Kerkermond Evolution
Kerkermond Evolution
Slashig-trashige Fanfiction mit komischen Elementen und Kaffee von 'Starbucks'
Ein Samstags-Update? Ja, ein Samstagsupdate!
Und damit endlich wieder ganz neues Lesematerial für Euch.
Danke für die Reviews! Lucy und Glupit
Beta: Slytherene, comme toujours ;-)
12. Remus: Verhör
Dumbledore erschien noch am selben Abend im St. Mungos, um nach Remus zu sehen und sich umfassend über die Ereignisse der letzten Tage zu informieren. Remus war unendlich erleichtert, den Direktor von Hogwarts zu sehen. Als der alte Zauberer sich an sein Bett setzte und das Krankenzimmer im geschlossenen Trakt von St. Mungos nur von ein paar Kerzen erleuchtet wurde, fand Remus zum ersten Mal Worte, um zu beschreiben, was in den vergangenen Tagen und vor allem Nächten vorgefallen war. Dumbledore war für ihn stets eine Vertrauensperson mit absoluter Integrität gewesen, und der alte Mann bewies auch jetzt Menschlichkeit und Feingefühl.
Als Remus seine Erzählung beendet hatte, wiegte er mit sorgenvoller Miene sein weises Haupt.
„Remus, mein Junge, ich kann mir vorstellen, dass diese Situation für dich in hohem Maße belastend ist. Ich verstehe, warum du dich entschlossen hast, dieses Ritual durchzuführen. Und ich bin ehrlich beeindruckt. Nicht viele von uns hätten die innere Stärke und Größe besessen, einem Feind auf diese Art und Weise…nun ja…die Hand zu reichen. Auch das Verhalten von Mr. Malfoy erstaunt und beeindruckt mich. Für jemand mit seiner Sozialisation einen solchen Schritt zu tun – bemerkenswert."
„Wir müssen Lucius da raus holen, Albus. Bitte, es muss doch eine Möglichkeit geben!" Remus griff nach der Hand des alten Zauberers.
Doch Dumbledore schüttelte den Kopf. „So leid es mir tut, aber ich sehe keinen Weg, wie wir Mr. Malfoy auch nur helfen könnten. Natürlich wird man deine Aussage nicht völlig ignorieren können, aber die Liste seiner Verbrechen ist lang."
„Er hat Kingsleys Kinder gerettet. Ohne Lucius wären sie ein Opfer der Dementoren geworden, ohne Lucius hätte ich sie zerrissen letzte Nacht, ohne Lucius wäre ich ein Mörder, ohne Lucius…"
„Remus!" fiel ihm Dumbledore ins Wort. „Ohne Zweifel wird man diese noble Tat berücksichtigen müssen, aber der Wizzengamot kann nicht darüber hinweg sehen, wer Lucius Malfoy über Jahre gewesen ist – Voldemorts rechte Hand. Ich muss dir sicher nicht erklären, dass die Gefühle eines einzelnen – noch dazu von jemand mit deiner Erkrankung - dabei keinerlei Rolle spielen werden."
„Dann will der Orden zulassen, dass sie ihn den Dementoren vorwerfen oder in Askaban verrotten lassen?", heulte Remus auf.
„Von ‚wollen' kann da keine Rede sein", entgegnete Dumbledore ruhig, aber bestimmt. „Ich will dir nicht verhehlen, dass ich selbst Zweifel habe, ob Mr. Malfoys Verhalten nicht am Ende einem virtuos erdachten Plan entspringt. Sowohl er als auch Lord Voldemort sind in der Lage, etwas Derartiges zu ersinnen."
„Nein", widersprach Remus heftig und schüttelte den Kopf. „Wenn Sie ihn mit den Kindern gesehen hätten, Sie würden nicht so reden. Ich habe selten jemanden in dieser Weise mit Kindern umgehen sehen. Er hat sie behandelt, als wäre es seine eigenen."
„Das will ich nicht hoffen", erwiderte Dumbledore. „Ich habe die Ergebnisse von Mr. Malfoys Erziehungskünsten an seinem Sohn erlebt. Der junge Draco ist mit eiserner Hand und taktischem Kalkül erzogen worden. Als ‚liebevoll' konnte man das beim besten Willen nicht bezeichnen."
