Friend - XI

„Scott an Brücke."

„Hier Kirk, was gibt es, Scotty?"

„Captain, wollte nur gehorsamst melden, dass der Warpantrieb wieder flott ist."

„Und der Hüllenbruch?"

„Ebenfalls vollständig repariert."

Jim konnte nicht anders als zu lächeln.

„Gute Arbeit, Scotty. Wirklich gute Arbeit. Sie und ihr ganzes Team."

„Danke, Sir, ich werde es meinen Leuten ausrichten."

„Tun Sie das, Scotty. Kirk Ende."

Noch immer lächelnd sah er in die Runde. Und begegnete den ebenso lächelnden Gesichtern von Uhura, Sulu und auch wieder Chekov, der von Pille an diesem Morgen pünktlich zur Alpha-Schicht aus der Krankenstation entlassen worden war. Nur Spocks Gesicht verriet wie üblich keine Regung.

„Sieht so aus, als wäre die Enterprise wieder funktionstüchtig. Und Pavel ist auch wieder gesund und munter bei uns. Heute scheint ein guter Tag zu werden."

Sulus Grinsen vertiefte sich.

„Beschreien Sie es nicht, Captain. Der Tag ist noch lange nicht vorbei."

Lachend machte Jim eine wegwerfende Handbewegung in Sulus Richtung.

„Sie sind doch nur Pessimist."

„Ich bevorzuge das Wort ‚Realist', Sir."

Jim lachte nur noch lauter.

„Ganz wie Sie meinen, Sulu."

Er sah wie alle, nach wie vor mit einem Lächeln im Gesicht, ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Stationen richteten. Alle, bis auf Chekov, der ihn nach wie vor ansah, als würde er auf etwas warten.

„Haben Sie etwas auf dem Herzen, Ensign?"

„Ich habe mich nur gefragt, zu welchen Koordinaten ich einen neuen Kurs berechnen soll, Sir. Sicherlich werden wir unsere Reise doch fortsetzen, nun, da der Warpantrieb repariert ist."

Er musste ein wenig über seinen immer so übereifrigen, jungen Navigator schmunzeln.

„Da muss ich Sie leider enttäuschen, Ensign. Ich weiß noch nicht, wohin unser neuer Auftrag uns führt. Die Admiralität hat uns bisher noch keine neuen Befehle übermittelt. Und solange wir auf die neuen Befehle warten, müssen wir an Ort und Stelle bleiben, fürchte ich."

„Oh, verstehe, Sir."

Er sah, wie Chekov sich wieder seiner Station zuwandte und schob noch hinterher:

„Es heißt schlicht und einfach abwarten, Pavel. Unsere Schicht wird sicherlich alles andere als aufregend."

Eine Aussicht, die ihm, wie er in diesem Moment feststellen musste, nicht sonderlich gefiel und die nicht dazu geeignet war, ihn an diesem Morgen auf der Brücke zu halten. Wozu war man Captain, wenn man sich nicht ab und zu mal die Freiheit nehmen konnte, die Brücke zu verlassen und anderen wichtigen Aufgaben nachzugehen? Zum Beispiel der Aufgabe, Pille einen Besuch abzustatten? Sicherlich war es an der Zeit, auf der Krankenstation mal wieder nach dem Rechten zu sehen.

Entschlossen stand er auf.

„Sie haben die Brücke, Mr. Spock. Sollte ich wider Erwarten gebraucht werden, rufen Sie mich."

Er sah, dass Spock nur kurz von seiner Station aufsah. Aus irgendeinem Grund schaffte es Spock immer, auch während der langweiligsten Schicht beschäftigt auszusehen. Was vielleicht daran lag, dass er zwei Positionen gleichzeitig ausfüllte und sicherlich genug Arbeit hatte.

„Verstanden, Captain."

Er nickte noch einmal in die Runde und verließ dann die Brücke. Mit dem Turbolift fuhr er zur Krankenstation und nur wenige Minuten später durchschritt er die Tür zu Pilles Reich.

„Pille?"

Nur einen Augenblick später sah er Pille aus seinem Büro heraus- und auf ihn zukommen, das Gesicht zu seiner üblichen mürrischen Maske verzogen.

„Was machst du hier wieder für einen Lärm, Jim?"

Jim grinste seinen besten Freund an, während er auf ihn zu- und schließlich an ihm vorbei in dessen Büro ging, nur um sich dort auf einen der Stühle fallen zu lassen und Pille, der ihm gefolgt war, entgegen zu blicken.

