Kapitel 12: Packen

London, Baker Street - Samstag, 10:19am

John sah sich ein wenig ratlos im Wohnzimmer um, unschlüssig, wo er anfangen sollte. Vor zwei Stunden war ihm ein Stapel Umzugskartons geliefert worden, die er gestern bestellt hatte. Die Sachen, die sich in seinem Schlafzimmer befanden waren schnell zusammengepackt. John hatte sich nie viel aus Besitztümern gemacht. Sein früherer Lebensstil beim Militär hatte ihm auch kaum die Gelegenheit geboten, viel Zeug anzusammeln. Der Rest der Wohnung bildete allerdings eine größere Heraus forderung. John hatte Mrs. Hudson versprochen, die Wohnung soweit aus- und aufzuräumen, dass möglichst bald neue Mieter einziehen konnten. Sein Blick schweifte über die Bücherregale und den großen Tisch zwischen den Fenstern. Einige Dinge hier gehörten ihm, vieles waren aber Sherlocks Habseligkeiten. Der Mann hatte im Laufe der Jahre deutlich mehr gehortet und war selten dazu zu bewegen gewesen, etwas wegzuschmeißen. John hatte das im Grunde nie etwas ausgemacht. Zwar hielt er sein eigenes Zimmer stets sauber und ordentlich, doch hatte er sich schnell an das Chaos im Rest der Wohnung gewöhnt und fand es irgendwann sogar gemütlich. Er musste dringend mit Mycroft klären, was mit Sherlocks Sachen geschehen sollte. Bislang war dieser ihm immer ausgewichen, wenn John das Thema ansprach. Er war sich jedoch sicher, der ältere Holmes würde keine Einwände haben, wenn John einige von Sherlocks Dingen behielt. John überlegte grinsend, ob sich der Schädel vielleicht gut in seinem zukünftigen Behandlungszimmer machen würde. Entschlossen, heute ein gutes Stück voran zu kommen, faltet John einen Umzugskarton auseinander und wandte sich dem ersten Bücherregal zu.

Gegen halb eins betrat Mrs. Hudson mit ihrem üblichen „Whoo-hoo!" die Wohnung. Sie hatte zwei Teller in den Händen, auf denen etwas verführerisch gut duftete.

„Shepards Pie!", rief John erfreut, dem mittlerweile der Magen knurrte. „Sie schickt der Himmel, Mrs. Hudson!"

Während die beiden aßen erzählte John von seinem gestrigen Abend mit Greg Lestrade und richtete dessen Grüße aus. Mrs. Hudson nickte lächelnd und sah sich dann in der Wohnung um. „Sie verlieren keine Zeit", meinte sie traurig, als sie auf die halb gepackten Kartons blickte.

„Ich schiebe Dinge nicht gerne vor mir her. Außerdem kann es sein, dass ich nächste Woche schon fort muss. Bis dahin ist noch viel zu tun."

Sie nickte, ihr Blick wurde noch trauriger - erst Sherlock und nun auch John. Die beiden Männer waren ihr so ans Herz gewachsen - wie Söhne, die sie nie gehabt hatte. Sie konnte sich gar nicht vorstellen in dieser Wohnung bald andere Mieter zu beherbergen. Aber sie verstand, dass John gehen wollte. Er und Sherlock hatten sich sehr nahe gestanden und John hatte den Tod seines Freundes bislang nicht wirklich verarbeiten können. Er würde immer ein Stück weit in diesem alten Leben festhängen, wenn er die Baker Street nicht hinter sich ließ.

John legt eine Hand auf die von Mrs. Hudson und streichelte sanft darüber. „Wir bleiben in Kontakt, Mrs. Hudson. Wir telefonieren. Ich ziehe nur nach Deutschland, nicht ans andere Ende der Welt. Und ich werde sie besuchen kommen, so oft es geht."

Mrs. Hudson hatte nach dem Essen angeboten beim Packen zu helfen, aber John lehnte ab. Er wollte der alten Damen die emotionale Achterbahnfahrt nicht zumuten. Er selber fühlte sich nach den wenigen Stunden am Vormittag bereits sehr ausgelaugt, nicht physisch sondern emotional. John hatte das Gefühl, dass Elan und Energie, die er vorhin noch aufbringen konnte mit einem Schlag verschwunden waren. Er sah sich in der halb leeren Wohnung um, und Erinnerungen an die 1 ½ Jahre, in denen er mit Sherlock hier gelebt hatte strömten auf ihn ein. Mit schnellen Schritten verließ er den Wohnraum in Richtung Küche, um sich einen Tee zu kochen aber seine linke Hand zitterte so stark, dass er den Wasserkocher kaum ruhig unter den Wasserhahn halten konnte. Er schloss die Augen, atmete tief ein und aus und ballte die Hand zur Faust. Das Zittern seiner Hand war nach Sherlocks Tod zurückgekehrt. Nicht so stark und häufig wie früher, aber es war da. Ohne lange zu überlegen griff sich John seine Jacke. Er brauchte frische Luft, musste raus aus der Wohnung.

John war gerade um die erste Straßenecke gebogen, als er das schwarze Auto bemerkte, das soeben neben ihm hielt. Er rollte genervt mit den Augen und überlegte einen Moment, ob er das Auto einfach ignorieren und in die Wohnung zurückkehren sollte. Er war heute wirklich nicht in Stimmung für eine Konfrontation mit Mycroft. Allerdings wollte er ja sowieso noch mit ihm über Sherlocks Nachlass sprechen. John seufzte und öffnete die hintere Tür des Wagens. „Hallo Anthea, schön Sie wiederzusehen."