Dumbledore seufzte. „Mir ist klar, dass ich dich nicht überzeugen kann, Remus, egal, was ich sage. Der Schwur, den ihr einander mit diesem Ritual geleistet habt, ist nicht reversibel und sehr stark. Die Wirkung wird vielleicht sogar zunehmen, je länger diese Bindung besteht. Wir werden nach einer Lösung suchen müssen, sie zu zerstören, ohne dass du Schaden nimmst."
„Das will ich nicht", sagte Remus heiser.
„Du bist ein intelligenter Mann", sagte Dumbledore. „Dir ist bewusst, dass deine Gefühle magischen und nicht natürlichen Ursprungs sind?"
„Selbstverständlich. Aber es ist mir egal. Selbst wenn ich alle meine Empfindungen ignoriere, bleibt die Überzeugung, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient. Sie haben es mich selbst gelehrt, Albus. Sie haben Severus diese Chance gegeben. Warum nicht auch Lucius?"
„Von all meinen Zweifeln abgesehen, Remus: Weil es dieses Mal nicht in meiner Macht steht. Mr. Malfoy befindet sich in der Obhut des Ministeriums. Ich muss gerade dir nicht erklären, was das bedeutet. Es tut mir leid, mein Junge. Mir sind die Hände gebunden."
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Die Auroren kamen bereits früh am nächsten Morgen, und da Remus körperlich keine gravierenden Schäden davon getragen hatte, stimmte der diensthabende Heiler zu, ihn in die Hände des Ministeriums zu entlassen.
Man brachte Remus in einen Raum im dritten Stockwerk, wo das Hauptquartier der Abteilung zur Bekämpfung der Dunklen Künste angesiedelt war. Remus war froh, dass der Aufzug nicht im zweiten Stock anhielt, in dem sich Umbridges Department zur Aufsicht und Führung magischer Geschöpfe befand. Er hatte dort ein paar sehr unangenehme Gespräche und Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen, nachdem Snape ihn als Werwolf ‚geoutet' hatte.
Das Büro, in dem er sich nun befand, sah aus wie eine sehr gewöhnliche Amtsstube, mit einem breiten Schreibtisch und Wänden voller staubiger Aktenordner. Auffällig war nur, dass der Stuhl vor dem Schreibtisch mit Ketten besetzt war, so wie der Angeklagtensitz im Gerichtsraum des Zauberergamots.
Die Auroren waren kurz angebunden, aber nicht rüde. Allerdings beobachteten sie Remus mit äußerster Aufmerksamkeit.
Die Tür öffnete sich, und zu Remus' Erleichterung trat Tonks in das Büro. Ihre Haare waren mausbraun, und dunkle Ringe lagen um ihre Augen. Sie schien nicht besonders viel Schlaf bekommen zu haben in der vergangenen Nacht.
„Hi Remus. Wie geht es dir?", fragte sie müde und berührte kurz seinen Oberarm. Eine freundschaftliche Geste, die nicht unbemerkt blieb.
„Sollte ich den Eindruck gewinnen, dass Sie befangen sind, wäre ich gezwungen, Sie vom weiteren Verfahren auszuschließen, Miss Tonks", sagte die grauhaarige Hexe, die nun zu ihnen stieß.
Sie trug eine Aurorenuniform und die grauen Haare zu einem strengen Knoten zusammen gefasst, aber sie musterte Remus neutral und interessiert durch quadratische Brillengläser.
„Ich bin befangen", gab Tonks zu Remus' Erschrecken sofort zu. „Aber ich nehme an keinem Verfahren teil, sondern ich will nur einem Freund etwas moralische Unterstützung gewähren, Officer MacGonagall."
Die Hexe nickte schmallippig, und jetzt war auch Remus klar, warum sie ihm gleich so seltsam vertraut erschienen war. Dies musste Diane MacGonagall, Minervas ältere Schwester, sein. Er erinnerte sich, dass Minerva sie einmal erwähnt hatte, wobei er nicht den Eindruck hatte, dass die beiden Frauen ein besonders herzliches Verhältnis pflegten.
„Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Lupin. Keine Sorge, die Ketten sind nicht für Sie gedacht."
Zögernd setzte sich Remus auf den Verhörstuhl.
„Sie werden verstehen, dass wir sehr interessiert daran sind, Näheres über die Vorgänge in Sie-wissen-schon-wessen Gefängnis zu erfahren."
