And in the End We Lie Awake

Wilson schlug die Bettdecke zurück und blieb einen weiteren Moment mit offenen Augen, die in die Dunkelheit über ihm starrten, liegen. Der Jetlag und die plötzliche Temperaturänderung machten ihm zu schaffen. Und wie immer die rasenden Gedanken in seinem Kopf.

Schließlich schwang er die Beine vom Bett und fand ein wenig Entspannung auf dem kühlen Holzfußboden, dessen Temperatur sein erhitzter Körper mit den nackten Füßen in sich aufsog. Er schloss die Augen, seine Lider waren schwer und fühlten sich eigenartig wund an. Nicht nur sie verlangten nach dem erholsamen Schlaf, den ihm seine Gedanken letztendlich doch nicht zugestanden.

Auf dem Stuhl neben dem Bett entdeckte er sein T-Shirt und zog es über. Auch wenn die Luft stickig und warm war, wollte er sich nicht nackt und verletzlich fühlen, als er das Zimmer leise verließ. Seine baren Füße hinterließen keinerlei Geräusch auf den Treppenstufen und voller Genuss blieb er unten angekommen einen Moment lang im Flur stehen, der von einem angenehmen Windhauch durchweht wurde. Zum ersten Mal fühlte sich der Schweiß auf seiner Haut gut und willkommen an.

Erst nach ein paar Sekunden bemerkte er, warum die Luft hier nicht stand wie oben in seinem Zimmer. Eine Tür, die nach hinten in einen kleinen Hinterhof mit Kräutergarten führte, stand offen und ließ ein wenig des Mondlichtes ins Haus fallen und spielte gleichzeitig Durchschlupf für den Wind.

Wilson musste nicht nachdenken, um zu wissen, dass es House war, der auf den Stufen draußen saß. Er trat etwas fester auf, als er auf ihn zuging, damit seine Füße ein paar leise Geräusche machten und House keinen Herzinfarkt bekam, wenn er plötzlich hinter ihm auftauchte.

House wiederum brauchte kein besonders gutes Gehör, um die Geräusche, die die auf dem Boden klatschenden Füße machten, jemandem zuzuordnen. Er rutschte bereits ein Stück zur Seite, bevor Wilson überhaupt bei ihm angekommen war.

Wilson setzte sich neben ihn und betrachtete den Hinterhof. Kein weiter Blick auf beeindruckende Landschaften im Mondlicht, nur die von Stein eingeengte Weite weniger Meter. Trotzdem schufen die verschiedensten Kräuter auf kleinen Beeten und in Töpfen ein schönes Bild, das Wilson ein paar Sekunden lang in sich aufnahm.

"Ist normal", sagte House unvermittelt.

"Was?"

"Schlaflosigkeit. Die Temperaturen, die gewisse Schwere der Luft."

"Ich glaube, es ist nicht nur das."

House nickte verstehend und sah auf seine Füße hinunter, die selbst im faden Mondlicht unterschiedlich erschienen. Fleisch und Blut gegen Kunststoff mit ein wenig Mechanik. "Wirst du ihn operieren?"

Wilson wiegte den Kopf leicht unsicher hin und her. "Es ist ziemlich kompliziert. Wir brauchen ein gutes Assistententeam in Bangalore, damit wir bei Komplikationen schnell handeln können."

"Das ist kein Problem. Kann ich auf die Beine stellen. High-Tech-OP auch."

"Es wäre natürlich ideal ihn in den USA zu operieren, aber sein Zustand lässt den Flug nicht zu."

House machte ein zustimmendes Geräusch.

"Wie bist du auf seinen Fall aufmerksam geworden?", fragte Wilson interessiert und die Worte von Kiran hallten immer noch in seinem Kopf.

"Zufall."

"Das klang bei Kiran aber anders."

Ohne Reaktion blieb House in der gleichen Position sitzen.

"Kann es sein, dass du seit Jahren durch die Weltgeschichte reist, immer auf der Suche nach irgendeinem Fall, der interessant genug für mich wäre, damit du ihn als Vorwand nehmen kannst, um bei mir aufzutauchen?"

"Kann es sein, dass du dich ganz schön wichtig nimmst?", entgegnete House, doch seine Stimme war alles andere als bitter oder vorwurfsvoll. Im Gegenteil. Sie verriet Wilson, dass er nicht falsch gelegen hatte und gleichzeitig wusste House, dass er ihn gut genug kannte, um das herauslesen zu können.

Ein schwaches Grinsen lag auf House's Gesicht, doch es verschwand, als auch in Wilsons Gesichtszüge der Schmerz des Vergangenen zurückfand.

"Was ist damals bloß passiert?", fragte er und spürte sogleich wieder das Loch in seiner Brust, das immer unangenehm zu schmerzen begann, wenn er an die Zeit zurückdachte. Das Loch, das ihm die Luft zum Atmen nahm.

