Einen schönen 3. Advent allen Besuchern unserer Leseecke. **Ein paar Kekse deponiert*
Wir haben quasi gerade fast Halbzeit mit unserem Kalender und wollen nochmals allen danken, die immer wieder neugierig mit uns die nächsten Türchen geöffnet haben und uns kleine Naschereien in Form von Reviews hinterlassen haben – Danke
Und einen besonders dicken Knuddler gibt es für unsere Beta Mystery, die sich beständig mit uns durch den Schnee gekämpft hat, auf der Jagd nach Plotlöchern und Fehlerteufeln.
Viel Spaß jetzt beim Lesen und einen schönen Start in die neue Woche morgen.
PS: WARNUNG: Teile dieses Kapitels sind etwas düster geraten, wem das beim Lesen weniger bekommt, bitte den ersten großen Absatz überspringen.
Seelenlos Teil 12 - Ein wahrer Alptraum
„Geh dort hin, wo die Schreie leiser sind ..."
Aber was, wenn alles aus diesem Orkan gequälter Stimmen zu bestehen schien? Wenn jeder Gedanke übertönt wurde, von dem Gebrüll abertausender Seelen, die niemals schwiegen und sich anklagend zu einer vereinten?
„Du bist nicht mehr dort ..."
Doch die sich windenden Leiber um ihn herum, die gurgelnd in ihrem eigenen Blut ertranken, sagten etwas anderes.
„Es ist nicht real ..."
Trotzdem war jeder Schritt einer über sterbendes Fleisch, jeder Atemzug war brennender Schwefel und verwesender Tod in seiner Lunge.
„Egal, was du gerade siehst, es – ist – nicht – real!"
Aber das Knacken der Wirbel in dem Hals, den seine Finger gerade wie einen Schraubstock zusammenzwängten, sprach eine andere Sprache – die der Hölle.
„Sammy, es ist okay ..."
Und der Druck nahm zu, der das Leben aus dieser Hülle presste wie Saft aus einer reifen Frucht und die Rufe der Verdammten um ihn herum wurden zu geiferndem Jubel, das Rauschen seines Blutes zu einem Echo des Triumphes.
Seine Rache war vollkommen und er badete darin, auf den Lippen ein kaltes Lächeln und in der Brust die Seele eines Gefangenen.
~sss~
Sam erwachte mit einem Keuchen, der als Schrei endete.
Mit Fäusten boxte er blind um sich, gefangen in wilder Raserei, die nur aus purem Instinkthandeln bestand. Der hämmernde Rhythmus in seiner Brust war Qual, ein Trommeln, das Haut zerriss, Adern sprengte. Es tat weh … so unheimlich weh und es sollte aufhören.
Die Bisse tausender giftiger Insekten brannten unter seiner Haut – und er kratzte, riss und schlug – sein Gesicht, den Kopf, zerrte an dem Stoff über seinem Herzen, das die Tiere verbarg, die sich in seinem Brustkorb bewegten.
Sam traute sich nicht zu atmen, aus Angst vor dem, was so den Weg in sein Innerstes fand. Er schrie hinter fest zusammengepressten Lippen, warf den Kopf hin und her und versuchte zu verdrängen, dass er Feuer in seiner Nähe lachend prasseln hörte. Es war alles nur ein Traum und nicht vorbei, die Hölle ließ einen nie gehen …
Sein Mund war verschlossen und doch schrie er nach seinem Bruder wie der kleine Junge, der er einmal gewesen war.
DEEAAAN …
Hände drückten ihn mit Gewalt zurück und bedrohliche Schatten schlichen am Rand seines Bewusstseins umher, flüsterten undeutlich seinen Namen.
„Sam ..."
Er wehrte sich weiter. Das – alles – war – nicht – real! Wenn er nur ein Stück weiter kam, würden die Stimmen verschwinden, zusammen mit all den Schreien in seinem Kopf.
DEAN …
„Sam, mach die Augen auf!"
„Lasst ihn los." - Die Stimme einer Frau, die alles andere zur Seite drängte.
Mom?
„Hey, shh…"
Die eisernen Klammern verschwanden, doch ihre Berührung blieb. Ganz zaghaft strichen Finger durch sein Haar. „Mach die Augen auf , Sam ... es war nur ein Traum."
Ein Atemzug ...
Babum.
Ein weiterer …
Und er wagte es und strandete auf dem kleinen Rettungsboot in unendlichem Blau.
Maggie, da war ihr Name wieder. Mit Blicken klammerte er sich an ihr Gesicht, das nahe bei seinem war, fühlte ihren Atem warm auf seiner Haut und beruhigte damit seinen. Ihre Hände umfingen seine Wangen, strichen mit dem Daumen leicht darüber.
Dass er sich wie ein Ertrinkender an ihrem Arm festhielt, begriff er erst sehr viel später, genauso wie die Tatsache, dass eine Waffe auf seinen Bruder gerichtet war, der zurückgedrängt hinter Maggie kniete. All diese Puzzlestücke zu sehen war jedoch bedeutend simpler, als sie zu einem logischen Bild zusammenzufügen, das halbwegs einen Sinn ergab, wenn dein Blutdruck dabei war, sämtliche Adern im Hirn zum Platzen zu bringen.
