12. The Whip Of The Wind
(This House Is On Fire – Natalie Merchant)


Terry musste die Geduld von Professor Lupin bewundern. Nicht viele Lehrer ließen sich die Diskussionen von Simon und Smith so lange gefallen. Vielleicht lag es auch nur daran, dass es die erste Verteidigungsstunde war. Lupin kannte die beiden noch nicht.

»… außerdem sind ethische Argumente in dieser Hinsicht nicht sehr überzeugend«, behauptete Simon gerade. »Man hat auch viel ungefährlichere Arten ausgerottet. Wölfe, Luchse, Wildschweine, Elche, Biber, Kraniche und Seeadler haben sich nicht plötzlich entschlossen, kollektiven Massenselbstmord zu begehen!«

»Muggel!«, konterte Smith. »Muggel haben diese Arten ausgerottet! Wir sind keine Muggel!«

»Perytone, Harpyien und Lamias?«, hielt Simon dagegen. »Erklinge, Schnatzer, Mondkälber, Wildkniesel und Kilkenny-Katzen kommen wegen der bösen Muggel nur noch in Reservaten vor? Der Mokebestand hat sich in den letzten Jahrzehnten mühsam von der Überjagung durch Muggel erholt, die ihre Häute für magische Taschen und Geldbörsen wollten? Ist das dein Argument, Smith?«

»Nein, Grey, aber Sophistereien und rhetorische Fragen sind auch keine Argumente – und die Fehler der Vergangenheit keine Entschuldigung für zukünftige!«

Terry hatte keine echte Meinung. Das Dutzend Rotkappen in dem Bannkreis vor ihnen wirkte auf den ersten Blick nicht sehr bedrohlich. Sie sahen wie kleine koboldhafte Zoo-Äffchen aus, nur dass ihr braunes Fell auf dem Kopf in eine rötliche Haube überging. Bei den Männchen sah es fast wie ein Irokesenhaarschnitt aus. Man hätte sie putzig nennen können, wie sie so friedlich dasaßen und sich gegenseitig das Fell kraulten. Wahrscheinlich hatten sie Flöhe.

»Es ist schließlich äußerst selten, dass Rotkappen einen Muggel erwischen«, fuhr Smith unbeirrt fort. »Und allein mit diesen ›Autos‹ haben sich letztes Jahr über viertausend Muggel gegenseitig sinnlos umgebracht, wenn Professor Burbage recht hat. Ein oder zwei Todesfälle mehr pro Jahr rechtfertigen da keinen Genozid an den Rotkappen!«

Simon schnaubte. »Das habe ich niemals behauptet! Ich habe mir nur die Frage erlaubt, warum man sie nicht in Reservaten hält, wie man es bei anderen gefährlichen magischen Tierarten macht. Du hast mit ›Ausrottung‹ angefangen!«

»Aber genau darauf würde es hinauslaufen«, widersprach Smith gelassen. »Rotkappen lassen sich nicht –«

»Bitte, meine Herren!«, meldete sich endlich Professor Lupin mit beschwichtigend erhobenen Händen. Offenbar hatte er inzwischen doch genug gehört. »So interessant und lehrreich ihre Diskussion auch sein mag, wir sind nicht in einem Debattierclub. Wie wäre es, wenn Sie mich mit dem Unterricht fortfahren lassen würden und Ihre zweifellos faszinierenden Gedanken über Muggel- und Rotkappenschutz nach der Stunde austauschen? Wenn Sie tatsächlich so brennend an dem Thema interessiert sind, können Sie uns die Ergebnisse beim nächsten Mal in Form eines kleinen Referats präsentieren. Was halten Sie von meinem Vorschlag?«

Simon und Smith blieben stumm, und ihre Gesichter zeigten deutlich, was sie davon hielten: nichts. Der Rest der versammelten Ravenclaws und Hufflepuffs grinste, und ein paar kicherten sogar schadenfroh. Selbst Terry konnte sich das Grinsen nicht ganz verkneifen. Offenbar war der Professor doch nicht so harmlos und unbedarft, wie er schien.

Lupin wandte sich wieder der ganzen Klasse zu. »Also, wie ich bereits erklärt habe, bevor wir unterbrochen wurden, Rotkappen sind eigentlich Aasfresser. Sie greifen nur selten an, wenn man einen gewissen Sicherheitsabstand einhält und sie nicht unnötig provoziert. Vorsicht ist trotzdem immer geboten. Wenn sie ausgehungert sind oder kein Aas finden können, attackieren sie alles, was sich bewegt.«

Wie um ihren Professor zu bestätigen, machte plötzlich eine Rotkappe einen Satz auf ihn zu – und wurde mitten im Sprung von dem Bannkreis zurückgeschleudert. Als wäre es ein Signal gewesen, wurde nun auch der Rest der Rotkappen lebendig. Der Raum innerhalb des Bannkreises verwandelte sich in ein wildes Durcheinander aus kreischenden, springenden und zähnebleckenden Fellkugeln mit roten Streifen dazwischen. Die kleinen Äffchen waren mit einem Mal alles andere als putzig. Terry trat automatisch einen Schritt zurück, als die Rotkappen anfingen, mit Erdbrocken zu werfen. Ihre Wurfgeschosse drangen zwar nicht durch den Bannkreis, aber das schien die Rotkappen nicht weiter zu stören. Sie schleuderten unbeirrt alles Greifbare gegen die Barriere, und alles Greifbare bestand im Wesentlichen aus Gras, Dreck und Steinchen.

Ihr Professor seufzte, sagte dann mit fester Stimme »Inersom!« und schwang seinen Zauberstab in Richtung der Rotkappen. Die wilden Äffchen beruhigten sich wieder, und ihr Kreischen wurde zu einem leisen Schnattern.

»Wie Sie sehen, stellen sie für einen Zauberer keine große Gefahr dar. Selbst eine ganze Horde ist relativ leicht zu beherrschen. Rotkappen reagieren sehr empfindlich auf Magie. Einfache Flüche mit Flächenwirkung reichen normalerweise aus, um selbst eine größere Zahl von ihnen im Zaum zu halten. Ihre natürlichen magischen Fähigkeiten sind sehr beschränkt. Ihre Aura macht sie für die Augen von normalen Tieren oder Muggeln unsichtbar, und darüber hinaus können sie ein wenig ihrer Umgebungsmagie absorbieren. Das ist auch der Grund, weshalb es nicht möglich ist, sie dauerhaft mit magischen Barrieren – oder in Reservaten – einzusperren.«

Als Terry begriff, was der Professor ihnen gerade eröffnet hatte, machte er noch einen Schritt von dem Bannkreis weg, und diesmal folgten einige andere seinem Beispiel.

»Nur keine Angst«, meinte Professor Lupin und lächelte beruhigend in die Runde. »Es dauerte einige Zeit, bis sie einen Bannkreis so geschwächt haben, dass sie daraus entkommen können. Außerdem werde ich ihn selbstverständlich rechtzeitig erneuern.«

Terry fühlte sich von dieser Bemerkung nicht sehr beruhigt.

»Der Zauberspruch, den ich gerade benutzt habe, wirkt bei vielen nichtmagischen Tieren und – wie sie gesehen haben – auch bei Rotkappen. Bei Menschen und anderen intelligenten Geschöpfen löst er höchstens ein Gähnen aus. Hauptsächlich wird er von Imkern verwendet, die ihn erfunden haben, um damit ihre Bienen friedlich zu stimmen. Wir werden ihn zuerst ohne Zauberstab üben. Sprechen Sie mir bitte nach: Inersom!«

Zusammen mit den anderen murmelte Terry ein lustloses »Inersom«.

»Etwas mehr Begeisterung, bitte!«, verlangte Professor Lupin. »Inersom!«

Diesmal war der Chor etwas lauter, und Lupin nickte zufrieden. »Gut so. Die Zauberstabgeste für den Spruch ist einfach. Ein halbgeschwungener, leicht U-förmiger, möglichst symmetrischer Bogen ohne Schnörkel. Versuchen Sie es erst ohne den Spruch!«

Er machte es vor, sie machten es nach, und das Ergebnis war, dass Luna ihm fast ein Auge ausstach. Terry fragte sich, warum sie Rotkappen nicht einfach aus dem Weg gehen konnten. Und dem ganzen Rest an magischen Geschöpfen gleich mit. Er hatte nach der letzten Stunde bei Hagrids »Tierschau für Lebensmüde« eigentlich gehofft, dass er nicht so schnell wieder mit gefährlichem Viehzeug zu tun haben würde. Und inzwischen bezweifelte er kaum noch, dass Rotkappen gefährlich waren. Selbst wenn sie ruhig in der Mitte des Bannkreises zusammensaßen, blitzten ihre Augen tückisch und gemein. Ihre Putzigkeit war vermutlich reine Tarnung, um ihre Opfer in Sicherheit zu wiegen.