Remus nickte. „Das verstehe ich. Darf ich zuerst fragen, wie es Mr. Shaklebolts Kindern geht?"
„Sie dürfen. Alle drei befinden sich derzeit in Obhut des Ministeriums, und es wird gut für sie gesorgt. Nun, Mr. Lupin, beginnen wir doch einfach am Anfang Ihrer Geschichte. Wie kommt es, dass Sie als arbeitsloser Lehrer in die Fänge der Anhänger von Sie-wissen-schon-wem gerieten?"
„Wir wissen, dass du Mitglied des Phönixordens bist, Remus", sagte Tonks, bevor er sich in Widersprüche verstricken konnte. „Dumbledore hat seine Differenzen mit dem Minister weitestgehend geklärt, jetzt wo Clarence Falkbeak neuer Zauberereiminister ist."
„Diese Entwicklung ist mir neu", sagte Remus bedächtig.
„Nun, nehmen Sie zur Kenntnis, dass die Mehrheit der Auroren dieser Veränderung durchaus positiv gegenüber steht", sagte MacGonagall. „Wenn Sie den Zeugen bitte freundlichst nicht mehr unterbrechen würden, Aurorin Tonks?"
Remus begann zu erzählen. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren, weil er unablässig an Lucius denken musste, der hier irgendwo im Ministerium in einer der Kurzzeit-Haftzellen untergebracht sein musste, die zu Vollmond auch für Werwölfe genutzt wurden.
Dennoch sprach Remus mit Bedacht. Er war ein guter Lügner, die Lykantrophie brachte das mit sich, und so gab er zwar einige Informationen preis, die die Auroren in hohem Maße erstaunten, für den Orden jedoch jetzt nicht mehr lebenswichtig waren. Dies schaffte ein Klima des Vertrauens, in dem er sich den wirklich heiklen Fragen zu entziehen hoffte. Dass Kingsley ein Ordensmitglied war, hatte über Jahre strengster Geheimhaltung unterlegen. Jetzt jedoch, wo er nicht mehr die Jagd auf Sirius in die Irre leiten musste und zudem Gefangener Voldemorts war, konnte Remus mit diesem Wissen die Auroren von seiner Glaubwürdigkeit und Kooperationsbereitschaft überzeugen.
Er berichtete ihnen, wie er und Hagrid von der Entführung Nora Shaklebolts erfahren hatten, und dass es sich für sie darstellte, als könnten sie sie unter Umständen noch retten, wenn sie nur schnell genug waren.
„Wie sind wie Anfänger in Pettigrews Falle getappt", erläuterte er. Er schilderte kurz die Zustände in Voldemorts Kerker, und mit jeder Grausamkeit, von der er sprach, wurde der Strich, den MacGonagalls Lippen bildeten, schmaler.
„Malfoy hat Ihnen also Wasser angeboten. Was glauben Sie, warum er das tat?" fragte sie nachdenklich.
„Das müssen Sie ihn schon selbst fragen", entgegnete Remus. „Aber natürlich war ich auch misstrauisch. Er ist Reinblüter durch und durch, und er hat aus seiner Verachtung für mich nie einen Hehl gemacht. In diesem Moment allerdings, als ich das Wasser nahm, sah ich keine Alternative. Ich war kurz davor, zu verdursten. Ich hätte es vermutlich auch getrunken, wenn ich sicher gewesen wäre, dass es vergiftet ist. Ich kann nur aufgrund seines späteren Verhaltens vermuten, dass der erste Antrieb, mir zu helfen, entstand, als er mitbekam, dass meine Anwesenheit die Kinder beruhigte. Sie werden es sich schwer vorstellen können", sagte er zu der Aurorin, „ich hätte es ja selbst nicht geglaubt, wenn ich es nicht miterlebt hätte, aber er hat ein besonderes Verhältnis zu Kindern."
„Es fällt mir in der Tat schwer, mir dies auch nur vorzustellen", bestätigte die Aurorin. „Was geschah weiter?"
Remus erzählte, wie sie den Kinderzauberstab aufgerüstet hatten, wie sie Essen aus der Küche organisiert hatten, er berichtete, wie mühsam es war, den Dementoren Stand zu halten.
Sie nickte und machte sich gelegentlich ein paar Notizen, ab und zu fragte sie nach, bat ihn, zu präzisieren.