„Ich hatte Sehnsucht nach dir, Pille."

Er sah, dass Pille bei seinen Worten die Augen verdrehte.

„Übersetzt in Standard bedeutet das nichts anderes, als dass dir langweilig war und du etwas oder jemanden gesucht hast, der dir diese Langeweile vertreibt."

Jims Grinsen wurde breiter.

„Du hast mich durchschaut, Pille."

„Ich habe aber keine Zeit, Jim. Warum fragst du nicht deinen grünblütigen Kobold, ob er dir die Zeit vertreibt?"

Jim verzog leicht da Gesicht.

„Erstens habe ich dich wirklich schon lange nicht mehr hier besucht. Zweitens ist Spock beschäftigt. Drittens treffe ich mich heute Abend mit Spock zum Schach. Und viertens – hab ich dir schon einmal erklärt, dass Spock nicht mein Kobold ist."

Pille verschränkte die Arme und sah ihn an, das Gesicht noch mürrischer als ohnehin schon.

„Erstens warst du erst vorgestern bei mir. Zweitens interessiert es dich bei mir doch auch nie, ob ich beschäftigt bin oder nicht. Drittens – du triffst dich schon wieder mit dem Kobold zum Schach? Und viertens – wenn das Spitzohr hier an Bord eine Priorität hat, dann bist du das."

Erstaunt starrte er Pille an.

„Was meinst du denn damit?"

Pille ließ die Arme sinken und zuckte mit den Schultern.

„Es ist doch offensichtlich, wo Spocks Prioritäten liegen. Und die liegen nicht bei Lieutenant Uhura."

Wieder runzelte Jim die Stirn.

„Sondern?"

Pille verdrehte die Augen.

„Na bei dir, der Enterprise und seinen Pflichten."

„Bei mir?"

Er war sich sicher, dass seine Augen inzwischen mindestens doppelt so groß sein mussten wie gewöhnlich.

„Für jemanden, der so intelligent ist wie du, kannst du manchmal ganz schön schwer von Begriff sein. Es ist doch offensichtlich, dass Spock im Moment alles versucht, um dir ein guter Erster Offizier zu sein. Und vielleicht sogar – auf seine seltsame vulkanische Art – auch ein Freund. Wann immer du einen Vorschlag machst, der darauf hinausläuft, dass ihr mehr Zeit miteinander verbringt, findet er das akzeptabel. Wahrscheinlich findet er dich einfach faszinierend. Vielleicht nimmt er auch nur seine Pflicht verdammt ernst. Wer weiß schon, was in dem Kopf eines Vulkaniers vor sich geht. Aber eines weiß ich sicher. Dieser vulkanische Kobold-Kopf denkt nicht viel an Uhura. Gestern habe ich zufällig gehört wie Uhura sich gegenüber dem Spitzohr beschwert hat, dass er keine Zeit für sie hat. Er hat ihr daraufhin lediglich erklärt, dass er eben seinen Pflichten nachgehen müsse und ihr Verhalten vor diesem Hintergrund unlogisch sei. Das sieht für mich nicht so aus, als hätten Uhura und der Kobold eine glückliche, unerschütterliche Beziehung."

Inzwischen sah er Pille ein klein wenig betroffen an.

„Meinst du, ich sollte darauf achten, Spock etwas weniger in Beschlag zu nehmen, damit er mehr Zeit mit Uhura verbringen kann?"

Pille zuckte mit den Achseln.

„Ich weiß es nicht, Jim. Ich bin Arzt, kein Psychologe. Aber ich denke, dass er im Grunde gar nicht so viel Zeit mit Uhura verbringen will, sonst würde er sicherlich einen Weg finden, auch das zu bewerkstelligen. Ich denke aber nicht, dass er sich dessen bewusst ist. Ich denke vielmehr, dass er sich mit der Arbeit und seinem Pflichtbewusstsein eine Ausrede schafft, die sein superlogisches Gehirn verkraften kann ohne weitergehende Fragen zu stellen und dass er deshalb noch nicht hinterfragt hat, ob seinem Verhalten auch noch weitere Beweggründe zugrunde liegen könnten."

Nachdenklich runzelte er die Stirn.

„Vielleicht sollte ich ihn darauf ansprechen."

Pille schenkte ihm einen ironietriefenden Blick.