Wenigstens ließ Professor Lupin die Rotkappen nicht frei herumlaufen, wie es Hagrid bestimmt getan hätte. Und Lupin schien sogar zu wissen, wovon er sprach, und ihnen wirklich etwas Neues beibringen zu wollen, was eine nette Abwechslung zu den letzten beiden Jahren darstellte. Trotzdem näherte Terry sich dem Bannkreis nur widerwillig, als die Reihe an ihm war, den Zauberspruch vorzuführen. Der Professor war sogar einigermaßen zufrieden mit Terrys Ausführung und meinte nur, dass er darauf achten solle, die U-Form schön symmetrisch zu machen. Die Rotkappen schliefen inzwischen allesamt und lagen aneinandergekuschelt in der Mittel des Bannkreises, als könnten sie kein Wässerchen trüben, geschweige denn jemanden umbringen.

Alles in allem verlief der Rest der Stunde sogar friedlicher und ruhiger, als Terry erwartet hatte. Sie hatten alle einen Durchgang mit dem Inersom-Zauber, Professor Lupin zählte noch einige andere Flüche auf, die gegen Rotkappen besonders wirksam waren, und führte sie auch vor, und dann war die Stunde auch schon zu Ende. Der Professor gab ihnen nur auf, den Spruch und die Zauberstabgeste bis zum nächsten Mal gründlich einzuüben, und entließ sie in ihren Nachmittag.

Während die Hufflepuffs sich auf den Weg in den Keller machten, wanderte Terry mit den anderen Ravenclaws in den Turm zurück. Professor Flitwick hatte ihnen heute Vormittag einen ellenlangen Aufsatz über die Theorie stimmungsverändernder Zauber aufgegeben, und wegen des bevorstehenden Samstagsunterrichts hatte niemand Lust, die Hausaufgaben aufs Wochenende zu verschieben.

Als sie im Gemeinschaftsraum ankamen, fanden sie ihren üblichen Stammplatz von Erstklässlern besetzt vor und mussten auf einen anderen Tisch ausweichen. Terry hatte sich gerade hingesetzt und sein Schreibzeug aus der Tasche gezogen, als ein Buch vor seiner Nase landete. Das Verwandlungsbuch. Kommentarlos. Es war jetzt genau eine Woche her, dass er Simon das Buch gegeben hatte. Und er hatte oft genug nachgefragt, das letzte Mal gestern, aber Simon hatte immer behauptet, noch keine Zeit dafür gehabt zu haben. Und jetzt das.

Er wartete noch einen Moment, aber Simon hatte bereits sein Theoriebuch aufgeschlagen und schien vollauf bereit, sich ganz auf die blöden Hausaufgaben zu konzentrieren.

»Und?«, gab Terry schließlich erbittert das Warten auf irgendeine Bemerkung auf. »Was sagst du dazu?«

Dann kam die Gegenfrage »Wozu?« aus Simons Mund, und Terry hätte ihn dafür erwürgen können. Als wüsste Simon nicht genau, worum es ging.

»Zu dem Buch!«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Hast du es endlich gelesen?«

»Sicher. Du auch?«

»Ja!«, knurrte Terry zurück, während er die verständnislosen Blicke von Anthony und Lund ignorierte. Er versuchte es noch einmal ganz ruhig, obwohl es ihm schwerfiel: »Was sagst du dazu?«

Simon legte die Finger aneinander, lehnte sich zurück und musterte ihn von oben herab. »Gehe ich recht in der Annahme, Mr. Boot, dass Sie es ernsthaft in Erwägung ziehen, sich auf das irrwitzige Abenteuer einer Animagus-Transformation einzulassen?«

»Blitzmerker!«, bestätigte Terry mit falschem Lächeln. »Der Kandidat hat hundert Punkte! Du bist ja so ein Genie!«

»Animagus?«, fragte Luna, und Anthony meinte: »Das ist nicht dein Ernst?«

Von so viel Begeisterung überwältigt, warf Terry einen wütenden Blick in die Runde.

Luna war die Einzige, die so etwas wie einen Anflug von Interesse zeigt. Anthony wiederum sah ihn nur merkwürdig an: »Du weißt schon, dass das gefährlich ist, oder?«

Luna schien noch nachzudenken, jedenfalls reagierte sie nicht auf seinen hilfesuchenden Blick. Schließlich wandte er sich wieder Simon zu: »Was spricht eigentlich dagegen?«

Er hätte wissen müssen, dass Simon darauf eine Antwort parat haben würde. »Es ist extrem aufwendig. Es ist selbstzerstörerisch, mindestens autoaggressiv. Und du kannst dir nicht mal aussuchen, was du werden willst. Was machst du, wenn du einen Teil deines Ichs aufgibst und dann feststellst, dass du dich in irgendwas Nutzloses verwandelt hast? Schnecke gefällig? Regenwurm? Muschel? Ein niedlicher kleiner Blutegel namens Terry?«

Blutegel? Terry verdrängte die Vorstellung so schnell wie möglich wieder. Er würde nicht als Blutegel enden, da war er sich ganz sicher. Simon versuchte nur, ihm die Sache mieszumachen. Aber bevor er etwas darauf sagen konnte, meldete sich Luna zu Wort.

»Was meinst du mit ›einen Teil seines Ichs aufgeben‹?«

»Na, eben das«, meinte Simon zögerlich. »So wie's in dem Buch steht, verwandelt man sich nicht nur äußerlich. Angeblich übernimmt man auch einen Teil der geistigen Eigenschaften seiner Animagusform, und das hat dann auch Auswirkungen auf die mentale Konstitution und die Persönlichkeit des Animagus in seiner humanoiden Gestalt.«

»Du musst einen Teil deiner Menschlichkeit aufgeben, wenn du Animagus werden willst«, übersetzte Anthony ihr. »Das weiß doch jeder. Darum machen es ja so wenige.«

»So in etwa«, stimmte Simon ihm zu. »Jedenfalls bist du danach nicht mehr ganz derselbe Mensch wie vorher. Es ist vielleicht übertrieben, aber ein kleines bisschen geistige Selbstverstümmelung ist schon dabei.«

Als wäre das der Punkt! »Dafür kann man sich danach in ein Tier verwandeln! Und eine Doppelstunde Geschichte auszuhalten, ist mindestens genauso viel ›geistige Selbstverstümmelung‹!«

Luna kicherte, während Simon mit den Schultern zuckte. »Vielleicht, aber trotzdem zählst du dann nicht mehr als voller Mensch. Wenigstens nicht für das Zaubereiministerium. Steht ausdrücklich in dem Buch. Darum müssen Animagi sich beim Ministerium registrieren lassen. Willst du das wirklich?«

»Ach Blödsinn!«, kam von völlig unerwarteter Seite Hilfe. Anthony schüttelte den Kopf. »Niemand lässt sich freiwillig beim Ministerium registrieren, solange er nicht erwischt wird. Und wenn sie dich erwischen, kassierst du eben einen Rüffel, zahlst 'ne Geldstrafe, musst dich nachregistrieren, und das war's. Wegen so was landet man nicht in Azkaban.«

Terry wollte ihm schon einen dankbaren Blick zuwerfen, aber da machte Anthony alles wieder zunichte, indem er einschränkend hinzufügte: »Das heißt nicht, dass ich es für eine gute Idee halte. Es ist gefährlich, und man kann sich nun mal nicht raussuchen, als was man endet. Animagus werden lohnt sich nicht.«

Luna, seine letzte Hoffnung, machte nur »Hmm«, was alles Mögliche bedeuten konnte. Immerhin war es kein ausdrückliches Nein.

»Ihr wollt also nicht mitmachen?«, fragte Terry. Er gab sich keine Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen.

Anthony und Simon schüttelten einmütig den Kopf, während Luna immer noch zu überlegen schien.

»Helft ihr mir wenigstens bei dem Rückverwandlungstrank?«, fragte Terry. Wenn es nicht anders ging, würde er es eben allein in Angriff nehmen müssen. Aber der Trank war ziemlich schwierig, und Anthony und Simon waren wesentlich bessere Zaubertrankbrauer als er.