„Kommen wir zu der vorletzten Nacht. Es war Vollmond. Bitte erklären Sie, wie es kommt, dass Sie Mr. Malfoy und die Kinder nicht angegriffen haben, und warum auch die angeblich vorhandenen Dementoren Sie nicht attackiert haben."
Vorsichtig wagte sich Remus auf das dünne Eis. Er hatte Lucius' mahnende Worte im Ohr: „Es wäre klug, die Natur unserer…'Beziehung' möglichst nicht zu offensichtlich werden zu lassen – in deinem ureigensten Interesse. Sag ihnen, du hast einen Deal mit mir gemacht. Ich sorge dafür, dass du die Kinder nicht angreifst, und du legst im Gegenzug ein gutes Wort beim Prozess für mich ein."
„Lucius Malfoy ist das Kind einer Veela", spielte er seinen letzten großen Trumpf. „Offensichtlich verfügt er deshalb über einen Zauber, mit mir zu kommunizieren, während ich verwandelt bin."
MacGonagall sah ihn über ihre Brille hinweg verblüfft an. „Mr. Malfoy hat uns dazu eine etwas andere Geschichte erzählt", sagte sie. „Er behauptete, mit dunkler Magie gegen Sie vorgegangen zu sein."
„Das mag sein", sagte Remus. „Vielleicht lügt er, weil er nicht will, dass etwas über seine nicht ganz so makellose Abstammung an die Öffentlichkeit kommt. Sie wissen ja, wie biestig diese alten Reinblüterfamilien untereinander sein können. Ich kann mich natürlich an die Nacht naturgemäß nicht mehr erinnern, aber ich weiß genau, dass am nächsten Morgen Wüstensand in der Zelle lag. Und er hat es mir selbst erzählt, als er seine Haare abgeschnitten hat, um das Vlies für den Zauberstab herzustellen."
„Wir wissen in der Tat zu wenig über die spezielle Magie der Veela, um hier eine Aussage zu treffen", räumte die Aurorin ein. „Aber wir haben nach Bulgarien um einen Experten geschickt. Er wird Mr. Malfoys Blut untersuchen, dann erhalten wir wenigstens hierzu Klarheit", kündigte sie an. Sie betrachtete Remus aufmerksam. „Nun, Mr. Lupin, diese Veelatheorie mag erklären, warum Sie die Kinder und Malfoy nicht angegriffen haben, aber es erklärt nicht, wie die Dementoren in Schach gehalten werden konnten. Wir wissen zwar, dass Sie einen Patronuszauber beherrschen, aber in einer Vollmondnacht werden Sie wohl kaum diesbezüglich einsatzfähig gewesen sein. Und Malfoy als Todesser kann ebenfalls keinen gestaltlichen Patronus beschwören."
„Lucius…Malfoy hat die Dementoren vertrieben. Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat. Er hat sich von mir tags zuvor das Dunkle Mal aus dem Arm brennen lassen. Wir dachten, es wäre möglich, dass es irgendwie die arkanen Bahnen blockiert. Ich weiß nicht, ob das zutreffend ist. Andererseits hat er die Dementoren in der ersten Nacht auch schon mit seinem gestaltlosen Patronus und einem Veelazauber gebannt, als ich irgendwann meinen Patronus nicht mehr aufrechterhalten konnte."
„Könnten die Kinder etwas dazu gesehen haben?" fragte MacGonagall.
„Sicher nicht", erwiderte Remus. „Malfoy hat sie mit einem Traumzauber belegt am Abend zuvor. Wir wussten ja nicht, ob es gelingen würde, die Dementoren abzuwehren. Es waren so viele." Remus konnte selbst die Erschöpfung in seiner Stimme hören.
„Nur eine letzte Frage, Mr. Lupin, dann wollen wir Ihre Aussage nur noch einmal zu Protokoll nehmen, sie müssen sie gegenlesen und unterschreiben. Mr. Malfoy hat meinen Kollegen gegenüber angegeben, er habe sich mit Sie-wissen-schon-wem überworfen, weil dieser seine Frau Narcissa Black-Malfoy getötet haben soll."
„Das hat er mir auch gesagt", bestätigte Remus.
„Ihrer Einschätzung nach – ist dies eine zutreffende Behauptung?"
