(Derzeit ohne Titel)

Mürrisch starrte Eragon in die Tiefe des Abgrunds, der sich vor ihm erstreckte. Es ging fast direkten Wegs bergab und das tief genug um im Fall eines Sturzes keine Überlebenden zu lassen. Der Talzugang schien von dort oben kaum eine Hand breit zu sein und die tief hängenden Wolken vernebelten die Sicht so weit, dass der Ausblick etwas Surreales und Verträumtes hatte.

Gemeinsam mit Saphira saß er auf einem großen Felsvorsprung am Hang des Utgard. Hinter ihnen erstreckte sich eine Höhle, die etwa zwei Drachenlängen in den Berg getrieben war. In einer finsteren Ecke hatten sie das Gepäck abgeladen. Es gab nur diesen einen Zugang, sodass sie nicht um ihren wenigen Besitz bangen mussten. Überhaupt gab es hier oben wenig um das man sich hätte Gedanken machen müssen. Vielleicht noch Nahrung und Wasser, aber die ließen sich ohne übermäßigen Aufwand beschaffen. Wenn man es richtig anstellte, flog einem ersteres teilweise sogar zu. Das erste Mal, seit er in dieser Horrorvision der Zukunft aufgewacht war, fühlte sich Eragon von einer lebenden Welt umgeben. Hier gab es Tiere. Eine Tatsache, die unter den gegeben Umständen fast irritierend wirkte. Und es waren so viele, dass Eragon sich einen Moment gefragt hatte, ob er einfach nur in seinem normalen Leben – so weit man die vergangenen Monate normal nennen wollte – aufgewacht war. Doch die Realität hatte ihn schnell eingeholt. Die Vögel, die hin und wieder an ihnen vorbeizogen, waren alles andere als normal. Bisher hatte Eragon keinen einzigen von ihnen erkannt. Auch ihre Geister wirkten fremdartig und dabei vor allem aggressiv. So verhielten sie sich auch und das manches Mal ohne Rücksicht auf Verluste. Einige der Tiere hatten sie angegriffen. Natürlich war es Saphira nicht schwer gefallen, sie mit Klauen und Schwanz abzuwehren. Mit der Zeit hatte sie es sogar unterhaltsam gefunden und begonnen, für verschiedene Abwehrtechniken Punkte zu verteilen. Einen Punkt gab es für einen Prankenhieb, zwei für einen Schwanzschlag und drei für einen Fang mit dem Maul. Drei-Punkte-Vögel, wie Saphira sie treffend nannte, endeten oft in ihrem Magen. So war sie bald satt und zufrieden und richtete sich gemütlich ein, als nichts mehr als ein Knurren nötig war, um die Angreifer zu vertreiben.

Hier könnte man bleiben, merkte sie versonnen an. Der Blick in ihren Augen wirkte ein wenig abwesend und verträumt, während sie die Umgebung betrachtete. Eragon verzog nur das Gesicht und stieß mit dem Fuß einen kleinen Stein in den Abgrund. Nicht weit über ihnen thronte die Festung Edoc'sil, in der der letzte Anführer der Drachenreiter gefallen war. Im Nordosten lag das Palancar-Tal, die Heimat, die Eragon immer noch schmerzhaft vermisste. Ihre Position lag zu weit westlich, um einen Einblick ins Tal zu bekommen. Doch Eragon legte nicht besonders viel Wert darauf. Er wollte Carvahall und die Umgebung so in Erinnerung behalten, wie sie in seiner Kindheit und Jugend gewesen waren.

„Hier ist es nicht weniger erschreckend als an anderen Orten. Nur auf eine greifbarere Weise."

