* Ich weiß, dass in England die Geschenke erst am 25. Dezember ausgepackt werden, aber das hat nicht ganz in meinen Handlungsplan gepasst. Deshalb ‚entpackt' Harry jetzt trotzdem am 24..
Kapitel 10 – Truthahn
Weihnachten 2000, Londoner Vorort
Leise rieselte der Schnee am Fenster vorbei. Still und starr ruhte der kleine Teich im Park. Die Bäume glänzten von den winzigen Kristallen, die sich auf sie gelegt hatten. Nahezu unberührt glitzerte die Schneedecke in der blassen Wintersonne, die immer öfter hinter den wenigen Wolken hervorblitzte. Es war ruhig, wie als hätte die Kälte alle Laute eingefroren, auch wenn man dem Tag nicht ansah, welche Temperaturen die Menschen in ihren Häusern hielten.
Harry stand an die Rückenlehne seines Sofas gelehnt vor dem Fenster und sah hinaus. Es war ein wunderschöner Tag. Es war Weihnachten. Harry schloss seine Augen und unbewusst umspielte ein Lächeln seine Lippen. Weihnachten. Ein besonderer Tag. Seit er nach Hogwarts gekommen war, war dieser Tag für ihn ein besonderer gewesen und es seitdem geblieben.
Er hatte zum ersten Mal Geschenke bekommen, hatte zum ersten Mal den Zauber gespürt, den Weihnachten mit sich brachte, er hatte sich zum ersten Mal in seinem Leben geliebt gefühlt. Und auch wenn nur Ron bei ihm gewesen war, so hatten ihn die Geschenke doch daran erinnert, dass auch andere Menschen an ihn dachten...
Heute hatte er seinen Schilden erlaubt Eulen seine Wohnung finden zu lassen, zumindest insofern sie keinerlei Zauber trugen. Unter dem kleinen, mit leichten Glaskugeln, Figürchen und Lichtern bunt geschmückten Baum lag, was sie gebracht hatten. Ein Paket von Mrs. Weasly, sicher voll mit selbstgekochten Leckereien und dem üblichen selbstgestrickten Pullover. Später, gegen Abend*, würde er ihn auspacken und tragen. Daneben lagen ein rechteckiges Päckchen, dass verdächtig nach einem Buch aussah und vermutlich von Hermine war. Auch Rons Geschenk lag unter dem Baum, ebenso ein beachtlicher Korb mit nahezu radgroßen Keksen von Hagrid. Ein größeres Paket war von drei Eulen getragen erst vor ein paar Minuten durch das Fenster geschwankt. Schon das grelle Papier deutete darauf hin, dass es von Fred und George kam und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit voll von schon bekannten und brandneuen Scherzartikeln war.
Alle Eulen hatten neben den Geschenken auch einen Brief überbracht, sogar von Doktor Sanders war einer eingetrudelt, sicher mit strikter Anweisung, sind mehr zu schonen. Aber Harry hatte noch keinen geöffnet, ebenso wenig wie die Geschenke. Das würde er erst am Abend tun. Erneut musste Harry lächeln. Er freute sich schon darauf, sie endlich auszupacken und die Briefe zu lesen.
Die Geschenke für seine Freunde hatte er schon am Abend zuvor losgeschickt, mit Eulen vom Postamt in der Winkelgasse, weil er ja keine eigene mehr hatte. Hermine hatte er einen dicken Wälzer auf altgriechisch geschickt, über die Entwicklung von Heilzaubern und deren Ausführung. Ron hatte er eine Saisonkarte für die Chudley Cannons besorgt. Die knallorange Farbe, wie er sie noch von damals aus Rons Zimmer kannte, hatte ihm fast die Augen ausgebrannt.
Für Hagrid hatte er selbst alle Menagerien der Zauberstraße abklappert, um ein Haustier zu finden, das hässlich genug war um dem Halbriesen zu gefallen und gleichzeitig ungefährlich war. Es war eine lange Suche gewesen, aber schließlich hatte er einen riesigen Hypnosamalander gefunden, der mit seinen Zacken auf den Wirbeln zwar gruselig aussah, allerdings hauptsächlich Hundefutter fraß und als einzige magische Fähigkeit Menschen zum Einschlafen bringen konnte. Noch war der Samalander auch nicht riesig, sondern ein Ei, aber das würde sich in Hagrids Händen sicher bald ändern.