Irgendwann, nachdem er nicht mehr das Gefühl hatte, jeden Moment in tausend Teile zu zerspringen, nickte er kaum sichtbar und sie zog sich zufrieden, aber nicht weniger besorgt, zurück.
Alles tat ihm weh, Muskeln waren einzige Knoten und alleine der Gedanke an Schlaf ließ ihn schaudern und schwanken, doch Maggie schob ihm Hilfe bietend ihren Arm in den Rücken, bis seine Welt wieder in der Senkrechten war.
Das helle Licht im Raum verscheuchte die Monster in den Schatten und hielt das Flackern des Feuers im Zaum, das, wie es schien, nur für den Moment den Rückzug angetreten hatte.
Dean stand jetzt vor dem Kamin, den Rücken abweisend zu ihm, mit gesenktem Kopf und tief in Gedanken. Neben ihm stand Cameron, der leise flüsternd auf ihn einredete.
Dean nickte nur und antwortete etwas, das Sam nicht verstand.
Ein letzter, zuversichtlicher Blick von Maggie und plötzlich waren sie alleine, im Hintergrund das Geräusch zweier leise die Treppe hinaufgehender Leute und das immer leiser werdende Knarren der Holzstufen.
Sam wünschte, er könnte auch weg, fort von hier … von Dean.
Mit schwimmendem Blick musterte er seine Hände, die gruselig gefärbt waren von seinem Blut. Es hatte eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass er es dieses Mal nicht gewesen war, der es anderen entrissen hatte … nur sein eigenes.
Durch ihn waren schon zu viele gestorben.
Ein vorsichtiges Tasten an trocknendem Rot auf seiner Brust und darunter die Wulst einer Narbe direkt unter dem Herzen, die bei der kleinsten Berührung stach wie mit Glassplittern vernäht.
Crowley hatte gewusst, was er tat und er hatte ganze Arbeit geleistet.
Unsicher hob Sam den Kopf, schaute kurz zu der in warmes Licht getauchten Gestalt vor dem Kamin, ehe er beschämt den Blick abwandte. Ihm fiel das fehlende Hemd auf und die Waffe, die nicht mehr in Deans Hosenbund steckte. Die Waffe, mit der Kugel für ihn.
Monster ...
Schwer schluckend zwängte Sam den Kloß in seinem Hals herunter, wollte etwas sagen, doch seine Lippen blieben verschlossen.
Wie sollte er Dean klarmachen, dass niemand in seiner Nähe sicher war.
Hätte er gekonnt, würde er seinem Bruder die Entscheidung abnehmen. Es war ein Fehler gewesen, ihn in dieses Leben zurückzuzerren. Wenigstens einer der Brüder hätte dem Fluch der Familie entkommen können …
Im Kamin zerbarst ein frisch aufgelegtes Stück Holz mit einem Knall und glutrote Funken formten für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht eines jungen Mannes in den Flammen.
Mörder …
Die Feuchtigkeit aus seinen Augen wischte er zornig fort, genau wie gierig knisternde Zungen ein Stück Familie.
Was hatte er nur getan? Wieder blickte er auf seine Finger, bewegte sie leicht: Auf und zu – immer wieder …
~sss~
Kein Wort war gefallen zwischen ihnen in den wenigen Stunden bis zur Morgendämmerung, wenn man das schlierige Grau inmitten eines trüben Wintertages so nennen konnte. Sie hatten sich beide nicht einmal angesehen. Sam war beständig dem Blick des anderen ausgewichen, hatte sich in der Ecke des Sofas eingerollt und mit aller Macht den Schlaf bekämpft, der seine Klauen nach ihm ausgestreckt hatte.
Irgendwann hatte er begonnen, in Gedanken Orte aufzuzählen, die er bereits kannte und war letztendlich dabei gelandet, alle Simpsons Folgen nacheinander mit dem Namen zu benennen. Immerhin hatte er über ein Jahr lang beinahe jede Nacht ein paar Episoden gesehen. Wohlbemerkt in den Nächten, die er nicht mit einer Fremden verbracht hatte, deren Name am nächsten Morgen nur noch ein zerknüllter Zettel im Abfall war.
Ein kurzer Blick streifte den Sessel und Dean, der versunken in seiner eigenen Welt aus Licht und Schatten die Nacht versuchte zu überstehen.
Die Illusion, dass er Sam aus Brüderlichkeit nicht alleine lassen wollte, wurde hinterrücks von der Tatsache erstochen, dass Dean nur die Zivilisten im Haus vor dem Irren aus der Hölle beschützte, dem sie Obdach gegeben hatten für die Nacht, denn die Beretta aus seinem Hosenbund war wieder aufgetaucht …
Als Sam über ihnen dumpfe Schritte hörte und unsicher zur Zimmerdecke hoch schaute, hörte er Dean leise sagen: „Es ist besser, wir gehen …"