„Na, bei dem Gespräch wäre ich gerne dabei. Glaub mir, Jim, Spock macht im Moment gerade das, was er will. Auch wenn er sicherlich eine andere Erklärung dafür in seinem logischen Kopf zurecht gezimmert hat. Am besten lässt du ihn das einfach selbst herausfinden. Und mischst dich nicht in seine Beziehung zu Uhura ein. Es reicht, dass du schon wieder meinst, bei Sulu und Chekov Amor spielen zu müssen."

Überrascht sah er Pille an.

„Du weißt von der Wette?"

„Wer außer Chekov weiß nicht von der Wette?"

Grinsend schüttelte Jim den Kopf.

„Dieses Schiff ist unglaublich."

„Vielleicht solltest du das nächste Mal, wenn du mit deinem Ersten Offizier durch die Gänge deines Schiffes läufst, keine Geheimnisse ausplaudern. Auch wenn du vielleicht ab und zu der Auffassung bist – aber Spock und du, ihr befindet euch nicht in eurer eigenen Welt, wenn ihr zusammen seid. Andere Personen auf diesem Schiff können euch sowohl sehen als auch hören."

Mist – er hatte tatsächlich niemanden bemerkt, als er mit Spock auf dem Weg zur Brücke über die Wette gesprochen hatte. War er wirklich so sehr auf Spock fixiert, dass er seine Umwelt komplett ausblendete, wenn er sich mit diesem unterhielt? Irgendwo in den Tiefen seines Kopfes hörte er wieder die Glocke von der epischen Freundschaft läuten. Und plötzlich – musste er wieder lächeln.

„Das ist so cool."

Er sah Pille an, der ihn ebenfalls – deutlich verwirrt – ansah.

„Was ist ‚ccol'?"

„Wenn das kein Zeichen ist, dass ich dieser epischen Freundschaft mit Spock immer näher komme, dann weiß ich auch nicht."

Pille ließ die Arme sinken, die er immer noch verschränkt gehalten hatte.

„Du hältst die Tatsache, dass du in Spocks Gegenwart die Welt um dich herum vergisst, für ein Zeichen eurer epischen Freundschaft?"

Jim nickte heftig.

„Klar – was sollte es denn sonst sein?"

„Ja, was sollte es denn sonst sein."

Ihm entging Pilles Sarkasmus in diesem Fall, da er zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war. Stattdessen schlug er Pille leicht gegen dessen Oberarm.

„Danke, Pille. Das Gespräch mit dir war wie immer sehr erhellend."

Pilles gemurmeltes „Oh Gott, jetzt fängt er auch noch an wie der Kobold zu sprechen" hörte er schon fast gar nicht mehr. Stattdessen verließ er die Krankenstation wieder in Richtung Brücke. Es wartete noch der Rest seiner langweiligen Schicht auf ihn. Und Pille hatte ihm einiges gegeben, worüber er in dieser Zeit nachdenken konnte.


Spock wusste, dass er das heutige Schachspiel gegen Jim verlieren würde. Jim war als Gegner zu gut als dass er sich hätte erlauben können, weniger als 96% seiner Konzentration auf das Spiel zu richten. Und doch wusste er, dass seine Konzentration unter diesem Prozentsatz lag. Normalerweise bedeutete es für ihn keine Anstrengung, sich auf das zu konzentrieren, was er gerade tat. In aller Regel konnte er sogar zu gleichen Teilen effektiv mehrere Dinge zur selben Zeit tun. Doch in diesem Fall fand er seine Gedanken ungewohnt zerstreut. Immer wieder schienen sie zu der Frage zurück zu kehren, wie und wann er Jim im Laufe des Abends auf dessen Gedankenverschmelzung mit seinem älteren Ich ansprechen sollte. Denn bisher hatte sich die passende Gelegenheit noch nicht geboten.

Er hatte Jim vor 1,49 Stunden in dessen Quartier aufgesucht. Seitdem hatten sie gemeinsam gegessen und hierbei die dringenden Schiffsangelegenheiten besprochen. Die Reparatur des Warpantriebs und der Außenhülle. Das Ausbleiben weiterer Befehle der Admiralität und die möglichen Gründe hierfür. Ein minderschwerer Zwischenfall bei der Sauerstoffversorgung des E-Decks, der inzwischen repariert worden war. Und dann hatten sie wieder Schach gespielt. Und dabei geschwiegen.

„Schachmatt."

Er sah auf das Schachbrett und musste feststellen, dass Jim recht hatte. Er hob den Kopf und suchte Jims Blick.

„Sie sind der logische Sieger dieses Spiels, Jim."

Jim lachte.