Er wusste, sowohl die Zwillinge als aus Mrs. Weasley würden keine Geschenke von ihm annehmen, aber er hatte es sich trotzdem nicht nehmen lassen, ihnen trotzdem einen Brief zu schreiben und ein paar Kleinigkeiten dazuzugeben, die ihm in der Winkelgasse aufgefallen waren.
Der leise Ton einer Klingel holte ihn aus seinen Gedanken in die Gegenwart zurück. Es war also Zeit, den Trank wieder einmal umzurühren. Jeden Tag hatte das Gebräu seine Farbe geändert, immer dann, wenn er einen seiner Blutstropfen hinzugefügt hatte: Am ersten Tag war er leuchtend Rot gewesen, dann war er Orange wie Rons Saisonkarte geworden und hatte schließlich Sonnengelb gestrahlt. Am vierten Tag war er dann Grasgrün gewesen, hatte sich mit einem Hauch von Blau Indigo gefärbt und war dann ganz Marineblau geworden. Heute, am siebten Tag, war er Violett. Nach dem Rühren musste er laut Rezept den Kessel mit einem lichtundurchlässigen Tuch abdecken und den Trank noch einmal sieben Tage ziehen lassen.
Harry ging in das Zimmer, in dem er sich ein Labor eingerichtet hatte und stellte sich vor den Kessel. Gewissenhaft zog Harry seinen Zauberstab in den vorgeschriebenen Mustern durch die Flüssigkeit. Als er das Holz wieder herauszog blieb kein Tropfen daran haften. Sorgsam legte Harry das bereit liegende Tuch über den Kessel. Zufrieden blickte er auf sein Werk herunter. Er war stolz auf sich, dass er den Trank geschafft hatte, ohne einen einzigen Fehler zu machen. Und das ohne Hilfe.
Zufrieden verließ er das Zimmer wieder, nachdem er die Vorhänge geschlossen hatte, damit auch ja kein Licht in Kontakt mit dem Trank kam, und ging zurück ins Wohnzimmer. Jetzt konnte er endlich damit anfangen, sein eigenes Weihnachtsfestmahl zu kochen.
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Einen gebackenen Truthahn später lag Harry seeeehr zufrieden auf dem Sofa im Wohnzimmer. Es war unglaublich, wie viel er essen konnte. Na gut, er gab ja zu, dass von dem Truthahn noch ein bisschen übrig war, genauso wie von der Bratensoße, den gekochten Kartoffeln, den verschiedenen Gemüsesorten, dem süßen Pudding, dem Früchtekuchen und den kleinen Obstküchlein. Die Würstchen hatte er leider weglassen müssen, denn die brachten ihn immer noch sehr schnell dazu, sich sein Essen nochmal durch den Kopf gehen zu lassen.
Die paar Stunden, die er für dieses Essen in der Küche gestanden hatte, waren es wirklich wert gewesen. Ihm hatten hinterher zwar der Rücken und die Füße weh getan, sein Rücken vor allem deshalb, weil er seinem Bauch mittlerweile ein wenig ausbalancieren musste.
Umso bequemer fand er jetzt das weiche Sofa. Die Briefe von seinen Freunden lagen geöffnet und unordentlich auf dem Couchtisch neben ihm, zusammen mit einer inzwischen halbvollen Tasse heißer Schokolade. Er hatte die Briefe gelesen. Alle schienen sie sich Sorgen um ihn zu machen. Mrs Weasley schrieb, er solle doch wieder öfter zum Essen vorbeischauen, sie würde schon dafür sorgen, dass er nicht noch dünner würde als er sowieso schon war. Wenn sie wüsste, welchen Umfang er gerade hatte... An der Stelle hatte Harry tatsächlich lachen müssen. Ihr würden die Augen aus dem Kopf fallen!
