Kapitel 12 – Obliviate!

Snapes Anspannung löste sich und er sank erschöpft auf Hermine nieder. Als er sich wieder fasste, hob er seinen Kopf, um Hermine in die Augen zu sehen.

„Hermine Jane Granger. Du treibst mich in den Wahnsinn!"

„Kritik oder Kompliment?", fragte Hermine spitz.

„Definitiv beides, du verrücktes Biest", gab er fast verzweifelt zurück.

„Das was du hier in mir ausgelöst hast, werde ich auch in Hundert Jahren Okklumentik niemals vor Voldemort verbergen können. Und was das bedeutet ist dir hoffentlich klar. Hermine, es hätte nicht passieren dürfen und um deine kommende Frage gleich zu beantworten, ja, ich wünschte mir, es würde noch Hunderte Male passieren. Du weckst in mir Gefühle, die ich nicht mehr geglaubt habe zu besitzen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich schon morgen wieder Voldemort gegenüber stehe und er nicht das Geringste hiervon merken darf."

Langsam richtete Snape sich auf und zog Hermine mit sich auf die Couch neben dem Schreibtisch. Hermine legte sich schutzsuchend auf seine Brust und hüllte beide in eine Decke. Sie spürte seinen schnellen Herzschlag und ihr wurde bewusst, vor welcher Herausforderung sie beide nun standen.

Snapes Verstand meldete sich zurück und fieberhaft suchten seine Gedanken nach einer Lösung.

„Wir müssen das hier ungeschehen machen, Hermine. Wir können nicht so kurz vor Schluss alles aufs Spiel setzen. Lass uns die vergangene Stunde ausradieren. Wenn wir beide gleichzeitig den Obliviatezauber sprechen, werden wir uns an nichts erinnern und können Voldemort unbefangen gegenüber treten", schlug er beinahe sachlich vor.

In Hermines Augen stiegen Tränen auf. Trotzdem bemühte sie sich, die Fassung zu bewahren.

„Du verlangst, dass ich die schönste Erinnerung meines Lebens wieder hergebe?"

„Glaube mir, es ist nicht nur deine schönste Erinnerung", entgegnete er und strich ihr mit seinem Handrücken zärtlich über die Wange.

„Ich sehe keine andere Möglichkeit."

Hermine begriff die Notwendigkeit seines Vorschlags. Ihr Verstand gab ihm Recht. Und sie hasste ihren Verstand für diese Erkenntnis.

„Gut, ich bin einverstanden. Aber nur zu einer Bedingung", antwortete sie.

„Und die wäre?"

„Ich möchte wissen, warum Dumbledore dir vertraut hat. Da ich es ohnehin gleich wieder vergessen werde, kannst du es mir ja nun sagen, oder?"

Snape überlegte kurz.

„Einverstanden, ich werde es dir zeigen."

Er richtete sich etwas auf, nahm ihre Hände und sah ihr tief in die Augen.

Hermine fand mühelos Zugang zu Snapes Gedanken und erkannte die Szene, die Snape ihr zeigte sofort. Sie hatte sie im Okklumentikunterricht gesehen. Snape saß neben Lily Evans im Slug-Club.

„Um Acht oben?", flüsterte er ihr ins Ohr.

Lily nickte ihm vertraut zu.

Die Erinnerung schwenkte weiter. Snape ging auf Lily zu. Es schien im Obergeschoss des Schlosses zu sein. Sie standen nebeneinander und blickten sich durchdringend an. Dann griff Snape in die Wand, wo augenblicklich eine Tür erschienen war, der Raum der Wünsche. Darin verschwanden die beiden.

„Du hast mir gefehlt, Severus", wendete sich Lily an Snape und küsste ihn.

„Irgendwann werde ich den sprechenden Hut noch zur Rechenschaft ziehen, weil er uns in verschiedene Häuser einquartiert hat", lächelte er und zog sie näher an sich heran.

Snape gewährte Hermine noch einige Augenblicke dieser Szene, bevor er die Verbindung wieder löste. Er lehnte sich zurück auf das aufgebahrte dicke Kissen hinter seinem Rücken und wartete Hermines Reaktion ab.

Hermine war sprachlos. Sie schluckte schwer und versuchte ihre Stimme wieder zu finden.

„Lily und du? Was ist mit euch passiert?", fragte sie entsetzt.

„ Mein Interesse an den dunklen Künsten stand Lily und mir im Weg. Voldemort gewann an Macht und ich begann die Nähe zu den Todessern zu suchen. Lily hat mich vor die Wahl gestellt. Sie oder Voldemort. Für wen ich mich entschieden habe, weißt du und dass ich mich besser anders entschieden hätte, weiß ich seit mehr als 17 Jahren. Dann wäre mir vermutlich auch Harry Potter als Schüler erspart geblieben", fügte er zynisch hinzu.