Möglicherweise war es einfach nur die unsichere Situation. Kaum hatten sie dieses Versteck erreicht, hatten sich Jonata und Istra auf den Weg gemacht, um nach Nahrung und Wasser zu suchen. Die Gruppe zu trennen, hatten Eragon missfallen. Er machte sich wohl oder übel Sorgen um Jonata, wenn sie allein wegging. In gewisser Weise hatte er doch die Verantwortung für sie. Sie hatte ihm jedoch nur mit einem Anfall von Empörung erklärt, dass sie kein kleines Kind mehr war und sich so wie so in dieser neuartigen Umgebung besser auskannte als er. Dem hatte Eragon nichts mehr entgegenzusetzen gehabt.

Noch mehr besorgte ihn allerdings die Tatsache, dass sie dort oben auf dem Berg warten mussten. Sie hatten mit Murtagh einen Treffpunkt am Fuß des Utgard ausgemacht. Zwar hatte Jonata mit Recht darauf hingewiesen, dass er schon einen Weg finden würde, sie zu kontaktieren. Trotzdem konnte Eragon keine Ruhe in dieser Situation finden. Allerdings hatte er längst begriffen, dass ihm nichts anderes übrig blieb. Daraus bestand wohl sein neues Leben.

Ein weiterer Vogel stürzte auf Drache und Reiter zu. Saphira fixierte ihn mit den Augen und knurrte ungehalten. Eragon konnte spüren, dass die Unterbrechung sie verärgerte. Es war gerade so angenehm gemütlich und friedlich gewesen. Trotzdem kam sie ihrer Pflicht nach. Geduldig ließ sie das Tier näher kommen. Spürbar mühsam unterdrückte sie ein Zucken ihres Schwanzes. Als der Vogel nahe genug war, ließ sie ihren Schwanz gegen dessen Bauch schlagen. Das Tier kreischte, kippte zur Seite und begann zu fallen.

Ich war nicht mehr hungrig.

Es klang, als wollte Saphira vor allem vor sich selbst rechtfertigen, warum sie nicht die höchste Punktzahl erreicht hatte. Eragon nickt unverbindlich während sein Blick dem Fall des Vogels folgte. Das Tier verschwand bald in der Wolkendecke, tauchte aber einige Augenblicke später wieder auf um taumelnd und schwerfällig mit den Flügeln schlagend davon zu fliegen. Eragon bewunderte die Präzision, mit der Saphira den Vogel abgewehrt und gehörig verschreckt hatte ohne ihm dabei ernsthaften Schaden zuzufügen. Er teilte diese Bewunderung mit ihr und lächelte als sie behaglich surrte.

Mit der Ruhe war es aber schnell wieder vorbei. Saphira hob ruckartig den Kopf und lauschte in die scheinbare Stille.

Ich bin gleich zurück. Sie erhob sich, stieß sich vom Felsen ab und ließ sich ein Stück in die Tiefe fallen, bevor sie die Flügel ausbreitete und langsam zu Boden glitt. Eragon sah ihr besorgt nach. Saphiras Geist war jedoch völlig ruhig und entspannt. Er ging also davon aus, dass nichts Besorgniserregendes passiert war. Das hätte sie ihn wissen lassen. Allerdings stellte sich ihm auch die Frage, warum sie ihm nicht verraten wollte, was es Harmloses zu sehen gab. Mit einem Ruck rief sich Eragon zur Ordnung. Er würde es schon erfahren und bis dahin gab es keinen Grund, sich aufzuregen. Wenn das Leben in dieser Zukunft je etwas Normales an sich haben sollte, würde er sich angewöhnen müssen, nicht hinter jedem Stein einen Gefahr zu wittern.

Wenige Minuten später brach Saphira wieder aus der Wolkendecke hervor. Eragon runzelte kurz die Stirn, als er jemanden auf ihrem Rücken sitzen sah. Schnell entspannte er sich aber wieder, als er Murtagh erkannte. Das erklärte Saphiras plötzlichen landete elegant auf dem Felsvorsprung und legte die Flügel an.

Du hättest mich ruhig vorwarnen können.

Saphira schnaufte leise und wartet geduldig, bis Murtagh abgestiegen war. Er tätschelte ihr dankend die Flanke. Dann drehte sich die Drachendame um und stupste Eragon sanft mit dem Kopf an.