Fred und George schienen ihm tatsächlich zuzutrauen, dass er auf sich selbst aufpassen konnte. Sie erzählten in ihrem üblichen fröhlich-ausgelassenen Ton über ihre Experimente für neue Produkte, wie ihnen drei Tage lang bunt karierte Strähnen gewachsen waren, und das auch noch in einem Tempo, das halbstündliches Haareschneiden nötig machte. Von Hermine hätten sie erfahren, dass er nach einer Möglichkeit suche, Voldi zu vernichten und dass er gerne sämtliche ihrer Scherzartikel dafür zur freien Verfügung nutzen konnte. Ihr Geschenk gäbe ihm vielleicht sogar ein paar Ideen. Er solle nur ankündigen, wann er soweit war, damit sie sich schon einmal ausreichend Popkorn besorgen konnten.
Rons und Hermines Briefe waren ein wenig ernster ausgefallen. Sie wollten unbedingt wissen, wo er war und ob es ihm gut ging. Ob er auch gesund sei und sich um sich kümmerte. Warum keine Eulen ihn erreichen konnten und dass sie hofften, dass wenigstens diese ihren Weg zu ihm finden würde. Dass sie ihm helfen wollten, egal was Harry auch tat...
In diesem Moment vermisste Harry die beiden so sehr, dass er kurz in Erwägung zog, einfach die Schilde fallen zu lassen und in ihr Haus zu apparieren, wo sie bestimmt gerade zusammen mit ihren Kindern feierten, Geschenke auspackten und einfach das Beisammensein genossen. Aber das konnte er nicht. Er musste hier bleiben. Es würde zu viele Fragen aufwerfen, die er nicht beantworten wollte - noch nicht.
Ein fast schon zarter Tritt innerhalb seines Bauches erinnerte ihn daran, dass er nicht alleine war. Und es auch so bald nicht mehr sein würde. Die Stimmung, die gerade noch gedroht hatte ins melancholische zu kippen, besserte sich augenblicklich wieder. Mit einem glücklichen Lächeln strich Harry unter seinem Hemd über die gewölbte Haut seines Bauches. Doch, er war nicht allein! Ein besseres Geschenk hätte Draco ihm wahrlich nicht machen können.
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Der erste Sonnenstrahl der aufgehenden Sonne malte einen hellen Streifen auf Harrys Bettdecke. Er selbst saß aufrecht gegen das Kopfende seines Betts gelehnt, die Augen schon eine ganze Weile geöffnet und eine Hand leicht auf seinem Bauch ruhend. Schon vor gut einer Stunde war er aus seinem sowieso leichtem Schlaf aufgewacht, als sein kleiner Sohn wieder einmal seine besonders frühe Morgengymnastik begann.
Harry liebte es, die Bewegungen seines Babys in seinem Bauch zu spüren, auch wenn er dafür nachts nicht allzu viel Schlaf bekam. Nicht, dass es jetzt viel ausmachte, wo Harry seinen Tagesablauf selbst gestalten konnte. Mittags konnte man schließlich genauso gut schlafen wie in der Nacht. Und es war so viel schöner, einfach im Bett zu liegen und zu fühlen, wie Leben in ihm wuchs. Sein eigenes Kind, sein Sohn...
Harry hatte nie damit gerechnet, jemals ein Kind zu haben oder auch nur alt genug dafür zu werden. Aber er würde dafür sorgen, dass es seinem Kind immer gut gehen würde, dass er niemals eine Kindheit wie seine haben würde. Sein Baby würde geliebt werden, würde ein normales Leben führen können.
Schon seit einer Weile hatte Harry darüber nachgedacht, wie er seinen Sohn nennen würde und er hatte den perfekten Namen gefunden: Orion. In Gedenken an Sirius, dessen Stern ganz in der Nähe des Sternbilds lag. Es war außerdem das einzige Sternbild, dass Harry immer am Nachthimmel fand, egal wo er sich auch gerade befand und welche Jahrezeit gerade herrschte. Und irgendwie erinnerten die drei hellen Sterne, die den Gürtel des Sternbilds formten, Harry immer daran, dass es auch in der Nacht noch Lichter gab, noch Hoffnung gab...