„Ich denke, das liegt eher daran, dass Sie nicht ganz bei der Sache waren."

Das Lachen verstummte so plötzlich wie es gekommen war. Stattdessen lehnte Jim sich plötzlich in seinem Stuhl nach vorne und intensivierte seinen Blick.

„Ich habe doch recht, oder, Spock? Gibt es etwas, das Sie bedrückt? Worüber Sie reden wollen?"

Einen Moment betrachtete er das intensive Blau, das seinen eigenen Blick festzuhalten schien. Und wusste, dass jetzt der Moment gekommen war, auf den er den ganzen Abend lang gewartet hatte. Da war es nur logisch, diesen Moment zu nutzen.

„Es gibt tatsächlich etwas, das ich gerne mit Ihnen besprechen möchte, Jim."

Jim lehnte sich – offenbar zufrieden mit seiner Antwort – wieder bequem in seinem Stuhl zurück, ohne ihn hierbei allerdings aus den Augen zu lassen.

„Na, dann schießen sie mal los."

Er erkannte die Redewendung vom gestrigen Vormittag wieder und untersagte sich hierzu jeden weiteren Kommentar. Stattdessen konzentrierte er sich auf seine nächsten Worte.

„Während unserer Konversation am gestrigen Morgen ließen Sie zwei Bemerkungen fallen, die mich zum Nachdenken gebracht haben."

Er sah, dass Jims Blick noch immer erwartungsvoll auf ihn gerichtet war und fuhr fort.

„Sie meinten, dass Sie sich sicher wären, dass ich die menschliche Rasse und ihr Verhalten irgendwann besser verstehen würde. Ich muss zugeben, dass mich diese Aussage anfangs ein wenig verwirrte, insbesondere die absolute Sicherheit, mit der Sie diese Aussage getätigt hatten. Ich hatte den Eindruck, dass es sich bei diesen Worten nicht um eine bedeutungslose menschliche Geste der Ermutigung gehandelt hat, sondern dass Sie aus eigener Erfahrung gesprochen hatten. So, als wüssten Sie, was in Zukunft geschehen wird. Ein Paradoxon, für das ich nach längerem Nachdenken nur eine einzige logische Erklärung sehe."

Er unterbrach sich kurz um sicher zu gehen, dass Jims ganze Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war. Dann fuhr er fort.

„Ich vermute, dass mein älteres Ich auf Delta Vega eine Gedankenverschmelzung mit Ihnen initiiert hat und Sie dabei Informationen über dessen Leben und Wirken auf der Enterprise in jenem Universum erhalten haben."

Er ließ Jim nicht aus den Augen. Und so konnte er erkennen, wie die Bedeutung seiner Worte in Jims Bewusstsein drang, wie die Erkenntnis einsetzte, ebenso wie der Schock, die Ungläubigkeit und das Erstaunen. Unwillkürlich hatte Jim sich wieder gerade in seinem Stuhl aufgerichtet und starrte ihn aus großen Augen an, offensichtlich darum bemüht, die eigenen Gedanken in sinnvolle Bahnen zu lenken. Er gab Jim Zeit, seine Worte zu verarbeiten, wartete geduldig auf eine weitere Reaktion. Die schließlich kam.

„Sie … wissen von Ihrem älteren Ich?"

Auf diese Frage gab es nur eine logische Antwort.

„Ja."

„Aber wie … und wann … und warum haben Sie nichts gesagt? Und – Moment mal – warum ist das Universum noch nicht kollabiert?"

„Um Ihre Fragen der Reihe nach zu beantworten, Jim. Mein älteres Ich eröffnete mir nach unserem Sieg gegen Nero seine Identität. Ich traf ihn im Hangar des Sternenflottenstützpunktes nach unserer Rückkehr zur Erde. Er meinte hierbei zu Recht, es gäbe inzwischen zu wenige Vulkanier, um sich gegenseitig zu ignorieren. Er erwähnte auch Ihre Begegnung auf Delta Vega. Und erklärte mir auch, dass er Ihnen gegenüber angedeutet habe, dass es unübersehbare Konsequenzen haben könne, wenn ich von seiner Anwesenheit in dieser Zeitlinie wüsste. Eine, wie ich hinzufügen möchte, unlogische Annahme, die Sie aber offensichtlich ernst genommen haben."

Jim beugte sich ein wenig auf seinem Stuhl nach vorne.

„Warten Sie mal – Sie meinen Ihr anderes Ich hat mich … angelogen?"