»Ich weiß nicht …«, meinte Anthony ziemlich zögerlich.

»Ja!«, fiel ihm Luna ins Wort. »Ich meine, ich mach' wahrscheinlich mit«, stellte sie klar und grinste Terry an. Er hätte sie umarmen können. »Und ihr zwei werdet uns helfen. Nicht wahr?«

Anthony rollte mit den Augen, sagte aber nichts. Simon seufzte ergeben. »Wir werden die Originalrezeptur für den Retransformationstrank suchen müssen. In dem Buch ist keine genaue Anleitung, nur 'ne Zutatenliste, und die ist vermutlich nicht einmal vollständig. Und ihr werdet Quellenstudium betreiben müssen. Die Angaben in dem Buch sind viel zu vage. Mindestens ›Kerntransformationen‹ und ›Meisterliche Transfigurationen‹ und noch ein paar andere Sachen aus dem Literaturverzeichnis solltet ihr euch mal durchlesen. Stehen in der Verbotenen Abteilung, aber da ranzukommen ist kein Problem.«

»Gut«, meinte Luna und griff nach dem Verwandlungsbuch, das noch immer vor Terry lag. Er hätte sich nicht nur umarmen können, sondern am liebsten auch noch geküsst. Allein der Selbsterhaltungstrieb hielt ihn davon ab.

»Danke, Luna!«, sagte er stattdessen nur, was sie aber gar nicht zu hören schien. Sie blätterte bereits in Mutabor.

Anthony klopfte auf den Tisch. »Hausaufgaben! Flitwick wird nicht auf seinen Aufsatz verzichten, Animagus hin oder her!«

Terry ließ sich davon die gute Laune nicht verderben. Im Moment hätte er seitenweise langweilige Aufsätze über magische Theorie schreiben können, ohne dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Es war nicht ganz so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte, aber immerhin hatte er jetzt eine realistische Chance.

Während er sein Theoriebuch aufschlug, fragte er sich, was wohl Lunas Animagusform sein würde. Er selbst würde irgendetwas werden, das fliegen konnte, das war die Hauptsache. Es stimmte zwar, dass in dem Buch ausdrücklich gewarnt wurde, dass man sich seine Form nicht aussuchen konnte, aber da stand auch, dass unterbewusste Wünsche und Vorstellungen die endgültige Tiergestalt beeinflussten. Und er war sich sicher, dass sein Unterbewusstsein und er da völlig auf einer Linie lagen. Aber Luna? Was würde Luna wohl werden? Eine rosa Elefantendame vielleicht? Ein wilder Büffel mit Schleifchen im Haar? Eine lila getüpfelte Hyäne? Da war doch irgendetwas mit Hyänenweibchen gewesen …?

Er sah zu Luna, die in Mutabor herumblätterte, statt sich mit dem Aufsatz zu beschäftigen. Es kostete ihn die größte Mühe, bei der Vorstellung nur still in sich hineinzugrinsen und nicht laut loszulachen.


Sirius saß im hellen Mondschein auf der Felskanzel über dem Eingang zu seiner Höhle. Mit dem Rücken an den Stamm einer windschiefen Kiefer gelehnt, sah er nach oben und betrachtete den Sternenhimmel. Die Sternbesessenheit der Blacks hatte er nie verstanden, und er tat es auch jetzt noch nicht, obwohl ihm eine intimere Kenntnis ihrer Familiengeschichte aufgezwungen worden war, als er jemals hatte haben wollen. Doch heute war ein besonderer Morgen. Die Nacht war kalt und sternenklar – und der Himmel hing voller Omen.

Er war hier oben, seit Bellatrix im Osten aufgegangen war. Die Aufregung hatte ihn bereits kurz nach Mitternacht geweckt und nicht wieder einschlafen lassen, obwohl er es versucht hatte. Inzwischen waren viele Stunden vergangen, und immer mehr Familienmitglieder hatten sich versammelt. Der gesamte Orion stand nun im Süden; Regulus, der Stern seines toten Bruders, war noch vor seinem eigenen aufgegangen, und dann hatte sich endlich der Sirius über die Baumwipfel erhoben. Er war der hellste Stern am Himmel und würde es bleiben, bis in knapp drei Stunden die Sonne aufging.

Noch stand kein Planet am Himmel. Und nur einer würde heute Nacht noch über den Horizont steigen. Venus würde in Kürze als erste Vorbotin des Sonnenaufgangs im Osten erscheinen. Doch wenn es nach ihm ging, würde sie heute nicht der Morgen- und Abendstern irgendwelcher Fruchtbarkeitsgöttinnen sein, sondern ihrem älteren Namen alle Ehre machen: Phosphoros, Lucifer, über den Himmel wandernder Bringer des Lichts, Herold des Morgens – und der anbrechenden Dunkelheit. Heute würde er eine andere Art von Licht ankündigen.

Der Mond badete den Wald unter ihm in fahles Silber und schwarze Schatten, und Sirius fragte sich, ob Remus die Nacht wohl in der Schreienden Hütte verbrachte, wie er es früher getan hatte. Remus war der Hauptgrund, warum er gewartet hatte, bis wieder Vollmond war. Er hatte es zuerst nicht glauben können, als er Hagrid und Remus tief im Verbotenen Wald über den Weg gelaufen war. Zum Glück war er nicht in seiner Hundegestalt unterwegs gewesen, sondern hatte sich auf die Tarnfähigkeit seines Mantels verlassen, als er plötzlich menschliche Stimmen in der Nähe gehört hatte. Remus hätte sich von seiner Animagusform nicht täuschen lassen.

Die Versuchung war groß gewesen, unendlich groß. Remus. Lebendig, älter geworden, aber ansonsten kaum verändert, nur wenige Meter von ihm entfernt, fast zum Greifen nah. Vielleicht hätte er der Versuchung sogar nachgegeben, wenn sein alter Freund allein gewesen wäre. Im Nachhinein war er froh, dass er es nicht getan hatte. Vielleicht hätte Remus ihn nicht sofort angegriffen, vielleicht hätte er zugehört. Aber es war nun über zwölf Jahre her, dass sie Freunde gewesen waren. Er kannte diesen »Professor Lupin« nicht, der mit Hagrid im Wald auf Rotkappenjagd ging. Remus hatte ihm damals nicht geglaubt, und warum hätte er ihm jetzt, nach über zwölf Jahren, glauben sollen? Wegen eines alten Zeitungsphotos, auf dem einen kurzen Moment lang undeutlich eine Ratte zu sehen war? Überreicht von einem als wahnsinnig geltenden, gerade entflohenen Insassen Azkabans? Nein, das Risiko wäre zu groß gewesen. Und so sehr er sich auch gewünscht hätte, Remus auf seiner Seite zu wissen, zwölf Jahre waren eine lange Zeit. Zu lange, selbst für die besten Freundschaften.

Seit er Remus begegnet war, hatte er sich doppelt vorsichtig verhalten. Nicht einmal in Hundegestalt hatte er sich nahe an das Schloss herangewagt. Remus wusste, dass er ein Animagus war, und kannte seine andere Gestalt. Vielleicht hatte er nichts verraten, doch das Risiko war zu groß. Zwar war der Remus, den er gekannt hatte, niemals illoyal gegenüber seinen Freunden gewesen, aber dieser Fall war kompliziert. Wenn Remus tatsächlich glaubte, dass Sirius wahnsinnig geworden war und den Sohn eines anderen alten Freundes umzubringen versuchte, würde er es sich zweimal überlegen, ob er so ein Geheimnis für sich behielt.

Und selbst wenn Sirius ihn von der Wahrheit hätte überzeugen können … Remus war immer nett, loyal und freundlich zu allen gewesen. Leicht zu überreden, leicht zu gewinnen, niemals nachtragend, niemals lange wütend. Er hatte immer Entschuldigungen für andere gefunden – eher noch für andere als für sich selbst. Sanftmütig. Das traf es vielleicht am besten. Remus war immer der Sanftmütige von ihnen gewesen. Und auch Peter war ein alter Freund. Sirius glaubte nicht wirklich, dass Remus sich auf die Seite des Verräters geschlagen hätte, dazu war der Verrat zu groß, zu ungeheuerlich, aber er hätte ihn angehört. Ihm mindestens eine Chance geben wollen, sich zu verteidigen, egal wie unentschuldbar Peters Verrat war. Und das kam nicht infrage.

