Jinai: Keine weiteren Umschweife, versprochen. Raffael!

Raffael: Schon zur Stelle.

Rated: T

Disclaimer: D. Gray-Man ist Eigentum von Katsura Hoshino.


Sie hatten sich darauf geeinigt, dass sie in der Bibliothek am besten ungestört reden konnten, also waren sie nach dem Abendessen dorthin marschiert und hatten Kanda einfach mitgeschleift. Jetzt saßen sie an einem der Tische zwischen den Regalen und sahen Lavi gespannt an.

„Jinai -Setz dich wieder, Kanda, das geht auch dich an. Dich am ehesten."

Kanda ließ sich missmutig zurück in den Stuhl fallen. „Wieso mich?"

„Du hast eine ganze Woche mit ihr verbracht." Lavi wandte sich wieder an alle. „Wir wissen praktisch nichts über sie. Wir kennen nur ihren Namen und ihre Nationalität. Sie hat ein Innocence, das keines ist, und ist empfindlich gegenüber echtem. Dieses Mädchen ist seltsam und das wisst ihr genauso gut wie ich."

„Sie hat manchmal Phasen, in denen sie sich sehr seltsam verhält. Erinnert ihr euch noch an den Abend vor ihrer Abreise nach Österreich?"

Alle nickten, sogar Allen, denn Linali hatte ihm davon erzählt. Keiner von denen, die dabei gewesen waren, hatte den Anblick vergessen können.

„Und vorher im Bad war sie ja auch so komisch. Als ob sie mir nicht die ganze Wahrheit gesagt hätte. Ich glaube ihr nicht ganz, dass sie nur deswegen so verändert war, weil ihr diese Männer wieder eingefallen waren." Linali wurde leicht rot. Ihr fiel es immer noch schwer, darüber zu reden.

„Sie hat Handschuhe getragen." Kanda sah niemanden Bestimmten an.

„Was meinst du?" Allen war verwirrt.

„In Baden. Sie ist in eine Schänke gegangen und zwei Stunden später mit allen Informationen, die wir brauchten, wiedergekommen. Sie hat die ganze Zeit ihre Handschuhe nicht ausgezogen."

„Außerhalb des Ordens scheint sie sie ständig zu tragen." Lavi dachte die vielen Male, die er sie mit den Dingern gesehen hatte.

„Informationen…" Linali schien etwas anderes zu beschäftigen. Sie erinnerte sich an den Abend im Bad. „Sie hat etwas darüber gesagt, dass sie das tun muss, wenn sie an Informationen kommen will. Besser gesagt, sie wollte es sagen, aber hat sich dann schnell unterbrochen. Zuerst war es mir gar nicht aufgefallen."

„Anscheinend ist sie noch hinter etwas anderem als Akuma her gewesen."

„Könnte sie nach Innocence gesucht haben?" Allen sah die anderen an.

„Nein, dann hätte sie das nicht verschweigen wollen. Das hätte sie uns ja erzählen können." Linali schüttelte den Kopf.

„So, wie sie immer nur Stück für Stück etwas von sich preisgibt, habe ich den Verdacht, dass sie etwas sehr Großes vor uns verbirgt. Sie erzählt uns immer nur das Notwendigste, wenn es nicht anders geht. Als ob sie etwas verheimlicht, von dem sie will, dass wir so wenig wie möglich oder gar nichts darüber fahren." Allen legte den Kopf auf die auf dem Tisch gekreuzten Arme.

„Das lässt eigentlich nur zwei Möglichkeiten zu: Ihr ist etwas sehr Schlimmes passiert oder sie hat etwas sehr Schlimmes getan." Lavis Gesicht verdüsterte sich.

„Oder beides." Allen konnte sich allerdings nicht vorstellen, was das sein konnte.

Ebenso wenig konnten es die anderen.

„Ich glaube nicht, dass sie ein Noah ist. Das passt einfach nicht ins Bild. Also kann es das nicht sein." Lavi sah die anderen an.

Allen und Linali schüttelten den Kopf. Das konnte sich keiner vorstellen.