Jim hatte die Arme auf den Oberschenkeln aufgestützt und starrte ihn an, die Augen leicht zusammen gekniffen.

„Ich habe ihm annähernd dieselbe Frage gestellt. Er meinte darauf hin, er habe lediglich angedeutet."

„Dieser alte Schweinehund."

Zu seiner Überraschung fing Jim an zu lachen und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen.

„Dieser alte Schweinehund."

Etwas irritiert betrachtete er seinen Captain, der noch immer lachte und hierbei immer wieder den Kopf schüttelte. Doch schließlich ging Jims Lachen in ein belustigtes Glucksen über.

„Wissen Sie jetzt, was ich damit gemeint habe, als ich sagte, dass Sie die Menschen irgendwann besser verstehen werden? Der alte Kerl hat offensichtlich sogar gelernt, wie man lügt. Eine zutiefst menschliche, unlogische Fähigkeit. Ich mochte ihn schon bei unserer ersten Begegnung aber jetzt finde ich ihn einfach nur noch großartig."

Seine Irritation wuchs. Im gleichen Maße wanderte seine Augenbraue nach oben.

„Sie sind nicht verärgert, dass mein älteres Ich Sie in einem falschen Glauben gelassen hat?"

Jim schüttelte noch immer lächelnd den Kopf.

„Nein. Im Gegenteil – ich finde es unheimlich spannend."

„Spannend?"

Die Augenbraue wanderte noch höher, bis sie fast im Haaransatz verschwand.

„Ja, spannend. Weil es so unerwartet kommt. Weil es so menschlich ist. Weil es das unterstreicht, was ich Ihnen gestern versucht habe zu erklären. Dass Sie irgendwann ebenfalls Ihre menschliche Seite entdecken und auch ausleben werden."

Die zweite Augenbraue folgte der ersten.

„Das ist keine logische Annahme, Jim. Es ist nicht möglich, die Zukunft vorherzusehen. Die Zeitlinie ist beeinflusst von den Entscheidungen eines jeden Individuums. Jede einzelne Entscheidung verändert diese Zeitlinie. In unserem Fall wurde die Zeitlinie sogar erheblich verändert, als Nero und auch mein älteres Ich in sie eingriffen. Nur, weil mein älteres Ich in seiner Zeit und in seinem Universum eine Entwicklung durchgemacht hat, die ihn seine menschliche Seite entdecken ließ, muss dies in unserer Zeitlinie für mich nicht im selben Maße gelten."

Jim hatte sich inzwischen beruhigt und lehnte sich erneut nach vorne.

„Und doch wird es passieren. Da bin ich mir ganz sicher, Spock."

Wieder war er irritiert.

„Was macht Sie so sicher?"

Jim lehnte sich noch weiter vor und intensivierte den Blick in seine Augen.

„Genauso wie Ihr anderes Ich in seinem Universum einen Jim Kirk als Freund hatte, haben Sie mich in diesem Universum als Freund."

Die Stille, die dieser Aussage folgte, war auf unlogische Art und Weise beinahe greifbar.

Er sah, wie sich Jims Augen ein wenig weiteten als diesem klar wurde, was er gerade gesagt hatte, wie sich dann aber fast augenblicklich ein trotzig-herausfordernder Ausdruck dazu gesellte, während Jim sich im selben Atemzug wieder in seinem Stuhl zurücksetzte und die Arme verschränkte, ohne den Blick von ihm zu lösen.

Und plötzlich – spürte er ein ihm vollkommen unbekanntes aber nicht völlig unangenehmes Zwicken im Bereich seines Magens und seiner Eingeweide, das er nicht deuten konnte.

„Sie sind mein Freund?"

Er war sich sicher, dass seiner Stimme seine Verwunderung und sein Erstaunen, die er in diesem Moment nicht unterdrücken konnte, anzumerken waren.

Jim unterbrach ihren Blickkontakt zu keiner Sekunde.

„Zumindest ist es das, was ich für Sie empfinde, Spock. Freundschaft. Wahrscheinlich schon seit unserem gemeinsamen Abenteuer auf der Narada, sicherlich aber seit unserem gemeinsamen Dienst auf der Enterprise und mit jedem Tag, den ich Sie besser kennenlernen durfte. Spätestens nach unserer Aussprache gibt es für mich da keinen Zweifel mehr. Und wahrscheinlich überrascht es Sie, aber ich hatte bisher noch nicht viele wirkliche Freunde in meinem Leben. Pille war der erste. Und jetzt – gibt es da eben noch Sie."

