn von dem Feld wohl nicht mehr viel übrig ist", erwiderte den Sindar-Elb unbeschwert, was bei dem gondorischen König ein Stirnrunzeln auslöste. „Du… du hast sie nicht mitgebracht?" Als Legolas eine verneinende Geste machte, blinzelte Estel verwirrt. „Sie ist eine Diebin, mein Freund, und sie gehört ihrer gerechten Strafe zugeführt!"

Thranduils Sohn atmete tief durch. „Ich stellte fest, dass sie nicht aus Habgier, sondern aus Not so handelte!" Seine Stimme war sanft, doch sein Blick bohrte sich eindringlich in den Aragorns. „Du erzähltest uns vorgestern von deinem Verdacht, dass nicht alle Lehnfürsten sich an deine Erlasse halten und dass es Notstände in der Bevölkerung gibt. Dein Verdacht… hat sich bestätigt!"

Aragorn starrte ihn an und langsam bildete sich auf seiner Stirn eine steile Falte. „Bitte erzähl!" forderte er seinen elbischen Freund auf, der daraufhin detailliert die Geschehnisse des vergangenen Abends wiedergab – zumindest das, was für Estel von Wichtigkeit war. Er berichtete von der Armut im Dorf, von dem Zustand der Häuser, von Avelsons Ankunft und wie er mit den Menschen umgegangen war. Er erwähnte die, von dem Tributeintreiber drei Tage zuvor nieder gebrannten Hütten, die ein Opfer der Flammen wurde, um den Forderungen Avelsons Nachdruck zu verleihen. Auch ließ er nicht aus zu erwähnen, dass ein Bursche von dem Mann geschlagen, die anderen demütigte und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte, wurde, damit diese zahlten.

Legolas fühlte sehr wohl sämtliche Blicke auf sich gerichtet, doch seine ganze Aufmerksamkeit galt Aragorn, der mit vor der Brust verschränkten Armen sich in seinem Stuhl zurück gelehnt hatte und eine Miene trug, die Furcht in einem auszulösen vermochte. Seine grauen Augen blitzten und seine Lippen waren fest zusammen gepresst. „Er hatte keine Kenntnisse über meinen Erlass?" vergewisserte er sich und der junge Elb, der seinen Freund sehr gut kannte, nickte langsam. „Aíe, das waren seine Worte."

Gimli runzelte die Stirn. „Der Kerl lügt doch!"

„Natürlich tut er das", bestätigte Gandalf und legte leicht den Kopf schief. „Und indem er diese Behauptung aufstellte, ist er erst einmal aus der Schusslinie – und Ferethon vielleicht auch!" Seine intensiven, blauen Augen richteten sich auf den ehemaligen Waldläufer, dessen Miene den nur mühsam unterdrückten Zorn verriet. Estel ballte eine Hand zur Faust. Er hatte den, von Krieg und Winter am meisten gebeutelten Landstrichen den normaler Weise zu entrichtenden Tribut erlassen, damit die Menschen eine Möglichkeit hatten, sich wieder eine Existenz aufzubauen und über den Winter zu kommen. Und dann bereicherte sich jemand hinter seinem Rücken, indem derjenige die Unkenntnisse der Bauern in kleinen Dörfern ausnutzte und Lehen von ihnen einforderte? „Ferethon wird mir nicht so leicht davon kommen!" sagte er leise, doch seine Freunde vernahmen sehr wohl den gefährlichen Unterton in seiner Stimme, als einmal mehr der Krieger in ihm erwachte. Dann richteten sich sein silbergrauer Blick auf Legolas. „Du hast Ferethon für heute hierher bestellt?"

Der Elb zögerte leicht: „Ich gab vor, mit den entsprechenden Befugnissen von dir ausgestattet worden zu sein, diesen Befehl erteilen zu können!"

Gimli grunzte leicht und murmelte etwas von „…Elben…" und „…können ja angeblich nicht lügen…" in seinen Bart, behielt aber seine weiteren, eindeutig erheiterten Gedanken für sich.