„Wie soll ich das wissen, Officer?" Remus überlegte kurz, ob er ihr von Lucius' Zusammenbruch berichten sollte, unterließ es dann jedoch. „Er hat es nicht mir erzählt, wenn ich mich genau erinnere, sondern den Kindern. Ich habe es nur mit gehört. Aber ich habe gesehen und gehört, wie Crabbe und Goyle ihn zusammen geschlagen haben. Sie hätten ihn fast umgebracht. Ich glaube nicht, dass es Theater war. Da war so viel Hass im Spiel. Und die Dementoren haben ihn ernsthaft angegriffen. Zumindest das Zerwürfnis mit Vol…mit Sie-wissen-schon-wem scheint mir eine unumstößliche Tatsache zu sein."
MacGonagall überflog ihre Notizen. „Oder es ist ein sehr raffiniert ausgeklügelter Plan, um sich der Verantwortung für seine Verbrechen zu entziehen. Er lässt die Kinder kidnappen und spielt sich dann als Retter in der Not auf. Damit es wirksam wird, sucht er sich einen Zeugen, und wenn man bedenkt, wie wenig er als Reinblüter von Werwölfen und deren Intelligenz hält, sind Sie eine ideale Besetzung. Vielleicht wollte er sich auf diese Weise auch das Vertrauen des Phönixordens erschleichen. Er hat das entweder allein oder sogar in Zusammenarbeit mit Sie-wissen-schon-wem ausgeheckt. Das einzige, womit er nicht gerechnet hat, war, dass Sie Ihren Patronus nicht zum Orden, sondern zu Aurorin Tonks ins Ministerium schicken. Und jetzt sitzt Sie-wissen-schon-wessen rechte Hand hier fest. Das nennt man wohl eine glückliche Fügung", frohlockte sie.
Remus widersprach ihr nicht. Er hörte ihr auch kaum noch zu, als sie ihre Notizen an eine Flotteschreibefeder diktierte. „Das einzige, womit er nicht gerechnet hat, war, dass Sie Ihren Patronus nicht zum Orden, sondern zu Aurorin Tonks ins Ministerium schicken", klangen ihre Worte in seinem Kopf. Seine Gedanken rasten. Er konzentrierte sich erst wieder, als sie ihm seine Aussagen noch einmal vorlas, dann unterschrieb er.
„Wo können wir Sie erreichen, Mr. Lupin?" fragte MacGonagall. „Ihnen ist sicher klar, dass Sie für uns ein wichtiger Zeuge sind. Bitte verlassen Sie London nicht ohne Genehmigung des Ministeriums."
„Selbstverständlich nicht", antwortete er diszipliniert, und gab ihr die Adresse einer abbruchreifen Wohnung im East-End, die der Orden für ein paar Pfund im Monat gemietet hatte, und die Mundungus Fletcher für allerlei Geschäfte nutzte.
„Ich habe dafür gesorgt, dass Sie sich nicht in der Abteilung von Dolores Umbrigde melden müssen", sagte MacGonagall. „Ich nehme an, das ist in Ihrem Sinne. Ich erwarte im Gegenzug allerdings, dass Sie sich weiterhin kooperativ verhalten, Mr. Lupin."
Sie sah ihn mit lauernden Katzenaugen an. Remus fragte sich, ob sie ebenso ein Animagus war wie ihre Schwester Minerva.
„Ich danke Ihnen", sagte Remus einfach. „Und ich habe Sie sehr gut verstanden."
„Das freut mich", erwiderte sie mit schmallippigem Lächeln. „Auf Wiedersehen, Mr. Lupin."
„Könntest du mich nach draußen begleiten?" bat er Tonks.
„Klar."
Die junge Aurorin brachte ihn über den Gang zum Aufzug und fuhr mit ihm hinunter.
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„Woran hast du meinen Patronus eigentlich erkannt?" fragte Remus, während sie langsam in Richtung des Eingangsbereichs schwebten. Er war froh, dass keine anderen Zauberer zu ihnen in den Paternoster stiegen.
„Na hör mal, ich kenn' doch deinen Wolf!" erwiderte sie erstaunt. „Wer sonst im Orden hat so einen abgefahrenen Patronus? Was hast du eigentlich mit ihm gemacht? Er war viel kräftiger und größer als sonst. Mein Border Collie sieht immer gleich aus."
