Kapitel 11:
Jacobs POV:
Es war schön, die beiden wieder bei mir zu haben. Komisch, obwohl ich Hope erst vor einer Woche gesehen hatte, hatte sie mir wahnsinnig gefehlt. Nun, wir hatten ja auch eine Menge aufzuholen. Ich lächelte und drückte die beiden Mädchen noch einmal fest an mich. „Schön euch zu sehen. Seid ihr gut hergekommen?" Ich schlug mir innerlich gegen die Stirn. Was für eine dämliche Frage! Bella lachte und trat einen Schritt zurück. „Klar. Die Irre hier wollte mit dem Fahrrad fahren, stell dir das mal vor!" Ich hob eine Augenbraue. Es regnete draußen in Strömen. „Schon mal was von Umweltschutz gehört?", brummte Hope und ihre Wangen wurden rot. Ich lachte. „Nun, wie auch immer, ich hoffe ihr habt Hunger mitgebracht, ich hab nämlich Kuchen gebacken." Bella sah mich spöttisch an. „Gebacken oder gekauft?" Ich streckte ihr die Zunge heraus, antwortete aber nicht. Sie brauchte schließlich nicht zu wissen, dass ich den ganzen Vormittag über furchtbar nervös gewesen war und um mich abzulenken nicht nur dreimal das Badezimmer geputzt sondern eben auch Kuchen gebacken hatte.
„Was dagegen, wenn ich kurz Billy begrüße?", fragte Hope, sah mir allerdings nicht in die Augen. „Gute Idee, er..." Sie ging einfach an mir vorbei. „Er ist im Wohnzimmer", schloss ich und schüttelte den Kopf. „Was hat sie denn?", fragte ich Bella und sie seufzte. „Bauchschmerzen, schon den ganzen Tag. Sie hat den halben Vormittag im Bett verbracht und kaum etwas runtergekriegt. Armes Ding." „Oh", machte ich. „Wenn sie krank ist, hättet ihr nicht..." Bella zuckte mit den Schultern. „Vorhin meinte sie, dass jetzt alles wieder okay sei. Außerdem wollte sie unbedingt herkommen, sie hat die ganze Zeit von nichts anderem geredet." Ein Grinsen stahl sich auf meine Lippen und heiße Lava füllte meinen Magen. Ich war froh, dass die beiden gekommen waren, sie hatten mir gefehlt. „Ähm ja", machte ich schließlich und strich mir fahrig durch die Haare. „Dann lass uns schon mal in die Küche gehen." Ich ging voraus und ließ mich auf dem erstbesten Stuhl fallen. „Wow", machte Bella und blickte auf den gedeckten Kaffeetisch. „Sogar Blumen, du hast dir ja wirklich Gedanken gemacht." Ich wurde rot. Ich hab dir doch gesagt, dass es zu viel ist! „Oh... äh das..." Ich stockte, mir fiel einfach keine plausible Erklärung ein. Kuchen backen und Blumen pflücken, das passte nun mal nicht zu mir, ich wusste ja selbst nicht warum ich mich so merkwürdig verhielt. Pubertät. Meine innere Stimme lachte gehässig und ich knurrte. „Pubertät? Am Arsch." „Bitte?", fragte Bella und ich stöhnte lautlos. Super. Und jetzt? Ich klink mich aus, das regle mal schön alleine! „Ich äh... äh... hab darüber nachgedacht wo bei Pu dem Bären der Schwanz sein tät?", versuchte ich die Silben zu einem sinnvollen Satz zusammenzubringen. Bella blinzelte. „Du bist ein merkwürdiger Kerl, das weißt du, oder?" Ja. Ich verdrehte die Augen und versuchte mir meine Scham nicht anmerken zu lassen. Themenwechsel. „Äh... was gibt's Neues?"