Alles ist gut, Kleiner. Du machst dir zu viele Sorgen.

Ich weiß.

Raschelnd ließ sich Saphira wieder neben ihm nieder. Ihr Schuppen glänzten selbst im Licht der schwachen Sonne wie blanke Edelsteine und hielten Eragon für einen Moment im Bann. Es war schon einige Zeit her, dass er sie derart bewundert hatte. Ihr Anblick war viel zu gewohnt geworden. Möglicherweise waren all diese seltsamen Fügungen wenigstens dazu gut: ihm wieder bewusst zu machen, was er an Saphira hatte. In all diesen Gedanken nahm er nur nebenbei Murtaghs Schritte wahr, die sich entfernten, für einen Moment ganz verstummten und schließlich wieder näher kamen. Behutsam strich Eragon über Saphiras Flanke und fühlte, dass sich seine Sorge und die Verärgerung darüber langsam legten. Nun konnte er sich seinem Bruder widmen. Der Gedanke jagte ihm noch immer einen leichten Schauer über den Rücken. Er hatte die Erkenntnis noch lange nicht verdaut. Trotzdem war es hier ganz einfach; fast wie damals, als sie als Freunde zusammen gereist waren. Aber auch nur fast. Man sah Murtagh die Jahre an und es war deutlich zu spüren, dass ihm der frühere Tatendrang verloren gegangen war. Trotzdem hatte ihr Umgang in dieser Welt und unter diesen Umständen etwas Selbstverständliches an sich, dass in der Vergangenheit verloren gegangen war.

„Du siehst nicht aus, als hättest du einen erholsamen Ausflug hinter dir", stellte Eragon fest. „Ist irgendwas vorgefallen?"

Tatsächlich wirkte Murtagh noch erschöpfter als an dem Tag, an dem sie sich getrennt hatten. Er setzte sich neben Eragon und starrten einen Moment schweigend in die Luft. Seine Züge waren angespannt aber nicht wirklich besorgt. Eigentlich hatte Eragon erwartet, dass er zuerst nach Jonata und Istra fragen würde. Aber vielleicht konnte er sich denke, wo die beiden waren. Jedenfalls schien er keinen Grund zur Unruhe zu sehen.

„Ich habe keine Erholung erwartet", antwortete er schließlich. „Nicht in dieser Welt und dieser Zeit. Aber nein, es ist nichts vorgefallen. Warum auch? Hier gibt es nichts."

Fast nichts, korrigierte Saphira und schickten Bilder von ihren erfolgreichsten Vogel-Abfang-Manövern. Murtagh lächelte leicht und warf Saphira einen wehmütigen Blick zu, der Eragon fast wie ein Tritt in die Magengrube traf. Er braucht nicht die Gedanken des älteren Reiters zu hören, um zu wissen, was in ihm vorging.

„Ja, fast nichts", stimmte Murtagh ihr zu. „Ich hoffe, ihr konntet es mit Jonata und Istra aushalten. Ich weiß, die beiden können hin und wieder sehr anstrengend sein."

Sein Blick wurde entschuldigend, als hätte er tatsächlich ein schlechtes Gewissen dabei, sie mit seiner Tochter und deren Drachen allein gelassen zu haben. Sicher, das Mädchen konnte anstrengend sein und ihre Drachendame mit ihr. Aber nicht so anstrengend.

„Saphira hat sich mit Istra prächtig amüsiert, denke ich."

Schuppen raschelten leise, während Saphira den Kopf über den Abgrund streckte und nach unten sah. Die beiden Drachen hatten tatsächlich viel Spaß gehabt. Sie hatten gemeinsam jagen können, Erfahrungen ausgetauscht und festgestellt, dass selbst die finsterste und scheinbar lebensfeindliche Welt noch für Drachen geeignet sein konnten – wenn auch nicht unbedingt erstrebenswert.

„So schlimm?"