„Sie ist oft sehr fröhlich, oder? Ich glaube, so war sie, bevor diese schlimme Sache passiert ist. Diese düsteren Phasen sind wahrscheinlich so etwas wie die Nachwirkungen." Auch Lavi hatte jetzt den Kopf auf seine Arme gelegt. Es war spät und sie waren alle müde. Er musste ein Gähnen unterdrücken.

„Wir haben einfach zu wenig Informationen. Ist denn niemandem etwas aufgefallen, was uns weiterhilft? Kanda?" Linali sah Kanda hoffnungsvoll an.

„Ich hätte es doch gesagt, wenn ich noch etwas wüsste. Für mich ist diese Unterhaltung beendet." Er stand auf und verließ die Bibliothek, ohne sich von irgendjemandem aufhalten zu lassen.

„Yuu-chan ist immer so unglaublich hilfreich." Lavi schüttelte den Kopf, konnte aber ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Was ist?" Allen und Linali sahen ihn neugierig an.

„Erinnert ihr euch noch an die Sache bei Nancy? Jinai hat sich überstrapaziert und ist zusammengebrochen. Yuu hat sie zurück zum Abteil getragen."

„Ja und?" Linali war ratlos. Was meinte er?

„Auch aus dem Bericht über die Baden-Mission geht hervor, dass sie im Bad zusammengebrochen ist, nachdem das Innocence entfernt wurde. Aufgewacht ist sie aber im Bett. Toma hat sich mit Marie unterhalten, das schließt die beiden also schon mal aus. Wer bleibt also als Retter in der Not noch übrig?"

„Kanda?" Allen hatte die Augen aufgerissen.

„100 Punkte. Er hat sie beide Male aufgehoben und getragen. Und als sie fliehen wollte, da hat er sie in ihr Zimmer gebracht, nachdem er sie niedergeschlagen hat."

„Aber er hat sie ja auch niedergeschlagen, das war ja das Mindeste."

„Das ist irrelevant. Was man tun sollte, um einen angerichteten Schaden wieder gut zu machen, das ist Kanda egal. Tatsache ist", Lavi stand auf und schob den Stuhl zurück an seinen Platz, „Er hätte das nie gemacht, wenn sie ihm so gleichgültig ist, wie ihr glaubt." Damit verschwand er und ließ die beiden jüngeren Exorzisten allein in der Bibliothek zurück.

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Besagter Japaner hatte gerade sein Zimmer erreicht und die Tür hinter sich geschlossen.

Sein Blick fiel auf das zerrissene Hemd, das immer noch auf dem Bett lag, wo er es vor ein paar Stunden hingeworfen hatte. Er musste an Jinai denken, wie sie vor ihm gestanden hatte, über seine Wunde gebeugt und die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, was sie gar nicht bemerkt zu haben schien. Das gleiche hatte sie auch schon gemacht, als sie noch vor der Tür gestanden hatten. Dabei hatte sie die ganze Zeit auf die Wunde gestarrt.

Seine Bauchmuskeln zogen sich zusammen bei der Erinnerung an ihre sanften Finger. Vorsichtig war sie über die Wunde gefahren, bemüht, ihm nicht wehzutun. Aber das hatte sie ja auch nicht. Ihre Berührung war federleicht gewesen.

Als sie sich dann wieder aufgerichtet hatte, hatte Kanda einen kurzen Moment lang einen Ausdruck in ihren Augen beobachtet, den er dort noch nie gesehen hatte. So hatte höchstens moyashi einmal geschaut, als er bei der Essensausgabe warten musste. Hungrig.

Er schüttelte den Kopf. Natürlich war sie hungrig, es war kurz vor dem Abendessen.

Trotzdem hätte er schwören können, dass ihr Hunger nichts mit Lebensmitteln zu tun gehabt hatte.

Kanda ließ sich auf sein Bett fallen, das Hemd einfach ignorierend.