Seine Augenbrauen waren längst wieder an ihren Platz gerutscht. Stattdessen sah er Jim ebenfalls intensiv in die Augen, versuchte auf diese Weise herauszufinden, ob Jims Worte ehrlich gemeint waren. Und hatte doch keinen Grund an ihnen zu zweifeln.

Doch noch bevor er etwas sagen konnte, entspannte sich Jims Körperhaltung ein wenig.

„Keine Angst, Spock, ich erwarte keine wie auch immer geartete Erwiderung. Ich wollte Sie damit auch nicht überfahren. Aber nun wissen Sie es und ich bin eigentlich ganz froh darüber."

Er hatte das Gefühl, auf Jims Worte trotzdem etwas erwidern zu müssen.

„Ich bin nicht sehr geübt darin, meine Emotionen zu ergründen und diese in Worte zu fassen. Und doch kann ich nicht leugnen, dass ich die Entwicklung unserer Zusammenarbeit in den letzten Wochen als äußert angenehm und effektiv empfunden habe. Und ich werde zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass mein älteres Ich recht behalten könnte."

Er hatte Jim offensichtlich verwirrt, denn dieser runzelte bei seinen Worten die Stirn.

„In welchem Punkt könnte er recht behalten?"

„Mein älteres Ich ließ mich während unserer kurzen Unterredung wissen, dass wir aufeinander angewiesen sein würden. Er meinte außerdem, dass wir erkennen würden, wie viel wir gemeinsam erreichen könnten. Unter anderem auch eine gute Freundschaft, die uns beide kennzeichnen wird."

Jim hatte ihm erstaunt aber auch intensiv zugehört. Schließlich nickte er.

„Eine epische Freundschaft."

Wieder suchte er Jims Blick und ließ ihn nicht los.

„Sie haben es gesehen, oder, Jim? Während der Gedankenverschmelzung haben Sie die Freundschaft meines älteren Ichs zu Ihrem anderen Ich gesehen."

Langsam und bedächtig nickte Jim.

„Ja, ich habe es gesehen."

„Ich möchte es ebenfalls sehen."

Er sah, wie sich Jims Augen vor Überraschung weiteten.

„Heißt das, was ich denke, was es heißt?"

„Ich kann Ihre Gedanken nicht lesen ohne Sie zu berühren, Jim."

„Aber Sie würden es gerne, oder? Darauf zielt das hier doch ab."

Er neigte den Kopf ein wenig nach rechts.

„Ich wünsche tatsächlich eine Gedankenverschmelzung mit Ihnen durchzuführen, Jim. Um zu sehen, was Sie gesehen haben."

Einen Moment lang blieb es wieder still. Er gab Jim die Zeit, die dieser offenbar benötigte, um sich mit seiner Bitte auseinander zu setzen. Und schließlich nickte Jim leicht mit dem Kopf.

„Ich nehme an, Sie haben ein Recht darauf es zu sehen. Immerhin betrifft es Sie ebenso wie mich."

Wieder neigte er den Kopf ein wenig nach rechts.

„Ich werde lediglich nach den Erinnerungen meines älteren Ichs suchen, Jim. Weiter werde ich nicht in Ihre Gedanken vordringen."

Jim nickte.

„Schon gut, Spock. Machen Sie einfach. Ich vertraue Ihnen."

Er verstand nicht ganz, warum die letzten drei Worte Jims erneut ein seltsames Stechen in seiner Seite auslöste, konnte dem in diesem Moment aber auch nicht auf den Grund gehen. Stattdessen erhob er sich von seinem Stuhl und war mit zwei Schritten bei Jim, ohne diesen aus den Augen zu lassen. Vor Jim kniete er sich nieder, sich Jims blauer Augen voll bewusst, die direkt auf ihn gerichtet waren.

Noch einen Moment wartete er, wollte sicher sein, dass Jim auch wirklich mit einer Gedankenverschmelzung einverstanden war.

Und als dieser schließlich nickte, fanden die Finger seiner rechten Hand wie von selbst zu Jims Psi-Punkten, legten sich in einer Geste, als hätten sie dies schon ihr ganzes Leben lang getan, dort nieder, Jims Haut kühl unter seinen Fingerkuppen. Er sah, wie Jim bei seiner Berührung die Augen schloss, tat es diesem nach und murmelte schließlich:

„Mein Geist zu deinem Geist. Meine Gedanken zu deinen Gedanken."