Murtagh biss die Zähne zusammen und klammerte unbehaglich eine Hand um den Rand des Felsvorsprungs. Dabei fiel Eragon auf, dass die Haut an den Knöchel seiner Finger abgeschabt oder aufgeplatzt war. Es wirkte fast, als hätte er damit gegen etwas Hartes geschlagen.

„Nein, eigentlich nicht. Es ist mir nur aufgefallen, dass Saphira die Gesellschaft gut tut", erklärte Eragon seine Worte. „Ansonsten muss ich wohl zugeben, dass wir ohne die beiden wahrscheinlich entweder verhungert oder an einer Vergiftung gestorben wären. Wenn ich mich so umsehen, hätten wir vielleicht nicht einmal den Weg hier her gefunden. Jonata ist ein wenig gewöhnungsbedürftig und eine sehr starke Persönlichkeit, aber so weit ich das beurteilen kann, hat sie ein gutes Herz und ehrliche Absichten."

Murtagh entspannte sich wieder ein wenig, reagierte aber sonst nicht auf die Erklärung. Saphira hingegen hatte zufrieden geschnauft, als Eragon Istras guten Einfluss auf sie erwähnt hatte. Es tat ihr gut, sich mit einem anderen Drachen austauschen zu können. Bisher hatte sie nur Glaedr gehabt. Natürlich hatte sie nach wie vor nichts an der Gesellschaft des goldenen Drachens auszusetzen. Trotzdem war ihre Beziehung niemals so unbeschwert gewesen.

„Jonata hat mir eine interessante Geschichte erzählt", ergriff Eragon nach einigen Minuten des Schweigens wieder das Wort. „Die Legende vom Drachenfelsen. Sie könnte vielleicht in Verbindung stehen mit einer Vorhersage, die mir gemacht wurde – von einer Werkatze."

Murtagh zog die Augenbrauen hoch und schien einen Moment überlegen zu müssen, ob er glauben konnte, was er gehört hatte. Werkatzen galten gemeinhin eher als Legende denn als existierende Wesen. Möglicherweise musste er sich erst darüber klarwerden, dass es sie tatsächlich gab.

„Das dürfte die letzte gute Tat sein, die sie vollbracht hat. Galbatorix hat die wenigen noch existierenden Werkatzen ebenso verfolgen und töten lassen wie alle anderen, die er als seine Feinde betrachtet. Ich wüsste nicht, dass noch eine von ihnen übrig ist", erklärte Murtagh mit belegter Stimme. „Man sagt, was eine Werkatze sagt, ist immer von Bedeutung. Aber ich wüsste nicht, welche Bedeutung diese Geschichte haben könnte."

„Die Werkatze sprach davon, dass ich das Verließ der Seelen und den Felsen von Kuthian finden müsste. Darüber ist Jonata auf die Legende gekommen. Wir hatten gehofft, du könntest uns mehr darüber erzählen. Immerhin hast du das Buch selbst in den Händen gehalten. Wir müssen wissen, wo sich der Felsen befindet."

Murtagh schüttelte entschuldigend den Kopf und dachte angestrengt nach. Eragon blieb nur zu hoffen, dass er sich an etwas Nützliches erinnern würde. Und wenn es nur ein kleiner Hinweis war, würde das vielleicht schon genügen.

„Ich wüsste nicht, dass etwas über den Standort in der Legende gestanden hat", teilte ihm Murtagh schließlich zu seiner Enttäuschung mit. „Wenn doch, dann interessiert es nicht nur dich. So betrachtet ergeben einige Dinge mehr Sinn. Mir ist damals nicht entgangen, dass sich auch Galbatorix für dieses Buch und die Geschichten interessiert hat. Ich persönlich habe es nie wirklich ernst genommen. Ich war der Meinung, dass einfach nur Legenden erzählt werden sollten – Legenden, deren Wahrheitsgehalt mehr als zweifelhaft ist. Als Geschichten für kleine Kinder haben sie sich gut geeignet."