Der Name passte sogar zu Dracos Namen. Sie waren beide so ausgefallen, dass es garantiert keinen zweiten auf der Walt gab, mit dem sie ihren Namen teilen mussten. Sie waren beide etwas ganz besonderes.
Harry fragte sich, was Draco wohl gerade tat. Sicher war er schon auf und machte sich bald auf den Weg zu einer seiner vielen Firmensitzungen oder ins Ministerium oder wohin auch immer Draco immer verschwand. Er wusste es nicht. Draco hatte keinen Brief geschrieben, auch nicht zu Weihnachten. Aber das hatte er noch nie. Nicht einmal, als sie noch zusammen nach Hogwarts gegangen waren... Nicht einmal damals. Aber was machte das schon?
Langsam wurden die Bewegungen seines Kleinen immer schwächer, bis sie schließlich ganz aufhörten. Jetzt, wo die Sonne ganz aufgegangen war und der Tag begann, legte sich sein Baby zum schlafen. Auch Harry rutschte wieder in die Waagrechte und schloss seine Augen. Er wollte noch nicht aufstehen. Es war gerade so warm unter der Decke und er war müde. Noch ein wenig Dösen schadete bestimmt nicht.
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In ein paar Minuten war Mitternacht. Bald würde ein neues Jahr beginnen, eine neue Zeit. Und in ein paar Minuten war der Trank endlich fertig.
Harry stand vor dem Kessel, der immer noch mit dem lichtundurchlässigen Tuch abgedeckt war. Ein Glas wartete neben dem Kessel. Die Aufregung und die leichten Bedenken, die Harry vor ein paar Stunden überkommen hatten, waren wieder vollständig der Entschlossenheit gewichen, die seine Antriebskraft geworden war. Er hatte den Trank perfekt gebraut. Er würde ihn trinken und wenn das neue Jahr begann, würde er wissen, wie er den Dunklen Lord besiegen konnte. Und er würde es durchziehen!
Beim leisen Klingeln des Weckzauber zog Harry das Tuch vom Kessel. Im gedämpften Licht der einzelnen Lichtkugel unter der Decke schimmerte die Flüssigkeit in allen Farben des Regenbogens. Die farbigen Schlieren und Wirbel waren in ständiger Bewegung. Ein paar Augenblicke ließ Harry sich von dem wundersamen Anblick in seinen Bann ziehen, dann riss er sich los. So schön die Regenbogenwirbel auch waren, jetzt war nicht die Zeit dafür, sich in ihnen zu verlieren.
Geschickt schöpfte er eine Kelle voll des Tranks in das Glas, deckte den Kessel wieder ab und ging dann, das Glas sicher in seiner Hand, zurück in sein Wohnzimmer. Das alte Buch hatte ausdrücklich empfohlen, beim Einnehmen des Tranks nicht zu stehen, also würde er sich gemütlich auf das Sofa legen. Er wusste ja nicht, wie lange die Wirkung des Tranks anhalten würde.
Sobald er sich hingelegt und ein paar Kissen in seinen Nacken geschoben hatte, warf er einen Blick auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Noch eine halbe Minute bis Mitternacht. Dann horchte Harry noch einmal tief in sich hinein. Doch, er war sich sicher. Stimmen erklangen im Chor aus einer der umliegenden Wohnungen.
Zehn!
Er würde die Prophezeiung erfüllen.
Neun!
Er würde den Dunklen Lord besiegen.
Acht!
Er würde eine Lösung finden.
Sieben!
Er hatte keine Angst.
Sechs
Er würde es tun.
Fünf
Er würde es für den Frieden der Zauberwelt tun.
Vier
Für seine Freunde, für Orion, für Draco...
DREI!
ZWEI!
EINS!
In der Sekunde, in der der Nachthimmel über London in einem Meer aus bunten Raketenfeuern ertrank, schloss Harry seine Augen, hob ruhig das Glas an seine Lippen und leerte es in einem Zug. Das Knallen der Böller und das Heulen der Raketen verblasste, bis es vollkommen still war. Sonst geschah nichts.
