7. KAPITEL
In dem der Wurm drin ist und Heini eigentlich Occupato lernen soll

Es war der Morgen des Valentinstages und die Griffinsklos saßen zum Mittagessen am Tisch im Essensraum. Es gab Salat und Weißbrot, das so hart war, dass Heini es heimlich in seiner Tasche verschwinden ließ. Missmutig stocherte er mit seiner Gabel zwischen den grünen Blättern herum.

Auch die anderen waren nicht sonderlich erbaut von dem Essen und die Dekoration tat ein Übriges, die allgemeine Stimmung zu senken. Rosa Papierherzen flatterten anmutig durch die Halle und Heini erkannte mit Schrecken, dass es dieselben Herzen waren, die er bei seinem ersten Nachsitzen bei Dolorrosa Oxford hatte ausschneiden müssen. Was wieder einmal bewies, dass die Autorin des Buches sich wohl bei jeder noch so kleinen Szene etwas dachte.

"Und, was macht Ihr heute am Valentinstag?", wollte Gudmiene vergnügt wissen.

Heini sah zu Ronny. "Machst Du was?"

"Ähm, nun, ich bin mit Gudmiene verabredet", sagte Ronny leicht errötend.

"Mit Gudmiene?"

"Naja, wir gehen davon aus, dass wir im letzten Band zusammen kommen werden", nuschelte Ronny verlegen.

"Also", fuhr Gudmiene sachlich fort, "dachten wir, es wäre doch klug, wenn wir uns vorher schon ab und zu für ein Date treffen würden. Das macht die Sache doch später einfacher."

"Ehm", sagte Heini, der nie auf die Idee gekommen wäre, dass Ronny und Gudmiene einmal ein Paar werden sollten.

"Und was machst Du?", lenkte Ronny schnell von seinem eigenen Valentins-Treffen ab.

"Ich bin mit Professor Schnippisch verabredet", sagte Heini und stocherte weiter in seinem Salat.

"Du bist WAS?", entfuhr es Ronny.

"Am Valentinstag?" Gudmiene schlug sich erschrocken die Hände vor den Mund.

"Also wirklich Heini", sagte Ronny steif. "Das hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht."

Heini verpasste Ronny eine Kopfnuss und trat Gudmiene gegen das Schienbein. Dann schob er ihr einen Zettel hin.

Gudmiene nahm ihn und las. "Lieber Heini, ab sofort hast Du jeden Freitag um 14 Uhr Occupato-Stunden bei Professor Schnippisch. Viele Grüße, Professor Dummwietür."

"Was ist denn Occupato?", wollte Ronny wissen.

Heini zuckte die Schultern. "Keine Ahnung."

Gudmiene drehte den Zettel um und sah, dass Professor Dummwietür die Mitteilung auf die Rückseite eines Reklamezettels geschrieben hatte. "14-tägige Premiumreise auf die Bahamas", las sie murmelnd.

"Gudmiene?", wollte Heini wissen.

"Was?"

"Ich sagte: Keine Ahnung."

"Oh, Entschuldigung." Gudmiene sah irritiert auf und reichte Heini den Zettel zurück. "Ja, Occupato. Das ist eine besonders komplexe Art der Magie, bei der man...Moment", riss sie die Augen auf. "Freitag um 14 Uhr? Das geht nicht, da haben wir DA-Treffen."

Heini überlegte. "Stimmt. Das hatte ich total vergessen. Dann werden wir es verschieben müssen. Wie wäre es stattdessen am Mittwoch um 16 Uhr?"

"Gut, ich frage die anderen", notierte Gudmiene sich.

"Mach das", sagte Heini und stocherte weiter gelangweilt in seinem Salat. Dann ließ er die Gabel sinken und schob seinen Teller von sich weg.

"Hast Du keinen Hunger?", wollte Gudmiene mitfühlend wissen.

"Ich mag keinen Salat", murmelte Heini. "Außerdem ist da der Wurm drin."

Gudmiene schielte auf Heinis Teller, auf dem sich tatsächlich ein Regenwurm im Essig-Öl-Dressing ringelte.

"Aber Heini, das ist doch prima. Regenwürmer im Salat bringen Glück", sagte Moonie Liebgut im Vorbeigehen, strahlte Heini aus großen Kuhaugen an und verschwand wieder.

"Prima", sagte Heini. "Glück kann ich jetzt bei Schnippisch wirklich brauchen." Und damit machte er sich auf den Weg in den Kerker.

Als er eintrat, stand Serernst Schnippisch schon bereit, seinen Zauberstab in der Hand, die fluffigen Haare sauber frisiert, in seiner weißen Robe, die sogar hinter ihm herwehte, wenn er still stand, was Heini ein wenig albern fand.

"Also, Tupper", sagte er. "Hinstellen und den Mund halten. Ich habe dummer Weise eine Wette mit Professor Dummwietür verloren und muss Ihnen jetzt Occupato beibringen. Hierbei handelt es sich um einen Zauberspruch, mit dem man Türen verschließt."

"Türen?" Heini sah ihn ungläubig an. "Dummwietür will, dass ich lerne, wie man Türen verschließt?"