„Ich…" Remus wusste nicht, was er ihr antworten sollte. Sein Herz flatterte wie ein aufgeregter Vogel in seiner Brust. Lucius' Patronus war nicht nur gestaltlich, er nahm auch noch Form und Aussehen eines Wolfes an! Manchmal veränderten sich Patroni, wenn etwas Schwerwiegendes im Leben eines Zauberers vorfiel. Remus hatte vermutet, dass Lucius vielleicht doch einen gestaltlichen Patronus hervor gebracht hatte, aber er hätte dem Slytherin am ehesten einen Raubvogel oder ein katzenhaftes Tier zugetraut. Remus glaubte nicht an Zufall, was die Gestalt von Lucius' Patronus anging, und die Bedeutung des silbernen Wolfes nahm ihm schier den Atem.
„Komm mit!" sagte er zu Tonks und zerrte sie hinter sich her, eine Treppe hinunter zur U-Bahn, wo er mit ihr in den nächsten Zug sprang, weit weg vom Ministerium und dem Zugriff von Auroren, die sie vielleicht verfolgen konnten.
„Du weißt schon, dass uns hier alle für Freaks halten?" sagte Tonks amüsiert zu ihm. „Wir tragen Roben."
„Das ist London, wir könnten auch Kartoffelsäcke tragen, ohne dass die Muggel uns eines zweiten Blicks würdigen", entgegnete Remus.
Zwei Stationen später stiegen sie aus und Remus führte Tonks, die ungeduldig darauf wartete, dass er ihr sagte, was ihn offenbar umtrieb, in ein Straßencafe. Es war eine der Ketten, die in Muggellondon überall wie Pilze aus dem Boden schossen.
„Du kannst dir ‚Starbuck's' leisten?" fragte sie.
„Nein, aber du kannst es", erwiderte er und bestellte zwei Becher Kaffee.
Tonks seufzte theatralisch und bezahlte dann. Sie nahmen die Pappbecher und setzen sich zwischen einen großen Tisch mit einer Gruppe schwätzender Teenager und ein Sofa mit drei älteren Frauen mit kurzen grauen Haaren und eleganten Nadelstreifenkostümen.
Tonks wirkte diskret einen Antiabhörzauber, dann lächelte sie.
„Die Umgebung ist sauber: Keine Kollegen, keine Langziehohren. Also: Ich höre. Du hast doch etwas auf dem Herzen."
„Herz trifft es ziemlich genau", erwiderte Remus trocken. „Dora, das war nicht mein Patronus."
Sie sah ihn verständnislos an. „Wie meinst du das, ‚nicht dein Patronus'? Außer dir waren doch nur noch die Kinder in dem Gefängnis und Lucius. Die einen sind zu klein für einen Patronus, der andere zu bösartig."
„Sollte man meinen. Aber denk' mal darüber nach, wann der Patronus dich erreicht hat."
Remus sah sie erwartungsvoll an.
„Das muss so gegen halb vier gewesen sein, nicht viel früher. Wieso?"
„Um halb vier ging der Mond gerade unter. Wie lange braucht so ein Zauber, um von Voldemorts Kerker zu dir ins Ministerium zu fliegen? Eine Stunde? Zwei?"
Tonks nickte. „Klar, so ungefähr. Aber wie hast du ihn denn geschickt, wenn du noch verwandelt…." Sie stockte. „Du warst noch verwandelt, als der Patronus losgeschickt wurde."
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Remus nickte bestätigend.
„Warte mal", sagte Tonks. „Zu klein, die Kinder. Zu böse, Lucius. Zu lykantroph, das bist du. Remus, willst du mir sagen, dass du kein Werwolf mehr bist?"
Er lachte bitter auf. „Eine mögliche Schlussfolgerung, aber keine sehr wahrscheinliche. Außerdem – nein, ich bin und bleibe leider, was ich bin."
„Na gut, die Kinder sind aber zu klein, und Lucius ist zu… Natürlich!" rief sie aus. „Lucius hat die Kinder gerettet. Er hat etwas so Gutes getan, dass er einen gestaltlichen Patronus hervorbringen konnte. Remus, das hieße ja, er hat sich wirklich von Du-weißt-schon-wem abgewendet."
Sie sog an ihrem Strohhalm. „Dann war es Lucius' Patronus. Unglaublich. Remus, wir müssen den Orden informieren. Nicht, dass noch andere von uns darauf hereinfallen, und seinen Wolf für den deinen halten. Das könnte gefährlich sein."
„Er sitzt in Haft, oder?" sagte Remus kurz.