Bella lächelte. „Oh, nichts Besonderes, weißt du? Charlie will sich einen Goldfisch kaufen, Hope mutiert zur Sportfanatikerin, ich werd doch noch ein paar Jahre ohne Fangzähne auskommen müssen und ich hab den letzten Englischaufsatz total in den Sand gesetzt. Das Übliche eben." „Aha. Moment. Was?" Bella verdrehte die Augen. „Ja, kaum zu fassen, oder? Ein Goldfisch, geht's vielleicht noch ein bisschen schwuler?" „Wa... Nein, das doch nicht!" Ich schüttelte irritiert den Kopf und meine beste Freundin grinste neckisch. „Ach das. Na ja, ich dachte ich verschieb es einfach um ein paar Jahre, weißt du?" Ich starrte sie an, fassungslos. „Wie... warum?", war alles was ich herausbrachte und der Schelm in Bellas Augen verschwand. „Hope", sagte sie schlicht. „Ich bin nicht bereit sie noch einmal zu verlassen. Wir lernen uns gerade erst kennen, da kann ich nicht einfach wieder für Jahre verschwinden... und ich will es auch gar nicht. Ich hatte fast vergessen wie es ist mit ihr zusammen zu sein, wie es ist sich in ihrer Gegenwart so normal, verstanden und geliebt zu fühlen. Sie stellt keine Ansprüche, sie erwartet nichts, sie ist wie ein kleines Kind, das dich liebt, egal was du tust. Sie urteilt nicht über mich, wirft mir meine Fehler nicht vor und wann immer mich etwas bedrückt, ist sie sofort da um mir zuzuhören. Sie versteht mich ohne Worte, wir sind Puzzlestücke: Wir können zwar ohne den anderen überleben, aber wir sind einfach nicht komplett, es fehlt immer etwas, da ist eine Leere, die sich durch nichts füllen lässt. Ich weiß, dass es kindisch klingt und vielleicht denkst du auch, dass ich sie idealisiere und schlicht und einfach zu etwas mache, das sie nicht ist, aber das ist mir egal. Sie ist so wichtig für mich, in ihrer Gegenwart bin ich ein anderer Mensch. Ohne sie hätte ich niemals reflektiert, warum ich mich an der Verwandlung so festgebissen hatte." Sie lachte über ihre Wortwahl. „Ich weiß, dass es schwer zu verstehen ist wie viel Bedeutung sie für mich hat, aber vielleicht kann man das auch nur, wenn man so etwas schon mal erlebt hat. Es ist wie mit mir und Edward, ich kann einfach nicht mehr ohne sie sein, es geht nicht. Und ich bin bereit alles dafür zu tun, dass das auch nicht nötig sein wird."
Ich ignorierte Cullens Namen geflissentlich. Ich wusste ganz genau, was Bella meinte. Hope hatte eine Art an sich... es war schwer zu beschreiben. In ihrer Gegenwart waren die Menschen anders. Hope war so rein und perfekt... sie war makellos, unbefleckt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie irgendeinem Menschen auf dieser Welt etwas Böses wollte, ja nicht einmal dass sie etwas Schlechtes dachte. Sie war immer nett und versuchte in jedem das Gute zu sehen. Sie war aufopfernd und loyal, immer da wenn man sie brauchte und sie schien immer zu wissen was zu tun war. Für mich war sie der perfekte Mensch. Ich seufzte auf und schüttelte irritiert über mich selbst den Kopf und rief mich wieder zur Ordnung. Ich hatte hier eine Diskussion zu gewinnen! „Dein Plan hat aber eine Lücke", sagte ich und verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust. „Selbst wenn du jetzt nicht gehst, schindest du damit höchstens Zeit. Wenn du dich für ihn entscheidest, entscheidest du dich gegen Hope, denn dann wirst du sie im Stich lassen müssen." Ich wusste genau wo ich sie treffen konnte. Ich fühlte mich schuldig, aber im Krieg und in der Liebe war ja bekanntlich alles erlaubt und verdammt noch mal, wir befanden uns im Krieg! Wir kämpften hier um nichts Geringeres als Bellas Seele!
„Was willst du dann tun, Bella? Willst du Hope mit einem deiner kleinen Vampirfreunde verkuppeln und sie beißen lassen, nur damit sie bei dir bleibt? Bist du so egoistisch ihr das Leben zu nehmen, nur weil du es nicht ertragen kannst älter zu werden?", setzte ich noch eins drauf und versuchte den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. Ich wusste, dass ich langsam unfair und verletzend wurde, aber jetzt wo ich ihren Schwachpunkt gefunden hatte, konnte ich Bella vielleicht endlich dazu bringen ihre lächerliche Liaison mit dem Blutsauger zu überdenken. Sie sollte sehen, was sie da einfach wegschmiss, verdammt noch mal! Und ja, vielleicht war es auch ein kleines bisschen die Revanche dafür, dass sie für mich nicht von ihren Plänen abgewichen war und für Hope jetzt zumindest ein paar Jahre rausschlug. Das war verletzend, verdammt noch mal! Bella starrte mich an, Wut lag in ihrem Blick. „Du kannst echt ein Arsch sein, weißt du das, Jake? Ich versteh dich nicht, wirklich nicht. Ich dachte du würdest dich freuen und stattdessen machst du mir nur Vorwürfe! Was soll das denn? Kannst du nicht akzeptieren, dass ich mit Edward mein Leben verbringen will und dass ich mich bereits entschieden habe? Kannst du dich nicht freuen, dass wir jetzt doch noch so viel mehr Zeit zusammen haben?" „Wozu denn?", fragte ich und meine Stimme krächzte. „Du gehst doch sowieso, du schmeißt alles für ihn hin, lässt deine Familie, deine Freunde, die Menschen die dich lieben zurück! Also worüber soll ich mich freuen? Es hat sich nichts verändert, wir sind dir nach wie vor nicht genug wert, als dass du von dieser Schwachsinnsidee abkommen würdest!"
