Kapitel 12 – Hunde, Einhörner, Schmetterlinge und eine Cait Sidhe
Man mochte vielleicht sagen, dass es einfach nicht sein Tag war. Seine Woche. Doch der König der Zeit wusste, so etwas war nicht einfach nur Pech. Oder sein persönliches Unglück – vielleicht hatte sein allerliebster großer Bruder ihn auch verflucht, wenn er dazu in der Lage war. Bestimmt.
Nie mochte jemand zu verstehen, was die beiden so weit auseinandergetrieben hatte, selbst ihr eigener Vater sah alles als unverständliche Tragödie an. Der Kampf wurde schließlich nach Assiah verlagert, als es einige Konflikte gab, die ihren Erzeuger dazu trieben, sie zu bestrafen.
Er würde es nie laut sagen, und er war sich da mit diesem unzivilisierten Lichtdämon, der unwürdig war, ein Stammhalter eines so großen Hauses zu sein – bei diesem Gedanken zuckte Samael innerlich zusammen, da er sich erneut daran erinnerte, das er hier über ein Familienmitglied nachdachte – doch die zwei ältesten Söhne Satans hatten Gehenna verlassen, weil sie Hausarrest bekomme hatten. Eigentlich sollten sie nur für eine Woche sich zurückziehen und aufhören, sich gegenseitig zu piesacken. Aber niemand wollte sich die Niederlage eingestehen und so kam es zu dieser ganzen Misere.
Und selbst wenn sein Stolz es ihm erlauben würde, einfach zurückzukehren … er hatte sein jüngstes Geschwisterkind verletzt, indem er es kurz nach der Geburt versiegelt hatte. Und dieses Kind dann auch noch unter Vergänglichen aufwachsen zu lassen, mit komplett anderen Werten, die für Dämonen eigentlich unverständlich sein sollten.
Und dann war Okumura Rin nach Gehenna gekommen. Irgendwo in Gehenna. Es gab unzählige von Dämonenarten, und natürlich gab es gefährliche. Die meisten sollten sich von ihm fernhalten, aber die, die darauf basierten, dass sie stärkere Beute fingen, würden nicht zögern. Niemand würde den Jungen finden, er würde verhungern oder verletzt werden und dann würde sein Vater garantiert irgendeinen Weg nach Assiah finden. Naturgesetze waren nicht wirklich relevant wenn so etwas passiert.
Da saß er nun – Herrscher über das zweitmächtigste Unterreich Gehennas (und seiner Meinung nach das beste) und zählte die Augenblicke, die ihm noch blieben. Den jungen Okumura-sensei wimmelte er erfolgreich ab – dieser war so durcheinander, er merkte nicht einmal, dass ihm der Familiar seines angeblichen „Bruders" folgte. Damals, als die beiden sich das erste Mal nach dem Zwischenfall das erste Mal wieder begegnet waren, hatte er es ganz genau gespürt – der jüngere der Beiden hatte seinen damaligen Zwillingsbruder verstoßen und war somit nicht mehr Teil der Familie. Das alles war ebenfalls sehr unglücklich verlaufen – sein Vater war etwas empfindlich (wie alle Dämonen mit Kindern) was das anging. Eine zweite blaue Nacht wäre noch eine … mildere Variante, wie er reagieren könnte.
Wer sollte das alles schlichten?
Azazel war friedliebend, doch er sprach nur sehr selten. Samael war für ihn lange eine wichtige Person gegeben – doch mehr als zehn Minuten am Tag mochte selbst er nicht seine Stimme zu vernehmen.
Iblis war … ein typischer Feuerdämon. Aufbrausend, leidenschaftlich, und hatte etwas, was man als „gutes Herz" bezeichnen könnte. Seine mangelnde Selbstkontrolle machte es allerdings unmöglich, Satan zu beruhigen. Er würde sich nur mit aufregen.