„Ja, sie haben ihn heute morgen nach Askaban gebracht", antwortete Tonks.
Remus spürte, wie sich seine Eingeweide schmerzhaft zusammen zog. Askaban. Oh Merlin!
„Aber warum ausgerechnet ein Wolf?" sinnierte Tonks weiter.
„Genau das will ich dir wirklich erzählen", sagte Remus leise. „Aber Dora, bitte, du darfst mit niemandem darüber sprechen. Dumbledore weiß Bescheid, aber sonst keiner. Versprich mir, dass du dieses Geheimnis wahrst."
Sie sah ihm mit gerunzelten Brauen an.
„Also schön, Remus Lupin. Das hier muss dir wirklich wichtig sein, wenn du wie die Katze um den heißen Brei herumschleichst. Das ist sonst überhaupt nicht deine Art."
Und Remus begann, ihr die Wahrheit über die Ereignisse der vergangenen Tage zu erzählen. Tonks Augen wurden immer größer und größer, bis er schließlich - sehr vage und vorsichtig formulierend – das Prinzip des Rituals erläuterte.
„Das hast du Lucius angeboten?", fragte sie zweifelnd und warf Remus einen mitleidigen Blick zu. „Ich nehme an, Lucius hat dich zur Hölle geschickt, als du ihm das vorgeschlagen hast?" sagte sie leise.
Remus hielt ihren Blick. Tonks schluckte. Sie verstand.
„Nein", sagte sie. „Nein, Remus, das glaube ich jetzt nicht. Du hast ernsthaft mit Lucius…also ich meine…mit Lucius, dem fiesesten aller Todesser?"
„Was hättest du an meiner Stelle getan?", fragte er provokativ.
„Nun ja, also bevor den Kindern etwas passiert wäre…er sieht ja auch nicht mal schlecht aus. Wie war er denn so…im Bett?" Tonks sah Remus fragend an.
Dieser starrte perplex zurück. Es dauerte einen Moment, bis Remus erkannte, dass Dora ihn auf ihre sehr eigene Art aufzog.
„Merlin, Remus, entschuldige", lachte sie. „Ich kann es nur einfach nicht fassen. Ausgerechnet Lucius! Viel widerwärtiger geht es doch gar nicht, sieht man von solchen Trollen wie Crabbe, Goyle oder MacNair einmal ab. Du Armer, du musst total verwirrt sein."
„Ich bin nicht verwirrt und er ist nicht widerwärtig", sagte Remus kühl, dem nicht zum Scherzen zumute war.
„Oh Merlin!", rief Tonks und hielt sich die Hand vor den Mund. „Hast du nicht eben gesagt, dass das Ritual zwischen den beiden Zauberer eine enge seelische und emotionale Bindung schafft?"
Remus nickte. „Das habe ich. Und ich hatte allerdings den Eindruck, du würdest zuhören."
„Remus, versuchst du gerade mir zu sagen, dass du ihn…magst?" Tonks sah ihn immer noch an, als wäre er geistig umnachtet.
„Mögen charakterisiert es nicht wirklich", antwortete Remus leise. „Dora, ich komme um vor…Sorge." Er hatte „Sehnsucht" sagen wollen, schluckte das Wort jedoch hinunter. „Du musst eine Möglichkeit finden, damit ich ihn sehen kann."
Jetzt war die Katze aus dem Sack. Tonks starrte ihn an, immer noch perplex, aber der zunehmende Rotstich ihrer Haare warnte Remus vor der nun folgenden Explosion.
„Du bist ja bescheuert! Remus Lupin, ehrlich, das ist die beschissenste Idee, die du je hattest! Was glaubst du, wird passieren, wenn du einen Antrag stellst, ihn in Askaban besuchen zu dürfen? Meinst du nicht, das würde etliche Fragen aufwerfen? Ich habe gesehen, wie hart du eben gearbeitet hast, um im Ministerium ein makelloses Bild abzugeben, und du warst große Klasse, wirklich professionell. Wenn du jetzt versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen, machst du alles kaputt, was du erreicht hast."
„Alles was ich will, ist mit ihm sprechen!" erwiderte Remus heftig. „Dieser Wolfspatronus – Tonks, weißt du, was das bedeutet?"