Sirius erhob sich mit einem Ruck. Er wollte nicht länger grübeln. Sein Plan stand. Dass Remus in Hogwarts war, stellte eine Komplikation dar, aber änderte nichts an der grundsätzlichen Situation. Heute Nacht hatte er andere Sorgen. Und er hatte noch viel zu viel Zeit.

Der Hund rannte über den Rücken der Felskanzel und sprang an einer niedrigen Stelle auf den weichen Waldboden hinab. Der Mond war nun noch heller, und inzwischen kannte er die Strecke gut genug. Seine eigene Duftspur leitete ihn im Halblicht genauso gut wie am Tag. Die Nacht war still. Das lauteste Geräusch war sein eigenes Hecheln und das gelegentlich Rascheln des ersten gefallenen Herbstlaubs oder das Brechen eines dünnen Zweiges, während er durch das Unterholz jagte. Der Hund hielt nur ein einziges Mal an, um sich an einem Baumstamm zu erleichtern. Als er bald darauf den schmalen Bachlauf erreichte, lag dieser verlassen da. Gelegentlich fanden sich Einhörner, Thestrale oder gewöhnliche Waldtiere an dieser Stelle ein, um zu trinken, aber selbst die frischeren Witterungen waren verwaschen und mehrere Stunden alt.

Sirius näherte sich dennoch nur vorsichtig. Trotz der frühen Stunde wusste man im Verbotenen Wald nie, was einen hinter dem nächsten Baum erwarten mochte. Es gab genug Räuber, die auch einem Menschen gefährlich werden konnten, und diese Stelle eignete sich hervorragend, um auf Beute zu lauern. Er selbst hatte es schließlich auch getan. Hier am Bachufer hatte er sein erstes Reh erlegt. Später hatte er in der Nähe eine Futterstelle gefunden und den Leckstein gestohlen, und gar nicht weit davon entfernt war er am Rand einer Lichtung auf eine große Ansammlung Bärlauch gestoßen. Das Rehfleisch war trotz Salz und Wildkräutern kein Festmahl, aber es stellte eine Abwechslung dar, und nach dem ekelhaften Brei, den er als Gefangener vorgesetzt bekommen hatte, waren seine Ansprüche nicht groß. Zwölf Jahre Gefangenschaft. In einem vergitterten, dunklen Loch wie ein Stück Vieh gehalten. Allein dafür hatten die Dementoren alles verdient, was sie heute Nacht bekommen würden.

Als er einigermaßen sicher war, dass das Gefährlichste in näherem Umkreis er selbst war, beschwor er ein Lumos und ging auf den Bachlauf zu. Er legte seinen Mantel ab und öffnete seine Robe, bevor er sich über das Wasser beugte, seine Hände eintauchte und sich das kalte, glitzernde Nass ins Gesicht spritzte. Er wusch sich das Gesicht und schöpfte sich Wasser über die kurzen Stoppeln, die nun seinen Kopf bedeckten. Er hatte sich schon in seiner ersten Woche im Wald seine Haare und den wuchernden Bart radikal abrasiert; nicht ohne Bedauern, aber die praktischen Gründe waren nicht von der Hand zu weisen gewesen. Es war viel einfacher, die kurzen Stoppeln auf seinem Kopf zu waschen, als eine lange, sich zunehmend verfilzende Mähne sauber halten zu wollen.

Die friedliche Stille des nächtlichen Waldes schien passend und unpassend zugleich. Seine innere Anspannung hatte einen Punkt erreicht, an dem sie auf dem schmalen Grat zwischen Aufregung und Konzentration hin und her schwankte. Ein gefährlicher Balanceakt war es und würde es werden, heute Nacht, aber er hatte alles getan, was ihn seiner Macht stand. Er war so gut vorbereitet, wie er es unter diesen Umständen nur sein konnte. Wenn etwas schiefging, hatte er immer noch einen Fluchtweg offen. Dennoch zweifelte er gelegentlich. War es wirklich die Notwendigkeit, die ihn antrieb, oder gab er nur seinem Hass auf die Dementoren nach? Sie standen zwischen ihm und dem eigentlichen Ziel, aber hätten sie auf einen gewöhnlichen Hund geachtete, der an ihnen vorbeischlich? Vielleicht nicht – wenn Remus ihn nicht verraten hatte. Aber es spielte keine Rolle mehr. Er hatte sich für diesen Weg entschieden. Und wie man es auch drehte und wendete, es blieb die Tatsache, dass sie gewagt hatten, das Oberhaupt des Hauses der Blacks gefangen zu halten. Eine nicht hinnehmbare Tat. Die Dementoren würden eine Lektion erteilt bekommen, die ihnen die ihren Irrtum in aller Deutlichkeit vor Augen führen würde.

Er zog das Kästchen der Stürme aus der Manteltasche und betrachtete es. Scheinbar unschuldig und harmlos lag es in seiner Hand. Das Werkzeug seiner Rache. Es schien nur ein zu groß geratener Würfel, gerade so groß, dass sich seine Fingerspitzen noch berührten, wenn er die Hand ganz darum schloss. Im Mondlicht war es weniger schwarz als im Sonnenschein. Die Oberfläche schimmerte beinahe metallisch. Sie sechs Seiten des Würfels zeigten keinerlei Verzierung. Glatt und ohne Markierungen, wärmer als Stahl und leichter als Stein lag es in seiner Hand. Ein Teil der Erinnerungen seiner Schatten nannte das Kästchen eine »Waffe«, während andere darauf bestanden, dass es nichts weiter als ein uraltes »Spielzeug der Sidhe« sei. Normalerweise nahm er die Einmischungen der Black-Schatten kaum noch wahr, doch wenn sie sich uneins waren, befiel ihn immer ein unangenehmer Schauder. Es war wie ein surreales Déjà-vu, das ihn für einen Moment an seinem Verstand zweifeln ließ. Nur eines schien sicher: Das Haus der Blacks hatte das Kästchen vor nunmehr fast eineinhalb Jahrtausenden im zweiten großen Koboldkrieg unter großen Verlusten erbeutet – und es war kein Koboldhandwerk. Seitdem war insgesamt elfmal einer der elementaren Stürme freigelassen worden und der Sturm des Lichts nur ein einziges Mal, als die Blacks einen verfeindeten Vampirclan vernichtet hatten. Der Sturm der Finsternis noch nie. Zumindest hatte er keine Erinnerung daran, was Warnung genug war. Aber heute Nacht würde es einer der elementaren Stürme sein, der die Dementoren treffen würde. Bald, sehr bald.

Sein Blick richtete sich auf den östlichen Nachthimmel, und endlich schimmerte rötlich-blass der Morgenstern durch die Zweige der Bäume. Sirius atmete tief ein. Es war so weit. In zweieinhalb Stunden würde die Sonne aufgehen. Er vergewisserte sich noch einmal, dass er alle nötigen Werkzeuge bei sich hatte, und dann sprang der Hund über den schmalen Bachlauf und rannte durch den Verbotenen Wald.

Er wusste, wohin er wollte. Sein Weg durch den Wald war nahezu gerade. Nur Lichtungen mied er. Noch nicht bemerkt werden war jetzt das Wichtigste. Auf einer baumlosen Hügelkuppe sah er einen Zentauren stehen, aber der Hund beachtete ihn nicht. Zentauren mischten sich nicht ein. Ansonsten schien der Wald wie ausgestorben. Nur wenige Geräusche von anderen nächtlichen Jägern drangen an sein Ohr, und keiner von ihnen zeigte sich. Lediglich die Gerüche des Herbstwaldes, des sich verfärbenden Laubes, der Duft modernden Holzes und das süßlich-herbe Aroma von wuchernden Pilzen und ihren Sporen, das schwer in der Luft hing, begleiteten ihn bis zum Rand des Waldes.

In Sichtweite von Hagrids Hütte hielt er an, und Sirius verwandelte sich zurück. Sein Herz schlug schnell, doch es war nicht die Anstrengung des Laufens, die das bewirkte. Mit zitternden Händen nahm er den Bannschneider, streckte ihn in der Linken vor sich hin, während er den Zauberstab fest in der Rechten hielt. Er flüsterte Plaurochs Namen, und ein blauer Schimmer überzog die Klinge, als der Dolch zum Leben erwachte. Und dann machte er sich auf den Weg.