Egyn hielt nicht viel von Diplomatie, er zog den „natürlichen Flow der Ekstase" vor. Mittlerweile war es fraglich, wie sein Königreich kontrolliert wurde, aber alles schien tatsächlich von selbst zu laufen. Das zeugte aber nicht von irgendeinem Talent seinerseits – selbst bei der Erschaffung seiner Dimension hatte er nicht viel Kontrolle darauf ausgeübt oder sich darauf konzentriert, wie alles genau funktionieren sollte. Anders als die anderen Reiche Gehennas war sein Reich nie feudal von ihm regiert worden, was es in der Struktur vollkommen anders erschienen ließ. Das sorgte heutzutage für Probleme, da die Bürokratie dort noch nicht angekommen war. Wenn jemand in seinem Reich landete, konnte man ihn schon als unauffindbar gelten lassen – es sei denn, er hatte irgendein Gesetz gebrochen. Das funktionierte dann wieder.
Sollte Astaroth auf ihren Vater einreden, wäre Assiah verloren – es ging um Familie und er war sehr leidenschaftlich was das anging. Oder auch: Hüte sich wer kann vor Astaroth, wenn man ein Kind schlecht behandelte. Irgendeines. Die Zerstörung Assiahs wäre äußerst ärgerlich, denn Samael hatte eine dezente Vorliebe für die Kulturen einiger Völker der Vergänglichen entwickelt. All das wäre dann verloren, mit der Ausnahme von Teildämonen, die von entfernten Familienmitgliedern aufgenommen werden könnten und natürlich seinem allerkleinsten Bruder, der Iblis nur allzu ähnlich war. Er sollte Amaimon auf bei beiden ansetzen und sie von seinem Reich fernhalten, er war nicht in der Stimmung alles aus ihrer Asche wieder auferstehen zu lassen. Mal wieder.
Amaimon selbst war niemand, der viele Worte verwendete, um das zu erreichen, was er wollte. Er war nicht zurückgezogen wie Azazel, doch einfach nur sehr, sehr direkt. Doch sein Reich war recht organisiert und er schien tatsächlich davon einen Plan zu haben, was ihn zu einem wirklich fabelhaften kleinen Bruder machte. Samael hatte den richtigen Riecher gehabt und ihn öfter „unter seine Fittiche genommen", als er noch ein Kleinkind war. Das hatte zu dem Verbot, Geschwister zu entführen geführt … nicht, dass Samael sich auch nur im Geringsten um die Anordnungen seines Vaters scherte – wieder ein Zucken. Er hatte es vor Jahrtausenden aufgegeben, gegen seine Instinkte zu rebellieren und hatte einfach angefangen, so zu tun, als wären sie nicht da.
Beelzebub war schlichtweg zu jung und zu kindisch. Er war zwar nicht mehr der Jüngste, aber war es noch bis vor kurzem gewesen und deswegen zählte seine Meinung nicht viel. Er zog sowieso seine Haustiere vor.
Langer Rede kurzer Sinn: Alles ging gerade den Bach herunter und –
„Kleiner Bruder.", riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken. Er korrigierte sich. Jetzt ging alles dem Bach herunter.
„Lucifer.", erwiderte der zweitälteste. Das Ganze wäre ein bisschen weniger erniedrigend, wenn Samael nicht gerade in tierischer Form in einem Hundepark wäre. Warum er hier war würde er niemals erläutern. Nur über seine Leiche!
Was machten Dämonenkönige eigentlich den ganzen Tag? Kümmerte sich Azazel selbst um seine Einhörner? Wer wusste das schon. Satans Wege waren ebenfalls rätselhaft. Zumindest war er gerade urplötzlich verschwunden – was für ein Essen war das überhaupt? Mittag- oder Abendessen? Rin hatte vollkommen den Überblick verloren, da in den verschiedenen Gebieten Gehennas unterschiedliche Uhrzeiten herrschten.
Beelzebub hatte sich allerdings noch schneller dematerialisiert. Der jüngste Dämonenkönig hatte sich in seinem Zimmer verzogen, kaum war er mit dem Essen fertig. Vor eben jenem Zimmer stand Rin nun, da er von Satan höchstpersönlich hier abgesetzt wurde, mitsamt Kuro, Rucksack und dem Einhorn.
Mit jeder Minute wurde alles surrealer. Denn plötzlich kam Beelzebub aus seinem Zimmer. Mit einem weiteren Käfig, mit Kreaturen die den … wie hießen sie? Wartisen? Was auch immer. Die diesen Schmetterlingen ziemlich ähnlich sagen. Deren Besitzer nuschelte ihm etwas entgegen, allerdings so verzerrt, dass weder das lateinische, gehennische, oder eines der japanischen Alphabete (und das waren immerhin drei) die entstandenen Laute beschreiben könnten.