„Natürlich weiß ich das, ich bin ja nicht blöd", gab sie scharf zurück. „Ganz offenbar hat euer Schäferstündchen auch bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber Remus, das ist nicht echt. Es ist nur Magie, arkanes Kopfkino. Und was immer man auch über Lucius Malfoy sagen mag, er ist intelligent. Er weiß um die Natur dieser Gefühle, über ihren Mechanismus, und er wird es für sich ausnutzen. Remus, er wird dich ausnutzen. Wenn du dich darauf einlässt, kann er dein ganzes Leben zerstören, deine Zukunft."
„Meine Zukunft?" Remus lachte bitter auf. „Dora, was für eine Zukunft? Ich bin ein Werwolf, und ganz egal, wer diesen Krieg gewinnt, für mich wird es nichts geben, was du als nennenswerte Zukunft bezeichnen kannst."
„Ich bin ein Werwolf, zu arm, zu alt, zu gefährlich, blablabla", äffte sie ihn nach. „Das erzählst du jedem, der es hören oder nicht hören will seit tausend Jahren, Remus. Guck mal hoch und mach den Rücken gerade!"
„Wie du willst. Danke für den Kaffee." Remus erhob sich und verließ wortlos den Coffeeshop.
„Ach, Merlin, scheiße!" fluchte Tonks und lief ihm nach.
„Remus! Remus, bleib stehen!"
An der Straßenecke hatte sie ihn eingeholt.
„Remus, nun bleib doch stehen! Es tut mir Leid, mir ist einfach der Kragen geplatzt. Remus! Ich gebe zu, ich war nicht besonders sensibel, aber hey…Remus!"
Sie hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten.
„Ich helfe dir, wenn du eine Idee hast, wie!"
Schlagartig blieb er stehen.
„Versprich es mir."
Tonks wand sich sichtlich, aber schließlich sagte sie: „Also gut, ich verspreche es. Aber wir versuchen es nur einmal, und auch nur, wenn es kein Himmelfahrtskommando ist."
Remus schlang die Arme um Tonks schmale Schultern. „Danke! Danke, Dora, das werde ich dir nie vergessen."
„Jetzt krieg dich wieder ein", brummte sie. „Erst einmal müssen wir herausfinden, wie wir an ihn rankommen. Er ist vermutlich der bestbewachte Gefangene in ganz Großbritannien."
Remus seufzte. „Das hoffe ich. Falls Voldemort ihn in die Finger bekommt…ich darf gar nicht daran denken."
„Voldemort!", sagte Tonks verächtlich. „Vor dem ist mir nicht bang. Aber wenn Dumbledore oder Officer MacGonagall heraus kriegen, was du planst, sind wir so was von am… also so was von du-weißt-schon-was."
Remus starrte auf das grüne Männchen an der Muggelampel. „Ich habe keinen Plan."
„Ich auch nicht. Ich habe noch nie einen Todesser aus Askaban befreit, und ich dachte nicht, dass ich mich einmal damit auseinander setzen würde. Für so was braucht man einen Experten", stellte Tonks fest. „Einen, der gute Informationen hat, exzellent vernetzt ist und jede Menge krimineller Energie besitzt. Ich würde Lucius empfehlen, aber der sitzt ja nun. Außerdem müsste dieser jemand ausgesprochen wagemutig und sehr verschwiegen vorgehen. Ich kenne niemanden, der…"
„Aber ich!" rief Remus aus. „Komm, wir müssen zum Grimmauldplatz! Von da können wir flooen."
Er stürmte los. Tonks zerrte ihn zurück, bevor der Lieferwagen Remus überrollen konnte. Wütend drückte der Fahrer auf die Hupe.
„Merlin, Remus!" schrie Tonks. „So kenne ich dich ja überhaupt nicht. Das hätte eben fast gekracht. So schaffst du es nie, dein persönliches Waterloo in Askaban zu treffen. Wenn du dich überfahren lässt, kommst du bestenfalls ins St. Mungos!"
Sie schüttelte ihn am Arm. „Und zu wem willst du überhaupt?"
Remus lächelte, aber es glich eher einer Grimasse. „Nun ja, gut informiert, wagemutig, kriminelle Energie, verschwiegen…fällt dir da nicht spontan jemand ein?"
Tonks erstarrte. „Du meinte doch nicht etwa…?"
„Doch", erwiderte Remus grimmig, „den meine ich. Die einzige Schlange im Orden. Severus Snape."
Fortsetzung folgt