Sie hatte gezögert, als er das zerrissene Hemd weggeworfen hatte. Zuvor hatte sie ihn noch so gedrängt, dass sie sich die Wunde unbedingt ansehen wolle, und dann hatte sie sich auf einmal Zeit gelassen. Langsam war sie auf ihn zugekommen, die Augen auf die Wunde gerichtet. Oder war es nicht die Wunde gewesen…

Reines Wunschdenken. Heute klang die Stimme in seinem Hinterkopf nach seiner eigenen.

Wieso sollte ich mir das wünschen? Kanda schüttelte den Kopf. Es brachte nichts, wenn er die Sache in seinem Kopf immer wieder durchging. Außer Kopfschmerzen. Er beschloss, dass er Schlaf brauchte. Er war einfach nur übermüdet nach der langen Reise. Schließlich waren sie erst heute Nachmittag wieder im Orden angekommen.

Mit dem Gedanken schlief er dann auch ein.

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Der nächste Morgen kam für alle viel zu schnell. Besonders für die Mitglieder der Wissenschaftsabteilung. Da ihr Chef, ihr Anführer, ihr liebstgehasster Vorgesetzter Komui wieder einmal unauffindbar war, mussten sie zusätzlich zu ihrer eigenen Arbeit auch noch seine übernehmen. Der einzige Lichtstrahl war der Moment, als Linali, begleitet von Allen, mit Tabletts voll Kaffeetassen in den Raum kam. Kaffee!

Binnen Sekunden waren beide von Menschentrauben umringt und jeder versuchte, zuerst an seine Tasse mit Lebenselixier zu kommen. Allen hätte beinahe das Tablett fallengelassen, fing es aber noch in letzter Sekunde auf und schaffte es, nicht einen Tropfen Kaffee zu vergießen. Die anderen hätten fast aufgeschrieen, als ihr Muntermacher drohte, an den Boden verfüttert zu werden. Kaum war die Gefahr gebannt, drängten sie sich allerdings schon wieder um ihn. Sie hätten ihn nahezu ein zweites Mal halb umgestoßen.

Die Raubtierfütterung war fast beendet, die letzten Kaffeetassen wurden herum gereicht, da ging die Tür auf.

„Ich habe mich wieder einmal selbst übertroffen!" Komui stand dort, so glücklich, als wäre Linali gerade von einer Weltreise zurückgekommen.

Den anderen schwante Übles.

„Nii-san, du hast doch nicht etwa wieder einen Komurin gebaut, oder?"

„Wie denkst du von deinem Lieblingsbruder!"

„Du bist mein einziger Bruder, Nii-san", erwiderte Linali geduldig.

„Stimmt auch wieder. Nein, ich habe die ganze Nacht damit verbracht, Maries Innocence in eine kampftaugliche Waffe zu verwandeln. Marie –Marie, komm her, du sollst es ja herzeigen. Trau dich."

Hinter der Wand trat Marie hervor, in die gleiche Exorzistenuniform gehüllt, die auch Linali trug. Sie trug ebenfalls lange schwarze Strümpfe, über die sie ebenso schwarze Stiefel gezogen hatte, die ihr fast bis zum Knie reichten. Schüchtern sah sie zu Boden, erwartete Gelächter oder Schlimmeres…

„Du siehst sehr hübsch aus, Marie. Diese Uniform steht dir sehr gut." Linali lächelte das gleichaltrige blonde Mädchen an.

„Sie hat Recht. Du bist-" Was auch immer Allen sagen wollte, es wurde von zwei lauten Schreien übertönt.

„STRIKE!"

„LAVI!"

Ersterer war eindeutig Lavi zuzuordnen, der zweite stammte genauso eindeutig von Jinai, wie ein lautes „AUA!" von Lavi bestätigte.

Die Menge an Wissenschaftlern teilte sich, um den Blick auf die zwei Exorzisten hinter ihnen freizugeben, die fast zu raufen angefangen hätten.

„Du musst mich nicht gleich hauen! Du bist ja schlimmer als der alte Panda!"

„Irgendwie muss ja mal Verstand in dieses Vakuum, das du Gehirn nennst, kommen!"

„Ich habe Verstand!"

„Der schläft aber anscheinend noch! Ich habe ihn nur wachgerüttelt!"

„Leute…" Linali stand neben Marie und sah die beiden böse an.