„Dass sie sich ausgerechnet mit Potter einlassen musste. Und warum hat Harry verdammt noch mal Lilys Augen geerbt? Jedes Mal, wenn ich ihn angesehen habe, erinnerte er mich an das schlimmste Erlebnis meines Lebens. Ich wollte ihn dafür hassen, dass er James ähnlich sah und gleichzeitig machten mir seine Augen klar, dass ich ganz alleine Schuld daran war, dass er eben genau diese wunderschönen Augen besaß!"

Snape schüttelte den Kopf.

„Wir haben uns zwar getrennt und wir waren auch nicht wirklich lange zusammen, aber ich konnte sie nicht vergessen. Sie war der erste Mensch in meinem Leben, der mir aufrichtige Liebe entgegengebracht hat. Als ich später erfahren musste, dass Voldemort Lily und James getötet hat und ich durch die Weitergabe der Prophezeiung auch noch Schuld daran war, brach meine fein säuberliche Todesserwelt zusammen. Alle Gefühle, die ich jemals hatte, verwandelten sich in Rachegefühle. Ich wollte nur noch eine Sache erleben, den Tod Voldemorts. Also ging ich zu Dumbledore und erzählte ihm meine Geschichte."

„Wie hat Dumbledore reagiert?", fragte Hermine

Snape fixierte Hermines Blicke erneut und gewährte ihr die Szene, in der Snape Dumbledore das Geständnis seines Lebens machte.

„Das ist unglaublich. Aber es erklärt eindeutig alles", gab Hermine erstarrt von sich. Einen Moment lang schwiegen sie beide und ließen das Gesagte auf sich wirken. Snape schien die Stille nicht länger ertragen zu können und versuchte, das Thema in andere Bahnen zu lenken.

„Wie steht es eigentlich um die Horkruxjagd? Wie weit ist der Orden?", fragte Snape.

„Das Medaillon ist zerstört, den goldenen Becher haben wir auch vernichtet. Es fehlt allerdings immer noch jeder Hinweis auf den Gryffindor-Horkrux", berichtete Hermine.

Snape atmete schwer aus, als wären es ihm allmählich zu viel der Wahrheiten für einen Abend.

„Harry", sagte er leise, „es ist Harry."

„Wie bitte? Harry ist ein Horkrux?", stieß Hermine entsetzt aus.

„Nicht ganz. Voldemort wollte ein Diadem von Gryffindor einsetzen, um sein Seelenfragment darin einzuschließen. Er hatte es dabei, als er Harry damals töten wollte. Wie du weißt, schlug der tödliche Fluch auf ihn zurück und er hatte keine Kraft mehr, das Diadem für die Seelenteilung zu verwenden. Die Zauberformel dafür hatte er allerdings bereits gesprochen. Die ganze Welt hat sich immer über Harrys Narbe unterhalten, aber keiner konnte deuten, was sie wirklich war. Sie ist ein verunglückter Horkrux. Das wurde mir allerdings erst klar, als Dumbledore die Vermutung mit den Horkruxen äußerte."

Hermine war sprachlos. Sie starrte Snape mit grauenerfülltem Blick an.

„Woher weißt du das?", stammelte sie.

Snape hielt kurz inne, als würde er noch einmal überdenken, ob es richtig war, das nun Kommende laut auszusprechen.

„Ich war dabei."

Er senkte den Blick und Hermine merkte, dass es nichts war, worüber er jemals hatte sprechen wollen.

„Du warst beim Tod der Potters dabei?", fragte sie noch entsetzter.

„Ja, Voldemort hat mich als treuesten Todesser mitgenommen. Ich durfte mich im Hintergrund halten, ich war draußen, aber ich bekam alles genau mit. Und ich war verbannt dazu, zu sehen, wie er James getötet hat. – Und dann Lily."

Snape hielt sich die Hand vor die Augen, als könne er es nicht ertragen, die Szene noch einmal vor sich zu sehen.

„Bei Merlin, ich kann das nicht glauben!"

Hermine stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

„Ich gehe nicht davon aus, dass die Narbe ein vollständiger Horkrux ist, aber das könnte man erst bei genaueren Untersuchungen feststellen."

Hermine spielte das Gehörte noch einmal vor sich ab. Ihre Gedanken sprangen im Dreieck.

„Die Prophezeiung – Keiner kann leben ohne den anderen – bezieht sie sich darauf?"