Widerstandslos glitt er in Jims Geist, wurde empfangen von einer Aura der Neugier und des Vertrauens. Erstaunt hielt er einen Moment inne, beinahe überwältigt von dem Mikrokosmos, den Jims Gedankenwelt bildete. Ein buntes Wirrwarr verschiedenster Gedanken und Emotionen schien ihn zu umgeben wie ein Wirbelwind, in dessen ruhigem Auge er sich zu befinden schien. Die Leichtigkeit mit der er sich in Jims Gedanken hielt, die ungeheure Faszination, die dieser Ort auf ihn ausübte, überraschte ihn. Beinahe schien es, als wäre dieser Ort wie für ihn gemacht, als würde er hierher gehören…

Spock?"

Er hörte Jims Stimme in seinen Gedanken und beeilte sich, diesem zu antworten.

Ich bin hier, Jim."

Wow, ich kann Sie tatsächlich in meinen Gedanken hören."

Das ist korrekt, Jim."

Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt. Es IST ganz anders als mit Ihrem älteren Ich, Spock. Es ist … schwer zu beschreiben. So als wären Sie kein Eindringling in meine Gedanken sondern als würden Sie hierher gehören."

Wieder spürte er – weit entfernt in seinem Körper – diesen Stich bei Jims Worten, die exakt seine eigenen Empfindungen wiedergaben.

Es scheint, als bestünde zwischen unseren Geistern ein hohes Maß an Kompatibilität, Jim."

Epische Freundschaft."

Er konnte Jim lächeln spüren.

Dies wäre in der Tat eine Erklärung."

Haben Sie die Erinnerungen, die mir Ihr älteres Ich übertragen hat, schon gefunden?"

Ich habe noch gar nicht danach gesucht, Jim. Ich war im ersten Moment viel zu fasziniert von Ihrem Geist und dem Grad unserer offensichtlichen Kompatibilität. Aber mit Ihrer Erlaubnis würde ich dies nun gerne nachholen."

Alles was Sie wollen, Spock. Wie bereits gesagt – ich vertraue Ihnen."

Vorsichtig begann er, sich in Jims Gedanken zu bewegen, seinen Geist abschirmend und nur hie und da vorsichtig ausgreifend um zu ergründen, wo sich die von ihm gewünschten Informationen befanden. Er brauchte nicht lange um zu finden, was er gesucht hatte, denn Jim machte es ihm einfach, brachte ihm seine Erinnerungen entgegen und ließ ihn schließlich widerstandslos dort eintauchen.

Und er sah, was Jim auf Delta Vega gesehen hatte.

Sich selbst, wie er vergeblich versuchte Romulus zu retten, wie er schließlich das schwarze Loch erschuf, durch das er und Nero in dieses Raum-Zeit-Kontinuum befördert wurden.

Aber er sah auch andere Dinge, fühlte andere Dinge.

Jims Gesicht in verschiedenen Altersstufen.

Grenzenlose Loyalität.

Grenzenlose Zuneigung und Freundschaft.

Er sah sich selbst sein Leben riskieren, um Jims zu retten.

Er sah Jim dasselbe für ihn tun.

Er sah Jim, Doctor McCoy und sich selbst an einem Lagerfeuer sitzen und singen.

Er sah Jim lachen und sah, wie er in dieses Lachen einfiel.

Er sah Jim im Auge der Gefahr, spürte sein unendliches Vertrauen in diesen Mann, das Vertrauen, dass diesem eine Lösung einfallen würde, um das Schiff und die Besatzung zu retten.

Er sah Jim, wie dieser, an seinem Bett sitzend, seine Hand hielt.

Er sah Jim und sich in einer herzlichen Umarmung.

Er sah Jim und sich beim gemeinsamen Schachspiel.

Und durch jedes dieser Bilder hindurch spürte er die Wärme und die Herzlichkeit, das Vertrauen, die Loyalität und die Freundschaft, die er für diesen Mann empfand.

Er spürte auch den Schmerz, den der Verlust dieses Menschen für ihn bedeutet hatte.

Er spürte die Leere, die in den letzten Jahrzehnten nicht hatte gefüllt werden können.

Und er spürte, dass diese Freundschaft trotz allem das Wertvollste in seinem Leben gewesen war.

Unendlich.

Unerschütterlich.

Über den Tod hinaus.

Episch.

Mit einiger Anstrengung zog er sich aus Jims Gedanken zurück.

Er hörte Jim aufkeuchen, öffnete die Augen und suchte Jims Blick.