Rin entschied sich, eine Methode zu verwenden, die von Generation zu Generation unter den Vergä – Menschen weitergegeben worden war. Wahrscheinlich war sie auch in Gehenna bekannt, und so wie Beelzebub gerne sprach (auch wenn er anscheinend normal Reden konnte), an ihm bestimmt öfter angewendet worden.
„Hä?", fragte Rin. Beel – zebub schaute perplex. „Was nich' glar daran? Isch das jedz okay oder nisch?"
„HÄ?", wiederholte Rin. Verwirrtes Blinzeln auf der Seite des Älteren. „Tud mia leid, aber das hab' ich nich verstanden." Rin wendete die geheime Technik des beidhändigen Facepalm an. „Was hast du gesagt, meine ich…", sprach er klar und deutlich aus, mühevoll, sich von dem Geweihträger abzugrenzen.
Beel seufzte, und erklärte diesmal in einer Sprache, die der Weißhaarige ebenfalls sprach: „Ich habe definitiv nicht vor, meine Vartiter an einem Ort zu lassen, der nicht mein eigenes Zimmer ist. Die Tatsache, dass ich ein anderes bekomme, ändert nichts daran. Du wirst das doch nicht Vater verraten, oder?"
„Haben die nicht vorhin versucht, mich umzubringen? So ein kleines Bisschen zumindest?", fragte der Jüngere, sichtlich beunruhigt durch die Insektendämonen, die eifrig damit beschäftigt waren, gegen das Gitter ihres Käfigs zu fliegen. Und da Satan erläutert hatte, dass tödliche Haustiere verboten waren, mussten diese Dinger nicht ganz ungefährlich sein.
„Ach, die! Nieeeemals. Never. No way. Ganz ungefährlich. Außerdem werden sie in meinem Zimmer leben, nicht in deinem. Was kümmert es dich dann? Hier, nimm das. Willkommen in der Familie, und sag einfach nichts. Bye-bye!"
Innerhalb von einem Augenblick hatte der Dämonenkönig ihm eine Box in die Hand gedrückt und war in einem anderem Zimmer, den Gang hinunter, verschwunden. Das erinnerte Rin daran, weshalb er überhaupt hier war. Hier sein musste. Er war zuvor in einem Gästezimmer untergekommen, doch jetzt sollte er sein eigenes haben, welches direkt neben dem von Satan lag. Weil er der Jüngste war. Yukios Existenz wurde totgeschwiegen, was Rin schrecklicherweise nicht genug störte.
Was auch immer, er hatte gerade schon zu viele Nervenzusammenbrüche in einer Reihe gehabt und entschied sich, einfach mit Kuro in das Zimmer zu gehen. Welches, überraschenderweise, komplett leer war. Und mit leer meinte er, ohne Fußboden und die Wände waren nur normal weiß gestrichen. War das ernsthaft Rauhfasertapete?
Insgesamt war es ein ziemlich leerer, aber auch großer Raum. Es war leicht Dunkel, was die Frage über die Tageszeit beantwortete. Später Nachmittag. Wenn es hier Nachmittage gab. An der Decke hing kein Leuchtstein.
Rin starrte auf das seltsame Gerät, welches ihm vom Gott Gehennas in die Hand gedrückt worden war, mit der einzigen Anweisung, seine Lieblingsfarbe laut zu sagen. Kamen magische Artefakte vielleicht einmal mit Anleitung?
„Kuro, was ist deine Lieblingsfarbe?", fragte er die Cait Sidhe, einzig und alleine in dem Vorhaben, Zeit zu schinden.
„Schwarz*!"
Offensichtliche Antwort.
Währenddessen lieferte sich Samael in seinem Büro (wieder in menschlicher Form, Gehenna sei Dank) einen Starrwettkampf mit seinem älteren Bruder, Lucifer.
Eigentlich starrten sie sich nur an, aber wenn es um Lucifer ging, war alles ein Wettkampf. „Stimmst du mir jetzt zu, oder nicht, kleiner Bruder?"
*Für die, die es nicht wussten – Kuro heißt schwarz auf Japanisch.