„Entschuldige, Marie. Du siehst sehr hübsch aus." Wenigstens Jinai schien sich an ihre Manieren zu erinnern.

„Die Uniform ist das Sahnehäubchen, aber der eigentliche Clou ist ihr Innocence. Die Kette von vorher war viel zu weit und dünn, die hätte jederzeit reißen können oder sie hätte sie verloren."

„Deswegen hast du ihr ein Kropfband daraus gemacht?" Linali und die anderen sahen auf Maries Hals. Um ihren Hals trug sie ein ungefähr drei Zentimeter breites dunkelblaues Samtband, das farblich genau zu ihren Augen passte. Vorne war ein grünlich leuchtender Stein angebracht. Das Innocence.

„Wo hast du denn ein Band von der Farbe aufgetrieben?" Jinai hatte sich ein wenig vorgebeugt, um das Band besser begutachten zu können. Maries Wangen nahmen einen immer dunkleren Farbton an. Es war ihr offensichtlich unangenehm, so angestarrt zu werden.

„Ein Genie gibt doch nicht seine größten Meisterleistungen preis!"

„Dann halt nicht. Hauptsache, du hast es nicht geklaut."

„Natürlich nicht! Aber dass du da bist, trifft sich gut. Ich muss mit dir und Lavi sprechen. Ihr könnt gleich mit in mein Büro kommen." Komui wandte sich zum Gehen, flüsterte aber Linali noch etwas zu. Ihre Augen weiteten sich für einen Augenblick, dann nickte sie und verließ den Raum.

Jinai und Lavi folgten Komui. Eigentlich musste Jinai den Rotschopf beinahe hinter sich her zerren, damit er sich von Marie losriss. Diese wurde freundlich in Allens Obhut übergeben. Dort war sie sicher.

„Lass sie endlich in Ruhe."

„Aber sie ist sooo süß."

„Mag sein, aber das ist kein Grund, dass du sie jedes Mal fast anspringst, wenn du sie siehst."

„Ruhe dahinten!" Komui war ihre geflüsterte Auseinandersetzung nicht entgangen.

„Man könnte fast meinen, du hättest selbst etwas für sie übrig."

Zack!

Lavis unverschämter Kommentar wurde sofort bestraft. Er rieb sich die Beule an seinem Kopf immer noch, als sie Komuis Büro erreicht hatten.

Dort wurden sie bereits erwartet.

„Schön, dass du so schnell da bist, Kanda. Setzt euch bitte."

Jinai und Kanda tauschten einen schnellen Blick. Beide dachten an den gestrigen Nachmittag. Schnell verdrängten sie diesen Gedanken wieder.

„Ihr werdet nach Dublin gehen. Alle drei."

Jinai und Kanda wären beinahe aufgesprungen und hätten protestiert, aber Lavi, der in der Mitte saß, hatte beide blitzschnell am Ärmel gepackt und auf die Bank zurückgezogen.

„Wir haben erst heute Morgen von den Findern dort Meldung erhalten. Alle anderen Städte, die du uns genannt hast, Jinai, haben spätestens gestern Bericht erstattet, aber von unseren Leuten in Dublin haben wir als einzigen bis vor einer halben Stunde nichts gehört. Kurz darauf haben wir versucht, sie zu erreichen, aber die Verbindung war tot. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass sie tot sind." Diese Meldung ernüchterte die beiden dunkelhaarigen Exorzisten sofort. Was galten ihre Zwistigkeiten, wenn Menschenleben auf dem Spiel standen? „Was die Finder herausgefunden haben, steht in diesen Mappen. Euer Zug geht in einer Stunde."

Die drei nickten und wollten schon gehen, als Komui Lavi zurückrief.

Das einzig Gute an dieser Mission ist, dass Lavi viel zu weit weg von Marie sein wird, um sie zu belästigen, dachte Jinai, wandte ihre Gedanken dann aber wieder ihrer Abreise zu.

Lavi stand vor Komuis Schreibtisch.