Jims Augen waren weit aufgerissen, sein Mund stand ebenfalls offen und noch immer entwichen diesem keuchende Atemgeräusche. Er selbst brauchte ebenfalls einige Momente, um seine eigenen Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen.

„Haben Sie es gesehen, Spock?"

Jims Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und er konnte nicht anders als zu nicken.

„Ja, ich habe es gesehen, Jim. Es war äußerst faszinierend und aufschlussreich."

Jim lächelte.

„Verstehen Sie jetzt, warum ich mir so sicher war, dass Sie uns Menschen irgendwann besser verstehen werden? Sie haben gelacht, Spock. Und Sie haben gefühlt."

Einen Moment lang betrachtete er Jim schweigend, noch immer nicht ganz Herr seiner Emotionen. Doch schließlich fühlte er sich sicher genug, um Jim zu antworten.

„Ich habe nie bestritten, Emotionen zu haben, Jim. Ich versuche lediglich, diese Emotionen zu unterdrücken."

„Sie haben sie aber gezeigt. In diesen Erinnerungen zeigen Sie ihre Emotionen."

„Hierüber werde ich einige Zeit meditieren müssen. Ich habe mein ganzes Leben lang hart daran gearbeitet, Herr über meine Emotionen zu werden. Jetzt zu sehen, dass mein älteres Ich diese Bemühungen offensichtlich zumindest zum Teil aufgegeben hat, ist äußerst verstörend."

„Ich finde es äußerst liebenswert."

Wieder spürte er diesen Stich. Wieder ignorierte er ihn.

„Wie gesagt, ich werde viel über diese Erfahrung meditieren müssen. Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen und dass Sie mir Einblick in Ihre Gedanken gewährt haben, Jim."

Er sah Jim lächeln.

„Ich hoffe, es war nicht das letzte Mal, Spock. Im Grunde fand ich es nämlich ziemlich überwältigend, Sie in meinem Kopf zu haben. Seltsam, aber auch überwältigend."

Doch bevor er noch etwas hätte darauf antworten können, vernahm er plötzlich ein Piepsen, das eine ankommende Videoübertragung ankündigte und von Jims Bildschirm auf dessen Schreibtisch herrührte.

Unwillkürlich drehte er den Kopf, um in diese Richtung zu sehen, ebenso wie Jim. Es war, als würde erst dieses Geräusch sie beide wieder vollständig in die Realität zurückholen. Jim brauchte 1,02 Sekunden länger als er um sich zu bewegen. Während er selbst sich aus seiner knienden Position erhob, stand Jim schließlich auf. Mit einigen wenigen schnellen Schritten war er an seinem Schreibtisch.

„Die Admiralität."

Er sah, wie Jim ihm bedeutete, zu ihm zu kommen und er kam Jims stummer Geste nach. Erst, als er sich neben Jim gestellt hatte, die Hände auf dem Rücken verschränkt, beantwortete Jim das Signal.

„Admiral Archer. Was verschafft mir die Ehre Ihres späten Anrufs?"

Das kantige, ernste Gesicht des inzwischen grauhaarigen ehemaligen Sternenflottencaptains füllte den Bildschirm aus.

„Guten Abend, Captain Kirk. Und auch Ihnen einen guten Abend, Commander Spock. Es trifft sich gut, dass Sie ebenfalls zugegen sind. Ich habe Sie kontaktiert, Captain, um Ihnen Ihre neuen Befehle persönlich zu übermitteln. Es ist eine Mission von größter Wichtigkeit aber gerade deswegen auch heikel und, das gebe ich zu, äußerst gefährlich. Des Weiteren ist die Mission von größter diplomatischer Bedeutung und Brisanz. Um sicher zu sein, dass Sie die Tragweite dessen verstehen, was ich Ihnen gleich eröffnen will, hielt ich es für besser, Sie persönlich über Ihre neuesten Befehle in Kenntnis zu setzen."

„Das klingt geheimnisvoll, Sir."

Er sah, dass Jim sich an einem Lächeln versuchte aber Archers Blick blieb ernst.

Ihn selbst überkam bei Archers Worten eine Ahnung worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde und er hatte viel Mühe, das ungute Gefühl zu unterdrücken, dass sich seiner bemächtigen wollte und stattdessen seine äußere und auch innere Ruhe zu bewahren.

Er sah, wie Archer noch einmal einige Momente zu zögern schien, bevor er schließlich weiter sprach und mit seinen nächsten Worten genau das aussprach, was er insgeheim schon erwartet hatte.

„Ihre nächste Mission wird Sie nach Kronos führen."