Faramir presste die Lippen aufeinander. Also doch Ferethon! Er hatte es geahnt! Sein Augenmerk fiel auf den gondorischen König. „Was wollt Ihr nun tun, Herr Aragorn?"

Dieser schnaubte. „Ihn zur Rede stellen, sobald er einen Fuß in die Zitadelle gesetzt hat. Und wenn er nicht eine verdammt gute Erklärung vorzubringen hat, wird er lernen müssen, dass mit mir nicht zu spaßen ist!"

Frodos sah ihn aus großen Augen ernst an. „Er wird leugnen, Streicher, und das weißt du! Er wird vorgeben, nichts davon zu wissen!" Pippin und Merry nickten nachdrücklich, während Sam den Kopf senkte. Und er hatte gedacht, dass nach dem Fall Saurons und dem Tod Sarumans endlich überall Frieden und Gerechtigkeit herrschen würde. Aber anscheinend war dies nur eine Hoffnung gewesen, die sich noch nicht erfüllt hatte. Sicher, Aragorn tat alles, um dieses Ziel zu erreichen, aber auch er konnte keine Wunder vollbringen, auch wenn der kleine Hobbit-Gärtner dies mehr als nur einmal hätte beschwören können.

Aragorn verzog das Gesicht und erklärte dem ehemaligen Ringträger sanft: "Ein Landesfürst ist für das, was innerhalb seines Gebietes passiert, immer verantwortlich, Frodo! Das macht dieses Amt ja so schwer. Macht zu besitzen, verlangt sehr viel Umsicht, Fleiß und ein gutes wenn auch strenges Herz, sonst tanzen einem die anderen auf der Nase herum und alles wendet sich zum Schlechten." Frodo nickte langsam, tauschte einen Blick mit Éomer, der bestätigend nickte, und seufzte dann leise. „Und was Ferethon betrifft", fuhr Estel fort. „Er kann mir nicht weiß machen, dass er nichts von den Machenschaften seines eigenen Tributeinforderers weiß!" Sein Augenmerk richtete sich auf Legolas. „Wollte dieser Mann, Avelson, oder wie er heißt, deine ‚Botschaft' sofort überbringen?"

„Er vermittelte zumindest den Eindruck - auch wenn seine Abschiedworte eher mir galten", erwiderte der Thronerbe des Großen Grünwaldes und Éomer schnitt eine Grimasse. „Ich kann mir denken, dass er über deine Einmischung nicht sonderlich entzückt war, Legolas. Ich kenne solche Menschen. Er wird Rachegedanken gegen dich hegen."

Ein dünnes Schulterzucken war die Antwort. „Er wird es nicht wagen, etwas gegen mich zu unternehmen. Er wäre vogelfrei, noch bevor er eines meiner Messer oder einen meiner Pfeile zu spüren bekäme." Es blitzte kurz in den kristallblauen Augen, dann senkte sich wieder die Maske der elbischen Gelassenheit über die schönen Zügen des Sindar-Elben.

„Wahr gesprochen!" knurrte Aragorn, und keiner der Anwesenden sagte etwas dazu, da sie alle wussten, dass jede Art von Milde oder Gnade den König von Gondor verließ, wenn es um einen seiner Freunde ging. „Gut, dann warten wir die Ankunft Ferethons ab!" Er wandte sich Faramir zu. „Ist Berengond mit seinem Bruder aus Lossaranach zurück?"

Der Fürst Ithiliens nickte. „Ja. Er kam gestern am Abend an, aber da beide erschöpft waren von dem bereits tobenden Sturm und die Stunde schon weiter fort geschritten war, wies ich sie an, sich zurück zu ziehen."