Bellas Augen wurden feucht und ich sackte zusammen. Ich konnte sie nicht weinen sehen. „Ich liebe ihn, Jake." „Ich weiß", murmelte ich und verbarg mein Gesicht in meinen Händen. „Könnt ihr denn nicht so zusammenbleiben? Es wäre ein Kompromiss, denk doch wenigstens darüber nach, Bella." Sie schwieg und das genügte mir fürs Erste. Mir blieben jetzt Jahre, um sie zu überzeugen und vielleicht merkte sie ja währenddessen selbst, dass das Leben als Mensch einiges zu bieten hatte und ihre „Beziehung" auch so funktionierte. Wenn das der Deal war, wenn ich Bella zwar an Cullen verlor aber sie als Mensch gewann, dann war das in Ordnung, dann konnte ich damit leben, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte.
Wir saßen noch ein paar Minuten so da, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, aber es war keine unangenehme Stille, in die Hope kurz darauf hineinplatzte. „Oh", machte sie. „Ich dachte ihr hättet schon aufgegessen." „Wir haben auf dich gewartet", entgegnete ich und deutete ihr an sich hinzusetzen. „Hat ja doch eine Weile gedauert." „Mhh", machte sie und wirkte nicht glücklich, ließ sich aber auf dem Stuhl neben mir fallen. „Ich hab Billy von unseren Collegeplänen erzählt." Ah, das ist also der offizielle Grund, alles klar. „Und, was sagt er?" Sie lachte und entfernte ein paar unsichtbare Flusen von der karierten Tischdecke. „Erst sah er aus als würde er gleich zu heulen anfangen, aber als ich ihm gesagt habe, dass wir versuchen in Port Angeles einen Platz zu bekommen, war er schwer begeistert. Er wollte mir sogar das Geld für die Studiengebühren aufdrängen!" Allein der Gedanke daran schien sie schwer zu erschüttern. „Ich bin nicht mal verwandt mit ihm und er will mir sein Erspartes geben." Sie schüttelte sich. „Du bist praktisch seine Tochter, das weißt du genau", widersprach ich leise und sie lächelte sanft, wurde aber sogleich wieder energisch. „Trotzdem, das ist absolut nicht in Ordnung! Ich kriege das Geld schon irgendwie zusammen." Ich lachte. „Das weiß ich, du schaffst schließlich alles, was du dir vornimmst." Sie lächelte sehnsüchtig. „Jaaaaah, wahrscheinlich." Sie kratzte sich am Handgelenk und ich merkte, dass sie unruhig wurde und wechselte das Thema. „Genug davon, jetzt müsst ihr erst mal meinen Kuchen probieren!"
Damit schnitt ich drei besonders große Stücke ab und verteilte sie auf den Tellern. „Damit du mal wieder etwas Fleisch auf die Rippen bekommst", grinste ich und kniff Hope spielerisch in die Seite. Sie zuckte zurück und umschlang sich mit ihren Armen. „Entschuldige", murmelte ich und warf Bella einen verwirrten Blick zu. Sie zuckte nur mit den Schultern und schob sich eine Gabel voll Kuchen in den Mund. „Mhm, gut." Sie nickte anerkennend und ich grinste stolz und sah dann erwartungsvoll zu Hope. Sie lächelte schüchtern, brach einen kleinen Brocken vom Rand ab und schob ihn sich zwischen die Lippen. „Lecker." Meine Wangen brannten und ich senkte den Kopf. Bella kicherte und ich trat unter dem Tisch nach ihr. „Ey!", maulte sie und trat zurück, traf aber Hope, die vor Schreck fast an die Decke sprang und sich prompt an den Kuchenkrümeln verschluckte. Ich klopfte ihr hastig auf den Rücken und ihr Oberkörper flog nach vorne. „Oh scheiße", fluchte ich und entschuldigte mich hastig. Verdammt. Das war definitiv ein Nachteil meiner neuen Kräfte, ich konnte sie noch nicht wirklich einschätzen und interagierte mit anderen Menschen oft noch wie zu der Zeit vor meiner Verwandlung, ohne daran zu denken, dass ich jetzt um einiges stärker als zuvor war. Ich hoffte, dass ich mich irgendwann daran gewöhnen würde und nicht ständig in der Angst leben musste jemanden zu verletzen, wenn ich für einen Moment die Kontrolle verlor. So wie jetzt. Ich fluchte erneut. Hope bemühte sich zwar mich zu beruhigen, sagte dass es ihr gut ging und versuchte meinen tastenden Händen zu entkommen, aber ich war völlig außer mir, konnte es einfach nicht fassen, dass ich ihr wehgetan hatte.