Eragon musst tief durchatmen, um sich nicht in seinen sich überschlagenden Gedanken zu verlieren. Dass sich Galbatorix auch für das Buch interessiert hatte, war keine gute Nachricht. Womöglich hatte auch er Hinweise auf den Felsen von Kuthian und das Verließ der Seelen – was auch immer das nun wirklich sein mochte – erhalten. Das konnte bedeuten, dass er ihnen bereits einen Schritt voraus war. Wenn es ihm gelungen war, das Verließ der Seelen zu finden, war vielleicht jede Hoffnung endgültig verloren.

Wahrscheinlich weiß er ebenso wenig wie wir. Das Buch enthält offensichtlich keine anderen Hinweise, gab Saphira zu bedenken.

Mag sein. Aber er hat andere Möglichkeiten, dieser Legende nachzugehen. Möglichkeiten, die wir uns vielleicht nicht einmal vorstellen können.

Offenbar war Eragon die Besorgnis anzusehen, denn Murtagh musterte ihn nachdenklich als wäre er zu dem Schluss gekommen, möglicherweise etwas Falsches gesagt zu haben.

„Das klingt nicht gut", meinte Eragon schließlich angespannt. „Wenn Galbatorix diesen Ort gefunden hat, stehen wir vielleicht vor noch einem Problem, das sich kaum bewältigen lässt, und haben unseren letzten Trumpf eingebüßt."

Saphira regte sich unbehaglich und warf einen verlegenen Blick über die Landschaft. Es wirkte alles friedlich. Die Vögel hatten wohl beschlossen, ihre Angriffe endgültig einzustellen. Es brachte ihnen doch nichts weiter als Schmerzen oder gar den Tod. Mit dieser Art der Bedrohung waren Drache und Reiter jedoch wesentlich besser zurecht gekommen, als mit der gespenstischen Stille, die nun wieder herrschte.

„Es steht nicht fest, dass Galbatorix dem Geheimnis auf die Spur gekommen ist. Er konnte nicht mehr aus der Geschichte erfahren als ich. So viel weiß ich über das Buch: Es wurde von deinem berühmten Namensvetter verfasst. Er hat nur ein einziges Exemplar davon angefertigt. Über lange Zeit existierte nur dieses eine Buch. Dann wurde eine Handvoll Abschriften angefertigt. So weit ich das einschätzen kann besitzt Galbatorix nur drei dieser Abschriften. Die anderen gelten als verloren. Er hat sie als wertlos bezeichnet, da sie angeblich unvollständig sind. Es sollen wichtige Dinge wie Zeichnungen, Karten und ganze Textpassagen fehlen. Allerdings hat auch das bestenfalls den Wert eines Gerüchts."

Eragon und Saphira schenkten Murtagh gleichzeitig ihre volle Aufmerksamkeit. Diese Erkenntnis veränderte die Lage wiederum erheblich. Unter diesen Umständen standen ihnen vielleicht doch noch alle Möglichkeiten offen. Es war zwar nur eine geringe Chance, aber es war eine Chance und die hatten sie gerade in dieser Zukunft bitter nötig.

„Was ist mit dem Original geschehen? Wo könnte es sein?", wollte Eragon wissen.

Murtagh zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Niemand scheint es zu wissen. Vielleicht befand es sich auf Vroengard, vielleicht in Ilirea, vielleicht auch in Ellesméra. Möglicherweise existiert es längst nicht mehr. Wie es auch immer sein mag, Galbatorix besitzt es nicht und je mehr ich mir deine Worte durch den Kopf gehen lasse, desto mehr erleichtert mich dieser Gedanke."

Eragon nickte zwar zustimmend, war aber nicht wirklich erleichtert. Wenn Galbatorix das Buch nicht gefunden hatte, wie sollten sie es dann finden? Sie hatten nicht einmal annähernd vergleichbare Mittel, erheblich weniger Zeit und nicht die geringste Ahnung, wo sie anfangen sollten zu suchen.

Damit wären wir wieder da, wo wir angefangen haben.