Estel nickte leicht. „Gut! Richtet ihnen bitte aus, dass ich sie in Kürze in der kleinen Bibliothek hinter dem Thronsaal zu sprechen wünsche." Er erhob sich und als die Hobbits und Gimli Anstalten machten, der allgemeinen Höflichkeiten entsprechend es ihm gleich zu tun, hob er lächelnd eine Hand. „Nein! Bitte, meine Freunde, das braucht keiner von euch zu tun! Ein jeder von euch ist gehört für mich mit zur Familie. Wir sehen uns zum Mittagessen." Sein Blick fand den Elben. „Legolas? Begleite mich bitte!"

Fragend eine Braue hochziehend stand auch der Elb von seinem Stuhl auf und folgte seinem Freund hinaus, der zielstrebig sein privates Arbeitszimmer ansteuerte. Legolas ahnte, worum es ging und er sah diesem Gespräch mit gemischten Gefühlen entgegen.

Am anderen Ende des Ganges erreichten sie das weitläufige Arbeitszimmer, an welches sich ein Raum mit Dokumenten und Unterlagen anschloss, die fast bis zur Mitte des dritten Zeitalters zurück reichten. Die anderen Aufzeichnungen befanden sich in der berühmten Bibliothek der Weißen Stadt. Hohe Fenster ließen die Strahlen der letzten Februarsonne hindurch, dicke Teppiche verhinderten, dass die Kühle des Steinbodens hindurch kam, schwere dunkle Möbel, mit traumhaften Schnitzereien verziert, bildeten die Ausstattung und in dem mächtigen Kamin brannte bereits ein Feuer.

Mit einem Seufzen bot Estel seinem Freund einen der Sessel in der Besucherecke für Privataudienzen an und ließ sich in den daneben stehenden fallen. Für die Dauer einiger Wimpernschläge starrte er ziellos in eine Ecke und rieb sich schließlich die Augen. „Hast du erfahren, ob es noch mehr solcher Dörfer gibt, in denen die Menschen vom Hungertod bedroht werden?"

„Elinha erwähnte sie, ja", nickte Legolas und begegnete dem fragenden Gesicht Estels.

„Elinha?"

„Die… junge Frau, derer Spur ich folgte", erklärte der Prinz und Aragorn nickte. „Ah ja… die Taschendiebin." Er schürzte die Lippen. „Mir ist nicht entgangen, dass du das Thema vorhin geschickt auf etwas anderes gelenkt hast, mellon nîn!"

Der Thronerbe des Großen Grünwaldes zuckte mit einer Schulter. „Ich befand das, was sich in Grünfeld zugetragen hat, für dich als wichtiger, als…"

„… als das Mädchen, welches meinen besten Freund um sein Eigentum brachte?"

Einmal mehr stellte Legolas fest, dass der ehemalige Waldläufer die beinahe elbische Kunst des perfekten Augenbrauen-Hochziehens vortrefflich beherrschte. Er seufzte. „Estel", begann er sanft; ganz bewusst den alten Kindernamen seines Freundes benutzend. „Die Not trieb sie dazu zu stehlen, nicht der Wunsch nach Bereicherung. Die Menschen in Grünfeld haben kaum noch etwas zu essen und besitzen nur noch die paar Lumpen auf ihrem Leib. Das Geld, welches sie von mir nahm, hat sie größtenteils für die Bedürfnisse der anderen ausgegeben und der Rest war für Avelson bestimmt. Sie tat das Einzige was ihr einfiel, um das Elend ihrer Freunde und Nachbarn ein wenig zu mildern."

Aragorn senkte leicht den Blick. „Ich verstehe die Lage der jungen Frau, mein Freund, und glaube nicht, dass ich nicht mit ihr fühle. Auch ich habe Kälte, Hunger und Durst kennen gelernt – mehr als einmal. Aber zu stehlen ist keine Lösung und…"

„Das sagte ich ihr", warf der Elbenprinz rasch ein. „Und ich habe ihr Wort, dass sie es nicht wieder tut – zumal es jetzt für sie und die anderen Hoffnung gibt. Ich… versprach ihnen, dass du Hilfe schicken wirst."