House drehte seinen Kopf und sah Wilson untypischerweise von der Seite an. Vielleicht weil er wollte, dass er dessen Schmerz selbst fühlte, dass er einmal nicht den Fluchtweg nahm und wegsah, so wie er es sonst immer tat. "Cuddy", sagte er simpel, während er fühlte, dass seine Stimme bei jedem weiteren Wort weggebrochen wäre. Seine Augen blieben auf Wilson gerichtet, der sich leicht misstrauisch zu ihm drehte.

"Dass es irgendetwas mit ihr zu tun hatte, habe ich mir damals gedacht. Ich war rasend vor Wut, dass keiner von euch mit mir gesprochen hat", gab Wilson zu.

"Es ging auch eigentlich nur uns beide an."

"Bis zu dem Zeitpunkt, an dem es auch alle anderen anging, die du da mit reingezogen hast."

"Wir haben miteinander geschlafen."

"Okay", sagte Wilson langsam.

"Sie ist schwanger geworden."

"Oh."

"Ich hab Panik bekommen, der Alkohol stand ein bisschen zu griffbereit und dann kam eins zum anderen. Nicht, dass das eine Entschuldigung wäre."

Wilsons Blick war leer und er atmete ein paar mal schwerfällig. "Warum hast du mir damals nichts davon erzählt?" Es verletzte ihn auch jetzt noch.

Der Blick von House war entschuldigend. "Cuddy hat mich gebeten, dass es zwischen uns bleibt. Es überrascht mich, dass sie es dir danach nie selbst erzählt hat."

"Wir haben nicht oft miteinander gesprochen."

"Ich weiß."

"Du warst bei ihr?"

Er nickte. "Bevor ich nach New York gekommen bin."

"Was ist aus dem Baby geworden?", fragte Wilson leicht verwirrt. Er wusste, dass Cuddy eine Tochter hatte, aber sie war zu jung, um das Ergebnis von damals zu sein.

"Sie hat es verloren", sagte House und sah zum ersten Mal wieder von Wilson weg. "Eine Sache, an der ich vielleicht nicht ganz unschuldig war."

Es vergingen Minuten des Schweigens, bevor Wilson seine Stimme, wenn auch nur schwach wiederfand. "Danke", wisperte er.

"Für was?", wollte House wissen und sah Wilson konfus an, weil ihm der Zusammenhang nicht klar wurde.

Einen Moment lang wusste Wilson selbst nicht, warum er das gesagt hatte. Es war manchmal so, dass man Dinge sagte, die ganz tief aus dem eigenen Inneren herauskamen. Dinge, über die man noch nicht einmal rational nachgedacht hatte, die aber trotzdem da waren. "Für die Wahrheit, glaube ich." Er zuckte mit den Schultern. "Es fühlt sich besser an zu wissen, was passiert ist. Besser als sich ständig die Dinge selbst auszumalen und am Ende doch zu keine Antwort zu finden."

"Es fühlt sich besser an zu wissen, woran man ist", bestätigte House.

Wilson überlegte einen Moment. "Dann solltest du wissen, dass das zwischen uns nicht einfach wieder so wie früher werden wird."

House nickte betroffen.

"Ich brauche Zeit."

"Ja, kannst du haben." Seine rechte Hand schob sich durch die Dunkelheit langsam zu Wilson, der sie schließlich nahm und wortlos schüttelte. Das prickelnde Gefühl, das auf seiner Hand zurückblieb, erinnerte House daran, dass es wirklich passiert war, auch wenn sie es beide nicht weiter thematisierten.

"Was hast du jetzt vor? Ich meine, wenn all das hier vorbei ist?", fragte Wilson ein paar Momente später.

House zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Hab gehört in New York gibt es ab und zu freie Stellen."

"Ich weiß nicht, ob dir irgendein Krankenhaus in den Staaten nochmal einen Job gibt."

Ein weiteres Schulterzucken. "Dann eben was anderes. Taxifahrer, Clown auf Kindergeburtstagen, Bankräuber."

"Nummer Eins und Zwei würde ich unterstützen."

"Nummer Drei ist vielleicht auch gar nicht nötig, schließlich haben wir Ant." Er zog den Namen so lang es nur ging.

Ein Lachen zeigte sich auf Wilsons Gesicht. "Bilde dir nicht ein, dass er aus meinem Leben verschwindet."

House machte ein abschätziges Geräusch, das seine Worte jedoch relativierten. "Er ist okay."

"Das ist er."

"Ich bin beeindruckt, dass du jemanden gefunden hast, der deinen schlechten Krawattengeschmack teilt."

"Du hast einfach nur keine Ahnung von Krawatten."

"Niemand sollte Ahnung von Krawatten haben."

Wilsons belustigter Blick fiel nach unten auf den Gegenstand zwischen ihnen beiden. "Warum hast du eigentlich immer noch den Stock? Angst dich von deinem Markenzeichen zu trennen?"