Eragon stimmte Saphira brummend zu, auch wenn er diesen Satz nun wirklich nicht hatte hören wollen. Andererseits hatte sie auch nicht völlig Recht. Der Hinweis und die Legende zusammen verliehen sich gegenseitig eine Glaubwürdigkeit, die sie einzeln wohl nicht besessen hätte. Er war sich inzwischen sicher, dass etwas dahinter stecken musste und dass es ich lohnte, dieser Sache weiter nachzugehen. Die Frage war nur: Wie? Darauf wollte ihm nicht einmal im Ansatz eine Antwort einfallen. Allerdings erwartete er das auch nicht. Die besten Ideen kamen einem selten sofort.

Die trübe Sonne, die selbst weit oben auf dem Utgard noch von Wolken verhangen war, ging langsam unter und erzeugte im Kampf mit der Dunkelheit der Nacht ein schauriges Zwielicht. Es war so kalt geworden, dass sich Eragon in eine Decke gewickelt und an Saphira geschmiegt hatte. Er war sich sicher, dass er sich einen großen Teil der Kälte nur einbildetet. Ganz sicher würde er auch ohne Decke nicht erfrieren. Doch die Atmosphäre war beunruhigend. Das Gespräch war nach Murtaghs Bemerkung über das ungewisse Schicksal des Buchs abgebrochen. Eine Weile hatte jeder seinen eigenen Gedanken nachgehangen. Dann hatte sich Murtagh daran gemacht, aus den wenigen Vorräten, die sie noch besaßen, ein einigermaßen brauchbares Abendessen zubereiten. Eragon hatte ihm zur Hand gehen wollen, doch Murtagh hatte die Hilfe abgelehnt.

Inzwischen knisterte ein kleines Feuer am Eingang zur Höhle. Jonata und Istra waren nach wie vor nicht zurück, doch diese Tatsache Eragon nun nicht mehr aus der Ruhe. Seine Hand ruhte auf Saphiras Hals. Die Drachendame beobachtete gedankenverloren Murtagh und das Feuer. Eragon konnte mitverfolgen, wie sie sich Gedanken darüber machte, wie es wohl wäre, wenn sie einander nicht mehr hatten. Ihre Angst bei dem Gedanken, ohne ihn weiterleben zu müssen, war so bedrückend, dass er sich fast instinktiv enger an sie schmiegte, die Arme um ihren Hals schlang und beruhigend über ihre Schuppen strich. Sie machte sich auch Gedanken darüber, was aus ihm werden würde, wenn sie nicht mehr da war. Eine Mischung aus Trauer und Bewunderung für Murtagh erfüllte sie und die Erkenntnis, warum er seinen Verlust mehr oder weniger überwunden hatte. In Eragons Fall stellte sie sich die Situation schwieriger vor. Er hatte kaum noch Familie und keine, für die er sorgen musste wie für ein Kind, kein echtes Zuhause und würde allein wohl den Mut verlieren, seine Aufgabe zuende zu führen. Was also würde ihn in solch einem Moment bei Kräften halten?

Eragon rümpfte die Nase und fühlte sich einen Moment fast beleidigt davon, wie wenig Stärke ihm Saphira zutraute. Bald musste er sich selbst jedoch eingestehen, dass sie wahrscheinlich nicht völlig Unrecht hatte.

Wie ist Dorn gestorben?

Eragon zuckte zusammen, als er Saphiras Worte vernahm. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihre Gedanken und Fragen äußern würde. Natürlich hatte er sich diese Frage auch schon gestellt. Bisher hatte er aber nicht den Mut aufgebracht, sie auch wirklich auszusprechen. Die Antwort hätte ihm vermutlich nicht gefallen und er wollte auch Murtagh nicht mit der Erinnerung quälen. Saphira bedrückte diese Frage aber wohl zu sehr um sie weiter für sich zu behalten. Eragon konnte sehen, wie sich Murtaghs Körper verkrampfte. Er starrte weiter das Feuer an und schien Saphira nicht beachten zu wollen. Unbehagen breitete sich in der blauen Drachendame aus.