„Du wunderst dich sicher, warum ich gerade euch drei ausgesucht habe", begann der Wissenschaftler. „Die Tatsache, dass Jinai über ihre Quelle von dem Innocence dort erfahren hat, hat meine Entscheidung, sie zu schicken, zwar beeinflusst, aber nur minimal. Sie ist eine gute Exorzistin, soviel habe ich aus dem Bericht über ihre erste Mission herauslesen können. Wenn jemand an wichtige Informationen kommt, dann sie. Das ist wichtig, denn die Berichte der Finder sind sehr spärlich. Wir brauchen sie dort. Aber sie sollte nicht zu viel kämpfen. Auch wenn sie im Moment gewissermaßen ‚sauber' ist, also ohne Akuma-Seelen, möchte ich doch diesen Zustand so lange wie möglich erhalten. Deswegen habe ich Kanda ausgesucht; er verlässt sich schließlich nie auf andere. Weil die beiden sich aber so gut vertragen wie Hund und Katz, schicke ich dich mit."

„Ich bin sozusagen der Puffer."

Komui nickte. „Du hast die schwierige Aufgabe, die beiden vom Streiten oder gar Gegeneinanderkämpfen abzuhalten. Und sorg bitte auch dafür, dass sich Jinai aus den Kämpfen so weit als möglich heraushält. Wenn machbar, ganz."

„Du verlangst eine ganze Menge."

„Ich weiß, aber ich bitte dich trotzdem. Ich könnte niemand anderen dafür aussuchen. Die beiden vertrauen dir. Auf dich hören sie wenigstens."

„Du hättest auch Linali schicken können."

„Ich glaube, dass Kanda zwar auf sie gehört hätte, aber bei Jinai bin ich mir da nicht so sicher. Irgendwie ist da eine Spannung zwischen den beiden."

„Davon hat mir keine von beiden auch nur ein Wort gesagt."

„Ich habe es bemerkt, als es um Marie ging. Die beiden haben einen ziemlichen Beschützerinstinkt, wenn es um das Mädchen geht, aber ich glaube, sie sind unterschiedlicher Meinung, was das Beste für sie wäre. Sie hätten sich wahrscheinlich früher oder später darüber in die Haare gekriegt."

„Und das willst du so lange als möglich verhindern. Schon kapiert. Dann werde ich mal packen." Er salutierte lässig mit zwei Fingern und ging.

Lavi war auch schon aufgefallen, dass die beiden die arme Marie buchstäblich in zwei verschiedene Richtungen ziehen wollten. Er hatte Jinais Miene gestern Abend beim Abendessen gesehen, als Linali ihre Zweifel, ob Marie nicht zu zart für eine Exorzistin wäre, laut ausgesprochen hatte. Zuerst geschockt, dann wütend, dann verbissen. Aber sie hatte keinen Ton gesagt, sondern einfach aufgegessen und war gegangen.

Er seufzte. Linali war ein liebes Mädchen, aber dieser stumme, fast unsichtbare Streit zwischen ihr und Jinai erinnerte ihn irgendwie an das berühmte salomonische Urteil aus der Bibel. Hoffentlich mussten sie Marie nicht zweiteilen, damit dieser Zwist ein Ende hatte.

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Sie hatten den üblichen Sprung aufs Zugdach gut überstanden und saßen inzwischen in ihrem Abteil des Zuges nach Dublin. Nebenan saßen drei Finder, die die verschwundenen drei in Dublin ersetzen sollten. Still lasen sie sich ihre Berichte durch, die wie üblich in der hochwissenschaftlichen Sprache abgefasst waren, die Komui allem Anschein nach bevorzugte. Das lag vielleicht daran, dass er selbst Wissenschaftler war.

Im Klartext stand da, dass die Finder in der Bevölkerung nichts erfahren hatten, ein paar Bettler ihnen aber gegen etwas Essen und Geld weiterhelfen hatten können. Diese suchten manchmal nachts Zuflucht in der St. Patrick's Cathedral, wo ein freundlicher Priester sie bei Schnee oder Unwetter einließ. Eigentlich durfte aber niemand davon wissen. Einige von ihnen hatten angeblich einen Geist dort gesehen, der aussah wie ein Ritter oder etwas Ähnliches. Er war immer wieder auf eine bestimmte Tür zugeschwebt, die so genannte ‚Door of Reconciliation', also die ‚Tür der Beilegung".