„Anzunehmen. Ich habe einige Nachforschungen in der Sache angestellt. Harry hat durchaus Chancen, dass man die Narbe entfernen kann, ohne dass er zu Schaden kommt. Aber ganz genau kann man das nicht sagen. So etwas ist noch nie vorgekommen."

In Hermine fügten sich alle wirren Puzzleteile langsam zu einem Gesamtbild. Ihr Empfindungen für Snape sprangen gerade von Abscheu und Entsetzten zu Respekt und Ehrfurcht. Snape hatte unzählige grauenvolle Taten gesehen und selbst ausgeführt, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Trotzdem empfand sie Hochachtung vor diesem Mann, der viele Fehler gemacht hatte, den aber das Leben auch unverurteilt bereits mehr hatte büßen lassen, als es Askaban je würde tun können.

„Ich weiß jetzt, warum Dumbledore dir so sehr vertraut hat. Es muss unerträglich gewesen sein, zu sehen, wie er sie getötet hat. Ich werde alles Erdenkliche tun, um dazu beizutragen, dass Voldemort zur Strecke gebracht wird."

Snape empfing aus diesen Worten und ihrer Berührung einen Schwall aus unendlicher Wärme. Wärme, die er jetzt schon vermisste, wenn er an den kommenden Tag dachte.

Sie drückten sich so fest sie konnten an aneinander, im Bewusstsein, dass ihre gemeinsamen Minuten dem Ende entgegen gingen.

Sie zogen sich beide wieder an und stellten sich an den Schreibtisch mit den Versuchen, um nach dem Vergessenszauber wieder dort zu sein, wo alles begann.

„Die Information mit Harry – wäre sie nicht wichtig?", fragte Hermine.

Snape nickte, nahm ein kleines Stück Pergament und schrieb einige Zeilen darauf.

„Warte, ich schicke dir eine Nachricht. Du solltest auch ein Treffen mit dem Orden für diesen Samstag, 14 Uhr organisieren. Es wird Zeit, dass wir alle über unsere Erkenntnisse aufklären. Es wird nicht mehr lange dauern, bis es zum Endkampf kommt."

Snape schrieb weiter. Einige Zeilen später blickte er kurz auf, sah Hermine nachdenklich an und fügte dann einige weitere Wörter hinzu. Das Pergament übergab er zusammengerollt seiner Eule, die auf Kommando herbeigeflogen kam.

„Überbringe diese Nachricht morgen Vormittag Hermine Granger, verstanden?"

Snape öffnete eine Klappe in der Wand des Magischen Baumes, die Hermine noch nie zuvor aufgefallen war und die Eule flog davon.

„Ich schreibe mir noch eine Notiz, damit ich auch weiß, dass ich dich informiert habe und dass wir uns am Samstag treffen. Das wird mich morgen nicht sehr verwundern. Ich finde oft genug Notizzettel, die ich mir irgendwann gemacht habe."

„Auf drei sprechen wir gleichzeitig den Zauber. Damit löschst du meine Gedanken und ich deine, verstanden?", orderte Snape an.

Hermine nickte, in ihrem Innern kämpften Gefühle und Verstand aber gleichzeitig einen großen Kampf. Sie sollte gleich alles aufgeben, was ihr etwas bedeutete, zudem den Beweis für das Vertrauen zwischen Dumbledore und Snape. Sie wollte nicht, aber sie musste.

„Eins, -", fing Snape an zu zählen.

„Zwei, -"

„Obliviate!", schrie Hermine wie aus der Pistole geschossen heraus. Sie war definitiv schneller gewesen als Snape. Der hatte noch nicht einmal angesetzt, den Spruch zu sagen. Sie hatte Snapes Erinnerung gelöscht und er war nicht im Mindesten dazu gekommen, die ihrigen auszuradieren.

Snape verstaute gerade die Regenwürmer in kleinen Holzkisten und sprach die gleiche Forderung aus, wie noch eine Stunde zuvor.

„Es wird Zeit, dass Sie zurückgehen, Miss Granger. Sammeln Sie Kraft bis zum Endkampf, Sie werden sie brauchen. Ich wünsche Ihnen viel Glück."

Hermine war geschockt und stand wie zur Eissäule erstarrt neben ihm.

„Ja, ... sofort", erwiderte sie und blickte zu Boden. Sie fühlte sich völlig fehl am Platz. Snape kam ihr vor wie ein Fremder. Zu gerne hätte sie ihn umarmt, aber es war unmöglich. Stattdessen hüllte sie sich in ihren Umhang und stellte sich ihm gegenüber auf den Apparierpunkt.

„Ich hoffe, Sie nach dem Kampf wiederzusehen, Professor. Viel Glück."