Warum musste ich auch fragen, meinte sie besorgt zu Eragon.

„Nicht so, wie ein Drache sterben sollte, wenn er es überhaupt sollte."

Eragon atmete erleichtert aus, als Murtagh schließlich doch antwortete. Der ältere Reiter drehte sich zu ihm und Saphira um und der schmerzliche Ausdruck auf Murtaghs Gesicht traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht.

„Es ist im Grunde nur passiert, weil wir meinten, uns wie Helden aufführen zu müssen", setzte Murtagh fort. „Nachdem Galbatorix mit der Eroberung von Du Weldenvarden auch die letzten ernstzunehmenden Feinde unschädlich gemacht hatte, kamen wir zu der Ansicht, dass wir nichts mehr zu verlieren hatten. Höchstens noch unser Leben, aber das hatte zu diesem Zeitpunkt praktisch keinen Wert mehr für uns. Wir haben also entschieden uns – so weit es unsere Schwüre und die darauf aufbauenden Anweisungen erlaubten – gegen Galbatorix zu stellen. Im Verborgenen natürlich. Vor allem nachdem Arya und ihr Drache zu uns gestoßen waren, haben wir auch tatsächlich einige ansehnliche Erfolge erzielt. Wir konnte viele Gefangene befreien und einige von Galbatorix Handlangern aus dem Weg räumen. Natürlich waren das alles nur Tropfen auf den heißen Stein, aber es hat uns das Gefühl gegeben nicht machtlos und untätig zu sein. Aber wie wir uns auch durchaus hätten denken können, konnte es nicht ewig so weiter gehen. Wir wurden bei einem dieser Befreiungsversuche erwischt. Die Gefangenen, die wir hatten retten wollen, wurden sofort und ohne Rücksicht getötet. Aber damit war Galbatorix noch lange nicht zufrieden. Er musste seine Wut an jemandem auslassen, jemanden leiden sehen. Er hat sich entschieden, Dorn zu töten um mich zu bestrafen. Mit eigenen Händen hat er es getan und ich musste zusehen ohne auch nur das Geringste für Dorn tun zu können."

Die folgende Stille er erdrückend. Das Atmen fiel Eragon schwer und ihm fehlten die Worte obwohl er das drängende Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen. Sein Griff und Saphiras Hals wurde kräftiger, als würde sie augenblicklich verschwinden oder tot umfallen, wenn er sie nicht fest genug hielt. Ein leichtes Zittern durchfuhr den Drachenkörper und Eragon konnte Saphiras Entsetzen spüren. Langsam öffnete er den Mund, um nun doch etwas zu sagen, brachte aber keinen Ton zustande.

„Wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht Lyda an meiner Seite gehabt hätte, wäre ich wohl nicht mehr lange am Leben gewesen." Es hörte sich fast an, als hätte Murtagh damit eine unverzeihliche Schwäche eingestanden. „Nachdem Jonata auf der Welt war gab es nur noch diesen einen Weg. Wir mussten diesen grausigen Ort verlassen, an den kein Kind gehört. Arya, Faru und Shruikan haben uns geholfen, Istras Drachenei zu stehlen und die Stadt unbemerkt zu verlassen. Es war leichter, als ich es mir vorgestellt hatte. Nicht unbedingt leicht, aber leichter. Zu diesem Zeitpunkt hat mich Galbatorix als Gegner wohl nicht mehr ernst genommen. Sicher ist ihm aufgefallen, dass Dorns Tod mich so sehr verändert hatte, dass die Schwüre wertlos geworden waren. Aber er hat vermutlich nicht geglaubt, dass ich noch genug Wille und Kraft besaß, um mich ihm weiter in den Weg zu stellen. Nur deswegen konnten wir entkommen. Ich gebe zu, ich hätte gern sein Gesicht gesehen, als ihm dieser Fehler bewusst geworden ist."