Meine Hand strich über ihren Rücken, ein verzweifelter Versuch mich zu entschuldigen, als ich für einen Moment stutzte. Irgendetwas störte mich, aber ich konnte nicht genau sagen, was es war. Meine Hand glitt zu ihren Nacken und da spürte ich es erneut, konnte aber immer noch nicht wirklich beschreiben, was mich so verwirrt hatte. Irgendetwas an ihr fühlte sich unnatürlich an... Ich ließ die Hand wieder sinken und sie schüttelte sich leicht. „Tschuldige, Gänsehaut", murmelte sie und rieb sich über die Arme. Bella kicherte und ich verdrehte die Augen. „Sag mal, nimmst du irgendwas, Bells?" „Nö", grinste sie glücklich und ich schnaubte. „Vielleicht solltest du damit anfangen." „Haha", machte sie. „Du bist der Knaller, Jake." „Ich weiß", antwortete ich nur. „Ich liebe dich auch." Sie lachte, runzelte dann aber die Stirn und sah Hope besorgt an. „Hast du wieder Bauchschmerzen?" Sie lächelte und schüttelte heftig den Kopf. „Nö, wieso? Mir geht's gut!" Ich blickte auf ihren fast unberührten Kuchen und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme einen gekränkten Ton annahm. „Schmeckt es dir nicht?" „Oh... doch, doch", machte Hope und schob sich einen großen Bissen in den Mund. „Jamjam. Hast du gut gemacht." Meine Brust schwoll vor lauter Stolz an und sie grinste und schob sich eine weitere Gabel voll Kuchen in den Mund.
Ein paar Minuten lang saßen wir einfach nur da und kauten schweigend, bis meine vorlaute innere Stimme sich mal wieder zu Wort meldete: Liebe geht zwar durch den Magen, aber das Herz einer Frau eroberst du so nicht. Ich verschluckte mich und begann heftig zu husten. Meine Wangen brannten und die Stimme in meinem Kopf lachte hämisch. Was zum... Ich stand nicht mehr auf Bella, das war vorbei, das... das war nur eine kurze Schwärmerei gewesen, verdammt! Ich lief dunkelrot an und die Mädchen missinterpretierten das als Luftmangel, sprangen auf und klopften mir heftig auf den Rücken. Unnötig zu erwähnen, dass ich es kaum bemerkte, oder? Ich schüttelte sie ab, bevor sie sich noch verletzten und sprang auf. Der Stuhl fiel polternd nach hinten und ich rannte zur Spüle, wo ich ein paar Schlucke Wasser trank und mein heißes Gesicht abzukühlen versuchte. Was war nur los mit mir? Ich stöhnte, trocknete mir die Hände ab und suchte nach einer plausiblen Lösung. Meine Transformation war noch nicht lange abgeschlossen, vielleicht hatte es etwas damit zu tun? Vielleicht waren das einfach Nebenwirkungen, die etwas verspätet auftraten? Ich musste definitiv mit Sam sprechen. Pubertät war eine Sache, aber ich hatte mich noch nie so gefühlt, war noch nie so... durcheinander gewesen. Es war merkwürdig.
Das hier hatte nichts mit meinen emotionalen Ausrastern zu tun, die ich während der Anfangszeit meiner Verwandlung gehabt hatte oder mit den Monaten, in denen mir Bella immer mehr ans Herz gewachsen war, in denen ich begonnen hatte mehr als irgendein Mädchen in ihr zu sehen. Es war als würde mein Magen brennen und mein Kopf nur aus Watte bestehen, ich war kaum in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn ihn zu formulieren. Mir war heiß und verdammt noch mal, das hieß bei einem Werwolf nun wirklich etwas!
