11. Dance
I) „Gehst du mit mir auf den Abschlussball?" Tom stand im Türrahmen des Klassenzimmers. Sie waren die Letzten, alle anderen waren schon draußen. Helena beugte sich gerade über ihren Tisch und packte das Schreibzeug in ihre Tasche. Die Schnalle klickte und rastete ein.
„Ja." sagte sie.
II) Wie eine Königin trat sie auf das Portal der Halle. Sie hatte sich für ein kleines Schwarzes entschieden. Ihre mondweißen Haare fielen ihr über den Rücken, kleine Sterne funkelten darin. Gerade die Schlichtheit unterstrich ihre Eleganz, sie hatte Übung darin, einen guten Auftritt hinzulegen.
Köpfe drehten sich zu ihr um, Gemurmel erhob sich, doch sie selbst bannte nur einen mit den Augen: Tom Riddle. Er stand zufrieden lächelnd inmitten seiner Freunde, die natürlich gewusst hatten, dass Helena schön war, aber ihre leicht offenen Münder taten kund, dass sie nicht gewusst hatten, wie schön.
Helena schritt auf Tom zu, schenkte ihm ein Lächeln und drehte sich um, damit er ihr die Kette anlegen konnte, die er ihr als Geschenk mitgebracht hatte. Toms eine Hand hielt das eine Ende der feingliedrigen Kette fest, die zweite beschrieb einen eleganten Halbkreis um ihren Kopf und traf im Nacken auf die andere, wo sie den Verschluss öffneten, den kleinen Ring hineinlegten und ihn wieder schlossen. Kurz funkelten die winzigen Augensmaragde des Schlangenanhängers im Licht der zahlreichen, schwebenden Kerzen auf.
Die Halle war wunderbar hergerichtet. Die langen Tische und Sitzbänke der Häuser waren verschwunden und hatten einer großen Tanzfläche Platz gemacht, an deren Rand einzelne Tische standen. Ein Elfenorchester hatte seinen Platz auf einem kleinem Podium.
Die Musik begann zu spielen, die Herren forderten die Damen auf und Helena und Tom tanzten das erste Mal von vielen.
Auf dem Weg, den sie bald antreten würden, würde es immer wieder Unstimmigkeiten zwischen ihnen geben, doch das Tanzen, diese perfekt aufeinander abgestimmte Choreografie gemeinsamer Schritte, das würde ihnen immer gelingen.
„Wie machst du das eigentlich mit deinen Schuhen?" fragte Tom Helena, als sie über das Parkett schwebten. Sie waren schon immer genau gleich groß gewesen, aber heute trug Helena hohe Schuhe und blieb trotzdem gleich groß wie er.
„Kleiner Schrumpfzauber in den Sohlen." sagte Helena und beide lachten.
Nach einigen Walzern, dem Festmahl und Toms sehr gelungener Rede als Schulsprecher neigte sich der Abend dem Ende hin zu. Einige Paare waren schon in die traute Zweisamkeit verschwunden, als auch Helena Tom aus der Halle führte. Sie müsse ihm noch sein Geschenk geben, meinte sie.
Sie liefen eine Weile durch die leeren Gänge von Hogwarts, die in der Nacht seltsam einsam wirkten. Schließlich blieben sie vor einer Wand im sechsten Stock stehen. Tom war nicht verwundert, in Hogwarts war eine Wand selten nur eine Wand. So war es auch in diesem Fall, denn es öffnete sich nach einigen Tippen Helenas auf die richtigen Ziegelsteine eine Tür zu einem versteckten Balkon. Als sie hinaus in die kühle Nachtluft traten, konnten sie die vom Mond beschienen Dächer von Hogwarts von oben betrachten. Der Balkon und damit auch sie waren für Beobachter am Boden unsichtbar.
Ein Geheimnis von Hogwarts, ein passendes Geschenk für Tom, was er Helena auch sagte.