In direkter Nähe von Hagrids Hütte patrouillierten keine Dementoren. Der einzige Grund für seinen Abstecher war, dass die Unterkunft des Wildhüters zu nah lag. Aus dem Schloss hatte er wenig zu befürchten. Bis man dort merkte, was sich hier draußen abspielte, würde er schon lange wieder in Sicherheit sein. Hagrid war der Einzige, der ihm unter Umständen in die Quere kommen konnte, und das durfte er nicht zulassen. Heute Nacht sollten Dementoren sterben, keine harmlosen Wildhüter.

Er schlich sich von der Waldseite aus an die Hütte heran. Er hatte nicht vor, das Risiko einzugehen, die Vordertür zu benutzen. Plauroch vibrierte in seinen Händen, als er auf das eigentliche Schulgelände trat. Sirius hoffte, dass er seine Arbeit auch an den Schutzzaubern von Hogwarts verrichten würde, aber er beeilte sich trotzdem. Wenn nicht, dann würde ihm nicht viel Zeit für sein Unternehmen bleiben.

Die letzten Meter lief er geduckt über ein kleines, mondbeschienenes Kürbisfeld und hielt unter dem Fenster der Hütte. Aus dem Inneren drang ein stetes Schnarchen, das noch draußen laut und deutlich zu hören war. Er überlegte kurz, ob er sich an der Hintertür versuchen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Ohne weitere Zeit zu verschwenden, zog er die Klinge des Dolches über den Rahmen des Fensters. Ein einfacher Öffnungszauber entriegelte es. Behutsam und leise zog er die Fensterflügel auf und spähte ins Innere der Hütte. Das Schnarchen war nun noch lauter. Es kostete ihn Überwindung, aber er wartete trotzdem geduldig, bis sich seine Augen an das dunklere Hütteninnere gewöhnt hatten.

Undeutlich konnte er eine schwarze Masse in einem großen, flachen Korb ausmachen. Hagrids Hund. Zum Glück rührte er sich nicht. Sirius ließ den Blick weiter durch den Raum wandern. Erfreulicherweise schien die Hütte nur aus diesem einen, zwar recht großen, aber spärlich eingerichteten Zimmer zu bestehen. Und das gewaltige Schnarchen kam von rechts. Er streckte seinen Kopf weiter in den Raum hinein und starrte angestrengt ins Dunkel. Ein großes Bett stand in der Ecke, und in regelmäßigen Abständen hob und senkte sich ein Deckengebirge.

Es war fast perfekt. In der anderen Ecke wäre das Bett noch einfacher mit einem Lähmzauber zu erreichen gewesen, aber auch so sollte es kein allzu großes Problem darstellen. Er musste den Arm vielleicht etwas weiter hineinstrecken, doch es würde gehen.

Der Haufen im Hundekorb rührte sich plötzlich. Der schwarze Umriss des Hundekopfes hob sich – und erstarrte, als ihn das rote Leuchten eines geflüsterten »Stupor!« traf. Sirius hielt den Atem an, aber das regelmäßige Schnarchen von rechts setzte keinen Moment aus. Er beugte sich etwas weiter in den Raum hinein und erhob seinen Zauberstab.

»Stupor!«, flüsterte er noch einmal, und diesmal grunzte es in dem Bett. Sirius schickte einen zweiten Lähmzauber hinterher und sah im roten Licht, dass sich Hagrid noch immer bewegte und im Bett aufzurichten versuchte. Das dritte Stupor traf ihn dann voll, aber erst nach dem vierten erstarrte der Wildhüter endgültig. Anscheinend war doch etwas Wahres an den Gerüchten, dass Hagrid Riesenblut in sich hatte. Um ganz sicherzugehen, schickte er einen Fesselungszauber hinterher. Auch dieser würde nicht sehr lange halten, aber das brauchte er auch nicht.

Sirius zauberte ein kleines Lumos in den Raum, um sich zu vergewissern, dass der Wildhüter und sein Hund tatsächlich ausgeschaltet waren, und erlaubte sich erst dann, sich wieder zu entspannen. Der letzte Schritt der Vorbereitungsphase war getan. Jetzt begann der gefährliche Teil des Planes.

Er erlaubte sich eine kurze Verschnaufpause, vergewisserte sich, dass Plauroch weiterhin seiner Aufgabe nachkam, und machte sich dann zielstrebig auf den Weg. Er lief am Waldrand entlang in Richtung Hogsmeade, immer einen genügend großen Abstand vom Schloss haltend. Er musste nicht lange suchen. Eine dunkle Gestalt zeichnete sich deutlich vor dem mondbeschienen Schulgelände ab. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, und so überraschte er den ersten Dementor völlig. Mit seinem Zauberstab zog er einen weiten Kreis in dessen Richtung und rief: »Pyrobola!«

Der träge Feuerball hätte den Dementor womöglich verfehlt, wenn er sich nicht gerade umgedreht und im letzten Moment auszuweichen versucht hätte. Obwohl Sirius absichtlich nur einen großen und dementsprechend schwachen Feuerball beschworen hatte, fing der Mantel der Kreatur Feuer. Sie kreischte auf und verschwand mit immer noch brennender Hülle in der Nacht. Um Verstärkung zu holen, wie Sirius hoffte.

Er lief noch ein Stück vom Waldrand weg und auf das Schloss zu, bis die freie Fläche um ihn herum groß genug für seine Zwecke war. Er ging mit Plauroch einen mehrere Meter durchmessenden Kreis ab und befreite ihn so von allen Schutzzaubern, die ihm gefährlich werden konnten. Dann steckte er den Dolch weg – und beschwor sein hellstes Lumos. Es leuchtete wie ein Fanal in der Nacht. Das Versteckspiel war zu Ende. Nun wollte er gefunden werden. Er zog das Kästchen der Stürme aus seiner Tasche, hielt es noch in seiner Linken verborgen und wartete dann auf das Eintreffen seiner Feinde.

Er brauchte nicht lange zu warten. Eine Gruppe von fünf Dementoren näherte sich aus der Richtung des Kieswegs, der nach Hogsmeade führte. Er schickte ihnen erneut einen Feuerball entgegen. Diesmal wichen alle rechtzeitig aus, aber danach waren sie vorsichtiger, und das war alles, was er hatte erreichen wollen. Noch war von ihrer Kälte nichts zu spüren.

Er drehte sich um und sah eine weitere Gruppe auf sich zukommen. Diesmal zog er nur einen kleinen Kreis mit dem Zauberstab, rief ein lautes »Pyrobola!« und sah zu, wie der wesentlich schnellere und konzentriertere Feuerball ein halbes Dutzend Dementoren auseinanderscheuchte – und einen von ihnen doch streifte. Erneut erfüllte schrilles Kreischen die Nacht, als der Feuerball explodierte und Dementorenhüllen zu brennen begannen. Sirius konzentrierte sich auf den Anblick des Feuers und versuchte, alles andere aus seinen Gedanken zu verdrängen.

Immer mehr Dementoren strömten herbei. Er warf ihnen Feuerball um Feuerball entgegen, aber allmählich spürte er die einsetzende Kälte. Der Schwarm wuchs rasch, und je größer er wurde, um so mehr schwand seine mühsam errichtete Schutzwand aus Rachedurst und unversöhnlichem Hass und machte einer dumpfen Hoffnungslosigkeit Platz. Aber das kannte er. Er hieß die aufkeimende Verzweiflung wie einen alten Freund willkommen und gab sich ihr hin.

Dutzende und Aberdutzende dunkle Gestalten näherten sich nun von allen Seiten und versuchten, ihn einzukreisen. Insgesamt mochten sich inzwischen hundert oder mehr Dementoren versammelt haben. Er hatte nicht mit so vielen gerechnet, aber vielleicht sollte er sich geschmeichelt fühlen. Er lachte bitter auf. Viel Feind, viel Ehr'. Aber heute waren Zahlen nicht wichtig. Er schickte dem nächsten Dementor noch einen Feuerball entgegen und beschloss dann, dass er sie nahe genug hatte herankommen lassen.

Seine Hand zitterte vor Kälte und Aufregung, als der das Kästchen der Stürme vor die Augen hob. Ob nun ein »Spielzeug der Sidhe« oder eine »Waffe«, das machte für ihn keinen Unterschied. Er konzentrierte sich auf Feuer und Hitze. Er erinnerte sich an die Falle in den Katakomben seines Geburtshauses, die einen zu verbrennen schien und unendlichen Schmerz bereiten konnte. Er rief sich die Flammen der Feuerbälle ins Gedächtnis, die er verschleudert hatte. Alles keine sonderlich fröhlichen Gedanken und unter dem Einfluss der Dementoren leicht zu denken. Selbst ihre Kälte half. Sie brannte auf ihre eigene Art und ließ gleichzeitig einen dringenden Wunsch nach knisternden Flammen aufkommen.