Die restlichen Informationen hatte das Hauptquartier recherchiert. Auch ein Grundriss der Kathedrale war ihren Mappen beigelegt. Die ‚Door of Reconciliation' war eine Tür, in der 1492, das Jahr der Entdeckung Amerikas durch Columbus, ein Streit beigelegt worden war, der sonst Irland vielleicht zerbrechen hätte lassen.

Gerald Fitzgerald, der achte Earl of Kildare und rechte Hand des Königs, hatte unter Verdacht gestanden, dem König untreu zu sein. Dieser sicherte Fitzgeralds Erzrivalen Thomas Butler, Earl of Ormond, seine Unterstützung zu, um Fitzgeralds politische Macht und Einfluss auszugleichen. Dieser wiederum verfolgte allerdings seine eigenen Pläne. Unter der schützenden Hand des Königs wollte er seinen illegitimen Neffen, ‚Black James', zu seinem Stellvertreter in Irland machen, um die Erblinie der Butlers fortsetzen zu können, und gleichzeitig Irland zur Hölle auf Erden für Fitzgerald zu machen, was ‚Black James' auch vortrefflich gelang.

Als 'Black James' dann 1492 in Dublin eintraf, gerieten seine Anhänger und die von Fitzgerald in Streit. In der St. Patrick's Cathedral kam es zu einem Kampf zwischen den beiden verfeindeten Parteien, und James wurde im Laufe des Kampfes in das Kapitelhaus gedrängt und musste sich dort verschanzen. Sein Leben war in Gefahr. Obwohl er James verabscheute, konnte Fitzgerald nicht einfach zulassen, dass ein Diener des Königs in seiner Anwesenheit in einem Haus Gottes ermordet wurde. Die Kämpfenden mussten innehalten und Fitzgerald versuchte James dazu zu bewegen, das Kapitelhaus zu verlassen. Dieser aber misstraute dem Earl of Kildare, sodass Fitzgerald ein Loch in die Tür schlug, durch dieses er seinen Arm streckte, um James die Hand zur Versöhnung reichen. Nur wenige Jahre später allerdings, 1496, wurde ‚Black James' von einem anderen Rivalen, Piers Butler, dem Schwiegersohn von Fitzgerald, doch getötet. Dieser Tod rief einige Fragen auf, denn vor dem berühmten Vorfall in der Kathedrale hatte ‚Black James' als nahezu unbesiegbar gegolten.

„Höchstwahrscheinlich hat ‚Black James' ein Innocence besessen, das er dann dort verloren hat." Lavi sah nicht einmal auf.

„Aber ein Geist? Kann ein Innocence denn so etwas hervorrufen?" Jinai sah ihn fragend an. Sie wusste eine ganze Menge, aber von den verschiedenen Formen, in denen sich Innocence bemerkbar machte, waren ihr nur wenige bekannt.

„Nein, das war wahrscheinlich eine Halluzination von den Bettlern. Das Innocence in Chartres hat doch etwas Ähnliches gemacht."

Danach herrschte wieder Stille. Eine Stille, die anhielt, bis sie einschliefen.


Raffael: Uff, jetzt brauch ich eine Pause.

Jinai: Hab ich das ganze geschrieben oder du? ICH brauch eine Pause, aber die bekomm ich nicht, weil ich morgen Geburtstag feiere, übermorgen kommt Besuch und am Montag geht die Schule wieder los! Wann soll ich bitte eine Pause einlegen?

Raffael: Du hast Geburtstag? Moment, dann hab ich ja auch Geburtstag!

Jinai: Wohl oder übel… aber die Geschenke gehören mir!

Raffael: Verdammt.

Jinai: Freut euch nicht zu sehr, es kann ein bisschen dauern, bis ihr weiterlesen könnt. Auf ‚Liverpool' werdet ihr wahrscheinlich noch ein bisschen warten müssen.