Für einen Moment huschte ein Grinsen über Estels Gesicht. „Mir scheint, mellon nîn, dass du in meinem Namen in den vergangenen Stunden so einiges losgetreten hast."

Legolas sah ihn von der Seite an. „Wenn ich zu viel wagte, dann verzeih mir, aber ich sah keine andere Möglichkeit, diesen armen Geschöpfen Mut und Trost zu geben. Außerdem, so dachte ich, habe ich lediglich das ausgesprochen, was du ohnehin tun wirst."

Jetzt lachte der König Gondors auf. „In einem muss ich deinem Vater Recht geben, Legolas: du bist der geborene Diplomat!"

Der Elb sah gen Decke. „Die Valar mögen es verhindern! Ich bin in erster Linie Krieger…"

„… mit einem viel zu großen Herz!" ergänzte Estel und schüttelte amüsiert den Kopf. „Aber es ist gut so. Männer, die nur kämpfen aber nicht denken oder auf ihre Gefühle hören, gibt es wahrlich genug, und meistens verschlimmern sie eine Lage dadurch, anstatt sie zu mildern." Er blickte Thranduils Sohn erneut an. „Dennoch hättest du sie mit hierher bringen müssen, Legolas. Diebstahl ist Diebstahl, und solcher gehört geahndet."

Die kristallblauen Augen seines Freundes schauten ihn ungewohnt fest an. „Ich bin der Bestohlene, Estel, und es liegt es an mir, Klage zu erheben oder nicht. Und ich klage sie nicht an – nicht, nachdem ich gesehen habe, warum sie es tat und wie sehr ihr Gewissen darunter leidet!"

Für einen Augenblick war Aragorn versucht, durch die Zähne zu pfeifen. Sicher, gerade Legolas hatte ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und dass er gerne andere in Schutz nahm, wusste er aus seiner eigenen Vergangenheit – besonders, wenn er mal wieder als Kind einen Streich gespielt hatte und sein Ziehvater kurz davor stand, die elbische Beherrschung zu verlieren – aber die Intensität, mit der der Prinz die junge Diebin verteidigte, überraschte ihn ein wenig.

„Und was ist mit dem Tumult auf dem Markt? Faramir und Gimli berichteten mir, dass die Stadtwache mehr als eine Stunde benötigte, um wieder für Ruhe zu sorgen, und in der Zeit sind zig Marktaussteller bestohlen worden oder klagen über die geringeren Einnahmen. Auch sind einige Stände beschädigt worden." Er beugte sich leicht vor. „War dieses Mädchen daran etwa nicht beteiligt?"

Der junge Elb wich seinem Blick aus. „Wir… beide waren es", sagte er schließlich. „Ich versetzte sie in Angst, sie floh und… dabei fiel ein Sack mit Linsen um. Du weißt selbst, welch Chaos diese kleinen, harten Kugeln auslösen können"

„Ein Linsensack fiel um?" Verblüffung lag auf dem Gesicht des Königs.

Aíe! Und danach brach der Tumult sehr schnell aus." Er schürzte die Lippen. „Im Grunde tragen also wir beide die Schuld an den Geschehnissen auf dem Markt."

Aragorn betrachtete ihn leicht argwöhnisch. „Bei Gimli klang die Geschichte aber etwas anders", warf er ein und Legolas zuckte mit den Schultern. „Gimli befand sich mit Faramir bereits am Ende des Marktes, als es geschah. Er konnte es also nicht wirklich sehen – wenn man allein seine Größe bedenkt!" Die letzten Worte klangen scherzhaft und Estel fühlte ein Grinsen in sich aufsteigen, blieb jedoch ernst. Seufzend lehnte er sich zurück. „Trotzdem hättest du das Mädchen mitbringen sollen, Legolas." Er bedachte ihn mit einem verletzten Blick. „Hast du so wenig Vertrauen zu mir? Glaubst du wirklich, ich hätte unter den gegebenen Umständen das volle Strafmaß verhängt?"