Er zwang all seine Gedanken in das Reich von Feuer und Hitze und all seine Magie in das Kästchen. Kein Zauberspruch konnte es öffnen, nur Wille und Magie waren in der Lage, die Stürme zu befreien.

Die Dementoren schienen zu spüren, dass etwas vorging. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie erst innehielten und dann rascher auf ihn zuschwebten. Er versuchte, sie zu ignorieren und sich völlig auf das Kästchen zu konzentrieren. Es gab nichts mehr anderes, was wichtig gewesen wäre. Nur der unscheinbare schwarze Würfel auf seiner Handfläche, das brennende Feuer in seinen Gedanken und seine Magie, die das Kästchen aufzwingen musste, wenn er diese Nacht überleben wollte.

Und als die Kälte unerträglich wurde und er bereits zu glauben begann, dass er vielleicht doch einen Fehler gemacht hatte, klappte das Kästchen auf. In einem Kreuz von fünf schwarzen Quadraten glühte ein winziger weißer Funke. Sirius hatte keine Zeit, sich zu fragen, was mit der sechsten Seite des Würfels geschehen war. Er starrte auf das schwächliche Fünkchen, das klein, lichtlos und unscheinbar wie ein Glühwürmchen vor ihm schwebte.

»Feuer«, brachte er über die zitternden Lippen, aber da war der funkelnde Punkt bereits in die Höhe geschossen und fort – und der Sturm war frei.

Sirius fand sich inmitten eines Mahlstroms wieder. Um ihn herum wehten Sturmböen, die aus dem Nichts gekommen waren und nun durch die Nacht peitschten. Gras, Erde, Dreck und Steine wurden in die Höhe gerissen, und mit ihnen wirbelten die Dementoren durch die Luft, hilflos gefangen in der Umklammerung des brausenden Orkans. Und dann stieg die erste Flammenspirale vor ihm auf und schraubte sich in den Himmel. Luft und Wind selbst schien sich zu entzünden. Binnen Sekunden starrte Sirius auf eine tosende Feuerwand, die von allem Seiten umschloss.

Er stand im Auge des Sturms. Orange, gelb und rot züngelten die rotierenden Tentakelarme aus Feuer, schlugen um sich, ergriffen immer mehr Dementoren und zogen sie in die glühende Todesspirale. Mit brennenden Umhängen wirbelten Dementoren an ihm vorbei und wurden nach oben gesogen. Das Brüllen des Orkans war so laut, dass ihr Kreischen darin fast unterging. Und dann kam die Hitze. Die Luft flirrte vor seinen Augen, Gras entflammte, wo der Sturm den Boden berührte, und die tanzenden Feuerspiralen des Wirbelwinds verfärbten sich zu einem durchsichtigen Blau. Er kniff die Augen zusammen. Sein Gesicht brannte, während er zusah, wie die feurig-rote Flammenwand des Sturms zu farblos blauem Glühen wechselte. Er sah, wie ein weiterer Dementor von den Winden gefangen wurde, in einem einzigen Augenblick verbrannte, und wie die aufgleißenden Knochen des Skeletts auf einer Spiralbahn in den Himmel verschwanden, bis selbst sie zu einer weißglühenden Aschespur zermahlen wurden, die der Wind verwischte.

Das Atmen wurde schwer. Er sah zum Schloss hinüber, glaubte, erleuchtete Fenster zu sehen, aber auch durch die fast durchsichtig gewordene Feuerwand konnte er nicht sicher sagen, ob von dort schon jemand unterwegs war. Er sah zu Boden, wo eine Feuerlinie im Gras flackerte und auf ihn zukroch. Die Hitze war so groß, dass er nicht mehr auf das bläuliche Flammenmeer sehen konnte, ohne dass ihm die Augen brannten. Er war sich sicher, dass der Sturm seine Aufgabe bereits erfüllte hatte, aber er konnte ihn nicht beenden. Er musste warten, bis die Magie von selbst endete. Minuten verstrichen, die er mit fest geschlossenen Lidern abwartete. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Es gab kaum Rauch, aber die heiße Luft stach und brannte bei jedem Atemzug in seinen Lungen. Er berührte zwei Symbole auf seinem Mantel. Es half nicht viel, doch ein wenig schaffte der Mantel es, die Gluthitze abzuschwächen.

Das Tosen des Feuerorkans endete genauso plötzlich, wie es begonnen hatte. Der glitzernde Funke stürzte aus dem Himmel und landete auf dem aufgeklappten Kästchen in Sirius' Hand. Die Seiten schlossen sich sofort um ihn, und dann hielt Sirius wieder einen glatten, schwarzen, schmucklosen Würfel in der Hand.

Die einsetzende Stille währte nur kurz. In seinen Ohren meinte er immer noch, das Tosen des Orkans zu hören, als ferne Rufe vom Schloss her erklangen. Er blickte sich ein letztes Mal um. Feine Asche regnete vom Himmel. In weitem Umkreis war der Boden aufgewühlt, die Erde schwarz, nackt und verbrannt. Gras brannte noch an einigen Stellen am Rand dieses Rings der Verwüstung. Er wusste nicht, ob er nun Befriedigung oder Entsetzen empfinden sollte. Sein Plan war aufgegangen. Womöglich hatte er nicht alle Dementoren erwischt, aber nach dieser Erfahrung würden sie es sich zweimal überlegen, sich ihm noch einmal in den Weg zu stellen.

Er steckte das Kästchen der Stürme wieder ein. Jetzt wurde es Zeit, seine Flucht in Angriff zu nehmen. Die Tore des Schlosses standen offen, und er sah mehrere ferne Gestalten mit Lichtern in seine Richtung rennen. Sie würden zu spät kommen. Er konnte auf dem Schulgelände nicht disapparieren, aber darauf war er auch nicht angewiesen. Er hatte von Anfang an vorgehabt, für diese Flucht sein erstes Leben zu opfern. Er griff an sein Ohr, fühlte den Katzenring zwischen seinen Fingern und zog ihn mit einem Ruck heraus. Er konnte einen leisen Schrei nicht unterdrücken. Der Schmerz, als die scharfen Kanten des Hexagramms durch sein Ohrläppchen schnitten, war größer, als er erwartet hatte. Blut quoll über seine Finger und den Ring, und als ihn die Magie traf und fortriss, wurde ihm schwarz vor Augen.

Er kam in seiner Höhle wieder zu sich. Er konnte nur wenige Sekunden ohnmächtig gewesen sein, denn die Linien des Rückruf-Hexagramms glühten noch in schwachem Orange auf dem Felsboden nach. Blut floss aus seinem aufgerissenen Ohrläppchen über seinen Mantel. Viel Blut. Sein Ohr hätte nicht mehr schmerzen können, wenn er es sich ganz abgeschnitten hätte. Er versuchte einen einfachen Heilzauber, aber seine magischen Reserven waren erschöpft, und dass er nicht sehen konnte, was er tat, machte es umso schwieriger. Er schaffte es schließlich nach mehreren Anläufen, die Blutung zu stillen, und kroch dann auf allen vieren zu seinem Schlafplatz.

In seinen Schläfen pochte es dumpf, hinter seinen Augen saß ein stechender Schmerz, und er war zu entkräftet und müde, um Triumph über seinen Sieg zu empfinden. Er musste husten, und es tat weh. Morgen würde er sich einen Tag der Ruhe gönnen. Und irgendwann in den nächsten drei Tagen musste er das zweite Leben des Katzenrings beschwören. Danach würde man weitersehen. Er ließ sich stöhnend auf sein Lager aus Zweigen und Laub sinken. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, sie ihn ein ordentliches Bett zu verwandeln. Trotz stechender Kopfschmerzen und seines pochenden Ohres versank er in einen unruhigen Schlaf, sobald er die Augen schloss.


Da er seine Vorhänge zugezogen hatte, wurde Simon erst von den Schreien der anderen und nicht vom Licht geweckt. Als er verschlafen den Vorhang zurückzog, dachte er zuerst, es wäre der Sonnenaufgang, der den Schlafsaal erleuchtete. Aber dann hätten sich wohl kaum so viele an den Fenstern versammelt und aufgeregt das Geschehen draußen kommentiert.