"Türen in Ihrem Kopf, Tupper", murmelte Schnippisch unwillig. "Sie träumen doch von einem Korridor mit vielen Türen und einer bestimmten Tür, einer WC-Tür."

Heini nickte. Er erinnerte sich, dass er Dummwietür etwas ähnliches gesagt hatte, als sie auf dem Weg nach St. Kiwi gewesen waren.

"Von WC-Türen zu träumen ist gefährlich, denn hinter ihnen befinden sich schlimme Dinge."

"WCs?"

Serernst Schnippisch rang um seine Fassung. Er hob seinen Zauberstab und sprach: "Delirium."

Im nächsten Augenblick stand Heini im Gang des MifMa und neben ihm stand Serernst Schnippisch und sah sich interessiert um.

"Ich werde Ihnen zeigen, was ich meine", sagte er und ging zu einer Tür. Er öffnete sie und Heini sah sich, wie Duffy Durst ihn von seiner Lieblingsschaukel stieß, ihn in eine Pfütze drückte und von oben bis unten mit Matsch einrieb. "Haha", rief Duffy Durst triumphierend. "Das erklär mal meiner Mami."

Serernst Schnippisch blinzelte ungläubig und ließ die Tür zugleiten.

"Hinter den Türen sind Erinnerungen?", wollte Heini wissen.

"Schlechte Erinnerungen", sagte Schnippisch und schien Heini nachdenklich zu betrachten.

"Schlechte Erinnerungen", wiederholte Heini und machte einen Schritt über den Gang und streckte seine Hand ebenfalls nach einer Türklinke aus.

"Nein", entfuhr es Serernst Schnippisch entsetzt. "Nicht die Türen auf dieser Seite."

Aber Heini hatte die Tür schon geöffnet und sah einen kleinen Jungen, der eine Robe trug mit dem Aufdruck "Serernst Schnippisch, 14 Jahre". Er lag auf dem Boden und ein Junge kniete über ihm, dessen Robe den Aufdruck "Jakob Tupper, Heinis Vater, 14 Jahre" trug. Er war damit beschäftigt, den kleinen Serernst Schnippisch mit Schlamm vollzuschmieren und rieb ihm gerade eine ganze Handvoll Matsche ins Gesicht. "Haha", rief Jakob Tupper. "Dann erklär das mal Deiner Mami." Serernst wehrte sich mit Händen und Füßen, aber es gab kein Entkommen.

Entsetzt ließ Heini den Türgriff los und im nächsten Augenblick war Professor Schnippisch über den Korridor gesprintet und hatte die Tür zugeschlagen. Schwer atmend lehnte er an der Tür.

Heini sah mit großen Augen auf die Tür. "Aber das war mein Vater", brachte er dann hervor. "Er war zu Ihnen genauso gemein, wie Duffy immer zu mir."

Heini richtete sich auf. "Professor, ich muss mich für meinen Vater entschuldigen. Das war ein absolut unangemessenes Verhalten. Endlich verstehe ich, warum Sie mich nicht mögen. Wenn mein Vater Sie so geärgert hat, ist das kein Wunder. Aber ich kann das voll und ganz nachvollziehen, denn mein ganzes Leben bin ich genauso geärgert und erniedrigt worden wie Sie. Wir sind uns also irgendwie ähnlich und daher..."

Weiter kam Heini nicht, denn Serernst Schnippisch ergriff ihn am Kragen. "Sagen Sie so etwas nie wieder, Herr Tupper", sagte er mit einem ernsten, fast entsetzten Gesichtsausdruck. "Ist Ihnen überhaupt klar, was Sie da tun? Ich" – er machte eine dramaturgisch effektvolle Pause – "bin der Anti-Held dieses Buches. Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass Sie Verständnis oder Sympathie für mich empfinden. Ist das klar?"

"Aber..."

"Das ist meine Funktion in diesem Buch. Sie müssen mich hassen." Fast klang es ein wenig bittend.

"Aber ich hasse Sie nicht mehr, Professor", wandte Heini ein.

Serernst atmete tief durch. "Widerworte? Gut...dann 50 Punkte Abzug von Griffinsklo."

"50 PUNKTE?", rief Heini fassungslos. "ICH HASSE SIE."

"Na also, geht doch." Serernst Schnippisch ließ Heinis Kragen los und wandte sich um. "Sie dürfen dann gehen."

Heini lief verärgert aus dem Raum. Er wusste nicht so recht, was er jetzt tun sollte. Ronny und Gudmiene waren bei ihrem Date und sogar Nieviel Langer hatte angeblich eine Verabredung zum Tee. Alles, was er tun könnte, war sich in den Aufenthaltsraum setzen und ein Buch lesen. Doch der dicht gedrängte Handlungsverlauf kam ihm zuvor.

"Heini Tupper?" Eine hagere hochgewachsene Hexe in einer rosa Robe und mit einer rosa Baskenmütze auf dem Kopf kam auf ihn zugeeilt.

"Ja, Professor Nachtigall?"

"Professor Dummwietür will Sie sehen. Sofort", brachte Minna Nachtigall hervor und schob Heini in Richtung des Direktoren-Büros, dessen Eingang sich hinter einem großen Wandschrank befand, in dem eine Menge Mäntel hingen, die furchtbar nach Mottenkugeln rochen.