Irritiert öffnete Harry seine Augen wieder. Er blickte direkt in den blauen Himmel. Keine Sonne war zu sehen, doch strahlte der Himmel wie an einem heißen Sommertag. Und noch immer war kein Laut zu hören.
Erst jetzt fiel Harry auf, dass er flach auf dem Rücken lag. Vorsichtig wollte er sich aufrichten, doch ein Knirschen unter seiner rechten Hand ließ ihn erstarren. Er hob die Hand und zum Vorschein kam ein Stück Gold. Das Stück Gold, das er in den Trank geworfen hatte. Auch unter seiner linken Hand spürte er einen Gegenstand. Das gebogene Widderhorn, ebenfalls eine Trankzutat.
Harry hob seinen Blick. Er saß auf einer breiten Straße. Einer sehr seltsamen breiten Straße. Sie war nicht geteert sondern gepflastert, und jeder Stein hatte eine andere Farbe. ‚Fast wie bei einem Regenbogen.', schoss es Harry durch den Kopf. Natürlich war das nicht das einzige Seltsame, wäre ja auch seltsam gewesen. Die Straße wirkte unendlich lang und schien sich im Horizont zu verlaufen. Nur an einem Ende konnte man ein goldenes Flimmern sehen. Auf den beiden Seiten neben der Straße war... Nichts. Nur weiter, blauer Himmel so weit er sehen konnte. Vermutlich noch einiges weiter.
Harry hatte schlicht keine Ahnung, wo er sich befand. Er hatte von nichts gehört oder gelesen, das dem hier in irgendeiner Weise entsprach. Er machte sich daran aufzustehen und erstarrte erneut. Sein Bauch! Er war nicht weg, aber doch deutlich schmaler also noch vor ein paar Sekunden! Wo war er hier, verdammt?
Ein paar mal atmete Harry tief durch. Es gab sicher eine Erklärung für alles. Vielleicht bewirkte der Trank einfach diese Art von... was auch immer das hier war. Den Goldklumpen in der einen und das Horn in der anderen Hand machte sich Harry sich auf den Weg in Richtung des Schimmers. Immerhin befand sich in dieser Richtung etwas. Ein paar Mal hatte er einen vorsichtigen Blick über die Kante der Straße geworfen. Er hätte genauso gut in den Himmel schauen können.
Schneller als erwartet kam Harry voran. So viel Zeit schien noch gar nicht vergangen zu sein, als Harry den goldenen Schimmer schließlich als eine hohe, goldene Mauer ausmachen konnte, der er sich recht flott näherte. Über die Mauer ragten ebenso goldene Turmspitzen und Burgzinnen.
Bald schon erkannte er am Ende der Regenbogenstraße ein enormes Tor, dessen Gitterstäbe goldene Speere waren. Vor dem Tor stand eine verhältnismäßig kleine, fast schon untersetzte Gestalt, die in altertümlich anmutende Kleider gekleidet war und einen üppigen, blonden Bart trug. An einem Band über seiner Schulter trug der Zwerg ein Horn, nicht unähnlich dem in seiner Hand, nur um einiges größer. Er schien der Wächter der Tors zu sein. Und er beobachtete Harry.
Je näher Harry dem Zwerg kam, desto langsamer lief er. Dieser prüfende Blick machte ihn irgendwie nervös. Mit ein paar Schritten Abstand zwischen ihnen blieb er schließlich stehen. Der Zwerg rührte sich nicht. Einem Geistesblitz folgend hob Harry die Hand mit dem Widderhorn deutlich sichtbar vor sich. Sofort zuckten die Augen des Zwergs zu dem Horn. Wieder geschah ein paar Augenblicke lang nichts. Dann traf ein diesmal auffordernder Blick Harry.
Harry trat vor, das Horn immer noch vor sich ausgestreckt und hielt es dem Zwerg hin, der es mit einem ernsten Nicken an sich nahm und beiseite trat. Fast in derselben Sekunde begannen sich die Speere des Tors sich zu heben. Nicht hoch, gerade so, dass Harry hindurchtreten konnte, ohne sich dabei bücken zu müssen. Ein letzter Blick auf den Wächter, dann trat Harry durch das Tor.