„Das ist noch nicht alles. Ein Geheimnis habe ich noch." sagte sie, trat einen Schritt an ihn heran und küsste ihn.
Es passierte so plötzlich, dass Tom die Augen schloss und das Gleichgewicht verlor. Er kippte mit Helena im Arm über die Brüstung und fiel.
Mitten im Sturz riss er panisch seine Augen auf, Helenas waren nur einige Zentimeter vor ihm und blickten ihn ruhig an.
„Fliege. Du kannst es."
Es war nur der Wille, der zählte. Er bestand nichts mehr als aus Wille und Geist und er erhob sich. Es war ganz einfach, wie Fische für das Wasser waren Helena und er für das Fliegen geboren. Er schwang sich durch die Lüfte und wunderte sich, warum sein Körper auf einmal so leicht war.
Bis er ihn unten auf dem Balkon entdeckte.
Zusammengesunken neben Helenas lag sein Körper auf dem Rücken, staunend schwebte Tom über ihm. Er wusste instinktiv, die Bänder zu ihm würden halten.
Er blickte zu Helena neben sich.
„Was sind wir?" fragte er erstaunt. Das Gefühl für all das war ihm angeboren, ihm fehlten noch die Begriffe.
„Geist, Seelen... Es gibt viele Namen." antwortete Helena. „Schlicht das, was herauskommt, wenn man eine Person minus den Körper macht."
„Aber ich kann dich sehen. Du siehst genau gleich aus wie dein Körper."
„Weil du das erwartest. Wie wir für andere Menschen aussehen, entscheidet sich doch immer nach ihren Erwartungen. Aber wir können sie mit unserem Verhalten beeinflussen."
Und Helena bewegte sich wie ein Wolf und plötzlich sah Tom, wenn man von Sehen reden kann, denn Tom hatte ja eigentlich keine Augen, statt einem Mädchen mit weißen Haaren und schwarzen Kleid einen Wolf mit Flügeln. Die Flügel waren deswegen da, weil sein Verstand sie ergänzte, denn dieser musste es sich irgendwie begreifbar machen, dass ein Wolf in mehreren Hundert Metern Höhe schweben konnte.
„Ich sehe wirklich das Bild, das mein Verstand von deiner Persönlichkeit konstruiert hat." murmelte Tom mit seinen nicht vorhandenen Lippen. „Ja." bestätigte Helena.
„Aber du bist nicht wirklich da. Du bist nicht vorhanden, nicht greifbar. Du bist nicht da." Tom hatte Schwierigkeiten, das Ganze in Worte zu fassen. Helena antwortete: „Du bist genauso da, wie der Körper da ist, in dem du lebst. Aber jetzt sind wir eben getrennt von ihm. Das bedeutet, wir sind nicht sichtbar, nicht ertastbar, nicht hörbar, nicht schmeckbar, nicht riechbar. Und trotzdem nehmen wir uns gegenseitig wahr."
„Der sechste Sinn."
„Dieser Begriff beschreibt vieles, aber das gehört auch dazu, ja. Jeder Mensch nimmt den anderen auch ohne seine fünf Sinne wahr, sie wissen es nur nicht, weil sie noch nie auf sie verzichten mussten. Der Grund, warum du mich siehst, obwohl ich nicht sichtbar bin, ist, dass unser Verstand diese ungewohnten Reize hauptsächlich mithilfe unserer größten Reizaufnahmequelle, dem Sehen verarbeitet. Du könntest mich auch als Geruch wahrnehmen oder als Geräusch, wenn ich es schaffen würde, diesen Eindruck von mir zu erwecken."
„Aber du bist greifbar." Tom wusste es einfach. „Ich kann dich berühren."
„Natürlich. Berührungen zwischen zwei Menschen sind auch ohne körperlichen Kontakt möglich." Helena lächelte, das heißt, Tom nahm ihr Vertrauen wahr und übersetzte das in ein Lächeln. Helena hob ihren nicht vorhandenen Arm und streckte eine nicht vorhandene Hand zu ihm hin. Tom hob seine nicht vorhandene Hand und ihre nicht vorhandenen Fingerspitzen berührten sich leicht. Tom keuchte auf und zog seine nicht vorhandene Hand zurück.