Eine kühle Hand schob sich in meine und ich hob den Blick. „Alles gut, Jake?", fragte Hope leise und ihr warmer, sorgender Blick traf mich direkt ins Herz und mir stockte der Atem. Kein Ton kam über meine Lippen und meine Augen huschten hektisch über ihr Gesicht, blieben aber immer wieder an ihrem Blick hängen. Sie erinnerte mich an meine Mom. Ich war noch ein kleines Kind gewesen, als sie gestorben war, aber ich erinnerte mich noch gut an sie. Sie war ein fröhlicher, optimistischer Mensch gewesen, dem nichts wichtiger gewesen war als ihre Familie. Mein Dad, meine Schwestern und ich waren ihr Leben gewesen und jeden Abend waren wir zusammen in ein Bett gekrochen und sie hatte uns eine Gute Nacht Geschichte vorgelesen. Ihr warmer Blick, ihre liebevollen Gesten, ihre sanften Streicheleinheiten hatten uns uns immer sicher fühlen lassen. Wir waren davon überzeugt gewesen, dass uns nichts passieren konnte, wir waren in einer perfekten Welt aufgewachsen, in einer Welt ohne Schmerz und ohne Leid. Der Autounfall hatte alles zerstört, er hatte unser aller Leben in zwei gerissen.
Wir waren noch sehr klein gewesen und hatten nicht verstanden was da mit unserer Mutter passiert war, trotzdem hatten wir jede Nacht um sie geweint. Mein Vater hatte getan was er konnte, um uns unbeschwert aufwachsen zu lassen, wir hatten ein einigermaßen normales Leben geführt und trotzdem waren Rachel und Rebecca so schnell wie möglich von Zuhause ausgezogen, sie konnten es nicht ertragen Tag für Tag in dem Haus zu sein, in dem wir einst so glücklich gewesen waren. Manchmal fragte ich mich, ob es wohl schwer für meinen Vater gewesen war Hope aufwachsen zu sehen, sie ständig in seiner Nähe zu haben. Unsere Mütter waren befreundet gewesen und Sarah trug nicht nur den Namen meiner Mutter, nein sie war auch ihr Patenkind und absoluter Liebling gewesen. Ich erinnerte mich, dass meine Mom Sarah oft zu uns geholt hatte, selbst mitten in der Nacht. Dann war sie zu mir in mein Bett gekrochen, hatte mich umarmt und geweint, hatte mein Gesicht geküsst und mich gar nicht mehr loslassen wollen. Irgendwann war dann jedes Mal mein Vater mit Sarah gekommen und hatte sie in mein Bett gelegt. Ich erinnerte mich daran als wäre es gestern gewesen. Niemals würde ich den kleinen, zitternden Körper und den Ausdruck in dem Gesicht meiner Mutter vergessen. Nie wieder hatte ich so viel Sorge und Liebe in einem Blick vereint gesehen.
Bis jetzt. Das letzte Mal als ich Sarah... Hope gesehen hatte, waren wir praktisch noch Kinder gewesen und ich hatte sie nie wirklich angesehen, hatte mir nie die Zeit genommen sie wirklich zu studieren. Sie war meine Freundin gewesen, praktisch meine Schwester, es bestand kein Grund, irgendetwas zu hinterfragen, es bestand kein Grund zu glauben, dass bei ihr irgendetwas anders war als bei mir, dass sie anders dachte, anders fühlte, anderes erlebt hatte. Wir waren eins gewesen. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es vielleicht Dinge gab, von denen ich keine Ahnung hatte, die ich nicht über sie wusste oder vielleicht auch einfach nicht verstand. Bis jetzt. Ich sah sie an, unfähig meinen Blick von ihr zu lösen. Meine Hand schnellte hoch, berührte ihre Wange, ganz vorsichtig, nur hauchzart, als könnte sie jederzeit zerbrechen. Ihre Augen waren dunkler als ich sie in Erinnerung gehabt hatte und in ihnen lag ein Schmerz, der mich tief erschütterte. Wie konnte ein einzelner Mensch und dann auch noch eine so reine und perfekte Person wie meine kleine Sarah einen solchen Schmerz in den Augen haben? Was konnte passiert sein, dass sie so litt? Ich schob meine Hand in ihren Nacken und griff mit der anderen nach ihrer rechten Hand und legte sie an mein Herz. Sie wehrte sich nicht, ja wandte nicht mal den Blick von mir ab. Sie schien es ebenso wenig zu können wie ich. „Gott", murmelte ich. „Was ist bloß mit dir geschehen?"