Beinahe erschrocken schaute der Elbenprinz ihn an. „Du weißt, dass ich dir mehr vertraue als irgend jemanden sonst, gwardor nîn! Mit meinem Leben und meiner Seele!" Er schüttelte leicht den Kopf und sein Blick richtete sich auf die tanzenden kleinen Staubkörner in dem strahlenden Sonnenschein, der sich in das Zimmer ergoss. „Sie hatte Angst, Estel!" Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Höllenangst! Außerdem… was wäre dann aus Kaya geworden?"

„Kaya?" Aragorn hob erneut eine Braue. Wie viele Damen hatte der Elb eigentlich in den paar Stunden kennen gelernt?

„Elinhas kleine Ziehtochter!" Ein warmes Lächeln breitete sich auf seinen schönen Zügen aus. „Ein süßer Fratz!" Schelmisch sah er seinen Freund wieder an. „Erinnerte mich irgendwie an dich, als du klein warst: genauso spitzfindig, genauso naseweis, genauso schutzbedürftig – und genauso ungehorsam!"

„Danke!" erwiderte Estel trocken. „Dies sind wahrlich Komplimente!"

Legolas lachte hell auf. „Aber wahr, mein Freund!" Er atmete tief durch. „Kayas Eltern kamen im Ringkrieg um und Elinha nahm sich ihrer an. Sie… ist selbst noch fast ein Kind und kümmert sich um ein kleines vier- oder fünfjähriges Mädchen, das noch nicht einmal zu ihrer Familie gehört." In seine Augen trat ein seltsame Mischung aus Frage und Herausforderung. „Hätte ich dem kleinen Mädchen den einzigen Menschen nehmen sollen, der ihm geblieben ist – und dass, wo die Kleine mir mit so viel Vertrauen begegnete?" Für einen Moment sah er wieder das Kindergesichtchen mit den großen, glänzenden Augen vor sich und wie die kleinen Arme sich ihm entgegen streckten. Nein! Er hatte und würde es nicht fertig bringen, diesen kleinen Racker zu enttäuschen.

Aragorn blinzelte leicht – hier war eindeutig etwas mit Legolas geschehen! – und seufzte schwer. „Du bist erobert worden, mein Freund! Ich weiß nur noch nicht, von welcher der beiden Damen: der ganz kleinen oder der größeren!" Zu seinem Erstaunen (und auch Erheiterung) verfärbten sich die Ohrspitzen des Elben tiefrot. Er schnitt eine Grimasse und fällte eine Entscheidung. „Also gut! Bisher haben mich noch keine anderen Klagen über dieses Mädchen erreicht und wenn du sie nicht vorführen möchtest, dann sei es so. Im Moment gibt es wahrlich größere Probleme als eine kleine Taschendiebin, die anscheinend einen unbestechlichen Elb um den Finger gewickelt hat!" Legolas setzte zum Protest an, doch Estel hob abwehrend eine Hand. „Schon gut, mellon nîn! Es ist deine Entscheidung. Und solange diese junge ‚Dame' nicht erneut ihrem ‚Tagwerk' nachgeht und sich fern hält, werde ich keine Wachen ausschicken, um sie festzusetzen." Er blickte den Erben des Großen Grünwaldes ruhig und eindringlich an. „Doch sollte sie noch einmal lange Finger machen oder hier nach Minas Tirith kommen und erwischt werden, so werde ich über sie urteilen!" Er erhob sich. „Und jetzt lass uns hören, was Berengod und sein Bruder sonst noch aus Lossaranch zu berichten haben. Ich möchte gut vorbereitet sein, wenn Ferethon ankommt!"

Mit einer merkwürdigen Erleichterung, die er sich selbst nicht erklären konnte, schloss Legolas sich ihm an.

TBC…

Soooo, es ist also eine größere Schwei...ei im Gange. Und im nächsten Kapitel geht es rund. Wie immer, ich beeile mich.
Alles Liebe
Lywh