Er hatte nicht Helenas Hand berührt, kein Teil ihres Körpers, sondern er hatte sie berührt. Ihren Geist, ihre Person, ihre Seele, sie. Ein intensiveres Gefühl hatte er noch nie erlebt.
Er drehte sich und schwebte ein Stück nach oben. Er war so leicht, er bestand ja nur noch aus seinem Willen und seinem Verstand. Doch er merkte ein Ziehen. Das Band zu seinem Körper hielt ihn zurück. Nicht räumlich betrachtet, er konnte sich Hunderte Kilometer von ihm entfernen, das wusste er. Auch die zeitliche Begrenzung war unwichtig, denn er musste theoretisch nur zurückkehren, um seinen Körper zu ernähren und lebensfähig zu erhalten.
Seine geistige Reichweite war begrenzt. Sein Geist, er, war mit seiner Geburt an seinen Körper gebunden. Sein Verstand reichte im Moment nicht aus, um sich noch weiter oder noch länger von ihm zu entfernen. Er ging zurück.
Japsend holte er auf dem Balkon liegend Luft. Helena, die auf ihm lag, schlug ebenfalls die Augen auf. Sie richteten sich auf und Tom bewegte ungläubig seine Finger. Dann schaute er Helena an. „Wie nennt man uns?"
„Ich weiß es nicht. Du bist der erste Andere, den ich getroffen habe."
„Wanderer." entschied Tom.
Sie blieben noch eine Weile auf dem Balkon und lehnten sich an die Stäbe der Brüstung. Tom musste seine erste Wanderung und diese neue Art von Magie erst mal verarbeiten.
Einige Zeit verstrich und sie blickten gemeinsam in die Nacht. Tom drehte seinen Zauberstab in den Fingern. Er war lang und und aus weißem Holz. Ein kleiner Marmorring markierte den Anfang und das Ende des Griffes und wenn man genau hinsah, wand sich ein Linie aus eingearbeiteten, weißem Marmor um den Stab. Toms Finger fuhren gedankenverloren über die kalte, glatte Steinlinie.
„Kann man das ewig machen?" fragte Tom. „Seinen Körper verlassen, nur zurückkehren, um ihn zu versorgen und dann wieder gehen?"
„Ich glaube nicht." antwortete Helena. „Manche Mönche im Osten machen, glaube ich, genau das und nennen es Meditieren. Und die längste Meditationszeit, von der ich gelesen habe, waren zwei Jahre. Und diese Mönche trainieren das ihr ganzes Leben lang. Außerdem erscheinst du anderen Menschen zwar ganz normal, aber nur solange du den absolut richtigen Eindruck erweckst und diese geistige Leistung hält man nicht länger als ein paar Stunden durch, wenn überhaupt."
„Hast du das schon mal geschafft?"
„Ich kann so tun, als sei ich unsichtbar und bin es dann auch für normale Menschen."
Deswegen hatte Emilia sie damals nicht gesehen.
Tom lehnte seinen Kopf an die kalte Brüstung. Das alles war viel für einen Abend.
Die glitzernden Sterne auf dem schwarzen Nachtteppich wetteiferten mit den Sternen in Helenas Haar.
„Glaubst du eigentlich an die Unsterblichkeit?" fragte Tom.
„Ja, denn du kannst an sie glauben, solange du lebst."
Helena blickte noch immer auf den schwarzen See neben den Schlossdächern, aber Tom sah sie von der Seite an und auf einmal mit ganz anderen Augen.
Als der Mond schon im Aufbruch war und die Sonne sich langsam zwischen den Morgennebeln hervorzwängte, erhoben sie sich und kehrten ein letztes Mal in den Slytheringemeinschaftsraum zurück. Es war ihre letzte Nacht in Hogwarts gewesen.