Geblendet hob er seine rechte Hand, um seine Augen abzuschirmen. Von überall her glitzerten Edelsteine aller Formen, Farben und vor allem Größen, die in ebenso brilliante Goldplatten eingelassen waren. Und alles um ihn herum war Gold. Der Boden, auf dem er ging, die Mauern, die ihn umgaben, jeder Zentimeter war mit Gold gemauert.
Nachdem sich seine Augen langsam an die Helligkeit dieses Ortes gewöhnt hatten, sah Harry sich in dieser neuen Umgebung um. Ihm bot sich ein wahrlich überwältigender Anblick! Er stand auf einem weitläufigen Vorplatz. In einiger Entfernung türmten sich zwölf goldgleißende Burgen auf, alle über goldene Straßen und Plätze wie diesem hier verbunden. Die Burgen – oder waren es Schlösser? – sahen alle verschieden aus, manche eher trutzig, andere elegant und fein gearbeitet, doch alle waren sie imposant bis hin zum angeberischen. Harry fragte sich unwillkürlich, wer hier wohl wohnte, der einen solchen Geschmack hatte.
Er wusste immer noch nicht, wo er eigentlich war und dass er auch den Wächter hätte fragen können, fiel ihm natürlich auch erst jetzt ein. Doch in diesem Moment trat eine hochgewachsene Gestalt aus einer Nische neben dem Tor auf Harry zu und beantwortete seine Frage mit einer eleganten Verbeugung:
„Willkommen in Asgard, Harry."
Sehr, sehr weit weg betrat ein blonder, junger Mann zum ersten Mal eine Wohnung, die so absolut gar nicht seinem Stand entsprach. Er war hierher gekommen, um jemanden zu finden, doch stattdessen fand er die Wohnung leer vor. Kaum ein Zeichen deutete mehr darauf hin, dass diese Zimmer einmal bewohnt gewesen waren.
Mit versteinertem Gesicht lief der Blonde durch die Wohnung, in der Hoffnung, doch noch etwas zu finden, dass ihm einen Hinweis darauf geben würde, wo die Person, die er suchte, sein könnte. Aber er fand nichts.
Alles, was hier hätte sein müssen, war genauso ins Nichts verschwunden, wie die Person. Die Person, die er liebte. Die er seit Wochen schon nicht mehr gesehen hatte. Der Blonde lehnte sich an die Wand und rutschte daran hinab, bis er auf dem staubigen Boden saß.
Wochen schon... Seit Wochen schon war ER nicht mehr bei ihm gewesen. Schon so lange nicht mehr.
Er hatte nach IHM gesucht, doch gefunden hatte er IHN nicht. Weder im Ministerium, wo man ihm gesagt hatte, dass ER gekündigt hatte, noch in der Winkelgasse bei seinen Freunden.
ER war verschwunden. Niemand wusste davon, niemand schien es zu bemerken. Und doch war ER weg. Und der Blonde wusste, dass er Schuld daran hatte. Der Schmerz hielt ihn wach und ließ seine Gedanken einzig und allein um IHN kreisen. Dieser Schmerz fraß ihn von innen heraus auf und ließ ihm nur das nötigste zum Leben. War es das, was ER immer gespürt hatte, wenn er IHN wieder einmal hatte verletzen müssen?
Trotz des Schmerzes erlaubte es sich der Blonde nicht, seine Maske aus Eis fallen zu lassen. Er durfte es nicht, nicht einmal für eine Sekunde.
Und mit einem leisen Ploppen verschwand der Blonde, um wieder in sein Leben zurück zu kehren, das offensichtlichte Leben, das er für seine Familie gelebt hatte und für die Welt und in dem er nicht mit einen einzigen Gedanken an IHN denken durfte.
Sein wirkliches Leben hatte keiner gekannt. Doch jetzt war nur noch Staub davon übrig - der Staub auf dem Fußboden, den ER hinterlassen hatte.