Eragon versuchte die Situation richtig zu erfassen. Murtagh war also mit einem gestohlenen Drachenei auf der Flucht? So musste es sich Galbatorix jedenfalls darstellen. Das konnten man wohl nicht unbedingt als sichere Umstände bezeichnen.

„Dann muss man euch doch verfolgen. Galbatorix lässt sich das Ei sicher nicht einfach so entgehen – erst recht nicht, wenn er weiß, dass ein weiblicher Drache daraus schlüpfen wird."

Murtagh hatte sich nebenbei bemüht, ihnen eine einigermaßen schmackhafte Suppe zuzubereiten. Nun füllte er etwas davon in zwei Schüsseln und begab sich damit wieder zu Eragon. Er reicht dem jüngeren Reiter eine der Schüsseln und setzte sich um selbst einen Löffel voll zu versuchen bevor er antwortete.

„Wenn sich die Dinge so entwickelt haben, wie unser Plan war, hält Galbatorix mich für tot und das Ei für verschollen oder gar zerstört. Es hängt davon ab, wie gut Arya, Faru und Shruikan lügen konnten. Aber ich habe großes Vertrauen in die drei. Ich habe getan was ich konnte, um den Eindruck aufrecht zu erhalten. Es ist dafür gesorgt, dass uns niemand in der Traumsicht sehen kann und wir haben es stets vermieden, von jemandem gesehen zu werden. Entweder hat das gereicht oder es kümmert Galbatorix einfach nicht. Er hat Zeit und einen weiblichen Drachen in seiner Gewalt."

Eragon schüttelte heftig den Kopf. Das passte nicht zu dem, was er bisher über Galbatorix gehört hatte. Der König würde nicht so leicht auf etwas verzichten, dass er als sein rechtmäßiges Eigentum ansah. Sicher war es auch nicht leicht, ihn zu täuschen. Konnte Methode hinter der ganzen Sachen stecken? Aber welchen Sinn konnte es haben, Murtagh jahrelang allein unbehelligt durch das Land ziehen zu lassen?

„Ich verstehe, dass du besorgt bist, Eragon", murmelte Murtagh unbehaglich. „Ich bin mir meiner Sache auch nicht so sicher, wie ich gern wäre. Aber es ist jetzt über dreißig Jahre her, dass wir geflohen sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass man uns jetzt noch sucht, ist gering."

Unwillig und nur mit einem Schulterzucken gab stimmt Eragon ihm zu. Im Grunde hatte er Recht. Was konnte jetzt noch passieren, außer dass sie sich ungeschickt anstellten und dadurch entdeckt wurden?

Mir ist nicht wohl dabei. Nervös verlagerte Saphira ihr Gewicht.

Wir haben keine Wahl als diese Situation als gegeben hinzunehmen. Sollte Galbatorix tatsächlich über Murtagh, Jonata und Istra Bescheid wissen, können wir das weder wissen noch ändern.

Saphira antwortete nicht, doch ihr Widerwille blieb spürbar, auch wenn sich Eragon nicht sicher war, ob er ihn nicht mit seinem eigenen verwechselte.

„Woher sind die zusätzlichen Dracheneier gekommen?", wollte Eragon schließlich wissen.

„Das ist eine gute Frage. Sollte ich jemals eine Antwort darauf finden, werde ich es dich wissen lassen."

„Hmm", brummte Eragon nur und sah ein, dass er in dieser Richtung wohl zu keinen neuen Erkenntnissen mehr kommen würde.

„Und jetzt wäre ich dir sehr dankbar, wenn du dich auf Fragen beschränken könntest, auf die es eine einfache oder überhaupt nur eine Antwort gibt."

Eragon atmete tief durch. Im Moment wollte ihm wirklich nichts einfallen. Deshalb schwieg er lieber und machte sich über die Suppe her. Sie schmeckte ungewohnt aber nicht schlecht und es war immer noch besser als zu hungern.