"Mein Markenzeichen ist mein Charme", erklärte House selbstsicher.

"Der, den du vor circa dreißig Jahren verloren hast?", stichelte Wilson. "Also, warum nicht ohne Stock?"

House zuckte unwissend mit den Schultern. "Keine Ahnung. Zum Laufen lernen habe ich ihn gebraucht. Und dann ist er halt einfach geblieben."

"Er liegt gut in der Hand."

"Tut er." House betrachtete den ebenmäßigen Griff, dessen schwungvolle Form im Mondlicht besonders hervorgehoben wurde.

"Probier's doch mal ohne."

"Was?", fragte House wie aus seinen eigenen Gedanken gerissen.

Wilson stand auf und klopfte sich ein wenig Dreck von der Hose. Barfuß lief er die zwei Stufen hinunter und stellte sich direkt vor House, der fragend zu ihm aufsah. Dann streckte er seine Hand aus und wartete. "Komm schon."

House verdrehte die Augen. "Nein, das ist albern."

"Dann ist es ja genau das richtige für dich." Auffordernd bewegte er seine ausgestreckte Hand.

Mit einem letzten Blick auf den Stock neben ihm nahm House zögerlich Wilsons warme Hand und ließ sich von ihm nach oben ziehen. Er stolperte prompt ein Stückchen nach vorn, als er stand. "Langsam."

Wilson nickte und stellte sich rechts neben ihn. Seine linke Hand hielt House am Oberarm fest, während sein Blick auf dessen Füße fiel. Die Zehen des linken Fußes krallten sich unsicher am Boden fest, doch fanden sie auf den steinernen Platten keinen besonderen Halt. "Wann immer du bereit bist."

Es dauerte einen Moment, bis House sich auch wirklich bereit fühlte und realisierte, dass es Wilsons Hand an seinem Arm war, die ihm die nötige Sicherheit gab. Langsam setzte er den rechten Fuß nach vorn und verlagerte dann sein Gewicht darauf, um das linke Bein nachzuziehen. Ein wenig knickte er dabei ein, doch Wilson hielt ihn fest.

"Wo hast du eigentlich dieses Bein her?", fragte Wilson ablenkend.

"Made in China."

"In dem Fall hätte ich vielleicht auch noch einen Stock zusätzlich benutzt", scherzte Wilson und lockerte seinen Griff an House's Oberarm etwas.

Konzentriert wiederholte House die Bewegungsabfolge und vermied es diesmal aus dem Gleichgewicht zu kommen. Beim fünften Schritt fühlte er sich sicher. Beim siebten Schritt ließ Wilson ihn los und er ging allein durch den Hof. Als er hinten an der Mauer angekommen war, drehte er um und lief zurück zu Wilson, der dort stehen geblieben war, wo er House losgelassen hatte.

"Und? Geht's?"

House nickte und ein zufriedener Ausdruck ersetzte den leicht nervösen auf seinem Gesicht. "Ja, geht. Im wahrsten Sinne des Wortes."

Auch Wilson lächelte zufrieden. "Übrigens, mein Deckenventilator quietscht tatsächlich."

"Sollte auch kein Witz sein", sagte House und sah auf seine Prothese hinab, die sich zum ersten Mal so anfühlte, als wäre sie mehr oder weniger ein Teil von ihm.

"Das Ding ist krumm und schief und eiert an der Decke herum."

Wilsons Worte erinnerten House an den Tag, der nur etwa zwei Wochen zurück lag. Der Deckenventilator träge über ihm, die morgendliche Hitze bereits unerträglich, und ein Plan in seinem Kopf, der letztendlich doch mehr als nur eine Idee war. Ausschlagen und abweichen um jeden Preis, und am Ende doch immer wieder zu dem gleichen Punkt zurückkehren, egal wie falsch und dumm, wie ausweglos und einsam dieser auch sein möge.

"Ist doch sympathisch", sagte er schließlich.

"Auf seine ganz eigene Art und Weise irgendwie schon."

House realisierte, dass er wieder zu dem gleichen Punkt zurückgekehrt war. Nur, dass er diesmal nichts von alledem war: falsch, dumm, ausweglos, einsam. Er war genau das Gegenteil davon. Und es war ein Punkt, an den er wieder zurückkehren wollte. Und das nicht nur, weil es seine Bahn befahl. Er sah Wilson einen Moment lang gedankenverloren an und schüttelte sich dann, als er bemerkte, dass Wilson verwirrt zurück starrte.

"Was ist? Noch eine Runde?"

"Ja", sagte House und setzte sich wieder in Bewegung.

Und so liefen sie Seite an Seite langsam durch einen Hinterhof mitten in Indien, dessen wunderliche Schönheit in dieser Nacht nur vom Mond gewürdigt wurde, der auch ihre beiden Gestalten erhellte. Schritt für Schritt ging es voran. Bloß nicht anhalten.

ENDE