Anthony stand gerade aus dem Nachbarbett auf, und auch Simon kämpfte sich aus seinen Decken und taumelte ans Fenster. Und dann war er mit einem Schlag hellwach.

Eine gewaltige Feuersäule erhob sich vor dem Schloss in den Himmel. Ein orangefarbener Tornado aus Flammen wirbelte und tanzte in der Ferne und erhellte die Nacht wie ein falscher Sonnenaufgang. Simon musste automatisch an den biblischen Mythos denken – bei Tag eine Wolkensäule, bei Nacht eine Feuersäule.

»Dementoren«, sagte Terry, und Simon begriff erst nicht, was er meinte. Aber dann sah auch er die winzigen Gestalten, die wie kleine Papierfetzen im Sog der Feuersäule herumwirbelten – und verbrannten. Es waren viele. Er schauderte. Verbrennen war bestimmt keine angenehme Todesart. Aber was brannte dort überhaupt? Der Tornado wütete weit vom Wald entfernt. Was hielt die Flammen am Leben?

»Was ist das?«, fragte er schließlich, aber niemand antwortete darauf.

Wahrscheinlich lautete die Antwort »Magie«. Was auch sonst. Als wäre das eine Erklärung für alles. Er drängte sich näher an eines der Fenster. Die Vorstellung, dass in dieser Flammenhölle lebende, halbwegs intelligente und höchstwahrscheinlich empfindungsfähige Wesen verbrannten, war in gewisser Weise grauenhaft, aber ungeachtet dessen war der Anblick der Feuersäule einfach zu faszinierend. Die wirbelnden Flammenbahnen waren auf unheimliche Weise schön. Hinter ihnen ging die Tür des Schlafsaals auf, und die Mädchen drängten sich herein. Vermutlich war inzwischen der ganze Turm wach und drängte sich auf die Nord- und Ostseite. Es wurde lauter und enger an den Fenstern, aber Simon konnte die Augen nicht von der Feuersäule lassen und behauptete seinen Platz gegen alles Schieben und Drängen.

Plötzlich schlug die orangerote Glut der kreisenden Feuerwand um. Der Wirbelwind färbte sich in sekundenschnelle vollständig blau wie eine Gasflamme und wurde dunkler. Oder zumindest weniger hell. Ein bläulich leuchtender Tornado reichte nun vom Boden bis in die Wolken, höher noch als der Turm, in dem sie standen. Simon vergaß alles andere. Auch die aufgeregten Gespräche um ihn herum verstummten nun. Die wirbelnd blaue Lichterscheinung war definitiv das Wundervollste, was er je mit eigenen Augen gesehen hatte. Atemberaubend in ihrer majestätischen, unheimlichen Schönheit wand sie sich glühend und anmutig, schlank und elegant um sich selbst und hinauf in das nächtliche Firmament. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass Magie etwas so Schönes und Gewaltiges, etwas so Großes erschaffen konnte. Eine derartige Erscheinung wurde in keinem der Bücher über Magie erwähnt, die er bisher gelesen hatte.

In andächtigem Schweigen starrte er wie gebannt nach draußen. Ehrfürchtige Schauer jagten ihm über den Rücken, und er bekam eine Gänsehaut, die gar nicht mehr aufhören wollte. Er hätte dem leuchtend blauen Tornado stundenlang zusehen können, doch das Schauspiel währte nur kurz. Das Ganze hatte maximal fünf Minuten gedauert, als die Feuersäule ohne Vorankündigung erstarb. Mit einem Schlag war der Spuk vorbei. Nur zwei flackernde Ringe brennenden Grases waren an der Stelle zu sehen, wo der flammende Wirbelwind gerade noch getanzt hatte.

»Das war's dann wohl«, durchbrach Su nach einer Weile die Stille, und als hätte er damit das Startsignal gegeben, setzten sofort die Diskussionen wieder ein. »Habt ihr die brennenden Dementoren gesehen?« – »Was war das überhaupt?« – »Das kann kein Zauberspruch gewesen sein! Viel zu groß!« – »Glaubt ihr, dass das Black war?« – »Vielleicht hat Black einen Feuerdämon beschworen?«

Simon verspürte keine Lust, sich an den wilden Spekulationen zu beteiligen. Er schloss die Augen und versuchte stattdessen, sich den Anblick der Feuersäule in allen Einzelheiten ins Gedächtnis einzubrennen. Etwas derart Schönes durfte man nicht vergessen oder zu einem bloßen verschwommenen Eindruck verkommen lassen. Analysieren konnte man es später immer noch, wenn man mehr Informationen hatte.

Als jemand »Seht mal!« rief, öffnete er die Augen wieder, aber es waren nur die winzigen Lichter mehrerer Lumos-Zauber, die an der Stelle eingetroffen waren, wo noch immer das Gras brannte. Vermutlich die Professoren. Die vereinzelten Brandherde verloschen kurz darauf, aber das Geschehen war zu weit weg, um Details erkennen zu können.

Er verließ seinen Aussichtspunkt. Es war wohl nicht damit zu rechnen, dass heute noch etwas Interessantes passieren würde. Vermutlich würden es die Professoren nicht einmal für nötig befinden, sie beim Frühstück über die Einzelheiten des Vorfalls zu informieren. Wenn man die mangelhafte – eigentlich nichtvorhandene – Informationspolitik der Schulleitung in der Vergangenheit als Maßstab nahm, würde es ihnen wohl auch dieses Mal selbst überlassen bleiben, sich aus den Gerüchten ein eigenes Bild der Ereignisse zusammenzureimen.

Simon kroch unter seine Bettvorhänge und dachte nach. Er kam nicht weit. Kurz nach ihm drängte sich Terry herein. Er war ein wenig bleich und wirkte verstört, sagte aber nichts, sondern setzte sich nur auf das Fußende des Bettes. Simon suchte gähnend nach seinem Zauberstab, und als er ihn gefunden hatte, sprach er einen Tempus-Zauber. Es war kurz vor viertel sieben. Es lohnte sich kaum, sich noch einmal schlafen zu legen.

»Also?«, fragte er schließlich Terry, als dieser noch immer keine Anstalten machte, etwas zu sagen oder sich überhaupt zu rühren.

Terry starrte ihn einen Moment lang an und schluckte dann. »Die Dementoren … Sie sind verbrannt. Am Schluss sind sie einfach verglüht … Einfach so verglüht.«

Simon wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Es wäre wohl unpassend gewesen, darauf hinzuweisen, dass Terry Dementoren nicht ausstehen konnte. Auch dass es weit weg gewesen war, man nicht allzu deutlich hatte sehen können, wie sie verbrannt waren, und dass man ihre Schreie nicht gehört hatte, wäre wohl kein großer Trost gewesen. Er selbst fand es ja auch schrecklich, dass gerade eben vor seinen Augen so viele Dementoren bei lebendigem Leib verbrannt waren; verbrannt, als wären sie nichts weiter als Motten, die einer Kerzenflamme zu nahe gekommen waren. Aber es war geschehen und nicht zu ändern. Vor wenigen Jahrhunderten hatte man regelmäßig Menschen auf Scheiterhaufen verbrannt, und gelegentlich kam es heute noch vor. Selbstjustiz war noch in weiten Teilen der Welt verbreitet, und wahrscheinlich waren weder das Pfählen noch das Kreuzigen noch das traditionelle Hängen, Ausweiden und Vierteilen wirklich so ausgestorben, wie man hoffen sollte. Und selbstverständlich starben jeden Tag Millionen qualvoll an Hunger, Krankheiten, Unfällen, Krieg oder schlicht ihrem Alter. Allein in dieser Nacht waren vermutlich mehr Menschen langsam, mit Absicht und auf grausamste Weise von einem anderen Menschen zu Tode gefoltert worden, als Dementoren in der Flammensäule den Feuertod gefunden hatten. Er wusste, wie er damit zurechtkam, aber ob es Terry etwas nützen würde?

Er seufzte und raffte sich schließlich zu einer Antwort auf: »Verdräng es.«

Terry starrte ihn nur an, als hätte er ihn nicht verstanden.

»Denk an etwas anderes«, sagte Simon. »Morgen ist es halb so schlimm, und in 'ner Woche wirst du kaum noch dran denken.«

Terry öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne dass ein Ton über seine Lippen gekommen wäre. Simon hatte keine Ahnung, was er sonst noch hätte sagen können, und befolgte seinen eigenen Rat. Er dachte an etwas anderes. Wer hatte diese Feuersäule beschworen? Wenn die Vernichtung der Dementoren ihr einziger Zweck gewesen war – und einen anderen konnte er nicht erkennen –, dann war tatsächlich Sirius Black der wahrscheinlichste Kandidat. Die Dementoren waren schließlich nur hier, um das Schloss vor ihm zu schützen. Doch was würde jetzt passieren? Der Schutz durch Dementoren hatte sich mit der heutigen Nacht wohl erledigt, oder? Wenn Black tatsächlich nur hinter Harry Potter her war, wäre es wohl das Vernünftigste gewesen, diesen einfach woanders unterzubringen. An einem möglichst geheimen Ort, nicht ausgerechnet in der Schule. Er fragte sich, warum man das nicht schon längst getan hatte. Es musste doch wohl möglich sein, eine sichere Unterbringungsmöglichkeit für einen einzelnen Schüler zu finden und ihm dort Privatunterricht zu geben. Der Aufwand und die Kosten konnten auch nicht größer sein, als eine ganze Schule Tag und Nacht zu bewachen. Im Gegenteil. Vermutlich wäre diese Lösung sogar billiger und sicherer gewesen. Für alle Beteiligten.

»Glaubst du«, murmelte Terry plötzlich, »ich meine … ob wir alle jetzt Thestrale sehen können?« Er sah Simon unsicher an. »Zählt es, wenn man einen Dementor sterben sieht? Auf die Entfernung – und überhaupt? Wenn es kein Mensch war?«

Simon konnte nur mit den Schultern zucken. Das war tatsächlich eine interessante Frage. »Ich hab' nicht den blassesten Schimmer«, gab er zu.

Ausgerechnet in diesem Moment musste Anthonys Kopf zwischen den Vorhängen auftauchen. »Wie wahr, wie wahr«, verkündete er grinsend, während er sich zu ihnen hereinzwängte. »Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung!«

»Wenn Luna jetzt auch noch kommt, zieh ich in dein Bett um«, warnte ihn Simon und rückte zur Seite, um Platz zu machen.

Anthony winkte ab. »Keine Sorge. Habt ihr den Auftritt unserer vielgeliebten Vertrauensschülerin nicht mitbekommen? Würghart die Entmannte hat doch laut genug rumgekreischt, um Tote aufzuwecken. Die Mädchen sind wieder in ihrem eigenen Schlafsaal. Somit ist selbst die rein theoretische Gelegenheit zur Unzucht mal wieder verpasst und vorbei – ein spezielles Drittel der Anwesenden natürlich ausgeschlossen.«

Simon schenkte ihm ein ironisches Lächeln. »Wenn du ficken willst, sag es doch einfach, Anthony, und red' nicht lang drum herum. Ich hab zwar im Moment Migräne, aber ich bin sicher, wir finden einen Hippogreif, der zu dir passt.«

Anthony tat so, als würde er darüber nachdenken. »Ich weiß nicht. Pferdeärsche? Ist das nicht eher dein Gebiet?«

Beinahe hätte Simon »Schön wär's!« darauf erwidert, entschied sich aber in letzter Sekunde dafür, diese lächerliche Unterstellung keines Kommentars zu würdigen. Leider wäre an Pferdeärsche wohl leichter heranzukommen gewesen als an den einen speziellen Hintern, der ihn wirklich interessierte. George machte sich rar, und bis auf gelegentliche schnelle Knutschereien hinter dem Vorhang eines Korridors oder ein viel zu kurzes und leider auch höchst unbefriedigendes Treffen in einem leeren Klassenzimmer war seit Schulanfang nichts gelaufen. Er hasste es. Aus tiefstem Herzen. Verdammte Schule mit viel zu vielen verdammten Schülern und viel zu wenigen sicheren Treffpunkten! Verdammte magische Karte! Und er selbst war ein vollkommen hirnloser Vollidiot, dass er damals seinen Namen darauf hatte erscheinen lassen. Wenn wenigstens er auf der Karte unsichtbar wäre, könnte man es noch eher verantworten, sich irgendwo heimlich zu treffen. Andererseits war George auch entschieden zu paranoid. Die Lehrer konnten auch mit der Karte nicht Tag und Nacht kontrollieren, wo sich jeder einzelne Schüler aufhielt. Und wenn man sie erwischt hätte, dann hätte man sie eben erwischt! Was sollte schon groß passieren? Es wäre peinlich gewesen, aber kein Weltuntergang. Allmählich hatte er den Verdacht, dass es George insgeheim ganz recht war, dass er jederzeit eine so bequeme und universal einsetzbare Ausrede zur Verfügung hatte.

»Kann man eigentlich Thestrale sehen, wenn man den Tod eines Dementor gesehen hat?«, wollte Terry nun auch von Anthony wissen.

Anthony wiegte nachdenklich den Kopf. »Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Und selbst wenn: Es war doch ziemlich weit weg. Ich könnte jetzt nicht behaupten, dass ich einen Dementor wirklich sterben sehen hätte. Aber wenn ich mich nicht sehr irre, es muss sowieso ein Mensch sein. Spätestens wenn die Weihnachtsferien anfangen, werden wir's ja sehen. Oder auch nicht, je nachdem.«

Weihnachtsferien! Das war die Lösung! Entweder sie blieben gemeinsam im praktisch leeren Schloss, oder er überredete George, ihn in den Ferien zu Hause zu besuchen! Wenn möglich gleich ein paar Tage. Irgendwie würde das schon klappen. Und seine Mum lag ihm ohnehin in den Ohren, dass sie seinen »Freund« unbedingt kennenlernen wollte. Kein Brief von ihr ohne unverschämt neugierige Nachfragen. Sie konnte praktisch nicht Nein dazu sagen, selbst wenn sie wollte. Außerdem war er alt genug. Am besten er erinnerte sie in seinem nächsten Brief daran, wie alt er war, und begann mit einigen vorsichtigen Andeutungen einen zusätzlichen Feiertagsgast oder, wahlweise, sein Ausbleiben an Weihnachten betreffend.

»Weihnachten!«, verkündete er freudestrahlend und boxte Anthony auf die Schulter, anstatt ihn zu küssen, wie er es eigentlich verdient und Simon es eine Sekunde lang vorgehabt hatte. Und noch einmal: »Weihnachten!«

Anthony boxte zurück und fragte: »Bist du übergeschnappt?«

»Ja!«, gab Simon trocken Auskunft über den Stand der Dinge, musste aber immer noch grinsen. Es legte sich etwas, als ihm klarwurde, wie elend lange es noch bis zum Beginn der Weihnachtsferien dauern würde. Zehn Wochen waren es mindestens noch, wahrscheinlich elf. Es würde ihm wie ein ganzes Jahr vorkommen. Aber er hatte schon länger auf weniger gewartet. Vermutlich würde er auch die nächsten Wochen noch überleben. Jetzt galt es nur noch, George zu bearbeiten. Das würde wohl der schwierigste Teil werden. Immerhin wusste dieser noch nichts von seinem Glück.

Simon streckte sich auf seinem Bett aus, ohne auf das Murren von Anthony und Terry zu achten. Es war schließlich sein Bett. Wenn ihnen etwas nicht passte, stand es ihnen jederzeit frei, von hier zu verschwinden. Er starrte auf den Stoffbaldachin über sich und begann fieberhaft darüber nachzudenken, wie er George überreden konnte. Ob Weihnachten im Schloss oder bei ihm zu Hause spielte eigentlich keine große Rolle, fand Simon, also würde er diese Entscheidung George überlassen. George fühlte sich bestimmt viel besser, nicht so unter Druck gesetzt und einfach gefragter, wenn er den Eindruck hatte, dass seine Meinung in der Sache zählte und er eine Wahl hatte. Und andererseits – falls George überhaupt nicht wollte, dann wusste er wenigstens, woran er war. So oder so wurde es höchste Zeit.

Während Terry begann, Anthony wegen des Retransformationstranks zu nerven – den dieser frühestens zum nächsten Neumond ansetzen konnte, egal wie oft Terry ihm deswegen zusetzte –, spielte Simon verschiedene Verläufe und Strategien für sein nächstes Treffen mit George durch. Für den Moment waren die Feuersäule, die brennenden Dementoren und die Bedrohung durch einen wahnsinnigen Massenmörder völlig in den Hintergrund gerückt. Es gab schließlich Wichtigeres im Leben.